August Friedrich Ernst Langbein (1757-1835) - Liebesgedichte

August Friedrich Ernst Langbein



August Friedrich Ernst Langbein
(1757-1835)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 




An die Feldblumen

Schmückt euch, Blümchen auf den Wiesen
Euer Freund kommt bald hinaus,
All die lieblichsten zum Strauß
Für sein Mädchen zu erkiesen.
Drum, ihr Blümchen, schmückt euch aus!

Keiner stolzen Moderdame
Werdet ihr zum Spott verehrt,
Die von euch die Augen kehrt,
Weil schon euer schlichter Name
Ihr verzärtelt Ohr empört.

Naht der freundlichen Elise,
Naht euch, Blümchen, ohne Scheu!
Sie, von eitler Ziersucht frei,
Liebt den bunten Schmuck der Wiese
Mehr als Frankreichs Stickerei.

Ihr seid schwach, und euer Leben
Blühet oft nur Stundenlang;
Vor der Sense, vor dem Gang
Jedes Wallers müßt ihr beben,
Und euch tönt kein Trauerklang.

Ich bin rüstiger, und habe
Keinen Feind, der Mord mir droht;
Und mäht mich der Schnitter, Tod,
Weinet doch an meinem Grabe
Sich vielleicht ein Auge roth;

Dennoch wollt' ich mit euch tauschen,
Wollte dulden euer Leid,
Dürft ich meine Lebenszeit
An dem Wonneplatz verlauschen,
Den euch meine Huldin weiht.
(Band 1 S. 11-12)
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Vergessenheit

Das Bächlein der Vergessenheit
Ist Fabelwerk der Alten,
Wie denn in jener blinden Zeit
Viel solche Mährchen galten.

Wenn's nun auch wirklich für und für
Die Unterwelt durchschliche,
Was frommt sein Labsal, läßt es hier
Die Durstigen im Stiche?

Doch möchte gleich durch's Oberland
Der alte Flußgott hinken,
Ich würde nie aus seiner Hand
Ein Tröpfchen Wasser trinken.

Ein bess'res Mittel kenn' ich noch,
Um Sorgen, die uns pressen,
Und jeden Druck vom Erdenjoch
Ein Weilchen zu vergessen.

Ihr wünscht, daß ich mein Zauberstück
Euch lang und breit beschriebe? -
Zu dienen? - Flieht bei Mißgeschick,
Flieht in den Arm der Liebe!

Versucht es, und ihr fühlt mit Lust,
Wie bald der Gram verflieget,
Wenn sich an eine treue Brust
Das Haupt voll Sorgen schmieget. -

Dir aber, dessen kaltes Herz
Nie Liebesfunken trafen,
Dir rath' ich wohlgemeint, den Schmerz
Des Unglücks zu verschlafen.

Das Eselein braucht diese List,
Wenn's lastfrei und entzügelt
Im Stalle schläft, und so vergißt,
Wie gern sein Treiber prügelt.
(Band 1 S. 13-14)
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Die Liebesprobe

Zum Thiergefecht auf rings umschranktem Plane
Ergoß sich zahllos Stadt und Land;
Und als schon kühn, mit wild gefletschtem Zahne,
Der Tiger vor dem Löwen stand,
Entschwebte schnell ein Handschuh vom Altane
Aus eines schönen Fräuleins Hand.

Ihn trug der Wind tief in den Kreis der Schranken,
Und lachend sprach die Dame laut
Zu ihrem Freund, der mit der Liebe Ranken
Fest an ihr hing: "Herr Ritter, schaut
Den Handschuh dort! Liebt Ihr mich ohne Wanken,
So geht und bringt ihn Eurer Braut!"

Stumm ließ er sich aufs Feld des Todes schicken,
Hub zwischen Löw' und Tigerthier
Den Handschuh auf, reicht ihn mit ernstem Blicken,
Der Dam' und sprach kein Wort, als: "Hier!"
Dann kehrt' er stolz der Frevlerin den Rücken,
Und schied auf Lebenszeit von ihr.
(Band 1 S. 46)
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Die Ungenannte

Wie schön ist, die ich kenne,
Die ich mein Liebchen nenne!
Sie wuchs, wie Reben, schlank empor,
Ihr Aug' ist blau, wie Veilchenblätter,
Und einen Thron für Liebesgötter
Umhüllt des Busens Silberflor.

Wie gut ist, die ich kenne,
Die ich mein Liebchen nenne!
Mit Taubenhuld hält an mir fest
In Freud' und Leid das fromme Mädchen.
Sein treues Herz gleicht keinem Rädchen,
Das sich von Jedem wenden läßt.

Ihr fragt mich: Wen ich kenne?
Wen ich mein Liebchen nenne?
Verzeiht mir, das verrath' ich nicht!
Geheime Liebe fordert Schweigen,
Und Edelsinn ist dem nicht eigen,
Der laut und prahlend davon spricht.
(Band 1 S. 124)
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An Minna

Wie lange, Minna, soll mein Lied
Zu deinen Füßen trostlos girren?
Wann wirst du den, der für dich glüht,
Mit Schmeichelwörtchen zu dir kirren?

Soll nimmer, schlagend Brust an Brust,
Dein Schwanenarm mich heiß umranken,
Und ich für süße Liebeslust
Dir nie mit Flammenküssen danken?

O sprich, Geliebte, wann willst du
Ein Götterstündchen mir gewähren? -
Sprich! Und dann wach' und schlaf' in Ruh!
Bis dahin soll kein Laut dich stören.

In unbelauschter Einsamkeit
Mag nur der Sehnsucht Thräne quellen,
Und Seufzerhauch das Schiff der Zeit
Umwehn und seine Segel schwellen.
(Band 1 S. 130)
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An Hannchen
als eine von mir gereizte Biene sie auf den Mund gestochen hatte
1781

Holde, vielgeliebte Freude,
Wende jetzt dich weg von mir!
Wüßt' ich eine Klageweide,
Längst schon säß' ich unter ihr!
Ist denn, zu des Büßers Kleide,
Nicht ein Sack voll Asche hier?

Dich auch, jugendliche Leier,
Die sich Scherz zum Ziel erkor,
Dich umhülle heut ein Schleier
Von pechschwarzem Trauerflor,
Und nun trag' mein Abenteuer
Mit gedämpfter Stimme vor!

Die verruchtesten der Bienen
Machten neulich einen Bund,
Und ein Waghals unter ihnen
Stach schön Hannchen auf den Mund,
Hannchen mit den holdsten Mienen
Auf dem ganzen Erdenrund.

Und da kam ich armer Knabe
In den kränkenden Verdacht,
Als hätt' ich mit meinem Stabe
Diese Rotte wild gemacht.
Liebes, böses Kind, ich habe
Mich gegrämet Tag und Nacht.

Nein, ich bin - ich schwör's bei Deiner
Anmuth! - traun, ein hoher Schwur! -
Bin von dem Verbrechen reiner,
Als ein Wesen der Natur.
Ach, auf Erden ist wohl Keiner,
Dem solch Unrecht widerfuhr!

Willst Du, daß ich Dir's beweise?
Halt's nur nicht für ein Gedicht!
O, des Dichters Ohr hört leise,
Weiß, was Thier und Blume spricht.
Mir entging auf diese Weise
Auch der Bienen Anschlag nicht.

Müde von der Blumenreise,
Setzten sie sich ohne Scheu
Nah bei uns in einem Kreise,
Sahn Dich an, und sagten frei,
Daß allnirgend süßre Speise,
Als auf deinen Lippen sei.

O, wie wahr fand ich ihr Flüstern!
Wünsch' und Träum' erhoben sich,
Meine Sinne zu umdüstern -
Aber ach! was rührt das Dich? -
Kurz, ein Bienchen wurde lüstern,
Und beschloß den frechen Stich.

Jetzt erst schwang ich nach der Biene,
Dich zu schützen, meinen Stab,
Gleich dem treusten Paladine,
Den es in der Vorzeit gab.
Sprich, ob ich nicht Dank verdiene? -
Nächstens hol' ich mir ihn ab.
(Band 1 S. 132-134)
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Fanny an ihre Taube

Bist du krank, mein Täubchen? Willst kein Futter?
Du verschmähst sogar dein Leibgericht?
Ei, was kann dir fehlen? Denn die Mutter
Aller Pein, die Liebe, kennst du nicht.

Froh kannst du ihr auch entgegen flattern,
Wann sie einst nach dir die Arme streckt.
Eure Männchen sind vom Gift der Nattern,
List und Falschheit, noch nicht angesteckt.

Doch fängt uns die Lieb' in ihren Schlingen,
So verspricht sie Freud' und hält nur Schmerz.
Unsre Männer haben Tauberschwingen,
Aber nicht des Taubers treues Herz.

Weh der Armen, die den theuern Eiden
Eines solchen Flatterhaften traut!
Er verläßt sie, nach genoßnen Freuden,
Als des Kummers abgehärmte Braut.

Mädchen täuschen ist die leicht'ste Sache.
Ich weint' auch um einen falschen Mann!
Doch Erfahrung hält nun treue Wache,
Daß mich Keiner mehr bethören kann.

Drum, mein Täubchen, will ein Mann dich heute
Oder morgen brauchen zum Courier:
Nimm sein Briefchen nicht! Geschiedne Leute
Sind wir, wenn du's bringst: das merke dir!
(Band 1 S. 138)
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Minna

Hätt' ich Minna's süße Liebe,
Alles Süße hätt' ich dann!
Andre Wünsche, andre Triebe
Thät' ich ewig in den Bann.
Nimmer sollte mich entflammen
Durst nach Ehre, Rang und Gold;
Alles Glück hätt' ich beisammen,
Wäre mir dies Mädchen hold.

Hätt' ich Minna's süße Liebe,
Mich zufrieden machte das,
Und des Feldes Kohl und Rübe
Schmeckten mir wie Ananas.
Tafelnd auf des Hügels Moose,
Lacht' ich über Erdentand,
Säße sie auf meinem Schooße,
Und ich tränk' aus ihrer Hand.

Hätt' ich Minna's süße Liebe,
Wie ich dann mit ihr so gern
In der kleinsten Hütte bliebe,
Vom Tumult der Städte fern!
Prunk der Baukunst zu vermissen,
Wäre wunderlich und schwach;
Denn sie könnte ja mich küssen
Unter strohbedecktem Dach.

Hätt' ich Minna's süße Liebe,
Ging' ich schlecht und recht einher,
Und die Göttin Mode schriebe
Nicht für mich Gesetze mehr.
Welche Thorheit, wenn ich prahlte!
Ohne daß ein Diamant
Blendend mir am Finger strahlte,
Drückte sie mir doch die Hand.

Hätt' ich Minna's süße Liebe,
Und mein Auge sollte sehn,
Daß man eine Gruft ihr grübe,
Müßt' ich selbst vor Schmerz vergehn.
Mit empor gerung'nen Händen
Würd' ich auf zum Himmel schrein:
Herr, laß schnell mein Leben enden,
Und ihr Grab mein Grab auch sein!
(Band 1 S. 143-144)
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Amors Kriegswesen

Mit einem Pfeilchen schoß Cupid
In seinen jüngern Tagen,
Wie uns Anakreon, Ovid
Und andre Dichter sagen.
Jetzt führt das kindische Gewehr
Der stolze Liebesfürst nicht mehr,
Und weiß durch stärkre Waffen
Sich Ruhm und Sieg zu schaffen.

Sein Kriegsgeschütz und Pulverthurm
Sind schöner Mädchen Augen,
Die trefflich, wie er weiß, zum Sturm
Der Herzensfestung taugen.
Doch wird zur Uebergabe sie,
Eh' noch die volle Batterie
Unwiderstehlich lodert,
Durch Seufzer aufgefordert.

Ein solcher Herold kann recht schön
Vom Friedensglück erzählen,
Und listig den Belagerten
Die Festungsschlüssel stehlen.
Die Armen strecken das Gewehr;
Sie küssen Amors goldnen Speer,
Und träumen sich im Grünen,
Wenn sie dem Sieger dienen.

Er streckt sofort auf ihren Hut
Sein saubres Kriegeszeichen:
Gemalte Herzen, die, voll Glut,
Zwei Feueressen gleichen.
Das Handgeld ist ein Liebesgruß,
Und der Geliebten erster Kuß.
Dann schwimmen die Rekruten,
Wie Fisch', in Wonnefluten.

Man sieht, gehüllt in Rosenduft,
Sie fröhlich aufmarschieren;
Bald aber schnappen sie nach Luft,
Und möchten desertiren.
Der Lebensodem, Freiheit, ist
Nun weggescherzt und weggeküßt.
Kein Schrittchen wird gelitten,
Ohn' Urlaub zu erbitten.

Von Eifersucht scharf commandirt,
Muß Mancher Schildwacht stehen,
Und, wenn der fernste Laut sich rührt,
Ein helles: Wer da? krähen.
Wer: Gut Freund! ruft, den läßt er durch;
Doch plündern seine Liebesburg
Mehr, als die schlimmsten Feinde,
Oft herzensgute Freunde.

Und welche Löhnung streicht man ein
Für alle die Strapatzen?
Etwa der Treue Gold? - O nein!
Der Untreu Kupferbatzen.
Klagt Einer ob dem schnöden Gold,
So heißt es kalt: "Herr, wenn ihr wollt
Bei uns nicht länger bleiben,
Laßt euch den Laufpaß schreiben!"

Das ist fürwahr! ein feiner Lohn
Für Amors wackre Streiter!
Ei großen Dank, Herr Venussohn!
Ich suche Dienste weiter.
Wird aber Jenny's Herz erweicht,
Daß mir ihr Mund das Handgeld reicht,
Dann sollst du gleich mich hören
Zu deiner Fahne schwören!
(Band 1 S. 164-166)
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Die Liebeschronik

Luise dünkt mich Nummer Eins.
Ja, ja! Ich küßte früher keins
Von meinen Liebchen all'.
Mein Herz war für das lose Ding
Ein kurzes Spiel, und Laura fing
Den weggeworfnen Ball.

Stolz auf Gelahrtheit und Verstand,
Trat Laura bald mich jungen Fant
Dem schönen Käthchen ab.
Schön Käthchen war ein kaltes Bild,
Dem ich, von Ueberdruß erfüllt,
Bald selbst den Abschied gab.

Jetzt kam Blandinchen an die Reih'.
Ihr Flatterherz blieb mir nicht treu,
Sonst liebt' ich sie wohl noch.
Auswerfend hin und her ihr Netz,
Brach sie der Liebe Grundgesetz,
Und ich zerbrach ihr Joch.

Marie und Aennchen traten dann
Gleichzeitig die Regierung an,
Und herrschten im Verein.
Doch bald erhob sich mancher Strauß;
Ich trieb nun die Regenten aus,
Und setzte Julchen ein.

Die neue Herzenskönigin
Sprach stracks mit pfauenstolzem Sinn
Im höchsten Sultanston.
Sie herrschte mehr als jene Zwei.
Empört durch solche Tyrannei,
Jagt' ich sie auch vom Thron.

Drauf dient' ich Malchen kurze Zeit.
Sie achtete, voll Eitelkeit,
Den Spiegel mehr als mich.
Da dieser Liebling alles galt,
War ich so höflich, daß ich bald
Vor ihm die Segel strich.

Ich flog zu Lottchen, und kam hier,
O Jammer! in das Hauptquartier
Des Dämons Eifersucht.
Von ihm ward ich bei Tag und Nacht
Mit hundert Augen scharf bewacht,
Und nahm zuletzt die Flucht.

Als Minchens Gunst ich dann genoß,
Gab's um ihr altes Steckenroß,
Empfindelei, oft Zank.
Ich schlich mich still auf ewig fort,
Als sie, bei einer Wespe Mord,
Einst nett in Ohnmacht sank.

Mathilde, Claudchen, Ursula,
Emilie, Constantia
Und Röschen folgten dann.
Drauf Hedwig und Elisabeth,
Und zwanzig noch von A bis Z,
Die ich nicht nennen kann.

Auf Rosen und auf Dornen schlief
Ich wechselnd, wie mein Hausarchiv
Voll Liebesbriefchen zeigt.
Bald flöten sie mich zärtlich an,
Bald stürmen sie, gleich dem Orkan,
Der Eich' und Ceder beugt.

Uns bleibt - was man auch forscht und sinnt -
Des Weibes Herz ein Labyrinth
Voll tiefer Dunkelheit.
Es machte kaum ein Foliant
Blos die Verirrungen bekannt
Von meiner Wenigkeit.

Dies Werk hätt' ich an's Licht gestellt;
Doch mit der falschen Mädchenwelt
Versöhnt mich Agnes nun.
Ich will mich ganz der Holden weihn,
Und, müde jener Streiterei'n,
Im Arm der Treue ruh'n.
(Band 1 S. 231-233)
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Der Kußhandel
oder die vier weiblichen Alter

Ein Hirtenmädchen, schön zum Malen,
War etwas kaufmännisch gesinnt:
Mit zwanzig Schafen mußt' Amint
Den ersten Kuß ihr baar bezahlen.

Fünf Sommer älter war Narzisse,
Als er den Tausch schon besser traf;
Da blühten um ein einzig Schaf
Auf ihren Lippen zwanzig Küsse.

Bald lag ihr Handel ganz danieder,
Und aus freiwilligem Entschluß
Gab sie für einen kalten Kuß
Aminten seine Schafe wieder.

Die eigne Heerde, sammt dem Hunde,
Bot sie für einen Kuß zuletzt:
Allein der Schäfer dankte jetzt,
Und flog zu Daphnens Rosenmunde.
(Band 2 S. 38)
_____



Die Erscheinung

"Liebchen," sprach ein junger Ritter,
"Herzensliebchen, weine nicht!
Ach, das Scheiden ist mir bitter,
Doch mich rufen Ehr' und Pflicht!

Lebe wohl!" - Er stieg zu Pferde,
Flog ins ferne Kampfgefild,
Und das Fräulein sank zur Erde,
Wie ein unbelebtes Bild.

Als sie, wie vom Schlaf, erwachte,
Rief sie aus: "So ist er fort,
Der mir werth das Leben machte,
Und der Tod empfängt ihn dort!

Furchtbar thronet er auf Leichen,
Und verkauft für Blut den Sieg.
Welch ein Elend ohne Gleichen
Ist der schauderhafte Krieg!

Friedlich bei einander wohnen
Tiger in dem wüsten Hain;
Doch mit Schwertern und Kanonen
Stürmt der Mensch auf Menschen ein!"

Und sie ging nach dieser Klage
Wie ein stummer Geist umher.
Einzig ihr Gedank' am Tage,
Einzig in der Nacht war Er.

In die stillsten Klosterzellen
Sehnte sich ihr scheuer Schmerz,
Und der Furcht und Hoffnung Wellen
Rauschten wechselnd durch ihr Herz.

Einsmals ließ bei Nacht ihr Jammer
Seinen Thränen freien Lauf:
Horch! da schlich es durch die Kammer,
Zog des Bettes Vorhang auf.

Und als sie darob erschrocken,
Und vom feuchten Kissen sah,
Stand mit blutgefärbten Locken
Todtenbleich der Ritter da.

Eine rothe Herzenswunde
Zeigt' er ihr mit starrer Hand,
Aechzte tief aus blassem Munde,
Winkte dreimal und verschwand.

Sie erhob sich zitternd, streckte
Ihre Arme nach ihm aus,
Und ihr Wehgeschrei erweckte
Schnell das ganze Vaterhaus.

Und ein Bot', als hätt' er Flügel,
Ritt mit einem Brief daher.
Sie zerriß das schwarze Siegel,
Stürzte hin, und - war nicht mehr.
(Band 2 S. 75-76)
_____



Der Bergknappe

"Glück auf!" Die Bergleute fuhren
Hinab in den Eisenschacht,
Und ihre Lampen erhellten
Die unterirdische Nacht.

Dicht war mit Dornen umwachsen
Der Berges verschlossener Mund;
Seit fünfzig Jahren berührte
Kein Fuß den verödeten Schlund.

Denn weiland hielt, nach der Sage,
Ein Gnomengeschlecht darin Haus,
Und trieb mit steinigem Hagel
Die Grubenarbeiter hinaus.

Doch alle diese befuhren
Seitdem das friedliche Grab;
Jetzt stiegen die Söhne, die Enkel,
Zur Wiege des Eisens hinab.

Und als ein verfallener Stollen
Sich nun aus den Trümmern erhub,
Erschien ein verunglückter Jüngling,
Den dort das Schicksal begrub.

Er lag (den Findern ein Wunder)
Wie noch von Leben durchglüht:
Ihm waren die Rosen der Jugend
Nicht auf der Wange verblüht.

Von einer Bergwand gefangen,
In Eisenwasser versenkt,
Blieb ihm durch die Kraft des Metalles
Der Schimmer des Lebens geschenkt.

Die Knappen trugen den Leichnam
Ans Licht des Tages empor.
Und schnell durcheilte die Kunde
Der Bergstadt niedriges Thor.

Da zogen Jugend und Alter
Hinaus in gedrängten Reihn,
Und männiglich sah mit Erstaunen
Dort Leben und Tod im Verein.

Doch das Gewimmel des Volkes,
Das rings den Entseelten umstand,
Durchliefen vergebens die Fragen:
"Wer ist er? wer hat ihn gekannt?"

Und siehe, da kam aus dem Städtchen,
Gekrümmt von des Alters Last,
Noch eine Greisin am Stabe,
Mit kraftlos zitternder Hast.

Und als sie den Leichnam erblickte,
Erbebte sie wundersam,
Und stürzte dahin mit dem Rufe:
"O Gott! mein Bräutigam!"

Sie hub mit gewaltigem Streben
Sich unter der Ohnmacht Gewicht;
Sie beugte mit Augen der Liebe
Sich über des Todten Gesicht.

Sie küßte mit strömenden Zähren
Des Mundes eiskaltes Roth,
Und die so lange Getrennten
Vereinte plötzlich der Tod. -

Erschüttert standen die Zeugen;
Nur Seufzer durchhauchten die Luft.
Die Liebenden ruhen nun beide
In einer gemeinsamen Gruft.
(Band 2 S. 81-83)
_____



Der Mund und die Augen

Die Augen stritten mit dem Munde
Und sagten frei,
Daß er zu einem Liebesbunde
Nicht nöthig sei.

"Ha!" rief er staunend, "welch Erfrechen
Wie lächerlich!
Mein süßes Amt ist's ja, zu sprechen:
Ich liebe dich!

Und jeden Liebesbund besiegelt
Ein Honigkuß,
Den ich doch wohl, was ihr auch klügelt,
Verspenden muß."

"Freund," war die Antwort, "wie entglühet
Der Minne Bund?
Siehst du es, wie die Schönheit blühet?
Du blinder Mund!

Wir setzen schnell das Herz in Feuer,
Und ohn' ein Wort
Geht manches Liebesabenteuer
Oft Jahre fort.

Wir leuchten, wann auf zarten Blättern,
Die Goldsaum schmückt,
Man heimlich, weil die Alten wettern,
Sich Briefchen schickt.

Und können Blicke sich erreichen,
Da drückt kein Joch;
Es mögen Lauscher uns umschleichen,
Wir sprechen doch!" -

"Ach, eure Sprache!" rief mit Lachen
Der Mund darein.
"Mischt euch doch nicht in fremde Sachen!
Die Sprach' ist mein.

Wenn mich ein Nothfall in die Bande
Des Schweigens zwingt,
Kommt nimmer ein Gespräch zu Stande,
Das Freude bringt." -

Er war, den Satz mehr auszuführen,
Just recht im Lauf,
Da thaten sich des Saales Thüren
Urplötzlich auf.

Versammelt war zu einem Feste,
Mit Spiel und Tanz,
Ein volles Hundert edler Gäste
Im größten Glanz.

Genannt sei nur Emil und Klärchen
Aus dieser Schaar!
Ein junges, wunderschönes Pärchen,
Das gut sich war.

Vor Gegenfeindschaft aber brannten
Längst für und für
Die Väter, Mütter, Ohm' und Tanten
Von ihm und ihr.

Und all' die grämlichen Gemüther,
Sie saßen da,
Und waren scharf des Pärchens Hüter
Von fern und nah.

Emil war immer auf den Füßen,
Mit stillem Plan,
Schön Klärchen mündlich zu begrüßen,
Und kam nicht an.

Die Basen hatten sich, wie Drachen
Der Zauberwelt,
Die einen großen Schatz bewachen,
Um sie gestellt.

Und drang er schier zur Holdgesinnten
Durch's Drachennest,
So hielt ein Ohm ihn plötzlich hinten
Am Rocke fest.

Er kämpfte mit den bösen Leuten
Sechs Stunden lang,
Und konnte nicht das Glück erbeuten,
Wonach er rang.

Doch ging, trotz aller ihrer Tücke
Und Gegenwehr,
Indeß die Liebespost der Blicke
Rasch hin und her.

Süß war die Botschaft, die sie brachte:
"Treu bis zum Tod!"
Und das entzückte Paar verlachte
Das Sprachverbot. -

"Was sagst du?" riefen jetzt die Augen
Dem Munde zu.
"Wer mag wohl Liebenden mehr taugen,
Wir oder du?

Was half dein Streben, was dein Ringen?
Du schwiegst bezähmt!
Die Freiheit unsrer geist'gen Schwingen
War ungelähmt." -

"Ja, zehnmal! ja, ihr Haberechte!"
Rief wild der Mund,
"Doch drücktet ihr, als Obermächte,
Euch ohne Grund.

Ihr möget noch so hoch euch stellen
In eurem Sinn:
Ich bleib' in tausend Liebesfällen
Doch wer ich bin.

Fragt Liebende nur im Vertrauen!
Und, wer nicht lügt,
Gestehet euch, daß bloßes Schauen
Ihm nicht genügt.

Und dränget ihr durch Felsenwände,
Schafft das Genuß?
Die reinste Liebe lechzt am Ende
Nach einem Kuß."
(Band 3 S. 66-69)
_____


Aus: A. F. E. Langbein's sämmtliche Gedichte
(Band 1, 2 und 3)
Stuttgart Scheible, Rieger & Sattler 1843

 


Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/August_Friedrich_Ernst_Langbein



 

 


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