Friedrich Marc (1819-?) - Liebesgedichte

 



Friedrich Marc
(1819-?)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 



Minneblüthen

Huldigung

1.
Dir folgend, wag' ich kaum von fern zu stehen,
In deiner Züge Wonne mich zu senken;
Doch wenn ich nahe, heiße mich nicht gehen,
Nicht eile dann den Schritt von mir zu lenken.

An dieser Reize nie geahnter Fülle
Laß meinen Blick im Schmerze sich verklären,
Dir nicht beschwerlich, unbemerkt und stille
Mich dieses immer tief're Leiden nähren.

Verlasse sterbend nicht in diesem Thale
Die Blume, die nach deinen Blicken schmachtet;
Sie will ja welken, sei's an deinem Strahle,
Doch nicht in bitt'rer Trennung trüb umnachtet;

Daß noch der Himmel öffne sich der blaue,
Ihr Opferduft zu deinem Throne steige,
Sie deines Anblicks volle Pracht noch schaue,
Und dann ihr Haupt zum kalten Boden neige.
(S. 1-2)


2.
Wie auf erhabnem Bilde der Madonne
Besiegte Blicke starr gefesselt weilen,
Der Seele Schwingen zu der Himmelswonne,
Der reinsten, ungehemmten Fluges eilen:

So ruht mein Blick an ihren holden Brauen,
Um die der Unschuld heil'ge Strahlen spielen,
Gekettet, schwelgt verloren im Beschauen; -
Da nahst du, Sehnsucht, kaum gehofften Zielen.

O möchte sie mit meinem Leben schalten
Es pflanzen ganz in ihre milde Sfäre,
Daß Blüthen, ihrer würdig, sich entfalten,
Daß nicht, verschmäht, es welkend sich verzehre.
(S. 2)


3.
Ihr Blumen, blühet auf vor ihren Füßen,
Verhauchet ihr die reichsten, reinsten Düfte!
Ihr lauen Winde, müsset sie begrüßen,
Und von ihr weichet all' ihr rauhen Lüfte!

Ihr Bäume, wölbet euch mit Aesten, Zweigen
Zu Tempeln, über ihrem Haupte ragend!
Ihr scheuen Rehe mögt euch traut ihr zeigen;
Herbei zu ihr, ihr Nachtigallen, schlagend!

Was wilden Sinns ihr nahte, sinke nieder
Zu Füßen ihr, vom Zauberbann durchdrungen,
Wie dieses Herz; nicht kenn' ich jetzt es wieder,
Von ihr erfüllt, zu ihr emporgeschwungen.
(S. 3)


4.
Ich nenne dich die Liebste,
Und, ach, du kennst mich kaum.
Mein Glück ist nur ein leerer,
Ein allzuschöner Traum.

Ich nenne dich die Liebste
Von allen holden Frau'n
Und sollt' ich auch die schönsten
Im Erdenrunde schau'n.

Ich nenne dich die Liebste
Im Herzen ganz geheim,
Den Lippen still verschwiegen,
Verborgen auch im Reim.

Ich nenne dich die Liebste,
Und hoffen darf ich kaum,
Daß sich erfüllen werde
Des Herzens süßer Traum.
(S. 4)


5.
Ein Blick von dir, ein Laut von deinem Munde
Ist, was mein krankes Herz begehrt.
O lind're, heile diese tiefe Wunde,
Die meine Lebenskraft verzehrt.

Wenn nur dein Auge hin zu mir sich wendet,
Mir deine holde Lippe sich bewegt,
Da pocht mein Herz, als ob der Gram geendet,
Beglückt, da dir es nah sich regt.
(S. 4)


6.
Ständchen
Höre meiner Laute Klänge
Durch die stille Nacht erzittern.
Süßer Reize Lobgesänge
Nahen deinen Fenstergittern.

Einsam weil' ich hier im Dunkeln,
Freudenlos, und von den Sternen
Nur gesehen, die mir funkeln
Milden Trost von blauen Fernen.

Rings ist Alles Schlaf und Friede,
Blätter flüstern wie in Träumen.
Nur die Schmerzen mit dem Liede
Schweben wach in diesen Räumen.

Wenn den Schlummer unterbrachen
Töne, die dem Lager nahten,
Für ein kurzes, halbes Wachen
Dein Verzeihen auch erbaten:

Zürne nicht und schlumm're wieder,
Bleibt ein Echo nur der Töne,
Rührt die Stimme dieser Lieder
Doch vielleicht dein Herz, du Schöne.
(S. 4-5)


7.
Wie kann der Mund es auszusprechen wagen,
Wovon der Busen pocht und bangt und zittert!
Ich sah von jachem Blitz den Baum zersplittert,
Der hoch zum Himmel dürstend wollte ragen.

Wie darf ich meiner Liebe Schmerz dir klagen,
Von engen Lebens Schranken rings umgittert,
Ein Herz dir bieten, so verarmt, verbittert,
Um Seligkeit dafür hinwegzutragen?

So kniet ein Pilger vor dem Heil'genscheine
Und sucht Erlösung dort von tiefem Harme.
Er fleht in Demuth und mit Sinnesreine;

Erfährt des Himmels Huld verklärt der Arme,
Da fühlt er, wie das reinste Glück erscheine,
Wie Liebe freibegnadend sich erbarme.
(S. 5-6)


8.
Gefühle, lang verschlossen
Und übertäubt,
Sie sind hervorgeschossen,
Wie reißend Bergfluth stäubt;
Bis ihrem Stürmen, Drängen
Und Sehnsuchtsweh
Die heil'gen Tiefen öffnet
Der stille See.

Du leuchtest mir entgegen,
Du Ziel, du Hort;
Es zieht auf allen Wegen
Zu dir allein mich fort.

Du hegst in Herzenstiefen
Den Himmel klar
Und strahlst ihn mild vom Auge,
So rein, so wahr.
(S. 6-7)
_____



Begegnung

Sie zu sehen, ist mein Sinnen,
Ist mein Hoffen und Verlangen;
Doch ich möchte gleich entrinnen,
Kommt von ferne sie gegangen.

Wenn sie naht, so wogt mir trunken
Rings die Welt in wildem Schwanken,
Gehe, stehe traumversunken,
Sinne schwinden und Gedanken.

Ging sie, wird die Welt mir trüber,
Trüb das Auge, kaum geblendet.
All mein Glück, es scheint vorüber,
Ewig von mir abgewendet.
(S. 7)
_____



Ball

Gestern war sie auf dem Balle,
Sie, die Lieblichste der Schönen.
Was Drommete, laut mit Schalle,
Geige rief mit wilden Tönen,
Milder, aber hell die Flöte:
Waren ihres Ruhms Fanfaren.
Alles müßte sich ihr neigen,
Alles sich besiegt gewahren,
Wo sie schwebte in dem Reigen.

Aus den Scharen von Gesichtern,
Die verdunkelt sie umflossen,
Glanzberaubt trotz allen Lichtern, -
Sah das ihre, wie entsprossen
Eine Rose steht in Büschen,
Welche zwar mit Neid sie hüllen,
Mit dem eignen armen Dunkel
Ihre Nähe zwar erfüllen,
Doch erhöhen ihr Gefunkel.

Ach, in ihrer Augen Glanze,
In der Anmuth Duft zu schweben,
Um ein solches Glück im Tanze
Hätt' ich Reiche hingegeben;
Doch vergebens war das Mühen
Meinem Herzen einzuflößen
Muth, zu ihr den Fuß zu richten;
Konnte nicht die Fessel lösen,
War gebannt mit Bleigewichten.

So, ein Tantalus an Qualen,
Mußt' ich einen Andern schauen
Hell von stolzer Wonne strahlen
Bei der schönsten aller Frauen.
Wilder klopften meine Pulse,
Wußte kaum mich mehr zu fassen,
Wollte mit den Buben rechten,
Bis zum Tode wild ihn hassen,
Bis zum Tode blutig fechten.

Aber streng ermahnend drangen
In den Sinn mir jetzt die Worte:
"Kannst du leidenschaftbefangen
Merken nicht an diesem Orte
Jenen schlimmen Gott Cupido,
Welcher höhnt verliebte Thoren,
Pfeile schickt, die scharfen, jachen,
Aber dich zum Ziel erkoren,
Einem gränzendlosen Lachen?

Zähmend Wahn und Wuth zu fassen,
Suche jetzt, die schlecht bewachten,
Die in Reue dich verlassen,
Wenn sie tolle That dir fachten." -
Zürnend war ich bald entronnen
In das Dunkel, in die Kühle;
Fliehend, wo die Klänge schwanden
Von dem fernen Glanzgewühle,
Wo mich Gram und Stille fanden,

Wo der Zefyr von den Linden
Meine heiße Stirne grüßte,
Mildes Trösten ließ empfinden,
Mich mit Duft der Blüthen küßte,
Doch vergebens freundlich nahte:
Denn ich sprach: "Es ist verloren
Jetzt Gelegenheit, so golden,
Die mir strahlte, mir, dem Thoren,
Bei dem Engel dort, dem holden!"
(S. 7-10)
_____



Abendgesellschaft

Die Gäste standen rings, wo am Klavier
Sie saß, von Anmuth zauberhaft umflossen.
An ihrem Sitze hatt' ich Raum gefunden.
Wie schlug mein Herz! fast konnte sie's vernehmen.
Ich war getrennt nur einen Hauch von ihr;
Da ward die Ferne ganz von mir empfunden.

Die Saiten, von der Lieblichen berührt,
Durchbebten mir den Busen mit Accorden.
Von diesen Klängen wogte leicht umwunden
Ihr Singen, - wie mit Blumen Lüfte spielen,
Wie Sturmesdrang den Wolkenball entführt.
Da war im Ton die Seele mir entschwunden.

Wie aus dem hellsten Tag in trübe Nacht,
Aus Wonnen zerrten mich des Lobes Stimmen,
Die Augen kehrt' ich weg, die thränenvollen,
Die stürmenden Gefühle fern zu stillen:
Da kam der Gönner, der mich hergebracht,
Ihm mußt ich Dank für diesen Abend zollen.

Wol theuer kauft' ich dort den süßen Schein,
Den kurzen Stand an meines Himmels Thüre. -
"Es ist," so sprach der Freund, "zuwider Ihnen,
Ich merkt' es wohl, das Klimpern und Gesinge.
Ich lade Sie zu einem Glase Wein.
Man wird mit Anderm noch uns reich bedienen.

Hinüber zu den Flaschen, weingefüllt,
Zu wildem Schweinskopf und zu Bärenschinken,
Den Weibern fern und ihrem schalen Theetisch! -
Wir fassen Posto dort bis an den Morgen.
Wie lacht die Flasche hold, von Eis umhüllt,
Wie singt Champagner süß und doch pathetisch!"
(S. 10-11)
_____



An ihre Rose

Die du strahlst an ihrem Kleide,
An den Busen festgebannt,
Rose, daß ich dich beneide,
Machte dir mein Blick bekannt.

Was ich schmachte jetzt zu wissen,
Wer den Busen ihr erregt,
Wen sie gerne mag vermissen,
Wen sie, ach, im Herzen hegt:

Du wol weißt es, denn im Kreise
Schwebtest du mit ihr zugleich;
Jede Wallung, noch so leise,
Kam in deiner Zier Bereich.

Ja, du weißt, ob ich vergebens
Ihrer denke Tag und Nacht;
Ob ein Zittern tiefsten Lebens
Meine Sehnsucht ihr gefacht;

Ob sie mich in Qualen schmachten
Läßt zum Frohn der Eitelkeit,
Meine Gluthen mag verachten,
Ja dem Spotte still mich weiht.

Die du strahlst an ihrem Kleide,
An dem Busen darfst verblüh'n,
Rose, wie ich Dich beneide,
Weil sie dort dich läßt verglüh'n!
(S. 12-13)
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Entdeckung

Hat es ein Vöglein gesagt,
Das in den Zweigen ihr sang?
Hat es ein Lüftlein geklagt,
Das zu den Ohren ihr drang?
Sie fühlt es, sie weiß es,
Wunderbares Wehen!
Ich sah es, sie weiß es,
Kann ins Herz mir sehen.

Wangen, so plötzlich erglüht,
Wimpern, so innig gesenkt,
Haben dem kranken Gemüth
Hoffen und Leben geschenkt.
Es blühet, es jauchzet
Rings der Welt Entzücken;
O könnt' ich die ganze
Welt ans Herze drücken!
(S. 13)
_____



Regenwetter

Zerreißen möcht' ich diesen Wolkenflor,
Es bannt die Liebste jetzt in ihre Zelle;
Sie träte nach der Sonne bald hervor,
Mir würde dann im Herzen wieder helle.

O, trübe, träge, böse Wolken flieht;
Wie lange wollt ihr noch das Blau umfließen!
Zu kalten, klugen Menschen weiter zieht,
Statt Liebe kränkend fort und fort zu gießen.
(S. 14)
_____



Vergebliches Bedenken

Wohin ich auch Gedanken lasse streifen,
Daß Spur von jenen Mächten ich erkunde,
Die eisern lenken dunkler Zukunft Stunde,
Und wenn ich Früchte schaue, die mir reifen:

Da will mich stets der strenge Schluß ergreifen:
"Dir ward das Schönste nicht zu frohem Funde;
Entsagen mußt du diesem Herzensbunde;
Es ist umsonst nach seinem Ziel zu schweifen."

So droht und mahnt mit ernster Stirn' Erfahrung;
Ich fühle blos den Durst der Seele brennen;
Sie schöpft allein an diesem Schmerze Nahrung.

Sie kann sich nicht vom eignen Leben trennen
Und all' ihr Streben läßt nur Offenbarung
Der unumschränkten Herrscherin erkennen.
(S. 14-15)
_____



Kalter Blick

Nach langem Dulden, langem Warten
Erschien ein Tag, so schön wie sie;
Die Liebste sah ich in dem Garten,
Die dort mir kalten Blick verlieh.

Und das die Frucht von bangem Hoffen,
Und das der Lohn der Sehnsuchtspein!
O hätte mich ein Blitz getroffen,
Anstatt so ganz verschmäht zu sein!

Nicht führte mich an ihrem Hause
Des Abends noch der Weg vorbei.
Es brach mir einsam in der Klause
Der Kummer fast das Herz entzwei.

So warf ich mich aufs Lager nieder,
So lag ich auf der Folterbank.
Es floh der Schlaf die Augenlieder,
Es fand der Tag mich matt und krank.

Die Blicke mocht ich nicht erheben,
Das Leben schien so öd und schal;
Und dennoch blieb das Herz ergeben
Der Quelle seiner Liebesqual.
(S. 15-16)
_____



Erste Trennung

1.
Ich schweif' allein
Jetzt voller Pein.
Die Thräne quillt, und fort und fort
Durchzieht die Brust des Dichters Wort:
"Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide."

Mir ferne weilt
Mein Lieb', enteilt
Mit jeder Hoffnung, jedem Glück;
Ich aber blieb mit Leib zurück
"Allein und abgetrennt
Von jeder Freude."

An Berge drängt,
Dort brennend hängt
Mein Auge, wo die Schöne schwand;
Und schau' ich nicht der Berge Rand,
"Seh' ich ans Firmament
Nach jener Seite."

Vergebens glänzt,
Umsonst bekränzt,
Natur in heiterm Sonnenschein.
Ich mag wohl ganz vergessen sein.
"Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide."
(S. 16-17)


2.
Meine Seele spricht zu dir
Fern an lautem Tage,
Tönet fern in stiller Nacht
Ungehörte Klage.

Und es schweben geisterhaft
Trüber Minne Schemen,
Bilder, die zur dir den Lauf
Aus dem Herzen nehmen.
(S. 17)


3.
Aus der Ferne schrieb die Theure
Einer Freundin, doch sie hat
Mein gedacht mit keiner Sylbe
Auf dem engbeschriebnen Blatt.

Für die Katze, für den Vogel,
Für das Vieh so gut und lieb,
Ist sie, ach, in tausend Sorgen,
Weil verwaist es hier verblieb.

Auf dem Strand des weiten Meeres
Ihr genügt ein kleines Haus,
Und sie blickt gar manche Stunde
Sinnend auf die Fluth hinaus;

Und sie sagt, daß ihr Gemüthe
Gleiche schwankem Wellenspiel:
Schlimmes Zeichen, wenn so schwankend
Ihres Herzens Drang und Ziel;

Schlimmes Zeichen, doch beseligt
Wär' ich, wollten mir einmal
Treu die schönen Augen leuchten,
Wie die schwanke Fluth dem Strahl.
(S. 17-18)


4.
Winde weh'n und Wolken flieh'n,
Dort der Vögel Schaaren zieh'n
Hin zu ihr, hin zu ihr.

Hier im Abendglanze hell
Fließt der Strom so schnell, so schnell
Hin zu ihr, hin zu ihr.

Selig strahlt der Abendstern,
Mild wie sie und ewig fern
Hin zu ihr, hin zu ihr.

Töne schwinden in dem Wind:
Ob Gedanken Boten sind
Hin zu ihr, hin zu ihr?

Eines ist mir wohl bewußt:
Ewig drängt die bange Brust
Hin zu ihr, hin zu ihr.
(S. 18-19)
_____



Nächtlicher Gang

Laut erklangen meine Schritte
Auf der nächtig stillen Bahn;
Leiser kommen jetzt die Tritte
Zu bekanntem Ziel heran,

An das Haus, wo schlafumfangen
Ruht die Schöne mir so nah,
Wo der Bäume Zweige hangen
Schlummerstill im Monde da.

Hier um Rasen Büsche breiten
Tief geheimnißvolles Dunkel;
Dort wie Geister Nebel gleiten
Silberweiß im Lichtgefunkel.

Alles athmet Glück und Frieden
Und es ruht des Tages Pein;
Mir allein ist nicht beschieden
Auch beseligt hier zu sein.

Meiner Wehmuth Laute fließen
Leise durch den stillen Raum,
Sollen Niemand hier verdrießen,
Stören keinen süßen Traum.
(S. 19-20)
_____



Freundliche Begegnung

O süßer Blick, du solltest mich durchdringen
Zur Auferstehung aus des Todes Nächten.
Wie selig könnt' ich jetzt empor mich schwingen,
Wenn holde Worte mir Erfüllung brächten.

Wann endet dieses zweifelsvolle Bangen,
Dies Zagen, dieses Auf- und Niederschwanken?
Wann darf ich endlich in den Port gelangen,
Die Sterne segnen und dem Himmel danken?
(S. 20)
_____



Verlegenheit

Der erst im Reimgedichte
Sie kühnlich angefleht,
Er wurde ganz zunichte
Von ihrem Hauch umweht.
Die Zunge wollte wagen
Ein ernstes Wort vertraut, -
Da schlug das Herz mit Zagen,
Da stockte jeder Laut.

Es glühten ihm die Wangen,
Zu Boden mußt' er seh'n.
Da war sie weggegangen,
Sie ließ die Säule steh'n.
Nun zürnt er sich vergebens
Und grollt dem Mißgeschick;
Das Ziel so heißen Strebens
Entriß ein Augenblick.

Ob mein Geschick zur Scheibe
Des Spottes mich erkor:
Du milde Schöne bleibe
Mir gnädig wie zuvor.
Noch hatte nicht erfahren
Bezaubert jeder Sinn,
Eh' dort wir einsam waren,
So ganz die Herrscherin.
(S. 21-22)
_____



An deinen Blicken

An deinen Blicken mich gesunden
Laß süßes Licht nach dunkler Nacht!
Erstorben hast du mich gefunden,
Zum Leben bin ich neu erwacht.

Mit deinem schönen, milden Strahle
Erhelltest du mir diese Welt;
Erblühen seh' ich alle Thale,
Verklären sich das Himmelszelt.

Doch blieben meiner Seele Wunden,
Die nur vernarben mit der Zeit;
Sie laß an deinem Blick gesunden,
Der Leben beut und Seligkeit.
(S. 22)
_____



Liebesdank

Wie war zuerst ich arm vor dich getreten!
Du reichtest milde, was mir schnöd geraubt,
Du lehrtest wieder, wie ein Kind mich beten;
Ich glaube wieder, seit ich dir geglaubt.

Die klare Stirne gibt dir frohe Kunde
Wo sonst sich Schmerz und Finsterniß ergoß,
Und Melodie'n entschlüpfen einem Munde,
Der bitter sonst Gesängen sich verschloß.

Du gabst die frohe Welt dem Herzen wieder,
Das längst in öde Stille sich gebannt,
Du stiegst ein Engel in mein Leben nieder,
Vom Himmel zur Erlösung mir gesandt.

Mein neues Dasein will ich dir nun danken,
Die du so reich mir jeden Schmerz versüßt;
Die Hände laß uns in einander ranken,
Und muthig wird der trübste Tag begrüßt.
(S. 22-23)
_____



Untrennbar

Ob über Schönem meine Blicke schweben,
Das Herz sich hebt, die Reize zu genießen;
Wo Blüthenauen wonnig mich umfließen,
Wo Berge kühn nach ihrem Himmel streben; -

O, könnt' ich nicht im Geiste mit dir leben,
Dir stets vereint ans Herz das Schöne schließen;
Dem Allen würde dann nur Leid entsprießen,
Und Nichts vermöchte Freude mir zu geben.

Dies Leben will ich wahren, diese Wonnen,
Und streben, kämpfen, dulden, meiden,
Bis selbst der letzte Hoffnungsstrahl zerronnen.

Wer aber könnte jemals Seelen scheiden,
Die Eines Wesens Form und Kraft gewonnen:
Sie mögen Tod, doch Trennung nicht erleiden.
(S. 23-24)
_____



Gewissensbisse

Sie
War mir sonst doch alles Lügen
War zuvor mir doch Betrügen
Immer in den Tod verhaßt;
Aber jetzt in Unschulds-Weise,
Mit der Stirne glatt und frei,
Ohne zu erröthen leise,
Lüg' ich, von der Noth erfaßt.

Nie von fern mir kam zu Sinne
Was mir angethan die Minne.
Ich begreife selber kaum,
Scheu und ängstlich von Gemüthe,
Was ich wage jetzt so kühn.
Wenn ich dies Geheimniß hütte,
Jedem Mittel geb' ich Raum.

Wenn wir steif und kalt uns grüßen,
Eisig uns verhalten müssen,
Wahren jeden Blick und Zug,
Wenn wir so Komödie spielen,
Freundlich denen, die uns leid,
Also Sicherheit erzielen:
O, wie freut uns der Betrug!

Aber ach, es bleibt ein Lügen,
Immer ist es doch betrügen,
Treue Freunde trifft es gar.
Leider offen dem Verdachte
Stellte mich Erregung schon.
Wenn ich auf die Mutter achte,
Seh' ich deutlich die Gefahr.


Er
Treues Herz, uns war beschieden
Milde Ruh', wir hatten Frieden;
Aber jetzt begann der Krieg.
Kampf erheischt die reine Minne,
Von der argen Welt gedrängt,
Wo dem zarten Schäfersinne
Leicht entwunden wird der Sieg.

Keine Rettung der mag hoffen,
Dessen Thor und Thüren offen
Mächtig starkem Gegner steh'n.
Wer sich will in Freiheit schützen
Und vor harter Fessel Pein,
Klug die Waffen muß er nützen,
Oder sich verloren seh'n.

Dieß Geplänkel, Irreleiten,
Feindumgeh'n ist Vorbereiten,
Ist Beginn zu wildem Streit.
Ja, sie werden hart uns zwängen;
Nimmer wanke dann der Muth!
Neue Kräfte, wenn sie drängen,
Hält die Liebe treu bereit.

Traute, die ich mir ersehne,
Heldin sei und wie Athene
Führe ruhig klug die Wehr.
Bis hindurch zu Altarstufen
Unerschüttert wir gekämpft,
Bis wir Sieg frohlockend rufen,
Reiche weihend mir den Speer.
(S. 24-26)
_____



Vorwurfs Abwehr

Irrig sagst du, daß ich nur
Halb dir angehöre,
Auch umsonst der Treue Spur
Einzuhalten schwöre;
Weil mein Sinn entfernt von dir
Und entfremdet strebe;
Daß ich, Kurzweil suchend mir,
Raum der Liebe gebe.

Streng zu ernsten Zielen eilt
Von dir ab mein Denken;
Doch es will sich, noch getheilt,
Stets in dich versenken:
Ritter sind Gedanken dann,
Die dir ferne streifen,
Aber in der Treue Bann
Tragen deine Schleifen.
(S. 27)
_____



Abschied

Dein eigen war ich ganz und gar,
Bevor wir mußten scheiden;
Doch als die Stunde nahe war
Zu bitter langem Meiden:

Da wähnt' ich, dich an diesem Tag
Zuerst geliebt zu haben,
Durchbebt von jedem Glockenschlag,
Als sollt' ich dich begraben.

Fast sprang die Brust mir durch die Qual,
Die mich zu Boden drückte.
Ach, Alles schien nun todtenfahl,
Was sonst sich heiter schmückte.

Und wie der letzte Scheidekuß
An deine Lippen bebte,
Das war wie meines Lebens Schluß,
Wie wenn mein Geist entschwebte.

Und fürder wankt' ich dann allein,
Gesenkt den Blick, den nassen,
Mir kaum bewußt, betäubt von Pein,
Verwais't und ganz verlassen.

Die Bäume standen trauervoll
Am trüben Wintertage;
Der Zweige Thräne niederquoll
Und fiel mit leisem Schlage.

Sie tönte mild im Herzen nah
Und löste Thränenfluthen,
Bis süße Hoffnung wieder sprach
Mit tröstendem Ermuthen.

Noch lange schritt ich wie im Traum,
Ein Fremder auf der Erden.
Was sonst mich traf, ich fühlt' es kaum,
So Freuden wie Beschwerden.
(S. 27-29)
_____



Wanderziel
(Fragment)

O Freundin, die du treu zu mir gestanden -
Und Gleiches fühltest, wie mit meiner Seele,
Umschließend mich mit ew'gen Liebesbanden:

Die fernen, rauhen Wege die ich wähle,
Sie führen doch zuletzt aus diesen Landen
An deinen Busen, daß mir nicht mehr fehle.
(S. 29)
_____



Dein bewußt

Immer, Traute, dein bewußt,
Muß mein Wille streben,
Weil in seinem Quell, der Brust,
Deine Blicke schweben.

Immer füllt mir, zweifle nie,
Mag ich ferne wohnen,
Deiner Blicke Melodie
Lebensvariationen.
(S. 29-30)
_____



Ihr Kreuz

Du kleines Kreuz von Gold
Mit deinem seidnen Band,
Du süßer Minnesold,
Du theu'res Minnepfand!

Dich gab mit holdem Gruß
Sie mir zu stetem Hort,
Sammt einem heißen Kuß;
Der glüht noch immer fort.

Zu ihrem Ritter schlug
Sie mich auf schwerer Bahn,
Verhieß nach treuem Zug
Ihr süßes Kanaan.
(S. 30)
_____



So recht von Herzen

So recht von Herzen sich geliebt zu wissen, -
O, welches Glück wohl könnte diesem gleichen!
Wie lassen and're Freuden leicht sich missen,
Will jeder Puls die höchste nur erreichen.

Wenn süß allein des Lebens reichste Gaben,
Weil Hoffnung lebt, zu geben und zu theilen,
An Blicken treuvereint das Herz zu laben,
Und Trennungsschmerz durch Gegenwart zu heilen.

Ihr Augen mild und klar, ihr Engelsmienen,
Ihr sprecht: "So nimm mich hin, ich bin dein eigen."
So mag ihr Bild mir fern zum Troste dienen,
Und liebend darf ich mich dem Bilde neigen.

Nach diesem blick ich, hoffend ohne Wanken,
Es mag die Hölle locken oder toben;
Da fühl' ich jede Leidenschaft in Schranken
Und vom Gemeinen mich emporgehoben. -

Dem Siedler gleich, der Felsen, schroffe, wilde,
Die Nähe stiller Schnee- und Eisregionen
Verlassenheit vertauscht mit Thalesmilde,
Wo Lieb und Freundschaft lustumjubelt wohnen:

So sah' ich, ihr genaht, die Welt mir blühen;
Die Brust durchströmt von jungen Frühlingspochen.
Erbebte keiner Noth und keinen Mühen,
Und Haß wie Menschenscheu zerschmolz gebrochen.

Wie neu von Wald und Bach erklang das Rauschen,
Enträthselt strahlten jetzt gestirnte Sphären;
Natur, sie lohnte bald mein sinnend Lauschen
Mit Liedern die sich immer neu gebären.

So mögen Harmonieen uns begleiten,
Und volle Kränze jedes Alter schmücken.
O Glück, an ihrer Hand durchs Leben schreiten,
Ein solches Herz an meinen Busen drücken!
(S. 30-32)
_____


Aus: Gedichte von Friedrich Marc
London, Franz Thimm Deutsche Buchhandlung
Brook Street Grosvenor Square 1858
 

 


Biographie:

Friedrich Marc
Geboren 13. 05. 1819 London, Todesdatum und -ort unbekannt.
In Deutschland aufgewachsen. Nach abgebrochenem theol. Studium 1839 Hauslehrer in Wiesbaden. Dr. Phil. Giessen. Später Lehrer in London.

Schriften: Gedichte London 1858

Aus: Deutsches Literatur-Lexikon. Biogr. - bibliographisches Handbuch, begründet von Wilhelm Kosch, Francke Verlag Bern München 1986

 

 


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