Karl Herloßsohn (1804-1849) - Liebesgedichte



Karl Herloßsohn
(1804-1849)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 





Die Thräne
An Maria

Zerdrück' die Thräne nicht in Deinem Auge,
Du hast die Thräne ja um mich geweint -
Vergönne, daß ich diese Perle sauge,
Daß sie mit meiner Lippe sich vereint.
Wie macht die Thräne Dich so engelschön!
Ich möchte Dich wohl ewig weinen seh'n. -

Allein die Thräne ist das Kind der Schmerzen,
Sie kommt aus Deiner gramerfüllten Brust, -
Wie konnt' ich über Deine Thräne scherzen,
Und wie sie seh'n voll grauenhafter Lust!
O, nimm mein Herzblut für die Thräne hin,
Und glaub', daß ich Dir ewig dankbar bin! -

Ich weiß, sie haben oftmals Dich gescholten,
Und Dir getrübt den engelreinen Sinn;
Doch hat ihr finst'rer Haß nur mir gegolten,
Weil ich Dir werth, weil ich Dir theuer bin;
Wär' ich so schlimm, wie sie es oft gemeint,
Kein Engel hätte dann um mich geweint.

Gedulde Dich! Ich will die Thränen stillen,
Und ruh' indeß an meiner treuen Brust!
Die heil'gen Schwüre all' werd' ich erfüllen,
Und aus dem Schmerz entblüht Dir neue Lust.
O weine nicht! - An Gottes Traualtar
Flecht' ich Dir bald die Myrte in das Haar!
(Band XI. S. 14)
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Trennung

Du glaubst, ich sollte ohne Thränen
Und ohne Klagen Dich verlassen,
Ich wüßte männlich mich zu fassen,
Und bald gestillt sei dieses Sehnen? -

Du irrst! - Ich bin ein Kind geworden,
Das weint, wenn ihm ein Schmerz begegnet,
Bis daß die Wärterin es segnet
Und einwiegt sanft mit Schmeichelworten.

So weiß ich, daß ich ruhig werde,
Wenn erst mein Lebenslied verklungen,
Wenn mich der Tod hat eingesungen,
Und wenn mich deckt die Muttererde. -

Die Muttererde wird mich pressen
In ihre liebevollen Arme,
Genesen werd' ich von dem Harme,
Und dann vielleicht - auch Dein vergessen.
(Band XI. S. 20-21)
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Therese
(Ein Todtenkranz)

1.
Schon ist es Lenz, und dennoch schwärmt die Flocke
Des eis'gen Winters durch die blasse Luft;
Doch sieh! Im Fenster hier am Rosenstocke
Heut' eine Blume aufgeblüht voll Duft.

So war es gestern, und ich freut' der Rose,
Der Holden, mich, und schwelgt' in ihrem Schein,
Und bei der seltnen früh erschlossnen Rose
Gedacht' ich auch, Du holde Rose, Dein!

Wie war es heut'? Ich ging zu meiner Blume -
Da hing sie welk, verblaßt, so früh schon todt!
Ich weint' ihr eine Thräne. Arme Blume,
Dein früher Tod dein erstes Morgenroth!

Und plötzlich scholl die bittre Trauerkunde;
Therese, diese Rose, ist heut todt! -
Es war des Morgens um die fünfte Stunde,
In dieser welkt' auch meiner Rose Roth.

Als ich Dich sah in Deiner Schönheit Prangen,
Sprach ich: Die Rose blüht ja nicht für Dich.
Da kam voll Hohn der bleiche Tod gegangen
Und sprach: Die Rose hat geblüht für mich.
(Band XI. S. 21-22)


2.
Ich sammelte die Blätter meiner Rose
Und hüllte sorgsam sie in Seide ein,
Dann gab ich sie dem Mutter-Erdenschooße. -
Ob sie erblüht wohl, wird es Frühling sein?

Dich haben sie in's Leichentuch gewunden
Und eingesargt in einen engen Schrein,
Mit einem festen Deckel Dich gebunden. -
Ob Du erwachst wohl, wird es Frühling sein?
(Band XI. S. 22)


3.
Das Götterauge, das so schön geleuchtet,
Worin ein goldner Himmel sanft geblüht,
Verklärt, so wie vom Sternenthau befeuchtet,
Erloschen ewig, lichtlos, ausgeglüht!

Das Antlitz, das in Lebenslust geschimmert,
Erblaßt, verstummt der süße Mund!
Man hat, Therese, einen Sarg gezimmert
Und senkt Dich in der Erde schwarzen Grund! -
(Band XI. S. 22)


4.
Habsücht'ge Erde, reich an Glanzjuwelen,
An allem Golde, das die Welt begehrt,
Ein Kleinod mochte, Gier'ge, noch dir fehlen;
Doch solchen Kleinods warest du nicht werth.

Was ziehst du räub'risch, die das Dasein schmücken,
Hinab in's finstre, golddurchflochtne Haus?
Behalt' dein Gold sammt den Demantenstücken,
Die Eine Perle aber gib heraus!

Glaubst du mit deinem Reichthum zu ersetzen,
Wenn Du uns Licht und Glanz und Frühling stahlst?
Wie kann dein Lenz, dein Blumenflor ergötzen,
Wenn du den Schnee auf Ihre Wange malst?
(Band XI. S. 23)


5.
So haben sie Dir einen Sarg gezimmert!
Ich glaub' es nicht, man stirbt ja nicht so früh;
Du hast vor Kurzem rosengleich geschimmert,
Und daß Du sterben könntest, glaubt' ich nie. -

Da wandeln Greise schwer und tief gebücket
Und sehnen längst sich nach der letzten Rast;
Und Du, so jung entzückend und entzücket -
Ich glaub' es nicht, das Du vollendet hast!
(Band XI. S. 23)


6.
Du warst bestimmt, auf weichen Blumenmatten
Zu ruhn, umglänzt vom abendgoldnen Licht,
Umwoben von des Haines grünem Schatten,
Durch den ein götterblauer Himmel bricht.

Du warst bestimmt, von Nachtigallentönen
Süß eingewiegt in holde Schwärmerei'n,
Zu schwelgen selig in dem Hehren, Schönen,
Im Schlafe munter, wach im Traum zu sein.

Und vor Dir hin des Lebens blaue Welle
Beschneit mit Lotosblumen zieh'n zu seh'n;
Und sank des Tages milde Rosenhelle,
Ein heller Tag uns Allen aufzugeh'n.

Ein Stern der Erde, ihre Nacht zu lichten,
Dem Aug' der Andacht und der Lieb' zu glüh'n,
Die Brust zu schwellen, die da reif zum Dichten,
Das Denkers Aug' empor zu Dir zu ziehn.

Du warst bestimmt, in Myrtenkranz zu prangen,
Ein Herz zu füllen mit dem Himmel ganz,
Die Erde liebend, schmückend zu umfangen. -
Die Erde gab Dir einen Todtenkranz.
(Band XI. S. 24)


7.
Statt Sonnen wob sie Nacht um Deine Blicke,
Statt Nachtigallen tönt des Schmerzes Laut,
Und statt der Deinen sel'gem Liebesblicke
Stiert Dich ein Bleicher an, vor dem uns graut.

Ein hohler Blick aus Grabesnacht gesendet,
Ein Nachttrost weht Dich an statt Lenzesluft,
Statt Myrten ward der Rozmarin gespendet,
Und statt der Blumenwiege eine Gruft.
(Band XI. S. 25)


8.
Leb' wohl, Du Stern! Wir weinen nicht um Dich,
Denn Du warst reich, bist reicher noch geworden,
Du schlummerst dort auf weichen Blumenborden,
Wir weinen um die Erde ohne Dich.

Die Erd' ist arm geworden, seit Du gingst,
Und die wir blieben, wir sind zu beweinen,
Wir hatten diesen Stern, den Einzigeinen; -
Sprich Welt, wann Du uns einen gleichen bringst?
(Band XI. S. 25)


9.
Armsel'ge Welt, ein Engel ward gesandt,
Du nahmest ihn gleich Einem von den Deinen;
Das war er nicht; er kehrte zu den Seinen
Nach kurzer Offenbarung in sein Land.

Was blickst Du, armes Menschenaug', nach ihm?
Die Zeit der Sendung war für ihn verronnen,
Such' ihn dort an des Vaters Gnadenbronnen
Und strebe nach dem Reich der Cherubim.

Wirf ab von Dir der Erde Schlackenwust
Und läutre Dich im Feuer Deiner Tugend;
Er zog aus früher hin in ew'ge Jugend -
Dort blicke hin, schlag' reuig an die Brust! -

O klage, daß Therese schied so früh,
Und sehne Dich hinab zu jener Todten.
Um würdig einst zu werden solcher Todten,
Magst leben Du und sterben dann wie Sie!
(Band XI. . 26)


10.
Noch ist es rauh und keine Blume blüht,
Die Nebelwolken zieh'n im wilden Tanz,
Noch tönet nicht der Nachtigallen Lied; -
Auf Deinem Grabe liegt ein welker Kranz.

Doch bald, Therese, läuten Blumenglocken
Ein Requiem süß in Dein kaltes Grab.
Und Nachtphalänen rauschen Klagelieder. -
An jener Wand, der blüthenreiche Flieder

Streut hell wie Thränen seine weißen Flocken
Auf Deinen Rasenhügel dann hinab.
Vom Himmel grüßt Dich milder Sternenschein,

Die Nachtigallen singen sanft Dich ein;
Die Seele sieht, ein Stern, mit Liebesblick
Auf Dich, Du schöne Hülle, dann zurück.
(Band XI. S. 26-27)


11.
In grauer Nacht nicht bist Du heimgegangen,
Nein, früh, als g'rad' die Sonne aufgeblüht,
Sie küßte rosig noch die blassen Wangen,
Und Glanz vom Jenseits drang in's Augenlid. -

'S ist Mitternacht, die Ampel fast verglüht -
Ich halte schaur'ge Zwiesprach' mit dem Tode.
Es war die erste Nacht nach Deinem Tode,
Als ich, Therese, sang Dir dieses Lied! -
(Band XI. S. 27)
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Irene

Ob ich Dich liebe? Frage die Sterne,
Denen ich oft meine Klagen vertraut.
Ob ich Dich liebe? Frage die Rose,
Die ich Dir sende, von Thränen bethaut.

Ob ich Dich liebe? Frage die Wolken,
Denen ich oft meine Botschaft vertraut.
Ob ich Dich liebe? Frage die Wellen:
Ich hab' in jeder Dein Bildniß geschaut. -

Wenn Du mich liebtest, himmlisches Mädchen,
O dann gestände ich Dir es auch laut:
Wie ich Dich liebe, daß ich Dich nenne
Stets meinen Engel und bald meine Braut.
(Band XI. S. 57)
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Laura

1.
Es glänzet der Saal im Kerzenschein,
Die Töne brausen wild darein;
Und Deine Genossinnen, jung und schön,
Die seh' ich geschmückt zum Tanze geh'n! -

Dich seh' ich nicht! - Auf's Lager gebannt
Schmückt Deine Locke nicht Blume, noch Band;
Die matte Lampe mit flackerndem Licht,
Auf die bleichen Wangen Kreise Dir flicht. -

Wohl athmet Dein Busen hoch und schwer:
O, wenn's doch im rauschenden Tanze wär'!
Wohl zuckt um den Mund ein leichter Zug:
O, wär's doch vom Lächeln ein süßer Flug! -

Sieh, wie dort so prächtig das Flammenlicht,
Vom Christbaum aus dem Fenster bricht! -
Dein Aug' ist matt im düstern Raum,
Dein Aug' sieht heut' keinen Christusbaum. -

Bald tönet des Jahres letzter Schlag,
Nun glüht voll Rosen der Hoffnungstag!
Den ersten Tag, so freudig und schön,
Dein Auge wird diesen Tag nicht seh'n! -

Doch horch, Du frommes Kind! wie schön
Erklingt der Sphären, der Engel Getön!
Die Seligen schmücken zu himmlischem Tanz
Dich bald mit Blumenpracht und Kranz.

Und blüht Dir hier kein Weihnachtsbaum:
Er schimmert hernieder vom Sternenraum.
Und Christus selbst, im leuchtenden Haus,
Schmückt, frommes Kind, den Baum Dir aus!

Du hörst nicht den Klang vom neuen Jahr!
- Dort oben ist ewig ein neues Jahr.
Dein Leben war nur die Sylversternacht
Für jenen ewigen Tag voll Pracht! -
(Band XI. S. 58-59)


2.
Die Frühlingssonne schimmert blaß herab,
Das erste Veilchen blüht auf Deinem Grab. -
Auf Deinem Grab, wo bald der Rasen grün,
Soll jeden Frühling eine Blume blüh'n.

Ja, eine Blume, die mein wundes Herz
Als Lied geboren im erneuten Schmerz!
Und daß nicht welke dieser Blume Blau,
Tränkt meine Thräne sie als milder Thau. -

Die Veilchen blüh'n, des Sommers Sonne glüht,
Es tönt der Nachtigallen Liebeslied;
Du hörst es nicht, - es tönt ja nicht hinab
Ihr Lied, mein Lied, o Laura! in Dein Grab.

Die Nachtigallen werden südwärts zieh'n,
Die Veilchen bald auf Deinem Grab verblüh'n.
O Laura! Eines bleibt: - Mein klagend Lied,
Das ewig schmerzhaft durch mein Leben zieht! -
(Band XI. S. 59-60)
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Ludmila

Einmal hab' ich Dich gefunden,
Und zugleich auch schon verloren!
Ist die Blume zum Verwelken,
Und zum Sterben nur geboren?

Warum nicht auf and'ren Pfaden,
Sonnenhell und grün geschmückt,
Hab' ich, Engel, Heißgeliebte,
Mila, Dich zuerst erblickt? -

Kaum gefunden, und schon meiden,
Und vielleicht nie wiedersehen! -
Warum mußtest Du erscheinen,
Du mein Stern, und untergehen!? -
(Band XI. S. 60)
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Emilie

In des Himmels Sternenbildern,
In den lichtgezog'nen Reih'n
Fehlt das schönste der Gebilde,
Fehlt der Rose Bild allein.

Leuchtend sprüht des Schwans Gefieder,
Golden tönt der Lyra Lied,
Berenice's Locken schimmern
Und die Dioscure glüht.

So viel and're Wundersphären
Sind phantastisch ausgestreut,
Und die Sterne geben Bilder
Aller Lust und allem Leid. -

Oftmals blickt der Himmel nächtig,
Trüb ist seines Glanzes Quell;
Doch in Deinen süßen Augen
Strahlt der Himmel ewig hell.

Mangelt auch dem Sternenhimmel
Immer noch der Rose Schein, -
An dem Himmel meiner Dichtung
Wirst Du stets die Rose sein.
(Band XI. S. 61)
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Corona

Es geht vom Phönix eine Wundersage,
Wornach, wenn er ward alt und lebenssatt,
Er sich das Holz zum Scheiterhaufen trug,
Die Flamm' entzündete, in ihr verglühte,
Um neu belebt aus ihr emporzutauchen.

O, könnte so der Mensch auch, wenn er alt,
Den Scheiterhaufen stolzen Muths sich bauen,
In ihm verbrennen, um dann jung und neu
In's blüh'nde Dasein wieder einzutreten.

O, stieg' auch ich aus Flammen neu empor,
Um Dir, o Göttin! neu mein Lied zu weihen,
Und aus der Asche meines Herzens hell
Die Flamme der Begeist'rung zu entzünden.
(Band XI. S. 62)
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Emmeline

Gib mir die Rose, die an Deinem Busen,
Gleich Dir im Frühlingsschmucke prangt,
Nach der, um seine Nacht zu lichten,
Mein sehnend Auge heiß verlangt.

Schenk einen Blick des Himmelsauges,
Schenk einen Strahl Du, Sonne, mir!
Daß meines Herzens welke Blüte
Den Kelch erheb', o Licht! zu Dir!

Schenk mir ein Lächeln Deines Mundes,
Dies Zauberlächeln Frühling-gleich,
Daß es auch mir den Frühling bringe,
Den Frühling duft- und blütenreich! -

Doch kannst Du keines - mir gewähren;
Schenk' eine Thräne meinem Loos; -
Die Thräne wird den Schmerz noch kühlen
Tief unten in des Grabes Schooß.
(Band XI. S. 62-63)
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Bertha

Sie sagen mir, - in Deiner Todesstunde
Hast Du für mich gebetet, mein gedacht;
Es war Dein letzter Athemzug, der Segen
Herab hat auf mein sündig Haupt gebracht. -

In dieser Nacht hab' ich von Dir geträumet,
Ich sah Dich bittend stehn vor unsrem Christ,
Für mich, den Sünder, flehend, dem zu Liebe
Du selbst nur Sünderin geworden bist.

Ich trat in's Paradies; es war die Pforte
Geöffnet mir durch Dein inbrünstig Fleh'n;
Da aber muß ich unten in der Hölle
Dich, meinen Engel, Dich, Errett'rin sehn.

Ich hab' ein brünstiges Gebet gesprochen:
Nehmt mir den Himmel, gebt mir Höllenpein;
Mit Dir wünsch' ich viel lieber in der Hölle,
Als ohne Dich im Himmel selbst zu sein. -
(Band XI. S. 63)
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Selma

Stern des Abends, mußt du heimwärts ziehn?
Sieh die andern noch so freundlich glühn!
Und die Nachtigall am Weidenbach
Ruft dir süße Sehnsuchtslieder nach!
"Ach! ich muß - obgleich ich traurig geh',
Scheiden, ach! Scheiden thut weh!"

Und du Schwalbe, wanderst du auch fort?
Ach, was zieht dich nach dem fremden Ort?
Sieh, wie grünend ist noch hier die Au,
Mild die Lüfte und der Himmel blau.
"Ach! ich muß, obgleich ich traurig geh',
Scheiden, ach! Scheiden thut weh!"

Zieht denn Alles weithin in die Welt?
Stern des Abends, du vom Himmelszelt,
Und du, Schwalbe, über Land und See? -
Herz, mein Herz, was thut dir also weh?
"Scheiden, ach! Scheiden thut weh!"
(Band XI. S. 64)
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Adelheid

Und ich sitz' am offnen Fenster
Blickend in die Nacht hinaus;
Drüben glänzen noch die Lichter
In dem heißgeliebten Haus'.

Alles ist so still und ruhig,
Nur die Lüft' und Wolken zieh'n.
Alles ist so kalt und schweigsam,
Und nur meine Schmerzen glüh'n. -

Gebt, o gebt mir, heil'ge Sterne
Einen Strahl und einen Laut,
Daß, wenn ich den Laut ihr sende,
Sich der Strahl zur Brücke baut;

Daß er ihr allein verständlich,
Daß er ihr nur sichtbar ist,
Daß sie im Gebet des Abends
Ihres Sängers nicht vergißt!
(Band XI. S. 64-65)
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Amalie

Wende nicht den Blick von mir,
Senke nicht die Augenlider;
Denn in Deinen blauen Augen
Find' ich meinen Himmel wieder.

Zieh das Händchen nicht zurück,
Laß es an mein Herz mich pressen,
Glaub', daß weder Herz noch Blut
Dieser Seligkeit vergessen.

Oeffne Deinen süßen Mund,
Wär' sein Ausspruch auch der Tod;
Dieses Stummsein, dieses Schweigen
Ist viel schlimmer als der Tod!
(Band XI. S. 65)
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Clara

Clara, o Clara! wie bist Du so schön! -
Einmal nur in Dein Auge geseh'n,
Einmal an Deine Brust gesunken,
Einmal von Deinen Lippen getrunken,
Einmal auf Deiner Stirn gelesen,
Daß ich Dir bin ein theures Wesen,
Einmal, ach! Deine Liebe erworben,
Und sogleich darnach gestorben! -
Clara! Clara! was soll ich denn mehr?
O! wenn ich doch schon gestorben wär'.
(Band XI. S. 66)
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Sophie

Wie schweigsam, ruhig ist die Nacht!
Mein thränenfeuchtes Aug' nur wacht,
Und meine Seufzer quell'n hervor;
Der Luftzug trägt sie sanft empor.

Ich blicke nach dem Sternenlauf'
Schon lang, so lang mit Weh hinauf,
Und suche in der lichten Fern'
Nach jenem feuerblauen Stern.

Wie leuchtet dieser Stern mir mild,
Ich sah' in ihm Dein holdes Bild.
In diesem blauen Stern allein,
Dort, meine Seele, mußt Du sein!

Und wie ich träumend in ihn schau',
Quillt süß der Thränen reicher Thau;
Ich fühl' mich Dir so nah, so nah,
Als wärst Du, Engel, wieder da. -

Doch, wenn die Sterne untergehn,
Mein Aug' Dich muß versinken sehn;
Dann schwindet auch der Wehmuth Lust,
Und bittrer Schmerz durchtobt die Brust. -
(Band XI. S. 66-67)
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Clotilde

Wie eine Wasserlilie
Leuchtet es durch die Nacht.
Ist es der Mond, der durch Wolken
Aufgeht in seiner Pracht?

Ist es des Schwans Gefieder,
Zieh'nd durch den dunkeln See?
Tritt aus schwarzer Felsengrotte
Eine wundersame Fee?

Nein, nein! Es ist Dein Antlitz,
Dein Antlitz weiß und hold;
Vom Fenster leuchtet's hernieder
In seiner Locken Gold! -

Du wunderbares Antlitz,
Was hast Du aus mir gemacht:
Du lichtest das Dunkel so strahlend,
Und mich versenkst Du in Nacht!
(Band XI. S. 67)
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Colma

Mit tausend Zungen sagt' ich Dir gern,
Wie ich Dich liebe, mein Licht,
Mit tausend Flammen schrieb' ich, o Stern,
Dir ein begeistert Gedicht!

Im Sturmesbrausen gäb' ich es kund,
Was mir den Busen schwellt,
Und mit der Nachtigall jubelndem Mund
Säng' ich: Du bist meine Welt!

Ich wollt', ich wäre der Abendwind
Und flüsterte leis' Dir in's Ohr,
Das ich Dich wonniges, zaubrisches Kind
Zu meinem Engel erkor.

Ich spräche zu Dir mit dem Glockenklang,
Wie längst schon Dein reizendes Bild
Tief meine Seele mit Wonne durchdrang,
Und mich mit Sehnsucht erfüllt.

Und sollt' ich Dir sagen, wie Liebe schon lang
Mir wogt in der Seele und glüht,
Dann leih' mir den zaubrischen Stimmenklang,
Beseele mein schüchternes Lied.
(Band XI. S. 68-69)
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Similde

O bilde diese Locken nicht zu Ringen,
Bedeck' die Perlen mit des Mundes Rubinen,
Verhüll' das Lächeln in ernst-strenge Mienen,
Laß nicht das Auge durch die Wimpern dringen. -

Verhüll Dich, und laß von Nacht bezwingen
Die Pracht, in der Du ewig bist erschienen,
Sei ein Demant in dunklen Schachtes Minen -
Und laß nicht eine Hoffnung mich erringen.

Denn einem Adler gliche das Verlangen,
Der seines Käfigs Stäbe wild zerschmettert -
An einem Abgrund seh'st Du bald mich hangen;

Ich weiß, Du zögst mich nicht empor - vergöttert;
Ich aber stürzte von der Felsenmauer
Hinab in Wahnsinn, Nacht und Todesschauer!
(Band XI. S. 69-70)
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Isidore

Wär' ich das Meer,
Ich würde ein Meer der Liebe sein,
Ich schlösse Dich mit tausend Armen ein:
Wär' ich das Meer!

Wenn ich der Himmel wär',
Ich löschte aller Sterne Schein,
Du solltest mein Stern nur sein,
Wenn ich der Himmel wär'!

Wenn ich die Sonne wär',
O dann verlöschte ich Licht und Glut,
Nacht sollt es sein über Land und Flut:
Nur in den Herzen mein und Dein
Sollte dann Licht und Wärme sein.
(Band XI. S. 70)
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Therese

Du leuchtendes, himmlisches Augenpaar,
Du Stirne, ernst und doch mild und klar,
Du Purpurmund, wonnevoll anzuseh'n,
Im Lächeln so himmlisch, im Schmollen selbst schön:
Wie lieb' ich Euch glühend und lieb' Euch lang,
Und werde Euch lieben mein Leben lang! -

Du reizende, wonnige, holde Gestalt,
Du Wesen voll zaubrischer Allgewalt,
Du süßer, du lieblicher Stimmenklang,
Der tief in die schmachtende Seele mir drang:
Du göttliche Frau, wie lieb' ich Dich lang,
Und werde Dich lieben mein Leben lang!
(Band XI. S. 70-71)
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Selma

Die Wange blaß, das Auge verweint,
So sah ich Dich gestern im Fenster stehn;
Die Luft ist rauh, keine Sonne scheint,
Und ich muß hinaus in die Fremde gehn. -

Wohl find' ich im Süden den Sonnenschein,
Und finde vielleicht einen Freund,
Und finde manch' liebliches Mägdelein,
Doch Keines, das um mich weint. -
(Band XI. S. 71)
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Antonie

Du fragst, warum ich zögre, oft Dich meide,
Und scheu mein Blick den Deinen nur verträgt,
O fühltest Du, was ich entbehrend leide,
Du wüßtest, was verlangend mich bewegt.
Es drängt zu Dir mich hin mit Allgewalt.
Doch, faß' ich mich, - so beb' ich rückwärts bald. -

Wenn Du des Abends bei der Kerze Schein
Am offnen Fenster sitzest, sinnend, stumm -
Da huscht ein leuchter Schmetterling herein
Und gaukelt an dem hellen Licht herum
In eng und engerm Kreis mit tollem Muth,
Bis seine Flügel hat versengt die Glut.
(Band XI. S. 71-72)
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Arabella

Du hast mir eine Rose gesandt,
Eine purpurne Rose aus schneeweißer Hand.
Wie kommt's, daß vom Norden aus Schnee und Eis
Eine Sonne taucht, so glühend und heiß?

Du hast mir diese Rose gesandt,
Sie lebte, sie welkte in meiner Hand;
Ich wollte sie drücken voll seliger Lust
An's Herz - und drückte den Dorn in die Brust! -

Weshalb hast Du mir diese Rose gesandt,
Umschlungen von einem schneeweißen Band? -
Das Band war weiß, die Rose roth: -
Mein Herzblut färbte das Band auch roth.
(Band XI. S. 72)
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Louise

Wie bist Du so schön, o Mädchen,
Du lieblich blühn'des Kind!
Ich glaub' nicht, daß im Sommer
Die Rosen schöner sind.

Bald welkt am Strauch die Rose,
Ob man sie pflegen mag;
Allein Du blühest schöner
An jedem neuen Tag.

Die Nachtigall singt lieblich
Dort in dem Wiesengrund,
Doch schön're Töne quellen,
Aus deinem holden Mund.

Auf Deinen süßen Wangen,
Auf Deinen Lippen lacht
Von tausend frischen Rosen
Die jugendliche Pracht.

Ein Netz aus goldenen Fäden,
Es ist Dein blondes Haar!
Aus heller Stirne leuchtet
Dein blaues Augenpaar.

Um Deine Lippen schwebet
Froh jugendlich der Scherz;
Doch bleibt von all' dem Schönen
Das schönste doch Dein Herz.
(Band XI. S. 73-74)
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Bianca

Wenn Dein Mund zürnend spricht,
Lausch' ich gern doch seinen Tönen,
Glaubst Du meinen Worten nicht,
O, so glaube meinen Thränen!

Mag der Schein mich auch verdammen:
Sieh! Ich blicke himmelwärts,
Rufe Gott zu meinem Zeugen:
Ewig Dein war doch mein Herz!
(Band XI. S. 74)
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Theodora

Du kennst ihn, der im wüsten Taumel treibet
Mit seinem Dasein frevelhaften Scherz,
Der, wenn die Andern ruhen, wachend bleibet
Und sich berauscht an seinem eig'nen Schmerz.

Du kennst ihn, der sein Hoffen und sein Glauben
Auf Dich allein gesetzt vor dem Altar!
Du dachtest einen Wahn ihm nur zu rauben,
Und wußtest nicht, daß es sein Himmel war.

Du kennst ihn wohl, dem Du das Wort versagtest,
Das Wort der Seligkeit, das Eine: Ja! -
O sprich, als Du kalt lächelnd wieder fragtest,
War Dir ein Engel oder Dämon nah?

Du kennst ihn wohl, der mit der Welt zerfallen
In Dir den Engel sah vergeh'n in Nacht -
Wenn Du mich siehst zerfleischt von Wahnsinns-Krallen:
- Das hast Du Engel-Dämon doch vollbracht!
(Band XI. S. 75)
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Flora

Ich habe tief Dir in das Aug' gesehn,
Es war vom Sonnengold beglänzt ein klarer See
Und sichtbar ward sein tief-geheimer Grund.
Da sah ich's unten bunt und zaubrisch leuchten,
Von Edelsteinen, funkelnden Demanten,
Die überreich von Deiner Tugend strahlten:
Den Saphir Deiner Treue, Deiner Milde
Opal und den Smaragd der Hoffnung und des Glaubens
So wie die Korallen, die Dein Herzblut deuten,
Und Perlen, Deine schönen Mitleidsthränen,
Sie schaut' ich alle in der klaren Flut! -

Besiegt, entzückt und hingerissen senkte
Ich meinen Frieden in die frische Welle;
Die Welle deckte glatt sich über ihn. -
Doch wie ich emsig späh', und Deine Schätze
Die wunderreichen seh', vom Grunde hole,
So find' ich meinen Frieden nicht heraus.

Kannst Du so reich mich machen, Ueberreiche,
Und doch mir rauben meinen Friedenssinn?
(Band XI. S. 75-76)
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Dorothea

Ich wind' in Deine Locken, in die dunkeln,
Voll Wonne Dir den blüh'nden Myrtenkranz,
In diesen schwarzen Ringen wird er funkeln,
So wie der Abendstern, zur Nacht voll Glanz.

Laß mich den Ring um Deinen Finger schlingen,
Er soll nicht Dir, nur mir die Fessel sein;
Mit seinem Zauber sollst Du mich bezwingen,
Mit meinem Blut schreib' ich den Namen ein.

Ich presse Dich an's Herz mit Wonnebeben,
Und juble: Dorothea, endlich mein! -
O schling' um mich den Arm für's ganze Leben
Und sprich: "Geliebter, ewig, ewig Dein!"
(Band XI. S. 76-77)
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Emma

Es schimmern weise Perlen
In Deinem dunkeln Haar.
Weißt Du, das jegliche Perle
Von mir eine Thräne war?

Es glüht an deinem Busen
Eine Rose purpurroth.
Die hab' ich mit Herzblut getränket;
D'rum ist die Rose so roth.

Es weht um Deinen Nacken
Ein weißes Nesseltuch;
So weiß - doch schwerer, ja schwerer
Ist bald mein Leichentuch.

Das Leichentuch bringt Ruhe
Für jedes andre Herz;
Glaub' nicht, daß ich ruhen werde
Mit meinem großen Schmerz. -

Du lösest nicht die Perlen,
Und bringst sie als Opfer dar;
Sie werden ferner noch glänzen
In Deinem dunklen Haar.

Doch legst Du wohl die Rose
Auf meinen Hügel hin?
Ich weiß, wenn die Rose verwelkt ist,
Daß ich auch vergessen bin. -
(Band XI. S. 77-78)
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Magdalena

Du gehst von mir! und alle Nachtigallen,
Die sangen mir zugleich ihr Scheidelied,
Und alle Blüten sind mir abgefallen,
Und alle Sterne sind mir ausgeglüht.

Du gehst von mir und jeder Nerv des Lebens
Kämpft ringend gegen seinen frühen Tod,
Ich will Dich halten, rufe Dich vergebens,
Kaum ward es Tag - und schon das Abendroth!

Du gehst von mir! Wie kann ich ferner leben,
Da Du mein Herz und meine Seele bist? -
Du hast ja mir die Seele erst gegeben,
Nachdem Du mich zum erstenmal geküßt!
(Band XI. S. 78)
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Sophronia

Du fragst, wer jene wehmuthsvollen Lieder,
Die ob der Liebe Schmerzen klagen, schrieb? -
Ich nenn' ihn Dir, seh' ich Dich einmal wieder,
Wenn Dir der Wunsch noch im Gedächtniß blieb.

Er ist beglückt, er hat das Herz gefunden,
Das Liebe-athmend für das Seine schlägt,
D'rum spricht er frei von jeder seiner Wunden,
Weil sie in sich den Keim der Heilung trägt! -

Doch einen Andern kenn' ich, der viel Klagen,
Viel tiefe Schmerzen dem Papier vertraut,
Der nicht den Muth besitzt, der Welt zu sagen,
Was ihn bewegt, zerstört, vernichtet, laut!

Der in dem innern Leben tief zerrissen,
Des Daseins Mai in Thränen hingebracht,
Und der, weil er das Heiligste soll missen,
Nur aus Verzweiflung jubelt, scherzt und lacht.

Der mit dem Groll, dem Spott verbirgt sein Sehnen,
Der jauchzt, zum Lächeln zwingt den bleichen Mund;
Der mit den Augen scherzt, indessen Thränen
Nach Innen wüthen in des Herzens Grund.

Der Namenloses trug, es hat ertragen;
Doch seine Schmerzen fromm und heilig hält;
Weil ja die Menschen nicht nach Schmerzen fragen,
Und weil sie selbst zu keusch für diese Welt.

Er ist ein See, so scheinbar hell und eben,
Das d'rin sich spiegelt Wolke, Baum und Blatt;
Doch unten wohnt das Grauen, aufwärts beben
Sirenentöne schluchzend, todesmatt.

Momente gebt's, wo sich die Wog' entfaltet,
Und sichtbar wird der tief zerriss'ne Grund.
Dein Auge war's, das diese Fluth gespaltet,
Und die Sirene öffnet leis' den Mund. -

Willst Du die Lieder? Nein! Ach laß sie schlafen
In ihrer dumpfen, öden, weiten Gruft;
Die Todten, die man rückbeschwört, bestrafen
Des Frevlers Hand, der sie in's Dasein ruft. -

Was soll ich Armer Deinen Himmel trüben,
Weil mir durchglüht kein Strahl das eig'ne Herz?
Du bist geschaffen, noch die Welt zu lieben,
Dein Auge ist zu schön für solchen Schmerz.

Wohl kennst Du mich und hast von mir gelesen,
Doch was ich scheine nur hast Du geseh'n.
Ich bin vordem ein Anderer gewesen,
Und jetzt nicht würdig so vor Dir zu steh'n. -
(Band XI. S. 79-80)
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Beatrice

Du schläfst. Ja, kalte Herzen können schlafen,
Um die der Schmerz nicht seine Dornen flicht;
Was frägst Du nach dem wundgepeitschten Sclaven,
Den seine Kette brennt? - Ich schlafe nicht.

Du schläfst, als wär ein seel'ger Himmelsfrieden,
Doch Wunsch und Sehnsucht hier auf Erden nicht;
Kennst Du, wenn Leib und Seele ermüden,
Die Qual des Armen wohl? - Ich schlafe nicht!

Du schläfst, und tausend himmlische Gestalten
Umweben Dich, so scheint's, mit gold'nem Licht;
Ich seh' Dämonen nur sich rings entfalten
Die mir das Herzblut saugen, - schlafe nicht!

Du schläfst. O mögst Du immer selig träumen,
Und wachend grüße Dich nur Frühlingslicht;
Ich werde schlafen in der Todten Räumen
Entsetzlich träumen und - erwachen nicht!
(Band XI. S. 80-81)
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Theone

Auf weichen Abendlüften
Fliegt mein Gedanke zu Dir,
Und wollt' ich mit Ketten ihn binden;
Ich könnt' ihn nicht fesseln bei mir. -

Ich fürchte nur, daß ich irret,
Den Flug wo anders hin lenkt,
Und sich in einer Rose
Aufblühenden Kelch versenkt.

Ich fürchte, daß er sich stürzet
Dort in den Abendstern,
Und glaubt, es sei Dein Auge,
Worin er schwelgte so gern.

Ich fürchte, daß in den Strom er
Sich senket, um unterzugehn,
Seit er in Deinem Auge
Die letzte Thräne gesehn.

Doch, wohin er immer auch wandle,
Ob er irret dort und hier;
So kehrt er doch immer
Zurück in die Seele mir.
(Band XI. S. 81-82)
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Bertalda

Warum ich diese Augen liebe,
So gern in diese Augen seh'? -
Zwei Seelen sind ja diese Augen,
Zwei Seelen, so voll Lust als Weh.

Die Eine Seele sagt: Ich liebe,
Die Andre sagt: Ich liebe nicht;
Und dennoch können beide lächeln,
Und haben doch ein himmlisch Licht.

Hat Eins mich strafend nun getroffen,
Und hüllt sich ernst in Dunkelheit,
So läßt das Andre wieder hoffen
Und gibt mir Muth und Seligkeit.

O schmelzet doch, ihr süßen Flammen,
In einen einz'gen Seelenstrahl,
Und laßt mich leben oder sterben;
Denn zwischen Lust und Furcht ist Qual.
(Band XI. S. 82)
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Gabriele

Einmal war ich schon geboren,
Und der Himmel war mein Land,
Engel waren meine Brüder,
Heilige mir anverwandt. -

Da verstieß ein harter Spruch mich
Nieder in die Erdennacht,
Und ich hab' vom Himmel Schmerzen
Heißer Sehnsucht nur gebracht. -

Doch - da sah ich Dir in's Auge,
Stand entzückt und fest gebannt; -
Weil ich ja in Deinen Augen
Meinen Himmel wiederfand!
(Band XI. S. 83)
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Toska

Laß mir die Thräne nur!
Du konntest ja die Liebe mir nicht lassen,
Und meinem Himmel nicht den Sonnenschein;
So laß mich denn verstummen und erblassen,
Und tief mich hüllen in mein Elend ein.

Laß mir die Trauer nur!
Du konntest mir die Wonne nicht gewähren,
Und nicht mit Glanz erfüllen dieses Herz;
Laß mich zur Nacht denn hin mein Auge kehren;
In Trauerfarben kleidet sich der Schmerz.

O laß mich sterben nur!
Du ließest mich an Deiner Brust nicht leben -
Und gibt's ein Dasein für mich außer Dir?
Es gibt kein Drittes zwischen Tod und Leben,
Und nur im Tod entsagen kann ich Dir.
(Band XI. S. 83-84)
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Albertine

Ich weiß, daß Du mit einem Blicke
Heraufbeschwörst das Morgenroth,
Ich weiß, daß jeglichem Geschicke
Dein Aug' gibt Leben oder Tod.

Und daß ein Ton aus Deiner Kehle
Die todte Nachtigall belebt,
Und die gestorbne Liederseele
Bei diesem Klang den Fittig hebt.

Ich weiß, wenn Du den Dornstrauch rührtest,
Daraus ein Beet von Rosen sprießt,
Daß Du der Sterne Reigen führtest,
Ich weiß, daß Du allmächtig bist.

O frage an bei Deinem Herzen,
Das stolz und groß, - auch lebend - schlägt,
Warum in ihm bei meinen Schmerzen
Sich nicht ein einz'ger Pulsschlag regt?
(Band XI. S. 84)
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Maria Magdalena

Marie, ich liebe Dich, weil Du mein Leben
Und meiner Seele Gluthgedanke bist,
Weil Du der Lichtstrahl, der aus Nacht und Beben
Mein tief geblendet Aug' emporgeküßt;
Weil Du vom Wahnsinnsschmerz errettet mich:
Marie, ich liebe Dich!

Marie, ich liebe Dich! In Maienwonne
Hast Du als erster Frühling mir gelacht,
Den Himmel schmückst Du glänzend mir als Sonne,
Du wandeltest für mich die Nacht in Pracht,
Vor Dir verbirgt des Hespers Flamme sich:
Marie, ich liebe Dich!

Marie, ich liebe Dich! Als Götterbildniß
Prangst Du auf meines Herzens Hochaltar,
Es trat mein Geist aus seiner starren Wildniß,
Und bringt Dir kniend seine Opfer dar.
Die Seele stürzt in Liebesgluthen sich:
Marie, ich liebe Dich!

Marie, ich liebe Dich, und glüh' im Hasse,
Daß Dich noch Wesen sehen außer mir,
Wenn ich im Zorn des Himmels Säulen fasse,
Zerschmettr' ich blutig sie zu Füßen Dir.
Auf ihren Leichen dann umarm' ich Dich:
Marie, ich liebe Dich!

Marie, ich liebe Dich, weil wie ein Heiland
Erlösung von der Schuld Du mir gebracht,
Weil Du vom sturmumtobten, kahlen Eiland
Mich eingeführt in Paradiesespracht;
Weil Du mir Glauben gabst, mein Irrwahn wich:
Marie, ich liebe Dich!

Marie, ich liebe Dich mit tausend Schmerzen,
Nächst Gott bet' ich, Maria, nur Dich an;
O neige Dich herab zu meinem Herzen
Und höre Buße und Gebete an.
Marie, Erlöserin, o heil'ge mich!
Marie, ich liebe Dich!

Marie, mein Engel, gib, o gib mir Kunde,
Nimmst Du mein flammend Opfer gnädig an?
Ich schwör's, daß ich auf diesem Erdenrunde,
Nur Dich allein und Dich nur lieben kann!
Und ohne Dich umfaßt die Hölle mich!
Marie, ich liebe Dich!
(Band XI. S. 85-86)
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Feodora
(Der letzte Kuß)

Ja, es ist nun überwunden,
Und ich trete still zurück;
Aber auf glücksel'ge Stunden
Gönne mir den Einen Blick!

Nichts von dem, worauf ich baute,
Nichts von bitt'rem Schmerz und Ach;
Nur des Abschieds Wehmuthslaute
Weinen meinem Himmel nach.

Wie ich Dir genüber stehe
Und den Himmel seh' in Dir,
Die gesenkten Blicke sehe,
Und dies Zittern - gilt es mir?

Und im Rücken meine Schatten,
Meines fernern Daseins Nacht,
Ueber öden, weiten Matten
Keines Aufgangs Sonnenpracht! -

Ach! da regt sich das Verlangen,
Das die wunde Brust nicht hält,
Und hervor aus Schmerz und Bangen
Muß es, ob das Herz zerfällt. -

Ich will geh'n - es ist entschieden;
Doch im letzten Augenblick,
Wo den Himmel ich gemieden,
Wünsch' ich ein Erinnrungsglück!

Gib mir ihn! o still' dies Schmachten,
Kühle dieses Sehnens Glut; -
Nicht Dein Glück wird es umnachten,
Doch mir ist er Licht und Glut!

Deinen Lenz wird er nicht rauben,
Deinen Frieden scheucht er nicht;
Doch des Himmels Sternenlauben
Webt er in mein Dämmerlicht.

Senke nicht die Augenlider,
Heb' den Sonnenblick empor -
Gold'ne Zeiten strahlt er wieder
Durch den letzten Trauerflor! -

Reichst du doch dem armen Wand'rer
Manche milde Gabe hin -
Soll ich schlechter, als ein And'rer,
Ungelabt von hier entflieh'n?

Und wo es ein blutig wundes,
Nächt'ges Dasein, voll von Schmerz,
Mit dem Druck des Purpurmundes
Gilt zu heilen - zagt Dein Herz? -

Ach! ich fühl' es wohl im Drange
Dieser Brust voll bitt'rer Weh'n,
Das es drückend ist, so lange
Als ein Bettler hier zu steh'n;

Wie gefühlt ich tiefer habe,
Daß es auch unmöglich ist,
Ohne diese letzte Gabe
Hinzugeh'n, wo Du nicht bist. -

Laß mich nicht vergebens werben! -
Soll ich mir durch Schaam und Weh
Die ersehnte Gunst verderben?
Heb' das lichte Aug' zur Höh'! -

Sieh'! - ich kann nicht weiter gehen,
Dieser Fleck ist meine Welt,
Harren muß ich, untergehen,
Wenn es grausam Dir gefällt.

Wie dem Schiffer, der im Meere
Seine Segel rastlos spannt,
Sich die Sterne an die Fähre
Knüpfen, bietend ihre Hand:

So wird mich sein Strahl begleiten,
So sein ewig Feuer glüh'n,
Durch die nächtig-öden Breiten
Meiner Dämmerfluren blüh'n.

Werd' ich auch für immer leiden,
Wandelt sich dies Weh' auch nicht,
Brauch' ich doch zum Dulden, Meiden
Eines Glanzes mildes Licht.

Säume nicht, - beug' Dich herüber -
Soll ich schmachtend vergeh'n? -
Nur ein Druck! Es ist vorüber -
Und Du sollst mich nie mehr seh'n!
(Band XI. S. 86-89)
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Fatime

Gebiete mir, daß ich mit Blumen schmücke
Und mit des Mogul's Perlen Dir das Haupt,
Daß ich die Sterne, weil sie frech geraubt
Den Strahl aus Deinem Aug', der Bahn entrücke,
Als Diadem in Deine Locken flecht',
Du schönster Stern aus himmlischem Geschlecht!
Gebiet' es mir!

Gebiete mir, daß ich ein Lied Dir singe,
Wie es Petrarca seiner Laura sang;
Glaub' nicht, daß er die Leier nur bezwang,
Und daß es mir, dem schwachen, nicht gelinge!
Denn Du bist es, die mir Begeist'rung giebt,
Und heiß, wie Laura, wirst auch Du geliebt!
Gebiet' es mir!

Gebiete, daß ich eine Krone stehle
Und sie Dir setze auf das blonde Haupt,
Daß ich verläugne, was ich heiß geglaubt,
Und mit der Tyrannei mich eng vermähle;
Daß ich die Kette wähle für das Recht. -
Ich bin gefesselt doch, bin längst Dein Knecht!

Gebiete mir! Und forderst Du mein Leben,
So bohr' ich selbst die Todeswunde mir,
Und spreche dann: "Es schmerzt ja nicht!" zu Dir,
Und will im Todeskampfe nicht erbeben.
Ach! weinst Du dann nur eine Thräne mir -
Mit meinem letzten Seufzer dank' ich Dir!
Gebiet' es mir!
(Band XI. S. 90)
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Clarissa

Wie Well' an Welle fließet
Und Flut an Flut sich drängt,
Und wie in jedem Tropfen
Ein ganzer Himmel hängt;

So drängt sich Well' an Welle
Von meines Herzens Schlag,
Und zittert in Deines Auges
Lichthellem Schöpfungstag. -

Es ziehn hinaus die Fluten,
In's weite Meer voll Lust;
Doch weiter, tiefer woget
Das Meer in meiner Brust.
(Band XI. S. 91)
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Sonett

So zittern denn des Schmerzes Thränen wieder,
Die kaum gestillten reichen Perlenreih'n,
Im dunklen Saume Deiner Augenlider,
Und auf die Wangen legt sich Lilienschein!

So hüllst Du abermals die holden Glieder
In kaum entwöhnte Trauerkleider ein,
Und Wehmuth preßt Dein süßes Lächeln nieder,
Und wieder kehrt der Schmerz, und nennt sich Dein.

Die Eiche, die der Blitz einmal zersplittert,
Verschont er gerne auf der neuen Bahn -
Und Dich, die Blume, die im Luftkuß zittert,
Haucht kalter Nachtfrost immer wieder an.
- Hat denn das Schicksal nur für Dich die Schmerzen?
- O gäb' es Deine Leiden meinem Herzen!
(Band XI. S. 194)
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An Sie

1.
"An Dich!" so überschreib' ich diese Lieder,
An Dich knüpft sich mein Denken und mein Träumen;
Den Adler trägt nicht nur sein Gefieder,
Ihn trägt die Luft empor zu Himmelsräumen.

Und also sind an Dich die Glutgedanken
Mir luft'ge Schwingen in das Land der Träume;
Was sonst der Geist ermißt, beengen Schranken,
Doch denkt er Dich, so mißt er alle Räume.
(Band XI. S. 196)


2.
Wie ich Dich liebe, wie Du meine Wonne,
Daß ich dieß laut hier auszusprechen wage! -
So betet ja der Pilger zur Madonne,
Und ohne Zürnen hört sie seine Klage.

Die Klage ist ein freies Lied des Seele,
Wer sie nicht stillt, der muß sie doch vernehmen,
Was süß erquillt im Klang der Philomele,
Ist ja nur Schmachten, Klagen, Sehnen, Grämen.

Doch bei dem Dichter, bei der Philomele,
Da wird zur holden Melodie die Klage,
Und darum lauscht ergriffen ihr die Seele
Und weiß nicht, ob sie jauchze, ob sie zage.
(Band XI. S. 196)


3.
Die Dichter reden eine Weltensprache,
Darum sind sie so arm an andern Gaben,
Sie müssen, ob die Welt sie auch nicht frage,
Verkünden, was in ihrer Brust begraben.

Sie müssen zu der Purpurrose sagen:
Wie bist Du schön, wie glänzend ist Dein Kleid;
Sie müssen es den Nachtigallen klagen,
Was ihre Brust bei ihrem Lied erfreut.

Doch ob es Nachtigall, ob Rose höret -
Gleichwie! Im Sagen liegt schon der Genuß.
Beglückt die Redenden; wer schweigt, entbehret -
Den stummen Mund beseligt nie ein Kuß.
(Band XI. S. 197)


4.
Die Dichter lieben jene Sterne oben
Und ringen nach den Sternen bang und schwer;
Doch die hat Gott in Gewand gewoben:
Der einzig stumme Glückliche ist Er.

Wie ich nun jene Sterne nie erringe,
So glänzt ihr Schimmer doch zu meinem Lied,
Und wenn ich Deine Schönheit, Holde, singe,
Dann bist Du selbst sie, die im Liede glüht.

Ob je Dich meine Klagen rühren werden? -
Wer nie nach einer Krone hat gestrebt,
Wer nicht die Schönste hat geliebt auf Erden,
Wer nie sich Gott gewähnt: - hat nie gelebt.
(Band XI. S. 197-198)


5.
Verschlossen kann die Flamme nie erglühen;
Sie muß hervor, sie braucht den Kuß der Lüfte,
Zum hohen Himmel will die Freie sprühen;
Denn Todtes nur gräbt stumm sich in die Grüfte.

Die Kühne muß die Purpurfahne heben,
Und majestätisch leuchten, um zu sterben;
So wird ihr Tod zugleich ihr schönstes Leben
Und in dem Ruhmesglanz naht ihr Verderben.

Der süße Seufzer, der aus Seiten tönet:
Er wird entfesselt erst von Deinen Händen,
Es ist der Schmerz, der seinen Kampf verschönet,
Und um zu leben, muß er schmerzhaft enden.

So ist der Saite Wohllaut frei geworden,
Wenn ihr der Finger Worte abgerungen;
Doch klingt sie in den reizendsten Akkorden,
Wenn sie erst im gewalt'gen Griff gesprungen.
(Band XI. S. 198)


6.
Du Engelbild! o schmücke Dich nur immer,
Flecht' in Dein Haar Demanten und Korallen,
Gibst Du doch nur den Edelsteinen Schimmer,
Und Glanz und Licht und Werth den Perlen allen.

Nur für die Schönheit ward der Schmuck geboren,
Wie für den Himmelsdom das Heer der Sterne,
Die Perle hat ein silbern Haus erkoren,
Auf Rosen wiegt allein die Sphinx sich gerne.

So sind dir Blumen auch, die Rosen, Nelken,
Entkeimet nur, um Dir als Schmuck zu blühen,
An Deinem Busen selig hinzuwelken, -
In Deinen Locken liebend zu verglühen.

Das Schöne ist nur Eigenthum des Schönen,
Der Irisbogen ist der Sonne Glanz,
Geschaffen ward die Saite um zu tönen,
Gewunden, Dich zu schmücken, wird der Kranz.
(Band XI. S. 199)


7.
Du wirst zwar wie die Rose auch verblühen,
Der Glanz von Blick und Wangen wird entschweben,
Allein, was ich gefühlt und das Erglühen
Von tausend Herzen: es wird ewig leben.

Was so in heil'ger Regung ward empfunden,
Die Seufzer, die im tiefen Herzen wallen,
Der Sehnsucht süße, so wie bange Stunden,
Sie bleiben, ob die Blätter welken, fallen.

Was himmlisch war, das hegt der Busen immer,
An sel'gen Träumen sonnt sich spät die Seele,
Und nach des Paradieses erstem Schimmer
Schweift noch der Blick aus matter Augenhöhle.

Und setzt die Welt dem Helden und dem Dichter
Den blanken Marmor auf die Grabesstelle;
So webt doch um Dein Angedenken lichter
Sich die Erinn'rung stets in Sonnenhelle.

Nur kalter Marmor ist's, was sie errungen,
Dein Grabstein aber werden tausend Herzen,
Die hoffnungslos in Sehnsucht ausgerungen,
Beseelt, beglückt, berühmt durch ihre Schmerzen.

Der Preis, um den des Helden Muth geworben,
Das, was der Sänger herrlich hat besungen,
Lebt noch, wenn längst der tapf're Arm gestorben
Und dauert, wenn das Lied schon längst verklungen.

So wirst Du leben, dauern im Gesange,
Weil Du die Schönheit, ew'ger als das Schöne -
Die Laute wird beseelt im Saitenklange -
Was sie beseelt, ist heil'ger als die Töne.
(Band XI. S. 199-200)


8.
Der Vorhang fiel, die Blumen sind verschwunden,
Und mit den Blumen auch das Wunderbild,
Das meine Seele himmelgleich erfüllt,
Und als mein Stern geglänzt in düstern Stunden.

Die Blumen wollen anderswo entzücken,
Mit ihnen ist der holde Stern entschwunden,
Voll Wehmuth kann ich nach dem Ort nur blicken,
Wo er erloschen ist für bange Stunden.

So klagt der Greis, wenn ihm das Aug' geblendet,
So seufzt der Scandinav' im hohen Norden,
Wenn sich die Sonne nach dem Pol gewendet,
Und mondenlange finst're Nacht geworden:

Er muß dann einsam in dem Dunkel säumen;
Er kann nicht einmal seine Thränen zählen,
Nur von der langgeschied'nen kann er träumen,
Die Oede mit den Träumen sich beseelen.

Nur seh'n die Heißgeliebte will sein Blick,
Er wagt's nicht, kühn nach dem Besitz zu streben. -
O! gäb' es doch ein gnädiges Geschick,
Das mir vergönnt in Deinem Glanz zu leben! -
(Band XI. S. 201)
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Ist es wahr?

Ist es wahr, daß ihn Dein Blick getroffen,
Daß er sah den Sternenhimmel offen,
Daß Dein Aug', für mich sonst thaubefeuchtet,
Ihm in Hoffnungsklarheit hat geleuchtet;
Ist es wahr?

Ist es wahr, daß Du im wilden Tanze,
In der Ballnacht zauberhellem Glanze,
Als er frech im Arme Dich gewieget,
Deine Hand in seine hast geschmieget;
Ist es wahr?

Ist es wahr, daß er sich kühn erfrechen
Durfte, und zu Dir von Liebe sprechen,
Daß er konnte Schmeichelworte wagen,
Daß er durfte schwören, bitten, klagen;
Ist es wahr?

Ist es wahr, daß Du ihm Treu' versprochen,
Diese Treue, die Du mir gebrochen,
Daß er diese Lippen küssen konnte,
Wo mein Aug' anbetend nur sich sonnte;
Ist es wahr?

Ist es wahr, das Du für Tod und Leben
Ihm Dein Herz in Liebe hast gegeben,
Dieses Herz, das Du vor Gott als Zeugen
Einst mir zugesagt, als treu und eigen -
Ist es wahr?

Ist es wahr, dann fluch' ich jedem Worte,
Das aus solcher süßen Liebespforte,
Aus des Weibes Mund ist je gedrungen,
Und durch Zauber Glauben hat errungen;
Ist es wahr?

Ist es wahr, dann laß mich ruhig sterben,
Hassend nicht, beweinend Dein Verderben;
Süßer wär's, als Leiche Dich zu küssen,
Als Dich lebend und treulos wissen.
Ist es wahr?
(Band XI. S. 202-203)
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Ihr Auge

Nimm einen Strahl der Sonne,
Vom Abendstern das Licht,
Die Feuergluth des Aetna,
Die aus der Lava bricht:

Du hast, was mich erwärmet
Was mich erhebt und verklärt,
Und was mein inn'res Leben
Bis in den Tod verzehrt.
(Band XI. S. 203)
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Sehnsucht

Ich wollt', ich wär' eine Palme
Im heißen Wüstensand,
Um mich die Glut der Sonne,
Des Samum's glüh'nder Brand.

Es drängen heiße Strahlen
In meines Stammes Kern,
Vom wolkenlosen Himmel
Schien' warm der Abendstern!

Hier sehn' ich mich nach Süden
Aus diesem nordischen Licht.
Wie kalt sind hier die Herzen -
Mein Herz, erstarre nicht!
(Band XI. S. 204)
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Einziger Wunsch

Nur einen Blick von Dir!
Und ich will schwören, will es gestehn,
Daß ich bis jetzt nicht die Sonne gesehn,
Daß ich noch niemals die Sterne erblickt,
Daß ich im grünen, duftenden Hain
Niemals belauschte den Mondesschein:
Ja, ich will schwören und will es gestehn;
Licht hab' ich erst in Deinem Augen gesehn!

Ach! nur ein Wort von Dir!
Und ich will schwören, will es gestehn,
Daß noch kein Wohlklang berauschte mein Ohr,
Daß mich am schäumenden Wasserfall
Niemals entzückt hat die Nachtigall,
Daß keine Glocke mir süß erklang,
Daß ich verlernt meinen Kirchengesang,
Daß mir das Lied meiner Mutter verklungen,
Wie sie mich hat in den Schlaf gesungen:
Ach, nur ein Wort von Dir!
(Band XI. S. 204-205)
_____



Lied
(Provenzalisch)

Es hat nach Dir geschmachtet,
Voll bitt'rem Sehnsuchtsschmerz,
Es hat nach Dir getrachtet
Mein gramerfülltes Herz.
Nach Dir streck' ich die Arme
Und rufe laut: Erwarme
Du Herz so stolz und kalt!

O könntest Du's erfassen,
Du holde Zauberin!
Soll' ich Dich darum hassen
Weil ich so elend bin?
O wolle doch erwarmen,
O wolle Dich erbarmen,
Du Herz so stolz und kalt!

Mein Herz ist so voll Liebe,
Die stürmisch wogt und rollt,
Daß d'rinn kein Raum mehr bliebe
Wenn ich Dich hassen sollt'.
Die Lippen seh' ich blühen,
Die Augen seh' ich glühen,
Und doch so stumm und kalt!
(Band XI. S. 205-206)
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An Maria

Neig' Dich zu mir herab,
Du meines Lebens Licht,
Dämpfe den Blitzstrahl nicht,
Der aus dem Auge bricht!
Prangt doch die Eiche schön,
Wenn sie in Flammenwehn
Leuchtend muß untergehn.
So in das Aug' Dir sehn -
So möcht' ich untergehn!

Gib mit dem Rosenmund
Mir nur ein Wörtchen kund
Süß, wie ein Glockenklang,
Wie heil'ger Kirchgesang,
Rührt es die Seele mir.
Büßend und betend komm'
Ich zu Dir reuig, fromm,
Glauben und Tröstung mir
Bringt ja ein Wort von Dir!

Reich' mir die schöne Hand,
Und ich bin festgebannt; -
Der Fesseln schönste wand
Dann sich um meine Hand!
Sprengen werd' ich sie nie!
Doch mit des Mundes Glut
Küss' ich sie roth, wie Blut;
- Wird durch den heißen Arm
Vielleicht Dein Herz auch warm? -


2.
Seh' ich Dich, so wandeln sich die Räume
Rings umher in Paradieseshallen,
Und es sprossen tausend Blüthenbäume,
Deren Silberblätter niederfallen.

Hör' ich Dich, so scheint es mir, daß leise
Meiner Heimath Glocken mir erklungen,
Und es tönt die Wundersüße Weise,
Wie mich einst die Murrer eingesungen.

Und ich stürb' in seliger Ermattung
Gern, wenn ich in meinem Arm Dich habe; -
Gibt es eine schönere Bestattung,
Als der Tod in einem solchen Grabe? -
(Band XI. S. 206-207)
_____



Widerruf

Den Dolch her, daß ich dieses kranke Herz
Durchbohre, tritt sie in des Gartens Räume,
Damit mein Blut - ein grosser, wilder Scherz! -
Zu ihren Füßen netze alle Keime,
Daß sie, die Stolze, zittre und erbleiche
Beim Anblick meiner hingesunknen Leiche.

Daß sie erkenne ihre schwere Schuld,
Erkenne, wie es Wahrheit ist geworden,
Daß sie, versagend die beschworne Huld,
Mir nur den Muth zum Sterben ließ und Morden,
Und daß, weil sie den Tod mir hat gegeben,
Ein finst'rer Dämon ich sie will umschweben! -

Doch nein! Es soll mein rothes Lebensblut
In jedem Tropfen zur Koralle werden,
Hinströmen meiner ew'gen Liebe Glut,
Wie sie noch nie empfunden war auf Erden,
Und sich ein Teppich glänzendroth ergießen
Zu meiner heiß geliebten Herrin Füßen.

Und meine Seele dann mit Himmelsschein
Ihr holdes Haupt mit gold'nem Duft umkränze,
Daß sie der Lilie gleich, mild, engelrein,
Verklärt, entsühnt im Abendpurpur glänze,
Daß sie erkenn' an meinem frühen Grabe,
Wie heiß, wie treu ich doch geliebt habe.
(Band XI. S. 208)
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Glück im Frieden

Laß sie ringen, laß sie walten
Bald in Schmerz und bald in Lust,
Trag' die göttlichen Gestalten
Friedlich nur in Deiner Brust.

Und die Sterne werden sprechen
Himmlisch, Dir verständlich nur,
Und aus tausend Lebensbächen,
Rinnt Dir lebend die Natur.

Jede Blume ist Dein eigen,
Und die Sonne ist Dein Gott,
Nimmer wird ein Schmerz Dich beugen,
Nie entwaffnet Dich der Spott.

Wie im Auge, nimmer trübe,
Wohnt im Busen Dir die Lust -
So empfängst Du, gibst Du Liebe
Mit der friedensvollen Brust!
(Band XI. S. 209)
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Vorwurf

Die Freude strahlt in Deinen Blicken,
Den Melodien lauscht Dein Ohr,
Und gerne schweifet voll Entzücken
Dein Auge durch der Blumen Flor.

Für Scherz und Lust, für alles Schöne
Hast Du ein Lächeln stets bereit,
Es tritt des Mitleids weiche Thräne
In's Auge Dir bei fremdem Leid.

Die Sternensprache kannst Du lesen,
Du ahnst des Weltgeists Räthselspruch,
Und forschest, ein geweihtes Wesen,
In der Natur geheimem Buch.

In Deinem Busen tief und milde
Erglänzt von jedem Strahl ein Licht:
So gleichst Du einem Götterbilde -
Nur meinen Schmerz verstehst Du nicht.
(Band XI. S. 209-210)
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Adalgise

Du bist gestorben, Adalgise!
Ich hab' Dein geschlossenes Auge geseh'n;
Und sah die Sonne, sah die Sterne
Und meine Welt darin untergeh'n.

Du bist gestorben, Adalgise!
Ich hab' Deine blassen Wangen geseh'n,
Und so wie die Rosen und alle Blumen
Welken und ewig für mich übergeh'n.

Du bist gestorben, Adalgise!
Ach, Deine Stimme ist mir verklungen,
Und aller Wohlklang, jegliche Nachtigall
Hat für mich ewig ausgesungen!

Du bist gestorben, Adalgise!
Mir ist die Welt ein chaotisches Meer,
Alles versunken, verblüht und erloschen,
Und meine Seele liebeleer!
(Band XI. S. 210-211)
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Gewißheit

Wie bist Du stolz, o Sonne!
In Deiner Strahlenpracht;
Wie bist Du stolz, o Erde!
Im Glanz von Tag und Nacht.

Wie bist Du stolz, o Rose!
In Deiner Farben Glut;
Wie bist Du stolz, o Perle!
In der krystallnen Flut. -

Doch stolzer bin ich geworden,
Und höher steht mein Muth,
Ich hab' ja in ihren Armen,
An ihrer Brust geruht! -
(Band XI. S. 211)
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Augensprache

In Dein Auge seh' ich gern,
Das so Glutenvoll kann leuchten,
In der Blicke Doppelstern,
Ob auch Thränen sie befeuchten,
Wo die Sonne Gluten gießt,
Milder Thau herniederfließt.

Wenn sie ihre Wimpern breiten,
Sich mit Zauberlichtern malen,
Find' ich alle Seligkeiten,
Aber auch viel herbe Qualen;
Jede Thräne, die entsinkt,
Glühend mir zum Herzen dringt!

Laß die Blicke Hoffnung lodern,
Denn ich bau' auf heil'gen Rechten,
Ihren Himmel darf ich fodern
Von des Grames finstern Mächten;
Banne d'rum den Thränenblick,
Gib den Himmel ganz zurück.
(Band XI. S. 212)
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Emilie

Es spannt der Ring von Gold, ein Angedenken,
Um Deinen zarten Finger sich voll Lust -
Wie neid' ich ihn, der Dir ihn durfte schenken,
Und der so unvergessen sich gewußt. -

O schläge sich ein goldner Ring des Glückes
Um meines Daseins kummerschwere Nacht,
Erleuchtet von dem Glanze Deines Blickes,
Von Deiner Liebe Sonne angelacht.
(Band XI. S. 212-213)
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Henriette

O weine nicht, Du holdes Kind
Und gib das Trauern auf.
Du brauchst der Thränen viele noch
Für Deinen Lebenslauf.

Der Liebe Thräne kommt zuerst
Bald süß und bald voll Schmerz,
Des Grames Zähre folgt, wenn Dir
Entsagend bricht das Herz.

Du kennst des Abschieds Thräne nicht,
Die bang den Busen preßt,
Wenn scheidend, auf kein Wiedersehn,
Freund, Freundin Dich verläßt.

Die Thrän' am Grabe bleibt nicht aus,
Wenn Du im tiefsten Schmerz
Versenken siehst, für Dich zu früh,
Ein treues, theures Herz! -

D'rum lächle nur, Du holdes Kind,
Und gib das Weinen auf,
Du brauchst der Thränen viele noch
Für Deinen Lebenslauf.
(Band XI. S. 213)
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Frage

Was sagt mir Dein Auge?
Es sagt mit seinem Götterstrahl,
Mit seiner seelenvollen Pracht:
"Rings leuchtet Berg und Wald und Thal,
Sieh! wie der Frühling ist erwacht!"

Was sagt mir Dein Lächeln?
Es sagt: "Die Rosen sind erblüht,
Von Deines Mundes holdem Licht
Sind sie so wonnevoll durchglüht,
Er leuchtet und verwundet nicht."

Was sagt mir Dein Seufzer?
Er sagt, so viel ich deuten kann:
"Die Nachtigallen sind ja hier
Und Du nahmst ihre Sprache an,
Wer möcht' sie hören noch nach Dir?"

Was aber mein Herz spricht?
Es sagt: "O! wär' mein Frühling hier,
O glänzte mir der Rosenhain,
O säng' die Nachtigall auch mir -
Ich wär' nicht so arm, nicht so allein."
(Band XI. S. 214)
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Aus der Ferne

Zum Abendstern hab' ich geschaut
Und meine Botschaft ihm vertraut;
O glaube, wenn sein Strahl Dich küßt,
Das er der Gruß des Freundes ist.

Und wenn sein gold'nes Himmelslicht
In Deinem frommen Aug' sich bricht,
Dann mal' es freundlich, treu und mild,
In Deine Seele auch mein Bild!
(Band XI. S. 215)
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An Augustens blaue Augen

Ich liebte einen schönen Stern,
Der hell vom Himmel schien,
Und dieser war das Auge Dein,
Der Himmel lag darin.

Geblendet hat die Sonne oft
Mein mattes Augenlicht;
Verwünscht hab' ich die Sonne oft,
War es Dein Auge nicht.

Besitzen kann ich Dich ja nicht,
Denn Du bist reich und schön;
Doch wirst Du, wenn ich einstens todt,
An meinem Grabe steh'n? -

Bei unsrer Trennung fand ich noch
Ein klein Vergißmeinnicht,
Es war von Dir, ich sah darin
Des Himmels treues Licht! -
(Band XI. S. 215-216)
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An Elisa

"Den letzten Kuß!" - dann ging ich stumm
Und schloß in mich den Schmerz!
Ich wußt' es wohl, wie ich gesiegt,
Doch weinte noch das Herz.
Der letzte - ach! das drückte schwer,
Dein Kuß - das gab mir Kraft;
Er ist die Glut, Du bist der Stern,
Der in mir lebt und schafft!

Du liebtest mich - ich liebte Dich
Und werd' es ewig auch.
Mein Hoffen brach - die Blüthe traf
Des Schicksals kalter Hauch! -
Du liebtest ihn - ich sah' es wohl
Und jauchzt' in tiefster Brust, -
Ich liebt' ihn früher, sprang das Herz
Auch, war es dennoch Lust! -

Ich lag wohl todt in tiefer Nacht,
Mein Inn'res wüst und leer;
Da kam Dein Bild, ich blickt' empor
Und kannte mich nicht mehr!
Ich sann und rang - Dein blühend Bild
Glomm tief in meiner Nacht,
Da ward es hell und klar in mir
Und ich war wie erwacht. -

Wie ich so stand im üpp'gen Flor,
Da schlug ein Blitzstrahl ein -
Es war ein Blitz: doch hell, klar blieb
Das Aug', mild war sein Schein.
Ich wußt', daß ich entsagen muß,
Ich fühlte wohl den Schmerz;
Doch jauchzt' ich auf - kein Schrecken war's
Und groß blieb doch das Herz! -

Ich sag' es stolz: Du liebtest mich, -
Du liebst mich noch vielleicht;
Ich lieb' Dich ewig, ewig heiß,
Auch wenn dies Herz verbleicht!
Wenn diese Brust auch nimmer schlägt,
Wenn dieser Blick verreis't,
Das Herz verstummt, der Mund erstarrt:
Die Lieb' ist ja mein Geist! -

Ich war so froh bei Deinem Glück,
Ich mußte dennoch geh'n,
- Dies Bild, es brachte meins zurück
Verwelkt, ich konnt's nicht seh'n!
Ich war zu stolz zum Untergeh'n,
Sollt' ich - dies schmerzhaft Bild -
Ihr fühlt für mich - den Himmel euch
Verstören - ungestillt?

Der and're Schmerz aus meiner Welt
War arm, unwürdig bloß;
Ich danke Dir! - Du gabst mir den,
Den tragen, das ist groß!
Kenn' ich doch nur der Seele Pracht,
Des Lebens Blüthenschein,
Hab' ihn gesogen, ihm entsagt,
Schloß seine Größe ein! -

Leb' wohl! Du zweifelst nicht daran,
Daß ich es sage treu, -
Hab' ich doch ja Dein Glück gebaut
Und bin vom Argwohn frei! -
Und laß, laß mir den süßen Wahn,
Daß Du, wenn Er nicht war -
(Doch reiner ist Er) mich geliebt,
Nur mich, rein, ewig, klar! -

Laß mir den Traum, daß wenn mein Lied
An Deine Brust erklingt,
Dein Aug' in einer Thräne glüht,
Die achtlos nicht versinkt; -
Daß von den Seufzern Deiner Brust
Auch mancher mir gehört; -
Daß dies Entsagen, diesen Kampf
Dein reiner Busen ehrt! -

Daß Du des fernen Freundes Gruß
Gedenkst; Sein treues Bild,
Den Himmel, der an Seiner Brust,
Mit meinem Bild umschlingst;
Daß Du auch der Erinn'rung Blick
Nicht immer mir versagst;
Daß Du des Leidenden gedenkst
Und sein Geschick beklagst! -

Denn wiss' es: Was er einst geliebt,
Das läßt er nimmer los;
Du bist ein Engel, den liebt er;
Du machtest ihn ja groß!
- Euch denkt er, euch nur lebt sein Schmerz,
Euch stirbt er, und versinkt.
Euch will er glücklich schauen, will
Das sein, was er erringt.

Lebt wohl! - Ich werd' es, wie ich's kann,
Wohl, wohl! - Ach! ich kann nur
Stets sagen, wie ich euch geliebt,
Euch lieben werde nur.
Ich fühlt es wohl, was ich besiegt,
Was mich macht untergeh'n; -
Ihr ehrt es, weint: - das macht mich stolz,
Und so will ich vergeh'n! -
(Band XII. S. 88-91)
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Erinnerung

I.
Gedenke mein, wenn in des Abends Schweigen
Durch Saitenklang der Friede Dich umthaut,
Die Thränenweiden ihre Zweige beugen
Und Ahnung Dich in ihrer Nacht umgraut.

Gedenke mein, wenn in der Nacht, der blinden,
Nur Himmelsaugen friedlich niederglüh'n,
Und deutungslose Tonaccorde künden,
Daß sie in Liebe ihre Bahnen zieh'n.

Gedenke mein, wenn in den Saiten wühlend
Die Brust begeistert im Gesange schwellt,
Und leis' umfangend, linde wiegend, spielend,
Aus ihnen mahnt der Traum von jener Welt.

Gedenke mein, wenn Dich der Kranz umschlungen,
Den Dir der Kuß des Bundes aufgedrückt,
Und wenn rückschweigend in Erinnerungen
Dein Geist an manchem Strahle sich entzückt.

Wenn Alles sinkt, des Lebens Träume fallen,
Und Alles stirbt, dann auch im matten Schein
Gedenke mein, laß eine Thräne fallen;
Ich bleibe treu, gedenke mein.


II.
Ich denke Dein, wenn in dem Pflichterringen
Empörter Kämpfe meine Brust erbebt,
Wenn meines Herzens weichste Saiten klingen
Und meine Ideale ausgelebt -
Dann denk' ich Dein.

Ich denke Dein, wenn über Schneegefilde
Der Mandoline Zitterlaute zieh'n,
Die Eisluft durch die Saiten sanft und milde
Gleich Heimathsträumen bang' vorüber flieh'n:
Dann denk' ich Dein.

Zerrann der Schnee, ist uns der Lenz gekommen,
Ich weil' allein im düstern Abendlicht,
Ich traure, denn mein Frühling ist verglommen
Und meinen Frieden finde ich hier nicht:
Dann denk' ich Dein.

Wenn dann den Sarg, das Grab mich schon umfangen,
Die kalte Decke drückt die weiche Brust -
Dann bebt der Geist, der kalten Hüll' entgangen,
An jedem Ort schon längst verrauchter Lust.
Dann denk' ich Dein.
(Band XII. S. 92-93)
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Liebeslieder

I.
Ach Herz! du bist zerrissen,
Ach Herz! du bist zerdrückt!
Sie will es ja nicht wissen,
Was dich allein entzückt.

So viele Seufzer sagen,
So viele Blicke laut,
Viel laute Worte klagen,
Was ich der Nacht vertraut.

Sie kennt ja nicht dies Fühlen,
Sie kennt ja nicht den Schmerz;
Sie will es nicht verstehen:
Ach! Sie hat doch kein Herz! -
(Band XII. S. 94)


II.
Schwarze Wolken steh'n am Himmel,
Und der wilde Regen saust,
Rollend zieh'n des Donners Stimmen,
Daß der Föhrenwald erbraust.

Und die hellen Blitze leuchten
Grell in ihr Gemach hinein,
Und sie zagt ob dem Ereigniß,
Zuckend vor dem Feuerschein.

Mir nur ist es wohl im Herzen,
Mir nur ist so wohl zu Muth,
Mir nur dämpfen diese Feuer
Meines innern Brandes Glut.

Wenn sie wüßte, wie die Liebe,
Die aus ihren Augen glüht,
Wie ein Blitz in mich geschlagen,
Wie ein Blitz mein Herz zersprüht!

Sagt es ihr, ihr hellen Flammen,
Sagt es ihr mit eurem Schein -
Sagt es ihr, ihr dunkeln Stimmen,
In mich schlug ihr Blitzstrahl ein. -
(Band XII. S. 94-95)


III.
Wenn ich so allein bin,
Weiß ich tausend Worte,
Die ich ihr möcht' sagen;
Doch wenn ich sie sehe
Ganz in meiner Nähe:
Kann ich's nicht vor Zagen.

Denk' ich so alleine,
Wie ich in die Augen
Wollt' zu schauen wagen; -
Doch in ihrer Nähe
Kann ich's nicht vor Zagen,
Muß sie niederschlagen.

Wenn ich so allein bin,
Träum' ich, wie zu küssen
Ich sie wollte wagen;
Doch bei ihren Lippen
Muß ich hart es büßen,
Kann es nicht vor Zagen.

Daß ich heiß sie liebe,
Daß ich zu ihr bete;
Wie ich mich auch übe
Alles ihr zu sagen:
Bin doch stumm vor Liebe,
Werd' es nimmer wagen! -
(Band XII. S. 95-96)


IV.
Ich habe mich so brennend
An ihrem Mund verbrannt;
Dagegen ist, ihr Sterne,
Matt, kalt nur euer Brand.

So stand ich unterm Fenster;
Sie sang, sie spielt, allein
Und die Sterne zwischen den Wolken
Sie sahen zu ihr hinein.

Dann floß der Regen so strömend -
Sie kam zum Fenster leis'
Und sprach: "Geh' doch zur Ruhe!" -
""Nein, nein! mir ist so heiß!""

""Und wie der Regen rauschet
Und wie der Regen kühlt,
Die Glut kann er nicht löschen,
Die mir im Innern wühlt.""

""Denn aus den Sternen oben,
Aus Deinem Augenpaar,
Da strömt ein Glutenregen
So dunkel und doch klar."" -
(Band XII. S. 96-97)


V.
"Nun gute Nacht! und gehe!
Ich kann Dich nimmer seh'n -
Ich zag' um Dich, mich grauet,
Seh' ich Dich Nachts hier steh'n." -

Sie geht; es klingt das Fenster;
Ich sehe noch empor
Und heb' die trunk'nen Blicke,
Die Arme noch empor.

Noch sind die Fenster helle,
Jetzt lös't sie das Gewand,
Ihr Schatten schwebt noch oben
An der Gardinenwand.

Es löscht das Licht - sie senkt sich
Nun in die Kissen ein;
In mir auch ist's verloschen,
In mir ist auch kein Schein.

Nur Deines Bildes Sterne
Glühn tief in meiner Brust;
O ist Dir meine Sehnsucht
Und meine Glut bewußt? -
(Band XII. S. 97-98)


VI.
Ich habe sie geküßt, geküßt,
Sie lag an meiner Brust;
Und du, mein Herz, gestorben bist
Da nicht in süßer Lust?

Beim'm ersten Kuß, da war's rundum
Vor meinen Augen Nacht,
Doch hat der zweite wiederum
In's Dasein mich gebracht. -

Und als ich endlich aufgewacht,
War ich da neu beseelt -
So hab' ich zwischen Tag und Nacht
Die andern nicht gezählt.
(Band XII. S. 98)
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Geständniß

Sagt, was brennt ihr, meine Lippen,
Sagt, was glüht das Blut in euch?
War's doch ein unschuldig Nippen
Und ihr werdet roth und bleich?

Und wie ist es euch ergangen,
Meinen Augen - thränenschwer?
Und was röthet euch, ihr Wangen?
Ach, ich kenne mich nicht mehr! -

Herz, mein Herz, ach bleib' zur Stelle,
Sprenge nicht die schwache Brust,
Treibe deine trunkne Welle
Leis', nur leis' in sanfter Lust! -

Euch, ihr holden Nachtigallen,
Die ihr aus den Buchen tönt,
Euch, ihr hellen Sternen allen,
Die ihr diese Nacht verschönt;

Euch, ihr Lüfte, euch, ihr Blüthen
Will ich's sagen, daß ihr's wißt!
Doch ihr müßt es heimlich hüten:
"Sie hat mich geküßt, geküßt!"
(Band XII. S. 99)
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Serenade

Schlummerst Du schon?
Horch! an der Saiten goldener Schwinge
Send' ich mein trunkenes Nachtlied empor!
Lausche, Geliebte! im goldenen Ringe
Lauschen auch Sterne aus silbernem Flor.
Horch dieses Beben der Saiten, es ruft
Leise: Elisa! in Sommernachts Duft.

Träumst Du von mir?
Heimliche Nebel zieh'n dort die Runde,
Nächt'ge Geister sind's, die Dir zur Huth;
Horch, wie sie lispeln mit heiserm Munde:
"Schmumm're sanft, ruhe sanft, wir sind Dir gut!"
Selig, Elisa, wie selig bin ich,
Träumst Du, ach träumst Du im Traume nur mich.

Denkst Du an mich? -
Horch! das sind Töne im schwellenden Laube,
Das der Fontaine geschwätziger Laut -
Hörst Du das Girren der liebenden Taube,
Sieh! wie die Nacht in Dein Fensterlein schaut;
Und wie die Sterne viel feuriger glüh'n,
Weil sie zum süßesten Schlafe Dir glüh'n.

Leb' wohl, leb' wohl!
Schwebt schon der Traum im Gefolge der Götter
Um Deine Brust, die sein Blumenbeet ist,
Gaukelt um Dich und streut Rosenblätter
Auf jede Stelle Dir, die er geküßt.
Hörst Du vom Wasserfall drüben den Klang?
Liebe und Sehnsucht nur spricht er so lang.

Schlumm're denn wohl!
So mit der Klänge, der Taube Girren,
Mit der Fontaine plätscherndem Schaum
Gatt' ich beim Sternlicht dies Saitenschwirren,
Singe Dich, wiege Dich leis' in den Traum.
Nimm diesen Lustkuß und hör' es noch laut:
Meine Elisa, Du wonnige Braut! -
(Band XII. S. 100-101)
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Pauline

Röthet Dir, Liebchen, der Purpur die Wangen,
Glänzt auf dem Liliengrund rosige Pracht,
Fasset Dich namenlos seliges Bangen,
Leuchtet das Aug' und verschwimmt es in Nacht;
Tritt Dir mein Bild dann von Ferne entgegen,
Fühlst Du im Innern gar lieblichen Schmerz,
Pocht es im Busen mit heftigen Schlägen:
Glaub' mir Geliebte, dann ist es Dein Herz!

Sankst Du das Augenlid, wenn ich Dich grüße,
Stockt Dir der Athem und fliegt Deine Brust,
Wähnst Du, daß Alles in Nebel zerfließe,
Fühlst Du zum Tod betrübt wonnige Lust;
Kannst Du kein Wort meinen Worten entgegnen,
Senkst Du das Angesicht stumm niederwärts,
Wagt meinem Auge nicht Deins zu begegnen:
Glaube, Geliebte, dann spricht wohl Dein Herz! -
(Band XII. S. 105)
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Aurelie

Es fiel eine Blume aus Deiner Hand,
Eine purpurne Rose, die ich fand.
O nimm, Du Holde! die Blume zurück -
Mir raub' ich, der Rose schenk' ich ein Glück.

Du heftest die Rose an Deine Brust.
Beneidete Blume, voll seliger Lust!
O Rose! dir pocht nun das göttlichste Herz.
Wie glühst du in Wonne, wie beb' ich im Schmerz!

Warum kann ich nicht die Blume sein,
Verblühend in ihrem Augenschein?
O sag' ihr doch Rose, bevor du verblüht,
Wie heiß, wie schmerzhaft mein Herz für sie glüht.
(Band XII. S. 106)
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Gretchen

Mein Kind, gib mir die Rose her,
Mein muß die Rose sein,
Sie wird aus Neid fast grün und gelb
Vor Deines Busens Schein.

Sie wird mir da auf meinem Hut,
Glaub' mir, viel besser steh'n;
Da, wo ich selber gerne wär',
Kann ich kein Andres seh'n.
(Band XII. S. 106)
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Rosette

Ich hab' Dein blaues Aug' geseh'n,
Dein blaues Aug; so himmlisch schön!
Der Himmel war da nebelgrau,
Dein Auge war der Himmel blau.

Dich ziert ein blasser Rosenhut;
Doch schöner ist der Rosen Glut,
Die auf den Wangen, holdes Kind,
Dir wie aus frischer Knospe rinnt.

Dein Schleier weht im Windeskuß. -
Wär' ich die Lust - mein Mund der Kuß!
Der Schleier küßt Dein Angesicht;
Warum bin ich der Schleier nicht!

Der Schleier ist ein arger Dieb,
Er birgt Dich mir, Du holdes Lieb!
Er birgt Dein Auge, himmelblau -
Und sieh! der Himmel ist noch grau!
(Band XII. S. 107)
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Bertha

Ihr brennet, meine Lippen,
Ihr, meine Augen glüht! -
Im tief ergriffnen Herzen
Tönt mir ein göttlich Lied.

Den Schmerz, das Lied, die Gluten -
Du, Mädchen voll von Pracht -
Das hast Du, meine Bertha,
Das hast nur Du gemacht.
(Band XII. S. 107-108)
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Ida

Ich hab' in Deinem Arm geruht,
Ich küßte Deines Mundes Glut,
Ich lag an Deines Busens Schnee
Und fühlte Lust und fühlte Weh!

Wie lieb' ich Dich, Du Götterweib!
Dich, schöne Seel', im schönen Leib! -
Dich lieb' ich so voll Lust und Leid,
Und weiß erst jetzt, was Seligkeit! -
(Band XII. S. 108)
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Anna

Sie hat mich so heiß geliebt,
Sie hat mich nie betrübt.
Sie war so gut, so engelmild,
So fromm wie ein Madonnenbild;
Und sie legten sie dennoch in's Grab. -
O senkt auch bald zu ihr mich hinab!
Ich hab' es schon längst bestellt. -
Denn, mein armes Herz,
Außer deinem Schmerz
Hast du weiter nichts auf dieser Welt.
(Band XII. S. 108)
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Marianne

Leuchtendes Auge, Du meine Sonne,
Du meines Lebens strahlende Pracht,
Engel des Himmels, Lust mir und Wonne,
Stern, der mich freundlich hat angelacht!
Meine Marianne, ich gesteh' es Dir leis',
Wie ich Dich liebe, glühend und heiß.

Könnt' ich ein Wort Deiner Liebe erhalten,
Das mir Dein purpurner Mund gesteht;
Rose der Liebe, willst Du Dich entfalten,
Eh' noch der Glanz meines Daseins vergeht. -
Wie ist so nachtumhüllt doch mein Geschick!
Gönne, Marianne, mir nur einen Blick! -
(Band XII. S. 109)
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Alma
An die Blumen

- Des Vaters milde Himmelsluft
Bewahret ihren Glanz und Duft;
Sie schlingen in den bunten Reih'n
Mit duft'gem Schmelz den Namen sein -
Und wie er jeder Kühlung gab,
So gibt er ihr ein stilles Grab.

Und aus dem Grabe hebt sich mild
Der Neugebornen junges Bild.
Sein stiller Friede schlingt sie ein;
Sie müssen wohl des Vaters sein!
(Band XII. S. 109)
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Meta

Daß ich Dir arme Blumen sende,
Die kaum gepflückt schon welken hin? -
Ich weiß es, daß in Deinem Herzen
Viel schön're, ew'ge Blumen blüh'n.

Ich habe keine and're Gabe,
Und Du hast reich mich oft beschenkt.
Biet' ich die Liebe? - Die hast selbst Du
Als Gabe Dir in's Herz gesenkt.

Wohl möcht' ich gern von ganzer Seele
Mein Herz Dir heut' zum Opfer weih'n;
Allein Du weißt es, schöne Seele:
Mein armes Herz ist längst schon Dein.
(Band XII. S. 110)
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Fanny

Es war mein Stern in düst're Nacht gehüllet,
Dem Schwergebeugten schlug kein liebend Herz,
Kein holder Mund hat seinen Gram gestillet,
Kein Aug' des Mitleids sah den großen Schmerz.

Da bist Du plötzlich, Holde, mir erschienen,
Und stiegst herab in meine dunkle Nacht,
Den Lenz, das Sonnenlicht in Deinen Mienen,
Und hast mir Licht und Tag und Glück gebracht!

Dem Tiefgebeugten nahtest Du so milde,
Sein Unglück rührte Deinen frommen Sinn,
Und leuchtend, ähnlich einem Götterbilde,
Schlangst Du den treuen Rettungsarm um ihn.

Und nur durch Dich ist jene Nacht verflogen,
Des Morgens Sonne grüßt mit hellem Blick!
Du wölbtest mir den lichten Regenbogen,
Aus Deinen Augen strahlt er sanft zurück. -

Ich danke Dir mit aller Glut der Seele,
Dir Retterin, durch die ich selbst mich fand!
Ein Engel ist's, den ich zum Führer wähle,
Der mich geleitet in's gelobte Land! -
(Band XII. S. 110-111)
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Sophie

Wo eine Rose blüht,
Erklingt sofort mein Lied.
Bist Du ja selbst, so schön, so mild,
Bist doch allein der Rose Bild.
Manchmal, wenn der Dorn auch sticht,
Ja, es schmerzt; doch schmerzt es nicht.

Wo eine Lilie blüht,
Erklingt sofort mein Lied.
Im dem Lilienbild allein
Seh' ich Dich so engelrein;
Willst Du nicht mein Engel sein?
Laß mein Lied Dir ewig weih'n!

Wo eine Nelke blüht,
Erklingt sofort mein Lied.
In der Nelke Purpurblut
Seh' ich deiner Lippen Glut.
Gib ein Wort der Liebe kund,
Laß mich küssen diesen Mund.

Wo der Himmel lacht
Sternhell in der Nacht,
Seh' ich Deiner Augen Schein:
In dem Himmel möcht' ich sein!
Wende Deinen Blick zu mir
Und den Himmel gibst Du mir! -

So seh' ich immer Dich!
Geliebte, höre mich;
Du bist ja selbst so sanft, so mild,
Daß Dich mein Schmerz mit Schmerz erfüllt -
Kannst Du ewig grausam sein?
Führ' mich in den Himmel ein! -
(Band XII. S. 111-112)
_____



Laura

Du blasse Rose, schon so früh entblättert,
Du Lilie, so früh in's Grab gesenkt,
Als blüh'nde Rose kurz vorher vergöttert,
Von Gott der Welt als Kleinod hingeschenkt;

Du blasse Rose - und man muß Dich lieben,
Weil Du als Leiche noch so reizend bist,
O Laura, warum bist Du nicht geblieben,
Was ziehst Du abwärts, wo es finster ist.

Sie haben Dich in ew'ge Nacht gebettet,
Mit Erde decken sie das schönste Herz;
Und ich, ich habe nichts, gar nichts gerettet,
Als nur Dein Bild und meinen ew'gen Schmerz.
(Band XII. S. 112-113)
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Maria
Auf dem Meere

I.
Ich segle hinaus in die wallende See,
Im Herzen bin ich so wund, so weh,
O, wenn ich Dich Liebste doch wiederseh',
Im Herzen bin ich so wund, so weh,
O wär' ich doch an des Strandes Näh'.

Die Thränen, sie fließen wohl in die Fluth,
Worin die Koralle und Perle ruht.
O glaube mir, diese Thränen mein,
Die saugt gewiß eine Muschel ein.
Die Perlen trägst Du dann an Deiner Brust,
Daß die Thränen von mir - hast Du nicht gewußt! -

Korallen! Ich öffne die Adern mir,
Die purpurnen Perlen, sie gelten nur Dir.
Ich habe sie Dir voll Schmerzen gereiht -
O! fühlst Du denn Wonne, o! fühlst Du Leid?
So grausam kann doch kein Engel sein,
Und ewig nannt' ich Dich Engel mein.

Es tobt die See, die Sonne glüht -
In mir verstummt doch nie Dein Lied -
Im Wogengebraus', im Sonnenschein
Seh' ich, Maria! Dich allein. -
Maria! sag': Du seist mir gut,
Sonst untergeh' ich in der Fluth! -


II.
Und endlich haben aber doch die Wellen
Mir meine Thränen an den Strand gespült;
Hier send' ich sie, hast Du bei diesen hellen,
Den Thränen - Perlen nichts Maria gefühlt! -

Die Thränen seh'n, den Hals damit sich schmücken -
Das ist so leicht, man kann es lächelnd seh'n -
Allein das Weinen, Thränen unterdrücken,
Marie, Marie! das sollst Du nie versteh'n! -
(Band XII. S. 113-114)
_____



Wilhelmine

Nachdem ich Dich zuerst gesehen,
War meine Seele Dein,
Besitzen oder untergehen,
Das konnt' ich nur allein.

Mit Dir verbunden aber wird mir
Das Leben ewiger Frühling sein,
Hast Du mit Fesseln mich umwunden,
So bist Du ja auf ewig mein.

An Deinem Mund das holde Lächeln,
In Deinem Aug' der sanfte Blick:
Ich find' in allem Deinen Wesen
Mein künftiges, mein einzig Glück! -
(Band XII. S. 114-115)
_____



An Emma

Dein Vater sagt: Ich soll Dir nicht mehr schreiben,
Und ich - ich schrieb' Dir gern ein Lied.
Wo soll mein Glück, wo meine Hoffnung bleiben,
Wenn selbst Dein Herz nicht ferner für mich glüht?

Dann kann ein Stern ja auch herniederfallen
Vom golddurchflochtnen, ew'gen Himmelszelt.
Ich sah wohl Sterne in den Sternen allen,
In Deinem Herzen aber eine Welt.

So hab' ich Lieb' und Lust mich angekettet
An Dich, Du ewig-lieber Engel mein -
Den Engel nicht errungen - Nichts gerettet,
Als einen großen, ew'gen Schmerz allein.
(Band XII. S. 115)
_____



An Claudia

Wäre mein Auge ein Stern,
Er würde stets nur nach Dir,
Du seine Sonne blicken,
Und es folgte sein Strahl
Tief in das Wellengrab
Dir nach mit Entzücken.

Wär' eine Rose mein Herz,
Sie würde ewig nur Dir
Duften und blühen,
Streute Dir Blätter in's Haar,
Würde auf Wange und Mund
Dir, Herrliche, glühen.

Wär' eine Nachtigall doch
Einmal mein schüchternes Lied,
Priese es, Herrliche, Dich
In heißen Melodien.
Und selbst sein sterbender Hauch,
Göttliche, nannte nur Dich.
(Band XII. S. 116)
_____



Esmeralda

Ach! wäre mein Auge ein Stern!
Bist Du gleich fern -
Er würde voll Himmelsentzücken
Nach Dir, seiner Sonne, stets blicken:
Wäre mein Auge ein Stern!

Ach! wär' eine Rose mein Herz!
Wär' es mein Herz -
Sie würde für ewig Dir glühen.
Nicht welken und nimmer verblühen:
Wär' eine Rose mein Herz!

Ach, wär' doch ein Ring Deine Hand!
Fessel und Band -
Sie sollte mich ewig umschlingen,
Mich, Deinen Sclaven bezwingen:
Reich' mir die blühende Hand!
(Band XII. S. 116-117)
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Camilla

Du bist mein Stern!
Dir folg' ich nach im Denken und im Hoffen,
Da, wo Du weilst, ist mir der Himmel offen,
Du bist mein Stern,
Dir folg' ich gern!

Du bist die Rose mein!
Da wo sie blüh'n in ihrer Schönheit Prangen,
Seh' ich den holden Purpur Deiner Wangen!
Neidet doch der Rose Schein
Die Wangen Dein!

Du bist mein Lied!
Wo Nachtigall und Himmelstöne rauschen
Glaub' ich den Tönen Deines Munds zu lauschen.
Tief durch die Seele zieht
Von Dir ein Lied!
(Band XII. S. 117)
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Lied

Ich hätte nie empfunden,
Was mich entzücken mag
In wonnevollen Stunden
Bei Deines Herzens Schlag,
Und ewig wär' verschlossen
Die Brust so still und leer,
Und kalt das Blut geflossen,
Wenn nicht die Liebe wär'!

Ich tränke nicht die Wonne,
Aus Deines Auges Glanz,
Mir schiene nicht die Sonne,
Mir duftete kein Kranz;
Ich kennte nicht im Herzen
Die Sehnsucht nach Gewähr,
Der Thräne süße Schmerzen,
Wenn nicht die Liebe wär'!

Hätt' ich sie nicht errungen,
Mir hätt' kein Mai geblüht,
Ich hätte nie gesungen,
Verstanden nie ein Lied.
Die Tage wären traurig,
Die Nächte bang' und schwer,
Die ganze Welt so schaurig,
Wenn nicht die Liebe wär'!

Mein Hoffen und mein Glauben
Hab' ich in ihr erkannt,
Als ich in Deiner Seele
Auch meine Seele fand.
Mein Himmel wär' verloren,
Die Erde hoffnungsleer -
Ich wäre nie geboren,
Wenn nicht die Liebe wär'!
(Band XII. S. 118-119)
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Unverhohlen

In Deinen Augen so dunkel und klar,
Auf Deiner Stirne Pracht,
Auf Deinem brennenden Lippenpaar
Hat mir Verheißung gelacht.

Und Deine Hand, so weich, so mild,
Hat fieb'risch die meine gedrückt,
Und dann Dein Kuß, so heiß, so wild:
Wie hat mich das Alles entzückt!

O laß nur schweigen Aug' und Mund,
O laß mich in Dir vergeh'n!
In Deinem Schooß, auf seinem Grund,
Werd' ich ganz erst die Liebe versteh'n!
(Band XII. S. 119)
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Bertha's Klage

Mein Lenz ist hin, meine Blumen sind todt,
Ich kann jetzt nur weinen und klagen.
In meinem Herzen da wohnet ein Weh,
Das kann ich nicht schildern, nicht sagen.

Die Sterne des Himmels sind ausgebrannt,
Die Sonne ist untergegangen -
Wohl habt ihr ein rosiges Mädchen gekannt -
Seht jetzt die verblichenen Wangen! -

Das Meer ist weit, das Meer ist tief,
Daß es Niemand ergründen werde,
Mein Schmerz ist tiefer als selbst das Meer
Und größer noch als die Erde!

Und die Hoffnung ist hin und die Treue dahin,
Der Traum ist zerronnen, verblichen;
Mit Hoffnung und Treu', und dem Herzen, das bricht,
Ist ewig die Liebe gewichen!
(Band XII. S. 119-120)
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Serenade

Ich hab' schon lang' fast jede Nacht
An Dich, Du Holde, nur gedacht;
In jedem Traum erschienst Du mir,
Du aller Frauen schönste Zier.

Ich stand so oft im Mondenschein
Vor Deinem hellen Fensterlein
Und blickte durch den nächt'gen Flor
Zu Dir, o Wonnebild, empor.

Ich sah Dich zwischen Blumen steh'n,
Und sah Dich auf den Fluren geh'n,
Bei jedem Tritt, bei jedem Schritt
Nahmst Du auch meine Seele mit.

Ich hab' Dir oft ins Aug' geblickt,
Und stand verwundert, stand entzückt,
Es schien Dein Auge mir ein See
Und in der Fluth schwamm eine Fee.

Doch Alles dieses ahnst Du kaum,
Du sahst nicht einmal mich im Traum. -
O Heißgeliebte, sag' es mir
Wo, wie und wann gesteh' ich's Dir? -
(Band XII. S. 120-121)
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Cornelia

Du blasse Frau im schwarzen Kleid,
Du fühlst wohl tiefes Herzeleid;
Weil Witwe Du geworden bist,
Weil Dir Dein Mann gestorben ist.

Zog wohl Dein Gatte über's Meer,
Und sandte keine Botschaft her?
Verrieth er Volk und Vaterland,
Und ist geächtet, ist verbannt?

"Weit mehr! weit mehr! Du weißt es nicht,
Was eines Weibes Herz zerbricht.
Gestorben nicht, auch nicht verbannt,
Verschollen nicht im fernen Land."

"Er ließ kein theures Kind zurück,
Ihn traf kein grausames Geschick! -
O, wenn er doch gestorben wär'! -
Doch treulos - treulos - das ist mehr!!"
(Band XII. S. 121)
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An die Entfernte

Auf weichen Abendschwingen
Fliegt mein Gedanke zu Dir,
Und möcht' ich mit Ketten ihn binden,
Ich kann ihn nicht fesseln hier.

Ich fürchte nur, daß er irret,
Den Flug wo andershin lenkt,
Und sich in einer Rose
Purpurnen Kelch versenkt.

Ich fürchte, daß er sich stürzet
Gleich in den Abendstern,
Und glaubt, er sei Dein Auge,
Worin er schwelgte so gern.

Ich fürchte, daß in den See er
Sich senkt, um unterzugeh'n,
Seit er in Deinem Auge
Die erste Thräne geseh'n.

Doch wo er hin auch wandle,
So ist er doch ewig bei Dir,
So kehrt er doch immer wieder
Zurück in die Seele mir.
(Band XII. S. 124)
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Vorwurf

Die Freude strahlt in Deinen Blicken,
Den Melodien lauscht Dein Ohr,
Und gerne schweifet voll Entzücken
Dein Auge durch der Blumen Flor.

Für Scherz und Lust, für alles Schöne
Hast Du ein Lächeln stets bereit,
Es tritt des Mitleids weiche Thräne
In's Auge Dir bei fremdem Leid.

Die Sternensprache kannst Du lesen,
Du ahnst des Weltgeists Räthselspruch,
Und forschest ein geweihtes Wesen
In der Natur geheimem Buch.

In Deinem Busen tief und milde
Erglänzt von jedem Strahl ein Licht:
So gleichst Du einem Götterbilde -
Nur meinen Schmerz verstehst Du nicht.
(Band XII. S. 125)
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Elisa

Sie haben Dir ein tiefes Grab gegraben,
Von mir so fern, dort in der fremden Welt;
Sie haben Dir ein tiefes Grab gegraben
Und ohne Inschrift Deinen Sarg bestellt.

Es folgten Eltern, Schwestern Deiner Leiche
Und weinten auf dem frühen Grab um Dich;
Du schöne Leiche, kalte, marmorbleiche,
Es fehlt' ein Weinender, und der war ich.

Doch eine Handschrift hab' ich Dir geschrieben,
Setzt sie auf's Kreuz am Grabeshügel hin:
"So konnte Vater, Mutter Dich nicht lieben,
Wie ich geliebt und wie ich elend bin."

Mit schwarzen Farben malt Ihr auf die Steine
Das Stundenglas, Gerippe, Gram und Schmerz.
O malt doch neben Sense und Gebeine
Mit blut'gen Farben auch mein blutend Herz.
(Band XII. S. 125-126)
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Aus: K. Herloßsohn's Gesammelte Schriften
Erste Gesammtausgabe
Band XI. Buch der Lieder
Band XII. Reliquien in Liedern
Prag Verlag von J. L. Kober 1868

 

Biographie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Herloßsohn



 

 


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