Franz von Kleist (1769-1797) - Liebesgedichte

Franz von Kleist



Franz von Kleist
(1769-1797)


Das Glück der Liebe

An Albertinen

Freude glüht in meinem Herzen,
Freude, sey Du mein Gesang!
Lasst mit Kronen Fürsten scherzen,
Sorgen ihren Himmel schwärzen,
drückt doch mich kein eitler Zwang!
Freude, sey Du mein Gesang!
Freude, die bei Hymen's Kerzen,
treues Weib, an Deiner Hand
meine frohe Seele fand.

Wie das Schiff auf Meereswogen,
ist ein Jüngling ohne Weib;
lächelnd durch den Schein betrogen,
schnell von Schönheit angezogen,
liebt er nur zum Zeitvertreib;
läugnet, dass ein schöner Leib
oft, was er versprach, gelogen,
und zu spät erkennt er dann,
Täuschung sey, was er gewann.

Aber wer vom Gift der Thoren
nicht berauscht, den Schein verlacht;
wer ein Weib sich auserkoren,
die den schönen Bund beschworen,
wo, von Liebe treu bewacht,
nur die Tugend glücklich macht;
o! dem geht kein Tag verloren,
friedlich bietet ihm die Zeit,
Palmen der Zufriedenheit.

Lächelnd eilen ihm die Stunden
dieses Erdenlebens hin;
schön von Hymen's Kranz umwunden,
werden Tage zu Secunden,
und mit neuem Wahrheitssinn,
wird - o glücklicher Gewinn! -
jedes Schöne dann empfunden;
dann, wie Wellen in dem Bach,
folgen Freuden, Freuden nach.

Als ich noch auf jenen Hügeln,
bei den Rosen niedersank,
mich in Amors goldnen Flügeln,
immer flatterhaft zu spiegeln;
als ich noch vom Lethe trank,
machte mich die Liebe krank,
wollt' ich nicht den Bund besiegeln,
den die Schwärmerey beschwor;
freylich war ich da ein Thor!

Immer glaubt' ich da die Freude
mir so nah, und fand sie nicht;
glaubte, dass, verfolgt vom Neide,
schuldlos meine Seele leide;
sah bey Amor's Zauberlicht,
mich bald Gott, bald Bösewicht;
suchte bald die dürre Haide,
bald des Waldes Schattengang,
bald die Stille, bald Gesang.

Immer war ich nicht zufrieden,
hatte Nichts, und wünschte Viel,
dachte, dass uns nur hienieden,
Täuschung das Geschick beschieden;
fluchte zürnend dem Gefühl;
sah mich immer hart am Ziel,
wollte nicht im Lauf ermüden,
glaubte das Vollenden leicht,
und mein Zweck blieb unerreicht.

Aber jetzt, o neues Leben!
jetzt bin ich ein froher Mann;
mir ist nun ein Weib gegeben,
deren liebevolles Streben,
mich zum Gotte zaubern kann;
nun vollendet, was begann;
nun will ich mein Haupt erheben,
fragen, wer gleich mir so frey,
so vergnügt und sorglos sey?

Frohe Tage, frohe Nächte,
sind mein schöner Lebenslauf,
und an ALBERRTINENS Rechte,
trotz der Fürsten Mordgefechte,
trotz der Britten Sklavenkauf,
blüht mir doch die Hofnung auf,
Vater künftiger Geschlechte,
die kein Schwerdt der Herrschsucht scheun,
freyer Kinder Rath zu seyn.

O! wenn noch auf Flora's Beete,
Silberthau die Rose schmückt,
und bei Nachtigall Geflöte,
mich die goldne Morgenröthe,
noch in Amor's Schoos erblickt;
o dann bin ich mehr entzückt,
wie der Franke, der im Lethe
jetzt Despot und Thron vergisst,
freyer Mensch die Tugend küsst.

Wachst du, Liebchen? ruf' ich leise,
und ihr freundlich Auge glüht,
schöner als im Sternenkreise
der Planet, den spät der Weise
an Aurora's Busen sieht.
Doch wenn nun die Dämmrung flieht,
Föbus in die goldnen Gleise
mit dem Feuerwagen fährt;
dann bin ich erst neidenswerth!

Dann durchglühn mich tausend Küsse,
dieser Seelenschmeichlerin,
strömend zaubern dann Ergüsse,
wollustathmender Genüsse,
mich mit süssberauschtem Sinn,
nach den Fluren Eden's hin;
hier vergess ich, was ich misse,
wünsche, was ich haben kann,
fühle, was ich schon gewann.

Frölich wall ich nun dem Tage,
in zufriedner Seelenruh',
ohne Missmuth, ohne Klage,
nicht gestört von Herzensplage,
heiter meiner Arbeit zu,
wo mit schwesterlichem Du
mir Calliope die Waage
sanfter Harmonien beut,
sich mein Geist der Muse weyht.

Lebensglut in Sylben hauchen,
Worte der Unsterblichkeit
in den Quell der Dichtung tauchen,
künstlich so die Täuschung brauchen,
dass der Muse Rosenkleid,
neue Kraft dem Wahren leiht,
ihre Flammen nie verrauchen;
diese Himmelskunst verstehn,
ist beim ew'gen Gotte! schön! -

Doch was ist die Kunst zu dichten,
gegen wahrer Liebe Glück?
Reizend ist's Despoten richten,
Täuschung von der Wahrheit sichten,
leiten eines Heers Geschick;
Aber schöner ist der Blick
eines Weibes, die den Pflichten
sanfter Tugend sich ergiebt,
zärtlich ihren Gatten liebt.

Ja! gesegnet sey die Stunde,
als ich DICH Geliebte, fand,
und geführt von Menschenkunde,
mich zum treusten Seelenbunde,
gutes Weib, mit DIR verband;
Wonne gab mit DEINE Hand,
Wonne jegliche Secunde,
die, seit mich DEIN Arm umschloss,
in den Strom der Zeiten floss.

Alles scheint sich neu zu kleiden,
was das Auge sieht und kennt,
wenn wir reich an Hymen's Freuden,
jede prächtge Thorheit meiden,
die der Pöbel Grösse nennt,
die nach Schattenbildern rennt,
stolze Armuth unbescheiden
mit geborgtem Reichthum schmückt,
Lastern schmeichelt, Tugend drückt.

Grüner scheint das Laub der Bäume,
lieblicher der Blume Hauch,
hochgesprosster alle Keime,
goldner Häos Wolkensäume,
magischer des Nebels Rauch,
und, gekühlt vom Rosenstrauch,
reizender die Morgenträume,
wenn uns fern von Stolz und List,
ein geliebtes Weibchen küsst.

Oft empfind' ich dies im Thale,
wo mich jede Blume rührt;
oft bei meinem stillen Mahle,
wo statt schäumender Pocale,
Mässigkeit das Scepter führt,
wo nicht Gold die Wände ziert,
wo Natur die Freudenschaale
mir an meine Lippen drückt,
mich durch ihre Pracht entzückt.

Welten mögt ich dann beglücken,
an mein hochentzücktes Herz
brüderlich die Menschen drücken,
jedes Seufzen schnell ersticken,
lindern jeden fremden Schmerz;
dann so gerne Lust und Scherz
jubelnd um mich her erblicken;
ach! es ist so göttlich schön,
alle Menschen glücklich sehn.

Und es ist so leicht auf Erden,
wer nur Lust und Muth besitzt,
ist so leicht vergnügt zu werden,
wenn man nur nicht an Beschwerden,
wie am Stein der Bildner schnitzt,
immer sich auf Andre stützt,
und mit grämlichen Geberden,
nur den Schaden überdenkt,
nie das Herz mit Hofnung tränkt.

Darum ist in diesem Leben,
was auch kalte Vorsicht sagt,
Lieb' und Freiheit uns gegeben,
zur Begeisterung zu erheben
jeden Schwächling, der, verzagt,
keine kühne Thaten wagt;
fühlt er erst der Liebe Beben,
so bewaffnet sich sein Herz,
und der Geist steigt himmelwärts.

Lieb' und Freiheit sind die Blüten
unsrer irdischen Natur;
auf tyrannischen Gebieten,
muss der Mensch sie sorgsam hüten,
muss verbergen ihre Spur;
wie der Gärtner auf der Flur,
der, wenn Frühlingsstürme wüthen,
seinen Blumenflor versteckt,
und mit Zweigen überdeckt.

Diese göttlichen Gefühle
machen mir das Leben schön,
wenn in duftgetränkter Kühle,
im belebten Lustgewühle,
tausend Wesen mich umwehn,
die, gebohren kaum, vergehn,
und gleich mir sich einem Ziele
auf des Erdenlebens Bahn,
schneller zwar, doch immer nahn.

Wonne füllt dann meine Seele,
wenn mit holder Freundlichkeit,
beim Gesang der Filomele,
auf des Todes düstre Höle,
Rosen der Vergangenheit,
lächelnd ALBERTINE streut;
o! dann küss ich sie, und quäle,
über Gott und Ungefehr,
mich mit keinem Zweifel mehr.

O! dann winkt zu süssen Freuden,
mich die wollustreiche Nacht,
wo die Götter Menschen neiden,
und ein Augenblick die Leiden
vieler Zeit vergessen macht;
wo Antonius die Schlacht,
Abelard das nahe Scheiden,
Heinrich seiner Feinde List,
Joseph seinen Trohn vergisst.

Ha! was könnt ich nicht vergessen,
wenn mein glühendes Gesicht
ALBERTINENS Trähnen nässen,
die Entzückungen erpressen
Wonnen, die uns im Gedicht
nie die Phantasie verspricht;
ha! was könnt ich nicht vergessen,
wenn Ihr Feuer mich durchglüht,
Erd' und Himmel mir entflieht!

Stiege dann von seinem Trohne,
neidisch ein Despot herab,
böte mir, zum seltnen Lohne,
für mein Weib die Demantkrone,
seinen goldnen Herscherstab;
lachen würd' ich, auf das Grab
seiner Väter, mit dem Hohne
eines Reichern niedersehn:
"Sieh! auch Könige vergehn!"

Diadem und Scepter fallen,
endlich in den Strom der Zeit,
und wenn sie vorüber wallen
nach des Todes Schauerhallen,
wird des Lebens Herrlichkeit,
Schatte der Vergangenheit;
und es bleibt den Fürsten Allen,
nur der Staub von diesem Glanz,
nur ein welker Lorbeerkranz.

Doch wenn uns mit sanfter Milde,
das Geschick nur wenig giebt,
und auf blühendem Gefilde,
sich der Mensch im schönen Bilde,
einer schönen Seele liebt;
o Beglückung! dann betrübt,
unter Hymen's vestem Schilde,
bei der Hofnung hellem Licht,
uns des Todes Grauen nicht.

Freundlich wie Dionen's Knabe,
wenn er unter Nymphen spielt,
winkt uns dann der Tod zum Grabe,
dass uns dort die Ruhe labe,
die der Mensch so selten fühlt,
weil er stets nach Dingen zielt,
die, wer an dem Pilgerstabe
sterblicher Bestimmung schleicht,
niemals Menschenkraft erreicht.

Naht auch einst im Strom der Zeiten
mir der letzte Augenblick,
fühl ich meine Kraft entgleiten,
muss ich mit dem Tode streiten,
fodert mich der Staub zurück;
will ich segnen mein Geschick
will ich froh zum Grabe schreiten,
ALBERTINE drückst dann DU,
mir nur noch die Augen zu.
_____
 


Aus: Das Glück der Liebe
von Franz von Kleist
Berlin 1793
Bei Friedrich Vieweg, dem Älteren


 

Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Alexander_von_Kleist

 

 


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