Georg Heym (1887-1912) - Liebesgedichte

Georg Heym



Georg Heym
(1887-1912)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 






Die Augen schließ ich ...

Die Augen schließ ich. Schall erfüllt den Pfad
Des Festzugs. Wagen, Reiter, Mann an Mann.
Des Volkes Staunen bei dem Viergespann,
Das langsam naht mit dir im Hochzeitsstaat.

Die Augen öffne ich. Der Traum zerrann.
Die Wolken sinken, und der Abend naht.
Ein Scherenschleifer tritt und tritt sein Rad.
Es kreischt. Und Funken stieben dann und wann.

Du hättest besser mich und rein gemacht.
Ich hätt zum Dank dir Wissens viel gegeben.
In meiner Liebe wärst du aufgewacht.

Dein Haus ist einsam und im Dunkel liegt
Dein Fenster nach dem See. Doch immer schweben
Die Wünsche wild zu dir. Wer ist, der siegt?
(S. 10)
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Die Zeiten schlagen ihre Bücher zu ...

Die Zeiten schlagen ihre Bücher zu.
Der Menschen Namen stehen namenlos.
Nur manche brennen wie ein ferner Stern,
Wie Fackeln in der Nacht des Unbekannten.
Dich hätte ich geliebt, dich so geliebt.
Durch dich wär groß ich. Hätte meinen Namen

Man einst genannt, ich hätte deinen mehr
Dem Staub entrissen. In das Firmament
Ihn ehern brennend. Dem Titanen gleich,
Der Kraft sich an der Erde Brüsten holt,
Wär deinem Leibe immer ich genaht.

Nun muß ich dich mit bittrem Schweigen nennen.
Wie ist mir trocken um das Herz geworden.
Gelöscht ist alles, und wenn ich dich sehe,
Fehln mir die Worte. Nur Alltäglichkeiten
Noch mag ich reden. Säh ich dich nicht mehr!

Du hättest mich zu einem Kind gemacht
Um einen deiner Küsse. Ungeweint
Nun brennen mir die Tränen tief im Herzen,
Wie Salz in offnen Wunden beißt und brennt.
(S. 12)
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Die dunklen Wälder liegen meilenweit ...
(Entwurf)

Die dunklen Wälder liegen meilenweit
Um diese Höhe ‹hin› in fahlem Braun
Darein gesprengt der Tannen grünes Kleid.
Der Regentag versinkt im Abendgraun.

Ein Glöcklein läutet fern die Vesperzeit.
Ein Köhler, der bei seinem Feuer steht
Am Fuß des Hügels schichtend Scheit auf Scheit,
Zieht seinen Hut herunter zum Gebet.

O Frühling, Frühling. Da er wieder naht
Muß deines süßen Namens stets ich denken.
‹Des [Angesichtes] in des Goldhaars Staat.›

Ich liebe dich. Du sollst mir Liebe schenken.
Dann gehen Hand in Hand wir diesen Pfad.
Wenn sich des Sommerabends Winde senken.
(S. 20)
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Wär ich berühmt ...

Wär ich berühmt, der Liebe würd ich rüsten
Ein Meer der Feste, mich den Gluten betten,
Wie Möwen ruhen mit den weißen Brüsten,
Wenn sich der Brandung hohe Wogen glätten.

Wie Götter von dem Weihrauch trunken sind,
Und roter Wein von ihrem Kranze taut,
Aus meinem Atem strömte heiß der Wind
Wie Flammen tönend, Liebe jeder Laut.

Die Himmel wohnten in der Liebe Schweigen,
Wenn ihre Fackeln von dem Harze rauschen.
Und wir zum zarten Tone ferner Geigen
Das starke Gift der stolzen Küsse tauschen.

Dem Ozean der Träume hingegeben,
Den sonngen Inseln der Zwei-Einsamkeit,
Wo große Schwäne uns zu Häupten schweben,
Sirenen, singend alter Liebe Leid.

- Wär ich berühmt - Nun hocke ich beim Licht
Der trüben Lampe. Und des Morgens Schein
Zeigt mir der Krankenschwester grau Gesicht,
Die hinschlürft über feuchten Pflasters Stein.
(S. 53)
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So ruhig, wie ein Boot im stillen Hafen ...
(Die Ruhigen / Erste Fassung)

So ruhig, wie ein Boot im stillen Hafen
Am Nachmittag an seiner Kette wiegt,
Wie Liebende verschlungner Hände schlafen,
Ein Stein, der tief im alten Brunnen liegt,

Wie eine Wolke, die im Blauen steht,
Und in dem Lichte wie der Rauch zerfliegt,
Wie stumm ein Maulwurf wandert unterm Beet,
Und wie ein Herz, das vieles Leid besiegt.

Eh ich dich wiedersah, geliebtes Herz.
Noch eben Friede. Nun der Wunden Brennen,
Wie ein Vulkan von Reue, Neid und Schmerz.
Ich kann mich selber nicht mehr wiederkennen.
(S. 54)
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Eine Heimat wüßte ich uns beiden ...

Eine Heimat wüßte ich uns beiden,
Wo im Schoß der Nacht in Wolkenreichen
Liegt des Mondes Stadt, in grünen Weiden
Kleiner Inseln, wo die Herden streichen.

In das gelbe Rund der Türme träten
Wir zu zweit, zu ruhn, wo einsam leuchtet
Noch ein Licht. Zu horchen auf den späten
Gang der Nacht, wenn Tau die Wiesen feuchtet.

Meine Hände wollten dann versinken
In dem Haar dir, in die Kissen zögen
Deinen Kopf sie, gäben mir zu trinken
Ewigen Schlaf von Mundes Purpurbögen.
(S. 92)
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In deinem Herzen ist der Berg der Qual ...

In deinem Herzen ist der Berg der Qual.
Ich sah zu oft schon seinen Widerschein
Im Abgrund deiner Augen dunkelrot.

Panzre dein Herz. Und mach es leer und tot.
Dich zu verwunden, hätte sonst ich Lust
Nur um zu wissen, wie du leiden mußt.

Wie süß wohl würden deine Küsse schmecken
Wenn du an meinem Halse liegst und weinst
Und ich das Salz von deinem Munde lecke.

Doch laß uns heute noch den Trank genießen,
In unsrer Herzen nahe Dunkelheit,
Wie schwerer Öle Tropfen rinnt, und klingt
In dunkler Becher goldenen Verliesen.

Wir, Wandrern gleich, die in die Wälder gehen
‹In stumme Urwald-Nacht auf manche Zeit›
Und einmal der Seelen Weite füllen
Mit großer Meere Glanz und Ewigkeit.
(S. 294)
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Deine Wimpern, die langen ...
An Hildegard K.

Deine Wimpern, die langen,
Deiner Augen dunkele Wasser,
Laß mich tauchen darein,
Laß mich zur Tiefe gehn.

Steigt der Bergmann zum Schacht
Und schwankt seine trübe Lampe
Über der Erze Tor,
Hoch an der Schattenwand,

Sieh, ich steige hinab,
In deinem Schoß zu vergessen,
Fern, was von oben dröhnt,
Helle und Qual und Tag.

An den Feldern verwächst,
Wo der Wind steht, trunken vom Korn,
Hoher Dorn, hoch und krank
Gegen das Himmelsblau.

Gib mir die Hand,
Wir wollen einander verwachsen,
Einem Wind Beute,
Einsamer Vögel Flug.

Hören im Sommer
Die Orgel der matten Gewitter,
Baden in Herbsteslicht,
Am Ufer des blauen Tags.

Manchmal wollen wir stehn
Am Rand des dunkelen Brunnens,
Tief in die Stille zu sehn,
Unsere Liebe zu suchen.

Oder wir treten hinaus
Vom Schatten der goldenen Wälder,
Groß in ein Abendrot,
Das dir berührt sanft die Stirn.

Göttliche Trauer,
Schweige der ewigen Liebe.
Hebe den Krug herauf,
Trinke den Schlaf.

Einmal am Ende zu stehen,
Wo Meer in gelblichen Flecken
Leise schwimmt schon herein
Zu der September Bucht.

Oben zu ruhn
Im Hause der durstigen Blumen,
Über die Felsen hinab
Singt und zittert der Wind.

Doch von der Pappel,
Die ragt in Ewigen Blauen,
Fällt schon ein braunes Blatt,
Ruht auf dem Nacken dir aus.
(S. 315-316)
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Manchmal noch höre ich ...
(Flüchtiger Entwurf)

Manchmal noch höre ich
Dein Gewand, und streift
Mich in Dämmerung ein Kuß,
Eine Hand, die mich ergreift.

In dem dunklen Gemach
Flüstert und singt dein Mund.
Und in dunkeln Winkeln
Tönet deiner Laute Grund.

Und in den Abend entschwindet
Leichter Schatten, der flieht
Wie ein Traum über klingender Seele
Einsame Gründe ‹verzieht.›
(S. 363)
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Nichts blieb zurück von dir ...
(Entwurf)

Nichts blieb zurück von dir in meinen Händen,
Ein Schatte nur im grauen Wintertage,
Die Höfe stehn um meine Einsamkeit.

Ein Lächeln seh ich ‹nur›, wenn ich die Augen [nieder]schlage.
Und klingt ein Wort, wie aus der Ferne weit,
Aber ich weiß nicht ‹mehr›, was es saget.

Nur wenn der Abend kommt, und ich wie immer
Auf deine Schritte horche. - Aber nimmer. -
Nur in den Stuben geht die Dämmerfrau,
Und alles wird in Dunkel eng und grau.

Die Laute aber hängt an schwarzen Wänden,
Wie tönte sonst ‹sie› dir in deinen Händen, -
‹Ein Ton sinkt voll Dunkel in Regenabendstunde,›
Die noch Erinnern wahrt im runden Spunde.
(S. 444)
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Erste Liebe

Kaum glitt die Sonne durch das Grün
Der weißstämmigen, kühlen Buchen.
Über das bräunlich vermodernde Laub
Rieselndes Wasser tropfte.
Ein Buntspecht klopfte.
Wilde Rosen überrankten
Einen Flimmersonnenstrahl.
Ich brach dir eine,
Du küßtest sie.
(S. 541)
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Endlich Licht

Ich rang einst mir die Hände wund
Nach Wahrheit
Und ging ein Blinder unter Blinden,
Die qualvoll suchen, daß sie finden
Und Dogmen klauben
Und verwerfen,
Um sie am Ende doch zu glauben.

Da sah ich dich
Und alles schwieg in mir
Vor deinem wunderbaren Licht,
Das still in deinen Augen steht,
Darin die Sonne untergeht,
Darin die Stern ertrunken sind.
Die trübe Sehnsucht schwand,
Als leis mich faßte deine Hand.
Ich sog dein reines Licht in meine Brust,
Und ich ward mir bewußt
Des Göttermorgens.
Nun fließt das Licht
In ewgem Wechsel fort,
Von dir zu mir
Von mir zu dir,
Sieh immer lichter wird es um uns
Und immer näher scheint uns Gott.
(S. 544)
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Drück mir nur die Dornenkrone ...

Drück mir nur die Dornenkrone
Fester in die bleiche Schläfe,
Meine blonde Königin.
Um dich will ich alles leiden.
Alle Schmerzen, alle Freuden,
Sind ja gleiches Glück vor dir.
Sieh, sind nicht die blutgen Tropfen
Rosenknospen auf den Dornen?
(S. 545)
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Die Sünde wider den Geist

Einmal nur sah ich dich
In einer schwarzen Menschenmenge.
Einmal nur sahst du mich.
Wir waren größer als die Kleinen,
Größer um Haupteslänge.
Sie sahen alle auf zu uns,
Wie trunken
Wir ineinander schauten.
Da stießen sie sich
An die Ellenbogen
Und lachten frech
Und scharten sich
Und rissen dich
Und bald warst du versunken
Und roter tauchte
In Abendglut die enge Gasse,
Wie Höllenfeuer anzuschaun.

Noch einmal aus der schwarzen Masse
Wandst du dich.
In deinem Blicke
War ein Schrei:
Ich müßte enden deine Schmerzen,
Mit starken Armen
Zu dir dringen
Und dich halten
Gegen alle Gewalten.
Doch ich blieb stumm.
Da schriest du auf in deinem Schmerz:
"So werde ich dir nie verzeihn,
Niemals in alle Ewigkeit!"
Und deine stahlharten
Augen starrten bang
Wie Schwerter des Gerichts
Am jüngsten Tag mich an.
Da schwandst du hin.
Ich konnte nicht zu dir,
So sehr es in mir rang.
Mich hielt ein fluchbeladner Bann.
Bleichschwer um deine Glieder hingen
Ketten aus zuckenden Herzen.
(S. 545-546)
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Läuterung

Nein, heut nicht! Übers Jahr
Darfst du mir deinen Segen spenden.
Übers Jahr darf ich um deine
Ach, so wunderschlanken Lenden
Meine beiden Arme legen.

Übers Jahr darf ich dich küssen,
Aber sieh, mein Herz wird erst bluten müssen.
Ich bin deiner noch nicht wert.
Ich will erst gehn unter die Haufen,
Bettelnd durch die Gassen laufen.
Meinen falschen Stolz zertreten,
Der mich hemmt,
In das Dunkel zu steigen,
In die feuchten
Keller die Leuchten
Zu schwingen.
Arme erraffen,
Daß sie die schlaffen
Nacken erheben.

So will ich ringen,
Bis das Blut aus meinem Herzen
Alle Schlacken weggeschwemmt.

Wenn dann der Jahrtag kommt,
Wo ich vor dir selig im Staube lag,
Dann darf ich deine Hände nehmen.
Dann gehn wir Hand in Hand zu Berg,
Wo einsam, grau,
Ein Knieholzfleck
Wie Altarhörner seine Äste
Um alte Opfersteine reckt;
Dort wolln wir knien
Und dort die Ringe tauschen,
Die nelkenrot und feuergold
In werdender Zeiten gewaltgem Erdämmern
Um freie Arme die Blitze uns hämmern.
(S. 547-548)
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An meine kleine Freundin

Wer hätte das gedacht!
Das kam wohl über Nacht.
Denn als ich aufgewacht,
Da warst auf einmal du
Mein kleiner Herztyrann.
Sieh doch mal einer an,
Was Amors alles kann.
Schon weiß ich, was ich tu,
Damit du gnädig bist,
Und mich nicht gleich vergißt:
Ich mach dir dies Gedicht.
Ich hoff, es ist so schlicht,
So süß und zart wie du.
(S. 549-550)
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War ein Knab ...

War ein Knab mit schwarzem Haar,
Seidenschwarzen Augen,
Und sein voller, roter Mund
Mocht zum Küssen taugen.

Wenn der Mond am Himmel stand,
Küßt' er hier und küßte dort,
Mochte nirgends weilen,
Immer zog er weiter fort.

Ritt wohl in ein fernes Land,
Tät ein blondes Mädchen sehn,
Traurig ritt er in die Nacht.
Das Mädchen war ihm gar zu schön.
(S. 550)
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Auf eine Verlobung

Du bist so bleich geworden
Seit ich dich nicht mehr sah.
So nah ist dir's gegangen, daß ich so ferne war?
Sieh, heut nacht wolln wir
Unter dem Silbermond
An unserer alten Linde stehn
Und wieder froh sein.
Sieh, ich hab um dich gerungen
Und bin deiner wert geworden.
Denn dein Ring an meinem Finger
Band mich gut.
Komm Geliebte, und sei froh.

Du schweigst, was schweigst du?
Ach, dein Schweigen schreit zu laut.
Der andre nennt dich eigen,
Dem andren bist du Braut?
Doch deine Lippen,
Die weich ‹mir› lachten,
Sind bleich und fahl,
Und zucken vor Qual.

Nein, nein, du liebst ihn nicht.
Was duckst du dich,
Wie einem Keulenschlag,
Vor diesem kleinen Wort?
So denkst du noch an jenen Tag,
An jene Nacht im lauen Mai.
Wo groß und frei wir lachten,
Ich dich umschlang
Und alles hinter uns versank.

Nun rieseln denn nicht Tränen
Dir ins Gesicht,
Weinst du nicht
Vor Sehnen
Nach jener Frühlingsnacht?
So weine doch!

Ach, du kannst nicht mehr weinen.
So lache doch
Recht bittergell!
Auch das nicht.
Aber ich will lachen,
Ein großes, schönes, und befreites Lachen,
Wie an der Linde einst im Mai,
Daß ich jemals an dich mich weggeworfen.
(S. 552-553)
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Alles ist eitel

Ach, ich kann dich nicht verwinden.
Ach, nicht kann der Dichtergriffel
Dich aus meiner Seele merzen.
Ach, ich seh auf Buchenrinden
Glänzen eingeschnittne Herzen.
Ach, der laue Mondenschein
Glänzt so bräutlich durch den Hain.
Ach, kämst du doch heut gegangen,
Ach, wie wollt ich dich umfangen,
Heute in der Sommernacht.

Doch die Träume sind zerstoben,
Eine schwere Wetterwolke
Hat sich vor den Mond geschoben.
Nun ich geh weit zu wandern,
Weit von unsren alten Buchen.
Sieh ich werd in allen andern
Ewig rastlos dich nur suchen.

Mag dann einst in manchem Jahr,
Wenn wir beide schon verwehn,
Unterm Mond ein stilles Paar
Aus bemoosten Herzen sehn,
Daß hier ‹einer› glücklich war.
(S. 554)
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Du fragst, warum ich dir nicht nah ...
An Else M., die ich liebe, wie keine

Du fragst, warum ich dir nicht nah,
Wo du doch für mich blühen willst?
Ich habe Furcht vor dir,
Weil du zu schön bist.
Auch rollt mein Blut zu schwer
Durch meine Adern.
Ich kann nicht, wie die andern
Leichtsinnig sein
Und nur genießen.
Sieh, wenn die andern lachen
Dann muß ich weinen
Mitten im Genuß
Der großen Leidenschaft,
Da ahne ich das Ende
Das vergällt mir alle Freude.

Sieh, meine Tränen werden dich betrüben,
Drum will ich lieber abseits stehn
Und von ferne in Schmerzen
Deine junge Schönheit sehn.
(S. 557)
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Ach, du bist wunderschlank ...
An Emma R.

Ach, du bist wunderschlank und schön,
Wenn ich dich seh, muß ich einsam gehn.
Es gibt nichts Schöneres, wie dich.

Ach Worte sind zu blaß, um dir zu malen,
Wie deine Märchenaugen strahlen
Ach, sähen sie mich einmal an.
(S. 561)
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In meinem Herzen steht ein Tempel ...

In meinem Herzen steht ein Tempel.
Der Schönheit hab ich ihn geweiht,
Der Göttertochter, die erhaben
Gebietet der Unendlichkeit.

Ihn deckten Staub und Spinneweben,
Lang stand er in die Nacht versenkt,
Da nahtest du, vor deinen Augen
Klafften die Tore, freigesprengt.

Ein Frührot strahlet meinem Tempel.
Herrin, du kommst, ich harre dein,
Der Göttin Tempel steht dir offen,
Willst du die Priesterin mir sein?
(S. 561)
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Absolution

Bin der Liebsten nachgeschlichen
Durch die dunkle Kirchenpforte.
War sonst selten, ach recht selten
An dem düstren, heilgen Orte.

Im Stuhle saß ein alter Mönch.
Dem trug sie ihre Sünden vor.
Ach, ihre lieben, jungen Sünden
Sagt' sie dem Greise in das Ohr.

Der Priester macht' ein bös Gesicht
Ob soviel Teufelssünden.
Sosehr sie weint' und schluchzte auch,
Er mocht sie nicht entbinden.

Da trat ich hinter ihr herfür.
Der Pfaffe fiel vor Schreck vom Stuhl.
Als ich sie trug zur lichten Tür,
Wünscht' er sie in den Höllenpfuhl.

Ein staubges Heiligenbild fiel um
Ob unserm großen Frevel.
Als ich die Tür ins Schlosse warf,
Da stank es gar nach Schwefel.

Doch draußen in dem Sonnenlicht
Da küßt ich auch mein Mädchen schon
Und gab der lieben Sünderin
Mit einem Kuß Absolution.
(S. 562)
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Stimme aus der Tiefe

Willst du denn, daß ich ganz zu Grunde geh?
Du weißt, du schlugst mich oft schon,
Wenn ich dich bat um einen Strahl der Höh.
Ich trug's, denn endlich hofft ich Lohn.

Warum von neuem folterst du mich jetzt
Wo ich die ganze Nacht durch mit dir rang?
Was hab ich dich denn gar zu sehr verletzt.
Ich will Erhörung, ich fleh nicht mehr lang!

Bist du der Liebe Gott, so gib mir Teil an ihr
Und zeig mir nicht bloß Schemen, die entglitten.
Ich hoffe noch: ein Glücksstrahl neigt sich mir,
Doch kann ich nicht mehr warten, lange bitten.
(S. 564)
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Was schauderst du, wenn unser Blick entflammt?
Es krampft sich deine Hand dir unbewußt.
Sind wir denn, ich und du, verdammt,
Den Brand zu wühlen in die Brust?

Ich fühl's an deinen feuchten Händen,
Du weißt es, was wir einsam träumen,
Das Schicksal können wir nicht wenden.
Es hilft uns nicht, daß wir uns bäumen.

Von Schönheit trunken muß ich dich genießen,
Des Wunderleibes Pracht begreifen,
Daß du und ich im Jauchzen eins verfließen,
Daß wir uns brünstig lichtwärts reifen.

Du, schlag dir deine Brust, daß du bekämpft
In falscher Scham die unerhörte Glut.
Aufs Lager fließt das Licht gedämpft.
Mir rast nach dir und hämmert dumpf mein Blut.

Ich muß verbrennen, es verzehrt mich.
Die Arme werden dürr vor Glut.
Schon viel zu lang hast du gewehrt dich.
Die Kraft ringt sich hinauf, es schwillt die Flut.
(S. 564-565)
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Sonnwendtag

Es war am Sommerwendtag,
Dein braunes Haar im Nacken lag
Wie Gold und schwere Seiden.

Da nahmst du mir die feine Hand.
Und hinter dir stob auf der Sand
Des Feldwegs an den Weiden.

Von allen Bäumen floß der Glanz.
Dein Ritt war lauter Elfentanz
Hin über rote Heiden.

Und um mich duftete der Hag,
Wie nur am Sommerwendtag,
Ein Dank und Sichbescheiden.
(S. 570-571)
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Am Springbrunn

Heute wollt das Elschen kommen
Meine liebe, zarte Else,
Wo das Schilf in feuchten Kränzchen
Sich ums Marmorbecken schmiegt
Und der Springbrunn heimlich perlt.

Kam sie, nein! Das Schilf erschauert
Unter kalten Abendwinden.
Müde plätschert unser Springbrunn,
Graue Wolken jagen sich.
Wo blieb meine kleine Else?
(S. 572)
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Im Tanz

Hörst du die Geigen,
Sie rufen zum Reigen,
Sie rufen zum Tanz.

O dich im Arme, im Arme zu wiegen,
Daß dir die Locken nackenwärts fliegen,
Die langen Locken aus Feuer und Glanz.

Diese flüchtigen Sekunden
Sind an Worte nicht gebunden,
Worte scheinen Lug und Trug.
Unverwandt dich anzublicken,
Aufzugehen im Entzücken,
Wär ich König, meine Krone
Wollt ich dir ins Goldhaar drücken.
(S. 572-573)
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Dir auf der Schulter flattert ...
An N. P.

Dir auf der Schulter
Flattert ein Schmetterling,
Ein Frühlingslüftchen trug ihn her
Aus einem dunkeln Wald.

Das ist der Falter Glück,
Der flog zu dir,
Weil du aus Licht,
Und Glück und Licht Geschwister sind.
(S. 573)
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Heimat

Heilig ist die Nacht hernieder
Auf die Waldung tief gesunken,
Schwarze, wetterdrohnde Wolken
Sich an düstren Bergen ballen.
Bang der Hirsch im Dickicht stöhnet,
Seine Klagen fern verhallen.
Und ein Waldhorn traurig tönet
Nieder in die stillen Gründe.
Ahnend ist mir deine Seele,
Heimat, Mutter, aufgetan.
Ist's mir, als wenn Bruderarme
Aus den schwarzen Waldgeästen
Wollten meine Hände halten.
Rings um mich webt's im Gebären.
Dumpfe Lust und trübe Sucht,
Die aus Höhle, Stein und Schlucht
Einsam trank in Nacht die Brust,
Wollen sich in mir verklären.

Gib mir, Gott, an meine Brust
Die Geliebte neu zu drücken,
Auszuströmen meiner Seele
Dumpfen Schmerz und Gottentzücken
In ein gleichgestimmtes Herz,
Hand in Hand mit ihr zu fühlen
Rings das große Auferstehn,
Wenn in Nächten helle Sterne,
Stern auf Stern in großen Heeren
Ihren Glanz herniederkehren,
Gib mir Gott, in Ihren Augen
Einen Abglanz deiner Allmacht
Deiner Liebe neu zu sehn.
(S. 577-578)
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Unter dem Hundsstern

Der Himmel wurde grau und bleich.
Das weiße Korn hing voll hinab
Und beugte sich im Winde weich
In langen Wellen auf und ab.

Wir waren lange stillgelegen
Im hohen Gras. Nun ward es Nacht,
So schwül und trüb. Ich griff verwegen
Nach dir, der Stunde unbedacht.

Doch du nahmst meine Hand nicht wahr,
Dein Auge sah ich weltenfern,
Wo traurig in dem Nebel war
Voll trüben Scheins ein kleiner Stern.

Da schrakst du auf. Ich fühlt im Düster
Dein Auge auf mir ruhen bang.
Der Wind nur in dem Laub der Rüster
Verzitternd meine Worte trank.

In meinem Herzen stach es mich
Wie schwer das Schweigen auf dich drückte,
Wie bleiern dir der Abend schlich,
Der deine Sehnsucht mir entrückte.
(S. 579)
_____



Glauben
An Else M.

Ich wollte schreiben
Von dem Leuchten in deinen Augen
Das die Blitze weckten.
Von deinem Jauchzen in dem Sturm
Wie ich und du,
Wir beide frei und nackt
Den ganzen Himmel hielten angepackt
Die Arme reckten
In Ewigkeit. -
Da ließ ich's. Denn die faule Feder
Stach mich in die Hand
Und jäh zerriß das blaue Band,
Das Träume mir vors Auge woben.
Grau glotzt mich an der Wintertag.
Doch einmal wird es sein,
Da wirst auch du
Den Gouvernanten, Tanten und Bekannten
Das Giftmaul einhaun
Und die Kinderschuh
Um ihre gelben Riechernasen schlagen.
Dann werden deine Augen taun
Und sich verbrennen im Verlangen
Und dann wird ein Abend kommen,
Wo die Sonne blaß verglommen
Und ihr Blut dich überrinnt,
Wo wir beide stille sind
Ineinander aufgegangen.
(S. 582-583)
_____



Wie ist wohl mein wahr Gesicht?

Wie ist wohl mein wahr Gesicht,
Also frage ich mich oft,
Weiß es vielleicht selber nicht.

Scheint's mir fast, als wär mein Geist
Meines ganzen Wesens Seele
Kunterbunt in eins geschweißt.

Und ich kann es noch nicht sehn,
Welcher Teil der echte ist,
Würdig, einig zu bestehn,

Daß ein Zauberspruch mir winde,
Also geh ich täglich suchen,
Von den Augen diese Binde.

Doch am Abend tret ich leis
Durch die tags verschloßne Tür,
Wo sie träumet, niemand weiß.

In dem Mondlicht blau und klar,
Steh ich Phönix aus der Asche,
Du, Geliebte, schaust mich wahr.

Jede Nacht bin ich bereit
In den Träumen dein zu sein,
Bis die Seele sich befreit.
(S. 588-589)
_____



Drohung ans Liebchen

Ich liebe dich, du.
Ich laß dir nicht Ruh
Als bis du mir heut noch
Dein Herzchen weist zu.

Du nimm dich in acht,
Denn eh du's gedacht,
Was gilt's, hab ich heut noch
Zum Kuß dich gebracht.

Das Mäulchen nur spitz
Und denk, das sei Witz.
Das kümmert mich gar nichts.
Ich küß wie der Blitz.
(S. 589)
_____



O welche ungeheure Schönheit ...
An?

O welche ungeheure Schönheit ward
In diesen Leib gefaßt,
Daß dieses leicht entflammte Herz
So tiefen Schmerz noch fühlen muß.

Ja, wie ein mildes Wunder war's.
Siehst du, ich weiß, ich werd dich nicht mehr sehn
In dieser großen, meilenweiten Stadt,
Und will doch dafür dankbar sein.
Denn du wirst ewig schön und unberührt
Vom leichten Spiel des Tags
In meiner Seele ruhn.
Ein fernes Sternlein in der Ewigkeit.
(S. 594)
_____



Der Tag der Liebe

O Eros' Fest und Feste der Sommerzeit!
Zu meinen Häupten rauschte die Waldung kaum.
Ich sah den hohen Wolkenbergen
Wünschelos nach in der grünen Dämmrung.

Da kamest du den sonnigen Pfad hinauf
Und auf dir ruhte leuchtend des Tages Glanz.
Ich sah dich. Und ein jäh Erschrecken
Faßte mich tief und die heiße Freude.

Ein Jauchzen aber klang durch den stillen Wald
Und frohes Echo wachte im Waldtal auf.
So liefen wir einander beide
Jauchzend entgegen am Tag der Freude.

Und nie vergeß ich dich und den Jugendtag,
Die rote Rose von dem geliebten Haar
Bewahr ich gern, und immer wieder
Denke ich dein und der Liebe Tagen.
(S. 619)
_____



Der Gang der Liebenden

Sie wandeln Hand in Hand auf den verschlungnen toten Wegen
Des späten Sommers blasser Sonne nach,
Und treten sich wie in der Mainacht einst zu kurzem Spiel entgegen,
Doch ruft ihr karges Lächeln nicht der stummen Vögel Stimmen wach.

Und bald verstört sie schon des Laubes Rascheln auf den Pfaden,
Der Grabgeruch von brauner Blätter Statt,
Des dünnen Schilfwalds Lied von des verwachsnen Teichs Gestaden,
Der trocknen Frucht geraumes Falln durch frühen Herbstes Stille matt.

Sie fliehn erschreckt hinaus und suchen nach vergeßnem Blühen,
Des Sommers letzter Rast auf seiner Flucht,
Sie treten aus dem Park und sehn in spätem Glanz verglühen
Die fernen Wiesen in des bunten Hochwalds tiefer Bucht.
(S. 626)
_____



Chryseis

Dich liebt der Gott,
Und seine Strahlen wohnen
In deinem goldnen Haar,

Wen er aber liebt,
Der weiß es nicht,
Doch er ist glücklich.

Doch ferne stehet,
Den Niederen gleich,
Der Hoffnung leer,
Der häßliche Mensch,

Dem deine Schönheit höher ist,
Als Sternennächte und Wogengang,
Unsterblichkeit und ewiger Ruhm.

O, daß wir lebten
Im alten Hellas,
Und abends stünden
An kleiner Insel
Beglänztem Ufer.

Ich aber dürfte
Die Hand dir halten,
Und dürfte schön sein
Und Kränze tragen
Im braunen Haar.

Wohl nicht ist ärmer,
Als daß zu tragen
Die Lieb zur Schönheit
Verurteilt wurde
Ein Häßlicher.

Denn einmal häufet
Das Schicksal Leiden
So übermenschlich
Der Söhne einem
Des Sonnengotts,
Daß Leid und Freude
Ihm gleich erscheinen.

Sich selbst zum Ekel
Und arm im Herzen
Und dumm gescholten
Sein Leben lebt er,
Und wird verachtet
Und wird gestoßen.
(S. 642-643)
_____



Stirb, und ich will dir folgen ...

Stirb, und ich will dir folgen
Ins Grab noch diese Stund,
Atmend in langem Kusse
Den Tod an deinem Mund.
(S. 648)
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Und die Liebe brach auf ...

Und die Liebe brach auf, wie ein Sturm, wie das Licht, wie das Meer,
Aus der Tiefe sprang's auf, herzzwingend kam's über sie her,
Und sie sanken dahin, wie sinkt von den Sicheln das Feld
Tiefgebeugt, Mund an Mund, von dem Bogen des Gottes gefällt.
(S. 654)
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Frühling. Ein erstes Blühen ...

Frühling.
Ein erstes Blühen
In zarten Frühen,
Vom Himmelssaum
Ein Stern noch schaut.
Ein Lercheschlag
Im stillen Raum,
Weit vor Tag
Und sonst kein Laut.
O Liebe.
(S. 657)
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Da vom Weine, den ich dir gegossen ...

Da vom Weine, den ich dir gegossen,
Du getrunken an des Bechers Rund,
Trank ich bald und wußte eingeschlossen
Deiner Lippen Spur von meinem Mund.
(S. 660)
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Deiner schmalen Schläfe Bogen ...

Deiner schmalen Schläfe Bogen
Hält der Adern Netz durchzogen,
Das die Blässe dunkel trennt.

Welches gleichet edlen Steinen,
Die zu Mosaik sich einen,
Das in dunklem Marmor brennt.
(S. 660)
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Roten Mohnes Blüten nahmst du viele ...

Roten Mohnes Blüten nahmst du viele,
Schöne Blumen, die der Sommer gab.
Brachst mit feiner Hand die feinen Stiele
Aus der Woge grüner Garben ab.

In die Schluchten hingen Rosen nieder,
Die sich willig deinem Wunsche boten,
Glänzten in den hohen Farben wieder,
Da sie nun an deinem Herzen lohten.
(S. 661)
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Die ganze Nacht ...

Die ganze Nacht,
Die ich verwacht,
Ein Brunnen rann,
Ein Vogel sang,
Und dann und wann
Im stillen Raum
Der Nachtwind klang
Im hohen Baum.

Die ganze Nacht,
Die ich verwacht,
Dein Bild mir stand
Vor Augen tief
Und unverwandt,
Bis fern am Saum
Die Nacht entschlief
Und kam der Traum.
(S. 661)
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Brennt eine Flamme ...

Brennt eine Flamme wohl in dem Gefäße,
Daraus die Luft man zog, und mögen Früchte reifen,
Wo Winters Stürme Nacht und Tage streifen?
Wer ist, der dies zu glauben sich vermäße?

Doch Liebe soll in Einsamkeiten blühen?
Und sich an Totenhäuser trauernd lehnen?
Die leben muß, sie kann sich Tod nicht sehnen.
Die Fackel darf nicht wünschen, zu verglühen.

Die Ferne wär ihr Tod. Ob ich schon zwänge
In Haft sie ein, und mit Erinnerungen
Sie fristen wollte, wär sie nicht entsprungen,
Eh noch ein Band um ihren Fuß sich schlänge?
(S. 672)
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Wir lagen tief in einer Dünenschlucht ...
Für Mary aus Ahlbeck

Wir lagen tief in einer Dünenschlucht,
Bei Himbeersträuchern, sahn die Kämme nur
Der hohen Dünen, und der Sonne Spur,
Der Mittagsstunden langsam ziehnde Flucht.

Das Blut empfing den Kuß der Sonne tief,
Der ganze Leib empfing die warme Flut,
O welch ein Glück, da in der Sonne Glut,
Im goldnen Licht das ferne Leid entschlief.

Und langsam sang die Stille uns in Schlaf,
Wir hörten's kaum noch, wenn der Wind vom Meer
Der Schiffer Stimmen trug zu uns einher,
Und selten Hufschlag noch das Ohr uns traf.

Wie Götter ruhten wir im goldnen Raum.
Des Winds Oboen, und des Sandes Klingen,
Der Halme Zittern, und der Bienen Singen,
Sie klangen leise in den süßen Traum.

Und manches Mal erwachten wir vom Schrei
Der weißen Möwen, der zu Häupten klang,
Und wenn der Wellen Brausen lauter drang
Im aufgefrischten Winde uns herbei.

Dann sahen wir ins tiefe Himmelsblauen.
O weites Reich, das unser Blick durchflog!
Ein Silberwölkchen nur im Lichte zog,
Dianas Bogen war es gleich zu schauen.
(S. 701-702)
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Liebe, Liebe, wo bist du? ...

Liebe, Liebe, wo bist du?
Wo bist du, die ich lieben möchte.
Wo bist du, bei der ich ausruhn möchte.
Vielleicht sitzest du jetzt
Auf deines Bettes Rand,
Und denkst daran,
Daß du mich nicht finden kannst,
Wie ich dich nicht finden kann.
Ich steh am Fenster, kratz mit der Hand
Das Eis von den Scheiben,
Seh ich hindurch,
Seh ich nichts als dunkele Nacht.
Dreh ich mich um,
Flackert das Licht hin und her
An meinem Bette,
Wie ein Totenlicht an der letzten Stätte.
Ich will mich jetzt schlafen legen,
Verschlafen die Winternacht.
Morgen kommt wieder ein Tag,
Ich werde dich wieder nicht finden.
Ach, vielleicht gehst du mir
Morgen vorüber.
Und ich kenne dich nicht.
(S. 712-713)
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Bezwing ich dich? ...

Bezwing ich dich? Dein Sturm durchbraust mich wild
An diesem Wintertag, da vor dem Licht
Die Wolke stehet wie ein blauer Schild,
Und Schatten in die grüne Landschaft flicht.

Noch eben hab ich deine Hand gehalten.
O Götter. Welche Flamme fuhr in mich,
Da in dem dunklen Licht die Haare wallten
In Purpur dir, der der Madonne glich!

Wie des Adepten Herz, das manche Nacht
Des Goldes Rätsel fruchtlos angerufen,
Verzweifelt langet in des Ofens Schacht,
Und wild erdröhnt beim Glanz der ersten Stufen.
(S. 740)
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Aus: Georg Heym Dichtungen und Schriften
Gesamtausgabe
Herausgegeben von Karl Ludwig Schneider
Band 1 Lyrik
Verlag Heinrich Ellermann 1964
 

Durch eckige Klammern [] sind diejenigen Wörter und Textstellen gekennzeichnet worden, die der Autor gestrichen hat. Es ist nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Streichungen Heyms nicht immer den Charakter endgültiger Verwerfungen haben, sondern häufig nur die Absicht zum Ausdruck bringen, die gestrichenen Stellen noch einmal zu ändern, oder zu überarbeiten. Folglich wurden alle Streichungen in den Band aufgenommen, bei denen eine Überarbeitungsabsicht zu vermuten oder durch einen nicht ausgeführten Neuansatz schon zu erkennen war.
Unsichere Lesungen werden durch kleine Winkelklammern ‹› kenntlich gemacht.
(Der Herausgeber)


 

Biographie:

Heym, Georg, * 30.10.1887 Hirschberg/Schlesien, † 16.1.1912 Berlin. - Lyriker, Erzähler, Dramatiker.
H. entstammte einer Familie von Gutsbesitzern u. Beamten. Der Vater, Hermann Heym, war Staatsanwalt, ab 1900 Kaiserlicher Militäranwalt am Berliner Reichskammergericht. Autoritär, oft jähzornig, neigte er zu Nervenkrankheit u. Schwermut. Die Mutter, Tochter eines Gerichtspräsidenten u. späteren Gutsbesitzers, war eine liebevolle, oft kränkelnde Frau, die allenfalls ein sentimentales Verhältnis zur Kunst hatte. Der Vater, geprägt vom Konservatismus seines Standes, konnte sich für den Sohn nur eine Juristen- oder Offizierskarriere denken. Verständnis für dessen aufkeimende literar. Produktivität brachte er nicht auf. Kein Zweifel, daß H. seinen Vater zuzeiten gehaßt hat.
Ostern 1905 mußte H. wegen schlechter Leistungen u. eines Schülerstreichs das Gymnasium wechseln. 1907 bestand er das Abitur. Der unruhige u. sensible Schüler schrieb seit 1899 u. führte seit Ende 1904 ein Tagebuch (veröffentlicht in: Dichtungen und Schriften. Gesamtausg. in 4 Bdn., Hbg. 1960-68). Noch das letzte dieser Hefte, vier Wochen vor H.s Tod begonnen, trägt einen Titel, der schon über den frühen Eintragungen stehen könnte: Tagebuch des Georg Heym. Der nicht den Weg weiß.
Dem väterl. Wunsch entsprechend nahm H. das Jurastudium auf. Nach Semestern in Würzburg u. Jena setzte er das Studium in Berlin fort u. bestand dort Mitte Jan. 1911 die erste juristische Staatsprüfung. Aus dem Vorbereitungsdienst ließ er sich beurlauben mit der Absicht, nicht wieder in den juristischen Dienst zurückzukehren. Er schrieb sich am Orientalischen Seminar der Berliner Universität ein, um Dragoman zu werden; zgl. bewarb er sich bei mehreren Regimentern um eine Stelle als Offiziersanwärter. Alle berufl. Bestrebungen geben einer schon 1907 formulierten Einsicht recht, als er an einen Schulfreund schreibt: »Es gibt Leute, für die es überhaupt keinen Beruf gibt. Ich rechne mich dazu.« Er spricht nicht vorn Beruf des Dichters; an eine Existenz als freier Schriftsteller hat H. vermutlich nie gedacht.
Zu seinen frühen Vorbildern rechnete H. 1907 Hölderlin, Nietzsche, Merezkovskij, Grabbe (»Die vier Helden meiner Jugend«), 1909 bekannte er sich im Tagebuch zu denen, »die in sich ein zerrissenes Herz haben«: Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner, Rimbaud u. Marlowe. In den Jugendgedichten (1899-1909), die über 200 Seiten der Gesamtausgabe füllen, wühlte sich der Schreibende aus Pubertät u. Sentimentalität heraus. Schon gibt es Vorklänge späterer Themen u. Motive. In sein Buch Der ewige Tag (Lpz. 1911) nahm H. nur ein einziges vor 1910 entstandenes Gedicht auf. Immerhin wird ab etwa 1908 die sentimentale Stimmungslyrik überwunden, schlägt die Klage über das entfremdete Dasein schon in Protest um, zeigt sich die typische Entgrenzung des Räumlichen.
In H.s poetische Frühphase gehören im wesentlichen auch seine dramat. Versuche. Der Unterprimaner begann 1905 mit Skizzen zu Arnold von Brescia u. Fragmenten zu Sizilische Expedition; der erste Akt der Tragödie Der Feldzug nach Sizilien erschien als Der Athener Ausfahrt (Würzb. 1907). Wegen seines Trauerspiels Atalanta suchte H. im April 1910 Wilhelm Simon Guttmann, den Gründer der Neuen Bühne auf. Er trug ihm auch das Sonett Berlin 1 vor, von dem Guttmann so begeistert war, daß er den Autor in den »Neuen Club« einführte u. ihm somit half, seine Karriere zu beginnen. Dem Lyriker, nicht dem Dramatiker gelang der künstlerische u. publizistische Durchbruch.
Voraussetzung dafür war die Kristallisation der bisherigen Themen, H.s Verfügungsgewalt über Sprache u. Bildwelt in seiner reifen Dichtung, die in den letzten beiden Lebensjahren entstand. Sie beginnt mit den Berlin-Sonetten u. setzt sich fort in der Schilderung der Ausgestoßenen u. in den großen Toten- u. Todesvisionen, den Revolutions-Gedichten u. den Untergangspanoramen von Großstadt u. Krieg.
 Im »Neuen Club« fand H. Gleichgesinnte, v. a. aber die lang entbehrte Resonanz. Seine Leseabende im »Neopathetischen Cabaret« sorgten für Aufsehen u. steigerten sein Bedürfnis nach Anerkennung, aber auch seine Selbstzweifel. Erste Veröffentlichungen in Zeitungen führten überraschend schnell noch im gleichen Jahr zum Verlagsangebot durch Rowohlt u. im Folgejahr zur Publikation des Gedichtbands Der ewige Tag (Lpz. 1911).
H. war kein Theoretiker, hatte aber einen klaren Begriff von seiner poetischen Methode: »Ich glaube, daß meine Größe darin liegt, daß ich erkannt habe, es gibt wenig Nacheinander. Das meiste liegt in einer Ebene. Es ist alles ein Nebeneinander« (Tagebuch, 21.7.1910). Als poetische Technik ergibt dieses Nebeneinander das zeitlose Zugleich seiner Bilder: die Vision. Dem ordnet sich selbst die Darstellung von Geschichte unter. Geschichtsdialektik ist dieser Lyrik fremd. Das erklärt H.s Haß gegen Hegel, den Wunsch, Hegels Bild auf die Schwelle des Tempels der Dichtkunst zu nageln (vgl. den Prosatext Versuch einer neuen Religion. 1909). H.s Methode gab ihm die Möglichkeit, zgl. realistisch zu sein u. visionär.
Objektivistisch ist H.s Lyrik auch durch die Zurückdrängung des Subjekts. Ihr gelingt, was Hugo Friedrich bei H.s Vorbild Rimbaud als »abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich« beobachtet hat. In H.s reifer Lyrik spricht das Ich nur selten; manchmal tritt ein anonymes »Wir« an seine Stelle. Ich-Verzicht, ja Ich-Verlust sind schon den Freunden H.s aufgefallen. Erwin Loewenson rühmte »das Verlorengegangensein zwischen allen Bildern, das Auseinandergerücktsein und Sichumarmthalten der Objekte selber«. Ihm hat H. das späte Gedicht Meine Seele (Dez. 1911) gewidmet, das gleichsam den Schlüssel für seinen Ich-Verlust liefert: »Meine Seele ist eine Schlange, / Die schon lange tot.« Das Paradox ist, daß die tote Seele dennoch als Ich redet. »Nur noch als verlorenes, sich selber fremdes, nicht lebendes Ich spricht das dichterische Ich bei Heym« (Kurt Mautz).
Dennoch hat der Leser nie den Eindruck, es mit einer subjektlosen, leblosen Poesie zu tun zu haben. Im Gegenteil: H.s Poesie drückt eine enorme Kraft u. Vitalität aus. Die Kraft des Subjekts ist in die Bilder eingegangen u. durchpulst sie mit geradezu brennender Intensität, gibt ihnen Farbigkeit. Immer wieder tauchen starke, einfache Farben (Schwarz, Rot, Weiß, Blau, Gelb) auf. Sie dienen nicht der Schilderung, sondern sind Ausdrucksträger von Gefühl u. Vision. H. selbst sprach von seinem »geradezu wahnsinnigen Sinn« für Farben u. hob die Wahlverwandtschaft mit van Gogh hervor. Er hat offenbar mehrfach Gemälde u. Graphiken als Anregungen benutzt (u.a. Baluschek, Hodler, Klinger, Heinrich Kley, Kubin, van Gogh). Zu seinen nachhaltigsten Eindrücken gehörte Martin Brandenburgs (verschollenes) Bild Die Menschen unter der Wolke, das er im Okt. 1901 sah. Karl Ludwig Schneider hat gezeigt, wie dieses Motiv sich fortan durch H.s Lyrik zieht. H. operiert analog zur Malerei, indem er etwa in seinen Landschaftsgedichten den Bildraum durch Farben u. Kontraste strukturiert.
Im Besitz dieser »Optik« konnte H. die großen Visionen gestalten, z.B. Der Krieg u. Der Gott der Stadt. Daß der Dichter den Ersten Weltkrieg prophetisch vorhergesehen habe, ist ein Mythos, dem die Freunde unter dem Eindruck der Geschehnisse anhingen. Erst die Forschung Bernd W. Seilers u. Schneiders hat H.s Bild entmythologisiert: Die Genese vieler Texte läßt sich aus konkreten Anlässen erklären. So ist das oft ahistorisch gedeutete Gedicht Der Krieg (»Aufgestanden ist er, welcher lange schlief«) auf dem Höhepunkt der Marokkokrise 1911 mit der allg. Kriegsfurcht entstanden.
Geprägt von dem Gefühl, am »Ende des Welttages« zu leben, war H. nie auf Tagesaktualität fixiert. Das Endzeitbewußtsein schärfte ihm den Blick für die gesellschaftl. Strukturen dieses »Welttages«. Als Schilderer der Großstadt u. ihrer Menschen erweist H. sich als Phänomenologe der Entfremdung. Aus der Erfahrung des rigiden Regiments seines Vaters sieht er die Mechanismen der Gesellschaft u. wendet sich den Gefangenen, Irren u. Kranken zu, den »Menschen der Peripherie« (Greulich). Er tut es nicht durch naturalistische Mitleidspoesie oder Sozialrevolutionäre Agitation, sondern durch Auswahl u. präzise Überzeichnung. Der groteske u. »böse« Blick zielt auf das Böse in Gesellschaft u. Welt überhaupt. Über das Groteske gelangt H.s Gedicht zum Dämonischen. In Gott der Stadt (30.12.1910) wird das moderne Phänomen im archaischen Bild des Dämons Baal gefaßt. Neben den Bildern der Entfremdung u. Katastrophe kennt H.s Lyrik in ihrer Spätphase auch leisere, harmonischere Töne, v. a. in den Liebesgedichten. Hier bewahrheitet sich H.s Selbstzeugnis, daß er - der die Maske des Naturburschen u. Bohemiens trug - »der allerzarteste« (Tagebuch, 20.11.1911) sei. Was der Privatmensch verbarg, konnte das Liebesgedicht offenbaren. Analog zu dieser inhaltl. Öffnung wurden der Jambus u. die blockhafte Strophe durch freiere odische u. liedhafte Formen abgelöst. So kommt es im Sept./Okt. 1911 zu melod. fallenden Versen von verführischer Melancholie (Träumerei in Hellblau, Letzte Wache, Mit den fahrenden Schiffen).
H.s früher Tod, er ertrank beim Schlittschuhlaufen auf der Havel mit seinem Freund Ernst Balcke, setzte seiner dichterischen Laufbahn ein allzufrühes Ende. Die Fülle des lyr. Werks erschloß sich nach u. nach
durch die Nachlaßpublikationen, u.a. Umbra vitae (Lpz. 1912), Dichtungen (Mchn. 1922) u. Schneiders Gesamtausgabe.
H.s erzählende Prosa steht z. T. zu Unrecht im Schatten seiner Lyrik. Das Wichtigste hatte der Dichter noch selbst für den Druck vorbereitet: Der Dieb. Ein Novellenbuch (Lpz. 1913). Die meisten Figuren dieser Novellen sind »Extremtypen« (Inge Jens); so Der Dieb, Der Irre oder der im Krankenzimmer dahinvegetierende Jonathan. Während die Revolutionsnovelle Der fünfte Oktober Geschichte vitalistisch als Aufbruch u. Entfesselung darstellt, ist in den anderen Novellen alle Utopie getilgt, Gegenwart als Entfremdung u. Stagnation gesehen, in der nur noch psychot. oder resignative Reaktionen möglich sind. Was in der Lyrik als groteske oder halluzinator. Vision gefaßt u. durch Form u. Klang ästhetisch wird, ist in der Prosa zur Ausweglosigkeit verdammt: Der Todeskampf der Feuerwehrleute in der Novelle Der Dieb ist ein vergebl. Anrennen gegen eine Mauer.
Aus: Autoren- und Werklexikon: Heym, Georg, S. 8. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon

 


 

 


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