Friedrich Halm (1806-1871) - Liebesgedichte

Friedrich Halm

 

Friedrich Halm
(1806-1871)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Bei dir sind meine Gedanken


Bei dir sind meine Gedanken
Und flattern um dich her;
Sie sagen, sie hätten Heimweh,
Hier litt es sie nicht mehr!

Bei dir sind meine Gedanken
Und wollen von dir nicht fort;
Sie sagen, das wär' auf Erden,
Der allerschönste Ort!

Sie sagen, unlösbar hielte
Dein Zauber sie festgebannt
Sie hätten an deinen Blicken
Die Flügel sich verbrannt.

aus: Friedrich Halm's Werke
Siebenter Band Neue Gedichte
Wien 1864 (S. 46)

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Eins möcht ich sein!


Eins möcht' ich sein!
Auf deines Lebens dunkler Flut
Der Strahl, der zitternd auf ihr ruht
Vom Mondenschein!
Eins möcht' ich sein!
In deines Lebens Wüstensand
Der Born, an dessen Schattenrand
Du schlummerst ein!

Eins möcht' ich sein!
Wenn alles dir entflieht wie Traum,
Das Blatt das dir am Lebensbaum
Noch grünt allein!

Eins möcht' ich sein!
Wenn tote Stille dich umringt,
Das Vöglein, das dir Hoffnung singt
Ins Herz hinein!

O laß mich's sein!
Im Jugendflor und grauen Haar
Laß eins mich bleiben immerdar:
Dein, ewig dein.

aus: Friedrich Halm's Werke
Siebenter Band Neue Gedichte
Wien 1864 (S. 42-43)

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Gewitterabend


Ich weiß den Tag, ich weiß die Stunde
Da meine Seele sich zuerst gestanden,
Sie trage deines Zaubers Joch,
Sie liege willenlos in deinen Banden.

Du ruhtest still im Moose, weißt du noch?
Am Waldsaum war's, schwül sank der Abend nieder,
Du schliefest, oder schlossest doch
Im wachen Traum die müden Augenlider!

Ich aber, zitternd über dich gebückt,
Ich sah dich an in selig scheuen Zügen,
Von Schmerz zugleich und Lust durchzückt
Bis plötzlich du die Augen aufgeschlagen!

Dein Blick berührt' mich, so berührt ein Blitz,
Und klar war alles! Was in dunklem Triebe
Mein Herz ersehnt', war dein Besitz,
Und was zu mir dich zog, war deine Liebe!

Ich weiß den Abend, weiß die Stunde noch!
Heiß war der Tag, Gewitter in den Lüften,
Und nachtendes Gewölke kroch
Empor schon feindlich aus der Berge Klüften!

Wir kehrten heim; denn finstrer stets ringsum
Begann der Himmel drohend sich zu schwärzen,
Wir aber trugen selig stumm
Des Glückes vollen Sonnenschein im Herzen!

aus: Friedrich Halm's Werke
Siebenter Band Neue Gedichte
Wien 1864 (S. 40-41)

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Mein Herz, ich will dich fragen


Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag'? -
"Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!"

Und sprich, woher, woher kommt Liebe? -
"Sie kömmt und sie ist da!"
Und sprich, wie schwindet Liebe? -
"Die war's nicht, der's geschah!"

Und was ist reine Liebe? -
"Die ihrer selbst vergißt!"
Und wann ist Lieb' am tiefsten? -
"Wenn sie am stillsten ist!"

Und wann ist Lieb' am reichsten? -
"Das ist sie, wenn sie gibt!"
Und sprich, wie redet Liebe? -
"Sie redet nicht, sie liebt!"

aus: Gedichte von Friedrich Halm
Vermehrte und verbesserte Ausgabe
Wien 1857 (S. 208)

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Späte Liebe
(An Lilly)


Nein, Alter schützt vor Torheit nicht;
Selbst mußt' ich es erfahren!
Jung bleibt die Seele, Reiz besticht
Die Herzen trotz den Jahren!

Gepanzert wähnt' ich meine Brust
Fortan vor Eros' Tücke,
Doch er, dem Unheilschaffen Lust,
Ersah sich eine Lücke.

Er hat mein arglos Herz verstrickt
In blonder Locken Schlingen,
Er ließ ein Aug', das Unschuld blickt,
Mit Gluten mich durchdringen!

O blaues Auge, licht und klar,
Du hast mich überwunden,
Du hältst mich, blondes Ringelhaar,
Gefesselt und gebunden!

O kirschenroter Purpurmund,
Wie lausch' ich deinen Tönen,
Wie jubl' ich, will zur guten Stund'
Ein Lächeln dich verschönen!

So leb' ich hin, mich still beglückt
An ihrem Reize weidend,
Die Blum', die sie im Spiel zerpflückt,
Um ihren Tod beneidend!

So leb' ich hin und wünsche nichts,
Als nur ihr Glück zu mehren,
Als nur mit Fluten Sonnenlichts
Ihr Leben zu verklären!

Erwidrung fordr' ich, hoff' ich nicht;
Denn meine Sterne dunkeln,
Wenn ihre hell und demantlicht
Ihr überm Haupte funkeln!

Nur eines hoff' ich still und fromm:
Daß sie im Flug der Jahre
Mein Angedenken, was auch komm',
Im Herzen sich bewahre!

O später Liebe herbes Los,
Ich weiß, du heißt: entsagen,
Du heißt: der Blume warten bloß,
Nicht sie am Herzen tragen! -

So sprach ich jüngst gerührt sie an;
Sie hört's mit trocknen Augen
Und führt zum Mund ihr Händchen dann,
Recht herzhaft dran zu saugen!

Ihr starrt mich an, als wie im Traum,
Betroffen und verwundert!
Nun ja, sie zählt zehn Monden kaum
Und ich ein halb Jahrhundert!

aus: Friedrich Halm's Werke
Siebenter Band Neue Gedichte
Wien 1864 (S. 37-39)

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Stille Liebe


Orkan war einst mein Lieben,
Und Donner und Blitz und Brand,
Und Meeresbrandung schäumend
An steilem Uferrand.

Und Bergstrom war's und tosend
Zerbrach es der Dämme Haft,
Und sprengte der Brücken Joche
In ungezähmter Kraft.

Ein Bächlein klar und helle
Fließt's nun hinab zu Thal,
Und folgt der Bergschlucht Krümmung,
Nicht mehr der eignen Wahl.

Und wo der Felsblock hemmend
Den Pfad ihm sperren will,
Da weitet sich's gehorsam
Zum Weiher klar und still;

Und Busch und Schilf umschlingen
Ihn rings, ein grüner Kranz,
Und seine Wellen strahlen
Zurück der Sonne Glanz;

Und seine Wellen strahlen
Zurück der Sterne Gluth,
Und blauer Himmel spiegelt
Sich lächelnd in seiner Fluth.

Jetzt, tief in deiner Stille,
In deiner Ruhe klar,
Jetzt erst erkennst du, Seele,
Daß Wahn dein Streben war:

Jetzt fassest du, daß Liebe
Tief ist und klar und still,
Daß sie das Bild des Himmels
Uns widerstrahlen will.

aus: Gedichte von Friedrich Halm
Vermehrte und verbesserte Ausgabe
Wien 1857 (S. 210-211)

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Flamme der Liebe


Wohl zehrt an mir der Krankheit Qual,
Dünn wird mein Haar, mein Antlitz fahl,
Du aber loderst noch wie vor
In tiefster Brust mir hell empor,
Flamme der Liebe!

Ob welkend auch, der Jahre Raub,
Der Leib dahinsinkt, Staub zum Staub:
Dich nähren, stockt das träge Blut,
Der Seele Mark, des Geistes Glut
Flamme der Liebe!

Du stirbst nicht, zieht der Geist auch aus
Aus seinem morschen Erdenhaus;
Du hüllst noch in Verklärungsschein
Den Heimberufnen leuchtend ein,
Flamme der Liebe!

Du stürzest mit ihm licht und hehr
Dich in das ew'ge Strahlenmeer,
Wo jede Welle, die da schwillt,
Wo jeder Tropfen, der da quillt,
Flamme der Liebe!

aus: Friedrich Halm's Werke
Siebenter Band Neue Gedichte
Wien 1864 (S. 44-45)

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Zweifach ist Liebe


Zweifach ist Liebe; - mag die tolle Welt
An leeren Tand auch oft den Namen hängen
Und Mitleid, Neigung, Laune, wie es fällt,
Mit heil'ger Liebe Gluten schnöd vermengen -

Zweifach ist Liebe; eine, die da liebt,
Und will sich selbst dafür zurückerhalten,
Und eine, die die volle Seele gibt,
Und läßt nach Willkür mit der Gabe schalten.

Zweifach ist Liebe; eine, die beglückt,
Doch einzig den Geliebten will beglücken,
Und eine, die den Teuren still entzückt
Auch andre Blumen sieht am Wege pflücken!

Zweifach ist Liebe; eine heiß und wild,
Voll Lust und Leid, voll Kampf und Sieg und Wunden,
Und eine fromm, nachsichtig, sanft und mild,
Doch wen'ger oder mehr allein empfunden.

Zweifach ist Liebe; eine, die vielleicht
Wir echt wohl seltner finden, als wir meinen,
Und die, die jedes Mutterherz beschleicht,
Vernimmt's des Kindes erstes, leises Weinen.

Weh dem, der keine je von beiden fand,
Der nie der Mutterliebe Huld erfahren,
Der, nie geführt von zarter Frauenhand,
Verlassen, einsam kam zu hohen Jahren!

Doch heil dem Glücklichen, den, stets geliebt,
Getragen stets von weichen, warmen Händen,
Die Mutter der Geliebten übergibt,
Das Werk, das sie begonnen, zu vollenden!

aus: Gedichte von Friedrich Halm
Vermehrte und verbesserte Ausgabe
Wien 1857 (S. 54-55)

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Biographie:
Halm, Friedrich, eigentl.: Eligius Franz Joseph Frhr. von Münch-Bellinghausen, geb. 2.4.1806 in Krakau, gest. 22.5.1871 in Wien; Grabstätte: ebd. - Dramatiker, Lyriker, Erzähler.
Halm entstammte einer alten Beamtenfamilie kurtrierischer Herkunft; sein Vater war Appellationsrat, später Staats- u. Konferenzrat. Nach dem Besuch des Stiftsgymnasiums von Melk u. des Wiener Schottengymnasiums studierte er Philosophie u. die Rechte in Wien. 1826 trat er in den Staatsdienst als unbesoldeter Concepts-Praktikant (Referendar) beim k. k. Fiskalamt in Linz. H. durchlief eine Beamtenlaufbahn vom »überzähligen« (unbesoldeten) Kreiskommissär bis zum Regierungsrat (1840). 1845 wurde er erster Kustos, 1867 Präfekt der Wiener Hofbibliothek; im selben Jahr Generalintendant der beiden Hoftheater. Das Mitgl. der Akademie der Wissenschaften (ab 1847) u. des Herrenhauses (ab 1861) wurde 1868 Vorstand des Verwaltungsrats der Deutschen Schillergesellschaft.
H.s literar. Anfänge liegen im Bereich der Lyrik. Die wenigen unter dem Pseud. Fiedel veröffentlichten frühen Gedichte wurden kaum beachtet, wie auch seiner späteren lyr. Produktion - v. a. formgewandte Elegien, Epigramme u. Gelegenheitsdichtungen - der durchschlagende Erfolg versagt blieb. Hingegen eroberte sich H. als Dramatiker gleich mit seinem ersten, 1835 uraufgeführten Stück Griseldis (Wien 1837) einen festen Platz auf der Bühne. Die in der myth. Artuswelt angesiedelte Geschichte von dem durch Heirat seinem Stand enthobenen Köhlerkind, das zum Objekt in einem perversen Spiel um verletzte Eitelkeit wird, ist in Kolorit u. Anlage noch ganz romantisch, in ihrem berechneten emanzipator. Effekt aber - Griseldis verläßt am Ende den Mann, der sich ihrer bedingungslosen Liebe als nicht wert erwiesen hat - durchaus schon modern. Die in diesem Stück entfaltete Idee einer Annäherung der Stände wird mit unterschiedl. Intensität immer wieder variiert, am deutlichsten in König und Bauer (Urauff. 1841. Wien 1842), einem Lustspiel nach Lope de Vega, in dem der Wechsel zwischen den Klassen dem Genre gemäß allerdings ohne größere Probleme möglich scheint. Die durch H.s früheren Lehrer u. langjährigen Förderer Michael Enk von der Burg vermittelte intensive Beschäftigung mit dem span. Drama erweist sich nicht nur in diesem Stück als mitbestimmend für Stoffwahl u. Darstellungsform. Wahrend H. für die techn. Probleme von Aufbau, Fabel u. Figurenführung fast durchweg überzeugende Lösungen anbieten kann, kranken seine Dramen häufig an mangelhafter psycholog. Charakterisierung u. an Lebensechtheit. Schon früh wurde die Problemlastigkeit u. das Konstruierte der Stücke erkannt u. kritisiert. Die schemat. Zurichtung der Handlung u. der Charaktere nach den Prämissen einer Idee wird bes. evident an dem überaus erfolgreichen »dramatischen Gedicht« Der Sohn der Wildniß (Urauff. 1842. Wien 1843), das ganz von der »Toleranz- und Emanzipationsidee« (Rudolf Fürst) H.s getragen wird. Mit Sampiero(Urauff. 1842. Wien 1857), einer Freiheitstragödie, welche die antigenuesische Verschwörung in der zweiten Hälfte des 16. Jh. auf Korsika zum Gegenstand hat, deutet sich eine »Wendung zur Geschichte« (Franz Koch) an, die im Nachmärz mit der aktualisierenden Gestaltung des nationalen Thusneldastoffs in Der Fechter von Ravenna (Urauff. 1854. Wien 1857) ihren nachhaltigsten Ausdruck erfährt.
Anders als in seiner weitgehend epigonalen, in der Wirkung zeitlich begrenzten Dramatik fand H. mit seinen Prosawerken einen eigenen Ton. Gegenstand der mit einer Ausnahme (Die Marzipanliese) erst aus dem Nachlaß veröffentlichten Erzählungen sind »unerhörte Begebenheiten« im Sinne von Goethes Novellendefinition. Das Schicksalhafte, Übersinnliche, Verbrechen u. Sexualität stehen im Mittelpunkt dieser - realistische Erzählweisen vorbereitenden - Prosa, die in nüchternem Vortragston heftige Gemütsbewegungen u. Gewaltausbrüche in Szene zu setzen vermag.
Aus: Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Band I Autoren, Kröner Verlag Stuttgart 1975

 


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