Cäsar Flaischlen (1864-1920) - Liebesgedichte

Cäsar Flaischlen

 

Cäsar Flaischlen
(1864-1920)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Armes Herz du, immer wieder
jubelst du die Sehnsuchtslieder
deiner Liebe laut empor . .
armes Herz, und immer wieder
steht du vor verschlossenem Tor!

Aber . . lass es dich nicht grämen,
lass dir, was du glaubst, nicht nehmen,
und erfüllt es sich dir nie . .
einsam, wie du stets gewesen,
wandere deine Wege weiter,
ohne jemand anzuklagen,
ohne Grollen
was auch fällt . .
lern, von niemand was zu wollen,
lern, in dir allein zu tragen,
was dich hält,
und die Sehnsucht deiner Liebe
sing sie wunschlos in die Welt!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 6)
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Die Jugend

Das hat den Bann gelöst endlich, dies helle Lachen . .
den Bann,
der wie ein grauer Regentag ob meinem Sommer hing,
der wie ein Hilferuf aus fernen Tälern in das Lied klang,
das ich singen wollte, und meiner Freude ihre Kraft nahm,
sich zu Frucht zu reifen ..
noch hör ichs durch den stillen Eichwald klingen . .
so hell und silbern, wie wenn Neck-Elfen
einen Wanderer abgelockt durch Tann und Unterholz
auf ihre Wiese und im Gesträuch verrinnend
ihn verlachen, wie er dasteht und mit verdutzten Händen
in die leere Luft greift . .
Noch hör ich so dein Lachen, hell und silbern,
den stillen Weg entlang,
und seh dein Rosakleid hinleuchten durch die Bäume . .
Ich will dir nach . . und will dich halten bleib doch!
bleib! . . und steht vor einem Busch glutroter Rosen . .
und plötzlich fällt's wie dunkle Träume von mir ab
und über meinen Lippen klingt mit hellem Jubel
das Lied, nach dem ich suchte . .
das selige Lied der Freude!

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/
Mönchguter Skizzenbuch / Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 53)
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Liebeslied

Dich sehen,
ist: die Heimat haben!
dich sehen,
ist: zu Hause sein!
alle Sehnsucht ist begraben,
alle Wünsche schlummern ein!

Und ich weiß nichts mehr von draußen,
weiß nichts mehr von Müh und Plag,
und wie einsam es gewesen
und wie freudlos jeder Tag!

Alles ach ist selig schöner
Friede nur und Sonnenschein!
dich sehen,
ist: die Heimat haben!
dich sehen,
ist: zu Hause sein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 42)
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Du bist alles . .

Du bist alles, was ich habe,
was ich träume, laut und leis,
Wunsch und Fülle,
Sturm und Stille,
was ich bin und was ich bete,
was ich will und was ich weiß!

Über uns in wieder grünen
Wipfeln rauscht das Lied des Mai's . .
lass, o lass mich knien, und leise
lass mich dir die Hände küssen
und dir danken, ach, mit allem,
was ich bin und was ich habe . .

lass mich knien und nimm mein Leben!
nimm es wie das Lied des Mai's!
nimm es wie ein blühend Reis!
dir zu Preis!
du bist alles, was ich bete,
was ich will und was ich weiß!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 41)
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Durch die Straßen, durch die Gärten,
die wir gingen einst zu Zwein
all die liebgewordnen Wege,
still nun geh ich sie allein ...

Doch wie damals ist ein Leuchten
rundum und ein Blühn und Glühn
und ein sommerselig Klingen
und ein Summen und ein Singen
und ein Sprühn und Knospenspringen,
und es lockt und nickt und neckt,
wie als stünde in den Hecken
meine Liebste wo versteckt ...
wie als wärs vielleicht nur Tage,
wie als könnt es heut schon sein,
und wir gingen all die Wege
wiederum wie einst zu Zwein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 56)
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Sonnentage

Einzig schöne Tage,
Sonnentage der Seele . .
da sie stille liegt in wunschlosem Traum,
wie der Märchensee hoch oben in stiller
Schwarzwaldberge grüner Einsamkeit!

Keine Welle kräuselt seinen klaren Spiegel . .
nur wenn eine weiße Wasserrose in froher Sonnensehnsucht
sich aus seiner Tiefe hebt
oder wenn ein kleiner Vogel,
ein Liedchen zwitschernd, über ihn streift, mit leichtem Flügel
oder ein braunes Reh aus den Tannen tritt, an ihm zu trinken.

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 56)
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Erst waren es Wochen ...

Erst waren es Wochen,
dann wurden es Tage,
nun sind es nur Stunden
noch, und du bist da!

Wie du wohl aussiehst?
und ob du noch immer
das frohe leichtfüßige
Frühlingskind bist?
ob du noch immer
die strahlenden Augen,
die ich so oft,
o so selig geküßt?

Ob du noch immer
die schmeichelnden Hände,
die mich liebkost,
und das goldbraune Haar,
das ich so schnell dir

immer zersauste,
und ob dein Lachen
so hell noch und klar?

Ob du noch immer
so neugierig zuhörst,
wenn ich erzähle,
mit leuchtendem Blick?
ob du noch immer
das übermutfröhliche,
jauchzende, selige
Maisonnenglück?

Erst waren es Wochen,
dann wurden es Tage,
nun sind es nur Stunden
noch, und du bist da!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 44-45)
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Gute Nacht. .

Gute Nacht, meinsein Herzliebstelein,
wir wollen für heut uns verleidet sein!
So sonntagschön, so sommerklar,
so rosenrot der Tag auch war,
die Glocken läuten schon den Abend ein . .
gute Nacht, meinsein Herzliebstelein!

Gute Nacht, meinsein Herzliebstelein . .
der Mond guckt über den Hexenstein,
und in der Stadt und Bahn-entlang
da gehn bereits die Lichter an,
und die Wiesen drüben nebeln sich ein ..
gute Nacht, meinsein Herzliebstelein!

Gute Nacht, meinsein Herzliebstelein . .
ich bringe dich noch bis zum Waldhorn hinein
und geh dann über die Kuckuckshöh,
wo ich dein Licht im Fenster seh,
und singe mir, bis ich selber daheim:
Gute Nacht, meinsein Herzliebstelein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 70)
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Früh-Sommertage
Briefblatt

Guten Morgen, Herzliebste!
wie hast du geschlafen?
was hast du geträumt?
und hast du schon hinausgesehen,
wie schön die Sonne wieder scheint?
und zum Nachmittag komm ich
und bringe dir Rosen,
eben im Garten draußen geholt . .
drei Hände voll! . . aber nicht geschenkt,
wie man vielleicht denkt!
umsonst ist nichts! eine jede muss
Ihro Gnaden bezahlen mit einem Kuss!

Und wenn wir genug dann getollt und gelacht,
und wenn meine Liebste sich schön gemacht,
dann gehn wir ein bißchen . . durch die Straßen . .
und sehen uns die Läden an . .
und schenken einander, was uns gefällt,
wie Leute von Welt
und ohne einen Pfennig Geld!

Oder wir trollen uns Ufer-entlang
über den Bismarckstein zum Birkenhang
und legen droben uns ins Gras
und erzählen uns was
und kucken in den Sonnenschein
und freun uns, auf der Welt zu sein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 53-54)
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Frühling

1.
Hallo, es wird Frühling!
hallo, es ist März!
hörst du den Sturm nicht,
altes Herz?! und siehst du nicht:
wie Tag um Tag nun immer heller
die Sonne durch die Wolken bricht
und wie es ringsum tropft und rinnt
und wie es zu keimen und knospen beginnt
in Tal und Höh, all-allerwärts . .
siehs doch und glaub es, altes Herz!

Siehs doch und glaub es
und rüst ihm entgegen
und schüttle ab, was dich bedrückt
und verstimmt . .
es ist so einfach alles, wenn man
selber nur es einfach nimmt!
und Sorgen und Schwarzsehn trägt nicht weit,
Zuversicht schafft es und Fröhlichkeit!

Also raffe dich auf, hallo! und tu mit
und halte Schritt
und mache dich jung wieder, altes Herz!
es wird ja doch Frühling!
es ist ja schon März!

2.
Und wiederum sag ich: Hallo, es ist Zeit!
und wenn es auch wettert mitunter
und schneit,
als wenn der Frühling noch monateweit,
es ist Zeit!
sei bereit!
noch ehe dus acht,
steht in siegender Pracht
am tiefblauen Himmel die Sonne und lacht:

Ihr habt gejammert wochein und -aus,
wenn nur der Winter erst wieder vorbei
und all die Karneval-Narretei!
man käm nicht aus Frack und aus Festen heraus
und möchte Mensch sein endlich wieder
und hinaus! . .
Und nun, und nun?! wo bleibt ihr nun
wenn euch so viel darum zu tun?

Ich bin schon immer auf dem Weg,
ich weiß schon lange wie es steht,
und wer einmal über die Felder geht,
auch wenns ihm kalt um die Nase weht,
der weiß Bescheid
und macht sich bereit
und lacht und freut sich: es ist so weit!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 25-28)
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Übermut

Hellblauer Himmel und Sonnenschein . .
so will ichs haben, so muss es sein,
wenn ich nach Zeiten voll Warten und Weh
meine Liebste wiederseh!

Hellblauer Himmel und Sonnenschein . .
so will ichs haben, so muss es sein!
Tal und Höhe in horchendem Traum,
junggrüne Knospen an Busch und Baum,
Amselruf von irgendwo . .
ganz leise nur alles und doch so froh,
oh so jubelfroh,
wie ich selber, wenn ich nach Warten und Weh
meine Liebste wiederseh!

Und später einmal ists nicht mehr bloß Traum,
nicht mehr bloß Knospengeflirr und -flaum!
jauchzende Lieder durchklingen den Tag
in Blüte und Blust stehn Höhe und Hag,
in goldenen Garben Wiese und Feld,
die ganze Welt
ein seliger Garten
von Rosen und Sommer und Sonnenschein ..
und so will ichs haben und so muss es sein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 46-47)
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Ich hab dich lieb
und helf dir mit!
Und sieh: in ein paar Wochen
ists Frühling auch wieder und Mai,
und was dir Mut und Glauben nahm
und was das Herz dir grau und gram
verwintert, ist vorbei!

O komm und wie in alter Zeit
ach, lass auf Hügelhöhn
zwei frohe Kinder Hand in Hand uns
ihm entgegengehn . .

auf dass Erfüllung werde,
wonach wir uns so lang zersehnt,
und was wir träumten, dort und hier,
du von mir und ich von dir!

ich hab dich lieb
und helf dir mit!
und es ist schnell vorbei!
und schon in ein paar Wochen
ists Frühling auch wieder und Mai!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 21-22)
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Mädchenlied

Ich hab dich lieb . . ich weiß nichts weiter . .
und ich sing und sag und trag
laut und leis es immer wieder
und mit immer neuen Liedern
jubeljauchzend durch den Tag . .

Und die Menschen stehn und können
nicht begreifen, was ich habe,
und sie quälen mich mit Fragen,
mit Bedenken und mit Zagen,
und ich weiß doch nichts zu sagen
weiter, als: ich hab dich lieb!

Und sie schütteln mit dem Kopf und
wissen dies und wissen jenes,
Sorg und Unruh mir zu machen,
wenn nun das und das gescheh,
und ich kann und mag bloß lachen:
meinetwegen! gehs wies geh!

Gehs, wies geh, und komms, wies komme!
fall es heiter, fall es trüb!
Eines bleibt und leuchtet wie die
Sonne über heut und morgen,
über Freud und über Sorgen
hell und schön: ich hab dich lieb!

Und ich sing und sag und trag
laut und leis es immer wieder
und mit immer neuen Liedern
jubeljauchzend durch den Tag!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 51-52)
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Ich muss an das Meer denken ...

Ich muss an Meer denken, wenn ich deine Augen sehe . . .
an das Meer. . .
Sonntag Morgens!
Durchsichtig bis zum Sandgrund wiegt es sich zum Strand,
mit glasklarhellen Wellen,
und wie leises Glockenklingen singt es
über seine blaue sonnenfrohe Stille
und weiße Schiffe ziehn am Horizont,
gleich lichten Träumen in die Ferne suchend . .
wunschloser Frieden überall . . .
und dennoch lauert was in seinen Wellen
und auf dem Grund, in den es blicken lässt,
und in den blauen Tiefen seiner Ferne . .
lockend und drängend . .
etwas, das eine stumme Sehnsucht dir ins Herz wirft . .
du weißt nicht, wie . . dass du aufjubeln möchtest
und dich hineintrinken in seine kühle Frische
und die Brust dir baden, stark und frei . .
und plötzlich dann aufweinen wieder
in unbegreiflich unsagbarem Weg
und niederknieen und den Strand küssen,
den es umspielt . . wie ein Kind . ..
Ich muss an das Meer denken, wenn ich deine Augen sehe . . .
an das Meer . . Sonntag Morgens !

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 10-11)
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Beim Wein

Ich sitze beim Wein,
fröhlich zu sein . .
und Geigen klingen
und lachen und singen . .
doch . . es ist nichts ... allein!
es macht bloß das Herz schwer,
sieht man die andern
alle zu Zwein . .
und wär er vom besten,
er schmeckt nicht rein!

An den Wänden sind Bilder
von Mosel und Rhein:
Berge, Burgen,
Sonnenschein ...
und gewesene Tage
fallen mir ein . .
da ich da wanderte, auch allein,
doch das Herz voll Lust
und jauchzende Lieder in der Brust.

Da die Straße am Ufer,
die zog ich entlang,
und da oben da stand ich
und pflückte mir Rosen
und sang und sang,
und kaum eine Stunde dann
über der Pfalz
und meine Liebste
hing mir am Hals!

Nein.. nein!
und wär er vom besten,
er schmeckt nicht rein!
es ist nichts,
beim Wein . . allein . . zu sein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 37-38)
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Gruß zur Nacht

Ich wollte dir ein Liedchen singen
als Gruß zur Nacht,
und auf silberhellen Schwingen
sollt es durch den Garten klingen
leise wie ein Schmetterling,
wie im Wind ein Flöckchen Flaum,
wie ein stiller
Vogeltriller
wenn es Abend wird, vom Baum.

Wind und Wolken aber wehten
plötzlich auf und überher,
schwarz und schwer,
und verflogen und zerstoben
war mit eins vom ganzen Hang
Schmetterling wie Vogelklang!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 63)
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November

Irgendwo im Garten draußen
durch den Regen aus und ein
zwitschert leis ein Vögelein . .

irgendwo . . ich kanns nicht sehen . .
es ist alles gar so schwer . .
und es regnet immer mehr nur!

Und ich sitz und hör und horche
auf das Zwitschern hin und her
und mir ist mit einem Mal, wie
wenns ein
Gruß von meinem Liebsten wär!

Und ich sitz und hör und horch und
kuck und lach in mich hinein . .
meinetwegen, ja! mags regnen!

meinetwegen, ja! mags schnein,
wie es will, und Winter sein! . .

still versteckt im Garten draußen
zwitschert leis ein Vögelein!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 7-8)
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Leis und lieb wie einer fernen
frohen Sonne goldener Schein
über ährenschwerem Feld
lacht und leuchtet deiner fernen
frohen Liebe holde Wonne
still in meine stille Welt.

Und die Tage gehn und kommen
sommerrosenschön und streuen
Blüten dort und Früchte hier,
und ich jauchze jedem neuen
Morgen zu wie einem treuen
köstlichen Geschenk von dir!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 43)
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Sommermittag

Liebe?
Nein! es war nicht Liebe! es war ein kurzer Sinnentaumel nur,
der dir das Blut aufstürmte . . .

Wie heißer Juliwind mit durstigem Kusse die Wellen aufreißt
in den stillen Havelseen, sich satt zu trinken
für seinen Weiterflug über den brennenden Marksand
brachs plötzlich über dich, in deine Stille,
durstig, lechzend . . und drängte deine Hand
in mein Haar und meinen Kopf auf deinen Schoß
und empor an deine Brust und empor,
bis ich deinen Atem auf die Stirne glühen fühlte . .
wie der Wind die Wellen emporküsst . .
bis wir Lippe an Lippe hingen
. . mit geschlossenen Augen.

Und dennoch liebtest du mich nicht
und deine Seele war weit weg in der Ferne . .

nur dein Mund war mein . .

O dass ich sie zu mir schmeicheln könnte!
dass deine Seele mein würde!
deine weiße ferne Seele mit all der Wonne
ihrer Sonnensehnsucht . .
einen Tag nur,
eine Stunde nur!
dass mein Glück nicht bloß ein Taumel deiner Sinne . .
dass dich das mir gäbe, was mich selbst deinen Knieen
niederwirft in stummer Seligkeit.


aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 41-42)
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Nacht . . Mitternacht . .

Nacht . . Mitternacht . . du liegst und schläfst . .
schon lang . . und ich . . und ich . . ich steh . . ich steh. .
ein . . Stern . . in stiller Höh,
hoch über Wind und Wolken ...
und halte Wache überm Tal mit Licht und Strahl,
bis aus dem Nebelgrau der Nacht der Tag erwacht! ...

und wenn du dann am Fenster stehst
und wenn du durch den Garten gehst
und nach dem Wetter draußen siehst
und dich freust, wie alles flimmert und flirrt,
wenn dann und wann wie ein fröhliches Lachen
ein goldener Schimmer das Tal überschwirrt . .
und wie es am Ende doch Frühling wird
trotz Wind und Winter und Regen ...

ich bin das Aufleuchten zwischen den Wolken,
ich bin das Rauschen von den Höhn,
ich bin auf allen deinen Wegen,
was dir entgegen grüßt und winkt
ich bin das heimliche Läuten der Glocken,
das vom Dorf herüberklingt
das zage Grün an Hecken und Hängen,
das Warten und Werden in Garten und Gärten,
ich bin die rinnende Quelle im Grund,
und ich bin die Amsel, und
ich bin das Lied, das sie singt;
und ich bin der Sturmwind, der
den Frühling bringt! den Frühling bringt!

aus: Cäsar Flaischlen Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 39-40)
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Glück

Nun ward es Sommer und die Rosen blühn
und blaue Sterne blitzen durch die Nacht . .
und durch die Nacht und ihre blühenden Rosen
und ihre glück-tieffrohe Stille hingegen wir
. . zwei selige Kinder . .
und endlos vor uns breitet sich . .
in wunderbarer Helle,
von reifendem Korn durchrauscht,
die schöne Welt.

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 39)
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So still und ruhig...

So still und ruhig, so erfüllten Wunsches froh
gingen auch wir einst durch die lauten Straßen,
langsam, Arm in Arm, und plaudernd, wie man so plaudert,
wenn man Sommerabends durch die Straßen schlendert . .
ein bisschen aus den Häusern rauszukommen
und die Sonne untergehn zu sehen,
draußen, über der Heide, braun und rot ...
es ist so schön, die Sonne untergehn zu sehn
und Hand in Hand so, eines stillen Glückes ruhig,
im schattenlosen, weichen Licht der Dämmerung zu stehen ...
Und nun ist alles, wie vor jenem Sommer:
in Hast und Unruh hetz ich durch den Tag und suche
mich in Arbeit zu vergessen und nenne das : Sieg !
und nenn es Knabentorheit : seine Zeit an solche Stimmungen
und Liebesträume zu vertrödeln!
Und dennoch, wenn ich auf den Straßen dann und wann
Zwei gehen sehe, unbekümmert um den Lärm rings plaudernd
und so still und ruhig, wie auch wir einst gingen. .
da packt es mich und wie ein Bettler folg ich ihnen, . .
irgend ein paar Worte zu erhorchen,
und wie ein Dieb, von ihrem stillen Glück
mir was zu stehlen.

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 49-50)
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Sünde

Wir hatten uns lieb und wir wussten es beide
und der Strand lag still und abendeinsam . . .
ein alter Fischer nur war um den Weg und flickte Netze . .
und wir sahen den Schwalben zu, wie sie hoch
am Hang ihre Nester umflogen . .
und saßen am Feldrand und sahen in die Dämmerung
und keines fand mehr, was zu sagen ...

Und immer wundersamer wurden deine Augen
und immer ungeduldiger zerrte der Wind dein blondes Haar auf
und immer sehnsüchtiger ward unser Schweigen ...
und wir hatten uns lieb und wussten Alles und wussten,
dass es der letzte Tag für Monate war und vielleicht für immer
und dass wir niemand etwas nähmen
und wir haben uns . . nicht geküsst!

War das nicht Sünde ? war das nicht . . dumm ?

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 117-118)
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Zwischen Sommer und Herbst

. . . Wenn Sichel und Sense durch das Korn rauschen.
Jenes leise Dengeln am Abend . . scharf, hart, und doch,
ich weiß nicht: müde, wie Reue, wie heimliches Weinen! . .
und ein Paar Schnitterinnen, auf dem Heimweg,
über die Felder hin, ein Lied singend .. .

"Du bist der scheidende Sommer, ich bin der sterbende Wald"
Nach Heine.

Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, auch für dich,
da die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne,
und die Rosen in heimlicher Sehnsucht dein Sonnenstrahl nachflattern,
der da mit müder Hast sich durch das Laubgehänge
zum Park hinaussucht, als flüchte er vor dem Spott des Satyrs Herbst,
der grinsend am Torgitter lehnt ... die Zeit, da das Lied des Vogels
stille geworden in den Wipfeln und die Wälder schweigsam
und reglos stehen in nebelspinnender Dämmerung.

Noch zwar leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht,
mit glühender Wange, mit bebender Lippe und schwellender Brust,
berückend, liebeverlangend, verführerisch,
schön . . schön . . wie du mir entgegentratst, Marie-Anne:

morgens, wie das Frührot den Tag erweckt: frische Blumen in der Hand,
vorm Fenster gepflückt, verzehrende Glut im dunkeln Auge,
verhaltene Leidenschaft in der Stimme,
mit wogender Brust, traumglühend, sehnsuchterregt,
liebeverlangend, verführerisch, schön . . schön . . .
wie du ... wenn du von Mondlicht überflutet,
im verschwiegenen Zimmer, die weißen Arme um mich schmiegtest
und der Duft deines Körpers wie sengende Lohe in mein Blut zischte …
noch leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht . . .
vielleicht kommt aber doch einmal die Zeit, auch für dich,
da die Gärten im Schatten liegen und die Rosen der Sonne nachflattern,
Marie-Anne!

Denkst du noch jener ersten frühen Zeit . . .
ehe jene Stunden kamen am See . . . wie glücklich wir zusammen!
fröhlich und selig wie Kinder, über nichts jubelnd und jauchzend?!

Denkst du noch jener Abende dann, da wir, die Arme umeinander,
die Gartenhalde entlang gingen, beim Aveläuten
vom Tal her . . und das Märchenweben der Sommernacht
mit seiner stummen Sehnsucht uns überglühte,
dass Lippe sich auf Lippe verlor
und kaum satt zu werden vermochte in seligem Durst?!

Denkst du noch, wie glücklich wir da waren, damals . . .
und dann. . nachher. . bis jene Stunden kamen am See ? !

Und es könnte noch so sein, es könnte noch sein, wie es war!
denn noch leuchtet der Sommer in üppiger Jugendpracht . . .
wenn du nicht müde wärest und verdrossen und. .
lächeltest . . jenes feine, schmerzende Lächeln verglühter Leidenschaft . .
wenn ich, wie sonst deine Hand einmal nehme
und an die Lippen drücke oder . .
allzu stürmisch vielleicht, . . meinen Arm um deinen Hals schlingen möchte . .
ich täte dir weh! sagst du, und ... und . .
"es ist so schwül und schwer und ich bin müde!"

Ja. . ich tue dir weh! und es ist so schwül und schwer und du bist müde! ...
sommermüde ! ...

Sichel und Sense rauscht durch Korn
und wie windvertragenes Dengeln klingt es herüber,
scharf und hart, halb Reue, halb Sehnsucht, wie heimliches Weinen . . .
und die Glockenlaute vom Tal her. . wie ein Aveläuten unserer Liebe!

Was ich auch tue, ich tue dir nichts zur Freude, ich tue dir nichts mehr zu Dank ! . . .

Vielleicht aber kommt doch einmal die Zeit,
auch für dich, da die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne,
und du zurückdenkst an deinen Weggenossen von einst,
dem nichts zu viel war für dich und der da sorgte für dich,
wie ein Vater für sein Kind und der an dir hing,
wie ein Kind an seiner Mutter, . .
den du aber . . laufen ließest,
wie man einen laufen lässt, dessen man eben müde geworden. .

vielleicht kommt doch einmal die Zeit,
da du siehst, was du verloren, da es dir leid tut, nicht froher gewesen zu sein,
da dich ein Heimweh überschleicht nach jenen Tagen unseres Kinderglücks
und du wie die Rosen mit heimlicher Sehnsucht
dem Sonnenstrahl nachflattern möchtest,
der mit müder Hast durchs Laubgehänge sich zum Park hinaussucht,
als flüchte er vor dem Satyr am Torgitter . .

die Zeit, da das Lied des Vogels stille geworden ist
in den Wipfeln und die Gärten im Schatten liegen, Marie-Anne!

aus: Cäsar Flaischlen Von Alltag und Sonne Gedichte in Prosa
Rondos / Lieder und Tagebuchblätter/ Mönchguter Skizzenbuch /
Lotte, eine Lebensidylle / Morgenwanderung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921 (S. 5-9)
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Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Cäsar_Flaischlen

 

 


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