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Emanuel Geibel
(1815-1884)
O stille dies Verlangen!
O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein!
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!
Schon liegt die Welt im Traume,
Blühet die duft'ge Nacht;
Der Mond im blauen Raume
Hält für die Liebe Wacht.
Wo zwei sich treu umfangen,
Da giebt er den holdesten Schein.
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!
Du bist das süße Feuer,
Das mir am Herzen zehrt;
Lüfte, lüfte den Schleier,
Der nun so lang' mir wehrt!
Laß mich vom rosigen Munde
Küssen die Seele dir,
Aus meines Busens Grunde
Nimm meine Seele dafür -
O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein,
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!
Die goldnen Sterne grüßen
So klar vom Himmelszelt,
Es geht ein Wehn und Küssen
Heimlich durch alle Welt,
Die Blumen selber neigen
Sehnsüchtig einander sich zu,
Die Nachtigall singt in den Zweigen -
Träume, liebe auch du!
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!
Von Lieb' und Traum umfangen
Wollen wir selig sein.
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Weil mein Mund den klugen
Leuten
Oft nur halbe Antwort stammelt,
Heißen sie mich den Zerstreuten,
Doch ich bin in dir gesammelt.
Laß an Babels Thurm sie bauen!
Aber mich soll eins nur freuen,
Fromm in innerlichem Schauen
Mir dein Bildniß zu erneuen.
Und so leb' ich Stund' um Stunde
Einsam mitten im Getriebe,
Still durchsonnt im Herzensgrunde
Vom Bewußtsein deiner Liebe.
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Mein Herz ist wie die dunkle
Nacht,
Wenn alle Wipfel rauschen;
Da steigt der Mond in voller Pracht
Aus Wolken sacht -
Und sieh, der Wald verstummt in tiefem Lauschen.
Der Mond, der helle Mond bist du:
Aus deiner Liebesfülle
Wirf Einen, Einen Blick mir zu
Voll Himmelsruh -
Und sieh, dies ungestüme Herz wird stille.
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Es ist das Glück ein
flüchtig Ding,
Und war's zu allen Tagen;
Und jagtest du um der Erde Ring,
Du möchtest es nicht erjagen.
Leg' dich lieber ins Gras voll Duft
Und singe deine Lieder;
Plötzlich vielleicht aus blauer Luft
Fällt es auf dich hernieder.
Aber dann pack' es und halt' es fest
Und plaudre nicht viel dazwischen;
Wenn du zu lang' es warten läßt,
Möcht' es dir wieder entwischen.
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Du
bist so still, so sanft, so sinnig,
Und schau' ich dir in's Angesicht,
Da leuchtet mir verständnißinnig
Der dunkeln Augen frommes Licht.
Nicht Worte giebst du dem Gefühle,
Du redest nicht, du lächelst nur;
So lächelt in des Abends Kühle
Der lichte Mond auf Wald und Flur.
In Traumesdämmerung allmählich
Zerrinnt die ganze Seele mir,
Und nur das Eine fühl' ich selig,
Daß ich vereinigt bin mit dir.
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Die
Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Thalen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Thränen -
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!
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alle
Liebesgedichte
von Emanuel Geibel
Gedichte aus: Emanuel Geibel Gesammelte Werke in acht Bänden. Stuttgart
Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung 1883
Biographie:
Geibel, Emanuel (1815-1884), deutscher Lyriker. Geibel wurde am 17.
Oktober 1815 in Lübeck geboren. Der Sohn eines reformierten Pfarrers
besuchte die Lübecker Katharinenschule und begann 1835 in Bonn ein
Theologiestudium. Ab 1836 studierte Geibel in Berlin Philologie, hier
lernte er Chamisso, Eichendorff und Willibald Alexis kennen. 1838 bis 1840
war er auf Vermittlung Bettina von Arnims Hauslehrer beim russischen
Gesandten in Athen; während dieser Zeit vertiefte sich seine Freundschaft
zu Ernst Curtius, mit dem er Übersetzungen antiker Dichtkunst herausgab
(Klassische Studien, 1840). Nach seiner Rückkehr veröffentlichte Geibel
1840 einen Band Gedichte im romantischen Volksliedton („Der Mai ist
gekommen"), mit denen er einen anhaltenden Publikumserfolg erzielte. Mit
seinen gegen den Vormärz gerichteten Juniusliedern (1848) stellte er sich
auf die Seite des politischen Konservativismus. 1852 folgte Geibel einem
Ruf König Maximilians II. als Ästhetikprofessor nach München und wurde
hier neben Paul Heyse zur Zentralgestalt des Münchner Dichterkreises der
„Krokodile" (Herausgeber des Münchener Dichterbuchs, 1862). Nach dem
Kriegsjahr 1866 suchte Geibel um seine Entlassung an und kehrte 1868 in
seine Heimatstadt Lübeck zurück, wo er am 6. April 1884 starb. Geibel war
mit seinen formal virtuosen Stimmungsgedichten, klassizistisch-epigonalen
Dichtungen und patriotischen Gesängen (Sonette, 1846; Heroldsrufe, 1871)
der populärste deutsche Lyriker in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts.
Aus: Encarta
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