Albert Knoll (1809-1843) - Liebesgedichte

 

 


Albert Knoll
(1809-1843)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 




Liebeleben

Wie des Weihrauchs Säule steiget,
Doch den Himmel nie erreicht,
Wie der Mond der Sonne folget,
Aber wie sie kömmt, erbleicht:

Also fühl' ich mich gehoben,
Also ziehts zu dir mich hin,
Gehst du, treibt mich's, dir zu folgen,
Und erscheinst du, dich zu flieh'n.

Und die Sehnsucht und das Bangen
Ebben, fluten hin und her;
Liebesschifflein, Liebesschifflein,
Treibst auf weitem, weitem Meer!

Lieb' ist eine zarte Blüte,
Trotzet dennoch jedem Sturm,
Aber, soll sie währen, hüte
Sorgsam sie vor Reif und Wurm.

Vor dem Reife frost'ger Seelen,
Spötterblick und Spötterwort,
Vor dem Wurme, der aus schelen
Eifersücht'gen Augen bohrt.
(S. 102-103)
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Wach auf!
An Lorchen

Du liebes Kind, du süßes Kind,
Wie schlummerst du so weich, so lind!
Wie ruht das Köpfchen mir im Arm
So lebens- und so liebewarm!
Wie doch um Lipp' und Augenlied
Der Schalk so schöne Furchen zieht!
Wie schlummerst doch so weich, so lind,
Du süßes Kind, du armes Kind!

Du liebes Kind, du süßes Kind,
O sprich, was deine Freuden sind?
Wo ist dein Liebster? sag' es mir.
Dein Liebster, ach, ist dort und hier,
Und sagst du lachend: "Der ist's, der!"
Ein Weilchen drauf ist er's nicht mehr. -
Und schlummerst doch so weich, so lind,
Du süßes Kind, du armes Kind!

Du liebes Kind, du süßes Kind,
O sprich, was deine Schmerzen sind?
Ein Schmerz, er ruht dir unbewußt,
Er ruht und wächst in deiner Brust.
O weh! du fühlst ihn früher nicht,
Bis er so groß, daß er sie bricht. -
Und schlummerst doch so weich, so lind,
Du süßes Kind, du armes Kind!

Du liebes Kind, du süßes Kind!
Und sprich, was deine Reize sind?
Hast vor drei Tagen du geseh'n
Die Blumen dort am Fenster steh'n?
Wo sind sie heut? - Verwelkt und todt,
Geworfen in den Straßenkoth. -
Und schlummerst doch so weich, so lind,
Du süßes Kind, du armes Kind!

"Du liebes Kind, du süßes Kind!"
Das klingt so weich, das klingt so lind.
"Fort freche Dirn!" welch andrer Ton!
Weh Lorchen, weh! ich hör' ihn schon!
O schließ' dich fest in meinen Arm,
Drück' an dein Köpfchen liebewarm
Und schlummre - Nein, wach' auf geschwind,
Wach auf! du armes, armes Kind!
(S. 104-105)
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Entzückung

Du Himmel, Feld der ew'gen Silbersaaten,
Du grüne Erde, die sich hochbeglücket,
Dem Bräutigam, dem Lenz, entgegenschmücket,
Du Tag, mit deinen mannigfachen Thaten,
Du Nacht, mit deinem feierlichen Schweigen -
Ich bin entzückt, o seid mit mir entzücket!
Ich habe sie gepflücket
Die Liebesblüte von der Hoffnung Zweigen!
Euch ruf' ich's zu, daß ihr es mitempfindet,
Es nachsingt in begeisterten Accorden:
Der Liebe Tempel ist mein Herz geworden!
Der Morgen lacht, der kalte Nebel schwindet;
Der Liebe Tempel ist mein Herz geworden!
(S. 110)
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Süße Gefangenschaft

Oft sinn' ich nach, was dir mich hingegeben:
War's deiner Augen Blick, der dunkelhelle?
War's deiner Glieder anmuthvolle Welle?
Der schwarzen Locke Weh'n, des Ganges Schweben?

War's deiner Lippen wundervolles Leben?
Sei's, daß aus ihnen süße Rede quelle,
Sei's, daß den Rosenbord ein Lächeln schwelle,
Sei's, daß in holder Scham sie sanft erbeben.

Ach, alle diese Zauber, im Vereine,
Sie mußten wol ein stärkres Herz bezwingen;
Und groll' ich deshalb, ist's verstelltes Grollen.

Ja, dein Gefang'ner bin ich, ganz der deine,
Verurtheilt, ewig mit der Furcht zu ringen,
Du möchtest mir die Freiheit schenken wollen.
(S. 111)
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Liebesjubel

Bin ich es selbst? Ihr ew'gen Himmelsmächte,
Ist es ein Traum, laßt mich erwachen nie!
Ich leb', ich bin; ich fasse diese Rechte,
Ihr Pulsschlag sagt: du lebst; du lebst durch sie!
Wie Auferstehungsklang trifft mich das echte,
Das hehre Wort getheilter Sympathie!
"Sie liebt dich! Sie! Sie darf, sie will dich lieben"
Ist in dies Herz mit ew'ger Schrift geschrieben.

Und kannst du's fassen, Herz? droh'st nicht zu brechen
Im Wogendrang des Meers von Seligkeit!
Und darfst du es, du zage Lippe, sprechen,
Und darfst du, Hand, es schreiben ungescheut?
Und dies Entzücken, das in Feuerbächen
Durch alle Pulse rege Flammen streut,
Wird's nicht den schwachen Erdenkloß verzehren,
Wird er darin, ein Fönix, sich verklären?

Es wird. Schon steht die Erd' in schönrem Lichte.
Die Menschheit menschlicher vor meinem Blick,
Was war, erscheint als mattes Traumgesichte
Und ausgesöhnt bin ich mit dem Geschick.
Mein Denken wird, mein Fühlen zum Gedichte,
Zum ew'gen Lied, deß Aufschrift: "Liebesglück",
Deß Inhalt: "Fanni", dessen Odem: Freude,
Sich betend aufschwingt zu dem Weltgebäude!

Ja, dein auf ewig! dein in allen Tagen,
Die mir ein höhrer Rathschluß noch gewährt,
Dein, all' mein Sehnen, Hoffen, Streben, Wagen,
Dein, was der Gott des Liedes mir beschert,
Dein, wenn sie längst zur Grube mich getragen
Und mich dein Aug' durch eine Thräne ehrt -
Dein, Fanni! An des Jenseits lichter Pforte
Empfängt mein Geist dich einst mit diesem Worte!
(S. 112-113)
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Nach dem Besuche

Geweihet hast du meine Wohnung
Durch deinen freundlichen Besuch,
Sprachst über sie mit holder Schonung
Des Wohlgefallens süßen Spruch.
Und ich? ich ließ dich wieder ziehen!
Hielt dich für ewig nicht zurück?
Die schön verliebten Stunden fliehen;
Doch hoff' ich schönre noch vom Glück.

Schon seh' ich dich in diesen Räumen
Als liebe Hausfrau waltend geh'n,
So wie ich schon in tausend Träumen,
In tausend Bildern dich geseh'n.
Und nicht mehr horchen wir beklommen
Des Zeigers strengem Scheidespruch,
Und, Fanni, unser Geh'n und Kommen
Heißt nicht mehr Abschied und Besuch!

Dann weckt mich nicht, wie jetzt, der Morgen,
Nur mir zu zeigen, daß du fern,
Wir schauen ohne Trennungssorgen
Den vorgerückten Abendstern.
Und trennt nur eine Wand, die immer,
So oft wir es nur wünschen, fällt,
Und bei der Abendkerze Schimmer
Vergessen wir um uns die Welt.

So zwischen Geben und Empfangen
Fließt uns das Restchen Leben hin,
Bis wir nach diesem Erdenbangen
In eine größre Wohnung ziehn.
O Zukunft voll von Seligkeiten!
Bist du noch ferne? Komm heran!
Doch wir indeß, Geliebte, schreiten,
Dem Herrn vertrauernd, unsre Bahn.
(S. 114-115)
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Liebesglück

Mein Herz, wie jubelt's dir entgegen
Gelös't in Seligkeit,
Wenn durch dein Aug' den reichsten Segen
Die Gottheit niederstreut!

Wie wird da jeglicher Gedanke
In mir zum Dankgebet,
Wie da der Geist, der sorgenkranke,
In Hoffnung rasch ersteht!

Horch! ruft nicht eine Himmelsstimme:
Ein solches Herz ist dein!
Was bebst du noch des Schicksals Grimme?
Ein solches Herz ist dein!

Laß rings die Welt nach Schätzen suchen,
Der Schätze Schatz ist dein,
Laß sie vergöttern und verfluchen,
Du gingst zum Himmel ein!

Laß sie um Macht und Ehre schwitzen,
In Rang und Amt sich bläh'n,
Mit Stern und Kreuz im Knopfloch blitzen,
Du kannst das all' verschmäh'n.

Des Glaubens Kreuz, den Stern der Liebe
Trägt deiner Fanni Blick,
Sie läutern deine schwanken Triebe,
Sie lenken dein Geschick.

So wie der Kahn in weichem Schwanken
Sich senket und erhebt,
So der Gedanke der Gedanken
Auf Liebeswellen schwebt.

Und zwischen Wehmuth und Entzücken,
Jetzt fürchtend, hoffend jetzt,
Schifft er durch Glücken und Mißglücken
Bis heut noch unverletzt.

Bis heut' noch unverletzt! - und immer,
Denn Liebe steuert gut,
Und sänk' auch selbst der Kahn im Trümmer,
Sie hebt dich aus der Flut;

Und führt dich unversehrt nach Oben
Und Engel tragen dich . . .
Doch merk' es: Lieb' hat dich erhoben,
Du sinkst, so bald sie wich.

Entzücken fühl' ich in mir beben,
Den Himmel gabst du mir,
Du herrlich Weib: dies höh're Leben,
Dies Beben dank' ich dir.

Jetzt seh' ich dich in enrster Milde
Gleich einer Lilie blüh'n,
Jetzt, gleich dem Engel mit dem Schilde,
In edlem Stolz erglüh'n.

Du stehst in jeder Tugend Scheine
Vor meinem innern Blick,
Und von dem glänzenden Vereine
Strahlt Lieb' auf mich zurück.

Dann seh' ich dich in meinen Armen
Und sterb' an deiner Brust;
O sel'ger Tod, er führt den armen
Zur reichsten Himmelslust.
(S. 116-118)
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In der Nacht

Nacht und Stille! Tiefste Ruh'!
Nur mein Auge nickt nicht zu;
Wachend halb und halb im Traum,
Nicht gestorben, lebend kaum,
Sitz' ich bei der Kerze Schein
Sehnsuchtskrank und denke dein.

Theure, denkst auch meiner du?
Schließ' die holden Aeuglein zu!
In des Schlummers weichem Arm,
Köpfchen kühl und Herzchen warm,
Träume von dem fernen Freund,
Bis der Morgen dich bescheint.

Vorwärts, vorwärts, nie zurück!
Träume von der Zukunft Glück!
Traum ist Leben, Leben Traum,
Jenes Staub und dieser Schaum,
Staub verweht und Schaum zerstiebt,
Ewig ist allein, was liebt.
(S. 119)
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Am Morgen

Wieder Tag und Sonnenschein!
Kann mich deß nicht recht erfreun.
Lieb' und Licht! Wol bringt er Licht,
Aber die Geliebte nicht.
Lieb' und Licht! Auch Liebe wol,
Doch nicht auch mein lieb Idol.

Wieder Tag und Sonnenschein!
Manchem mag's zur Freude sein!
Doch wo bleibt der Sonnenschein
Ihrer lieben Aeugelein!
Ach, und wo der Göttertag,
Der in ihren Blicken lag?

Ach, für mich ists Dämmrung kaum,
Und so leb' ich fort im Traum,
Und so träum' ich fort und fort,
Hör' im Traum dein freundlich Wort,
Schaue dich in holder Näh',
Ach, da thut Erwachen weh'!
(S. 120)
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Liebesharm

Ach, warum, wo Liebe wohnt,
Kehrt auch Kummer ein?
Darf die arme nie verschont
Von dem Gaste sein?

Wo die Rose dich bekränzt,
Läßt der Dorn die Spur,
Und der Regenbogen glänzt
Auch in Wolken nur.

Und so zieht, wo Liebe wohnt,
Auch der Kummer ein,
Armes Herz, wirst nie verschont
Von dem Gaste sein.

Komm' denn, süßer Liebesharm,
Süßer mir als Lust,
Will dich hegen treu und warm,
Komm in meine Brust!
(S. 121)
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Ermuthigung

Wie Abendthau in dunklen Blumenkronen
Glänzt dir im Auge perlend eine Thräne,
Dein Haupt ruht düster auf des Sitzes Lehne
Und trübes Sinnen scheint darin zu wohnen:

"Nie wird das Schicksal unsre Liebe lohnen,
Was ich, wie fern auch, doch erreichbar wähne,
Ist eines Dichtertraumes flücht'ge Scene"
So sagst du dir und quälst dich ohne Schonen.

Nicht vor dem Kampf verzage! Siegreich immer
War treue Lieb', sie stärkten nur Gefahren,
Und neuer Kampf verlieh ihr neue Flammen.

Ein Herz, wie dein's, Geliebte, trüget nimmer,
Ihm traue fest, dem reinen ewig wahren;
Was ewig ist, wie stürzte das zusammen?
(S. 122)
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Ein Lächeln und eine Thräne

Ein Lächeln ist's und eine Thräne,
Womit dein Auge mich bezwingt,
Daß ich der Erd' entrückt mich wähne,
Und Himmelsahnung mich durchdringt.

Es ist die Thräne stiller Freude,
Drin überströmt das volle Herz,
Es ist das Lächeln noch im Leide
Und in dem tiefsten Seelenschmerz.
(S. 123)
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Des Veilchens Grab

Lag ein geknicktes Veilchen
Auf einem nackten Stein;
"Ach, Veilchen, armes Veilchen,
Sollst weicher begraben sein!"

Sie nimmt das todte Veilchen,
Steckt's in den Busen tief,
Wo, tiefer als das Veilchen,
Geknickte Liebe schlief.
(S. 124)
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Aussicht

Frei bist du! frei! - Nichts kann fortan,
Wenn nicht du selbst, dich mir entreißen!
Frei bist du! frei! - es ist kein Wahn!
Rollt, Thränen, rollt, ihr glühendheißen,
Rollt hin, ihr heißen Freudenthränen!
Das dunkle Leben ist erhellt,
Zu Jubel wird das bange Sehnen,
Und nun erst lebt für mich die Welt.
Die Blüte ist vom Wurm befreit,
Frei kann sich jetzt ihr Kelch entfalten.
O eine Welt von Seligkeit
Seh' ich entzückt sich mir gestalten,
Und in der Welt von Seligkeit
Dich, Fanni, milde herrschend walten!
Gott, der die Liebe uns beschieden,
Gab nun zur Lieb' uns auch den Frieden.
Laß deß sich unsre Herzen freu'n,
Laß uns des süßen Friedens pflegen,
Laß uns den schönen Bund erneu'n
Im Sonnenschein nach Donnerschlägen,
Laß uns der Ruhe Labsal theilen
Treu, wie wir sonst den Schmerz getheilt,
Rasch werden alle Wunden heilen,
Weil nichts so schnell, wie Friede, heilt.
Er ward uns! - Wir bewahren ihn
Und wie zwei brüderliche Sterne
Still durch den weiten Himmel ziehn
Und wandellos aus ihrer Ferne
Auf unsre Erde niederglüh'n:
Denk' ich fortan auch uns so gerne
Hehr über diesem Weltgetümmel
Hinziehen durch der Liebe Himmel!
(S. 125-126)
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Es ist nicht möglich!

Es ist nicht möglich, ist nicht möglich!
Du kannst mir nicht entrissen sein,
Es denken nur ist unerträglich,
Es glauben mehr als Höllenpein.
Zwei Wesen, die sich Alles waren,
Die Leiden nur noch fester band,
Ein Liebesbund, der in Gefahren,
Ein Fels im Sturme aufrecht stand;
Zwei Herzen, welche wonnig bebten
In gleicher Pulse Harmonie,
Nur für und durch einander lebten
(Ein Göttersieg der Sympathie!)
Und nun dahin! - Ich kann's nicht glauben,
So weit geht nicht der Hölle Spott,
Sonst müßt' ich selbst den Trost mir rauben,
Es leb' und walte noch ein Gott.
Ließ er's nicht zu, daß ich erglühte,
War Gegengluth nicht all' mein Glück,
Und dieser Gott, der Gott der Güte,
Nähm' jetzo sein Geschenk zurück?
Und dich, o Fanni, dich, erlesen
Zum Engel meiner Tage - nein! -
Dich hätt' er nun, dich sanftes Wesen,
Erwählt, mein Folterknecht zu sein!
Wir sollten fortan uns nicht lieben?
Sind wir denn jetzt, was einst, nicht mehr?
Wir sind dieselben noch geblieben,
Und sollten lieben uns nicht mehr?
Ich fühl' in mir dasselbe Feuer,
Noch flammt derselbe Geist in mir,
Noch ist mir alles Edle theuer,
Und wird es bleiben für und für.
Noch schlägt mein Herz für alles Große,
Noch schlägt es warm für fremde Noth,
Des Schicksals feindliche Geschosse
Scheu' ich so wenig, als den Tod.
Entrüstung fühl' ich in mir lodern,
Wo Trug und Heuchelei erscheint;
Daß man mich achte, kann ich fodern
Von Gut' und Bös', von Freund und Feind.
Mir gönnt ein unbefleckt Gewissen
Auch jetzt noch einen sanften Schlaf,
Wo wilder Schmerz mein Herz zerrissen
Und mich des Zweifels Giftpfeil traf.

Und in des Busens tiefsten Tiefen
Fühl' ich die heil'ge Poesie,
Und Keime, die da manchmal schliefen,
Wol schliefen, doch erstarben nie.
Noch ist mein Herz der Liebe Tempel
Und du das Altarbild darin,
Geprägt ist noch der Treue Stempel
In meinen wandellosen Sinn.
Und du, Geliebte, stehst noch immer
Hehr, makellos, wie einst, vor mir,
Du strahlst in jeder Tugend Schimmer
Und Weiblichkeit ist deine Zier.
Noch immer sind die höchsten Fragen
Der Menschheit dir von höchstem Werth;
Das Leben schafft uns tausend Lagen,
Du hast in jeder dich bewährt.
Als Freundin jetzt, jetzt als Geliebte,
Als Mutter, Schwester, Tochter jetzt,
Warst du's, die alle Pflichten übte,
So wie sie Gott uns vorgesetzt.
Wir sind dieselben noch geblieben
Und sollten lieben uns nicht mehr?
Wir sollten fortan uns nicht lieben?
Sind wir denn jetzt, was einst, nicht mehr?
Wie, ließe Gott in unsren Wirren
Dem bösen Geist so viele Macht;
Daß mich ein einziges Verirren
Um all' mein Lebensglück gebracht?
Ach, Wahnsinn liegt in dem Gedanken!
Mein Trösterengel, steh' mir bei,
Betrachte mich als einen Kranken,
Nicht reich' mir Gift für Arznei.
O gieb den Trost, daß deine Liebe
Verhüllt, doch nicht verloschen sei,
Und daß mir noch die Hoffnung bliebe,
Sie werd' einst der Verhüllung frei.
Hast du doch sonst ein jedes Leiden
So zärtlich mir hinweg gekos't,
O Fanni, denk' auch unsrer Freuden
Und - gieb mir nur ein Tröpfchen Trost.
Laß mich's in deinem Auge lesen,
Daß du an Trennung nimmer denkst
Und meinem möglichen Genesen
Ein freundliches Bemühen schenkst.
Doch - willst du mich nicht mehr erheben
Spricht keine Regung mehr für mich,
Ist dir's nicht süß: dem Freund vergeben,
Dann lehr' mich leben ohne dich.
Denn all' die tausend Wurzelfäden,
Womit mein Herz an deinem hängt,
Sie finden mehr kein andres Eden,
Das sie mit Lebenssäften tränkt.

Darum, versagst du das Erflehte,
Und wendest ganz dich von mir ab,
Die letzte Bitte dann: Erbete
Von Gott für mich ein baldig Grab.
Doch - - 's ist nicht möglich, 's ist nicht möglich!
Du kannst mir nicht entrissen sein,
Es denken nur ist unerträglich,
Nein, Fanni, nein! es kann nicht sein!
(S. 127-131)
_____



An meine Sonne

Wo bist du, Sonne? ich seh' dich nicht,
Urquell des Lebens, Himmelslicht!
Steht eine Wolke vor? Getrost!
Die Wolke lös't der Regen auf,
Die Wolke scheucht des Windes Lauf -
Steht eine Wolke vor; getrost!

Wo bist du, Sonne? ich seh' dich nicht,
Urquell des Lebens, Himmelslicht!
Deckt dich der dichte Wald? Getrost!
Durch Waldesdickicht hinab, hinan
Bricht sich die Macht der Sehnsucht Bahn.
Deckt dich der dichte Wald; getrost!

Wo bist du, Sonne? Ich seh' dich nicht,
Urquell des Lebens, Himmelslicht!
Thürmt sich ein Berg vor dich? Getrost!
Sagt an, wo steht die Bergeswand,
Wo Lieb' hinan den Weg nicht fand?
Thürmt sich ein Berg vor dich; getrost!

Ich sehe dich, o Sonne, nicht,
Du lebensquellendes Himmelslicht!
Und gingst du unter? - Dahin, dahin!
Nicht Sehnsucht, nicht der Liebe Macht,
Ach, keine Macht hemmt mehr die Nacht!
Und gingst du unter; dahin, dahin!
(S. 132-133)
_____



An mein Herz

Herz,
So tief verletzt,
So matt gehetzt,
Was hörst du nicht auf zu schlagen?
Den Tod in dir
Und willst doch zu leben wagen?
Herz,
Und willst doch zu leben wagen?

Herz,
Mit dem Todespfeil,
Und hoffst noch Heil?
Und hörst nicht auf zu schlagen?
Blickst so voll Schmerz
Noch himmelwärts,
Und meinst das Leben zu tragen?
Herz,
Und meinst dies Leben zu tragen?

Herz,
Der Raum ist karg
In einem Sarg,
Gönnt nicht das weitende Schlagen.
Poch zu, poch zu;
Er oder du
Bricht in dem weitenden Schlagen.
Herz,
Brich oder lerne entsagen.
(S. 149-150)
_____


Aus: Gedichte eines Österreichers
Leipzig F. A. Brockhaus 1845

 


Biographie:

Albert Knoll (Sohn von Joseph Leonhard Knoll 1775-1841)
(gest. zu Wien im December 1843) hatte die medicinischen Studien beendet,
die Doctorwürde aus denselben erlangt und lebte in Wien, wo er in jungen Jahren nach langer Krankheit starb. Auch er beschäftigte sich mit schöngeistigen Arbeiten, und mehrere seiner Dichtungen erschienen in Wiener Blättern unter dem Anagramm seines Namens Baltekron. Eine Sammlung seiner Gedichte erschien durch Schuselka's Vermittlung bei Brockhaus in Leipzig. In Handschrift hat er ein Trauerspiel: Friedrich der Straitbare hinterlassen. Er legte es als Vermächtniß, mit dem Wunsche seiner Drucklegung, "damit es nicht ganz untergehe", in die Hände einer Freundin. Es ist aber nicht gedruckt worden.

Aus: Biographische Lexikon des
Kaiserthums Oesterreich
von Constant von Wurzbach
Zwölfter Theil Wien Druck und Verlag der k. k.
Hof- und Staatsdruckerei 1864 (S. 160)

Knoll, Albert, wurde im Jahre 1809 zu Wien geboren und widmete sich daselbst neben den medizinischen Studien schönwissenschaftlichen Arbeiten. In Wiener Blättern schrieb er vieles unter dem Anagramm seines Namens: Baltekron.
In der Ausübung der ärztlichen Praxis wurde er bald nach seiner Promotion durch ein arges Nervenleiden gehindert, von welchem ihn, als er eben mit der Vollendung eines Drama's "Der letzte Babenberger" beschäftigt war, der Tod erlöste. Er starb in Wien im Dezember 1843. Seine nachgelassenen Gedichte eines Österreichers Leipzig 1845 erscheinen unter Vermittlung Franz Schuselka's.

Aus: Deutsches Dichter Lexikon.
Biogr. und bibl. Mittheilungen über deutsche Dichter aller Zeiten
von Franz Brümmer 12. Lieferung
Eichstätt & Stuttgart 1876
Verlag der Krüll'schen Buchhandlung (S. 88)

 

 

 


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