Andreas Gryphius (1616-1664) - Liebesgedichte

Andreas Gryphius



Andreas Gryphius
(1616-1664)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 



SONNETTE
Das dritte Buch




LVIII.
An Eugenien

Was wundert ihr euch noch, ihr rose der jungfrauen!
Dass dieses spiel der zeit, die ros', in eurer hand,
Die alle rosen trotzt, so unversehns verschwand?
Eugenie! so gehts, so schwindet, was wir schauen.
So bald des todes sens wird diesen leib abhauen,
Schau't man den hals, die stirn, die augen, dieses pfand
Der liebe, diese brust in nicht zu reinstem sand,
Und dem, der euch mit lieb itzt ehrt, wird für euch grauen.
Der seufftzer ist umsonst, nichts ist, das auf der welt,
Wie schön es immer sey, bestand und farbe hält.
Wir sind von mutterleib zum untergang erkohren.
Mag auch an schönheit was der rosen gleiche seyn,
Doch ehe sie recht blüht, verwelckt und fält sie ein;
Nicht anders gehn wir fort, so bald wir sind geboren.
(S. 110-111)

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XXV.
Auf hn. Godofredi Eichorns und Rosine Stoltzin hochzeit

Obgleich der weiße schnee itzt thal und berge decket,
Und manch geschwinder fluss in einen harnisch fährt,
Indem er sich des zorns der grimmen kält erwehrt,
Vor welcher ieder baum bis in den tod erschrecket;
Ob gleich der bleiche frost, die scharffe sens ausstrecket
Und alle blumen raubt, die Chloris hat begehrt,
Hat doch der liebe glut euch süßer zeit beschert,
Als wol die sonne selbst und hitz und lust erwecket.
Sie hat, herr Gottfried! euch die schöne rose bracht,
Bey der ihr früling habt und aller winter lacht.
Wol euch und mehr denn wohl! was mögt ihr noch erdencken?
Wol euch und mehr denn wol! wenn diese rauhe zeit
So schöne blumen gibt und solche lust bereit,
Was wird euch nicht der herbst für süße früchte schenken?
(S. 112)
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XXVI.
An Lucinden

Was ist der zarte mund ? ein köcher voller pfeile,
Durch die ein weiches hertz bis in den tod verletzt.
Recht wird der augen glantz irrlichtern gleich geschätzt,
Die manchen geist verführt in nicht zu langer weile.
Die wunder-schönen haar sind feste liebes-seile.
Wer durch der sternen glantz nicht wird in euch verhetzt,
Wer sich der lilien der wangen widersetzt,
Muss doch gewertig seyn, dass ihn die brust ereile.
So sprecht ihr und ist wahr; wer voll von zunder steckt,
Wird leicht zu böser lust und eurer lieb erweckt.
Man kan zu glut und stro leicht holtz und schwefel finden.
Wer aber bey sich selbst, was ihr für löblich acht,
Eu'r mehr denn falsches hertz und schwartz gemüth betracht,
Den, glaubt mir, werdet ihr Lucinde nicht entzünden.
(S. 112-113)
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XXIX.
An Jolinden

Was habt ihr, das ihr mögt an euch eur eigen nennen?
Die schminck ists, die euch so blutrothe lippen macht;
Die zähne sind durch kunst in leeren mund gebracht;
Man weiß das meisterstück, wodurch die wangen brennen;
Eur eingekaufftes haar kan auch ein kind erkennen;
Der schlimme schweiß entdeckt des halses falsche pracht;
Die auffgesteiffte stirn wird billich ausgelacht,
Wenn sich der salben eys wil bey den runtzeln trennen.
Gemahlte! sagt mir doch, wer seyd ihr, und wie alt?
Ihr, meyn ich, sechzehn jahr; drey stunden die gestalt.
Ihr seyd von hanf; und sie ist über see ankommen.
Ihr schätzt euch trefflich hoch; umsonst! der mahler hat
Noch für ein schöner bild, das feil war in der stadt
Und länger bleibt denn ihr, drey cronen nur genommen.
(S. 114-115)
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XXX.
An Melanien

Ihr glaubet warlich nicht, wie schön' es sey zu sehen,
Wenn ihr den krummen hals noch dreymahl krümmer macht
Und durch den weiten mund so wunderlieblich lacht,
Der sonst nichts kan, denn nur frisch liegen und gut schmähen.
Euch dünckt, der wisse nicht, wie ihm doch sey geschehen;
Der ziehe närrisch auf mit seiner neuen tracht;
So hab euch jener nicht des grusses werth geacht;
Dem musst ihr seine sprach und iedes wort bejähen;
Dem mangelts an der stirn, und jener sieht nicht recht,
Und der ist gar zu schön, und dieser gar zu schlecht;
Der kan den degen nicht recht an die seite binden.
Habt ihr den spiegel auch, der dort hieng an der wand,
Melanie! wol ie genommen in die hand?
Ey liebe! schaut hinein, da ist was guts zu finden!
(S. 115)
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XLI.
An Callirhoen

Wie kommts Callirhoe? was mag die ursach seyn,
Dass du mich gestern hast so traurig angeblicket?
Wie dass du alle lust und freundligkeit verschicket?
War meine gegenwart ein ursprung neuer pein?
Verdross dich Flacci kuss? Fürwar, ich meine, nein.
Hat dich der süße schlaff verzaubert und umstricket?
Hat dich der grimme schmertz, die liebes-pest, gedrücket?
Missfiel dir, was ich sprach? Mir fällt die ursach ein:
Da als dein schlaff-gemach ward von uns eingenommen,
Da sind wir, wehrte nymph! dir viel zu nahe kommen.
Wohl, folge meinem rath, wo du dich rächen wilt!
Wenn sich die schwartze nacht wird für dem monden schämen,
Magst du mein schlaff-gemach, ja selbst mein bett' einnehmen.
Die rach' ist mehr denn recht, die gleich mit gleich vergilt.
(S. 121)
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XLII.
An Eugenien

Gleich als ein wandersmann, dafern die trübe nacht
Mit dicker finsternis lufft, erd und see verdecket,
Betrübt irr't hin und her und mit viel furcht erschrecket,
Nicht weiß, wohin er geht, noch was er lässt und macht,
So eben ists mit mir; doch wenn der mond erwacht
Und seiner strahlen kertz im wolckenhaus anstecket,
Bald find't er weg und rath: so wird mein geist erwecket,
Nun mich der neue trost aus eurem brieff anlacht.
Doch, warum heißt ihr mich diß schöne pfand verbrennen?
Wolt ihr in meiner nacht mich bey der glut' erkennen?
Diß, meines hertzens feu'r, entdeckt ja, wer ich sey.
Sol, schönste! diß papier nur meine brust berühren,
So wird es alsobald in aschen sich verlieren,
Wo von der flamm' es nicht wird durch mein weinen frey.
(S. 121-122)
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XLVI.
An die freunde

Gehabt euch alle wol! O erden gute nacht!
Ihr himmel! ich vergeh. Umsonst hat meine wunden,
Mit so viel wehrtem fleiß Callirhoe verbunden.
Man hat umsonst an mich so liebe schreiben bracht.
Uranie! umsonst hab ich so viel gewacht!
Eugenie! ich bin eh' als ihr meynt, verschwunden.
Die kalte brust erstarrt; der puls wird nicht mehr funden;
Die augen brechen mir; der matte geist verschmacht.
Sol ich, mein vaterland! sol ich dich nicht mehr schauen?
Sol ich mein todtes pfand der fremden grufft vertrauen?
Scheid ich, Eugenie! ohn euren abschied-kuss?
Mein licht! ihr werdet mir die augen nicht zudrücken
Und mit cypressen mich und lorber-zweigen schmücken?
Der myrten acht ich nicht, weil ich verwelcken muss.
(S. 124)
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Das vierte Buch

XXX.
H. Eliae Æbelii und jungfrau Barbarä Gerlachin hochzeit

Bisher hört ich allein, mein werther freund! euch singen,
Wofern es singen heißt, wenn nicht geferten sind.
Schaut, wie der himmel euch zu neuem danck verbind,
Der zu violl und laut die liebe braut muss bringen!
Wol. Lasst die balge gehn! nun wird die orgel klingen!
Stell't lange pausen ein! singt hurtig, nicht zu lind
Den euch bequemen bass! wo ihr tenor sich find,
Wird leichtlich der discant sich in die tripel zwingen.
Der alt, so itzt noch ruht, und was die kluge welt
Vor stücklein mehr erdacht, drauff man so trefflich hält,
Wird schon zu rechter zeit sich ins concert auffmachen.
Wol dem, der also singt! Wie viel gewündschter lust
Ist, dünckt mich, euer hertz, herr Aebel! ihm bewusst!
Wie wird die jungfer braut doch denn so gerne lachen!
(S. 146-147)
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XXXI.
H. Nathanael Rossteuscher und Alithææ Roussiæ hochzeit

In dem das feste Genpf der helden kühnheit übt
Und endlich ihren ruhm durch seinen fall ausbreitet,
Bricht auch der harte sinn, den ihr bis noch bestreitet,
Und euer Alithè bekennet, dass sie liebt.
Nun schöpfft ihr just aus dem, was euch bisher betrübt;
Die hochzeit-göttin hat den einzug schon bereitet,
Weil Hymen, was ihr wündscht, ins triumph-bette leitet
Und den so werthen feind euch gäntzlich übergiebt.
Er wolle noch mit ihm glück, ehre, sanfftes leben,
Gewündschte just und freud und heil und segen geben
Und fortgang und gewinn, und was mein Phœbus hat!
Der wundsch ist zwar nicht neu' und voll gemeiner sachen,
Herr bräutgam! ihr mögt selbst der braut was neues machen,
Das leben, seel und geist und händ und füße hat!
(S. 147)
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XXXII.
Auf herrn Herings hochzeit. An die braut

Ob zwar die schöne zeit der erden neues leben,
Den menschen neue lust, den bäumen neue zier
Und früchte wieder schenckt, doch traurt ihr für und für
Und wolt euch, jungfrau braut! zu keiner lust erheben.
Wie, dass man euch doch sieht in steten schmertz schweben?
Wo rührt diß ubel her? Mich dünckt, ich mercke schier
Den ursprung aller pein. Dir, dir Cupido! dir
Schreibt man die plage zu. Doch kan ich rettung geben,
So sprach er, und warff pfeil und fackel aus der hand
Und wagt sich auf die see, der mutter vaterland,
Als da er (was ihr wünscht) den hering hat gefangen.
O mehr denn fremder fall! sol diß ein mittel seyn
Was seuch und feber bringt! Ja, schrie er, diß allein
Ist was die krancke sucht, und was sie sol empfangen.
(S. 147-148)
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Das fünfte Buch


LII.
Auf herr Seilers und frau Richterin hochzeit in Crossen

Das vor in krieges-glut durchaus verglimmte Crossen
Wird, nun der neue fried uns höchst-erfreulich grüßt,
Auch mitten in der kält durch Amors süße list,
Mit unversehnem feur umringet und beschlossen,
Mit fried- und freuden-feur, das was uns vor verdrossen,
Verzehrt und gantz verbrennt, das nicht die häuser frisst,
Das haus und städte baut. Komm, der du frostig bist,
Und schau, wie kält und krieg und trauren wird beschlossen.
Ihr werthen bürger folgt! Eur vater geht voran.
Wünscht nicht alleine glück, versucht, was er gethan!
Der bürgermeister kan alleine nicht bestellen
Das schwere regiment, den angestifften bau,
Den richterstuhl, den rath, land, weinberg, feld und au;
Drum gibt die Richterin ihm eitlen hülff-gesellen.
(S. 187-188)
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LIII.
Auf jungfer Marianæ Beckerin und hn. Rieses hochzeit

Holdseligstes geschlecht an treffligkeit und sinnen!
Wen hast du nicht bisher zu deinem dienst bewegt?
Es hat sich west und ost und nord und sud erregt
Und deine gunst gesucht durch liebe zu gewinnen.
Vor dir lag kunst und schwerdt; du zwangest das beginnen
Der reisenden zu stehn; der handel ward gelegt,
So bald man um dich warb, der nicht zu ruhen pflegt.
Die riesen werden nun auch deiner schönheit innen.
Einer aus der allzeit rauhen wolck und himmel-stürmer schaar
Suchet deiner schönsten eine, die durch ihrer sternen paar
Sein nie gezwungen hertz verändert und verkehret.
Er vergisst der riesen sitten, er wil mehr denn menschlich seyn;
Er verwirfft die wilden speisen, unsre nahrung geht ihm ein;
Er wil die Beckerin, dieweil er brodt begehret.
(S. 188)
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LIV.
Auf herrn von K. und jungfrau von S. beylager

Bisher habt ihr nichts gesehen, werther freund! als noth und tod,
Nichts als elend, nichts als schmertzen, nichts als überhäuffte klagen.
Ihr habt eurer seelen seele auf der bahr hinweggetragen.
Eur Nistitz ward zu nichte, staub und rauch und graus und koth.
Wir selbst sahen nichts als flammen und entblößter schwerdter noth,
Mussten, was wir saur erworben, auf die grimmen heere wagen,
Ja das leben-lose leben täglich in die schantze schlagen,
Waren unser feinde schrecken und der rauhen feinde spott.
Itzt seht euch besser um, indem der fried auffwacht
Und euch ein lieblich aug und reines hertz anlacht;
Indem das land beginnt als aus der grufft zu blühen.
Ihr könt eur eigen glück nicht gäntzlich übersehn,
Drum sieht die seherin was guts noch wird geschehn
Durch euren fleiß und schweiß und ihr erhitzt bemühen.
(S. 188-189)
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LV.
Auf herrn Ephraim Herrmans hochzeit

Bisher bist du, mein freund! ein mann der jungen heere,
Die du durch tapffre zucht, der tugend kunst und schweiß
Führst zu der ewigkeit und theurer künste preis,
Dass sie die rauhe nacht der thorheit nicht beschwere.
Schau! was der himmel dir vor nahmen nicht beschere?
Itzt wirst du herr und mann, den treu-gesinnten fleiß
Bekräntzt auf diesem zug ein werthes myrten-reiß
Und bringt, was deine müh in lauter lust verkehre.
Was wünsch ich dir? Sey herr und mann!
Thu, was ein herr mann soll und kan!
Vermehr ein junges heer mit noch mehr kleinen heeren!
Diß sucht die kirch, ein fürsten wohnhof sieht
Nach diesem zweck, durch den das land auffblüht;
Bedencke, welche? was? wieviel? von dir begehren!
(S. 189)
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LVI.
Auf hn. Samuel von Schafs und frau Reginæ gebohrner
Jonstonin vermählung

Der weitberühmte mann, der vater, hat der welt
Der kräuter eigenschafft, der vögel art und wesen,
Der thiere zucht und was von fischen auszulesen,
Und ertz und holtz und säfft und steine vorgestellt.
Er zeigt uns, was den leib, der seelen haus, erhält,
Bringt alle zeiten vor, lehrt, wie das land genesen
Und sich entziehen mög' erhitzter seuchen besen.
Wie dass aus allem ihr denn nur ein schaf gefällt?
Holdselge königin ! schätzt sie den hirten-stab
Vor allein, was man schätzt, denn vor die schönste gab?
Ist sonst nichts, als ein schaf, das würdig sey zu lieben?
Nein warlich, weil nichts mehr den reinen sitten gleicht,
Nochmehr weil dieses schaf von Gott durch bitt erreicht.
Dis bleibt das höchste gut, was Gott uns selbst verschrieben.
(S. 190)
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LVII.
Auf hn. Gottfried Klesels und jungfrau Catharinä Ederin hochzeit

Ederin,
Redein*.

Herr Klesel! fühlt er auch die bitter-süße pein,
Mit der die liebe quält ? Setzt dem verletzten hertzen
Die strenge hitze zu mit immer-neuem schmertzen?
Hochwerthe jungfrau braut! sie red ihm trost-wort ein!
Verzehrt er seine zeit in trauren so allein ?
Wacht er die lange nacht bey den gelehrten hertzen,
Sie red ihm lust-wort ein! ein wort voll wonn und schertzen,
Ein wort voll freud und heil wird nur ihr jawort seyn,
Wie wol, wann Gottes fried und unbefleckte sinnen
Durch einred ohne falsch einander lieb gewinnen!
Ich weiß, der herren herr steht alles ihnen zu,
Sein einred ists, was ihn in allem stand ergötzet,
Ihr einred ist, die er weit über alles schätzet.
Sie finden lust bey Gott und er bey ihnen ruh.

* Redein, Einred, wortspiel mit dem namen Eder
(S. 190-191)
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LVIII.
Auf eines guten freundes hochzeit

Man glaubt, dass schnee und lufft auf bergen stets zu finden,
Ob schon der himmel sich in lauter gluth verkehrt
Und von der sonnen brand die ströme selbst verzehrt,
Auch Chloris vor dem grimm des löwen muß verschwinden;
Drum habt ihr, nun den leib die sonn euch wil entzünden,
Nun euch der liebe flamm in seel und hertze fährt,
Erquickung, lufft und trost auf bergen itzt begehrt
Und sucht der sorgen euch im frischen zu entbinden.
Doch lockt euch ieder nicht auf die gespitzte höh,
Ein rosen-berg allein gibt rath in heißem weh,
Der auf dem wipffel lässt die schöne nymfe schauen.
Wohl! achtet keiner müh; besteigt, was ihr begehrt,
Und wo euch auf dem berg erfrischung wird beschert,
So lasst uns auffs gebirg im sommer hütten bauen!
(S. 191)
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LXVII.
An eben selbige

Was hat des fürsten hof, was fand die weise stadt,
Das mächtig sey mich zu erfreuen?
Ich muss die schöne zeit bereuen,
Die mein gemüth ohn sie, mein licht! verzehret hat.
Bey ihr find ich, was ich voll hertzens-seuffzer bat.
Die saamen in das land einstreuen,
Begehren so nicht das erneuen
Des frühlings, der mit thau krönt die erfrischte saat,
Als mich verlanget sie zu schauen,
Sie, meine lust, wonn und vertrauen!
Die mir der himmel gab, zu enden meine klagen.
Sie kan ich diesen tag nicht sehn.
Ach himmel! lass es doch geschehn,
Dass mir mög ihr gesicht die nacht ein traum vortragen!
(S. 195-196)
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LXX.
Neujahrs-wunsch an Eugenien

Man fängt das neue jahr mit wunsch und gaben an.
Mein hertz! ihr hab ich selbst zu eigen mich gegeben
Und bin nicht weiter frey. Mein ihr verpflichtet leben
Hat nichts, zu dem sie nicht schon anspruch haben kan.
Doch wünschen mag ich noch: der große wunder-mann,
Durch den die erde muss in ihrem wesen schweben,
Durch den der himmel muss sich in die höh erheben,
Hat offt dem wünschen krafft und fortgang zugethan.
Was wünsch ich aber ihr, das gut vor sie und mich
Und nicht vergänglich sey, das iede zeit für sich
Und nicht durch fremde gunst beständig könne werden?
Wer achtet, was die zeit, was seuch und räuber nimmt,
Was seinem untergang, indem es wächst, bestimmt?
Wenn Gott uns zweyen nur wolt einen geist bescheren.
(S. 197)
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LXXI.
An Clelien

Zeit, mehr denn über zeit, die brüste zu verdecken,
Indem der jahre reiff sich an die schläffe, legt.
Deckt zu, was grauen, hass und keine luist erregt!
Verdeckt, vor was ihr selbst (beschaut euch!) musst erschrecken!
Der rosen schnee ist weg, versteckt die dörren hecken!
Ob Chloris, ob Dian nacht einzuziehen pflegt,
Stehts dennoch der nicht an, die nichts als knochen trägt,
Gehüllt in schrumpffend fell voll schwärtzlich-gelber flecken.
Legt ein! eur marckt ist aus; schließt kram und laden zu!
Fragt nicht, was lieben sey! denckt an die lange ruh!
Doch nein! was fällt mir ein? entblößet hals und brüste!
Entdeckt (damit ihr noch was nützet auf der welt),
Wie seuch und lange zeit und schminck hab euch verstellt!
Dämpfft durch diß fremde bild der tollen jugend lüste!
(S. 197-198)
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ODEN
Das dritte Buch
NOBILISS. DOCTISSIMOQUE DOMINO
JOHANNI FABIANO VECHNERO,
AFFINI ET AMICO INTERGERRIMO


XI.
Fortis ut mors dilectio
Auff seine und seiner ehegeliebten vermählung

I.
Reine lieb' ists, die nichts zwinget,
Ob der erden abgrund kracht,
Ob durch schwartze lüffte dringet
Der entbrandten strahlen-macht.
Keiner thaten wunder-wercke
Dämpffen treuer liebe stärcke.

2. Spannt der tod schon seinen bogen,
Steckt er trauer-fackeln an,
Sie hat ihre sehn gezogen,
Der nichts widerstehen kan.
Ihre gluth brennt, wenn wir erden
Und zur handvoll aschen werden.

3. Wenn die hölle sich erschüttert
Und mit ach und folter schreckt,
Und der ängsten angst sich wüttert,
Wird ihr eyver mehr entsteckt.
Lieb ist nichts denn glut und flammen,
Wie Gott licht und feur zusammen.

4. Lasst die stoltzen wellen toben!
Schäumt ihr meere! braust und schmeißt!
Wenn der strenge nord von oben
In des saltzes täuff einreift!
Wird doch wind und wassers kämpffen
Nicht den brand der liebe dämpffen.

5. Lieb ist, der nichts gleich zu schätzen,
Wenn man alles gold der welt
Gleich wollt' auf die wage setzen.
Lieb ist, die den ausschlag hält;
Lieb ist trotz der silber-hauffen
Nur durch liebe zuerkauffen.
(S. 280-281)
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XII.
Was Gott zusammen füget, soll niemand scheiden

Halleluja!
1. Chor.
Keusche seelen! die durch liebe
Gott, die liebe selbst, verband,
Nicht nur eines menschen hand,
Dass kein unmuth euch betrübe,
Beyde liebt in einem geist
Gott, und was Gott lieben heißt!

Gegen-chor.
Was der höchste wil verbinden,
Muss sich treu verbunden finden;
Ob gleich höll und teuffel neiden,
Die Gott band, kan niemand scheiden.

2. Chor.
Was kan solch ein paar verletzen,
Das Gott um und bey sich hat,
Der aus lieb ein kreutz betrat?
Wer wil die nicht selig schätzen,
Die in keuscher eh' erkänt,
Wie heiß Gottes hertz entbränt!

Gegen-chor.
Was der himmel, etc.

3. Chor.
Friede muss bey liebe blühen;
Wo der fried ist, muss das leid
Weichen süßer fröligkeit;
Wo die freude wil einziehen,
Stellt die erd' uns schon allhier
Ew'ger wollust vorspiel für.

Gegen-chor.
Was der himmel, etc.

4. Chor.
Alles, was die welt uns schencket,
Nimmt die welt, wenn wir hingehen;
Liebe nur bleibt ewig stehn.
Lieb' ist, die kein sterben kräncket,
Liebe bricht durch grab und tod,
Liebe tritt mit uns für Gott.

Gegen-chor.
Was himmel, etc.
Hallelua!
(S. 281-282)
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EPIGRAMMATA
ODER
BEY-SCHRIFTEN
Das zweite Buch



29. An Eugenien. B. 34.

Fragt ihr, warum ich erbleiche? habt ihr diß nicht längst vermuthet,
Dass ich blass sey, weil mir täglich mein verwundtes hertze blutet?
(S. 397)
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31. An Eugenien. B. 35.

Den spiegel schenck ich euch, o spiegel höchster zucht!
In dem ihr schauen mögt, was ich bissher gesucht.
Kan iemand euch was mehr, wohl-edle jungfrau! geben,
Als diß, in dem ihr euch seht gehn und stehn und leben?
Doch könnt ihr, wenn ihr gebt, was ich so hoch begehrt,
Mir geben, was in euch mir doppelt mich gewährt.
(S. 397)
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32. Auf die von Eugenien übersendete früchte. B. 36.

Ich hab, Eugenie! weil mich die herbe macht
Der feber itzt verzehrt, an keine zeit gedacht.
Ich weiß nicht, ob die welt so herben winter kenne.
Ich weiß nicht, ob mich bald seuch oder sommer brenne.
Eugenie! damit ich nicht mehr dörffe fragen,
Heist ihr den gantzen herbst in meine kammer tragen.
(S. 397)
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34. Auf übersendete blumen, an Eugenien. B. 38.

Ihr schenckt, Eugenie! mir fremden tulipan,
Granat und gelsemin und rosen und meyran,
Und was von blumen nur bey iemand zu erfragen,
Und wolt mir eine blum ohn unterlass versagen?
(S. 398)
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ANDREÆ GRYPHII
HOCHZEIT-GEDICHTE


Traum-gesichte auf ein hochadliches beylager

Glaubts, dass der schwere leib der seelen kercker sei!
Wann dieser sich nicht rührt, bricht sie die band entzwey;
Wann er die augen schleust, erkühnt sie sich zu sehen,
Was längst die zeit verzehrt, was künfftig wird geschehen,
Was itzt der himmel schleust. Als neulichst ich die nacht
Voll schmertzen sonder schlaff mit kummer durch gewacht,
Befiel, da Eos schon sich, uns zu grüßen, schickte,
Mich eine kurtze rast, die mein gemüth erquickte
(Wofern es ruhen heißt, wenn Morpheus uns bestrahlt
Und dem bestürtzten sinn bald diß bald das fürmahlt).
Mich daucht, ich irt allein auf einer wüsten auen,
Auf welcher rauher dorn' und disteln nur zu schauen.
Der herbst (der fast hinweg) hatt' in der wälder pracht
Mit sturm und rauher lufft und reiffen sich gemacht;
Die lufft war nebel voll und schwartz von schweren dämpffen;
Ich hörte nord und west mit ost und suden kämpffen;
Die äste stunden kahl, das falbe graß erstarb,
In dem der gärte schmuck mit gelber todten-farb
Verstellt und überdeckt. Ach! was ist hier zu finden,
Schrie ich, das mit der zeit nicht scheiden muss und schwinden?
Indem ich um mich schaut, befand ich, dass das feld
Ein holdreich ackermann mit höchstem fleiß bestelt.
Ich sprach ihn kühnlich an, fragt, was er da begönnte,
Ob von so rauer müh' er auch was hoffen könte?
Ja, sagt er, freylich viel; wo disteln itzt auffgehn,
Wird ein oliven-berg in kurtzen tagen stehn.
Ach armer! fieng ich an, eh hier ein obst wird reiffen,
Eh wirst du mit der faust die hohen stern ergreiffen
Bedencke doch! das jahr laufft nunmehr fast zu end,
Auch wil die feist oliv ein fruchtbarer gewend.
Wo Pad, wo Tagus strömt, wo sich der Arn' ergossen
Und wo der Tyber flut durch berg und thal geschossen,
Da setzt man Pallas baum. Die Oder und diß land
Sind, glaub es mir, zu streng vor ein so hohes pfand.
Gesetzt, es möcht auch dir der schöne stam bekleiben,
Wie lange wird er wol bey nahem winter bleiben?
Ach! rieff er, freund! du wirst und gibst es zu verstehn,
Dass du nicht recht gelehrt, mit pflantzen umzugehn
Es hat Minerva sieh so hoch in uns verliebet,
Dass sie auf jene reich' anietzt so viel nicht giebet.
Und dünckt dich dieses frembd', als wenn es unerhört,
Dass man in Pallas stadt nicht mehr die Pallas ehrt?
Meinst du, dass sie anietzt noch in Athen sich finde,
Dass sie in westen nur zu wohnen sich verbinde?
Nein warlich! dencke nach und antwort', es ist frey,
Ob denn in Budorig anietzt kein Solon sey?
Hat jener wol Athen aus größer noth gerissen,
Da er die wucherbänck und schuld-tisch' umgeschmissen,
Als dieser Lugidun? Da steht ein weiser mann,
Wo er in schärffster noth durch klugheit retten kan
Wo er zu rathen weiß zu seines fürsten besten
Und, was schon in dem fall, mag durch verstand befesten.
Wahr ists, ich geb es nach; doch, sprach ich, es gescheh,
Dass man die neu oliv' auf diesen feldern seh,
Wie wissen wir, ob sie auch werd allhier bekleiben?
Nimm du, was daurhafft ist! sprach er, so wird es bleiben.
Wer berg' anbauen wil, sucht holtz von guter art,
Das, ob der donner sich mit lichten blitzen part,
Auf keine stürme gibt, das durch den winter lebet
Und sich durch inn're kräfft in schwerster zeit erhebet
Und liebe früchte trägt, durch die das hertz erquickt,
Wann auch der himmel zorn' rauh neu anfechtung schickt.
Ich stund es alles zu, nur eins noch wolt ich fragen:
Du weist, es eilt die sonn anietzt berg-ab zu jagen;
Der schwartze scorpion steckt schon die scheren aus
Und träuffelt blasse gifft auf wald, auf feld, auf haus.
Wann noch die jungfrau sich wolt um den himmel schwingen,
So könte deine müh und arbeit mehr einbringen,
Mehr, wenn des frühlings zier die süßen lüffte regt
Und der verneuten welt hoch schwangre schooß bewegt.
Nein, fuhr er weiter fort, wofern es nicht soll fehlen,
Muss man gewisse tag' und nicht den frühling wehlen;
Hierauf besteht die kunst. Es ist kein besser licht,
Als diß, das heut erscheint, das lange jahr durch nicht
Zu solchem garten-bau. Kaum hat er so beschlossen,
Als durch den gantzen berg viel ölbäum auffgeschossen
Mit lebenreicher frucht. Der grund schien eine wiß,
Der ort ein wunder pusch und irrdisch paradiß.
Ach! rieff ich, selig ist, der hier wird wohnen können,
O selig der, dem Gott wird diese last vergönnen!
Blüh ewig, schönster berg! es blüh dein ackermann,
Er schaue deine frucht von wunder starrend an!
Es lebe jener baum, von dem da ab bist kommen!
Der friede, der dich selbst in seinen schutz genommen,
Umzäune dein gefild! es wachse sonder ziel,
Wer dein gedeyen sucht und stets dein bestes wil!
Mit diesem wort entriss ich mich des schlaffes banden
Und schau, es waren brieff, o wunder ding! vorhanden,
Hoch-edler Greiffenstern, dass sein Eleonor,
Das kind, das schönheit ihr zum ebenbild erkohr,
Der jungfern blum und ruhm, mit keuscher glut entzündet
Sich zu dem braut-altar und ehrenbett einfindet.
Und bild ich mir noch ein, dass träume nichts, als tand?
Nein, warlich, solche träum erleutern den verstand!
Ich weiß, dass, wer nur recht wird träum auslegen können,
Das höchst erfreut mit mir muss seiner tochter gönnen,
Was ihre tugend heischt und durch ein nacht-gesicht
Uns du vergängnis zeigt und sonder falsch verspricht.
(S. 528-531)
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Sonnen-kreiß auf ein adeliches beylager
Beantwortung des hochzeit-briefes

Ich wünsch es, ja, ich wil und bin bereit, zu kommen,
Wohin ihr freunde rufft. Doch was ich vorgenommen,
Missgönnt mir glück und zeit,
Die leider mich zu eng' in rauhe schrancken zwinget
Und als in vollem sturm durch thür und fenster dringet
Mit widerwärtigkeit.
Ich miss' euch dann anitzt, ihr lieben angesichter,
Iedoch nicht euren geist, ihr, meiner seelen lichter,
Der in dem hertzen lebt,
Unangesehn diß hertz bey so verwirrten sachen
Verzweiffelnd, was zu erst und was zuletzt zu machen,
In grimmem kummer schwebt.
Wenn mein verhängnis mich allhier nicht angebunden,
Hätt ich auf einen tag euch all' ergetzt gefunden
In eines freundes haus.
Voran herr Leuenburg, ihn, der dein, der ihn liebet
Und itzund ehrt, sein kind, die werthe seele, giebet.
Gott schlägt mein wünschen aus.
Es hätte zweiffels ohn gelegenheit gegeben,
Den tapffern bräutigam bey diesem neuen leben
In neuer lust zu sehn.
Vielleicht hätt ich die braut, die itzt ein hohes waget
Und sich was untersteht, (doch in geheim) gefraget,
Wie ihr doch sey geschehn,
Bis Hoffmannswaldaus mund die sinnen mir entzücket,
Der nichts denn wunder spricht, bis Mudrach mich berücket
Durch unverdiente gunst.
Vielleicht dörfft auch wol Pein sich in den ort einfinden,
O Leitstern letzter zeit! lind mich auffs neu verbinden
Durch treffligkeit und kunst.
Ich weiß, mein Sebisch selbst, der ausbund höchster  sachen,
Wird, ob ers nicht gewohnt, sich doch hier fröhlich machen,
Noch indenck jener nacht,
Da wir, in lauter lust und wonne fast versuncken,
Die blum des besten weine aus gold und einhorn truncken
Und, was uns kränckt, verlacht.
Auch Fürst, der, wie ich hör, umsonst mich nechst gesuchet,
(Wie offt hab ich den tag, den schlimmen tag, verfluchet!)
Nehm' itzt mein unschuld an!
Nun, weil mir nicht erlaubt, der freude zu geniessen,
Soll doch, hochedle braut! sie meinen wunsch nicht missen.
Der himmel steh es zu
Und gönn ihr lange jahr und selbst begehrte zeiten!
Er lasse sie mit glück des bräutgams haus beschreiten
Und schenck ihr lust und ruh!
Er lasse sie nun ehst und öffters mutter werden!
Es steig und wache ihr haus zu ruhm und zier der erden
Und zu des höchsten ehr!
Es müsse Haunolds geist in ihrem hertzen leben,
Ihr seelchen müss allein in seinem hertzen schweben!
Lebt, blüht iemehr und mehr!
Herr bräutgam! ihr habt schon, was ich euch wünschen  wollte;
So bin ich auch nicht der, der euch viel lehren solte,
Doch, nachbar, mit bedacht,
Nicht hitzig, nicht zu lind! und also wirds gelingen,
Das mittel ist doch stets das best in allen dingen,
Und hiermit gute nacht!
(S. 531-534)
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Sonnen-kreyß

So gehts nunmehr mit ihr auch auf die sonnenwende
Und laufft ihr frühling schon, wol-edle braut, zu ende?
So ists; der hohe sinn, an dem nichts irrdisch war,
Die tugend, der verstand, die weisheit zarter jahr
Folgt seinem himmel nach. Die rosen schönster wangen
Und lilien des gesichts sind nicht nur auffgegangen
Zu zier der schnellen zeit, der eltern kurtzer lust,
Nein, das Verhängnis, dem des höchsten sinn bewust,
Führt seinen anschlag aus und wil, o blum der erden!
Sie soll nunmehr vermehrt und glücklich fruchtbar werden,
Dass sie der mutter geist mit neuer wonn ergetz'
Und auf des vatern schoß ihr erstes kunst-stück setz,
Dass sie die schönste stadt (so viel an ihr) vermehre
Und Gottes lust-haus selbst mit neuen blüthen ehre.
Und starren wir noch hier und ruffen nicht glück zu?
Muss gleich der eltern hof, der sitz der ersten ruh,
Anitzt verlassen seyn, hat man nicht offt gewonnen
Durch scheiden, durch verlust? Ich hab, o bild der sonnen!
In ihrer keuschheit schnee sie als ein lamb geschaut;
Sie hat dem höchsten sich zu opffer anvertraut
Und auf die heilge gluth, die seine brunst erreget,
Ihr alles und sich gantz freywilligst hingeleget.
O prächtigstes geschenck, das einig Gott geziemt,
Das er vor Salomons viel tausend stieren rühmt!
Itzt schafft er, dass sie sich mit menschen treu verbinde
Und mehr denn brüder-hold ins liebsten armen finde.
Ein ander poch' auf gunst und was man freundschafft nennt!
Wie schnell und offt und leicht ist band und bund getrennt!
Gerühmte zwilling! ich lass andre von euch schreiben;
Kein bruder lässt sich itzt vors brudern heil entleiben,
Ein wahres ehgemahl hergegen lacht der noth
Und trotzt vor den mit ihm verknüpfften geist den tod.
Iedoch der himmel hör auf innerste begehren
Und schone, sie so rauh und unsanfft zu bewähren,
Ihr glück hergegen blüh' in unbewegtem stand
Und kenne keinen krebs! Doch sucht des höchsten hand
(Wie es, dieweil er uns lässt auf der welt ausüben,
Nicht wol kan anders seyn), sie etwa zu betrüben,
Dann dient ein löwen-muth, der, was uns schmertzt, verlacht
Und sich, dass ihn der kampff des creutzes würdig macht,
In höchster wonn erfreut. Ich schau die zeit ankommen,
Hoch-edle jungfrau braut, die, was ihr wird genommen,
(Wie hoch sie dieses pfand, den schatz, die blume liebt)
Aus unbefleckter eh mit wucher wieder giebt.
Mich dünckt, ich hör um sie viel kleiner jungfern singen,
Indem die brüderlin mit voller lust umspringen.
Hier gilt ein' unverfälscht' und gleich-gewogne gunst,
Sie leg auf gleiche schaal die mütterliche brunst
Und eh-verliebte treu! und weil die läster-zungen
Offt in der grimmen zeit die tugend selbst besprungen,
So lege sie dis werck, ja wörter, auf die wag!
Trotz dann dem, der von ihr nichts löblichs reden mag!
Rein' unschuld setzt den fuß auf schwartze scorpionen
Und steht doch unverletzt. Sie geht, wo drachen wohnen
Und höhnt ihr grünes gifft, tritt schlangenköpff entzwey,
Weiß, dass sie vor dein pfeil der höllen sicher sey.
Last lügner, last auf sie verleumder bogen spannen!
Umsonst, weil sie von sich, was unkeusch, weiß zu bannen,
Erbebt ein stinckend bock vor ihrer augen licht
Und prellt erschreckt zurück. Es schleust auch tugend nicht
Der milden quellen brunn. sie lässt die ströme fließen
Und reichlich, wo es lieb und noth heischt, sich ergießen
Und wässert sand und land, das, reich hierdurch ergetzt,
Was abging, tausendfach mit segens-frucht ersetzt.
Und ob der blasse tod auf kurtze zeit sie fället
(Den uns Egypten hat durch fische vorgestellet),
So weiß sie, dass, wenn hier ihr lebens-jahr zerrinn',
Sich dort ihr neuer lentz in ewigkeit beginn'.
Glück zu denn, neue sonn'! Es müsse dein bestrahlen
Des liebsten lange furcht mit neuer lust bezahlen!
Es strahle dein geschlecht fortan iemehr und mehr!
Es funkle deine zucht in tausendfacher ehr!
Schein und nimm keinmal ab! gläntz über unser hoffen
Und übertriff dich selbst, die nichts noch übertroffen!
Doch was die liebe wird auf deiner schoß auffziehn,
Sey edler noch als du, Maria Catharin!
(S. 534-536)
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Hochzeit-gedichte

Was kan der hohen krafft der liebe widerstehn?
Sie wird, mit macht und list verstärckt, zu felde gehn
Und, wenn du meynst, sie müss' als sterbend unterliegen,
Mit tausendfachem ruhm dem grimmsten feind obsiegen.
Bisher, hoch-edle braut! hat sie den pfeil verlacht,
Ob welchem manche bebt, sie hat den schatz verwacht,
Den Eros für und für bemüht ihr abzudringen,
Wie eifers-voll er auch gesucht, sie zu bespringen,
Doch gibt sie nunmehr nach. Es steh mir, schönste! frey,
Dass ich, auf was vor art er uberwinder sey,
Zu ihrer ehr' entdeck! Man hat sich nicht zu schämen,
Wenn man sich muss zuletzt, iedoch mit ruhm, bequemen.
Er sprach sie, keusche blum! anfangs in freundschaft an,
Einfältig als ein kind, das drey kaum zehlen kan,
Lobt ihrer stirnen pracht, die gluth entbrannter wangen,
Gab vor, wie durch ihr wort sein schmachtend hertz gefangen.
Wie? solt ich sonder dich, du wunder deiner zeit!
(So sagt er) mich verteufft in grause traurigkeit,
Verwirrt und einsam sehn ? Nein, ich wil um dich bleiben,
Mich soll von dir kein fall, kein sturm, kein unlust treiben.
Diß heist des himmels schluss, der mich dir übergiebt.
Ists fremde, wenn ein kind sein holde schwester liebt?
Ich bin dein bruder ja. Schau', ob nicht dein gesichte
Durchaus dem meinen gleich, ob nicht mit einem lichte
Mein und dein auge strahl, ob eine freundligkeit
Nicht beyder eigen sey, ob nicht verschwiegenheit
So dir als mir ansteh! Du pflegst dich zu ergetzen
Mit lilien, hab ich nicht stets rosen auffzusetzen?
Ich heiß auch recht wie du. Man nennt dich ja von Pein;
Ich soll, so wie man sagt, ein lieblich leiden seyn
Und bitter-süßer schmertz. Aus, rieff sie, mit den träumen!
Solt ich mein sauber hertz der schlauen lieb einräumen?
Nein, warlich, stracks von hier! was ist der glieder blum,
Wofern sie keuschheit nicht in unbeflecktem ruhm
Und stetem glantz erhält ? Solt ich dich bruder nennen,
Ich, die, was einsam, liebt und tugend nur wil kennen,
Weit über alle schätz? Dir steht gesellschafft an,
Die nichts als wollust sucht. Was mich vergnügen kan,
Stillt dein gemüthe nicht; du rühmst verstohlnes schweigen,
Ich die, die auch der welt darff ihr geheimnis zeigen
Und kein verläumden fürcht. Was ist dein rosen-strauch?
Ein spiegel deiner werck. Ists leider nicht dein brauch,
Dass du vor kurtze freud gibst ewig dornen-stechen?
Lass ietzt die morgen-sonn' aus ihrem zelt auffbrechen!
So schleust die zarte blum, beperlt mit edlem tau,
Die linden blätter auf; so bald die schmachtend au'
Den heißen mittag fühlt, läst sie das haupt schon sincken,
Und wenn der abend-stern der braunen nacht wil wincken,
Verfällt die welcke pracht der knospen in den sand.
Die lilie trotzt die zeit, sie ist der hoffnung pfand,
Sie bläht, dafern sie gleich längst von dem stamm  geschnitten.
Ein unversehrtes hertz verlacht der zeiten wütten
Und grünt auch in der grufft. Hier ist der laster pein,
Du bist der saubren angst. Wie (fiel die lieb ihr ein)
Darffst du dich unterstehn, die götter selbst zu pochen?
Doch lass ich diesen schimpff, den frevel ungerochen,
So sey es meine schuld! und eh sie sichs versah,
Kam ihr das schlimme kind mit tausend rosen nah,
In die es (denckt, was list!) bey noch kaum lichten morgen
Viel bienen zu dem zweck in höchster eil verborgen,
Viel bienen, die es noch durch ungemeine gifft,
Gewaffnet und erhitzt, die, wenn der stachel trifft,
Ein unerhörte glut in hertz und seel erregen
Und vorsatz und vernunfft verkehren und bewegen.
Indem er zu dem wurff mit ieder faust bereit,
Rieff unsre Peinin laut: Es ist nicht spielens zeit,
Komm, weil es fechtens gilt! Sie eilt ihm einzulauffen
Und schmiss mit lilien zu, in dem er über hauffen
Durch ihren anstoß fiel. Der bienen grimme schaar
Die lilien nicht verträgt, schwermt um sein gelbes haar
Und floh der Peinin blum. Auch ists nicht neu, zu hören,
Dass bienen iederzeit die keuschen jungfern ehren.
Indessen setzten sie dem armen Eros zu,
Der, was er jagen mocht, zu suchen rath und ruh,
Als halb verzweiffelnd sprang; er zuckt, er ruckt, er streckte
Arm, schenckel, brust und knie, bis eine wolck' ihn deckte
Und in die lufft hinführt. Die stiche schmertzten sehr,
Iedoch der harte schimpff schmertzt ihn noch dreymal mehr.
Nachdem der erste kampff so übel ihm geglücket
Und er in eigne garn verwickelt und verstricket,
Dacht er auf neue rach und hieng den köcher an,
Ergrieff den pfeil, dem kaum was widerfahren kan.
Die fackel in der hand schien hitziger zu brennen
Und gab den innern grimm des meisters zu erkennen;
Sie funckte, strahlt und spritzt, wie wenn die wunderglut
Der künstler um sich stöst und trotz der kalten flut
In feuchtem wasser kracht. Er war mit glantz umfangen,
Der ungeheure zorn spielt auf den schönen wangen
In eyver-vollem blut. Alsbald er ihr erschien,
Da fiel sein grausam ernst und frecher trotz dahin.
Er fand die edle nymf, als ob sie sein begehret;
Ihr recht und lincker arm war gantz mit ertz bewehret,
Gewaffnet und bedeckt, der (was er härter scheut)
Mit streit-kolb seinem kopff und hammer-hacken dräut.
Wie? dacht er, ich bin nackt, sie ist in stahl verschlossen,
Mein pfeil lauff nach dem glück! doch wo ich feil geschossen,
Weh mir! so ists geschehn; drum besser nicht gewagt.
Wer nicht zu frech auffsetzt, hat nie verlust geklagt.
Man muss den fuchs-balg doch der löwen-haut annehen.
Diß schloß er und gieng durch, als ob er nichts gesehen,
Als ob er weder nymf noch waffen hätt erkennt.
So streicht manch schnarcher offt, der gantz in wahnwitz  brennt,
Wenn der behertzte feind bloß auf dein feld erscheinet
Und recht sein gegentheil mit muth und degen meinet.
Gebt acht, die ihr der macht und frechem trotz entgeht!
Durch list fällt mancher um, der vor den tartschen steht.
Es war nun um die zeit, in der mit letztem wütten
Der winter schlossen, schnee und frost pflegt auszuschütten
Und von dem rauhen nord die götter kalter lufft,
Der scharffen winde grimm zu seinem beystand rufft.
Wer weis' ist und wer kan, sucht, diesen sturm zu meyden,
Läst äcker, fleucht das feld, hasst straßen, scheut die heyden,
Verschleust sich in sein haus und kiest gewüntschte gäst
Zu einem lichten herd und treuen freuden-fest.
Er gönnt der tollen schaar ihr volles fastnacht-prassen,
Wenn er die um sich sieht, die, was nicht redlich, hassen.
Vor diese spart er nichts und schafft, was mangelt, ein,
Denn wer hier kargt, muss nicht des lebens würdig seyn.
Mein werther freund, herr Pein, hat eben sich entschlossen,
Zu folgen diesem brauch, eh noch der tag verflossen.
Drum (ob sein volles haus und keller gleich bestellt)
Sucht er doch mehr und mehr und wilpret auf dem feld
Und schnecken in dem sand und austern bey den Welschen
Und zucker, welcher nicht die speisen kan verfälschen.
Man hieb stracks auf sein wort das eiß der teich' entzwey,
Da gabs den augenblick die schönste fischerey.
Vor zeiten, da die schaar der toll gehirnten risen
Den göttern schimpff auf schimpff und trotz auf hohn erwiesen
Und die geschreckte rey fast aus dem himmel jagt,
Hat, was nicht streitbar war und bey den stürmen zagt,
In thiere sich verstellt, auf erden sich begeben,
Auch etwan durch die lufft und see gesucht zu schweben,
Inmassen Venus selbst dar als ein fisch entkam
Und Eros gleichen schein auf kurtze zeit annahm.
Von dar an hat ihm diß verwandeln offt beliebet,
Er hat manch bubenstück in der gestalt verübet.
Diß wagt er auch auf heut. Er eilet in die flut,
Da spielt' er um die netz' und sprang mit frechem muth
Leichtfertig in die garn und, dass er uns verführet,
Hat er zwey großer hecht' auch wie sich ausgezieret.
Man zog nicht sonder müh den reichen fang zu land
Und schüttelte den raub auf den beeisten strand.
Hier sah man aal und welß und auserlesne schmerlen
Und perßken, meine lust, und köstliche forellen,
Auch karpffen, barben, hecht und lachs, die zier der tisch.
Vor andern funden sich die dreyen wunder-fisch,
Der wasser neu geschenck, des Eros sein verblenden.
Das haupt schien gelblich-roth, die floss' an ieden enden
Aus röthlich silber-farb, der schupen dichte rey
Kam (was schier unerhört) dem schönsten scharlach bey;
Der leib war sonst gestalt nach wesen der murenen.
Man starrt ob dieser art, man eilte nach der schönen
Und bracht ihr diß geschenck, das sie voll freud empfieng,
Ach! aber die auf leid und schmertzlich angst ausgieng,
Denn als sie sich erkühnt, die federn anzurühren,
Ließ Eros seine gifft und scharffe stacheln spühren
Und ritzt die zarte faust mehr fast, als Peterman,
Der dort in Batos land die fischer tödten kann.
Sie schrie und Eros gab in eil sich zu erkennen
Und lacht in seine faust. Sie fühlt ihr hertz entbrennen,
Der fische dunst verging. Sie sanck in tieffste noth
Und wünschte, diesen schmertz zu enden durch den tod,
Bis Aphrodite sich mitleidend ließ bewegen.
Die hieß drey gleiche fisch auf ihre wunde legen,
Welch' ihr sie selber gab, zu lindern solche pein,
Die niemals von grund aus recht soll zu heilen seyn.
(S. 536-541)
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Hirten-gespräch auf eine hochzeit

Thyrsis. Dameta, fehlt dir was? wie siehst du so betrübet?
Dametes. Mir fehlt nur mehr, denn viel; mich dünckt, ich sey verliebet.
T. Das lasse Pan nicht zu! weich ubel steckt dich an?
D. Der muss ein unmensch seyn, der nun nicht lieben kan.
T. Diß wort schmeckt lauter gifft, die greifft dir nach dem hertzen.
D. Mein Thyrsis! ich vergeh' in bitter-süßen schmertzen.
T. Sprich ärtzt' um mittel an, versäume keine zeit!
D. Die kräuter lindern nicht der plagen hefftigkeit.
T. So wilt du sonder rat in deinem wahnwitz sterben?
D. Ein mittel weiß ich noch; ach wär' es zu erwerben!
T. Zwölff schaafe setz' ich drauf, wo ich dich retten kan.
D. Ach! blickte Charis mich nur etwas freundlich an!
T. Diß mittel ist fürwahr weit ärger, als dein leiden.
D. Hilfft Charis nicht, so muss ich welt und leben meiden.
T. Begehrst du denn ein weib, ein lebend creutz ins haus?
D. Diß creutz alleine jagt die bösen geister aus,
T. Dafern man gläubt, dass arg mit argern zu vertreiben.
D. Was gut, gesellet sich; arg muss alleine bleiben.
T. Eh ich ein weib begehr', eh wüntsch' ich mir den tod,
D. Und ich find' ohne weib mich in der höchsten noth.
T. Wie schwer ists, wenn man sol der jungfern gunst  erbitten!
D. Ie fester eine burg, ie stärcker sie bestritten.
T. Was hilfft es, wenn man sie bestritten sonder frucht?
D. Man fängt die hinde nicht, als auf gejagter flucht.
T. Solt' ich so lange zeit der stoltzen güte dienen?
D. Solt' ich, wenn ich verliebt, zu schlaffen mich erkühn
T. Wo aber denckst du hin? Hier taugt dein singen nicht.
D. Die Musen geben mir, was andern noch gebricht.
T. Ach, armer! ach, hier gilt kein juncker von der feder.
D. Man legt nach langem krieg das eisen von dem leder.
T. Die spörner klingen nicht wie Peruaner gold.
D. Dis zehlt mein Daphnis nicht; doch werd' ihm Chloris  hold!
T. Ja, Chloris in dem stück hat aus der art geschlagen.
D. Es geh mir, wie es geh! ich wil es einmahl wagen.
T. Wofern du wagen hast, die mit vier rossen gehen.
D. Als musst' ein iedes haus voll woll' und leinwand stehn.
T. Wo aber ziehst du hin, nach osten oder westen?
D. Ich wehle hier und dar und ziele nach der besten.
T. Der besten, wie du meinst, doch wehle mit bedacht!
D. Die mich bey tag' erquickt und frölich sei bei nacht.
T. Du sitzest unten an, wo sie von höherm blute.
D. Ich liebe die, von der ich nicht den wahn vermuthe.
T. Die man für schöne schätzt, kennt ihrer farben preiß.
D. Seh' ich was hesslichs an, so schwitz' ich kalten schweiß.
T. Geberden können offt, was hässlich, schöne machen.
D. Die hässlich, würde sich bey mir nicht schöne lachen.
T. Ich fragte mehr vor mich nach frommer eltern kind.
D. Wär' es nicht selber fromm, ist jener fromm-seyn wind.
T. Die muss ja züchtig seyn, die züchtig ist gezeuget.
D. Mein wehrter hertzens-freund, auch diese regel treuget.
T. Du lobst denn, die man hat verzettelt auf dem heu?
D. Die gibt für gleiches vieh ein' angenehme streu.
T. Die jungfern können itzt wol ander unterstreuen.
D. Die zuviel unterstreut, wird endlich ochsen treuen.
T. Die weissen sind offt sieh, wenn sie nicht stets purgiert.
D. Bey schwartzen würde mir viel seiffen-geld verschmiert.
T. Ein leib, der braun und starck, kan starcke püffe tragen.
D. Du denckst, ich werde mich als wie mit hunden schlagen?
T. Kein esel, glock und weib sind sonder schläge gut.
D. Der muss ein esel seyn, wer tobt auf frauen-blut.
T. Nimm eine zarte denn! die darffst du nicht berühren.
D. Nürnberger gut läst sich auf alle märckte führen.
T. Ich hielte viel von der, die tugend schweigen lehrt.
D. Was nützte mir der block, der keinmahl wird gehört?
T. Ich kenne manche wohl, die gantze monden brummen.
D. Ich kenne manche wohl, die auf ein jahr verstummen.
T. Nimm einen hasel-ast, der ist dafür bewehrt,
D. Wie Lycas, der das haus mit seinem weibe kehrt.
T. So kan sie zu dem schatz das besemgeld erspahren.
D. Ihr geld wird ohne diß für tausend teuffel fahren.
T. Wir kommen von dem zweck. Man sagt, wer hält, der  hegt.
D. Nur dass man nicht der magd vors brodt drey schlösser legt.
T. Soll eine reiche dich mit ihren gülden laben?
D. Die schätz' ich, die vergnügt und mich allein wil haben.
T. Die weisheit kommt was hoch. Soll sie denn lustig seyn?
D. Ein immer-traurig weib ist wie versaurter wein.
T. Ich kenne, die verstehn, wie die claviere klingen,
D. Die können mit der zeit ein ninno Josephs singen.
T6. Und denen Aretin und Francion bekannt.
D. Die sind zu klug, mein freund, vor mich und meinen stand.
T. Dürfft' ein' auf gute treu sich dir wol selbst anbieten?
D. Der wäre wol der kopff gespalten in der mitten.
T. Was rath denn, wenn sie dir stets ihren kram versagt?
D. Denn Liese gute nacht! und Sylvia gefragt.
T. Wenn sich der zeug verliegt, pflegt man bald  loßzuschlagen
D. Die zu viel jahre zehlt, weiß gar zu viel zu sagen.
T. Was weiß ein kindisch kind, das noch mit tocken laufft?
D. Was unreiff, acht ich nicht, was faul, wird nicht verkaufft.
T. Bey wittben findet man bestellte küch' und keller
D. Man freyt die wittben wol, man freyt auch ihre heller.
T. Wird iemand drum verdacht? Sie sitzen warm und fest,
D. Zu fest auch wol für mich, die erste treu die best.
T. Sie leben bey verstand und haben was erfahren,
D. Gott woll' uns für und für vor dem verstand bewahren!
T. So taugt dir keine nicht, die ihren mann beklagt?
D. Sie ehr' ich, doch ich lieb' ein unbefleckte magd.
T. Nimm, was du wilst! ich wil die zeit allein vertreiben.
D. So wilst du für und für ein vesper-knecht verbleiben?
T. Wer einsam ist, vertreibt die zeit in höchster ruh.
D. Wer so verschimmelt, bringt die zeit gar übel zu.
T. Verschimmel' ich, so putzt mich ab mit flederwischen!
D. Wohl mir, wenn, die mir lieb, wird meinen brand erfrischen
Man glaubt, dass um die zeit der heißen sonnen-wende
Der blätter grüne tracht an bäumen um sich kehr.
Ihr seht, dass eine frau itzt leid vor lust versende
Und Profin euer hertz vor Rüels grab begehr.
Drum kehrt den schluss euch um, zu leben stets allein,
Und sucht, mein freund! itzt mann, doch vater bald zu seyn!
(S. 541-544)
_____



Hochzeit-scherz

Freund der Musen und der meine,
Wunder dich nicht, dass ich weine
Und zu deinem hochzeit-leben
Dir nichts kan, als thränen geben!
Wunder dich nicht, dass ich weine,
Weil ichs recht von hertzen meine!
Wunder, dass mir hirn und lungen,
Nicht in stücken längst zu sprungen,
Wenn ich an die zeit gedencke,
Da wir hundert tausend schwäncke
(Hätt' uns einer sollen fehlen?)
Artig wussten zu erzehlen,
Da wir vier uns als verschworen
Durch erkennte treu' erkoren,
Alle lust zusammen setzten,
Auch in kummer offt ergötzten,
Wenn da in dein lieblich singen
Ließest alle seiten klingen,
Oder wenn um schlechte schätze
Flogen könig' auf die plätze,
Bis uns Daphnis ward entzücket,
Den Rosalie bestricket,
Die, um nur mit ihm zu leben,
Wolt' ihr vaterland aufgeben!
Durch ihn ließ in kurtzen zeiten
Sich auch Lucidor verleiten,
Lucidor, der seuchen zwingen
Und dem tod' uns ab kan dringen.
Nunmehr soll ich dich verlieren,
Ich, der letzte von den vieren,
Weil du in ein ehlich leben
Dich und fern von hier wilst geben.
Nunmehr ists um mich geschehen,
Weil ich dich nicht mehr kan sehen,
Weil ich nunmehr gantz verlassen
Pflaster tret' auf allen gassen.
Lieber! wen soll ich nun fragen,
Wem mein heimlich leiden klagen?
Wer kan mit nicht falschem hertzen
Mit mir reden, spielen, schertzen?
Daphnis, wenn ich ihn erreiche,
Scheint ihm mehr kaum selber gleiche,
Sitzt verbollwerckt, wie zu spüren,
Um und um mit rechts-papieren.
Da sind nichts denn müh und sorgen,
Wenn bey noch nicht lichten morgen
Man auf alle thüren klopftet
Und die hand voll brieff ihmn stopffet.
Lucidor irrt mit gedancken
Hier und dar um lauter krancken,
Die mit schicken, klagen, pochen
Offt ihm nacht und schlaff gebrochen.
Der wil diß, das jener haben;
Wenn man den schier wil begraben,
Rufft er, ob es gleich zu späte:
Lauff zum artzt, lauff, liebste Cäte!
Alsdenn soll er die erhalten,
Die vor gänse ließen walten
Und bey wilder wetschen trachten
Sich zum tügen lustig machten.
Und da er mich solt' erquicken,
Musst' er in die grube schicken,
Was er mehr, denn sich, geliebet
Und ihn tödtlich ietzt betrübet.
Freund der Musen und der meine!
Siehstu denn, dass ich alleine
Muss den kopff als gantz verlassen
Mit gestützten armen fassen?
Aber, doch wie solt' ich können
Deine wollust dir missgönnen?
Auf denn, auf! und lass dich hören
Deiner wehrten braut zu ehren!
Also nicht zu viel von rechten,
Haben codex nie gelesen,
Noch was corpus sey gewesen.
Canon schreckt sie, die decrete
Machen ihnen plotze röthe,
Wil man von vaganten sagen,
So erweckt man nichts, denn klagen.
Ihre spiegel und der Sachsen
Werden nicht zusammen wachsen.
Besser kanstu auf der pfeiffen
Deiner braut ein stücklein greiffen,
Oder durch den zwang der saiten
Sie zu neuer wonne leiten.
Wil sie dir die bälge führen,
So wird dein regal sich rühren
Und so wunder-lieblich klingen,
Bis man nino drein wird singen,
Bis du kriegen wirst geferten,
Her zu machen zwölff concerten.
(S. 544-547)
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Auf herren George Fehlaus hochzeit

Ihr steht, herr Felau, mir noch täglich im gesicht,
Ihr redlich-treuer freund! das bild erstirbet nicht,
Weil etwas in mir lebt, das ihr mir eingedrücket,
Da ihr beym abschied mich so thränend angeblicket
Voll lieb und heißer angst, als mich die zeit hinrieß
Und ich in Straßburg euch mit mir noch einem ließ,
Zu Straßburg, da uns offt so manche schöne stunde
Ein rein gespräch ergötzt, wann aus Dannhauers munde
Ein reiff gelehrter spruch mit meiner meinung stritt
Und ich zuletzt bewegt von meinem vorsatz glitt,
Da der so wehrte Dorsch, der mann voll hoher sinnen,
Uns wolt' in seinem hof offt eine freude gönnen,
Wenn er der bücher schatz so willig uns entschloß
Und (was noch dreymahl mehr) gab seine seele bloß
Und in dem augenblick aus schrifften aller zeiten
Befestete den grund der wahren ewigkeiten,
Da der gerechte Bick die sinnen mir bestrickt
Und offt mein traurig hertz mit seinem trost erquickt.
Nach diesem (wie uns dar schier ein gestirn verbunden)
Hat ein verhängnis uns doch weit getrennt gefunden.
Mich, ob ein fremder wohl, ich weiß nicht wohin, weiß,
Ob ich von freunden auch mir manches rathen ließ,
Hat doch ins vaterland der höchste wollen holen,
Da mir bis noch ein schiff zu führen anbefohlen,
Das hin und wieder kracht und offtmahls wellen trinckt,
Offt in dem rauhen sturm vor aller augen sinckt,
Doch wieder sich erhebt und trotzt der klippen rasen,
Wenn Gott den westwind heißt dem nord zum abzug blasen.
Euch rufft' eu'r Dantzig heim, da euch das schiff vertraut,
Das zu der menschen heil der zweyfe Noah baut
Und nicht zuscheitern läst, ob schon die lüffte blitzen
Und seiten-brett und kiel auf steilen felsen ritzen.
Mir bot Rosalie die unbefleckte hand,
Als die geburts-stadt euch holt aus der fremden sand.
Ietzt, nun sie meine furcht mit einem sohn' erfreuet,
Wird euch ein keusches bild nach eurem wuntsch getreuet.
Das bleib' euch ewig treu, der ihr so treulich liebt!
Der höchste, der mir ietzt zu meiner wonne gibt
Die angenehme post von eurem, heyraths-glücke,
Gönn' euch, was mir, und mehr! und nur noch eins: er schicke
(Ists möglich, ehe mich die Parce scheiden heist)
Uns beyden einen tag, in welchem beyder geist
Sich über beyder freud (was solt' ich höher schätzen?)
Sich gegenwärtig mög' ohn' alles leyd ergötzen!
(S. 547-548)
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Hochzeit-scherz

Weil bey flammenreichen kriegen
Phœbus künste gar erliegen,
Hat sich unser freund bedacht
Und giebt büchern gute nacht.
Wer wolt auch wol hier studiren,
Wo man nur pflegt einzuführen
Leinwand, wolle, korn und maltz,
Ochsen, Grötzer bier und saltz?
Wie man mir gewiss wil sagen,
Hat sich noch für wenig tagen,
Der uns bücher trug hervor,
Weg gemacht durchs polnsche thor.
Weil er nichts, denn nur Donaten,
Büchlein, wie man ein soll rathen,
Eulen-spiegel, A B C
Hat verkauffet ie und eh,
Warum solte denn zum weben
Sich nicht unser freund begeben
(Wäben schafft uns brod ins haus,
Bücher kauffen trägt es raus),
Wenn zumahl der, der ihn lehret,
Wird von iederman geehret
Und die goldne kunst versteht,
Die da nicht nach brodte geht.
Kan es einer darzu bringen,
Dass er mag mit jungfern dingen,
Wie viel jahr er lernen soll,
Basta, der befindt sich wol.
Diß glück, hab ich recht vernommen,
Ist euch ietzt zu hause kommen,
Wehrter freund, mein ander hertz,
Offt mein trost in meinem schmertz!
Ey, greifft, weil sie kommt gefahren,
Die gelegenheit bey haaren!
Andre mögen müßig stehn,
Oder gassen treten gehn.
Schreckt nicht für den wäber-körben!
Wer was redlichs wil erwerben,
Trägt diß offt mit körben ein,
Was zu fudern kan gedeyn.
Wird, die euch soll unterrichten,
Können recht die werffte schlichten
Wird die schütz euch läuffig seyn,
Tragt ihr saubre faden ein.
Wenn auch das gezöh recht feste,
Ey, so webet ihr auffs beste
Bilder, vögel, see und rand
Trotz gevatter Grantzes hand.
Wolt ihr ausgelernet kriegen,
Wäbt ein kindlein in der wiegen.
Eine wöchnerin ins bett!
Loßgesagt geht ihr, ich wett.
(S. 549-550)
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Auf eines guten freundes hochzeit

Freund, der von jugend an und sonder falsch geliebt,
Wenn mir das glücke schien, wenn grimme noth betrübt,
Freund, der mich noch anitzt, nun alle fast verschwunden,
Mit welchen nahes blut und jahre mich verbunden,
Stets für den seinen schätzt, was hör ich von dir an?
Was redest du mit mir von einem tochter-mann?
Hat denn der himmel dich durch seuch und schwerdt vertrieben
Von Fraustadt, dass dein kind nur muss in Breslau lieben,
Was einst von Breslau kam? Welch wunder schau ich hier,
Welch umschweiff! Lissa1 liegt in asch und grauß vor mir,
Dir blüht es unverletzt und steckt mit süßem schertzen
Und edlem feuer an das hertz von deinem hertzen.
Ist dann das vaterland der keuschen gluth zu klein
Und soll die weite stadt der liebe schauplatz seyn,
Die welt-berühmte stadt, in der sich viel nicht schämen,
Die Gott und nechsten ehrt, in gunst mich anzunehmen,
Die größer, denn ich ie von iemand hoffen könt,
Der weit nach ihnen geht? Ja wol, der himmel gönnt
Diß nach so rauher zeit, nach schmertz, nach leid und leichen,
Nach deiner liebsten angst, nach schärffsten seelenstreichen,
Der frömmsten tochter bahr, nach deiner Freystadt fall,2
Nach Lissens3 grimmer gluth, nach Fraustadts todtenschall,
Nach der geschwinden gifft, die Glogau4 ausgeleeret,
Nach waffen, die die kirch und rahthaus umgekehret,
In Deutschlands schönstem ort5 dir, freund! den schönsten tag,
Der, wo er nicht durchaus dich gantz verjüngen mag,
Doch neue stärck und krafft den jahren zu wird setzen,
Zuförderst, wenn du dich wirst ob dein kind ergetzen,
Ob deiner Dorothe, die, zwar nun nicht mehr dein
(Was schon der stand verknüpfft, muss nur des mannes seyn
Nichts minder lust auf lust, vor andern dir wird bringen,
Wenn dieser ehren-bund nach wunsche wird gelingen.
Der himmel spielt es vor, der diese braut der welt
Zum schönsten wunder-spiel auf schönsten schauplatz stellt.
Auf den nahmen eines bräutigams, der Both geheißen.
Du hast, hochwerther freund! was ehmahls ich begehrt
Und nur in deiner macht, mit treuer faust gewährt.
Du schafftest rath und hülff und mittel; mein verlangen
Ist nur, wo ich auch war, durch deine faust gegangen.6
Itzt, nun der höchste mich bey meinen ständen wil
Und freylich müh und sorg als zu gestecktem ziel
Abfliegen auf mein haupt, werd ich doch leicht nicht klagen,
Als wenn ich offt umsonst muss nach den bothen fragen.
Die schreiben sind bereit, versiegelt und verstrickt;
Warum denn, dass man sie nicht schleinigst fortgeschickt?
Die sache wil durchaus nicht frist, nicht auffschub leiden.
Sie leid' es oder nicht, er ist nicht zu vermeiden.
Warum? kein both ist da, der ist schon längst nach Wien;
Und jener? ey, er muss nach Brieg, nach Breslau ziehn.
Und dieser? der ist noch von Schwiebßen7 nicht heimkommen;
Der ander? den hat heut das amt hinweggenommen.
Was macht denn der? er ist gantz müde von der reis'.
Der hier? es ist ein fest, er laufft nicht. Nun, wer weiß,
Ob nicht noch einer sey? Ja doch, er wils nicht wagen;
Bey solchem wetter dörfft man auch nicht hund' ausjagen.
Ein ander her! Man kriegt zu wenig vor die meil.
Wilst du denn? Ja mir ist noch nicht das leben feil,
Man weiß ja, wie die straß voll ungeworbner hüter,
Gesunde glieder sind die allerhöchsten güter.
Geh du! Ich seh es nicht, der abend ist schon hier.
Du dann! Um einer meil tret' ich nicht vor die thür.
Wilst du? Ja, wil man mir ein paar warttag anschreiben.
Mein freund, es kan nicht seyn. So lass ichs lieber bleiben.
Lauff du! Der söldner liegt und rast in meinem haus,
Wer hütet mir das mein? Und du? Ich geh nicht aus,
Ich trau dem weibe nicht. Du, freund? Ich habs vernommen,
Doch mir ist leider was in beyde schenckel kommen.
Ey, lieber, geh du fort! Herr, es ist erndte-zeit,
Es bringt anitzt was mehr. In solcher wiedrigkeit
Sitz ich hier tag auf tag und brenn in angst und schmertzen.
Du siehst es, freund! bey mir, drum schaffst du deinem  hertzen
Weit weit gewünschter ruh und weil du, dünckt mich fast,
Durch briefe diß und das offt zu bestellen hast,
Entschleust du dieser pein dich gäntzlich zu entbrechen
Und einem Bothen selbst die tochter zu versprechen,
Wie dort der große mann, der seine Rahel gab
Dem Jacob, um dass er der schaf als seiner haab
Und güter warten solt. Wol freund, es müsse glücken!
Ach köntest du ihn offt nach guter zeitung schicken!
Doch offter diese braut, die keusche Dorothe,
Des höchsten rein geschenck und pfand der werthen eh,
Ach dass sie dieser Both ohn unterlass ergötze,
Dass seine kundschafft sie weit über alles schätze,
Dass sie ein bothen-brodt, das ich nicht nennen wil
Und nur des Bothen brodt und hoffen zweck und ziel,
Ihm bald und willig reich, auf dass du könnest schauen,
Wie glücklich der, der hier mag frommen Bothen trauen!
Ists möglich, gönne mir ein theil von diesem glück,
Schreib durch den Bothen mir bisweilen was zurück!
Der Both entdecke mir, wie du dich noch befindest,
Ob du dein kindes-kind um hals und arme windest,
Ob Lädels8 schwester noch gesund an deiner seit,
Ob wohl die jungfer braut anleget9 ihre zeit,
Zuförderst ob ich noch in dero hertzen lebe,
Den10 ich zum pfand der treu bey euch die seele gebe!

1. Lissa, damals polnische grenzstadt von Schlesien, unfern von Fraustadt.
2. Freistadt wurde 1638 durch brand zerstört.
3. Dasselbe schicksal hatte auch Lissa.
4. Die pest herrschte in Glogau widerholt, namentlich auch 1656.
5. Breslau ist damit bezeichnet.
6. Der bräutigam hatte dem dichter wesentliche dienste geleistet,
vielleicht als brautwerber. Die abfassung des gedichts ist bald
nach dem amtsantritte von Gryphius zu setzen.
7. Schwiebus, an der Grenze der mark Brandenburg.
8. Friedrich Ledel, handelsmann in Danzig, schwager des dichters scheint gemeint.
9. anlegen = anwenden.
10. den = denen.

(S. 551-554)
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Auf eines berühmten medici heyraths-fest

Der hochgelehrte mann, der Meditrine1 zier,
Des Phœbus wonn und last, ward unlängst von begier,
Sein liebstes vaterland noch einst zu schaun, entstecket.
Er ließ das schöne Jehn, das Liber fast bedecket
Mit seiner reben wald, das man doch werther schätzt,
Weil sich der künste schaar in seine burg gesetzt
Und reine gottsfurcht da, mit heilgem recht verbunden,
Sich zu der wissenschafft der ärtzt hat eingefunden,
Er ließ das schöne Jehn, das seinen fleiß bewährt,
Wo ihm der ehren-krantz des höchsten ruhms beschert,
Der krantz, der denen nur bey uns erlaubt zu tragen,
Die vor der länder heil sieh wider seuchen wagen
Und diese, welchen schon der todt zu bette rufft,
Durch kräuter und verstand erretten von der grufft.
So bald er an dein strand der Oder angenommen
Und in die vorhin voll, itzt wüste stadt einkommen
Und bey sich überlegt die ungeheure last,
Die alles überfällt, wie seine freund erblast,
Wie bluts- und anverwand in kurtzem sich verlohren,
Wie frech ein grimmes heer uns bann und brand geschworen,
Wie burg und land verheert und maur und schloß entzwey,
Ja, dass er mehr, als fremd in der geburts-stadt sey,
Fand er sich unversehns mit solcher reu umgeben,
Dass er nur schleunigst sucht von hier sich zu erheben.
Was, dacht er, spühr ich hier, als gassen sonder haus,
Als bürger-leere städt und wüsten, schutt und graus,
Als äcker, die noch nicht der land-mann angebauet,
Als wälder, die man sich kaum zu durchreisen trauet?
Doch hält ihn anderwerts die eingebohrne pflicht,
Die uns denselben ort, in dem das erste licht
Den zarten leib bestrahlt, unendlich zwingt zu lieben,
Die selbst Gott, wie es scheint, uns in das hertz geschrieben.
Wie? such ich denn mein glück auf unbekanntem sand?
Entzieh ich hülff und dienst dem siechen vaterland,
Sprach er, und setz ichs aus auf weit entferntes reisen?
Wer wird mir, was zu thun und was zu meiden, weisen?
Indem er kummerhafft sich in die sorgen theilt,
Ward sein bestürtzter geist durch wehmuth übereilt,
Die wehmuth durch den schlaff. Die, die Gott selbst wil  führen,
Die läst er seinen rath, wenn sie nun rathloß, spühren.
Ein unversehen traum erquickte seinen geist.
Der himmel schönstes bild, so alles weiß und weist,
Das ob der engel heer nechst dessen throne stehet,
Der throne setzt und bricht und umstürtzt und erhöhet,
Des höchsten wunder-krafft, die man Proneen2 nennt,
Die, was noch künfftig ist, als gegenwärtig kennt,
Kam plötzlich durch die lufft mit glantz und licht umgeben.
Es strahlt ihr göldnes haar, ihr antlitz war voll leben,
Voll muth und treffligkeit, ihr über-reines kleid
Gliß mehr von diamant, als unbefleckter seid;
Mit perlen war die stirn und hals und hand gezieret,
Mit perlen waren brüst und schenckel selbst verschnüret.
Als sie, mein werther freund! vor deinen augen stund,
Entschloß in diese wort sie den corallen-mund:
Wie so betrübt, mein kind? meinst du, dass sonder schicken
Des herren dich allhier die lieben freund erblicken,
Die dir noch unentdeckt? schlag allen kummer aus!
Er, der dich hat versorgt von deines vatern haus,
Versichert dich durch mich, dass er dich leiten könne,
Ja, dass er dir auch hier das schönste gut vergönne.
Auf denn und folge mir! Drauff kam dir schlummernd vor,
Als führte sie dich selbst durch ein verwahrtes thor
Auf ein sehr wüstes feld, das frost und reiff verstellet,
Auf dem die einsamkeit mit trauren sich gesellet
Und, was mehr wunder war, auf dem ohn grab und stein
Und einer hütten nichts kont auszusuchen seyn.
Hier, sprach sie, ist der ort, auf dem dein glücke blühet,
Auf dem mit einer blum der höchste dich versiehet,
Wie schwer es immer scheint; hier ist dein höchstes gut.
Wie stehst du so bestürtzt ? Wenn dein erfreuter muth
Den tag, an dem Gott schwur, nach dem du bist gebohren,
Die blum erblicken wird, die dir zum heil erkohren,
Denn wird ein gutes licht befesten dieses pfand.
So sprach, die alles spricht und ausführt, und verschwand.
Dich ließ der fremde traum in fremderen gedancken,
Du stundest als bekämpfft in hart verpfälten schrancken,
Du legtest, wie wir thun, wenn hoffnung uns entfällt,
Auf schmertz und unheil aus, was ruh und lust verstellt.
Schau aber, wie der schluss des himmels sich enthalte
Und das verhängnis selbst auslegers statt verwalte!
Das ungebaute feld trägt dir zu winter-zeit
Nah bey des höchsten hüt holdselge treffligkeit.
Gleich nach dem tag, in dem das licht dir angebrochen,
Wird Ann' Elisabeth dir unversehns versprochen,
Indem ihr nahmens-fest, das Gottes eid erklärt,
Der schönsten keusche faust in deine hand gewehrt.
Itzt, nun die jungfrau dir von Gott wird zugeführet,
Bekräfftigt Agatha das gut, das euch gebühret.
Und zweiffelt iemand noch, dass unerschöpffte lust
Und freude, der ihm nur ein keusches hertz bewust,
Und segen, den der herr mit beyden wird vermählen,
Vor euch bereitet sey? Könt etwas diesen fehlen,
Welch' aller herren herr mit so viel gaben ziert
Und tugend auf sein wort ins ehren-bette führt?

1. Meditrine göttin der heilung.
2. Proneen providentia, vorsehung.

(S. 554-557)
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Hochzeit-gedichte

Mein freund! es ist kein wahn, ich sag es sonder tand,
Wenn der geliebte schlaff den müden leib erquicket,
Wacht doch die freche1 seel und trotzt der glieder band,
Mit welchem sie die zeit und sterbligkeit bestricket.
Sie wacht und sieht und lernt, was längst allhier vergieng;
Was mehr noch, sie begreifft, was nach viel sonnenwenden
Der himmel schicken wird; manch schier nicht möglich ding
Stelt Morpheus deutlicher und lehrt es recht vollenden.
Schau hier ein beyspiel an! Nechst als ich durch die nacht
Voll wehmuth, schmertz und angst in überhäufften sorgen
Gleich dem getheilten licht der Delien2 gewacht,
Begab3 mich krafft und minn bey nunmehr nahem morgen.
Bald kam ich (wie mich daucht') in die nicht ferne stadt,
Der frauen liebe burg4, die ietzt so abgenommen,
Die ietzt in ach verteufft und so viel kummer hat,
Als wonn und uberfluss, da sie auffs höchste kommen.
Ich irte gantz allein, bis ich das feld entdeckt,
In dem so mancher schläfft nach schmachtendem bemühen,
Den garten, darein Gott den saamen eingesteckt,
Der, und auf einen tag, so herrlich auf sol blühen.
Ich seufftzt und überlas ietzt den, ietzt jenen stein,
Als ich, doch fern von mir, dich, werther Daphnis, sahe
Und zwar (es kam mir vor) in nicht geringer pein.
Du warest mehr dem tod, als wol dem leben nahe.
Ein ausgeziertes grab, das etwas abwerts hieng,
War dein erkiester sitz, mit thränen übergossen,
Mit thränen, die der sand der dürren grufft auffieng,
Ie milder sie dir, freund! aus beyden augen schossen.
Du ließest dich in wort und solche klagen aus,
Die mir durch ohr und hertz bis an die seele drungen.
Sie drungen durch den sarg, der längst entseelten haus
(So hat Euridicen ihr Orpheus nie besungen),
Bis dass dir krafft und geist (so schien es) wolt entgehn;
Doch blieb dein letzter schluss: Sey, Rosore, gegrüsset!
Ich komme, werthes kind, nun wirst du bey mir stehn.
Hab' erde gute nacht! du schönste, sey geküsset!
Ich komme, werthes kind! umfang mich, Rosore!
Itzt wirst du, liebe leich! in deines treusten armen
(Und wenn der glieder rest mehr kalt, denn seytisch eiß,
Ich, ich bin lauter gluth) zum leben neu erwarmen.
Indem zusprang der fels, die erde brach entzwey
Und ließ durch ihren riss stracks einen baum auffschiessen,
Recht einen wunder-baum, den kein beblümter May
In gantz Europa fand, von dem wir gar nichts wissen.
Der stamm wuchs ziemlich starck, die äste stunden frisch,
An blätter balsam gleich; es drang aus allen zweigen
Ein lieblich starcker dampff. So reucht auf Jovis tisch
Die süß' ambrosien, die uns die götter zeigen.
Schau aber noch was mehr! es rinnt aus stamm und ast
Ein edler weyrauch-safft, der dich auffs neu erquicket.
Ich schaue, du verwirffst die kummer-rauhe last
Und starrst ob diesem baum, so bald du ihn erblicket.
Doch sieh'! die pflantze ward in eine nymph verkehrt,
Das rauhe todten-feld in einen rosen-garten,
Der grabstein ward ein bett, in dem sich lieben nährt.
Ich fand der frauen land5 in Wohlau sich verahrten.6
Ich lieff euch beyden zu in höchster lust bemüht,
Doch Eros hielt mich auf, der über beyden schwebet.
Er sprach: Geh, mercke diß! was Gott beschloß, geschieht
Und Christiana blüht, wo Gottes friede lebet.

1. frech = frei, kühn.
2. Delia = Diana als mondgöttin.
3. begeben = verlassen.
4. Fraustadt ist wohl angedeutet.
5. Fraustadt.
6. verarten = verwandeln.

(S. 557-558)
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Alle Gedichte aus: Andreas Gryphius Lyrische Gedichte
Herausgegeben von Hermann Palm
Gedruckt für den litterarischen Verein in Stuttgart
Tübingen 1884

siehe auch Teil 1



 

 


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