Justinus Kerner (1786-1862) - Liebesgedichte

Justinus Kerner

 

Justinus Kerner
(1786-1862)

 

Stille Liebe


Könnt' ich dich in Liedern preisen,
Säng' ich dir das längste Lied,
Ja, ich würd' in allen Weisen
Dich zu singen nimmer müd.

Doch was immer mich betrübte,
Ist, daß ich nur immer stumm
Tragen kann dich, Herzgeliebte!
In des Busens Heiligtum.

Und daß du, was laut ich sage
Oder preis' in Sangeslust,
Meinest, daß ich tiefer trage
Als dich, Herz, in warmer Brust.

Dieser Schmerz hat mich bezwungen,
Daß ich sang dies kleine Lied,
Doch von bittrem Leid durchdrungen,
Daß noch keins auf dich geriet.

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Poesie

Poesie ist tiefes Schmerzen,
Und es kommt das echte Lied
Einzig aus dem Menschenherzen,
Das ein tiefes Leid durchglüht.

Doch die höchsten Poesien
Schweigen wie der höchste Schmerz,
Nur wie Geisterschatten ziehen
Stumm sie durchs gebrochne Herz.

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Der schönste Anblick


Schön ist's, wenn zwei Sterne
Nah sich stehn am Firmament,
Schön, wenn zweier Rosen
Röte ineinander brennt.

Doch in Wahrheit! immer
Ist's am schönsten anzusehn:
Wie zwei, so sich lieben,
Selig beieinander stehn.

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Stummsein der Liebe


Wohl neigt nach goldner Sonne
Sich stumm die Blum' der Au,
Doch spricht von ihrer Wonne
Im Kelch der helle Tau.

Halt' ich die Lieb' umwunden,
Gedrückt ans Herze ganz,
Schweigt Lippe fest gebunden,
Spricht nur des Auges Glanz.

Ein armes Herz, entschlagen
So plötzlich aller Pein,
O Liebe! kann nichts sagen,
Das kann nur stille sein.

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alle Liebesgedichte
von Justinus Kerner

 


Gedichte aus: Justinus Kerner Werke.
Herausgegeben mit Einleitung und Anmerkungen von Raimund Pissin. 6 Teile in 2 Bänden
Berlin Leipzig Wien Stuttgart
Deutsches Verlagshaus Bong & Co
Georg Olms Verlag Hildesheim New York 1974
(Nachdruck der Ausgabe Berlin 1914)


Biographie:
Kerner, Justinus Andreas Christian, 18. 9. 1786 Ludwigsburg - 21. 2. 1862 Weinsberg; Oberamtmannssohn; kam 1795 nach Maulbronn; nach dem
Tode s. Vaters 1799 Rückkehr nach Ludwigsburg, dort Unterricht bei Ph. Conz, dann Tuchmacherlehrling; 1804-08 Stud. Medizin Tübingen, bes. bei Gmelin und Autenrieth; hatte hier Hölderlin zu behandeln; Freundschaft mit L. Uhland, K. Mayer, G. Schwab u. a.; 1808 Dr. med. 1809 Reise nach Frankfurt, Hamburg, Berlin und Dresden; Verkehr mit Chamisso und Fouqué; bis 1810 in Wiener medizin. Anstalten tätig; Rückreise nach Ludwigsburg; 1810 prakt. Arzt in Dürrmenz b. Mühlacker, 1811 in Wildbad; 1812 in Welzheim; Heiratet dort 1813 Friederike Ehmann (Rickele, † 1854); 1815 Oberamtsarzt in Gaildorf; 1819 in Weinsberg; hier neben medizin. u. naturwiss. Untersuchungen bes. Forschungen über Spiritismus, Okkultismus u. Somnambulismus; nahm Friederike Hauffe, die ›Seherin von Prevorst‹, zur Beobachtung und Pflege bei sich auf; machte sich um die Erhaltung der Burgruine Weibertreu b. Weinsberg verdient; baute 1822 das berühmte ›Kernerhaus‹, in dem sich bald e. großer Freundeskreis um ihn scharte und in das zahlr. Fürsten, Dichter und andere bedeutende Persönlichkeiten kamen; mußte 1851 s. Amt wegen
teilweiser Erblindung aufgeben; reiste noch zum Freiherrn von Laßberg an den Bodensee; lebte bis zu s. Tode, von s. Töchtern gepflegt, in Weinsberg.
Tiefempfindender spätromant. Lyriker, Balladendichter und stimmungsvoller Erzähler. Mittelpunkt der Schwäb. Dichterschule. S. volksliedhafte romant. Stimmungslyrik ist bisweilen frisch-humorvoll, oft
aber wehmütig, auch vom Mystischen, Okkulten bestimmt. Durch das ›Wunderhorn‹ zum innigschlichten Volksliedton angeregt. S. genialste Dichtung ist der satir. Roman ›Reiseschatten‹, e. anmut. Schilderung s.
Kindheit das ›Bilderbuch aus meiner Knabenzeit‹. Auch medizin. und okkultist. Schriften.
WERKE: Reiseschatten, R. 1811; Gedichte, 1826; Die Seherin von Prevorst, R. II 1829 (n. 1960); Geschichten Besessener neuerer Zeit, 1834; Der Bärenhäuter im Salzbade, Schattensp. 1837; Die lyrischen Gedichte, 1847; Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit, Aut. 1849; Der letzte Blüthenstrauß, G. 1852; Winterblüthen, G. 1859; Kleksographien, 1890. - Die Dichtungen, 1834 (verm. II 1841); SW, hg. W. Heichen VIII 1903; Sämtl. poet. Werke, hg. J. Gaismaier, IV 1905; R. Pissin, VI 1914, n. II 1974; AW, hg. G. Grimm 1981; Briefe und Klecksographien, hg. A. Berger-Fix 1986; Briefwechsel, II 1897; J. K. u. O. Wildermuth: Briefwechsel 1853-62 hg. A.
Aus: Autorenlexikon: Kerner, Justinus Andreas Christian, Digitale Bibliothek Band 13: Wilpert: Lexikon der Weltliteratur


 

 


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