Paul Heyse (1830-1914) - Liebesgedichte

Paul Heyse

 

Paul Heyse
(1830-1914)

 

 

Hat dich die Liebe berührt,
Still unterm lärmenden Volke
Gehst du in goldner Wolke,
Sicher vom Gotte geführt.

Nur wie verloren umher
Lässest die Blicke du wandern,
Gönnst ihre Freuden den andern,
Trägst nur nach einem Begehr.

Scheu in dich selber verzückt,
Möchtest du hehlen vergebens,
Daß nun die Krone des Lebens
Strahlend die Stirne dir schmückt.

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Siesta


Lieb, o lieb war die Nacht
Mitten am hellen Tag,
Als wir die Läden geschlossen,
Als durch die schützenden Sprossen
Goldige Dämmerung brach.

Kühl, o kühl war der Saal,
Drinnen die Welt uns verging,
Da wir in seligem Schmachten
Wandelten, flüsterten, lachten,
Bis uns der Schlummer umfing.

Süß, o süß war der Traum,
Herz am Herzen geträumt!
Über uns schwebend im Kreise
Flattert’ ein Schmetterling leise,
Dunkel die Schwingen umsäumt.

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Trennt euch zuweilen,
Ihr glücklich Liebenden!
Ach, nur die Ferne
Glüht Seel’ und Seele
Magisch zusammen;
Ach, nur die Sehnsucht
Vermählt euch ganz!

Süße ist das Haben
Arm in Armen,
Süß sind die Gaben,
Die lebenswarmen,
Des geselligen
Augenblicks.

Wie reife Trauben,
Des Gartens Zierde
In sonnigen Lauben,
Die voll Begierde
Wir pflücken und naschen,
Durstig des raschen,
Trunkenen Glücks.

Doch gleich dem Weine,
Der aus der Kelter
Trübe geflossen,
Lange von dunkeln
Reifen umschlossen,
Bis er mit Funkeln
Im Becher glüht:

So kann nur Liebe
Das Mark durchglühen,
Die ausgereift ist
In Sehnsuchtsmühen,
Fern und allein,
Bis ihr die Blume,
Die duftig reine,
Dauernd erblüht.

Trennt euch zuweilen,
Ihr glücklich Liebenden!
Besser, es trennen
Euch weite Meilen,
Als der Nähe
Treiben und Jagen,
Wo Herz dem Herzen
Muß ferne schlagen
Und Blicke scherzen
In fremdem Glanz.

Ach, nur die Ferne
Glüht Seel’ und Seele
Magisch zusammen;
Ach, nur die Sehnsucht
Vermählt euch ganz!

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alle Liebesgedichte
von Paul Heyse

 

 

Gedichte aus: Paul Heyse Gesammelte Werke, Reihe III, Band 5 Gedichte und Übersetzungen
(J.G. Cottasche Buchhandlung) Georg Olms Verlag Hildesheim Zürich New York 1991 (Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1924)


Biographie:
Heyse, Paul Johann Ludwig von (1830-1914), Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem durch seine Novellen, deren Struktur er in einem eigenen Modell erläuterte (Falkentheorie). 1910 wurde ihm als erstem deutschen Schriftsteller der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Heyse wurde am 15. März 1830 in Berlin geboren. Hier und in Bonn studierte er klassische, germanistische und romanistische Philologie. Erste literarisch-künstlerische Anregungen verdankte Heyse dem Berliner Dichterkreis Tunnel über der Spree, zu dem in seiner Blütezeit u. a. Theodor Fontane und Theodor Storm gehörten. Des Weiteren wirkte eine in den Jahren 1852 und 1853 unternommene Italienreise inspirierend. Danach wurde Heyse von König Maximilian II. nach München berufen, wo er bis auf gelegentliche Reisen den Rest seines Lebens verbrachte, durch seine damalige Beliebtheit beim Publikum und die Gönnerschaft des Königshauses (Maximilian II. und Ludwig II.) sozial gut abgesichert. In München bildete er mit dem Spätklassizisten Emanuel Geibel (1815-1884) den Mittelpunkt des Münchner Dichterkreises und begann seine umfangreiche Novellenproduktion; zu diesen über 150, zwischen 1855 und 1895 entstandenen Erzählungen gehört L’Arrabiata (1855), seine erste – und wohl auch beste.

In der Einleitung zum Deutschen Novellenschatz (1871) erläuterte Heyse sein Idealmodell einer Novelle, wobei er sich an einer Geschichte von Giovanni Boccaccio aus dem Dekamerone orientierte (dort spielt ein kostbarer Falke, den sein verarmter Besitzer der Dame seines Herzens zur Mahlzeit bietet, eine zentrale Rolle). Bei Heyse wird der Falke zur Metapher eines Erzählens, das, mit einem quasi als Dingsymbol verdichteten, immer wiederkehrenden Leitbild, „in einem einzigen Kreise nur einen einzigen Konflikt" schildern soll. Als Beispiele dienten ihm u. a. die „Judenbuche" bzw. das Amulett in den gleichnamigen Novellen Annette von Droste-Hülshoffs bzw. Conrad Ferdinand Meyers. Der Rest von Heyses literarischem Schaffen – darunter 20 Theaterstücke und mehrere Romane (Kinder der Welt, 3 Bde., 1873; Im Paradiese, 3 Bde., 1875) – ist heute nahezu vergessen. Seine entschiedene Gegnerschaft zu den literarischen Strömungen der Moderne, namentlich zu Naturalismus und Impressionismus, sowie sein Beharren auf einem klassischen Schönheitsideal jenseits der sozialen Gegebenheiten brachten den Dichter, der mit Gottfried Keller befreundet war, bereits zu Lebzeiten ins literarische Abseits. Heyse starb am 2. April 1914 in München. Weitere Werke sind Spanisches Liederbuch (1852, gemeinsam mit Geibel), Skizzenbuch (1877) und Über allen Gipfeln (1895). Als Übersetzer trat Heyse mit dem Italienischen Liederbuch (1860) hervor.
Aus: Encarta

 

 


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