Liebespaare in der Literatur
 


Andreas Nesselthaler (1748-1821)
Pyramus und Thisbe
 

 


Pyramus und Thisbe
 



Inhaltsverzeichnis:

Aus: Ovid Metamorphosen 4. Buch
Geoffrey Chaucer (um 1343-1400) - Die Legende von guten Weibern
Hedwig Hülle (1794-1861) - Pyramus und Thisbe
Friedrich Anton Franz Bertrand (1757-1830) - Pyramus und Thisbe






Aus: Ovid Metamorphosen 4. Buch

Und so hebet sie an, aus der Woll' ausziehend den Faden:
»Thi'sbe und Py'ramus einst, der Jünglinge schönster der eine,
Hoch die andre berühmt vor allen den Mädchen im Osten,
Wohnten als Nachbarn dort, wo die prächtige Stadt nach der Sage
Hatte Semiramis rings mit Backsteinmauern umgeben.«
Umgang brachte zuweg' und vertrautes Gewöhnen die Nähe;
Liebe erwuchs mit der Zeit, und sie wären vereint von den Fackeln,
Ohne der Väter Verbot. Was die nicht konnten verbieten:
Beider Gemüt war gleich entzündet von heißem Verlangen.
Jeglicher Zeuge ist fern. Sie reden mit Winken und Zeichen,
Und je enger beschränkt, je mächtiger wallet die Flamme.
Von kaum merklichem Riß, den schon beim Bau sie  bekommen,
War durchspalten die Wand, die gemein jedwedem der Häuser.
Dieses Gebrechen, erkannt noch nie seit Reihen von Jahren,
Ward - was merkt nicht Liebe? - zuerst euch Liebenden sichtbar,
Dann als Weg für die Stimme gewählt, und in leisem Geflüster
Pflegten verstohlen hindurch zu gehn liebkosende Worte.
Oft, wenn sie standen davor, hier Thisbe, Pyramus drüben,
Und jedwedes den Hauch auffing von des anderen Munde,
Sprachen sie: »Neidische Wand, was bist du der Liebenden Hemmnis?
Wieviel hätt' es bedurft, daß ganz du uns ließest vereint sein
Oder, wenn dieses zuviel, uns Raum doch gäbest zum Küssen!
Doch nicht weigern wir Dank. Dir sind wir mit Freuden erkenntlich,
Daß zu befreundetem Ohr Durchgang du gewährest den Worten.«
Wenn von einander getrennt sie solches vergeblich geredet,
Sagten sie gegen die Nacht Lebwohl und gaben ein jedes
Küsse der scheidenden Wand, die nicht hinüber gelangten.
Früh nun hatte verscheucht die nächtlichen Leuchten Aurora,
Und das betauete Gras mit Strahlen die Sonne getrocknet,
Als der gewöhnliche Ort sie vereint. Mit leisem Geflüster
Klagen sie lang und beschließen sodann die Hüter zu täuschen
Mitten in schweigender Nacht und sacht aus der Thüre zu schleichen,
Wenn sie entkommen dem Haus, die Gebäude der Stadt zu verlassen,
Dann, daß draußen sie nicht fehlgingen im weiten Gefilde,
Beide zu kommen zum Grabe des Ninus und sich zu verbergen
Unter dem schattigen Baum. Dort ragte beladen mit weißen
Früchten ein Maulbeerbaum ganz nahe bei kühlendem Borne.
So ist bestimmt, und das Licht, das langsam schien zu entweichen,
Sinkt in die Wogen hinab, und die Nacht steigt auf aus den Wogen.
Sacht dreht Thisbe die Thür in der Angel und schlüpft in dem Dunkel
Leise hinaus, von keinem bemerkt, und verhüllet das Antlitz
Langt bei dem Hügel sie an und setzt an dem Baume sich nieder.
Liebe machte sie stark und beherzt. Da nahet ein Löwe
Frisch von dem Morde der Rinder befleckt den schäumenden Rachen,
Daß er sich lösche den Durst im nahen Gewässer der Quelle.
Diesen gewahrte von fern im Mondschein Babylons Tochter
Thisbe und floh mit ängstlichem Fuß zur finsteren Höhle;
Aber sie ließ auf der Flucht das Gewand entfallen dem Rücken.
Als mit reichlichem Tranke der grimmige Leu sich gesättigt,
Sieht er, während zum Wald er zurückkehrt, ohne die Jungfrau
Liegen das dünne Gewand und zerfetzt es mit blutigem Maule.
Später entschritten dem Haus nimmt wahr in dem lockeren Sand
Sichere Spuren des Tiers und erblaßt im ganzen Gesichte
Pyramus. Wie er das Kleid auch findet vom Blute gerötet,
Spricht er: »Dieselbige Nacht wird Tod zwei Liebenden bringen;
Ach, und die würdigste war doch sie vieljährigen Lebens!
Ich nur trage die Schuld; ich habe dich, Ärmste, gemordet,
Der ich kommen dich hieß bei Nacht an grausige Stätte,
Und als der Spätere kam. Reißt unseren Körper in Stücke,
Und mit dem grimmen Gebiß zehrt auf die verruchten Geweide,
All ihr Löwen zumal, die ihr haust hier unter dem Felsen!
Aber den Tod zu wünschen ist feig.« Und die Hülle der Thisbe
Hebt er vom Boden und nimmt sie mit in den Schatten des Baumes.
Wie dem bekannten Gewand er Thränen gegeben und Küsse,
Spricht er: »Empfange denn nun auch unseres Blutes Beströmung«;
Und er versenkt in die Weichen den Stahl, mit dem er  gegürtet;
Rasch dann zieht er ihn sterbend heraus aus der blutenden Wunde.
Hochauf spritzte das Blut, wie er rücklings lag auf dem Boden,
Ähnlicher Art, wie wenn die beschädigte bleierne Röhre
Aufplatzt und mit Gewalt weithin feinstrahliges Wasser
Schleudert aus zischendem Loch und die Luft wegdrängt mit dem Schusse.
Von dem bespritzenden Blut gehn über die Früchte des Baumes
Plötzlich in schwarze Gestalt, und die Wurzel vom Blute befeuchtet
Tränkt sie mit punischem Saft und färbt die hangenden Beeren.
Sieh, da kehrt noch bang, um nicht den Geliebten zu täuschen,
Thisbe zurück und sucht mit Augen und Herzen den Jüngling.
Ihm, wie großer Gefahr sie entging, zu erzählen verlangend.
Während den Ort sie erkennt und am Baum die gesehene Bildung,
Macht sie die Farbe der Frucht doch irr: ob dieser es wäre,
Stutzte sie. Zweifelnd im Sinn sah zuckende Glieder sie plötzlich
Schlagen den blutigen Grund, und sie wich mit dem Schritt, und im Antlitz
Wurde sie bleicher als Bux und schauderte ähnlich dem Meere,
Welches erbebt, wenn leicht hinstreift an dem Spiegel ein Lufthauch.
Aber, sobald sie erkannt nach kurzem Verzug den Geliebten,
Schlägt sie mit hallendem Streiche die schuldlos leidenden Arme,
Rauft sich das Haar und umschlingt den teueren Leib, und die Wunde
Füllt mit Thränen sie an und mischt mit dem Blute der Zähren
Heißen Erguß und bedeckt mit Küssen das eisige Antlitz.
»Pyramus - jammert sie laut - was raubte dich mir für ein Schicksal?
Pyramus, rede zu mir! Sieh, deine geliebteste Thisbe
Nennet dich. Höre mich doch und erhebe das liegende Antlitz!«
Als sie Thisbe gesagt, schlug wieder die brechenden Augen
Pyramus auf und schloß, wie er Thisbe geschaut, sie für immer.
 Jetzo gewahrt sie ihr eignes Gewand und die elfene Scheide
Ohne das Schwert. »Dein Arm, Unglücklicher - ruft sie - und Liebe
Haben den Tod dir gebracht. Auch mir ist der Arm zu dem Einen
Stark: auch mir wird Kraft zu Wunden verleihen die Liebe.
Ja, dir folg' ich im Tod; dann heiß' ich deines Verderbens
Grund und Begleiterin auch, und den allein mir entreißen
Konnte der bittere Tod, soll Tod auch nicht mir entreißen.
Um dies einzige nur seid noch von uns beiden gebeten,
O von mir und von ihm ihr viel unglücklichen Väter:
Uns, die entschlossene Lieb' in der Stunde des Todes vereinte,
Uns mißgönnet es nicht, beisammen zu ruhen im Grabe.
Doch du Baum, der du jetzo die klagliche Leiche des einen
Deckst mit deinem Gezweig, bald deckst von zweien die Leichen:
Wahre die Zeichen der That und behalte für immer der Trauer
Ziemende dunkele Frucht als Mal zwiefältigen Mordes.«
Sprach's, und unter die Brust sich stemmend die Spitze des Schwertes,
Stürzte sie sich in den Stahl, der noch von dem Morde gewärmt war.
Aber es rührt' ihr Wunsch die Götter und rührte die Eltern.
»Denn, wenn ganz sie gereift, ist schwarz an den Beeren die Farbe,
Und was die Flammen verschont, das ruht in gemeinsamer Urne.«
Damit war sie am Schluß.
(S. 109-113)

Aus: Ovids Metamorphosen Band 1
übersetzt und erläutert von Reinhart Suchier
Stuttgart Krais & Hoffmann 1862
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Geoffrey Chaucer (um 1343-1400)

Die Legende von guten Weibern

Incipit Legenda Tesbe Babilon, Martiris

In Babylon, der Stadt, die einst umgeben
Die Königin Semiramis mit Gräben
Und Mauern ließ, errichtet hoch und hehr
Aus hartgebrannten Ziegeln ringsumher,
In dieser edlen Stadt war's, wo ein Paar
Vornehmer Edelleute seßhaft war
In nächster Nachbarschaft auf grüner Flur;
Denn beider Wohnung schied ein Steinwall nur,
Wie man's oft sehn in großen Städten kann.

Und einen Sohn besaß der eine Mann,
Den lustigsten Gesellen rings im Land;
Das schönste Mädchen aber, das man fand
Im ganzen Osten, war des andern Kind.

Von einem hin zum andern drang geschwind
Der Ruf durch Nachbarweiber wechselseitig;
Denn dort zu Land in strengster Zucht unstreitig
Aus Eifersucht noch jetzt die Mädchen stehn,
Um sie zu hindern, Thorheit zu begehn.

Der junge Mann hieß Pyramus und - wie
Uns Naso mittheilt - hieß man Thisbe sie.
Und was durch Fama sie von sich erfahren,
Ließ ihre Liebe wachsen mit den Jahren.

Gewiß erscheint, daß ihres Alters wegen
Der gegenseit'gen Heirath nichts entgegen,
Als das Verbot der beiden Väter war.

So für einander brennt das Liebespaar,
Das selbst kein Freund zu löschen weiß die Flammen,
Und heimlich kamen häufig sie zusammen
Und machten ihr Verlangen sich bekannt.

Die Gluth bedeckt - und stärker wird der Brand!
Der Liebe wehrt - und zehnfach wächst sie mehr!

Seit alter Zeit, schon von der Gründung her,
War von der Spitze bis zum Fundamente
Der Wall gespalten, welcher beide trennte.
Jedoch die Ritze war so eng und schmal,
So winzig klein, man sah sie nicht einmal.

Was aber kann die Liebe nicht erspähn?
Von Euch, Verliebten, ward zuerst gesehn
- Ich lüge nicht - die kleine, schmale Spalte;
Und leisen Ton's, als ob es Beichte halte,
Entsandte dieses Paar durch sie sein Wort;
Und sie vertrauten sich an diesem Ort
Ihr ganzes Weh' und all ihr Liebesleid.

War es zu wagen, stand zu jeder Zeit
Er auf der einen Seite von dem Wall
Und drüben Thisbe, um den süßen Schall
Der gegenseit'gen Worte aufzufangen.

So wurden ihre Pfleger hintergangen;
Und Tag für Tag auf diesen Wall sie schalten,
Und baten Gott, ihn gänzlich zu zerspalten,
Und wollten sprechen: "O, du böser Wall,
Im Wege steht Dein Neid uns überall!

Warum zerfielst, zerschelltest du nicht längst?
Sag' mindestens, daß du's zu thun gedenkst!
Ach! mögest du nur einmal uns vergönnen,
Daß wir uns treffen und süß küssen können;
Dann wären unsre Sorgen auch gehoben!
Doch müssen wir trotz alledem Dich loben,
Daß unser Wort zu senden überhaupt
Durch Deinen Stein und Mörtel du erlaubt,
Und Dir verpflichtet wir uns fühlen sollten!"
Nach solchem thörichten Geschwätze wollten
Sie küssen dann den kalten Wall von Stein,
Und gingen fort - geschieden mußte sein!

Dies pflegte stets, um Spähern zu entgehen,
Früh Morgens oder Abends zu geschehen.

In solchem Treiben lange Zeit verstrich,
Bis eines Tages, als Aurora wich
Dem hellem Strahl des Phöbus, der vom Gras
Getrocknet hatte schon des Thaues Naß,
Nach hergebrachter Weise zu der Spalte
Erst Pyramus und später Thisbe wallte.
Sein Wort zum Pfand gab einer dort dem andern,
In selber Nacht ganz heimlich fortzuwandern,
Und ihre Pfleger täuschend, rasch von hinnen
Zur Stadt hinaus ins Freie zu entrinnen.
Doch da so breit die Felder sind und weit,
Bestimmten sie zum Stelldichein die Zeit
Sowie den Platz und wählten im Voraus
Den Baum beim Grab des Königs Ninus aus.

- Gebrauch war's alle Heiden, welche Hötzen
Verehrten, auf den Feldern beizusetzen;
Und nah bei diesem Grabe war ein Quell. -

Kurz zu berichten: es ward wunderschnell
Dem Pacte die Bestätigung verliehn;
Doch allzulange däuchte zu verziehn
Die Sonne beiden, eh' ins Meer sie sank.

Mit solcher Neigung, solchem Herzensdrang
Den Pyramus zu sehn, sich Thisbe sehnte,
Daß, als die Stunde sie gekommen wähnte,
Sie heimlich sich, schlauem Vorbedacht
Das Haupt verschleiernd, fortstahl in der Nacht.

Von allen Freunden hatte sie zu scheiden,
Ihr Wort zu halten. - Ach! es ist ein Leiden,
Wenn auf den Mann sich also treu und fest
Ein Weib, eh' sie ihn besser kennt, verläßt!

Doch munter fort zum Baume schreitet sie,
Da Liebe jetzt ihr solchen Muth verlieh,
Und macht, zu ruhen, bei der Quelle Halt.

O, Weh! - Da kommt urplötzlich aus dem Wald
Wild grimmig eine Löwin angesetzt,
Das Maul vom Thier, das sie zuvor zerfetzt,
Bluttriefend, um zu trinken aus dem Quell,
Wo Thisbe saß. Doch sie gewahrt es schnell,
Springt auf und stürzt mit angsterfülltem Sinn
Zu einer Höhle, furchtsam schwankend, hin,
Die deutlich ihr des Mondes Schimmer wies.
Und, flüchtend, sie den Schleier fallen ließ;
Doch merkte nichts. Sie war so furchtbeklommen,
Und auch so froh, daß glücklich sie entkommen.
Und dort verblieb sie wunderstill und bang.
Nachdem die Löwin sich vollauf mit Trank
Gesättigt hatte, strich sie um die Quelle,
Fand dort den Schleier, den sie auf der Stelle
Mit blut'gem Maul zerriß; worauf sie bald,
Als dies geschehen war, zum nahen Wald,
Nicht länger zaudernd, ihren Rückzug nahm.

Auch Pyramus zu guter letzt dann kam,
Doch ach! zu lang blieb er im Hause stehn!
Es schien der Mond, man konnte deutlich sehn;
Und als er schleunigst seines Weges rannte,
Er hin zum Boden seine Blicke wandte.
Und, auf den Sand herniederschauend, sah
Er einer Löwin breite Fährte da.

Die Angst des jähen Schreckens ihn betäubte,
Blaß ward sein Antlitz und sein Haar sich sträubte,
Er kam und sah: zerfetzt ihr Schleier war.
"Ach!" - rief er - "Fluch dem Tag, der mich gebar!
Zwei Liebende hat eine Nacht erschlagen!
Wie darf ich, Thisbe, Dich um Gnade fragen,
Der Dich erschlagen hat, bin ich allein,
Dich in den Tod trieb mein Befehl hinein!
Ach! in die Nacht hinaus ein Weib zu schicken
Dorthin, wo leicht Gefahren sie umstricken!
Und ich so langsam! Wär' ich doch schon eh'r
Am Platz gewesen, oder sie nicht mehr!
Nun mag der Löwe dieses Waldes mir
Den Leib zerreißen, jedes wilde Thier
Mein Herz zernagen!" - Und mit diesem Wort
Hin auf den Schleier stürzt er alsofort,
Den er mit Küssen deckt und Thränen netzt.
"Ach, Schleier!" - rief er - "hin ist Alles jetzt!
Doch fühlen sollst du bald von mir so gut,
Wie du gefühlt von Thisbe hast, das Blut!"
Und mit dem Wort er sich das Herz durchstach.
Das Blut, breit strömend, aus der Wunde brach
Wie Wasser, wenn das Leitungsrohr zerbricht.

Doch, was geschehen, wußte Thisbe nicht.
Sie dachte, still verharrend, angstbeklommen:
"Im Fall, daß schon mein Pyramus gekommen
Und mich nicht finden könnte, dürfte gar
Er falsch mich wähnen oder undankbar."

Sie kommt hervor und sieht sich allerwärts
Dann nach ihm um mit Augen und mit Herz.
"Ihm will ich" - denkt sie - "was sich zugetragen,
Von meinem Schreck und von der Löwin sagen!"
Und den Geliebten endlich sie entdeckt,
Der mit den Fersen, ganz mit Blut befleckt,
Den Boden schlug. - Zurück sie jählings prallt,
Wie Meereswogen ihr der Busen wallt,
Sie wird wie Buxus bleich - doch, im Moment
Sich fassend schon, sie Pyramus erkennt,
Den theuren Mann, das heißgeliebte Herz.

Wer könnte schildern uns den Todesschmerz,
Den Thisbe fühlt, wie sie zerrauft ihr Haar,
Sich selbst zermartert, der Besinnung bar
Am Boden liegt, mit ihrer Thränen Fluth
Dann seine Wunde füllt, und wie sein Blut
Mit ihren Jammerklagen sie vermengt
Und selber sich mit seinem Blut besprengt;
Wie sie den todten Körper, ach! umschlingt,
Und was im Jammer Thisbe sonst vollbringt;
Wie sie ihm küßt den frostig kalten Mund?
"Wer hat's gethan? - Macht mir den Frechen kund,
Der ihn erschlug! - Mein Pyramus, o sprich!
Ich, Thisbe, bin's! Sie, die Dich ruft, bin ich!"

Und damit richtet sie sein Haupt empor.
Doch, als der Name Thisbe zu dem Ohr
Des Armen drang, in dem noch Leben war,
Schlug er das todesschwere Augenpaar
Empor zu ihr - und schlug es sterbend nieder.

Wortlos und still erhob sich Thisbe wieder,
Den Schleier sah, die leere Scheide neben
Dem Schwerte sie, das ihm den Tod gegeben.
Und sie rief aus: "Noch hat zu solchem Werke
Die arme Hand für mich genug an Stärke!
Mir wird die Liebe Kraft und Muth entfachen
Um meine Wunde groß genug zu machen!
Ich folge Dir im Tode hinterdrein,
Ich war sein Grund, will sein Genosse sein!
Und ob nichts Andres als der Tod, fürwahr,
Von mir zu trennen Dich, im Stande war,
So sollst Du nicht vom Tode noch von mir
Dich ferner trennen, denn ich geh' mit Dir!

Euch armen, eifersücht'gen Vätern nun
Gilt unsre Bitte, lasset neidlos ruhn
Uns Kinder, die einst Euer Ihr genannt,
In einem Grabe fortan Hand in Hand!
Ließ uns doch Liebe nur so trostlos enden!

Gott, Du Gerechter, aber mögest senden
Den Treuverliebten Glück in reicherm Maß
Als Pyramus und Thisbe dies besaß!

Und laß so kühn ein zartes Weib nie sein,
Zu solchem Wagniß je sich herzuleihn.
Verhüt' es Gott; jedoch ein Mädchen kann
So liebend und getreu sein wie ein Mann,
Und meinerseits bewähr' ich dies sofort."

Und rasch ergriff sein Schwert sie mit dem Wort,
Das warm und heiß vom Blut des Liebsten rauchte,
Und in ihr Herz mit eigner Hand sie's tauchte.

So schieden Pyramus und Thisbe hin. -

Nur wen'ge hab' ich von so treuem Sinn
Aus allen meinen Büchern ausgesichtet
Wie Pyramus, und drum von ihm berichtet.

Uns Männern schmeckt's zu finden, daß ein Mann
Auch gut und treu der Liebe bleiben kann.

Wer Ihr auch seid, Verliebte, seht: genau,
Was Männer können, wagt und kann die Frau.

Explicit Legenda Tesbe

Aus: Geoffrey Chaucer Werke übersetzt von Adolf von Düring
Erster Band: Das Haus der Fama / Die Legende von guten Weibern /
Das Parlament der Vögel
Straßburg Karl J. Trübner 1883 (S. 180-187)
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Hedwig Hülle (1794-1861)

Pyramus und Thisbe

"Wenn die Nacht mit stiller Feier
Nieder auf die Erde wallt,
Hülle dann in dichte Schleier
Deine liebliche Gestalt:
Harre mein in jenem Haine
Bis ich liebend Dir erscheine."

Thisbe hört von seinem Munde
Süß bethört der Liebe Wort;
Sehnt sich innig nach der Stunde
Nach dem süß geheimen Ort;
Und verheißt: "beym Sterngefunkel
Dort zu seyn im Waldes-Dunkel."

Als nun mit den stolzen Rossen
Phöbus langsam niedersteigt;
Dämmrung mählig sich ergossen
Und der Chor des Waldes schweigt,
Kann sie länger nicht mehr weilen
Denn Gott Amor heißt sie eilen.

Freundlich von den Sternenhöhen
Cynthia die Hügel küßt;
Doch ihn kann sie nicht erspähen
Der sie hoffend schon begrüßt.
Forschend will sie um sich schauen
Da erfaßt sie jähes Grauen.

Denn mit dürstender Geberde
Naht sich furchtbar, riesengros,
Halb noch lauernd an der Erde
Aus des Waldes nächtgem Schoos
Eine Löwin ihr mit Schnauben,
Droht, das Leben ihr zu rauben.

Und sie flieht mit Blitzes-Schnelle
- Von den Göttern noch bewacht -
Irrt gerettet durch die helle
Sternbekränzte stille Nacht;
Schleier die sie stets umwallen
Sind im Fliehen ihr entfallen.

Sie gewahrt es nicht; mit Beben
Denkt sie des Geliebten nur;
Zittert für sein theures Leben
Und ein Grab scheint ihr die Flur.
Und sie fleht: O gute Götter
Seyd auch des Geliebten Retter!

Ach, vergebens fleht die Arme,
Denn die Götter hörens nicht!
Grausam opfern sie dem Harme
Oft ein Herz, das liebend bricht, -
Den, des sie gedenkt mit Bangen,
Hält der bleiche Tod umfangen!

Unter sel'gen Liebesträumen
Suchte er die Theure nur
In des Waldes stillen Räumen,
Ach, - und fand des Wildes Spur;
Und den Schleier der mit Blute
Frisch befleckt am Boden ruhte.

Aus dem Himmel seiner Liebe
Stürzte ihn ein grauser Schmerz:
"O du arger Gott der Liebe!
Warum brichst Du so mein Herz?
Die Du selber mir erkoren
Ist durch Deine Schuld verloren!"

Sprach's und senkte in die treue
Warme Brust den kalten Stahl;
Daß er sich dem Tode weihe
Zu beenden seine Qual.
Und ihn fand - zum Schmerz geboren
Thisbe an des Orkus Thoren.

"Ach! so bin ich ganz verlassen!
Nimmt kein Gott sich meiner an;
Will ich auch mit ihm erblassen
Den in Liebe ich gewann!
Pyramus! ich werde kommen,
Was kann mir das Leben frommen?"

Und sie stürzte sinnlos nieder
Nahm das Schwert des Pyramus
Und es senkte sein Gefieder
Bald der stille Genius: -
Eh' Aurora kam gezogen
War ihr letzter Hauch entflogen!


Aus: Erstlinge des Frühlings
von Hedwig Hülle geb. Hoffmeier
Bremen 1822 Gedruckt bei C. G. Westphal (S. 158-162)

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Friedrich Anton Franz Bertrand (1757-1830)

Pyramus und Thisbe
Ein musikalische Duodram

Personen: Pyramus, Thisbe; zwo Liebende aus einem edlen Geschlechte

Die Szene nah' um Babylon
Bey diesem Punkten . . .  fällt die Musik ein, oder begleitet die Deklamation

(Der Schauplatz ein angenehmes Wäldchen.
Im Hintergrunde das Grabmal des Ninus, von einer hohen Maulbeere beschattet. Neben dieser ein Quell.
In der Ferne wilde Gebürgsgegend.
Nacht und Mondhelle)

Erster Auftritt

Thisbe:
(schüchtern, und mit zurückgeworfenem Schleyer in's Gebüsch tretend.)

Sey mir gegrüßt, du Freyheit verfolgter Liebe! - Sey mir gegrüßt, herrliche, schöne Natur! . . . Wie majestätisch der hohe Vollmond hinter jenen Felsen glänzt . . . Wie sein Stral das schauerliche Dunkel dieses Wäldgens durchbricht! . . . Nie lächelt' er uns so sehr, so ungetrübt, in den stolzen Mauern Semiramis; immer dünkte mich dort sein Antlitz voll Thränen! . . . Welch heiliges Schweigen um mich her, wie wenn eine Gottheit hier wandelte! . . . Jtzt unterbrichts die Nachtigall; - wiegt sich dort auf Blütenbüschen; - tönt ihre schmelzende Hymne fern durch die horchende Gegend hin! . . . Welcher Zauber allenthalben! - Bin ich in den Feldern Elisiums? . . . Alles athmet hier Ruhe, - füllt die Seele mit Wollust hier an deinem Mutterbusen, gütige Natur! . . . Nie war eine Brautnacht feyerlicher; aber auch nie vereinigte sie zwey so zärtlich Liebende! . . . Pyramus, Pyramus! o dein süßer Name verschlingt jede Empfindung! . . . (sie nähert sich dem Grabmale) Heilige Städte, wo ich ihn den Getrennten zum ersten Mal umarmen soll! sey mir gesegnet; . . . Pyramus in diesen Arm schließen! - süßester und bangester Gedanke! - -  umsonst -  er ist zu mächtig, zu erschütternd; - meine Seele faßt ihn nicht! - . . . Wie melancholisch beschattet die hohe Maulbeere diesen ehrfurchtsvollen Ort, und den silbernen Quell! . . . Zürne nicht, großer Ninus, daß wir dein Grab zur Ruhestatt unserer Flucht wählten! - Liebe, so edel, so göttlich als die unsre, entheiligt deinen königlichen Staub nicht! . . . Nur eine Umarmung gönn' uns hier, dann wollen - müssen wir die Grenzen deines Gebieths verlassen! . . . (mit Wehmuth) Dieser Staub, vor dem einst Babylon zitterte, ruht itzt ohnmächtig in der Finsterniß des Grabes; - wird vergebens unsere Verfolger schrecken! . . . Grausam! - Eltern und Vaterland verstossen die Unglücklichen; - um ihr ganzes Verbrechen ist Liebe! . . .
(sie wendet sich mit sichtbar zunehmender Beklemmung nach der Stadt hin)
Blendendes Schauspiel! - Wie trotzend Babylons Thürme hinter den marmornen Pallästen die mondbeglänzten Scheitel emporheben! . . . Dort schweben noch Mädgen und Jünglinge in glühenden Tänzen, dort leeren noch jauchzende Schwelger den Becher; - indeß die leidende Menschheit der kommenden Morgenröth' entgegenseufzt! . . . Nicht nach jener glänzenden Freuden sehnt sich dies Herz; - was sind sie - was ist eine Welt gegen Pyramus Liebe? . . . Und doch ist dieser Abschied bittrer - bittrer als der Gang zum Grabe! - . . . Nie wird mein Herz wieder an dem deinen schlagen, gütige, liebevolle Mutter; - nie mein Auge sich an deinen Blicken sättigen; -  nie meine Wonnethrän' in deinen Busen hinabgleiten! - . . . Getrennt - auf ewig von dir getrennt, wird mein Fuß durch menschenleere Wüsten irren, wo alle Schreknisse der Natur mein banges Herz bekämpfen! . . . Keine Palme wird den armen Flüchtigen dort Schatten geben; - kein labender Quell sie erquicken! . . . Dornen werden unsern Fuß zerreißen; Schlangen in unsren Weg sich wälzen! . . . Drohende Felsen überhangen, wo wir ruhn; brüllende Raubthiere unsren Schlummer verscheuchen! . . . Verhüllen wird sich die Sonne in die Schwärze der Mitternacht; - . . . Blitze werden sie verscheuchen: - . . . fürchterlicher Donner die Felsen erzittern machen! . . . Ueberall wird mir der väterliche Fluch aus der empörten Natur entgegenschallen! . . . Wenn ich dann vielleicht - schaudernder Gedanke! - wenn ich dann ermatet im letzten Todeskampfe dahinsinke, - wird kein Vaterblick mich segnen; - keine Mutter mein brechendes Auge schließen! - Nur du, mein Pyramus wirst um mich stehen! - wirst meinen letzten Athemzug trinken! . . . Fürchte nichts; - vergebens empören sich alle Schreckbilder der Phantasie gegen meine Liebe; sie ist stärker als der Tod! . . . Nur um deinetwillen übertatt ich zum ersten Mal die kindliche Pflicht. - Die Götter wissen wie lang' ich widerstand; waren Zeugen meines stillen Grams, und der nächtlichen Thränen auf meinem Lager! . . . Sie selbst schufen mir ein Herz für diese grenzenlose Liebe, die nun das Glück und Elend meines Lebens macht! . . . Schon als Kinder waren wir unzertrennlich: liebten wie Gatt' und Gattinn lieben; sorgten zärtlich für einander; theilten Blumen und Früchte. - Jedes Morgenroth sah unsere Küsse, jeder Mondstral unsre Thränen bey der Trennung! . . . Als er nun Jüngling ward, reizend wie ein Liebesgott; sein Blick so überredend; sein Herz so zärtlich; seine Seele so edel, so groß; - braucht' er da erst noch um meine Gegenliebe zu flehn? . . . Nun schwuren wir - o der wonnevollen Stunde! - schwuren bey den Unsterblichen, bis in den Tod uns zu lieben: . . . WArfen uns zu den Füssen unserer Väter; umfaßten ihre Knie; weinten - flehten - beschwuren sie um ihren Segen; . . . Längst schon hatte tödtlicher Haß das Band ihrer bejahrten Freundschaft zerrissen; - Trennung war ihr fürchterliches Geboth; - ihre Stimme Fluch! . . . Nur du, o meine Mutter, fühltest meine Leiden, hubst weinend mich aus dem Staube an deinen klopfenden Busen! . . . Aber was halfen diese Thränen! - Wüthend entriß man mich dir: - schleppte mich nach meinem Kerker hin! . . . Erwacht aus der Betäubung fühlt ich hier erst die ganze Grausamkeit meines Schicksals; flehte vergebens der unerbittlichen Stunde des Todes! . . . Himmlische Mächte! - ihr ward gütiger als Menschen - Nur eine Mauer trennte meinen und Pyramis Aufenthalt; bald verlieh uns hier die Liebe, was ein Jahrhundert nicht entdeckt hatte. - Durch einen Spalt gleitete wechselnd, und sanft wie Frühlingshauch die Stimme der Zärtlichkeit zu dem Geliebten über. . . . O Pyramus! Wie oft glühten die getäuschten Lippen deiner Thisbe auf jenem kalten Marmor, und - berührten die deinen nicht! . . . Wie oft weinte sie hier; und - keine, keine dieser Thränen ward von dir geküßt! . . . Dreyfach schrecklich ward uns nun die Trennung; jene feyerliche Nacht erneuerte den Schwur der Liebe, und unsre Flucht war beschlossen. . . . Dank, feuriger Dank, ihr Allgütigen! Ich entfloh an eurer Hand! . . . (mit zunehmender Beängstigung) Pyramus! Pyramus! um aller Götter willen verzögre diese Flucht nicht! . . . Sieh, wie beklemmt, wie sehnsuchtsvoll dir dieses Herz entgegenschlägt! . . . Wie der Gedanke ewiger Trennung fürchterlich durch meine Seele schaudert! . . . Eile, Geliebter! eil', und laß uns fliehen! . . . Schon dünkt es mich, die Sterne verlöschen vor dem nahenden Morgenroth . . . Sie winkt; sie winkt die ernste feyerliche Stunde, von den Göttern herabgesandt! . . . Laß uns fliehn, Pyramus! - weit von Babylon fliehn! . . . Jede kommende Minute kann unsre Flucht vereiteln; - kann uns unaussprechlich elend machen . . . Schrecklich! wenn man sie zu früh errieth: - mich aufsuchte; - mich entdeckte! . . . Schon hör' ich das Wiehern der Rosse, und das wilde Geschrey meiner Verfolger! . . . Itzt ergreifen sie mich! - schleppen mich wieder zum Kerker! . . . Um dort getrennt von Pyramus - langsamen - tausendfachen Tod zu sterben . . . Und du hörst nicht? - hörst die Flehende nicht? . . . (Sie hört das Brüllen eines Löwen: - fährt erschrocken auf; - irrt angstvoll hin und her) Was hört' ich? - . . . Götter! welche gräßliche Töne! - . . . Noch einmal! - . . . Es nähert sich! - verstärkt sich! - . . . Meine Knie zittern! . . . Barmherzige Gottheit! wohin entflieh ich? - verberg' ich mich? - . . . Hülfe! Pyramus! . . . Götter! - Ein Löwe! - . . . sein Rachen vom Blute dampfend! - . . .  Er kommt! - . . . ist da! - . . . verschlingt mich! - . . .  Hülfe! Pyramus! - . . .  Erbarmen! Götter; Erbarmen!
(Sie flüchtet hinter die Szene - Ausdruck des Schreckens in der Musik; - zuletzt Herabfall zu tiefer Melancholie.)

Zweyter Auftritt

Pyramus:

(In der Rechten den gezückten Dolch; den blutigen Schleyer Thisbens in der Linken. Seine Verzweiflung erreicht hier den äussersten Grad.)

Nirgends find' ich sie! - . . .
(gegen das Grabmahl gekehrt) Auch hier nicht - hier nicht, am Brautaltare! - . . . Ha! ein Grab! - ein Grab! - . . . Wie mir das schaudervolle Bild durch alle Nerven bebt! . . . Elender! - wo ist nun jene männliche Kraft, mit der du die verfolgenden Sklaven ihres Vaters in den Staub hinstrecktest? - . . . Thisbe! meine Thisbe! . . .  Vergebens! - sie hört nicht; - antwortet nicht! - . . . Dieses ihr blutiges Gewand; - und die Gefahrte eines Löwen, diesen Gebüschen entgegen; - meine schreckliche Besorgniß wird Gewißheit. . . . Götter! allmächtige Götter! wohin entflieh ich, ihr Leben zu retten, - zu beschützen? - . . . Gebt, o gebt meinen Füßen Flügel der Stürme, Löwenstärke meinem Arm! . . . Laßt mein Blut, mein Leben dahin strömen; - und erhaltet sie! . . . Zu spät, - zu spät ruf ich euren Beystand! . . . Faß' es, Unglücklicher: Die Klauen des Ungeheuers haben sie zermalmt! . . . (er wirft den Dolch zu Boden) Fluch dir - Werkzeug der Hölle! . . . Fluch dir! . . . Du täuschtest den Betrognen; - raubtest ihm die köstlichen Augenblicke für Thisbens Rettung! . . . Noch einen Dienst! und dann - gebrauche dich einst ein Vatermörder! . . . Hinab mit dir zum Orkus, geschminkte Natur! du bist eine Verrätherin, - eine Furie! . . . Hinweg mit diesem falschen Lächeln, Gefährtin der Nacht! - verbirg dich, und spotte meines Elends nicht! . . . Erhebt euch, Orkane! - zerreißt diesen Hain! - verscheucht seine Bewohner! - wandelt ihn in eine Wildniß um! . . . Herauf, siebenfache Nacht! hülle diesen Ort in Trauer; - hier starb meine Thisbe! . . . Werfen will ich mich dann in den kalten Arm der Verzweiflung, wie in den Arm einer Geliebten! . . . Bedauernswürdige! - nun versteh' ich deine Thränen beym Abschiede! - . . . Du ahndetes Trennung; - wolltest ohne mich nicht fliehn; - deinen Pyramus nicht zurücklassen. . . . Treue, zärtliche, beste der Menschen! - an meiner Hand wärst du mit Freuden brennende Wüsten durchwandelt; - mit Muth selbst dem Tod' entgegengegangen! . . . Nur aus Zärtlichkeit gabst du meinen Bitten Gehör, - ersticktest deine Seufzer, verbargst deine lieben Thränen! . . . Erzogen in Glück und Ueberfluß; von den deinen geliebt; angebetet in jener Königsstadt wie die Göttinn der Liebe; verließest du willig den Gipfel menschlichen Glücks, um - Armuth und Elend mit mir zu theilen! . . . Und ich komme dich bereden, in der furchtbaren Stunde der Mitternacht, unbegleitet von meinem schützenden Arm', an einen so gefahrvollen Ort zu fliehn! - . . . Eilte nicht schneller als der Gedanke, zu seyn wo du warst, Liebenswürdige! - . . . Ließ dich Wehrlose, von tausend Ungeheuern umlagert, alle Schrecknisse der Einsamkeit empfinden! - . . . Ließ langsam dich dem Tod' entgegen schmachten; - grausam martervoll ihn sterben! - . . .
(Pause - Die Musik fährt fort)
Verräther! - Schändlicher, treuloser Verräther! - Dieses Leben wog eine Welt auf; - war dein, ganz dein; - und durch deine Schuld ward's vernichtet, - bis auf die kleinste Spur vernichtet! - . . . Wo warst du, als die Verlaßne zum letzten Male deinen Namen seufzte; - zum letzten Mal ihr brechendes Auge nach dir umherblickte! - . . .
(Pause wie vorhin)
Götter! barmherzige Götter! - und ihr konntet Thisben sterben sehn? - . . . Warum führet ihr nicht mich, nicht mich dem Rachen des Löwen entgegen, und erhieltet ihr kostbares Leben? . . . All' ihr Ungeheuer, die ihr jene Felsen bewohnt zerfleischt, diese meineidige Brust! - Ich bin ihr Verführer; ihr Mörder! . . . Ich entriß die Schuldlose den zärtlichen Armen einer Mutter, spottete der Vaterthränen, - führte sie dem Tod' entgegen! . . . Fluchet ihr nicht der Unglücklichen, ihr Tiefgebeugten; - fluchet ihr nicht! - Mich, nur mich belaste jed' eurer Verwünschungen! . . . Doch nein! - auch mir fluchet nicht! - ich bin schon bestraft, bin schon unaussprechlich elend! . . . Ha, Gewissen, welch ein furchbarer Rächer bist du! - . . . Die ganze Natur drohet mir, empört sich wieder mich! . . . Schon hör' ich den Donner der strafenden Gottheit! - . . . Seh' schon ihre Flammenblitze auf dieses Haupt herabgeschleudert! - . . . Ha! sie treffen! sie treffen! . . . Die Erde zerreißt, den Verbrecher zu verschlingen! - . . . Itzt stürz' ich hinab in die schwarze bodenlose Tiefe des Orkus! - . . . Schon hör' ich des Acherons Wogen durch glühende Gestade brüllen! - . . . Schon hör' ich das gräßliche Lachen der Verworfnen! . . . Fürchterlich droht Minos; - nennt mich Mörder; - fordert Thisbens Blut von mir! - . . . Mörder! heulen die Eumeniden, schwingen schon die Schlangengeißel! - . . . Rette mich, Thisbe! - Die Wüthenden! - wie sie um mein Herz kämpfen! - jede will's zerfleischen! - . . . Nur einen Blick von dir aus den Feldern Elysiusm, meine Quaalen zu lindern! - . . .
(Pause. Übergang der Musik zum Sanften und Schmelzenden)
Ha, meine Thisbe! - Ich seh dein göttliches Bild! - seh' es in Thränen für den geliebten Verbrecher! und - diese Thränen verwaschen meine Schuld! - . . . Noch nennst du mich deinen Pyramus, deinen Geliebten! - . . . Oeffnest den Arm, mich an deinen liebevollen Busen zu drücken! - . . . Schilt mich zärtlich, daß ich zögre! - . . .  Fürchte nichts, süsses Mädgen! - Götter würden um dich sterben, wenn sie sterben könnten; und - dein Pyramus sollte nicht folgen? - . . . (indem er Thisbens Schleyer küßt) Einziger Ueberrest von ihr! - nimm diese letzten irrdischen Thränen - und diesen Flammenkuß! . . . O des Wonnegedankens! auch Pyramus Blut wird dich färben! - . . . (seinen Dolch ergreifend) Götter, die ihr uns lieben hießt, wie keine Sterbliche sich liebten; vereinigt uns dort in eurer beßren Welt! . . . (Er durchsticht sich; - zieht den Dolch aus der Wunde zurück; - sinkt am Grabmale nieder)
Ich komme! - Lebe wohl, Natur! - Ich bin glücklich! - Ruhe schon an Thisbens Busen! . . .

Dritter Auftritt

Thisbe:

(Von der andern Seite des Grabmals zurückkehrend)

Götter! welch Schrecken! - welcher Todeskampf! . . . Noch starrt mein Blut! - noch verläßt mich jeder Sinn! . . . Darf ich's wagen, sie wieder zu betreten diese furchvolle gräßliche Stäte? . . . Undankbare! - und du wolltest deinen Pyramus täuschen? - für ihn nicht mit Freuden dies Leben in Gefahr setzen? - . . . Dank! Dank, ihr Unsterblichen, daß ihr es schütztet für ihn! . . . Aber diese Schöpfung um mich her, die mir so viele Freuden ins Herz lächelte! - wie bange, wie traurend! . . . Auch du, einziger Begleiter meines einsamen Pfades, freundlicher Mond; - auch du verhüllst das Stralenhaupt! verläßt die Unglückliche! . . . Welche Finsterniß! Welch gräßliches Schweigen in diesen nächtlichen Gebüschen! - Keine Stimme der weiten Natur umher! -
(Pause. Das Orchester schweigt)
Nur dann und wann ein Windstoß, wie Hauch der Todenlüft' auf Gräbern! . . . Ha! - itzt dünkt mich, ich höre das ferne dumpfe Gebrüll von Löwen und Tigern; und das Gezisch nahender Schlangen! . . . - . . . Komm, Geliebter meiner Seele! - Komm, befreye mein Herz von diesen unnennbaren Quaalen! . . . Laß mich Ruhe, laß mich Schutz an deinem liebenden Busen suchen! . . . O du, für den ich die süßesten Bande des Blutes zerriß; - du, der mir mehr war, als eine Welt voll Freuden; - verlaß die Unglückliche nicht! - . . . Sieh dies Zittern, dies Händeringen, diese bangen Thränen! - und erbarme dich deiner Gattin! . . . Eiltest du nicht stets auf Fittigen der Liebe zu mir? - wagtest du nicht oft dein theures Leben zu meiner Rettung? . . . Warst du es nicht, der mit den Fluthen um ihre Beute kämpfte; als einst ein wütender Orkan kenes Schiff zertrümmerte, das deine Thisbe trug? . . . Warst du es nicht, der in die brennenden Ruinen unsres Pallastes sich stürzte, auf seinem Retterarm mich aus den Flammen zu tragen? . . . Und nun der letzte feyerliche Schwur! - Jüngling! bebtest du nicht mit mir, als die Götter unsre stammelnde Zunge berührten, - und die Erd' unter uns zitterte! . . . Und diesen Schwur sollte Pyramus - Verzeih mir, Edelmüthiger! - Wüthende Phantasie zerstört meine Denkkraft; - fühle meinen Jammer, und - verzeih! - . . . Ich seh dich, Liebenswürdiger, - mit unbefangner Seele fliegst du meinen Armen zu! . . . Ha! schaudernd! - Mörder vertreten ihm den Weg! - Mörder! - von Thisbens grausamen Vater gedungen! . . . Itzt, itzt umringen sie den Schuldlosen; - lachen seines Heldenmuths, - zücken Dolch um Dolch auf ihn! -  . . . Haltet ein, Barbaren! - Nicht ihn! - nicht ihn! - Thisbe sey das Opfer eurer Wuth! - . . . Umsonst! - Seine Wunden strömen Blut! - Er sinkt! - . . . (Sie wirft sich am Grabmale nieder) Allmächtige Beherscher dieses Weltalls! - O rührt' euch je das Flehn eines jammernden Geschöpfs - (Den entseelten Pyramus erblickend) Götter! - Er ist's! - Er ist's! - . . .
(Sie sinkt empfindungslos neben Pyramus hin. - Pause, welche die Musik fühlt. - Nach und nach kehrt sie zur Besinnung zurück)
Hinweg! hinweg, verräthrisches Traumbild! - Donnernde Wahrheit schreckte mich auf! . . . (Starr auf Pyramus blickend) Er ists! - Er ist's! - . . . Gräßliches Erwachen! - . . . Wie blutig! wie starr am kalten Boden geheftet! - . . . (auf ihn stürzend) Erwache, Geliebter! - Mein Pyramus erwache! . . . Noch einen - noch einen Blick voll Lieb' aus diesem hingesunkenen Auge! . . . Erwache! - Deine Thisbe ruft! . . . Fühle diese glühende Umarmung! - Trink von diesen bebenden Lippen die Hälfte meiner Seele! . . . Laß diesen starren thränenlosen Blick - diesen im Innern verschloßnen Schmerz dich wecken! - . . . (Langsam und feyerlich aufstehend) Thörin! Er erwacht nie! - nie! - . . .
(Pause - Sie hebt Dolch und Schleyer vom Boden auf) Götter! - sein Dolch! - Pyramus Dolch! - schrecklich! schauervoll! - noch raucht er von des Geliebten Blut! - . . . Und diser Schleyer - wie naß von Pyramus Thränen! - . . . Grausames Verhängniß! - Liebe bewaffnete den Unglücklichen gegen sich selbst! . . . Edelmüthiger Gefährte meiner Leiden! nur zu theuer war der Schwur der Liebe dir! . . . Du kamst, deinem Mädgen Wort zu halten; - fandest ihren blutbefleckten Schleyer; - suchtest sie vergebens in der weiten Oed' umher: - . . . Jene Hölle, wohin ich flüchtete, war zu entlegen, dein Rufen, deine zärtlichen Klagen zu hören: - . . . Ueberall getäuscht, flohst du zu der erwählten Stät' unsrer Umarmung; - fandest mich nicht; - . . . Nun wähntest du mich von dem Rachen eines reißenden Thiers verschlungen; - beweintest mich; - brachtest mir das letzte Opfer deiner Treue - dein Leben! - (Nach einer Pause, mit Entschlossenheit) Schöner Schlummer! auch Thisbe kann sterben - sterben für dich! - Auch ihre Väter lehrten sie den Tod verachten! . . . Für diese verschmachtende Seele ist er der Natur letztes süsses Labsal! - . . . (Im Begriff den Dolch in ihre Brust zu stossen, schaudert sie plötzlich zurück) Ha! Ruchlose! - schrecken dich nicht die glühenden Thränen deiner Mutter? - nicht das bleiche abgehärmte Vaterantlitz? - . . . O dieser Kampf - Götter! - erbarmt euch der Elenden! - Dieser Kampf - wie seelenerschütternd! wie bitter! - . . . Urheber meiner Tage! auf meinen Staub werdet ihr treten, und der Verbrecherin fluchen, die eure Zärtlichkeit so schnell vergessen konnte! . . . (Nach einer Pause noch einmal auf Pyramus hinblickend) Pyramus ruft! - Ich bin entschlossen! - . . . Vergebt, ihr Unvergeßlichen! - umsonst ist jeder Kampf für euch! . . . - Gewährt unsrer Asche ein gemeinschaftliche Grab - und heiligt dieses bräutliche Bett durch eure Thränen! - . . . Umschweben wird euch dann der fesselfreye Geist eurer Kinder, - jed' eurer köstlichen Thränen wegküssen, - jedes Erdenglück von den Göttern für euch herabflehn! - . . . Ihr aber, Madgen und Jünglinge! nie wall' eu'r Fuß verächtlich durch diese heiligen Schatten unser Grab vorbey; - auch die unglücklich Irrenden verkannte die Tugend nicht! . . . (sie eilt auf Pyramus zu, umarmt ihn, und durchsticht sich) Noch diese Umarmung, Pyramus! . . . Gesiegt! gesiegt! - Götter. - Pyramus - die Welt schwindet! - deine Hand! - nun bist du mein - mein auf Ewigkeiten!
(Sie sinkt neben Pyramus. Der Vorhang fällt)

Aus: Pyramus und Thisbe. Ein musikalisches Duodram
Für das k. k. National-Hoftheater
Wien bey Johann Baptist Wallishausser 1795
[Autor: Friedrich Anton Franz Bertrand 1757-1830]
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