Luise Adelgunde Victorie Gottsched (1713-1762) - Liebesgedichte

Luise Adelgunde Victorie Gottsched



Luise Adelgunde Victorie Gottsched
(1713-1762)



Inhaltsverzeichnis der Gedichte:





6. Ode
Auf das Geburtsfest des Herrn Professor Gottscheds
Anno 1735 den 2. Februar
Als Braut


Geliebter Freund! heut muß ich singen,
Und sollt es noch so unrein klingen,
So muß die Leyer schon daran!
Dein Fest erwecket mich zur Freude;
So schwer ich sonst bey manchem Leide
Den Geist zur Lust gewöhnen kann.

Du bist der Ursprung meiner Freuden.
Du bleibest doch, bey allem Leiden,
Mein ganzes Glück auf dieser Welt.
Ich weis, Du liebest mich von Herzen.
Was irrt mich dann die Zahl der Schmerzen,
Dabey doch deine Gunst nicht fällt?

Du liebest mich um meinetwegen:
Was ist mir denn daran gelegen,
Daß mir kein günstig Schicksal lacht?
Daß meinen Geist kein hoher Titel,
Kein großer Schatz, kein sammtner Kittel
Zu manches Narren Sclavinn macht?

Mein Herz ist Dein, und wird es bleiben;
Was braucht es viel, sich zu verschreiben?
Wer willig liebt, der liebt auch treu.
Die Tugend, die uns angetrieben,
Einander bis ins Grab zu lieben,
Macht unser Bündniß täglich neu.

O laß nur Deine Huld nicht schwinden!
O laß mich immer bey Dir finden
Die Glut, die mir das Leben giebt!
Dann will ich Dich auch ewig ehren,
Dann soll Dich jede Stunde lehren,
Wie zart Dich Deine Kulmus liebt.

Jedoch Du hast es mir versprochen,
Ein solches Wort wird nicht gebrochen,
Das von erhabnen Seelen stammt.
Ich kenne Deine Treu und Güte,
Dein Biedermännisches Gemüthe,
Das allen Wankelmuth verdammt.

Du hast mich selber angetrieben,
Dich edel und getreu zu lieben:
Denn Dein Verdienst bezwang den Sinn.
Du hast die Seele überwunden,
Den Weg zum Herzen ausgefunden - -
Doch, wo geräth mein Dichten hin?

So schlecht sind jetzo meine Reime.
Jtzt find ich alles voller Träume,
Und keine rechte Ordnung drinn:
Jedoch Du wirst es mir vergeben,
Du weist ja wohl, mein ander Leben!
Daß ich selbst voller Fehler bin.

Dein Fest erscheint! O seltne Freude!
Ach! trennte uns nur alle beyde
Ein gar zu hartes Schicksal nicht!
Ich freu mich zwar; doch in der Ferne!
Indem ich täglich mehr erlerne,
Wie viel mir ohne Dich gebricht.

Auch dieser Kummer wird sich heben!
Der Himmel bringt Dich, o mein Leben!
Mit nächsten wiederum zu mir.
O Lust! O höchstbeglücktes Hoffen!
Dann steht mir alles Glücke offen,
Dann bleib ich ewiglich bey Dir.

Was soll ich Dir für Wünsche bringen?
Hier treff ich erst bey meinem Singen
Die größten Schwierigkeiten an.
Denn wer wie Du das Laster höhnet,
Und wen wie Dich die Tugend krönet,
Hat mehr, als man ihm wünschen kann.
(S. 41-43)

©






9. Ode
Auf Desselben Geburtsfest, den 2. Febr. 1740


O Freund! Dein Fest, das Dich der Welt gegeben,
Soll meinen Trieb zur Dichtkunst jetzt erheben;
Und meinen Kiel, dieß theure Licht zu ehren,
Rein singen lehren.

Doch aller Antrieb ist bey mir verlohren!
Du bist Apollen selbst zur Lust gebohren;
Mir aber kömmt auf meinem rauhen Schilfe,
Kein Gott zur Hülfe.

Drum nimm ein Lied, das zwar nicht zierlich klinget;
Doch aber treu und ungekünstelt singet:
Mein reges Herz, läßt, seine Lust zu zeigen,
Mich doch nicht schweigen.

So oftmals sich noch dieser Tag erneuet,
Der heut mein Herz, mein zärtlich Herz, erfreuet;
So oftmals denk ich auch der süssen Stunden
Die uns verbunden.

Und, o wie selig ist mein Glück gewesen,
Daß Dich die Vorsicht mir zum Freund' erlesen!
Dich, Theurester! durch den ich bloß auf Erden
Konnt glücklich werden.

So bleibt der Satz der Weisen ewig feste:
Die Allmacht wählt dem Menschen stets das Beste;
Sie wacht für ihn, und will in allen Sachen,
Ihn glücklich machen.

Dieß hab ich, theurer Freund! durch Dich erfahren:
Der Himmel wußte Dich mir vorzusparen,
Um mir, in Dir, für alles mein Bestreben
Den Lohn zu geben.

Du hast allein in mir den Trieb zum Wissen
Erst angefrischt; und mich der Schaar entrissen,
Die, weil ihr Sinn verstrickt am Eiteln klebet,
Sich nie erhebet.

So laß' mich denn noch ferner Deine Lehren,
O theurer Freund! zu meinem Nutzen hören:
Denn Du nur kannst zu einem weisen Leben
Mir Regeln geben.

Der so die Tugend lehrt, und selber liebet,
Der weise Regeln giebt, und selbsten übet;
Der kann auch nur zu tugendvollen Werken
Die Geister stärken.

Und wer ist wohl, von allen die Dich hören,
So sehr geneigt, als ich, Dich zu verehren,
Dich treu zu lieben, und durch alle Thaten
Dieß zu verrathen?

Geliebter Freund! Dein weisheitsvolles Wesen,
Die Tugend, die Du Dir zum Zweck erlesen,
Die läßt den Ruhm, den Du Dir kannst erwerben,
Gewiß nicht sterben.

Die Nachwelt wird noch einst mit reinen Chören,
Das Angedenken meines Gottscheds ehren,
Und allem dem, was groß und hoch zu schätzen,
Zur Seite setzen.

So lache ferner, wenn die Misgunst tadelt;
Weil Dein Verdienst Dich ihr zum Trotze! adelt:
Was fragt ein Fels darnach, wenn Meer und Wellen
Gewaltig schwellen?

Dein edles Beyspiel soll mich ferner leiten,
Der Thorheit Macht mit Eifer zu bestreiten!
Denn, Theurester! wie groß ist das Vergnügen,
Mit Dir zu siegen!

O laß mich nur Dein Herz nie wankend spüren!
Sonst soll kein andrer Wunsch mein Herze rühren.
Ich aber will, wie ich mich längst verschrieben,
Dich ewig lieben.

Der, so der Tugend keinen Schutz versaget,
Befreye Dich von allem, was Dich plaget!
Und laß Dein Glück dereinst der späten Erden
Ein Muster werden.

Er laß uns bald die Weisheit siegen sehen,
Mit Macht das Reich der Unvernunft vergehen;
Und (soll ein Reim mein ganzes Wünschen fassen,)
Zugleich erblassen!
(S. 52-54)

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5. Schreiben
An dem Geburtsfeste ihres Gatten
den 2ten Febr. 1737


Dein Fest ist wieder da, Du einzig theurer Freund!
Du, dessen treue Huld mir täglich neu erscheint;
Du, den ich nun zwey Jahr stets liebenswerth erkenne,
Du, den ich, und mit Recht, mein ganzes Glücke nenne.
Was schenk ich Dir denn nun, zum Zeichen meiner Pflicht?
Ich sänge gern' auf Dich: allein es klinget nicht.
Die Seyten sind verstimmt und mehrentheils gerissen,
Und wenn sie ja zur Noth einmal erklingen müssen;
So kömmt der Satyr gleich, und mischet sich darein,
Daß meine Zeilen stets voll Gift und Galle seyn.
Dieß treibt mich oftermals zur muntern Deshoulieres,
Da ists, als wenn ich schon bereits im Himmel wäre.
Auch jetzo kömmt mir schon die Lust zum Beißen an,
Daß ich den scharfen Zahn kaum mehr bezwingen kann.
Doch widersteh ich ihm, indem die Stachelschriften,
An statt der Besserung, nur Zorn und Eifer stiften.
Man liebt die Thorheit zwar, doch ihren Abriß nicht:
Die größte Frevelthat, das ist ein Strafgedicht.

Zumal so hab ich auch der Welt nichts zu befehlen:
Ein Tadler wird nur sich, und nicht die andern quälen.
Es haßt ihn alle Welt, es fliehet wer da kann,
Und jeder sieht ihn nur mit scheelen Augen an.
Drum kann mein treuer Kiel das Laster nicht erheben:
So will ich lieber mich dem Schweigen übergeben.
Es fällt mir ohnedieß die strenge Regel ein,
Wer andre tadeln will, soll ohne Fehler seyn!
Und dieses bin ich nicht! Ich kenne meine Blöße,
Und seh sie täglich mehr bey andrer Leute Größe.

Die ganze Welt wird groß; Ich aber, ich allein
Erlange keinen Ruhm; ich bin noch immer klein.
Mich kennt ja niemand mehr, als Freunde und Bekannten;
Mein Namen steht ja noch in keinen Folianten;
Mein Bildniß ist noch nie dem Erzte eingedrückt.
Kein Zierrath hat mir noch den leeren Kopf geschmückt.
Kein Dichter hat mich je zum Pindus heißen gehen,
Noch für die Pallas selbst im Träumen angesehen.
Kein Franze fragt nach mir, wenn er durch Leipzig fährt,
Und, der was selten ist, mit Lust zu sehn begehrt.
Ich bin auch niemals noch von jener Zahl gewesen,
Die mehr zu lesen schreibt, als sie selbst hat gelesen.
Kein wichtig Sinngedicht kömmt je von meiner Hand;
Von meinen Zoten ist noch alles unbekannt;
Und wenn mich nicht Vernunft, und Pflicht und Wohlstand treiben,
So schreib ich lieber nichts; so laß ichs lieber bleiben.

Kein Fremder hat mir noch den lahmen Kiel geführt;
So wie die Dohle sich mit falschen Federn ziert.
Ich habe keinen Freund, der mir auf Flehn und Bitten,
Den unverdienten Lohn, durch seine Kraft erstritten.
Ich streb auch nicht darnach. Ich ehre nur den Ruhm,
Den man sich selbst erwirbt; der bleibt ein Eigenthum,
Daran der Neid umsonst, die scharfen Zähne wetzet;
Der täglich höher steigt, den keine Zeit verletzet.
Der ist allein mein Ziel! Der Glanz der falschen Ehr,
Betrügt den Hochmuth nur, die Kenner nimmermehr!
Drum, kann ich mich dereinst, nicht durch mich selbst erheben:
So will ich unbereimt, und ungelobet leben.
Der Ruhm, den ich verdient, der ist erst wirklich mein;
Der war bisher mein Ziel, der soll es ewig seyn!

Ich weis, was mir gehört, das wird mir niemand nehmen.
Die Misgunst muß sich doch nach dem Verdienst bequemen.
Und wenn dereinst mein Grab den schelen Neid versühnt,
So spricht er noch einmal: Sie hätte mehr verdient!
Dieß Lob ergötzt mich recht! dieß sind der Wahrheit Proben!
Er hat mein Fleisch gehaßt; er mag die Asche loben!
Die Kränze, die sein Arm auf unsre Grüfte streut,
Sind Zeichen wahrer Huld, und ächter Redlichkeit.

Doch, einzig theurer Freund! ich habe mich vergangen,
Ich komme nun zum Zweck, wobey ich angefangen.
Was red ich doch von Lob? Mein Gottsched! Du allein,
Und daß Du mich geliebt, das soll mein Lorber seyn!
Daß Du mich hast gelehrt, daß Du mich unterwiesen,
Das wird der Nachwelt noch durch manches Blatt gepriesen.
Wer solchen Meister hat, da stirbt der Schüler nicht;
Wenn ihm gleich das Verdienst zur Ewigkeit gebricht.
So leb ich denn durch Dich: wie könnt ich schöner leben?
Dein Ansehn wird mir schon Ruhm, Lob, und Ehre geben.

O schenke ferner mir das Glücke Deiner Huld!
O trage ferner noch die Fehler mit Geduld,
Die meine Schwäche zeigt. Ich will sie schon verbessern,
Wenn Zeit, Vernunft, und Fleiß, die matte Kraft vergrößern.

Der Himmel schenke Dich so lange nur der Welt
Bis Deine letzte Treu mir noch die Gruft bestellt.
Denn kann ich nur dereinst in Deinem Arm erkalten;
So will ich selbst den Tod, mir für ein Glücke halten.
Mehr wünsch ich jetzo nicht. Die Vorsicht, die Dich liebt,
Versagt Dir nichts von dem, was sie der Tugend giebt.
Die Weisheit, die so stark in Deiner Seelen wohnet,
Die läßt auch Dich, o Freund! gewiß nicht unbelohnet.
Doch soll Dein Glücke nie von größerm Glanze seyn,
So bin ich auch vergnügt. Ist nur Dein Herze mein;
So hab ich schon genug, und mag kein ander Glücke;
So bleibt kein einzger Wunsch für meinen Stand zurücke.

Doch eines fehlet noch. Wo bleibt Dein seltner Ruhm,
Der Dich so edel macht? dein ewigs Eigenthum?
O Freund! Du kennest ja die Schwäche meiner Seyten,
Ich kann Dir wahrlich noch kein würdig Lob bereiten.
Die Worte fehlen mir, wenn ich Dich loben will;
Das macht Du bist zu groß; der Sachen sind zu viel.
Ich schwör es, daß ich mich nicht leicht so niedrig achte;
Als wenn ich Deinen Werth und Dein Verdienst betrachte.
Den Werth, der unsrer Zeit Dich recht zum Muster stellt,
Und Dich der alten Schaar der Weisen zugesellt.
Den aber kann ich nicht in seiner Größe zeigen;
Drum, eh ihm was entgeht: so will ich lieber schweigen.

Doch nimm für diesesmal von mir was fremdes an,
Bis ich Dir mit der Zeit was bessers liefern kann?
(S. 109-112)

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IV. Sinngedicht
Sonnet
An ihren Ehegatten


Dein Namensfest erscheint. Wie sollt ich mich nicht freuen?
Hier ist ein treues Blatt, das meine Hand Dir giebt.
Dir, Werther! Den mein Herz so rein, so zärtlich liebt,
Dir muß ich wahrlich heut den ersten Weihrauch streuen.

Der Himmel schenke Dir ein unverletzt Gedeihen!
Er wende allen Gram, der Deinen Geist betrübt!
Und da Dein treuer Fleiß sich in den Künsten übt;
So müsse jeder Tag Dir neue Kraft verleihen.

Dieß wünscht die Redlichkeit, die keinen Zierrath kennet,
Nichts von Verstellung weis, und sich Dein eigen nennet.
Bleibst Du, geliebter Freund! mir ferner nur geneigt;

So wird Dein treuer Rath auch meine Kunst erhöhen:
Dann sollst Du künftig hin ein besser Opfer sehen,
Wann Glück und Lust bey Dir gleich Deiner Tugend steigt.
(S. 158)

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Gedichte aus: Der Frau Luise Adelgunde Victoria Gottschedinn
geb. Kulmus sämmtliche Kleinere Gedichte
Hrsg. von Ihhrem hinterbliebenen Ehegatten
Leipzig 1763

Biographie:

Gottsched, Luise (Adelgunde Victorie), geb. Kulmus, gen. Gottschedin, * 11.4.1713 Danzig, † 26.6.1762 Leipzig. - Dramatikerin, Übersetzerin.
Sowohl mit ihren zahlreichen Übersetzungen als auch mit ihren Originallustspielen hat G. Entscheidendes zur Begründung der sächs. Komödie beigetragen. Nicht zuletzt ihrer unermüdl. Tätigkeit als Übersetzerin engl. u. frz. Literatur verdankt ihr Gatte, Johann Christoph Gottsched, den Abschluß zahlreicher literar. u. wissenschaftl. Unternehmungen. Sie trug damit wesentlich zur Verbreitung westeurop. aufklärerischen Gedankenguts unter einem aufgeschlossenen Bürgertum u. Adel Mittel- u. Norddeutschlands bei.
Erste Bildungseindrücke sowie eine hervorragende private Unterweisung empfing die Tochter des Danziger Arztes Johann Georg Kulmus u. seiner Ehefrau Katharina Dorothea, geb. Schwenk, im Elternhaus. Schon als 16jährige lernte sie hier J. C. Gottsched kennen. 1735 schloß sie die Ehe mit dem 1734 zum o. Professor für Logik u. Metaphysik avancierten Gelehrten u. siedelte nach Leipzig über. Ihre Ehe blieb kinderlos.
Zweifellos erfuhr die Gottschedin, wie sie nunmehr genannt wurde, durch ihren Gatten alle erdenkl. intellektuelle Förderung. Dennoch wird gerade an ihrem Lebenslauf das Dilemma der geistig aufgeschlossenen Frau im 18. Jh. offenbar. Von ihrem Gatten zu wissenschaftl. Dienstleistungen jegl. Art herangezogen, vermied sie nach außen hin jeden Anschein eines eigenen literar. u. wissenschaftl. Profils. Im Hinblick auf diese Situation sind die von ihrer Freundin Dorothea Henriette von Runckel postum veröffentlichten Briefe (3 Tle., Dresden 1771-73) ein aufschlußreiches problemgeschichtl. Dokument.
Noch unter ihrem Mädchennamen veröffentlichte sie Anne Thérèse de Lamberts Betrachtungen über das Frauenzimmer (Lpz. 1731. Réflexions sur les femmes. 1721) sowie das Gedicht Der Sieg der Beredsamkeit (Lpz. 1735) der Madeleine Angélique Poisson de Gomez (Le triomphe de l'éloquence. 1730). Folgenreich für die Entwicklung der Gattung der moralischen Wochenschriften dürfte ihre Beteiligung an der Übersetzung zweier engl. Zeitschriften, Addisons u. Steeles »Spectator« (1711/12, 1714) u. »Guardian« (1713) gewesen sein. Sie erschienen als »Der Zuschauer« (9 Tle., Lpz. 1739-43) u. »Der Aufseher oder Vormund« (2 Tle., Lpz. 1745). Popes kom. Heldengedicht The Rape of the Lock (1714), grundlegend für die Ausbreitung dieser Gattung im deutschsprachigen Raum, legte G. ebenfalls in einer Übersetzung vor: Der Lockenraub, ein scherzhaftes Heldengedicht (Lpz. 1744).
Der Verbreitung rationalistischen Wissenschaftsverständnisses diente eins der umfangreichsten von ihr u. ihrem Gatten durchgeführten Projekte, die Übertragung von Bayles Dictionnaire historique et critique (1695-97): Herrn Peter Baylens [...] Historisches und Critisches Wörterbuch, nach der neuesten Auflage von 1740 ins Deutsche übersetzt (4 Bde., Lpz. 1741-44. Faks.-Neudr. Hildesh./New York 1974-78). Immerhin stammen 330 der insg. 635 Artikel aus G.s Feder.
Maßgeblich ist ihr Anteil am Zustandekommen von J. C. Gottscheds Mustersammlung Die Deutsche Schaubühne nach den Regeln und Exempeln der Alten (6 Tle., 1741-45. 21746-50). Auch hier sind es vorwiegend Übersetzungen frz. Vorlagen, mit denen sie Gottscheds Vorstellungen von einem reformierten Theater zur Anerkennung verhelfen wollte. Molières Misanthrope (1666) u. Charles Dufresnys L'esprit de contradiction (1700) erschienen als Der Menschenfeind u. Der Widerwillige (Tl. 1), die Tragödien der Marie Anne Barbier, Cornélie, mère des Graques (1703), u. Voltaires Alzire, ou les Américains als Cornelia, Mutter der Grachen (Tl. 2) u. Alzire, oder die Americaner (Tl. 3). Wirkungsgeschichtlich von Bedeutung war G.s Beschäftigung mit den Komödien des Philippe Néricault Destouches, entsprachen diese doch in ihrer Konzeption als moralische Charakterkomödien den Vorstellungen Gottscheds. Aufgenommen
wurden die Komödien Le Dissipateur (1736) u. La fausse Agnès (1736) unter den Titeln Der Verschwender sowie Der poetische Dorfjunker (beide Tl. 3). Die Übersetzung des bühnenwirksamen Stücks Le Tambour nocturne (1736), berühmt geworden unter dem Titel Das Gespenst mit der Trummel (Tl. 2), ist indes eine solche »aus zweiter Hand« (von Stackelberg, 1984), geht doch Destouches Fassung auf das Lustspiel Joseph Addisons, The drummer or the haunted house (1717), zurück.
Zur Entfaltung gelangte ihre hohe poetische Begabung freilich nur in wenigen Originalstücken. Angeregt durch eine Satire des Jesuiten Guillaume-Hyacinthe Bougeant auf die religiöse Bewegung des Jansenismus, La Femme Docteur ou la Théologie Janséniste tombée en Quenouille (1730), veröffentlichte sie anonym das satirisch-moralische Lustspiel Die Pietisterey im Fischbein-Rocke; Oder die Doctormäßige Frau (Rostock, recte Lpz. 1736. Neudr., hg. von Wolfgang Martens. Stgt. 1968), in der sie Auswüchse falscher Frömmigkeit aufs Korn nimmt. Das Stück erregte erhebl. Aufsehen; König Friedrich Wilhelm I. qualifizierte es als »recht gottlose Schmähschrift«. Vielerorts wurden Exemplare durch die Obrigkeit eingezogen.
Sehr viel theaternäher als ihr Gatte erweist sich G. auch in einigen anderen ihrer Originalstücke. Weniger in den Komödien Die ungleiche Heirath (in: Schaubühne, Tl. 4) u. Die Hausfranzösin, oder Die Mamsell (Tl. 5) als vielmehr in dem die Erbschleicherthematik aufnehmenden Stück Das Testament (Tl. 6. Neudr., hg. von Fritz Brüggemann. Stgt. 1933. Neuaufl. Darmst. 1964) gelingen ihr bühnenwirksame Szenen, in denen ältere Spieltraditionen durchaus lebendig bleiben. Reminiszenzen an Molière u. die Stegreif-Komödie klingen hier gleichermaßen an. Die Tragödie Panthea (Tl. 5) blieb weitgehend wirkungslos. Sowohl die Destouches-Übertragung als auch G.s Originallustspiele gehörten zum Repertoire zahlreicher Theatertruppen. Über die Wirkung des einaktigen Nachspiels, der Literatursatire Herr Witzling (Tl. 6. 21750 u. d. T. Der Witzling. Neudr. nach der 2. Aufl., hg. von Wolfgang Hecht. Bln. 1962), ist nichts bekannt.
Die herbe, auch persönl. Invektiven nicht scheuende Kritik vieler Zeitgenossen an ihrem Gatten hat auch G. hart getroffen. Lessing zollte ihrer Übersetzung von Madame Graffignys Cénie (1750)- Cenie, oder die Großmuth im Unglücke (Lpz. 1753) - Lob (»die würdigste Übersetzerin«. In: Berlinische privilegirte Zeitung, 25.5.1753). Sein Urteil in der »Hamburgischen Dramaturgie« (vgl. Stücke 13 u. 20) sowohl über ihre Originale als auch über ihre Übersetzungen war indes vernichtend. Das Urteil der Nachwelt war dadurch weitgehend präjudiziert. Erst die neuere Forschung bemühte sich um eine angemessene Einschätzung.

WEITERE WERKE: Zwo Sch.en, welche v. der Frau Marquise v. Chatelet u. dem Herrn v. Mairan, das Maaß der lebendigen Kräfte in den Körpern betreffend, sind gewechselt worden. Lpz. 1741 (Übers. aus dem Frz.). - Des Abts Terrasson Philosophie nach ihrem allg. Einflusse auf alle Gegenstände des Geistes u. der Sitten. Lpz. 1756 (Übers. aus dem Frz. Vorrede v. Johann Christoph Gottsched). - Zahlreiche Art. in J. C. Gottscheds »Handlexikon oder kurzgefasstes Wörterbuch der schönen Wiss.en u. freyen Künste«. Lpz. 1760. - Der Frau L. A. V. Gottschedinn, geb. Kulmus, sämmtl. Kleinere Gedichte nebst dem [...] Ihr gestifteten Ehrenmaale, u. Ihrem Leben, hg. v. Ihrem hinterbliebenen Ehegatten. Lpz. 1763. - Teilausgabe: Die Lustsp.e der Gottschedin. Hg. Reinhard Buchwald u. Albert Köster. 2 Bde., Lpz. 1908/09 (Bd. 2: Übers.en).

aus: Autoren- und Werklexikon: Gottsched, Luise Adelgunde Victorie, S. 6. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon


siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Adelgunde_Victorie_Gottsched


 

 


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