Heinrich Leuthold (1827-1879) - Liebesgedichte

Heinrich Leuthold



Heinrich Leuthold
(1827-1879)

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 




Sehnsucht

Was weckst du mich auf in der thauigen Nacht,
Du sehnsuchtflötende Nachtigall?
Nun ist mit deinem melodischen Schall
Auch ein Widerhall
Vergangenen Glücks erwacht.

Wie heute schlugst du im Lindenbaum ...
Ich herzte und küßte mein rosiges Kind;
Die Saiten der Liebe erbebten gelind
Wie Harfen im Wind ...
O seliger Maientraum!

Und als ich gekommen nach manchem Jahr,
Da schwammen in Thränen die Aeugelein blau,
Der Lenz in dem Herzen, der Lenz auf der Au
War hin, weil ein Thau
Auf beide gefallen war.

Was lockst du mich wieder mit dunkler Gewalt,
Mit Lügen von Lenz und von Liebeslust?
Da längst doch verdorrt in der eigenen Brust
Der schwellende Blust
Und die jubelnden Lieder verhallt.

O Nachtigall, flötend im Lindenbaum!
Der Frühling vergeht und die trügende Gunst
Der Götter ... Was soll uns die fröhliche Kunst?
Die Liebe ist Dunst
Und das flüchtige Leben ein Traum.
(S. 4)
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Lenzlied
(Mignon)

Buntbeblümte Wiesen dehnen
Fernhin sich, die Luft weht lind;
Auf besonnten Wolkenkähnen
Kam der Lenz in's Land geschwind ...
Buntbeblümte Wiesen dehnen
Fernhin sich, die Luft weht lind.

Laß mein Haupt an deines lehnen,
Rühr' die Harfe, holdes Kind!
Lieblich wie Gesang von Schwänen
Klagt ihr Ton im Abendwind ...
Laß mein Haupt an deines lehnen,
Rühr' die Harfe, holdes Kind!

Zages Hoffen, süßes Wähnen
Schwellt die Seele mir gelind,
Banges, langverhaltnes Sehnen
Löst sich; Quellen rieseln lind ...
Doch ich weiß nicht, ob es Thränen,
Oder ob es Lieder sind.
(S. 5)
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An Thais

Liebliches Mädchen, das gleich der Libelle
Immer von Stengel zu Stengel sich wiegt,
Das, wie vom Busen der Welle die Welle,
Treulos sich trennt und an and're sich schmiegt.

Liebliches Mädchen, das jenen mit Blicken,
Diesen mit Seufzern, von ihm nur gehört,
Jenen mit Lächeln und diesen mit Nicken,
Oder dem Drucke des Händchens bethört:

Wie im Triumphe an Ketten von Rosen
Ziehst du dir nach den vergötternden Schwarm,
Fesselst mit Küssen und lockest mit Kosen
Diesen am Herzen und jenen im Arm!

Spielend mit Banden, im Taumel gebunden,
Sorglos gelöst und mit Leichtsinn geknüpft,
Mögest du nimmer erleben die Stunden,
Da dir das Scepter der Schönheit entschlüpft!

Möge die Parze dir nah'n mit der Scheere,
Eh' du, entnüchtert in schmerzlichem Tausch,
Büßest mit endlosen Qualen der Leere
Dieser Minuten vergänglichen Rausch!
(S. 15)
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Die Wurzel des Uebels

Mein Kind, das ist der Grund des Uebels:
Ich kann bei dir nicht stündlich sein;
Sonst kämst du nicht auf den Gedanken,
Das Küssen könnte sündlich sein.

Das Gegentheil will ich beweisen;
Doch, soll die Wirkung gründlich sein,
So muß vor Allem das Verfahren
Sowohl geheim als mündlich sein.
(S. 16)
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Der Waldsee

Wie bist du schön, du tiefer blauer See!
Es zagt der laue West, dich anzuhauchen,
Und nur der Wasserlilie reiner Schnee
Wagt schüchtern aus der stillen Fluth zu tauchen.

Hier wirft kein Fischer seine Angelschnur,
Kein Nachen wird auf deinem Spiegel gleiten;
Wie Chorgesang der feiernden Natur
Rauscht nur der Wald durch diese Einsamkeiten.

Waldrosen streu'n dir ihren Weihrauch aus
Und würz'ge Tannen, die dich rings umragen,
Und die wie Säulen eines Tempelbaus
Das wolkenlose Blau des Himmels tragen.

Einst kannt' ich eine Seele, ernst, voll Ruh',
Die sich der Welt verschloß mit sieben Siegeln;
Die, rein und tief, geschaffen schien wie du,
Nur um den Himmel in sich abzuspiegeln.
(S. 21)
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Eglantine

Wie der Sturmwind, der über die Haide pfeift
Ohne Rast, ohne Ruh', ohne sichere Statt,
So mein heißer Sinn über die Erde schweift,
So mein Herz, das keinen Freund, keine Heimat hat. -
Die sanfte blaue Blume im wogenden Korn,
Die zahme Blume ist nicht für mich -
Eine wilde Rose lieb' ich
Mit scharfem Dorn.

Ich grüß' dich, du trotzig, schwarzäugig Kind!
Du liebst die Liebe, ich liebe den Schmerz;
Mein Sinn ist wie der brausende Wind,
Eine wilde Rose sei dein Herz. -
D'rin lod're die Liebe, d'rin laure der Zorn;
Einen Kuß, einen Kuß mir gib!
Eine wilde Rose sei unsere Lieb'
Mit scharfem Dorn!

Mein Sinn ist wie der brausende Wind;
Was soll dein Zürnen, was soll dein Harm?
Wo ist dein Trotz? laß los, mein Kind,
Laß los den weißen, den schwellenden Arm!
Frische Morgenluft meine glühende Stirne küßt;
Dem schäumenden Renner den hetzenden Sporn!
Eine wilde Rose mein Leben ist
Mit scharfem Dorn.
(S. 39)
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Lebewohl

Noch einmal laß, du holde Fei,
In meinem Arm dich wiegen!
Das war ein wundersamer Mai,
So süß und so verschwiegen.

Ich kann es nicht; doch könnt' ich's auch,
Ich möchte dich nicht halten,
Da sich im ersten Frühlingshauch
Die Schwingen dir entfalten.

Du weißt es wohl, die tiefste Kluft
Liegt zwischen unsern Pfaden;
Es ist dein Loos, in Glanz und Duft
Des Glückes dich zu baden.

Leb' wohl, leb' wohl! Das Band zerriß,
Gewoben aus eitel Wonne ...
Mein Leben liegt in Finsterniß,
Du bist ein Kind der Sonne.
(S. 40)
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Hin!

Als der Sommersonne Gluthen
Noch auf den Gefilden ruhten,
Fühlt' von Poesie und Liebe
Ich den Busen überfluthen.

Um die Mauer gelb und traurig
Seh' ich nun die Rebe ranken;
Herbstwind weht durch mein Gemüthe
Und verwelkt sind die Gedanken.

Gib mir jenes Meer von Wonne,
Gib auf's neue meine Lieder,
Süße Maid, o gib mir eine
Jener Sommernächte wieder!
(S. 44)
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Klage

Seit ich ein Mal dich umfangen,
Bin ich nur noch mehr verwaist;
Ach! vergebens
In des Lebens
Wirbel stürz' ich, denn gefangen
Hält dein Zauber meinen Geist.

Oft in ungestümem Sehnen
Heben meine Schwingen sich;
Doch mit leisen
Schlägen kreisen
Wie ein Zug von wilden Schwänen
Die Gedanken nur um dich!

Ob mich auch die Welt entsagen,
Die Vernunft entsagen heißt,
Eine Brücke
Meinem Glücke
Pflegen Träume Nachts zu schlagen,
Bis der Tag den Wahn zerreißt.
(S. 45)
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Abschied

Die Blume bricht des Nordwinds Hauch,
Der Schmerz an meinem Herzen frißt;
Ob glänzender dein Elend auch
Ich weiß, daß du doch elend bist.

Mein Herz, das heiß für dich gepocht,
Birgt einen Schatz von reinem Gold;
Du hätt'st zu heben ihn vermocht,
Du aber hast es nicht gewollt.

Wir könnten beide glücklich sein;
Du weißt es wohl und willst es nicht.
O mög' es nimmer dich gereu'n!
Leb' wohl! dies sei dein letzt' Gedicht!
(S. 46)
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Bei Ragatz

Dort, wo der Rheinstrom breit und träg
hinfluthet durch's Markgrafenland,

Dort knüpften wir ein inniges,
ein engumschlingend-festes Band.

Hier, wo er voll von Jugendmuth
dahin sich stürzt in raschem Lauf,

Hier wurde uns're Liebe kalt,
hier hörte sie zu lieben auf.

In's Leben wonnetrunk'ner Lust
stürzt' ich hinein mich rasch und wild;

Da war ich stolz, da war ich kühn,
war ganz des jungen Rheines Bild.

Doch seit - wie dieser Strom sich gießt
in's blaue, ruhig-große Meer -

Ich mich so ganz verlor in ihr,
find' ich mein eigen Selbst nicht mehr.
(S. 47)
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Ersatz

Zwar ich lernte früh ertragen,
Was mir Bitt'res widerfuhr;
Denn ein schmerzliches Entsagen
Ist dies kurze Dasein nur.

Alle Sehnsucht ruft vergebens
Wie ein Ach, im Wind verhaucht,
Einem Glück, das in des Lebens
Dunkeln Strom hinabgetaucht.

Aber trifft von deinem Munde
Nur ein flüchtig Wort mein Ohr,
Dann ersetzt mir die Sekunde,
Was in Jahren ich verlor.
(S. 48)
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Bitte

Ich bin so müd', als gieng's mit mir zur Neige;
Der Herbsthauch deiner Seele hat entblättert
Die einst so üppig frühlingsgrünen Zweige,
Durch die die Lerche Poesie geschmettert.

O du bist hart! was konnte dich bewegen,
Die junge Welt in meiner Brust zu morden?
Einst war dein Wort ein milder Gottessegen,
Wir waren reich; - wie arm sind wir geworden!

Ein einzig Wort von dir war zaubermächtig:
Die Lieder, die in meiner Seele ruhten,
Der Dichtung Lichtstrom, hell und farbenprächtig,
Begann so reich, so voll hervorzufluthen.

O sprich es noch einmal! du kannst nur wollen,
So wird mein Herz sich willig dir erschließen,
Und sieh', aus meiner Seele Tiefen rollen
Die schönsten Perlen wieder dir zu Füßen!
(S. 49)
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Warum?

Holde, braune Augensterne
Mit dem Zauber unergründet,
O, ich früg' euch gar zu gerne,
Was ihr Mund mir nie verkündet!

Wenn ihr blicket in die meinen
Wie die Augen sanfter Tauben,
Sagt, wie könnt ihr ruhig scheinen
Und doch mir die Ruhe rauben?
(S. 52)
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An die Eine

Ich habe Land und Leute,
Ein Königreich ist mein;
Ich liebe dich, du Holde!
Willst du nicht Königin sein?

Meine Phantasie und Dichtung
Das ist mein Königthum,
Und dieses Reich erstreckt sich
Um die ganze Welt herum.

Ich hab' einen großen Hofstaat
Und Mädchen, dich zu bedienen;
Es harren deiner Befehle
Stanzen, Sonette, Terzinen;

Sind liebliche Gestalten,
Gar zierlich anzuschau'n;
Meine schlanken, schmucken Ghaselen,
Das sind deine Kammerfrau'n.

Ich gebe dir Land und Leute,
Mein Königreich sei dein;
Ich liebe dich, du Holde!
Willst du nicht Königin sein?
(S. 56)
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Aus: Lieder von der Riviera

III.
Carpe diem!
Der Rose gleich, die noch im Sammt
Der Knospe gestern lag verschlossen
Und heut' schon hoch emporgeflammt,
Ist uns die Liebe aufgeschossen.

Heut' blüht sie noch; drum nimm und gib!
Schon morgen kann ihr Duft entschweben;
Dann wird dein Herzblut selbst, mein Lieb,
Die welkende nicht mehr beleben!
(S. 76)


IV.
Mittagsruhe
Mit schattigem Kastanienwalde
Senkt sich vom Apennin die Schlucht;
Oliven schmücken reich die Halde,
Limonen reifen an der Bucht;
Ein dunkles Kloster ragt zur Seite
Des Wegs, verhüllt mit Blüthenschnee -
Vor uns in ungemess'ner Weite,
Ein glatter Spiegel, ruht die See.

Es stört die Welt mit keiner Kunde
Dies reizende Begrabensein;
Wir zählen weder Tag noch Stunde
Und wie im Traum nur fällt mir ein,
Daß über'm Berg dort mit den Pinien
Die Heimat liegt, an der ich hieng,
Eh' ich im Frieden dieser Vignen
In deinem Arm verloren gieng.
(S. 77)


V.
Katechetisches
"O du glaubst wohl nicht an Heilige!
Denn auf deiner Stirn, der bleichen,
Zuckt ein Zug hier, wie ein dunkel,
Gottesläugnend Fragezeichen.

Glaubst wohl auch nicht, daß der Ablaß
Menschen rein von Sünden wasche,
Zweifelst gar wohl am Catino
Und des Täufers heil'ger Asche?"

""Laß, mein süßes Kind, die Heiligen
Und des Glaubens Hieroglyphe,
Laß mir die von deutschen Dichtern
Längst behandelten Motive!

Den Catino und des Täufers
Asche - laß mir all' den Plunder!
Doch ich bitte dich, erkläre
Lieber mir ein größer Wunder:

Wie ich, arm, verkannt und traurig
Als ein Bettler kam aus Norden,
Und nun plötzlich reich und glücklich
Wie ein König bin geworden;

Wie ich, der an tausend Wunden
Litt, nun plötzlich neugeboren
Wieder mich durch dich gefunden,
Als ich selbst mich gab verloren.""
(S. 77-78)


VII.
Am Strand
Der Hauch, der die schäumende
Meerfluth erregt,
O wie er das träumende
Herz mir bewegt!
Es wälzen sich Hügel
Von Wogen daher;
O wüchsen mir Flügel,
Ich flög' über Meer!

Einst hört' ich durch tosendes
Branden der Fluth
Zuerst dein liebkosendes:
"Bist du mir gut?"
Und denk' ich der Zeiten,
So fühl' ich gerührt
Die klagendsten Saiten
Der Seele berührt.

Schon glüh'n, über'm dunkelnden
Ufer entfacht,
Hoch oben die funkelnden
Leuchten der Nacht;
Dort strahlt im Gewimmel
Der glänzendste Stern ...
Doch du und der Himmel
Wie seid ihr so fern!
(S. 79)


VIII.
Ave Maria
Mit ihren Wonneschauern naht sie sacht,
Auf leichten Sohlen wandelt sie einher,
Die sanfte Zauberkönigin, die Nacht,
Und ihres Sternenmantels stille Pracht
Ausspannt sie langsam über's Mittelmeer. -
Vom Kirchlein, einsam auf dem Fels am Strand,
Weht leises Läuten über Meer und Land;
Sonst Alles still; - nur durch das Schilf spielt lind
Der Abendwind.
Ave Maria!

Ich aber steure läßig meinen Kahn;
Des Weltengeistes Odem lausch' ich stumm,
Und meine Seele taucht, ein weißer Schwan,
Sich in der Sehnsucht stillen Ozean;
Die Liebe sei mein Evangelium ...
Im Norden fern im engen Kämmerlein
Weint jetzt ein blondes Kind und denket mein. -
Die jedes Glück, die mir den Frieden lieh
Und Poesie,
O sei gegrüßt, Marie!
(S. 80)


IX.
Serenade
Schweigen rings; im Garten der Villa plaudert
Nur der Springquell; zwischen verschlaf'nen Büschen
Lauschen Marmorgötter, und auf dem Meere
Zittert das Mondlicht.

Reiz und Anmuth theilen allein dein heimlich
Lager jetzt und über den blendend weißen
Nacken stromfallähnlich ergießt dein dunkel
Fluthendes Haar sich.

Schlaf umfängt dein zauberverbreitend Antlitz.
Deiner Glieder griechisch geformten Bau nun,
Und in's Herz dir träufelt der holde Traumgott
Sanftes Vergessen.
(S. 80-81)


X.
Sei getrost!
Späte Reue schreckt dich vielleicht vom Pfühl auf,
Mein gedenkend bebt dir das Herz und über
Deiner strengen, edelgewölbten Stirne
Lagert ein Schatten.

Sei getrost! kein kosend vertraulich Wort soll
Je verrathen, was in verschwieg'nen Nächten
Deine stolzen Lippen mir unter süßem
Sträuben gestammelt.

Nur ein Wink und rasch nach entleg'nen Ländern
Trägt das Meer mich; Perlen und Räthsel birgt es
Tief im Schooß; doch tiefer im Herzen hüt' ich
Unser Geheimniß.
(S. 81)


XI.
Des Meeres und der Liebe Wellen
Die Frühlingsstürme pflügen
Und furchen durch's Meer sich Pfad;
In großen Athemzügen
Brandet die Fluth an's Gestad'.

Die Planken sind ausgehoben,
Die Pfähle sind weggerafft;
Wie schön ist das Meer im Toben
Entfesselte Leidenschaft!

So pocht an meinem Herzen
Dein Busen wellenbewegt ...
Es muß ein starkes Herz sein,
Das so viel Glück erträgt.
(S. 82)


XIII.
Ligurisches Volkslied
Mein Liebster keck ist ein Matros';
Er kämpft mit Wind und Wasserhos'
Und knüpft, was uns're Herzen band,
Gleich seinem Schiffstau los.

Ich zöge gern mit Herz und Haus
Das flüchtige Schiff zurück zum Strand;
Doch meine Sehnsucht treibt es nur;
Es flieht schon weit vom Land.

Mein Liebster spannt das Segel quer;
Wie rauscht sein Kiel durch's wilde Meer!
Ich weiß nicht, bringt ihn wiederum
Ein Guter Wind mir her.

Was baut' ich auch, ein thöricht Kind,
Auf Häuser, die entführt der Wind!
Nun wein' ich mir die Wangen blaß
Und meine Augen blind.

Mein Liebster steuert mittagwärts,
Die Fluth empfindet nicht den Schmerz;
Er führt so kräft'gen Ruderschlag
Und jeder trifft mein Herz.

Schlag' er das Meer nur immerhin,
Das treulos ist und falsch von Sinn!
Doch warum schlägt er auch dies Herz,
Das nichts geliebt, als ihn!
(S. 83-84)


XIV.
Erinnerung
Es flüstert in den Cypressen
Am verfallenen Gartenthor;
Wie kann, wer einst dich besessen,
Vergessen,
Was er an dir verlor!

Es weht um die Lauben, die düstern,
Wie verhaltene Sehnsucht nach dir ...
Ich höre ein Grüßen und Flüstern,
So lüstern,
Als wohntest du noch hier.
(S. 84)
_____


Aus Genua

II.
Denkst du des Abends noch, des zauberischen,
Der uns so süß vergieng und ach! so flüchtig
In jener Kirche, wo uns eifersüchtig
Die Heiligen ansah'n aus ihren Nischen?

Und als du später wiederkehrtest zwischen
Den lästigen Verwandten, ernst und züchtig,
Wie eilt' ich, mich, dein rauschend Kleid nur flüchtig
Zu streifen, mit den Betenden zu mischen!

Doch, o des Glücks! da, täuschend die Begleiter,
Du mir die süßen Zeilen zugeschoben
Und Andacht heuchelnd langsam schrittest weiter.

Die Töne stiegen von dem Chore droben
Herab, wie Engel auf der Himmelsleiter; -
Doch meine Seele flog entzückt nach Oben.
(S. 143-144)
_____


Dämmerung

Wie lieb' ich jene Zeit, wenn schwach und schwächer
Der Tag verhallt mit seinen lauten Stimmen,
Und wenn im Grau der Dämmerung verschwimmen
Bastei und Aquaedukt und flache Dächer! -

Denn, wenn die Nacht ausspannt den dunkeln Fächer,
Darin der Sterne Diamanten glimmen,
Wenn Nachtigallen zum Gesange stimmen,
Dann, scheuen Schritts, verläßt du die Gemächer.

Ich aber harre dein, wo unter düstern
Weinranken, die die laue Nachluft würzen,
Mich Marmorsphynxen anseh'n weiß und lüstern,

Bis du dich nah'st, in meinen Arm zu stürzen,
Und fester nur mit deinem süßen Flüstern
Des eig'nen Lebens Räthsel mir zu schürzen.
(S. 145)
_____


An -.

Einst hab' ich fest an meine Kraft geglaubt.
Wie hat der Ehrgeiz diese Brust durchwühlt!
Die Schläfe hab' ich pochen oft gefühlt,
Als wäre sie von einem Kranz umlaubt.

Der grüne Baum der Hoffnung ist entlaubt.
Die Liebe ist's, die jetzt die Ruh' mir stiehlt,
Wenn deine weiße Hand die Stirn mir kühlt
Und in dem Schooß dir liegt mein krankes Haupt.

Wohl fahr' ich wie im Traume oft empor:
"Verträumt die Jugendzeit, die hinter mir -
Wie weit das Ziel, das ich mir einst erkor!"

Doch schau' ich in dein lieblich Auge dir,
Dann miss' ich gern die Welt, die ich verlor; -
Ich habe dich, den Himmel ja dafür!
(S. 151)
_____


Ein Wort

Ein ganzer Himmel war mir einst beschieden,
Als deinen schönen Leib mein Arm umfangen;
Der Frühling blühte und die Lerchen sangen,
Und in dies heiße Herz ergoß sich Frieden.

Ein einzig Wort, - o hättest du's vermieden! -
Du sprachst es aus und alle Bande sprangen,
Die liebend uns're Seelen einst umschlangen,
Und ach! - auf ewig sind wir nun geschieden.

Zwar wird auf mich, den fürder Nimmerfrohen,
Noch manche Qual der heißen Sehnsucht lauern,
Bis dein geliebtes Bild mir ganz entflohen.

Einsam, verwaist wird meine Seele trauern,
Vergleichbar jenen Blumen, die beim rohen
Berühren in sich selbst zusammenschauern.
(S. 153)
_____


An -.

Wie in den Abgrund sieht ein Kind mit Zagen,
So sieh' dies Herz, zerrissen und voll Wunden,
Ein Herz, das einst das höchste Glück empfunden;
Komm', sieh'! und lern' dein eigen Leid ertragen.

Sieh' diesen Geist, der einst in schönern Tagen
So hoch gestrebt, so stolz und ungebunden,
Im Staube nun, vom Schicksal überwunden,
Wie eine Eiche, die der Blitz erschlagen. -

Und wirst du einst in spätern Zeiten dich,
Ausruhend an des Glückes klaren Quellen,
Entsinnen meiner, der dir längst verblich:

Dann, wie um Leichensteine Immortellen,
Dann werden zur Erinnerung an mich
Sich Thränen deines Mitleids wohl gesellen. -
(S. 154)
_____


Gereimte sapphische Oden

I.
Wenn du nahst, leichtfüßiger als die Horen,
Träumerisch im eigenen Reiz verloren:
Alle Blicke, die dir am Munde hangen,
Nimmst du gefangen.

Wenn du sprichst, verbreitet sich Wohlgefallen,
Wenn du singst, verstummen die Nachtigallen,
Wo du weilst, entsprießen dem kargsten Boden
Sapphische Oden.


II.
Holdes Kind, in deine gelösten Locken
Fällt der Nachtthau, fallen die Blüthenflocken!
Nachtigallen schlagen, die alte Linde
Flüstert im Winde.

Drinn Musik und seid'ner Gewänder Rauschen,
Während Nachtigallen uns hier belauschen.
Sie verstummen; wir in verliebtem Zaudern
Küssen und plaudern.
(S. 189)
_____


Aus: Gedichte von Heinrich Leuthold
Dritte vermehrte Auflage
Frauenfeld Verlag von J. Huber 1884

 

Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Leuthold

 


 


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