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Friedrich von Matthisson
(1761-1831)
Inhaltsverzeichnis der
Gedichte:
Stimme der Liebe
Abendgewölke schweben hell
Am bepurpurten Himmel;
Hesperus schaut mit Liebesblick
Durch den blühenden Lindenhain,
Und sein prophetisches Trauerlied
Zirpt im Kraute das Heimchen!
Freuden der Liebe harren dein!
Flüstern leise die Winde;
Freuden der Liebe harren dein!
Tönt die Kehle der Nachtigall;
Hoch von dem Sternengewölb' herab
Hallt mir die Stimme der Liebe!
Aus der Platanen Labyrinth
Wandelt Laura, die Holde!
Blumen entsprießen dem Zephyrtritt,
Und wie Sphärengesangeston
Bebt von den Rosen der Lippe mir
Süße Stimme der Liebe!
aus: Friedrich von
Matthissons
Sämmtliche Werke Erster Band
Enthält: Gedichte Erster Theil
Wien 1815 (S. 17)
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Gelübde
Am Strauche, den des Mädchens Hand
Im Frühlingstanze streifte,
Daß Perlenthau auf ihr Gewand
Aus jeder Blüthe träufte:
Erinnrung! soll zu deinem Preis,
Sich ein Altar erheben,
Bekränzt mit Rosen, roth und weiß,
Umgrünt von jungen Reben!
Hier wo mit holdem Engelgruß,
Sie mir ins Auge blickte,
Und ich den ersten Feuerkuß
Auf ihre Lippen drückte:
O Hoffnung! dankbar weih' ich hier,
Mit jedem jungen Lenze,
Vor allen Himmelstöchtern, dir,
Des Gartens erste Kränze!
aus: Friedrich von
Matthissons
Sämmtliche Werke Erster Band
Enthält: Gedichte Erster Theil
Wien 1815 (S. 48)
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Geist der Liebe
Der Abend schleiert Flur und Hain
In traulich holde Dämmrung ein;
Hell flimmt, wo goldne Wölkchen ziehn,
Der Stern der Liebeskönigin.
Die Wogenflut hallt Schlummerklang,
Die Bäume lispeln Abendsang;
Der Wiese Gras umgaukelt lind
Mit Sylphenkuß der Frühlingswind.
Der Geist der Liebe wirkt und strebt,
Wo nur ein Puls der Schöpfung bebt;
Im Strom, wo Wog' in Woge fließt,
Im Hain, wo Blatt an Blatt sich schließt.
O Geist der Liebe! führe du
Dem Jüngling die Erkorne zu!
Ein Minneblick der Trauten hellt
Mit Himmelsglanz die Erdenwelt!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 43-44)
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Geisternähe
Der Dämm'rung Schein
Durchblinkt den Hain;
Hier, beim Geräusch des Wasserfalles,
Denk' ich nur dich, o du mein Alles!
Dein Zauberbild
Erscheint, so mild
Wie Hesperus im Abendgolde,
Dem fernen Freund, geliebte Holde!
Er sehnt wie hier
Sich stets nach dir;
Fest, wie den Stamm die Efeuranke,
Umschlingt dich liebend sein Gedanke.
Durchbebt dich auch
Im Abendhauch
Des Brudergeistes leises Wehen
Mit Vorgefühl von Wiedersehen?
Er ist's, der lind
Dir, süßes Kind,
Des Schleiers Silbernebel kräuselt,
Und in der Locken Fülle säuselt.
Oft hörst du ihn,
Wie Melodien
Der Wehmut aus gedämpften Saiten,
In stiller Nacht vorübergleiten.
Auch fesselfrei
Wird er getreu,
Dir ganz und einzig hingegeben,
In allen Welten dich umschweben.
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 221-222)
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Lied der Liebe
Durch Fichten am Hügel, durch Erlen am Bach,
Folgt immer dein Bildnis, du Traute! mir nach.
Es lächelt bald Wehmuth, es lächelt bald Ruh',
Im freundlichen Schimmer des Mondes mir zu.
Den Rosengesträuchen des Gartens entwallt
Im Glanze der Frühe die holde Gestalt;
Sie schwebt aus der Berge bepurpurtem Flor
Gleich einsam elysischen Schatten hervor.
Oft hab' ich, im Traume, als die schönste der Feen,
Auf goldenem Throne dich strahlen gesehn;
Oft hab' ich, zum hohen Olympus entzückt,
Als Hebe dich unter den Göttern erblickt.
Mir hallt aus den Tiefen, mir hallt von den Höhn,
Dein himmlischer Name wie Sphärengetön.
Ich wähne den Hauch, der die Blüten umwebt
Von deiner melodischen Stimme durchbebt.
In heiliger Mitternachtsstunde durchkreist
Des Äthers Gefilde mein ahnender Geist.
Geliebte! dort winkt uns ein Land, wo der Freund
Auf ewig der Freundin sich wieder vereint.
Die Freude sie schwindet, es dauert kein Leid;
Die Jahre verrauschen im Strome der Zeit;
Die Sonne wird sterben, die Erde vergehn:
Doch Liebe muß ewig und ewig bestehn.
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 219-220)
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Adelaide
Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten,
Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen,
Das durch wankende Blütenzweige zittert,
Adelaide!
In der spiegelnden Flut, im Schnee der Alpen,
In des sinkenden Tages Goldgewölken,
Im Gefilde der Sterne stralt dein Bildnis,
Adelaide!
Abendlüfte im zarten Laube flüstern,
Silberglöckchen des Mais im Grase säuseln,
Wellen rauschen und Nachtigallen flöten:
Adelaide!
Einst, o Wunder! entblüht, auf meinem Grabe,
Eine Blume der Asche meines Herzens;
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:
Adelaide!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 94-95)
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Frühlingsreigen
Freude jubelt; Liebe waltet;
Auf! beginnt den Maientanz!
Zephyrs lindem Hauch entfaltet
Sich der Blumengöttin Kranz.
In des Forst geheimer Dichte
Girrt und flötet Minnelaut;
Unterm Grün, im Abendlichte,
Kosen Bräutigam und Braut.
Bäll' und Opern freun den Städter,
Assembleen die Städterin:
Uns entzückt der Frühlingsäther,
Uns der Haine Baldachin.
Krönt der frohen Weisheit Becher!
Horcht der Wipfel Silberschall!
Webt verschwiegne Blätterdächer!
Ruht auf Moos' am Wasserfall!
Mit des Sinngrüns blauen Glocken
Schmückt der holden Jungfraun Haar!
Tanzt, beweht von Blüthenflocken!
Wallt im Zwielicht Paar und Paar!
Heute Kuss auf Kuss der Trauten,
Jüngling! die sich dir ergab:
Viel, ach! viel der Zähren thauten
Schon auf junger Bräute Grab!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 223-224)
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Der Bund
Sie an Ihn
Hast du's in meinem Auge nicht gelesen
Was ungestüm dein Mund seit gestern fragt?
Ich ahnd' in dir das gleichgeschaffne Wesen,
Und meines Daseyns öde Dämmrung tagt.
In dunkler Wolke webt mit leiser Hand,
Die Sympathie geheimnissvoll ihr Band.
Empfang', Ersehnter, diese Freudenzähre
Zum Dank, dass du den Himmel mir enthüllt!
Der Erd' entführt ins Thal der Schatten Chöre
Einst Psyche nur allein dein holdes Bild;
So rettete von Tauris wildem Strand
Sein Heiligthum Orest ins bessre Land.
Du, den ich kühn aus Tausenden erwähle,
O Schöpfer hoffnungsvoller Blüthenzeit!
In diesem Kuss nimm meine ganze Seele,
In diesem Ring, das Pfand der Ewigkeit;
Am Sternenhimmel flammt das heilge Wort;
Der Geister Einklang tönt unendlich fort.
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 213-214)
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Andenken
Ich denke dein,
Wenn durch den Hain
Der Nachtigallen
Akkorde schallen!
Wann denkst du mein?
Ich denke dein
Im Dämmerschein
Der Abendhelle
Am Schattenquelle!
Wo denkst du mein?
Ich denke dein
Mit süßer Pein
Mit bangem Sehnen
Und heißen Tränen!
Wie denkst du mein?
O denke mein,
Bis zum Verein
Auf besserm Sterne!
In jeder Ferne
Denk ich nur dein!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 217-218)
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Trost
An Elisa
Lehnst du deine bleichgehärmte Wange
Immer noch an diesen Aschenkrug?
Weinend um den Todten, den schon lange
Zu der Seraphim Triumphgesange
Der Vollendung Flügel trug?
Siehst du Gottes Sternenschrift dort flimmern,
Die der bangen Schwermuth Trost verheißt?
Heller wird der Glaube nun dir schimmern,
Daß hoch über seiner Hülle Trümmern
Walle des Geliebten Geist!
Wohl, o wohl dem liebenden Gefährten
Deiner Sehnsucht, er ist ewig dein!
Wiedersehn, im Lande der Verklärten
Wirst du, Dulderin, den Langentbehrten,
Und wie er unsterblich seyn!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 63)
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Julius an Theone
Nimmer, nimmer darf ich dir gestehen,
Was beim ersten Drucke deiner Hand,
Süße Zauberin, mein Herz empfand!
Meiner Einsamkeit verborg'nes Flehen,
Mein Seufzer wird der Sturm verwehen,
Meine Tränen werden ungesehen
Deinem Bilde rinnen, bis die Gruft
Mich in ihr verschwieg'nes Dunkel ruft.
Ach! du schautest mir so unbefangen,
So voll Engelunschuld ins Gesicht,
Wähntest den Triumph der Schönheit nicht!
O Theone! sahst du nicht den bangen
Blick der Liebe an deinen Blicken hangen?
Schimmerte die Röte meiner Wangen
Dir nicht Ahnung der verlornen Ruh
Meines hoffnungslosen Herzens zu?
Daß uns Meere doch geschieden hätten
Nach dem ersten leisen Druck der Hand!
Schaudernd wank' ich nun am Rand
Eines Abgrunds, wo auf Dornenbetten,
Tränenlos, mit diamantnen Ketten,
Die Verzweiflung lauscht! Ha! mich zu retten
Holde Feindin meines Friedens, beut
Mir die Schale der Vergessenheit!
aus: Friedrich von
Matthissons
Sämmtliche Werke Erster Band
Enthält: Gedichte Erster Theil
Wien 1815 (S. 50-51)
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Liebe
Sag' an, o Lied, was an den Staub
Den Erdenpilger kettet.
Daß er auf dürres Winterlaub
Sich wie auf Rosen bettet?
Das bist du, süße Lieb, du!
Du wehst ihm Frühlingshoffnung zu,
Wenn Laub und Blumen sterben!
Wenn ihn Verzweiflung wild umfängt,
Mit hundert Riesenarmen,
Gewaltig ihn zum Abgrund drängt,
Wer wird sich sein erbarmen?
Du, Liebe, du erbarmst dich sein,
Führst ihn, durch goldnen Morgenschein,
Sanft unter deine Mirten!
Wenn er am Sterbelager kniet,
Wo, Herz von seinem Herzen,
Der Jugend Liebling ihm verblüht,
Wer sänftigt seine Schmerzen?
Du, Liebe, du erscheinst voll Huld!
Durch Thränen lächelt die Geduld,
Und schmiegt sich an den Kummer.
O Liebe! wenn die Hand des Herrn
Der Welten Bau zertrümmert,
Kein Sonnenball, kein Mond, kein Stern
Am Firmament mehr schimmert:
Dann wandelst du der Erde Leid,
Gefährtin der Unsterblichkeit,
In Siegsgesang am Throne!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 28-29)
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An die Liebe
Wenn deine Göttermacht, o Liebe,
Aus der Verbannung Nebelthal
Zur Sternenwelt uns nicht erhübe,
Wer trüge dann des Lebens Qual?
Ins Reich der Unermesslichkeiten,
Bis wo die letzte Sphäre klingt,
Folgst du dem Fluge des geweihten,
Wenn er dem Staube sich entschwingt!
Und stürzt, umwogt von Feuerfluthen,
Der Erdball selbst ins Grab der Zeit,
Entschwebst, ein Phönix, du den Gluthen;
Dein Nam' ist Unvergänglichkeit!
aus: Gedichte von Friedrich von Matthisson
Fünfzehnte Auflage Zürich
bei Orell Füßli und Comp. 1851 (S. 53)
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Eros
Wenn du lächelst, o Knabe, säumt mit Golde
Sich die donnernde Wolke, ruhn Orkane,
Spriessen Blumen, wo nie des lauen Zephyrs
Odem gewandelt.
Selig! lächelst du mit Aurorens Milde!
Aber, wehe dem zarten Flügel Psyches,
Wenn vom Auge der niedern Herzenswildheit
Flamme dir lodert.
aus: Friedrich von
Matthissons
Sämmtliche Werke Erster Band
Enthält: Gedichte Erster Theil
Wien 1815 (S. 235)
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Amors Zauber
Wo Amors Flügel weben,
Ist nie die Schöpfung todt;
Der Wildniss gibt er Leben,
Der Sturmnacht Morgenroth!
Im Ocean entfalten
Geklippe, nackt und stumm,
Wenn seine Zauber walten,
Sich zum Elysium!
aus: Friedrich von
Matthissons
Sämmtliche Werke Erster Band
Enthält: Gedichte Erster Theil
Wien 1815 (S. 236)
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Biographie:
Matthisson, Friedrich von (geadelt 1809), geb. 23. 1. 1761
Hohendodeleben bei Magdeburg, gest. 12.3. 1831 Wörlitz; Grabstätte:
ebd., Schochsche Familiengruft. - Lyriker, Reiseschriftsteller.
Als einer der zahllosen dt. Dichter aus protestantischem Pfarrhaus,
erbte M. infolge des frühen Tods des Vaters wenige Wochen vor seiner
Geburt nur dessen Talent zum Versemachen aus dem Stegreif: Bei völliger
Mittellosigkeit der Mutter kam er 1770 zu einem literarisch
aufgeschlossenen verwandten Diakon nach Groß Salze, wo sich eine nur
zehn Jahre ältere, schwärmerisch verehrte Tante seiner annahm. 1771 zog
diese mit ihm zum Großvater nach Krakau bei Magdeburg, wo er v. a. in
den alten Sprachen unterrichtet wurde. 1773 starben Tante u. Großvater,
u. der dergestalt mehrfach verwaiste M. ging als Freischüler auf das
strenge, damals aber miserabel beleumdete Pädagogium zu Klosterberge.
Hatte er schon in Groß-Salze erste Eindrücke der Werke von Klopstock,
Wieland, Lessing, Rabener, Zachariä u. Gessner gewonnen u. auch etwas
von den Bremer Beiträgern u. den Literaturbriefen Nicolais,
Mendelssohns, Lessings gehört, so las u. lebte er in Klosterberge
Lavaters Tagebuch von einem Beobachter seiner selbst (1771 bis 1773),
dem er während jener Zeit verfallen blieb u. das ihm manche Freude
verdarb - seine damals entstandenen Gedichte zeugen von tiefer
Schwermut. In der Bibliothek des Stifts las er wahllos, was er in die
Finger bekommen konnte, u. nicht wenige Trivialitäten waren unter den
überwiegend tränenseligen Werken der seinerzeit regierenden
Empfindsamkeit: Millers Siegwart (1776), Hermes' Sophiens Reise von
Memel nach Sachsen (1770-72); aber auch Goethes Werther (1774), Nicolais
»Allgemeine deutsche Bibliothek«, Wielands »Teutscher Merkur« u. andere
Zeitschriften sowie die Dichtungen Höltys. Ähnlich wahllos fraß er die
ausländ. Literatur, zeitgenössische wie klassische, in sich hinein.
1778-1781 studierte M. Theologie u. Philosophie in Halle, wo seine
Verehrung für Klopstock sich bis zur Schwärmerei steigerte; erste Frucht
seiner selten von Vorbildern ganz unabhängigen Muse waren die Lieder
(Dessau 1781). Alsbald folgte eine schon in Schulzeiten erwünschte
Anstellung als Lehrer an Basedows Philanthropin in Dessau. Nach
Auflösung der Anstalt 1783 verdingte sich M. bei wechselnden Herren als
Hauslehrer u. Reisehofmeister. 1793 verheiratete er sich in Zürich mit
Louise von Glafey, Hoffräulein bei der Fürstin Luise von Anhalt-Dessau,
seiner späteren Arbeitgeberin u. Gönnerin. Auf der Suche nach einer
unabhängigeren Stellung unternahm er 1794 eine Reise durch Deutschland
(ohne seine Frau, von der er schon 1797 geschieden werden sollte; der
1795 geborene Sohn starb 1799). Die Fahrt, auf der er zwischen Bern u.
Kopenhagen (wie immer, wenn er unterwegs war) keine literar. Zelebrität
ausließ, scheint immerhin erfolgreich gewesen zu sein, jedenfalls trat
M. 1795 als Gesellschafter, Vorleser u. vor allem als Reisebegleiter
(1799 u. 1800-1802 in die Schweiz u. nach Österreich) bei der Dessauer
Fürstin an - ein Amt, das er bis zu deren Tod 1811 innehatte. Die Reise
mit ihr nach Italien 1795/96 zeitigte poetische Reisebilder (kritisch
hg. zuerst bei Bölsing, Bd. 2) in Distichen, die immerhin ein wenig
individuelle Gestalt u. Natürlichkeit aufweisen. - 1810 heiratete er
Luise Schoch (gest. 1824) u. trat nach dem Tod der Fürstin in die
Dienste Friedrichs II. von Württemberg (bis 1825), dem er 1802 ein
Auftragsgedicht zur Feier der bevorstehenden Kurfürstenwürde verfertigt
hatte. Seinen Lebensabend verbrachte er ab 1827 in Wörlitz.
Die Suche nach einer festen Anstellung in der Nähe des Hofs war also
frühzeitig erfolgreich; u. während andere Dichter seiner Generation u.
Herkunft durch Neigung oder Umstände zu Jakobinern oder patriotischen
Freiheitskriegsdichtern wurden, ist M. allzeit ein treuer Diener u.
Gesellschafter seiner dessauischen Fürstin u. seines württembergischen
Herzogs gewesen. Kein »Schreckensmann« war das, sondern ganz im
Gegenteil ein stiller, loyaler Untertan, auch in der Weltflüchtigkeit
seiner Gedichte. Eben dies aber garantierte in einer restaurativen
Epoche, die zu erleben alt genug er eben noch wurde, einen überraschend
anhaltenden Erfolg: Bis zur Mitte des 19. Jh. erlebten seine Gedichte 15
rechtmäßige Auflagen.
M. war in vieler Hinsicht freundl. Mittelmaß, unambitioniert, alles
andere als streitsüchtig, vielmehr fügsam u. gefällig. Seine Neigung,
auf Reisen die Träger großer Namen zu besuchen, die offenbar alle seine
Person als sehr angenehm empfanden, zeigt, daß er bei einwandfreiem
Charakter doch zu sehr auf andere fixiert war, um jemals
schneisenschlagende Leistungen zu bringen. - Metrisch halbwegs sicher,
obgleich nicht selten von kindl., leierigem Rhythmus, grenzt seine
Geschicklichkeit in der Nachahmung antiker Stilelemente ans
Parodistische. Eine verspätete Empfindsamkeit, mit antiken
Kulturelementen durchsetzt, ruft neuerlich Liebe, Freundschaft u. bes.
Natur als poetische Ideale auf, wie z.Zt. Ewald von Kleists u. Gleims.
Derlei Tendenzen kamen offenbar den gegenwartsabgewandten Bedürfnissen
von M.s Zeitgenossen entgegen, machten ihn kurzzeitig zum Modedichter.
Deswegen v. a. auch dürften seine Gedichte, die geschmacksgeschichtlich
von einiger Bedeutung sind, weil sie durchaus epigonal an Haller u.
Klopstock anknüpfen, von der klassizistischen Rezeption in der Nachfolge
Schillers (der 1794 in der »Allgemeinen Litteraturzeitung« viel zu
kritisieren, aber auch zu loben fand) getragen worden u. lange so
beliebt gewesen sein - deswegen aber auch dürften sie heute vergessen
sein. Bereits die Dichter der Befreiungskriege u. des Schlegelkreises
lehnten sie ab.
Zu seinen besten Leistungen zählt neben den informativen u.
anekdotenreichen Reisebriefen, die den größten Teil seines Werks
ausmachen, vor allem die Lyrische Anthologie (20 Bde., Zürich
1803-1807), die jedenfalls sicheres Geschmacksurteil bekundet u. durch
weite Verbreitung eine Reihe älterer Texte (freilich durch M.s Eingriffe
hie u. da verschlimmbessert) in Erinnerung hielt.
Aus: Walther Killy Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher
Sprache. Bertelsmann Lexikon Verlag Band 4 (1989)
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