|
 |
Anastasius Grün
(1806-1876)
Eins und zwei
Warum, o Mutter, o Natur,
Gabst deinem Sohn, dem Menschen nur
Ein Herz du, um in süßen Trieben
Geliebt zu werden und zu lieben,
Und einen Mund nur, um zu küssen,
Und Wonn' und Seligkeit zu saugen;
Jedoch zum Weinen, ach! - zwei Augen? -
_____
Die Brücke
Eine Brücke kenn' ich, Liebchen,
Drauf so wonnig sich's ergeht,
Drauf mit süßem Balsamhauche
Ew'ger Frühlingsodem weht.
Aus dem Herzen, zu dem Herzen
Führt der Brücke Wunderbahn,
Doch allein der Liebe offen,
Ihr alleinig untertan.
Liebe hat gebaut die Brücke,
Hat aus Rosen sie gebaut!
Seele wandert drauf zur Seele,
Wie der Bräutigam zur Braut.
Liebe wölbte ihren Bogen,
Schmückt' ihn lieblich wundervoll;
Liebe steht als Zöllner droben,
Küsse sind der Brückenzoll.
Süßes Mädchen, möchtest gerne
Meine Wunderbrücke schaun?
Nun, es sei, doch mußt du treulich
Helfen mir, sie aufzubaun.
Fort die Wölkchen von der Stirne!
Freundlich mir ins Aug' geschaut!
Deine Lippen leg' an meine:
Und die Brücke ist erbaut.
_____
Mit einer Uhr als
Angebinde für seine Gemahlin
(1845)
Die Stunden, wo ein Leid dich plagt,
Wo scheu dein Herz das meine flieht,
Wo Schmerz dein liebes Herzlein nagt,
Wo Trennung unsre Pfade schied,
Die Stunden der Disharmonie,
Die zeige diese Uhr dir nie.
Die Stunden, wo die Freude sprießt,
Wo Gottes Segen dich entzückt,
Wo sich dein Herz an meines schließt
Und deine Liebe mich beglückt,
Wo sich erfüllt, was du gehofft,
Die Stunden zeige sie recht oft.
_____
alle Liebesgedichte
von Anastasius Grün
Gedichte aus: Anastasius Grüns Werke in sechs Teilen. Zweiter Teil:
Lyrische Dichtungen I. Hrsg. von Eduard Castle. Berlin Leipzig Wien
Stuttgart
Deutsches Verlagshaus Bong & Co. 1909
Biographie:
Grün, Anastasius, eigentlich Anton Alexander Graf von Auersperg, geb.
11.04.1808 in Laibach, gestorben 12.09.1876 in Graz; Grabstätte Thurn am
Hart/Krain. - Lyriker, Epiker, Übersetzter, Herausgeber.
Die Jugend Grüns, dessen Vater ein freimaurerischen Ideen huldigender
Großgrundbesitzer war, verlief schwierig, sein Bildungsgang zerrissen und
inkonsequent: 1813 besuchte er die Theresianische Ritterakademie in Wien,
1817 die Ingenieurakademie, 1819 das Klinkowströmsche Erziehungsinstitut,
ab 1824 studierte er Rechtswissenschaften in Wien u. Graz. Um finanziell
unabhängig zu sein, bewirtschaftete G. sein Erbgut Thurn am Hart. Als
echter Vormärzadeliger verbrachte er die Wintersaison regelmäßig in Wien,
wo er mit z. T. oppositionellen Dichtern verkehrte (bes. mit Bauernfeld,
Castelli u. Seidl). Bildungsreisen führten ihn nach Deutschland, wo er mit
Autoren der»schwäbischen Schule«, insbes. mit Uhland, bekannt wurde, sowie
nach Italien, Frankreich u. England.
Aus Familientradition u. durch seine Ausbildung mit
liberal-konstitutionellen Ideen des josephin. Staats- u. Rechtskonzepts
vertraut, begann G. sich ab 1830 kritisch mit dem Metternichschen System
auseinanderzusetzen. Das Pseud., im polit. u. christl. Sinn Ausdruck der
Hoffnung u. Erneuerung, verwendete er erstmals für seinen Gedichtzyklus
Der letzte Ritter (Mchn. 1830), in dem er die Figur des Kaisers Maximilian
I. als die eines wahren »Volkskaisers« zum Medium liberaler Ideen machte.
Der aufsehenerregende, anonym erschienene Lyrikzyklus Spaziergänge eines
Wiener Poeten (Hbg. 183 1), das erste Zeugnis des polit. Vormärz in
schwungvollen, pathetisch ausladenden Versen, die satirisch Front gegen
das Metternich-System u. den Klerikalismus beziehen, aber die tradierten
Mittel der Schulrhetorik einsetzen, u. die 1835 erschienene Sammlung von
abstraktreflektierenden epischen Dichtungen u. d. T. Schutt (Lpz.) riefen
die Zensur auf den Plan. Die Recherchen der polit. Polizei deckten 1838
das Pseud. auf. Metternich stellte G. in einem Gespräch vor die
Entscheidung, entweder nichts mehr zu publizieren oder auszuwandern. G.
wählte zwar die erste Alternative, blieb aber in oppositioneller Haltung,
auch als er durch Heirat (mit der Gräfin Attems) in eine repräsentative
Stellung zum Hof eintrat (Kammerherrenwürde). Dieses Verhalten erregte bei
den dt. Dichtern des Vormärz heftige Kritik, gegen die sich G. mit dem kom.
Epos Die Nibelungen im Frack (Lpz. 1843) nicht ohne Humor wehrte.
G. wurde Mitgl. des Frankfurter Parlaments, war aber schnell von der
Praxis der bürgerl. Revolutionäre enttäuscht, die ihrerseits dem österr.
Hocharistokraten nie so ganz vertrauten. Mit der Wiederbelebung des alten
Schwankbuchs Der Pfaff vom Kahlenberg (Lpz. 1850) knüpfte der im Grunde
konstitutionell-verfassungstreue G. an die Kontinuität österr. Dichtungs-
u. Kulturtradition an. 1861 wurde G. Mitgl. des österr. Herrenhauses, 1864
Ehrenbürger von Wien, 1865 verlieh ihm die Wiener Universität das
Ehrendoktorat u. 1868 folgte die Ernennung zum Präsidenten der
Reichsratsdelegation. Nach 1848 begann der österr. Staat die
Nationalliberalen alten Schlags einzubinden, als die Vormachtstellung in
Mitteleuropa endgültig an Preußen verloren war. G., der auch den Nachlaß
seines Freundes Lenau (Stgt. 1851) sowie dessen Sämmtliche Werke (Stgt.
1855) herausgab, bewies noch 1850 aufgrund seiner Kenntnisse des südsteir.
u. krain. Landlebens Verständnis für die slowen. Volksdichtung
(Volkslieder aus Krain, aus dem Slowenischen übersetzt. Lpz.). Das
hinderte ihn später nicht, als Mitgl. des Krainer Landtags gegen die
Einführung des Slowenischen als Unterrichtssprache zu protestieren. Seine
Entwicklung endet mit dem Bekenntnis zu liberalen Ansichten.
WEITERE WERKE: Blätter der Liebe. Stgt. 1830. - Gedichte. Lpz. 1837. -
Robin Hood. Ein Balladenkranz nach altengl. Volksliedern. Stgt. 1864. - In
der Veranda. Eine dichter. Nachlese. Bln. 1876. - Briefw. zwischen A. G.
u. Ludwig Frankl. Bln. 1897. - Ausgaben:Ges. Werke in 5 Bdn. Hg. Ludwig
August Frankl. Bln. 1877. - Polit. Reden u. Denkschr.en. Hg. Stefan Hock.
Wien 1906. - Sämtl. Werke. Hg. Anton Schlossar. 10 Tle., Lpz. 1907. -
Sämtl. Werke in 6 Tln. Hg. Eduard Castle. Bln. u. a. 1909. - Zeit ist eine
stumme Harfe. Eingel. u. ausgew. v. Ulrich Baumgarten. Graz 1958.
Aus: Walther Killy Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher
Sprache. Bertelsmann Lexikon Verlag Band 4 (1989)
|