Biographie:
George, Stefan (Anton), auch: Edmund Lorm, Rochus Herz, * 12.7.1868
Büdesheim bei Bingen, † 4.12.1933 Minusio bei Locarno; Grabstätte: ebd. -
Lyriker.
G. stammte aus einer kath. Weingutbesitzers- u. Gastwirtsfamilie. 1873 zog
seine Familie nach Bingen, wo der Vater Stadtverordneter wurde. 1882-1888
besuchte er das Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium, das er nach dem
Abitur verließ. Danach verbesserte G. seine Sprachkenntnisse durch Reisen
nach London u. in die Schweiz, nach Mailand u. Turin, Madrid, Toledo u.
Burgos. Während dieser Zeit (1888/89) entstanden Gedichte, die er 1901 u.
d. T. Die Fibel. Auswahl erster Verse (Bln.) in sein gedrucktes Werk
aufnahm. Im März 1889 besuchte G. erstmals Paris, wo er - durch den
befreundeten Lyriker Albert Saint-Paul - bei Stéphane Mallarmé eingeführt
wurde, dessen Symbolismus seine dichterische Entwicklung in den nächsten
Jahren bestimmte. Neben der persönl. Bekanntschaft mit Verlaine, Rodin u.
den Autoren aus dem Kreis um Mallarmé bestätigte ihn die Lektüre von
Baudelaire, Rimbaud, Régnier u. Moréas in seiner Gegnerschaft zu dem in
Deutschland vorherrschenden poetischen Realismus u. Naturalismus. Nach
seiner Rückkehr von den ersten Auslandsreisen immatrikulierte er sich an
der Berliner Universität, wo er philolog. u. kunstgeschichtl.
Lehrveranstaltungen besuchte. Doch sein wichtigster Umgang während dieses
nach drei Semestern abgebrochenen Studiums war sein »jardin
d'acclimatation« von jungen, der Literatur zugewandten frz., ital. u.
mexikan. Freunden. Für die kosmopolit. Richtung seiner Bildungsjahre sind
Auswanderungspläne u. Phantasien über eine poetische Universalsprache
charakteristisch.
1890 erschienen als Privatdruck 17 Hymnen (Bln.), Carl August Klein, dem
Freund seit der Gymnasialzeit, gewidmet. Deren hoher, dem internationalen
Symbolismus abgehörter Ton u. die reiche ornamentale Dekoration im
Geschmack der Präraffaeliten - er hatte in England Swinburne u. Dowson
kennengelernt - wirkten in den dt. Literaturverhältnissen als ästhetische
Opposition einer jungen übernationalen Avantgarde gegen die Konventionen
bürgerl. Bildung. Eine derartige literaturpolit. Dimension hatte G.
offenbar auch der kurzen u. von seiner Seite leidenschaftlich gestimmten
Freundschaft mit Hugo von Hofmannsthal zugedacht, die er 1891 in Wien
gesucht hatte. Sie scheint u.a. auch an den erot. Ansprüchen G.s
gescheitert zu sein, dessen einzige mit einer Frau geknüpfte enge
Beziehung - zu Ida Coblenz, der späteren Frau seines lyr. Antipoden
Richard Dehmel - nach fünfjähriger Dauer unerfüllt endete. Den Bruch mit
Hofmannsthal überdauerte bis 1906 dessen Mitarbeit an den »Blättern für
die Kunst«, die G. mit dem Freund Klein 1882-1919 als ein in loser Folge
erscheinendes programmatisch-poetisches Zirkular herausgab. Aus dem
Mitarbeiterstab dieses in beschränkter Öffentlichkeit erscheinenden
Periodikums bildete sich seit 1892 der »George-Kreis«, zunächst ein loses
Bündnis junger Dichter, die G. als ihre geistige Autorität anerkannten. Im
Programm der »Blätter« sollte »alles staatliche und gesellschaftliche«
ausscheiden: »eine kunst für die kunst« u. insofern indifferent gegenüber
allen moralischen, sozialen oder polit. Zwecksetzungen. Dem entsprach der
zahlreiche Abdruck von Gedichten des internationalen Symbolismus.
Beiträger wurden - neben den Herausgebern u. Hofmannsthal - Leopold
Andrian, Ludwig Klages, Karl Wolfskehl u. Max Dauthendey, Oskar Schmitz,
Ernst Hardt u. Karl Gustav Vollmoeller, später auch Ludwig Derleth, Lothar
Treuge, Henry von Heiseler u. andere. - Die um G. sich sammelnden Autoren
betonten die sezessionistische Absicht ihrer Kunst auch typographisch
durch generelle Kleinschreibung, Verwendung einer eigens entworfenen
latinisierenden Type, kostbarer künstlerischer Ausstattung (1894-1907
durch Melchior Lechter) u. in den rituellen Formen ihrer Zusammenkünfte,
die der Wiedergeburt der Dichtung als einer lebendigen Würdeform geistiger
Eliten dienen sollten. G. selbst veröffentlichte in den »Blättern« einen
Teil jener Gedichte, die er 1892 in Paris als einen Zyklus u. d. T.
Algabal erscheinen ließ. Sie sind - außer Saint-Paul - Dem Gedächtnis
Ludwigs II. gewidmet, dessen verehrendes Verhältnis zum Schönen außerhalb
bürgerl. Normen damit gewürdigt wurde.
Neben München, wo er seit 1893 im Kreis der »Kosmiker« um Karl Wolfskehl,
Ludwig Klages u. Alfred Schuler eine seinen Bestrebungen aufgeschlossene
Runde gefunden hatte, wurde ab 1895 Berlin zu einer der wichtigsten
Städte, die der zeitlebens berufslose, aus schmalen Kapitalerträgen
lebende u. ohne festen Wohnsitz reisende G. regelmäßig besuchte. Im Haus
des Malerehepaars Reinhold u. Sabine Lepsius sowie im Gelehrtenkreis der
Berliner Universität, zu dem er u.a. durch die Studenten seines Kreises
Zugang fand, stieß er mit kultisch inszenierten Lesungen auf starke
Resonanz, die in den folgenden Jahren zu einer Erweiterung seines Kreises
vom Dichterbund zur »auserwählten schar« einer intellektuellen Elite
führte. Außerdem fand er hier einflußreiche Verbreiter seines nun schnell
wachsenden Rufs weit über den engen Kreis der Leser symbolistischer
Gedichte hinaus: Georg Simmel u. Botho Graef, später Kurt Breysig u.
Wilhelm Dilthey. 1897 schon wird der Berliner Germanist Richard M. Meyer
mit einem Artikel über G. in den »Preußischen Jahrbüchern« zu einem
Propagandisten von dessen Kunst. Im Salon Lepsius wohnte 1897 der junge
Rilke einer Lesung von G. bei u. wünschte danach, ihm näherzutreten; im
selben Jahr wurde Georg Bondi auf G. aufmerksam, der von 1898 an sein
Verleger wurde u. zeitlebens blieb. - Mit dem Zyklus Das Jahr der Seele (Bln.)
erschien 1897 das bedeutendste Werk seiner ersten Schaffensperiode, ein
Versuch, die Naturpoesie unter den naturfeindl. Bedingungen der Moderne zu
erneuern. G. besteht auf diesem objektiven poetolog. Sinn, wenn er in der
Vorrede zur zweiten Ausgabe alle Versuche abwehrt, den Zyklus, den er
zuerst der Freundin Ida Coblenz hatte widmen wollen, der nun aber den
Namen der Schwester »Anne Maria Ottilie der tröstenden Beschirmerin auf
manchen meiner Pfade« trägt, autobiographisch auszulegen.
Unzweifelhaft auf die eigene Zeit, ja die eigenen Lebensumstände bezogen
war ein großer Teil der seit der Jahrhundertwende entstandenen Gedichte,
die G. in dem Zyklus Der siebente Ring (Bln. 1907) sammelte. Endgültig
vollzog er damit den Richtungswandel seines Lebens u. Werks: Weniger eine
neue Kunst als vielmehr ein neues Leben war nun das Ziel. Dem entsprach
die Erhebung des schönen, Verse schreibenden Schwabinger Schülers
Maximilian Kronberger, mit dem G. sich 1902 angefreundet hatte, zum
Idol des Kreises. Gedichteschreiben war künftig ein Exerzitium unter
anderen in der Kunst des Lebens.
Die Wirkung des George-Kreises auf die Geisteswissenschaften wurde in den
folgenden Jahrzehnten durch die Teilhabe weiterer bedeutender u.
einflußreicher Gelehrter verstärkt, darunter Friedrich Gundolf, Ernst
Bertram, Erich Kahler, Ernst Kantorowicz, Max Kommerell, Norbert von
Hellingrath u. Edgar Salin, als deren pädagog. »Meister« G. auftrat u. als
deren Mentor er starken Einfluß auf die historisch-literar.
Traditionsbildung zugunsten der großen »Stifter« u. »Künder« nahm: Dante,
Shakespeare, Goethe, Jean Paul u. Hölderlin; Kaiser Friedrich II. u.
Napoleon; Platon u. Nietzsche. Ihre Werke wurden hier durch Übertragungen,
Editionen, Monographien u. akadem. Lehrtätigkeit gefördert u. gefeiert.
Der 1913 fertiggestellte Gedichtzyklus Stern des Bundes (Bln. 1914) gibt
dieser nationalpädagog. Absicht auch lyr. Ausdruck.
Den Ersten Weltkrieg nahm G. als schicksalhaftes Zeichen kultureller
Verderbtheit durch amerikan. Massenkultur, Verstädterung u. Materialismus.
Am Nationalismus dieser Jahre hatte er ebenso wenig Anteil wie am
Antisemitismus. Das »Jahrbuch für geistige Bewegung« (1910-12), mit dem
der George-Kreis sich polit. Geltung zu schaffen suchte, gab der
»geistigen erneuerung« aus der Traditionspflege intellektueller Zirkel
Priorität. Während der Weimarer Republik, der G. reserviert
gegenüberstand, spiegelt sich das polit. Spektrum der Zeit von rechts bis
links auch in seinem engeren Umkreis, in dem selbst Zionisten wie
Wolfskehl, jüd. Assimilanten wie Gundolf u. Antisemiten nebeneinander
wirkten. Aufgrund dieser zunehmenden Widersprüche innerhalb des Kreises,
die durch Machtkämpfe, erot. Konflikte u. Eifersucht verschärft wurden,
zog sich G. immer mehr zurück. Als er 1927 erster Goethe-Preisträger der
Stadt Frankfurt/M. wurde, zeigte er keinerlei Reaktion. Der
Präsidentschaft der Preußischen Akademie für Sprache u. Dichtung - nach
ihrer »Reinigung« durch die Nationalsozialisten - wich er 1933 aus. Dieser
zeitlebens gewahrten Distanz zur polit. Praxis u. der konfliktträchtigen
Entwicklung seines Kreises entsprach der Tod G.s in der Abgeschiedenheit
des Tessins.
G.s fast ausschließlich lyr., sieben Gedichtbände umfassendes Werk sollte
eine neue »fühlweise und mache« zur Geltung bringen, dieses Neue aber auf
scheinbar zeitlose Weise. Traumbilder, ekstat. Visionen oder
Erinnerungsbilder archaischer Prägung wie das des spätröm.
Priester-Kaisers Algabal, dem der bedeutendste Zyklus des Frühwerks
gewidmet ist, prägen v. a. die symbolistische Phase des Werks bis zur
Jahrhundertwende. Durch ellipt. Satzbildungen, die häufige Verwendung des
Partizips u. Gerundiums sowie bildhaft-szen. Gestaltung wird der
Zeitverlauf aufgehalten oder stillgestellt. Im gesamten Frühwerk bevorzugt
G. Kostbares u. Erlesenes, sei es mit der Vorliebe für selten gewordene
Worte, der Liebe zu Edelsteinen u. prächtigen Stoffen oder kunstvoll
arrangierten Bewegungen u. Gebärden. Symbolistischer Poetik entsprechend,
ist diese neuromant. Traumwelt oft in den Augenblicksbildern der
Erstarrung oder des Todes gegeben. Demonstrativer Immoralismus um der
Schönheit willen attackiert die Konventionen bürgerl. Sozialethik v. a. im
Algabal. Überwiegen in diesem Zyklus die Provokationen des l'art pour
l'art, so entstehen die folgenden Gedichtkreise bis 1900 im Zeichen der
Sehnsucht nach einem festl., paradiesisch befriedeten Leben. Anstelle des
ästhetischen Gewandes der röm. Verfallszeit treten in den Hängenden Gärten
(Die Bücher der Hirten und Preisgedichte, der Sagen und Sänge, und der
hängenden Gärten. Bln. 1895) u. im Teppich des Lebens und die Lieder von
Traum und Tod (Bln. 1900) Sprach- u. Bildmasken der griech. Frühzeit, des
MA u. des Orients. Zurückhaltend mit schweren Bedeutungen, bevorzugt G. im
Fin de siècle strenge Versformen mit klangvollen Reimen u. reicher
Ornamentik, ein Tribut an den Jugendstil.
Ganz ohne histor. Maskierung spricht G. im Jahr der Seele. Statt dessen
ist der lyr. Ton hier gemüthaft innerlich u. gesanglich gestimmt, die
narzißtische Haltung der frühen Gedichte abstreifend, Stimmungseinheit mit
der Natur gewinnt G. hier - statt durch historisierende Verkleidungen -,
indem er im Modus der Erinnerung spricht. Die Naturalisierung der Form
bleibt insofern scheinhaft. Zum Eigentum der Seele wird erst, was
vergangen ist. So steht der Herbst am Beginn dieses lyr. Gartens, der den
Frühling nicht kennt, u. nach einem Angedenken Saal bilden Traurige Tänze
den Abschluß. Erlebnis- u. Gelegenheitslyrik strikt entgegengesetzt, liegt
alles Gewicht auf Arbeit an der objektiven Sprachform, deren stilistischer
Takt dafür sorgt, daß kein schriller Klang den Eindruck stört, daß das
moderne Ich einen Pfad zu den natürlichen Ursprüngen zurückgefunden hat.
Die auf das Jahr der Seele folgenden Zyklen, zuerst der Teppich des
Lebens, geben diese artistische Balance positiver Gehalte preis. Die Welt
des Ursprungs u. kollektiver Geborgenheit wird in einer »Urlandschaft«
erschlossen, die ikonographisch alle Züge trägt, in denen das 19. Jh. sich
das dt. Volk als schollenverbundenes Urvolk vorgestellt hatte. Hier
entwickelt sich lyrisch die antizivilisatorische u. aristokratische
Bestimmung von Kultur im Anschluß an Nietzsche, die in den folgenden
Gedichtbänden wie in den kulturpolit. Stellungnahmen des George-Kreises
vorherrscht.
Vom Siebenten Ring an, dessen Zentrum der südlich schöne Jüngling Maximin
als wirklich gewordene Verkörperung des Willens zur Form ist, sieht G.
sich als Dante, der seine Beatrice gefunden hat: die Gewißheit der
Versöhnbarkeit von Kunst u. Leben, Traum u. Wirklichkeit, Süd u. Nord,
Gestalt u. Seele. Die erot. Sublimation wird in Minnesangsformen
verborgen. Die Dichtung G.s u. das ästhetisierte Leben seines Kreises
verschränken sich unter der Parole einer neuen Mythologie. Der Stern des
Bundes wendet die Esoterik dieser neugefundenen Positivität in
erzieherische Lehre, nunmehr ungereimt u. metaphernarm, klanglich spröd u.
herrisch im Anspruch auf kulturelle Avantgarde.
Der letzte Band, Das neue Reich (Bln. 1928; Bd. 9 der Gesamtausg.), ist
eine Zusammenstellung vorwiegend später Gedichte ohne die zykl. Fügung der
früheren. Widmungsgedichte an Schüler u. Freunde, darunter im Krieg
gefallene, gewinnen dieser Sammlung eine Mannigfaltigkeit individueller
Anreden, die in den würdebedachten Mahnungen des Stern nicht hatten zu
Wort kommen können.
G.s Anspruch, der dt. Sprache die lyr. Ausdruckskraft der bedeutendsten
weltliterar. Tradition zu geben, findet in einem umfangreichen
Übertragungs- u. Nachdichtungswerk Niederschlag, das u.a. Baudelaire,
Mallarmé u. Verwey, Swinburne u. Dowson,
Dante u. Shakespeare gewidmet ist.
Die posenreiche Stilisierung des eigenen Lebens, die Inszenierung des
»Kreises« als kulturelle Avantgarde u. das Skandalon des erotisch-pädagog.
Männerbundes haben das lyr. Werk G.s wirkungsgeschichtlich in den Schatten
gestellt. Die Frage, ob der Kult um den geistigen Führer G. u. das in
seinem Kreis propagierte Ideal von »Herrschaft und Dienst« die
NS-Ideologie begünstigt oder dieser letztlich entgegengewirkt habe,
erhielt bes. Gewicht, weil aus dem engeren Kreis um den Dichter sowohl
Mitläufer der Nationalsozialisten wie Hitler-Gegner (z.B. der Attentäter
vom 20.7.1944, Claus Graf Schenk von Stauffenberg) hervorgegangen sind.
Aus: Autoren- und Werklexikon: George, Stefan, S. 11. Digitale Bibliothek
Band 9: Killy Literaturlexikon.