Walter Hasenclever (1890-1940) - Liebesgedichte

Walter Hasenclever



Walter Hasenclever
(1890-1940)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 



 



Wenn manchmal in den wünschetollen Nächten
Mein Blut mich quält, weil Du es zu Dir riefst,
Dann greife ich in Deines Haares Flechten,
Und küsse sacht die Stelle, wo Du schliefst.

Und höre, wie Du träumst, und werde selig,
Und weiß: Du bist wie ich. Und ich wie Du.
- - - - - - - - - - - -  und mählich
Singt sich mein Herz zur Ruh.
(S. 27)
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Den Jammer einer leeren Zeit
Streich mir aus meinem Haar,
Und etwas Güte und Frömmigkeit
Küsse mir in mein Haar,

Und etwas weiche, milde Nacht
Gib mir in Deinem Schoß,
Dann regnet, was so traurig macht,
Leise von uns los.
(S. 28)
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Eine Nacht voll Angst und Verlangen -
So geht die Welt zur Ruh.
Auch der Mond ist niedergegangen.
Wir aber wandern - Du!

Zuweilen ein Baum mit dunkeln
Ästen, ein Haus, ein Licht -
Zuweilen ein fernes Funkeln
Von Sternen in Deinem Gesicht.

Und Deine Augen - laß mich!
Dein Gott ist nah und der meinige weit.
Deine Augen leuchten - faß mich!
Wir stehn über Raum und Zeit.

Wir stehn hoch oben. Wir gleiten.
Und sieh, jener Stern, der uns trägt,
War seit urdenklichen Zeiten
Schon in mein Leben gelegt.

Und seltsam - der Stern ist gefunden!
Andre Sterne schauen zu.
Gott mit seinen Menschen steht unten;
Wir aber wandern - Du!
(S. 29)
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Eine enge Gasse - Dächerfirne
Hängen herunter auf Dich und mich.
Du - eine ganz gemeine Dirne,
Und ich.

Wie wütend unsere Lippen haften!
Man wird zum Tier.
Eine enge Gasse - Leidenschaften!
Und - Nacht über Dir und mir.
(S. 30)
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Frauen

I.
Madame!
Sie müssen nicht böse sein,
Ich stelle mich vor: ein Dichter.
Weiß nicht, ob es Ihnen sympathisch ist,
Dies ganze Künstlergelichter -

Aber - Sie schauten so reizend aus
Heute morgen im Negligée ...
Ja, sehn Sie, und unserein hat gleich
Das berühmte Dichterweh!

Ich dachte an eine alte Zeit:
Le siècle des Prècieuses -
Japanische Seide, Madame, und Sie
Melancholisch fein und gracieuse ...

Und alles ganz, wie im Stil jener Zeit:
Mattgoldenes Bracelet,
Ihr dunkles Haar und die Spitzen am Saum
Von Ihrem Negligée ...

Vor Ihrer Schönheit beuge ich mich
Sehr tief - und mit Gefühl!
Ja, ich bete Sie sogar an -
Natürlich - alles im Stil!

Im Stile der schönen Augen da
Aus den Fenstern vis-à-vis ...
Au revoir, Madame!
Ein Dichter und
Student der Philosophie.
(S. 43)
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II.
Der Tramm stöhnt aufwärts;
Überall Schnee.
Dein Herz und mein Herz
Klopft im Takt. Ich steh
Etwas tiefer, ich kann dich
So besser sehn.
Seltsam, wenn man sich
Im Schneesturmwehn
Unterhält, noch die Töne
Der Quadrille im Ohr.
Du leichte Schöne,
Deine Uhr geht vor!
Der Tramm stöhnt aufwärts;
Überall Schnee.
Dein Herz und mein Herz
Klopft im Takt, und der See
Liegt unten im Träumen.
Es rauscht. Ich seh
Auf den Wegen und Bäumen
Nur immer Schnee.
(S. 44)
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III.
Die Lampe flackert leise, leise.
Sonst keine Unrast weit und breit;
Nur Bilder, wie auf weiter Reise,
Stehn an den Wänden angereiht.

Und manchmal scheint ein Bild zu treiben ...
Dazu Ölfarben und ihr Duft,
Und durch die offenen Fensterscheiben
Gleichmäßig kühle Abendluft.

Der Rauch von einer Zigarette
Steigt ab und zu - ein blasser Schein -
Und Malkasten und Palette
Schlafen langsam dabei ein.

Jemand scheint vor der Tür zu lauschen,
Ein Käuzchen ruft vom Walde her;
Sie wäscht die Pinsel - Und ein Rauschen
Tönt durch den Raum, wie fernes Meer.
(S. 45)
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IV.
Du bist gewohnt die Welt als Spiel zu sehn.
Du schöne Frau - Du kommst aus fernen Ländern,
Die ich nur ahne; Deine Glieder gehn
Im leisen Duft von seidenen Gewändern.

Wer bist Du denn? Dein Haar ist fein und lose
Und so verschlungen wie ein Mädchenhaar,
Und manchmal neigst Du Dich wie eine Rose,
Die leuchtend und voll Sommerabend war.

Und was Du rührst wird tönend und voll Leben.
Bist Du ein Traum, ein Märchen, ein Gedicht?
Du schöne Frau - Dir ist ein Glanz gegeben
Oder ein Rausch - ich weiß es nicht.
(S. 46)
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V.
Die Felder verschneit. Die Straßen
Eintönig, kalt und grau
Wie der Raum, in dem wir saßen,
Noch einmal - Du schöne Frau!

Du gehst. Du gehörst einem andern.
Weißt Du - wie Du mir erzählt
Von Leben und Lebenswandern,
Von Deiner kleinen Welt?

Du, jener Abend, das Singen,
Die Lorelei und Dein Haar,
Und wie in den einfachsten Dingen
Verwandtes zwischen uns war ...

Du gehst. Du gehörst einem andern.
Und Du neigst den Rosen zu.
Leben heißt Wandern - Wandern -
Schöne Frau, Du!
(S. 47)
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VI.
Leuchtende Crysanthemen, bunt zu Garben
Geflochten, sommerreif und ohne Ziel,
Und vor den Blumen, ganz auf dunklen Farben
Dein sinnendes, schwermütiges Profil.

Die Augen voll Erinnerungen. Leise
Steigt draußen etwas wie ein Blühn herauf,
Und wie ein Glanz um alte Märchenweise
Gehn beide Fensterflügel vor Dir auf ...
(S. 48)
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VII.
Leg Deinen Kopf nur leise
In meine kühle Hand,
Und nach alter Weise
Träumen wir ins Land.

Wer von uns kennt das Leben!
Man übersieht es kaum.
Man glaubt es ist sein Leben,
Und ist doch nur ein Traum.

Traum und Vorüberfliehen -
Wer weiß, was kommen mag!
Glanz und Glück verblühen
Wie ein Sommertag.
(S. 49)
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VIII.
Siehst Du die hohen Wälder?
Da unten liegt der See.
Und alle Wiesen und Felder
Sind ganz weiß vom Schnee.

Ich hör Dich so gerne erzählen
Von Deiner Heimat im Tal,
Und von den vielen, hellen,
Tanzenden Menschen im Saal.

Komm nur und sei nicht bange -
Ich tu Dir nichts. Ich will
Mich leise an Deine Wange
Schmiegen. Sei nur still.

Nicht küssen. Wir Menschen sagen
Uns hie und da ein Wort,
Und die Stunden tragen
Uns selber mit sich fort.

Vielleicht stehn heute die Wälder
Zum letzen Mal um uns her,
Und über die weißen Felder
Wandern wir nimmermehr.
(S. 50)
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Die Beiden

Sie bog den Kopf in ihre Hände
Zurück; ein stummes Weinen war
In ihr - und er am andern Ende
Fuhr grübelnd durch sein vieles Haar.

Nur manchmal flog ein dunkles Hassen
Jäh in ihm auf - und wie zum Hohn
Ihr Stöhnen: Du darfst mich nicht verlassen -
Sein Achselzucken: Ich tat es schon!

Und dann kam leise ein Duft von frühen
Stunden ins kleine Zimmer herein:
Der Wind aus den Wiesen und das Blühen
Der Bäume und der junge Wein ...
(S. 52)
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Das Liedchen von der Frau Reue

"Pierrot, Du bist ja blaß wie der Mond ...!"
"Die Gärten duften so."
"Und das ist das Schloß, wo die Reue wohnt ...
Was hast Du denn, Pierrot?"

"Du zitterst ja" ... "Das macht der Wind.
Seid leise! Es wird spät.
Hört ihr ... dort ... wo die Bäume sind,
Wie im Schatten jemand geht ...!"

"Das ist Frau Reue, die dunkle Frau,
Die lauert im Park. Irgendwo.
Und wenn sie kommt und Dich packen will, schau:
Dann mußt Du sie küssen! Pierrot ..."
(S. 53)
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Der Jüngling
Anweisung zum Lieben

Ich rufe dich, Gefühl, das oft kredenzte,
Vom Schauplatz der Amouren ab.
Wer liebt, der rennt im Trab;
Hinter ihm tanzt die buntgeschwänzte
Peitsche der Angst, die Wiege und das Grab.
Wer liebt, irrt in Gefahr. Wer liebt, der schildert
Unwirkliches hinaus mit seinem Blut,
Der hebt zum Rausch das Bein, der wird verwildert
Und ein verbrannter, gelber Sommerhut.
Denn nur wer vieles weiß, der kann sich retten,
Der bleibt im Wehen wie im Süßen gut;
Ihn trägt ein Flötenton in allen Betten,
Gleich einem Spiegel, durch die Flut.
(S. 64)


Entflieht den Jünglingen und werdet Greise!
Horcht. Seid geschickt. Im Spielen immer neu.
Fahrt nicht im Zug - fahrt langsam auf der Reise,
Und wenn ihr liebt, seid mutig und seid scheu.
Nicht mehr nach Brunst, nach weiser Überlegung
Erfindet euren Künsten Nerv und Kuß,
Und von der ersten bis zur letzten Regung
Verwandelt alles Wollen in Genuß.
Die schöne Freude steigert so zur Wahrheit!
Verliert euch nicht! Seid mit euch selbst beengt,
Daß ihr, wie ein Begriff allmählicher Klarheit,
Fernlächelnd, leicht an der Geliebten hängt.
(S. 66)


Vielleicht, vor einer großen Stadt versunken,
Hat einer Sehnsucht, die ihm heiß entquillt;
Oder du hast die laute Nacht vertrunken
Und siehst vor dem Nachhausegehn ein Bild.
Du denkst an einen Park, an einen Schwan,
An einen Strumpf in einer Eisenbahn
Und kannst nicht ruhn und kannst dich nicht verlassen:
So geh zu einer unbekannten Frau.
Versuche sie zu lieben und zu hassen.
Erzähle ihr, du seist vom Mond ein Tier;
Sie wird es hören und vielleicht erfassen.
Und wenn du müde bist, geh schnell von ihr.
(S. 67)


Du sitzt in dem Café. Du bist ein Name.
Da steigt aus der Musik erregtem Spiel
Das kalte Antlitz einer blassen Dame
Irr vor dir auf, wie ein begehrtes Ziel.
Du wirst sie nicht erreichen und nicht küssen.
Was ist ein Kuß vor deinem Liebessinn!
Doch später wirst du dich erinnern müssen,
Dann tritt die blasse Dame vor dich hin.
Du mußt sie milde mit dir selbst versöhnen,
Mußt dich berühren wie ein Geigenstrich:
So strömt in schönen, unerhörten Tönen
Glück, das du nicht besitzest, über dich.
(S. 68)


Die Frauen, die man liebt, gehören Vielen -
Und weil sie wechselnd ihre Güter reichen,
So reizt es, ihre Freuden zu vergleichen;
Sie aber trinken. Und wir wollen spielen.
Laß nie dich einer einzigen vermählen!
Sie haben einen Raum für tausend Seelen,
Der immer ihr Verlangen weckt und stillt,
Und jagen wie ein herrenloses Wild
An uns vorbei, da wir die Spur verfehlen.
Ich will von ihnen Vieles, Vieles lernen!
Und jede soll mir sein, was sie mir gibt,
So steig ich, ohne das Gefühl von Sternen,
In ihren Schoß: wissend und verliebt.
(S. 69)


Ich will vor ihren Augen alles können
Und alles finden, wie ein Kind, das liest.
Ich will die stärksten Zauberdinge nennen,
Bis sich ihr Berg mir öffnet und verschließt.
Ich will die fernste Welt herübergießen,
Bis dem Bewußtsein alles sich entrückt:
O laß den Strom der Freude überfließen,
Denn ich bin wach! Ich bin von dir entzückt!
Ich weiß, ich kann dich ewig wiederholen;
Ein Hauch von meiner Hand ist deine Bahn -
Du liebst mich, und ich kann auf leisen Sohlen
Von dir entfliegen wie ein Aeroplan.
(S. 70)


O meine Freunde, kommt! Wir wollen alle
Uns lieben! Gleich, ob Mann, ob Weib, ob Kind;
Daß keine Frage, keine Antwort falle:
Wir tun es, weil auf wir der Erde sind!
Wir lieben ohne Sinn für Zärtlichkeiten,
Nur daß wir lieben ist uns schon Gewinn.
Dem andern Freunde Freude zu bereiten,
So tritt der Jüngling vor den Jüngling hin.
Nun komm auch du, aus jenem Kreis der Damen!
Du bist ein Weib. Sei nackt. Hier hast du Geld.
Erfüllt von mir und meines Freundes Samen
Zieh aus und werde reicher auf der Welt!
(S. 71)


Kehr nie zurück, Geschöpf aus unsern Freuden!
Du bist vorhanden. Hab zum Lieben Mut.
Du wirst vielleicht ein Kind von uns erleiden,
So laß es wachsen und so mach es gut!
Da liegst du zwischen uns, du arme Dirne,
Und hast mit uns gemeinsam nur die List.
Die Wollust steigt dir nicht mehr zum Gehirne:
Du liebst, weil nichts mehr ewig an dir ist.
O du mein Freund, die wir zuzweit genießen
An dem Kadaver einer dritten Frau -
Siehst du es nicht wie einen Zug von Riesen,
Einsam, und ragen an der Leichenschau?
(S. 72)


Kehr mir zurück, mein Geist, im Blut verrieben;
Was du gelöst, das sammle wieder fest,
Und halte mir das Gleichgewicht beim Lieben,
Sonst sterb ich am Gefühl wie an der Pest.
Ich will jetzt mit dir sein und mit dir reisen;
Wir wollen wie zwei Kugeln uns umkreisen,
Aus einem hellen Raum ins Dunkel wehn.
Wenn je dich ein Genuß verzehrt, den töte!
Verkauf dein Weib, du wirst es überstehn.
Gleichviel ob Ekel oder Liebesnöte -
Am Himmel eilen Wind und Morgenröte,
Die Scheiben klirren, und die Züge gehn.
(S. 73)


Geschlossen ist der Ring. Wo sind die Namen,
Die bürgerlich und lüstern zu mir kamen?
Ich spielte gut auf ihrem Instrument.
Erhalt ich mir die Kraft, werd ich zum Weisen
Und kann wie ein Fakir mit vielen, leisen
Glocken das Feuer rufen, bis es brennt.
Ausgieße dich ins All, mein Geist! Sei Feuer!
Stets unverbrannt - so brenne immer neuer:
O Erde, bist du nicht ein Faungesicht,
An das wir trunken unser Herz verschwenden,
Bis wir dich herrlich in uns selbst vollenden
Und aus dem Wirbel tanzen in das Licht!
(S. 74)
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Gedichte an Frauen
Dem Geiste der Liebenden

Wenn der Tod
Die Musik verschlingt:
Werden wir uns erkennen?
Lebst Du
Im Zimmer, wo Männer stehn?
Aus dem Meer steigt die Insel,
Ein Leben, das uns gegolten hat.
Vögel fliegen auf.
Weine nicht!
(S. 223)
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Wir gehen vorüber,
Die Hand am Geländer,
Wo Du Abschied nimmst.
Es wird Frühling.
Kehre wieder!
Einmal
Sahst Du mich an.
(S. 224)
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Im Wind Deines Herzens
Fallen Tropfen;
Ich sitze am Strom.
Ich will warten,
Bis Du kommst;
Die Welle finden, die Dich führt,
Den Stern
Wo die Seele mündet,
Wenn wir am gleichen Tag uns begegnen,
Geliebte, einst
Zu unserm Schicksal.
(S. 225)
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Mond.
Gazellen rufen.
Die Öde der Täler, bedeckt von Schnee.
Sieh, ich wandle,
Ein Mensch der Liebe.
Ein Herz voll Hoffnung
Hat mich erreicht.
(S. 226)
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Wo bist Du?
Ein Stern fällt.
Dein Gesicht -
Du bist Da!
(S. 227)
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Weiße Pferde im Frührot;
Nebel vor der Stadt.
Die Menge verliert sich.
Ziehende Wolken;
Du allein bist übrig.
Schlaf ein!
(S. 228)
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Die Stunde naht,
Ewige Seele.
Einmal im Schlaf
Dir nah sein.
Einmal Dich fühlen.
Erinnerung!
(S. 229)
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Wenn Du den Becher leerst,
Wo jenseits
Weiße Schwalben trinken:
Vergiß nicht die Träne,
Den Kuß, den Du träumtest.
Am Himmel der Toten.
Du bist geliebt!
(S. 230)
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Wenn Du Dich neigst am Saum des Himmels,
Sommerentlaubt,
Wir bleiben zurück,
Wir öffnen die Augen,
Wir sehen Dein ewiges Bild.
Nun weißt Du alles,
Träne und Hoffnung,
Die Welt des Leides, die Welt des Glücks.
Erlöste Seele, geliebte Seele,
Schwester unser,
Die Heimat ist da!
(S. 231)
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In einem Variété in Kiel
Unter rauchenden Männern im Qualm der Hafenstadt
Verlassenen Orts dumpf gieriger Freuden
Tanztest Du in der Matrosenschänke,
Leichte Gazelle am Gestade des Nils.
Den Kreis der Wiedergeburten durchwandelnd
Von der weißen Maus zum singenden Vogel
Bist Du in einen Menschen verwandelt
Aus dem Reich der unseligen Tiere.
Schon versinkt im Dunst der Lampen
Die Hülle der Armut, das rote Kleid;
Die geschminkten Lippen, Morgenröte,
Öffnen sich über dem ewigen Meer.
Aus dem Nebel der Straßenbordelle,
Wo Du Dein Bild verkaufst,
Tönt Gesang von rudernden Schiffen,
Und das Eiland der Circe steigt auf.
Asphodelos Blume umwölkt Deine Schläfe,
Das Blut der Opfer stürmt in die Höhe,
Wieder tanzest Du vor dem Altare
Zu dem Klang der schimmernden Flöten.
Doch die Stunde flieht zu den Schatten;
Der vergängliche Ruf der Eule
Droht verworren im Erdengrund.
Mir allein, der ich nicht mehr lebe,
War vergönnt, Dein Antlitz zu schauen,
Das, verhüllt vor niederen Tieren,
Sich entschleiert vor dem Altar.
Und ich weiß, da ich von Dir gehe,
Ferne Geliebte im Sonnenwagen:
Es war mein Gesicht, das ich sah,
Wie ich wandle verhallenden Schrittes
Heimwärts aus dem Gespenst der Nacht.
(S. 232)
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Der Schnee fällt leise. Schläfst Du, süße Freundin?
Der Hund liegt still, von Deinem Schlaf besonnt.
Orion funkelt mit den sieben Zeichen,
Und Sirius steht tief am Horizont.

Wohin entführt Dich dies Gesicht, Geliebte?
Das Traumschiff gondelt über mein Gedicht.
Dein Haar, gelöst auf weiter Winterreise,
Fließt über weißes Bett. Du siehst mich nicht.

Ich hebe mich: Planet zu Deinen Häupten.
Die Kavaliere zittern um das Haus.
Und auf dem Grund der ungewohnten Stunde
Blüht nur die Lampe noch. Lösch aus. Lösch aus.
(S. 233)
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Einmal wird die Stunde kommen,
Die Stunde des Wiedersehens der Geister,
Wenn Dein Herz, einst an mich gekettet,
Nun verweht in Staub oder Blüte,
Leise im Frühjahr der Verwandlung
Pocht hinauf an des Äthers Spur.
Werden wir leben? Werden wir weinen?
Wird die schimmernde Wolke hell sein?
Dämmert im Abend des Versinkens
Noch ein Traum von unserem Glück?
Einmal wird die Stunde kommen,
Der Himmel des unermeßlichen Reiches;
Nur die Nacht der kalten Verwesung
Modert ruhig im Sternenblau.

Ich schreibe die Zeilen des Gedichtes
Auf den Leib deines Briefes, Geliebte.
Das Blut der Worte beginnt zu fließen,
Es steigt ein Körper aus meinem Gedicht.
Bald sind wir Blätter, bald sind wir Tränen,
Gehaucht, verwüstet, hinabgeflossen;
Bald sind wir Worte, verzaubert in Schrift.
Du wirst leben in meinen Worten!
Diese Zeilen sind Deine Haare,
Diese Verse sind das Herz.
(S. 234)
_____



Wandle, leichte Seele des Irrtums,
Hinweg von der grünenden Erde.
Die dunklen Schluchten, durchkreuzt von der Spur Deines Schrittes,
Sinken hinab. Im Schimmer des Lichtes
Verschlungene Pfade atmen die Flut des Geschehens.
Jede Träne, geweint am Abgrund der Hoffnung,
Ist ein Zauberspruch Deines unvergänglichen Lebens,
Den Du hinüberträumst zur Fährte Deiner Bestimmung.
Wandle, geliebte Seele,
Dem Geist der Vollendung näher!
(S. 235)
_____


Aus: Walter Hasenclever Sämtliche Werke
In Zusammenarbeit mit der
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz
herausgegeben von Dieter Breuer und Bernd Witte
Band 1 (Lyrik Bearbeitet von Annelie Zurhelle und Christoph Brauer)
v. Hase & Koehler Verlag Mainz 1994
 


Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hasenclever



 

 


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