Das Liebes-Poetische Manuskript N° 55

Hundert Küsse zu hundertmalen, hundert Küsse zu tausendmalen,
tausend Küsse zu tausendmalen ...

Die Küsse des Johannes Secundus (1511-1536)
 


Hans Holbein der Jüngere (1497-1543)
Kopf einer Frau



Siebzehnter Kuss

Wie bey des Morgens Erglühn die Ros' in purpurner Glut strahlt,
Wenn sie des nächtlichen Thau's blinkende Perlen geküßt,
Röthend am Morgen erglühn so meiner Gebieterinn Küß' auch,
Wenn in der langen Nacht ich sie mit Küssen bethaut.
Blendend mit Lilienschnee umkränzet das weiße Gesicht sie,
Wie die Viol' in der Hand schneeiger Mädchen erglänzt.
So glühn unter der Pracht verspäteter Blüten die Kirschen,
Und der Sommer und Lenz prangen am Baume zugleich.
Warum treibt es mich Armen hinweg vom Lager der Liebe,
Wenn vom heißeren Mund heißeste Küsse du hauchst!
So bewahre mir mindestens denn die glühenden Lippen,
Bis der beschattenden Nacht Ruhe dir wieder mich bringt:
Aber pflückten indeß sie Küsse von anderen Lippen,
Decke sie bleicherer Frost als auf den Wangen mir wohnt.



 

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Übersicht

Gedicht aus: Die Küsse des Johannes Secundus
München Hyperion Verlag 1920
In der Übersetzung von Franz Passow [1786-1833]
(nach der Ausgabe Leipzig 1807)
(S. 49)
 


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