Das Hohe Lied Salomos

In der Übertragung von Georg Wachter (1722)

 


Wassily Kandinsky (1866-1944)
Improvisation 209

 




Das Hohe Lied Salomons


1. Capitel

I. Das schönste Lied Salomons

II. Er küsse mich mit Küssen seines Mundes /
denn seine Liebes-Erweisungen sind besser denn Wein.

III. Wie deine Salböhle dem Geruch gut seyn /
so wirst du deinem Nahmen nach
als ein Salböhl ausgeschüttet.
Darum lieben dich die Jungfrauen.

IV. Ziehe mich / so werden wir nach dir lauffen.
Wann mich der König in seine innere Zimmer geführt /
wollen wir lustig und frölich über dir seyn /
wir wollen an deine Liebs-Erweisungen
mehr als an den Wein gedencken.
Sie lieben dich recht.

V. Ich bin braun / aber lieblich
O ihr Töchter Jerusalem!
wie die Hütten Kedar /
wie die Teppiche Salomons.

VI. Sehet mich nicht an /
daß ich so bräunlich bin /
dann die Sonne hat mich angeblicket.
Meiner Mutter Söhne waren
über mich entbrannt;
sie hatten mich zu einer Hüterin
der Weinberge gesetzet.
Meinen Weinberg / der mir war / hab ich nicht behütet.

VII. Zeig mir an du / den meine Seele liebet /
wo du weydest? wo du lagerst am Mittag?
denn warum soll ich seyn wie die
sich verhüllet bey den Heerden
deiner Gesellen?

VIII. Weissest du es nicht für dich selbst /
O du Schönste unter den Weibern!
So gehe hinaus auf den Fußstapffen der Heerde /
Und wayde deine Gaißlein bey
den Wohnungen der Hirten.

IX. Ich vergleiche dich / meine Freundin /
meinem Pferde-Zug an den Wagen Pharao.

X. Deine Kinbacken stehen zierlich
in den Angehängen /
dein Halß in den Ketten.

XI. Wir wollen dir Angehänge von Gold machen
mit silbernen Puncten.

XII. So lang der König an seinem Tisch war /
gab meine Narde ihren Geruch.

XIII. Mein Liebster ist mir ein Büschelein Myrrhen.
Zwischen meinen Brüsten soll er
über Nacht seyn.

XIV. Mein Liebster ist mir
eine Traube Kopher
in den Weinbergen Engadi.

XV. Siehe / meine Freundin /
du bist schön!
Siehe / schön bist du.
Deine Augen seyn wie der Tauben.

XVI. Siehe / mein Liebster! du bist schön /
auch anmuthig.
So grünet auch unser Bett.

XVII. Die Balcken unserer Häuser seyn Cedern /
unsere Bühne von Brutbäumen.


Das II. Capitel

I. Ich bin eine Rose Sarons /
eine Lilie der Thäler.

II. Wie eine Lilie unter den Dornen /
so ist meine Freundin unter den Töchtern.

III. Wie ein Apffelbaum unter den
Bäumen des Waldes /
so ist mein Liebster unter den Söhnen.
Ich bin unter seinem Schatten /
den ich begehrt / gesessen /
und seine Frucht ist meinem Gaumen süsse.

IV. Er führte mich ins Wein Hause /
und sein Panier ob mir war die Liebe.

V. Unterstützet mich mit Flaschen /
bettet mir mit Aepfflen /
Denn ich bin kranck für Liebe.

VI. Seine Lincke sey unter meinem Haupt /
und seine Rechte umfahe mich.

VII. Ich beschwöre euch / ihr Töchter Jerusalem!
Bey den Rehen und bey den Hündinnen des Feldes:
So ihr werdet die Liebste aufwecken /
und werdet sie aufstehen machen /
biß es ihr gefället.

VIII. Es ist die Stimme meines Liebsten!
Siehe / er kommet springend über die Berge /
hüpffend über die Hügel.

IX. Mein Liebster ist gleich einem Rehe
oder jungen Hirschen.
Siehe / er stehet hinter unser Wand /
er gucket von den Fenstern herein /

X. Mein Liebster antwortet und spricht zu mir:
Stehe auf / meine Freundin / meine Schöne! und gehe mit.

XI. Denn siehe / der Winter ist vergangen /
der Platz-Regen ist fürüber /
indem er sich geändert.

XII. Die Blumen lassen sich sehen im Lande /
die Zeit der Beschneidung der Reben ist herbey kommen /
und die Turteltaube läßt sich hören
in unserm Lande.

XIII. Der Feigenbaum zeitigt seine Feigen /
die Weinstöcke / so in der Blüthe seyn /
geben ihren Geruch.
Stehe auf meine Freundin /
meine Schöne! und gehe.

XIV. O meine Taube in den Klüfften des Felsen /
in dem verborgnen Winckel der gähen Steige!
Laß mich deine Gestalt sehen /
laß mich deine Stimme hören /
denn deine Stimme ist süß /
und deine Gestalt angenehm.

XVI. Mein Liebster ist mir und ich ihme /
der unter den Lilien weydet.

XVII. So lang biß der Tag Lufft schöpffe
und die Schatten weichen.
Kehre um mein Liebster!
werde gleich einem Rehe /
oder jungen Hirschen auf den Bergen.


Das III. Capitel

I. Ich suchte zu Nachtzeiten auf meinem Lager /
den meine Seele liebet /
ich suchte / aber fande ihn nicht.

II. Ey! ich will aufstehen /
und umgehen in der Stadt /
auf Gassen und Strassen
will ich suchen den meine Seele liebet.
Ich hab ihn gesucht /
aber ihn nicht gefunden.

III. Es funden mich die Wächter /
die in der Stadt herumb gehen.
Habt ihr gesehen / den meine Seele liebet?

IV. Kaum wars / daß ich von ihnen fürüber gangen /
biß ich fande den /
den meine Seele liebet.
Ich will ihn anfassen und nicht lassen /
biß daß ich ihn führe
in meiner Mutter Hause /
in die Kammer meiner Gebährerin.

V. Ich beschwöhre euch /
ihr Töchter Jerusalem!
bey den Rehen oder Hündinnen des Feldes /
wann ihr werdet die Liebe aufwecken /
und aufstehen machen /
biß es ihr gefällt.

VI. Wer ist die / so da herauf
gehet aus der Wüsten /
wie Palmen vom Rauch?
Die mit Myrrhen und Weyrauch beräuchert ist /
mehr als mit allem Pulver eines Krämers.

VII. Siehe! sein / des Salomo Bette!
sechzig Helden sind umb dasselbe herumb /
aus den Helden Israels.

VIII. Sie sind alle zum Schwerdt angehalten /
und unterrichtet des Kriegs.
Ein jeglicher hat sein Schwerdt
an seiner Hüfft /
umb der Furcht willen zu Nacht-Zeiten.

IX. Der König Salomo machte ihm eine Sänffte
von Holz deß Libanons.

X. Ihre Säulen machte er von Silber /
ihren Boden von Gold /
ihren Sitz von Purpur /
ihr Mittleres gepflastert /
Liebe / für den Töchtern Jerusalems.

XI. Gehet heraus / und schauet den König Salomo an /
ihr Töchter Zions! in der Crone /
damit ihn seine Mutter gecrönet hat
am Tag seiner Vermählung /
und am Tag der Freude seines Herzens.


Das IV. Capitel

I. Siehe / du bist schön / meine Freundin!
siehe / schön bist du.
Deine Augen sind der Tauben zwischen
deinem geflochtenen Haar.
Dein Haar ist wie eine Heerde Zigen /
die vom Gebürge Gilead schimmern.

II. Deine Zähne sind wie eine Heerde
geschorner Schaafen /
die aus der Schwemme herauf steigen /
die alle Zwillinge gebähren /
und keines unter ihnen mangelt der Jungen.

III. Deine Lippen sind wie ein Scharlach-Zwirn /
und dein Stillschweigen ist wohlanständig.
Dein Schläff zwischen deinem geflochtnenen Haar
ist wie ein abgeschnittenes Stück
eines Granat-Apffels.

IV. Dein Halß ist wie der Thurm David /
zu Köcher-Behältnussen erbauet.
Tausend Schildte sind über ihm aufgehanget /
lauter Schildte der Helden.

V. Deine zwo Brüste sind wie zwey
junge Rehe-Zwillinge /
die unter den Lilien weyden.

VI. Biß der Tag Odem hohle /
und die Schatten fliehen
So will ich zum Myrrhen-Berg
und Weyrach-Hügel gehen.

VII. Du bist ganz schöne / meine Freundin!
und ist kein Tadel an dir.

VIII. Du / Braut! solt mit mir vom Libanon /
mit mir vom Libanon kommen:
Du solt von der Spitze Amana herabschauen /
von der Spitze Senir und Hermon /
von den Wohnungen der Löwen /
und von den Bergen der Pardel.

IX. Du hast mir mein Hertz gerühret /
meine Schwester Braut /
du hast mir mein Hertz bewegt
mit deiner Augen einem /
und mit deiner Halß Gezierden einer.

X. Wie schön sind deine Liebes-Erzeigungen /
meine Schwester Braut!
Wie viel besser sind eine Liebes-Erweisungen /
als Wein? und deiner Salben Geruch besser /
als alle Gewürze?

XI. Deine Lippen / O Braut! trieffen von Honigseim.
Honig und Milch ist unter deiner Zungen /
und der Geruch deiner Kleider ist
wie der Geruch deß Libanon.

XII. Du / meine Schwester Braut!
bist ein beschlossener Garten /
eine verrigelte aufwallende Quelle /
ein versiegelter Brunnen.

XIII. Deine gepflantzte Sprößlinge sind ein Paradiß
der Granat-Aepffel /
samt der Frucht der besten Gewächsen /
des Cypern mit den Narden.

XIV. Narde und Safran / Caneel und Zimmet /
mit allerley Weyrauch-Bäumlein /
Myrrhen und Asaloth /
mit allen fürtrefflichsten Gewürzen.

XV. Du bist ein Garten-Brunn /
ein Brunnen lebendigen Wassers /
und deß / so vom Libanon herab fleußt.

XVI. Stehe auf Nord-Wind /
und komme Süd-Wind /
wehe zu auf meinen Garten /
seine Gewürtze sollen trieffen.
Mein Liebster komme in seinen Garten /
und esse die Frucht seiner besten Gewächsen.


Das V. Capitel

I. Ich komme in meinen Garten /
meine Schwester Braut!
Ich pflücke meine Myrrhen ab /
samt meinem Gewürtze.
Ich esse meine Wald-Früchte samt meinem Honig.
Ich trinke meinen Wein samt meiner Milch.
Esset ihr Freunde / trincket ihr Lieben /
und werdet truncken.

II. Ich schlieff / aber mein Hertz wachte.
Da war die Stimme meines Liebsten /
der anklopffte: Thu mir auf / meine Schwester /
meine Freundin / meine Taube / meine Vollkommene!
Denn mein Haupt ist voll Thaus /
meine Locken von Nachttropfen.

III. Ich habe meinen Rock ausgezogen /
wie solt ich ihn anziehen?
Ich habe meine Füsse gewaschen /
wie solt ich sie besudeln?

IV. Mein Liebster streckte seine Hand durch das Loch /
und mein Eingeweyde brummte darüber.

V. Ich stunde auf / meinem Liebsten aufzuthun /
und meine Hände troffen mit Myrrhen /
und meine Finger mit übergehender
Myrrhen auf die Handheben deß Rigels.

VI. Ich that meinem Liebsten auf /
aber mein Liebster war /
sich umdrehende / fürüber gangen.
Meine Seele gieng aus / da er redete.
Ich suchte ihn / aber ich fande ihn nicht:
Ich rieff ihme / aber er antwortete mir nicht.

VII. Es traffen mich die Wächter an /
die umher gehen in der Stadt /
die schlugen mich / daß sie mich verwundeten.
Die Wächter der Mauern
nahmen mir meinen Schleyer ab.

VIII. Ich beschwöhre euch / ihr Töchter Jerusalem!
wann ihr meinen Liebsten antreffet /
was wolt ihr ihme melden?
daß ich von Liebe krankc sey?

IX. Was ist dein Liebster mehr denn ein anderer /
du schönste unter den Weibern!
Was ist dein Liebster vor einem andern
daß du uns so beschwöhrest?

X. Mein Liebster ist weiß und roth /
ein Fähndrich vor zehen tausenden.

XI. Sein Haupt ist das feineste Gold /
seine Haarlocken sind gerollet /
und schwarz wie ein Rabe.

XII. Seine Augen sind wie der Tauben an den
Wasser-Bächen / die sich in Milch baden /
die auf der Fülle sitzen.

XIII. Seine Backen sind wie ein Wurtz-Garten-Beete /
Thürmlein der Specerey-Köche.
Seine Lippen sind Lilien /
trieffend von übergehenden Myrrhen.

XIV. Seine Hände sind güldene Ringe
mit Tharsis-Stein gefüllet.
Sein Bauch ist ein Glanz deß Elfenbeins
mit Saphiren besetzet.

XV. Seine Schenckel sind Marmel-Säule /
gegründet auf güldenen Fußgestellen.
Sein Ansehen ist wie der Libanon /
außerwählt wie Cedern.

XVI. Seine Gaumen sind Süssigkeiten /
und alles was er ist / lauter Annehmlichkeiten.
Der ist mein Liebster /
und der ist mein Freund /
ihr Töchtern Jerusalem.


Das VI. Capitel

I. Wo ist dein Liebster hingegangen /
O du Schönste unter den Weibern?
Wo hat sich dein Liebster hingekehrt?
so wollen wir ihn mit dir suchen.

II. Mein Liebster ist hinab gegangen
zu seinem Garten / zu den Gewürtz-Beeten /
in den Gärten zu weyden / und Lilien zu sammlen.

III. Ich bin meinem Liebsten /
und mein Liebster ist mir /
der unter den Lilien waydet.

IV. Du bist schön / meine Freundin!
wie Thirza / zierlich wie Jerusalem /
schröcklich wie unter den Fahnen
gestellte Krieges-Hauffen.

V. Wende deine Augen von mir ab /
denn sie gegen mich zu starck seyn.
Dein Haar ist wie eine Heerde Ziegen /
die von Gilead schimmern.

VI. Deine Zähne sind wie eine Heerde
der Schaafen / die aus der Schwemme herauf steigen /
welche alle Zwillinge haben /
und ist keines unter ihnen der Jungen beraubet.

VII. Dein Schläff ist wie ein Stück von
Granat-Apffel zwischen deinem geflochtenen Haar.

VIII. Sechzig sind der Königinnen /
und achtzig Kebsweiber /
und der Jungfrauen ist keine Zahl.

IX. Diese einige ist meine Taube / meine Vollkommene.
Diese ist die einige ihrer Mutter /
diese ist die Außerwählte ihrer Gebährerin.
Die Töchtern sahen sie /
und preiseten sie glückselig /
die Königinnen und Kebsweiber /
und lobten sie.

X. Wer ist die / so herfür schauet /
wie die Morgen-Röthe /
schön wie der Mond / klar wie die Sonne /
schröcklich wie die unter den Fahnen
geordnete Schaaren?

XI. Ich war hinab gegangen
in den Nuß-Garten /
zu besehen die grünende Pflanzen des Thals /
zu besehen / ob der Weinstock blühe /
ob die Granat-Aepffel-Bäum Blüth haben?

XII. Ich hatte es nicht gewust.
Meine Begierde setzte mich
auf die Wagen meines willigen Volks.


Das VII. Capitel

I. Komme wieder / komme wieder /
Sulamith!
komme wieder / komme doch wieder /
daß wir dich ansehen.
Was wolt ihr sehen an der Sulamith?
Gleichsam einen Rayen zu Machanaim?

II. Wie fein sind deine Schritte
in den Schuhen / du Tochter deß Fürsten!
die Umwendungen deiner Hüfften
sind wie (güldene) Ketten /
die ein Werck seynd der Hände eines Künstlers.

III. Dein Nabel ist ein runder Becher /
deme es an gemischtem Geträncke nicht mangelt.
Dein Bauch ist ein Waitzen-Hauffe /
mit Lilien umbzäunet.

IV. Deine zwo Brüste sind wie zwey junge
Rehe-Zwillinge.

V. Dein Halß ist wie ein Elffenbeinern Thurm.
Deine Augen sind Teiche zu Heßbon /
am Thor Bathrabbim.
Deine Nase ist wie der Thurm deß Libanons /
der gegen Damascum siehet.

VI. Dein Haupt auf dir / ist wie der Carmel /
und das fliegende Haar deines Hauptes
ist wie Purpur /
der König ist an die Canäle gebunden.

VII. Wie schön und wie lieblich bist du /
O du Liebe! in Ergötzlichkeiten.

VIII. Diese deine Statur ist gleich
einem Palm-Baum / und deine Brüste den Trauben.

IX. Ich spreche: Ich will auf den Palm-Baum steigen /
und seine Zweige ergreiffen.
Und ey doch / laß deine Brüste seyn
wie die Trauben deß Weinstocks /
und deiner Nasen Ruch wie Aepffel.

X. Und deinen Gaumen wie guten Wein /
der meinem Geliebten glatt eingehet /
und der die Lippen der Schlummernden
geschwätzig macht.

XI. Ich bin meinem Liebsten /
und er ist emsig meinetwegen.

XII. Gehe / mein Liebster!
laß uns ins Feld hinaus gehen /
wir wollen in den Dörffern übernacht bleiben.

XIII. Wir wollen früh auf seyn zu den Weinbergen:
wollen sehen / ob der Weinstock ausgeschlagen?
die Trauben-Blüth sich aufthue?
die Granat-Bäume blühen?
allda will ich dir meine Liebs-Erweisungen mittheilen.

XIV. Die Dudaim geben ihren Geruch /
und allerley köstliche Früchte an unsern Thüren /
die neue und die alte.
Ich habe sie dir / mein Liebster!
heimlich aufbehalten.


Das VIII. Capitel

I. Ach / daß du mein Bruder wärest /
der meiner Mutter Brüste gesogen hätte!
Wann ich dich draussen fände /
wolt ich dich küssen / auch würde man meiner
nicht spotten.

II. Ich will / dich führend /
in meiner Mutter Hause bringen /
die mich unterrichten wird.
Ich will dich mit gewürtzten Wein träncken /
mit Safft meines Granat-Apffels.

III. Seine Lincke soll unter meinem Haupt seyn /
und seine Rechte mich umfahen.

IV. Ich beschwöhre euch / ihr Töchter Jerusalem!
was wolt ihr die Liebe aufwecken /
und was wolt ihr sie aufstehen machen /
biß daß es ihr gefällig ist?

V. Wer ist diese / die von der Wüsten herauf gehet /
die sich auf ihren Liebsten steutet? [stützt]
Unter dem Apffel-Baum hab ich dich aufgeweckt /
daselbst hat dich deine Mutter schmertzlich gebohren /
daselbst hat deine Gebährerin Geburths-Schmertzen gehabt.

VI. Setze mich wie ein Siegel auf dein Hertz /
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn die Liebe ist starck wie der Tod /
und Eyfer ist wie die Hölle.
Ihre Kohlen sind wie glühende Kohlen einer grossen Flamme.

VII. Viel Wasser mögen die Liebe nicht auslöschen /
noch Ströhme überschwemmen:
wann ein Mann alles Vermögen seines Hauses
der Liebe halben hergeben wolte /
würde mans ihme gäntzlich verachten.

VIII. Wir haben eine Schwester /
die klein ist / und keine Brüste hat,
was wollen wir unserer Schwester thun /
auf den Tag / da ihretwegen wird geredet werden?

IX. Ist sie eine Maur / so wollen wir
einen silbernen Pallast auf sie bauen:
und ist sie eine Thüre /
so wollen wir sie mit einem Cedern-Brett versperren.

X. Ich bin eine Maur / und meine Brüste sind
wie Thürlein: da bin ich nun in seinen Augen
als eine die Frieden findet.

XI. Salomo hatte einen Weinberg zu Baalhamon.
Solchen Weinberg übergab er den Hütern /
ein jeder bracht für seine Frucht
tausend Silberling.

XII. Mein Weinberg / der mir ist / ist für mir.
Die 1000 Silberling sind dir / Salomo /
aber 200 den Hütern seiner Frucht.

XIII. O die du in den Gärten wohnest!
die Gesellen warten auf deine Stimme /
laß mich sie hören.

XIV. Fliehe / mein Liebster!
und sey gleich einem Rehe
oder jungen Hirschen
auf den Würtz-Bergen.

übersetzt von Georg Wachter (1652-1733)

Aus: Das Hohe Lied deß Salomo
Aus Dem Ebräischen Grund-Text das Teutsche
nach dem Grammaticalischen Sinn übersetzt /
und Mit kurtzen Philologischen Anmerckungen /
in denen diese Dollmetschung bestättiget /
zuweilen auch anderer Außleger Meynungen
bescheidentlich examiniert werden /
erläutert.
Samt Einer vorgesetzten Einleitung
und Abtheilung desselben
als eines Geistlichen Sing-Spiels /
in seine Actus und Scenas;
Wie auch Einem Anhang zu den Anmerckungen
Von G. W. [Georg Wachter]
Memmingen Gedruckt bey David Hummel Anno 1722



 

 

 

zurück zum Inhaltsverzeichnis