Friedrich Hebbel (1813-1863) - Liebesgedichte

Friedrich Hebbel

 

Friedrich Hebbel
(1813-1863)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

Ein Bild aus Reichenau


Auf einer Blume, rot und brennend, saß
Ein Schmetterling, der ihren Honig sog,
Und sich in seiner Wollust so vergaß,
Daß er vor mir nicht einmal weiterflog.

Ich wollte sehn, wie süß die Blume war,
Und brach sie ab: er blieb an seinem Ort;
Ich flocht sie der Geliebten in das Haar:
Er sog, wie aufgelöst in Wonne, fort!
(S. 10)

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Liebesgeheimnis


Du nennst die Liebe ein entzückend Träumen,
Ich nenne sie ein schmerzliches Erwachen;
Wir fühlen uns in öden Schlummers Räumen
Gekettet an unwürdig-nichtge Sachen,
Wir schauern, es ergreift uns, ohne Säumen
Frei für das hohe Leben uns zu machen,
Allein, wir Armen sind gar fest gebunden,
Bald ist der Mut, das Sehnen auch, entschwunden.

Ein müder Pilger kommt aus weiter Ferne,
Er streckt sich hin, zu dumpfem Schlaf ermattet.
Durch milden Blütenregen weckt ihn gerne
Der Baum, der still und freundlich ihn beschattet.
Halb wacht er schon. Da leuchten alle Sterne,
Ihn kühlt ein Hauch, mit dem ein Duft sich gattet,
Der ganze Himmel neigt sich auf ihn nieder,
Er seufzt: ein Traum! und schließt die Augen wieder.
(S. 35-36)

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Scheidelieder

1

Kein Lebewohl, kein banges Scheiden!
Viel lieber ein Geschiedensein!
Ertragen kann ich jedes Leiden,
Doch trinken kann ichs nicht, wie Wein.

Wir saßen gestern noch beisammen,
Von Trennung wußt ich selbst noch kaum!
Das Herz trieb seine alten Flammen,
Die Seele spann den alten Traum.

Dann rasch ein Kuß vom lieben Munde,
Nicht Schmerz getränkt, nicht Angst verkürzt!
Das nenn ich eine Abschiedsstunde,
Die leere Ewigkeiten würzt.

2

Das ist ein eitles Wähnen!
Sei nicht so feig, mein Herz!
Gib redlich Tränen um Tränen,
Nimm tapfer Schmerz um Schmerz!

Ich will dich weinen sehen
Zum ersten und letzten Mal!
Will selbst nicht widerstehen,
Da löscht sich Qual in Qual!

In diesem bittren Leiden
Hab ich nur darum Mut,
Nur darum Kraft zum Scheiden,
Weil es so weh uns tut.
(S. 4)

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Einziges Geschiedensein


Schlummernd im schwellenden Grün
Liegst du, wo Lüfte dich fächeln!
Mädchen, was spiegelt dies Lächeln,
Spiegelt dies zarte Erglühn?

Ach, wie beschleicht es mit Schmerz
Kalt mir den innersten Frieden!
Gänzlich, wie nie noch, geschieden
Fühlt sich von deinem mein Herz.

Was, wie ein göttlicher Hauch,
Jetzt dich durchzittert, das Leben,
Eh du erwachst, wirds entschweben,
Nimmer erfreut es mich auch.
(S. 7)

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Das Geheimnis der Schönheit


Was ist es, das an alle deine Schritte
Uns fesselt und das Herz uns schwellt,
Und uns zugleich in diese reine Mitte
Von heilger Scheu und süßer Neigung stellt?

Zwar scheinst du, wie aus einer lichtern Sphäre
In unsre Nacht hinabgetaucht,
Als ob der Duft in dir verleiblicht wäre,
Den still der Lotos in die Lüfte haucht.

Doch ists nicht dieser Zauber, der uns bindet,
Uns trifft ein höherer durch ihn,
Bei dem die Seele schauernd vorempfindet,
Wie alle Welten ihre Bahnen ziehn.

Du magst dein Auge senken oder heben,
Den Reigen führen oder ruhn,
So spiegelt sich das allgemeine Leben,
Dir selbst Geheimnis, ab in deinem Tun.

Du bist der Schmetterling, der auf den Flügeln
Den Schlüssel zu der Schöpfung trägt
Und sie im Gaukeln über Au'n und Hügeln
Vorm Strahl der Sonne auseinander schlägt.

Du folgst nur einem flüchtigen Verlangen,
Nur einer Wallung der Natur,
Wenn wir mit trunknen Blicken an dir hangen,
Als zög ein neuer Stern die erste Spur.

Du pflückst in einer kindlich-leichten Regung
Dir Blüte oder Frucht vom Baum
Und weckst durch eine liebliche Bewegung
In uns den frühsten Paradieses-Traum.

Heil uns, daß du in unbewußtem Walten,
Wenn du auch selbst nur spielen willst,
Durch deiner Schönheit leuchtendes Entfalten
In uns das ewige Bedürfnis stillst.
(S. 32-33)

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Das Heiligste


Wenn zwei sich in einander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes, ungestaltet,
Und in der Brust des Weibes, kaum empfunden,
Als Schönstes dämmerte, das muß sich mischen;

Gott aber tut, die eben sich entfaltet,
Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.
(S. 30-31)

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Ich und du


Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
(S. 8)

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Alle Gedichte aus: Friedrich Hebbel: Werke in zwei Bänden. Herausgegeben von Karl Pörnbacher
Textauswahl von Gerhard Fricke Anmerkungen von Karl Pörnbacher unter Mitwirkung von Werner Keller.
Carl Hanser Verlag München Wien 1978 (Band 1)

Biographie:
Hebbel, Christian Friedrich (1813-1863), deutscher Dramatiker. Literatur- und geistesgeschichtlich ist sein Werk zwischen Idealismus und Realismus einzuordnen.

Hebbel wurde am 18. März 1813 als Sohn eines Tagelöhners in Wesselburen geboren. 1827 wurde er Botenjunge und Schreiber des dortigen Kirchenspielvogts J. J. Mohr, in dessen umfangreicher Bibliothek er sich erste Literaturkenntnisse aneignen konnte. Zwischen 1836 und 1839 studierte Hebbel Jura, Geschichte, Literatur und Philosophie in Heidelberg und München. 1845 siedelte er nach Wien über, wo er 1849 die österreichische Schauspielerin Christina Enghaus heiratete, die in zahlreichen seiner Stücke auftrat. Hebbel starb am 13. Dezember 1863 in Wien.

Einen ersten literarischen Erfolg konnte Hebbel 1841 mit der Tragödie Judith, die nach einem alttestamentarischen Stoff entstanden war, verzeichnen. Das bürgerliche Trauerspiel Maria Magdalena von 1844 zählt zu den ersten prägenden Werken des tragischen Realismus. Hebbels Ruhm gründet sich jedoch vor allem auf Werke, die nach 1845 entstanden: die Tragödie in Blankversen Herodes und Mariamne (1850), das Epos Mutter und Kind (1852), die Prosatragödie Agnes Bernauer (1855), Erzählungen und Novellen (1855), die Verstragödie Gyges und sein Ring (1856) sowie die Tragödientrilogie Die Nibelungen (1862), die auf der Volkssage des Nibelungenlieds beruht.

Die Schriften Georg Wilhelm Friedrich Hegels und Arthur Schopenhauers übten einen starken Einfluss auf seine Arbeiten aus: In seinen Geschichtsdramen wird das tragische Verhältnis von Individuum und Welt, der schuldhafte Konflikt des Individuums mit dem Weltwillen (Hegels „Weltgeist") thematisiert. Trost für das tragische Individuum ist in der von Hebbel thematisierten Übergangszeit von einer überkommenen Gegenwart, häufig die der erstarrten bürgerlichen Gesellschaft, hin zu einer unbekannten Zukunft, nicht möglich. Ähnliches thematisierte die Literatur der Weimarer Klassik.
Aus: Encarta

 

 


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