Das Hohe Lied Salomos

Im heutigen Deutsch (1992)

 


Wassily Kandinsky (1866-1944)
Improvisation 209

 


DAS HOHELIED
 

Das schönste aller Lieder, von Salomo.
Sei mein König!

1

SIE

Komm doch und küß mich!
Deine Liebe berauscht mich
mehr noch als Wein.
Weithin verströmen
deine kostbaren Salben
herrlichen Duft.
Jedermann kennt dich,
alle Mädchen im Lande
schwärmen für dich!
Komm, laß uns eilen,
nimm mich mit dir nach Hause,
faß meine Hand!
Du bist mein König!
Deine Zärtlichkeit gib mir
Freude und Glück.
Rühmen und preisen
will ich stets deine Liebe,
mehr als den Wein!
Mädchen, die schwärmen,
wenn dein Name genannt wird,
schwärmen zu Recht!

Das Mädchen vom Land

Schwarz gebrannt hat mich die Sonne,
schwarz wie Beduinenzelte,
wie die Decken Salomos.
Trotzdem bin ich schön, ihr Mädchen
aus der Stadt Jerusalem!
Seht nicht so auf mich herunter
weil ich dunkler bin als ihr.
Draußen muß ich alle Tage
meiner Brüder Weinberg hüten.
Doch für meinen eigenen Weinberg
- für mich selbst - kann ich nicht sorgen;
dafür bleibt mir keine Zeit!
 

Die Hirtin

SIE

Sag mir, Geliebter,
wo kann ich dich finden?
Wo ruhn deine Schafe
mittags, wenn's heiß wird?
Andere Hirten,
was sollen sie denken,
wenn ich nach dir frage,
überall suche?

ER

Mußt du mich fragen,
du Schönste der Frauen?
Du mußt es doch wissen,
wo du mich findest!
Nimm deine Zicklein
und folge dem Schafsweg!
Dort wirst du mich treffen,
nah bei den Zelten.

Zwiesprache der Liebenden

ER

Prächtig und schön siehst du aus, meine Freundin,
stolz wie die Stute an Pharaos Wagen!
Schmückende Kettchen umrahmen die Wangen,
und deinen Hals zieren Schnüre mit Perlen.
Aber noch schöneren Schmuck sollst du haben:
silberne Perlen an Kettchen aus Gold!
 

SIE

Solange mein König mir nahe ist,
verbreitet mein Nardenöl seinen Duft.
Mein Liebster liegt bei mir, an meiner Brust,
er duftet wie würziges Myrrhenharz,
so kräftig wie Blüten vom Hennastrauch;
im Weinberg von En-Gedi wachsen sie.
 

ER

Schön bist du, zauberhaft schön, meine Freundin,
und deine Augen sind lieblich wie Tauben!
 

SIE

Stattlich und schön bist auch du, mein Geliebter!
Sieh, unser Lager ist blühendes Gras,
Balken in unserem Haus sind die Zedern
und die getäfelten Wände Zypressen.
 

2

Liebe sieht alles schöner

SIE

Eine Frühlingsblume bin ich,
wie sie in den Wiesen wachsen,
eine Lilie aus den Tälern.

ER

Eine Lilie unter Disteln -
so erscheint mir meine Freundin
unter allen andren Mädchen.

SIE

Wie ein Apfelbaum im Walde
ist mein Liebster unter Männern.
Seinen Schatten hab ich gerne,
um mich darin auszuruhen;
seine Frucht ist süß für mich.
 

Krank vor Liebe

SIE

Ins Festhaus hat mein Liebster mich geführt;
Girlanden zeigen an, daß wir uns lieben.
Stärkt mich mit Äpfeln, mit Rosinenkuchen,
denn Liebessehnsucht hat mich krank gemacht.
Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf,
und mit dem rechten hält er mich umschlungen.
Ihr Mädchen von Jerusalem, laßt uns allein!
Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen:
Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!
 

Der Winter ist vorbei

SIE

Mein Freund kommt zu mir!
Ich spür's, ich hör ihn schon!
Über Berge und Hügel
eilt er herbei.
Dort ist er -
schnell wie ein Hirsch,
wie die flinke Gazelle.
Jetzt steht er vorm Haus!
Er späht durch das Gitter,
schaut zum Fenster herein.
Nun spricht er zu mir!

ER

Mach schnell, mein Liebes!
Komm heraus, geh mit!
Der Winter ist vorbei mit seinem Regen.
Es grünt und blüht, soweit das Auge reicht.
Im ganzen Land hört man die Vögel singen;
nun ist die Zeit der Lieder wieder da!
Sieh doch: die ersten Feigen werden reif;
die Reben blühn, verströmen ihren Duft.
Mach schnell, mein Liebes!
Komm heraus, geh mit!
Verbirg dich nicht vor mir wie eine Taube,
die sich in einem Felsenspalt versteckt.
Mein Täubchen, zeig dein liebliches Gesicht,
und laß mich deine süße Stimme hören!
 

Die Mädchen

Ach, fangt uns doch die Füchse,
die frechen, kleinen Füchse!
Sie wühlen nur im Weinberg,
wenn unsre Reben blühn.

SIE

Nur mir gehört mein Liebster,
und ich gehöre ihm!
Er findet seine Weide,
wo viele Blumen stehn.
Am Abend, wenn es kühl wird
und alle Schatten fliehn,
dann komm zu mir, mein Liebster!
Komm, eile wie ein Hirsch;
sei flink wie die Gazelle,
die in den Bergen wohnt,

3

Nachtgedanken

SIE

Nachts lieg ich auf dem Bett und kann nicht schlafen.
Ich sehne mich nach ihm und suche ihn,
doch nirgends kann mein Herz den Liebsten finden.
Ich seh mich aufstehn und die Stadt durcheilen,
durch Gassen streifen, über leere Plätze -
ich sehne mich nach ihm und suche ihn,
doch nirgends kann ich meinen Liebsten finden.
Die Wache greift mich auf bei ihrem Rundgang.
»Wo ist mein Liebster, habt ihr ihn gesehn?»
Nur ein paar Schritte weiter find ich ihn.
Ich halt ihn fest und laß ihn nicht mehr los;
Ich nehm ihn mit nach Hause in die Kammer,
wo meine Mutter mich geboren hat.
Ihr Mädchen von Jerusalem, laßt uns allein!
Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen:
Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!
 

Der Bräutigam kommt

DIE ZUSCHAUER

Was kommt dort herauf aus der Wüste?
Wie Rauchsäulen zieht es heran;
es duftet nach Weihrauch und Myrrhe,
nach allen Gewürzen der Händler.
Schaut hin! Das ist Salomos Sänfte,
geleitet von sechzig Soldaten,
von Israels tapfersten Helden,
im Kampfe erprobt und bewährt.
Das Schwert hat ein jeder am Gürtel
zum Schutz gegen nächtliche Schrecken.
Aus edelstem Holz ließ der König
den tragbaren Thronsessel machen,
die Säulen mit Silber beschlagen,
die Lehne mit Gold überziehen.
Aus purpurnem Stoff sind die Kissen,
mit Liebe gewebt und bestickt
von Jerusalems Frauen und Mädchen.
Ihr Frauen von Zion, kommt her,
den König zu sehn und die Krone,
mit der seine Mutter ihn schmückte
zum heutigen Tag seiner Hochzeit,
dem Tag voller Freude und Glück.
 

4

Du bist schön, meine Freundin!

ER

Preisen will ich deine Schönheit,
du bist lieblich, meine Freundin!
Deine Augen sind wie Tauben,
flattern hinter deinem Schleier.
Wie die Herde schwarzer Ziegen
talwärts von dem Berge zieht,
fließt das Haar auf deine Schultern.
Weiß wie frischgeschorne Schafe,
wenn sie aus der Schwemme steigen,
glänzen prächtig deine Zähne,
keiner fehlt in seiner Reihe.
Wie ein scharlachrotes Band
ziehn sich deine feinen Lippen.
Deine Wangen hinterm Schleier
schimmern rötlich wie die Scheibe
eines Apfels vom Granatbaum.
Wie der Turm des Königs David,
glatt und rund, geschmückt mit tausend
blanken Schilden, ragt dein Hals.
Deine Brüste sind zwei Zicklein,
Zwillingsjunge der Gazelle,
die in Blumenwiesen weiden.
Wenn die Schatten länger werden
und der Abend Kühle bringt,
komm ich zu dir, ruh auf deinem
Myrrhenberg und Weihrauchhügel.
DeineSchönheit will ich preisen!
Du bist lieblich, meine Freundin,
und kein Fehler ist an dir!
 

Geh mit mir!

ER

Komm, meine Braut, geh doch mit, die Berge!
Laß den gefahrvollen Libanon, komm!
Fort von dem Gipfel des Berges Amana,
fort vom Senir und vom ragenden Hermon,
fort von den Lagerplätzen der Löwen,
fort von den Bergen der Panther, komm mit!
 

Liebeszauber

ER

Verzaubert hast du mich,
Geliebte, meine Braut!
Ein Blick aus deinen Augen,
und ich war gebannt.
Sag, birgt er einen Zauber,
der Schmuck an deinem Hals?
Wie glücklich du mich machst
mit deiner Zärtlichkeit!
Mein Mädchen, meine Braut
ich bin von deiner Liebe
berauschter als von Wein.
Du duftest süßer noch
als jeder Salbenduft.
Wie Honig ist dein Mund,
mein Schatz, wenn du mich küßt,
und unter deiner Zunge
ist süße Honigmilch.
Die Kleider, die du trägst,
sie duften wie der Wald
hoch auf dem Libanon.
 

Der Liebesgarten

ER

Meine Braut ist ein Garten
voll erlesener Pflanzen!
An Granatapfelbäumen
reifen köstliche Früchte.
Herrlich duften die Rosen
und die Blüten der Henna.
Narde, Safran und Kalmus,
alle Weihrauchgewächse,
Zimt und Aloe, Myrrhe,
alle Arten von Balsam
sind im Garten zu finden.
Eine Quelle entspringt dort
Mit kristallklarem Wasser,
das vom Libanon herkommt.
Aber noch sind mir Garten
und Quelle verschlossen!

SIE

Kommt doch, ihr Winde,
durchweht meinen Garten!
Nordwind und Südwind,
erweckt seine Düfte!
Komm, mein Geliebter,
betritt deinen Garten!
Komm doch und iß
seine köstlichen Früchte!
 

5

ER

Ich komm in den Garten,
zu dir, meine Braut!
Ich pflücke die Myrrhe,
die würzigen Kräuter.
Ich öffne die Wabe
und esse den Honig.
Ich trinke den Wein,
ich trinke die Milch.
Eßt, Freunde, auch ihr,
und trinkt euren Wein;
Berauscht euch an Liebe!
 

Nachtgedanken

SIE

Ich lag im Schlaf, jedoch mein Herz blieb wach.
Da klopft's! Ich weiß: Mein Freund steht vor der Tür.

ER

»Mach auf, mein Schatz, mach auf, ich will zu dir!
Mein Täubchen, öffne doch, laß mich hinein!
Mein Haar ist naß vom Tau der kühlen Nacht.«

SIE

»Ich habe doch mein Kleid schon ausgezogen
und müßt es deinetwegen wieder anziehn.
Auch meine Füße habe ich gewaschen;
ich würde sie ja wieder schmutzig machen!«
Durchs Fenster an der Tür greift seine Hand;
ich höre, wie sie nach dem Riegel sucht.
Mein Herz klopft laut und wild. Er ist so nah!
Ich springe auf und will dem Liebsten öffnen.
Als meine Hände nach dem Riegel greifen,
da sind sie voll von seinem Myrrhenöl.
Schnell öffne ich die Tür für meinen Freund;
doch er ist fort, ich kann ihn nicht mehr sehn.
Mein Herz steht still, fast tötet mich der Schreck!
Ich suche meinen Freund, kann ihn nicht finden.
Ich rufe Ihn, doch er gibt keine Antwort.
Die Wächter finden mich bei ihrem Rundgang.
Sie schlagen ohne Mitleid auf mich ein
und reißen mir den Umhang von den Schultern.
 

Helft mir suchen!

SIE

Ihr Mädchen alle, ich beschwöre euch:
Wenn euch mein Freund begegnet, sagt Ihm doch,
die Liebessehnsucht macht mich matt und krank!
 

Die Mädchen

Beschreib ihn uns, du schönste aller Frauen!
Wer ist es, den du suchst?
Was unterscheidet ihn von andren Männern,
daß du uns so beschwörst?

SIE

Mein Liebster sieht blühend und kräftig aus,
nur einer von Tausenden ist wie er!
Sein schönes Gesicht ist so braungebrannt
sein Haar dicht und lockig und rabenschwarz.
Die Augen sind lebhaften Tauben gleich.
Ganz weiß sind die Zähne, als hätten sie
gebadet in Bächen von reiner Milch.
Die Wangen sind Beete voll Balsamkraut,
die herrlichsten Würzkräuter sprießen dort.
Wie Lilien leuchtet sein Lippenpaar,
das feucht ist von fließendem Myrrhenöl.
Die Arme sind Barren aus rotem Gold,
mit Steinen aus Tarschisch rundum besetzt.
Sein Leib ist ein Kunstwerk aus Elfenbein,
geschmückt mit Saphiren von reinster Art
Die Beine sind marmornen Säulen gleich,
die sicher auf goldenen Sockeln stehn.
Dem Libanon gleicht er an Stattlichkeit,
den ragenden Zedern an Pracht und Kraft.
Sein Mund ist voll Süße, wenn er mich küßt -
ja, alles an ihm ist begehrenswert!
Seht, so ist mein Liebster und so mein Freund.
Nun wißt ihr's, ihr Mädchen Jerusalems!
 

Die Mädchen

Schnell, sag uns noch, du schönste aller Frauen:
Wo ging dein Liebster hin?
Wir wollen mit dir gehn und nach ihm suchen!
Wo könnte er denn sein?

SIE

Er ist in seinem Garten,
wo Balsamsträucher stehn,
wo er die Herde weidet
und schöne Lilien pflückt.
Nur mir gehört mein Liebster,
und ich gehöre ihm!
Er findet seine Weide,
wo viele Blumen stehn.
 

Wie schön du bist!

ER

Schön wie Tirza bist du, Freundin,
strahlend wie Jerusalem;
wie ein Trugbild in der Wüste
raubt dein Anblick mir den Atem.
Wende deine Augen von mir,
denn sie halten mich gefangen.
Wie die Herde schwarzer Ziegen
talwärts von dem Berge zieht,
fließt das Haar auf deine Schultern.
Weiß wie meine Mutterschafe,
wenn sie aus dem Wasser steigen,
glänzen prächtig deine Zähne;
keiner fehlt in seiner Reihe.
Deine Wangen hinterm Schleier
schimmern rötlich wie die Scheibe
eines Apfels vom Granatbaum.
Laß den König sechzig Frauen,
achtzig Konkubinen haben,
dazu Mädchen ohne Zahl!
Meine Liebe gilt nur einer:
meinem makellosen Täubchen!
Sie ist ihrer Mutter Liebling,
denn sie ist die einzige Tochter.
Sähen sie die andern Frauen,
Königinnen, Konkubinen,
alle würden sie besingen:
 

DIE FRAUEN

Wer leuchtet so schön wie das Morgenrot,
hell wie der Mond, wie der Sonne Strahl,
verwirrend wie Bilder im Wüstensand?»
 

Erwartung

ER

Ich ging hinunter in den Walnußgarten,
um mich am frischen Grün des Tals zu freuen,
des Weinstocks neue Triebe anzuschauen
und auch die ersten Blüten am Granatbaum.

SIE

Was ist mit mir? Ich kann mich kaum beherrschen,
obwohl ich doch aus edlem Hause stamme!
 

Der Hochzeitstanz

DIE MÄDCHEN UND FRAUEN

Komm, dreh dich im Hochzeitstanz,
Schulammit!
Komm, dreh dich im Tanze und laß dich sehn!

SIE

Was habt ihr davon, mich beim Tanz zu sehn?
Was ist denn Besondres an Schulammit?

ER

Deine Füße sind zierlich
in den Schuhen, du Fürstin!
Und das Rund deiner Hüften
ist das Werk eines Künstlers!
Einer Schale, der niemals
edler Wein fehlen möge,
gleicht dein Schoß, süßes Mädchen!
Wie ein Hügel von Weizen
ist dein Leib, rund und golden
und von Lilien umstanden.
Deine Brüste sind herzig
wie zwei junge Gazellen.
Einem Elfenbeinturm gleich
ist dein Hals, schlank und schimmernd.
Deine Augen - zwei Teiche
nah beim Tore von Heschbon.
Deine Nase ist zierlich
wie der Vorsprung des Wachtturms
an dem Weg nach Damaskus.
Wie das Karmelgebirge
ist dein Kopf, hoch und prächtig.
Voller Glanz ist dein Haupthaar;
in dem Netz deiner Locken
liegt ein König gefangen.
 

Die Erfüllung

ER

Du bist schön wie keine andre,
dich zu lieben macht mich glücklich!
Schlank wie eine Dattelpalme
ist dein Wuchs, und deine Brüste
gleichen ihren vollen Rispen.
Auf die Palme will ich steigen,
ihre süßen Früchte pflücken,
will mich freun an deinen Brüsten,
welche reifen Trauben gleichen.
Deinen Atem will ich trinken,
der wie frische Äpfel duftet,
mich an deinem Mund berauschen,
denn er schmeckt wie edler Wein ...

SIE

... der durch deine Kehle gleitet
dich im Schlaf noch murmeln läßt.
Nur ihm gehöre ich!

SIE

Nur ihm, meinem Liebsten, gehör ich,
und mir gilt sein ganzes Verlangen!
Komm, laß uns hinausgehn, mein Liebster,
die Nacht zwischen Blumen verbringen!
Ganz früh stehn wir auf, gehn zum Weinberg
und sehn, ob die Weinstöcke treiben,
die Knospen der Reben sich öffnen
und auch die Granatbäume blühen.
Dort schenke ich dir meine Liebe!
 

Einladung

SIE

Kannst du den Duft der Liebesäpfel spüren?
Vor unsrer Tür ist köstlich süßes Obst,
die allerbesten Früchte, alt und neu,
für dich, mein Liebster, sind sie aufbewahrt!
Wärst du doch mein Bruder!

SIE

Ich wünschte mir, daß du mein Bruder wärst,
den meine Mutter an der Brust genährt hat.
Dann dürfte ich dich unbekümmert küssen,
wenn ich dich draußen auf der Straße treffe,
und niemand würde dann die Nase rümpfen.
Ich nähm dich mit zum Hause meiner Mutter;
du könntest mich im Zärtlichsein belehren,
ich gäbe dir gewürzten Wein zu trinken
und meinen Most von Früchten des Granatbaums.
Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf,
und mit dem rechten hält er mich umschlungen.
Ihr Mädchen alle, ich beschwöre euch,
daß ihr uns nicht in unsrer Liebe stört!
 

DIE MÄDCHEN

Wer kommt dort herauf aus der Wüste,
gestützt auf den Arm ihres Liebsten?
 

Unüberwindlich wie der Tod

SIE

Hier unterm Apfelbaum
hab ich dich aufgeweckt,
wo deine Mutter dich empfing
und wo sie dich gebar.
Du trägst den Siegelring
an einer Schnur
auf deiner Brust
So nimm mich an dein Herz!
Du trägst den Reif um deinen Arm.
So eng umfange mich!
Unüberwindlich
ist der Tod:
niemand entrinnt ihm,
keinen gibt er frei.
Unüberwindlich -
so ist auch die Liebe,
und ihre Leidenschaft
brennt wie ein Feuer.
Kein Wasser kann die Glut der Liebe löschen,
und keine Sturzflut schwemmt sie je hinweg.
Wer meint, er könne solche Liebe kaufen,
der ist ein Narr, er hat sie nie gekannt!
 

Besorgte Brüder

IHRE BRÜDER

Noch ist unsre kleine Schwester
für die Liebe viel zu jung,
denn sie hat noch keine Brüste.
Kommt sie erst ins rechte Alter,
daß sie jemand freien will,
müssen Ihre Brüder wachen.
Sperrt sie sich wie eine Mauer,
schmückt man sie mit Silberzinnen,
Gleicht sie einer offenen Pforte,
schließt man sie mit Zedernbalken.

SIE

Eine starke Mauer bin ich,
Türmen gleichen meine Brüste.
Trotzdem will ich mich ergeben,
bitte meinen Freund um Frieden.
 

Glücklicher als Salomo

ER

Salomo hat einen Weinberg
auf dem Hang von Baal-Hamon.
Für die Ernte würde jeder
tausend Silberstücke zahlen;
darum wird er streng bewacht.
Salomo gönn ich die tausend,
auch den Wächtern noch zweihundert -
Ich hab meinen eigenen Weinberg!
 

Liebesruf

ER

Du Mädchen in den Gärten,
die Freunde warten schon:
Laß deine Stimme hören
und rufe mich zu dir!

SIE

Komm schnell zu mir, mein Liebster!
Komm, eile wie ein Hirsch;
sei flink wie die Gazelle,
die in den Bergen wohnt.

Aus: DIE BIBEL in heutigem Deutsch. Die Gute Nachricht des Alten und neuen Testaments. Deutsche Bibelgesellschaft. Sonderausgabe zum Jahr mit der Bibel 1992

 

 

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