Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) - Liebesgedichte

Conrad Ferdinand Meyer

 

Conrad Ferdinand Meyer
(1825-1898)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Liebesflämmchen


Die Mutter mahnt mich abends:
»Trag Sorg zur Ampel, Kind!
Jüngst träumte mir von Feuer -
Auch weht ein wilder Wind.«

Das Flämmchen auf der Ampel,
Ich lösch es mit Bedacht,
Das Licht in meinem Herzen
Brennt durch die ganze Nacht.

Die Mutter ruft mich morgens:
»Kind, hebe dich! 's ist Tag!«
Sie pocht an meiner Türe
Dreimal mit starkem Schlag

Und meint, sie habe grausam
Mich aus dem Schlaf geschreckt -
Das Licht in meinem Herzen
Hat längst mich aufgeweckt.
(S. 14)

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Die tote Liebe


Entgegen wandeln wir
Dem Dorf im Sonnenkuß,
Fast wie das Jüngerpaar
Nach Emmaus,
Dazwischen leise
Redend schritt
Der Meister, dem sie folgten,
Und der den Tod erlitt.
So wandelt zwischen uns
Im Abendlicht
Unsre tote Liebe,
Die leise spricht.
Sie weiß für das Geheimnis
Ein heimlich Wort,
Sie kennt der Seelen
Allertiefsten Hort.
Sie deutet und erläutert
Uns jedes Ding,
Sie sagt: So ist's gekommen.
Daß ich am Holze hing.
Ihr habet mich verleugnet
Und schlimm verhöhnt,
Ich saß im Purpur,
Blutig, dorngekrönt,
Ich habe Tod erlitten,
Den Tod bezwang ich bald,
Und geh in eurer Mitten
Als himmlische Gestalt -
Da ward die Weggesellin
Von uns erkannt,
Da hat uns wie den Jüngern
Das Herz gebrannt.
(S. 215-216)

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Liebesjahr


Hat sich die Kelter gedreht?
Tanzt dort mit dem Laub eine Flocke?
Zuckte der Blitz im August?
Blühten die Kirschen im Mai?
Blüten und Ähren und Trauben erblickt ich
in schwellendem Kranz nur
Um das geliebteste Haupt und ich erblicke sie noch.
(S. 208)

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Unruhige Nacht


Heut ward mir bis zum jungen Tag
Der Schlummer abgebrochen,
Im Herzen ging es Schlag auf Schlag
Mit Hämmern und mit Pochen,

Als trieb sich eine Bubenschar
Wild um in beiden Kammern,
Gewährt hat, bis es Morgen war,
Das Klopfen und das Hammern.

Nun weist es sich bei Tagesschein,
Was drin geschafft die Rangen,
Sie haben mir im Herzensschrein
Dein Bildnis aufgehangen!
(S. 191)

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Die Schlittschuhe


»Hör, Ohm! In deiner Trödelkammer hangt
Ein Schlittschuhpaar, danach mein Herz verlangt!
Von London hast du einst es heimgebracht,
Zwar ist es nicht nach neuster Art gemacht,
Doch damasziert, verteufelt elegant!
Dir rostet ungebraucht es an der Wand,
Du gibst es mir!« Hier, Junge, hast du Geld,
Kauf dir ein schmuckes Paar, wie dir's gefällt!
»Ach was! Die damaszierten will ich, deine!
Du läufst ja nimmer auf dem Eis, ich meine?«
Der liebe Quälgeist läßt mir keine Ruh,
Er zieht mich der verschollnen Stube zu;
Da lehnen Masken, Klingen kreuz und quer
An Bayles staubbedecktem Diktionär,
Und seine Beute schon erblickt der Knabe
In dunkelm Winkel hinter einer Truhe:
»Da sind sie!« Ich betrachte meine Habe,
Die Jugendschwingen, die gestählten Schuhe.
Mir um die Schläfen zieht ein leiser Traum...
»Du gibst sie mir!«... In ihrem blonden Haar,
Dem aufgewehten, wie sie lieblich war,
Der Wangen edel Blaß gerötet kaum!...
In Nebel eingeschleiert lag die Stadt,
Der See, ein Boden spiegelhell und glatt,
Drauf in die Wette flogen, Gleis an Gleis,
Die Läufer; Wimpel flaggten auf dem Eis...
Sie schwebte still, zuerst umkreist von vielen
Geflügelten wettlaufenden Gespielen -
Dort stürmte wild die purpurne Bacchantin,
Hier maß den Lauf die peinliche Pedantin -
Sie aber wiegte sich mit schlanker Kraft,
Und leichten Fußes, luftig, elfenhaft
Glitt sie dahin, das Eis berührend kaum,
Bis sich die Bahn in einem weiten Raum
Verlor und dann in schmalre Bahnen teilte.
Da lockt' es ihren Fuß in Einsamkeiten,
In blaue Dämmerung hinauszugleiten,
Ins Märchenreich; sie zagte nicht und eilte
Und sah, daß ich an ihrer Seite fuhr,
Nahm meine Hand und eilte rascher nur.
Bald hinter uns verklang der Menge Schall,
Die Wintersonne sank, ein Feuerball;
Doch nicht zu hemmen war das leichte Schweben,
Der sel'ge Reigen, die beschwingte Flucht
Und warme Kreise zog das rasche Leben
Auf harterstarrter, geisterhafter Bucht.
An uns vorüber schoß ein Fackellauf,
Ein glüh Phantom, den grauen See hinauf...
In stiller Luft ein ungewisses Klingen,
Wie Glockenlaut, des Eises surrend Singen...
Ein dumpf Getos, das aus der Tiefe droht –
Sie lauscht, erschrickt, ihr graut, das ist der Tod!
Jäh wendet sie den Lauf, sie strebt zurück,
Ein scheuer Vogel, durch das Abenddunkel,
Dem Lärm entgegen und dem Lichtgefunkel,
Sie löst gemach die Hand... o Märchenglück!
Sie wendet sich von mir und sucht die Stadt,
Dem Kinde gleich, das sich verlaufen hat -
»Ei, Ohm, du träumst? Nicht wahr, du gibst sie mir,
Bevor das Eis geschmolzen?«... Junge, hier.
(S. 80-82)

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Wetterleuchten


Im Garten schritt ich durch die Lenzesnacht.
Des Jahres erste Blitze loderten.
Die jungen Blüten glommen feuerrot
Und blichen wieder dann. Ein schönes Spiel,
Davor ich stillehielt. Da sah ich dich!
Mit einem Blütenzweige spieltest du,
Die junggebliebne Tote! Durch die Hast
Und Flucht der Zeit zurück erkannt ich dich,
Die just des Himmels Feuer überglomm.
Erglühend standest du, wie dazumal,
Da dich das erste Liebeswort erschreckt,
Du Ungebändigte, du Flüchtende!
Dann mit den Blüten wieder blichest du.
(S. 202)

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Alles war ein Spiel


In diesen Liedern suche du
Nach keinem ernsten Ziel!
Ein wenig Schmerz, ein wenig Lust,
Und alles war ein Spiel.

Besonders forsche nicht danach,
Welch Antlitz mir gefiel,
Wohl leuchten Augen viele drin,
Doch alles war ein Spiel.

Und ob verstohlen auf ein Blatt
Auch eine Träne fiel,
Getrocknet ist die Träne längst,
Und alles war ein Spiel.
(S. 183)

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Stapfen


In jungen Jahren war's. Ich brachte dich
Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,
Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,
Du zogst des Reisekleids Kapuze vor
Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.
Naß ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich
Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,
Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,
Von deiner Reise sprechend. Eine noch,
Die längre, folge drauf, so sagtest du.
Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug
Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,
Dort wo der First sich über Ulmen hebt.
Ich ging denselben Pfad gemach zurück,
Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,
In deiner wilden Scheu, und wohlgemut
Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.
Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain
Den Umriß deiner Sohlen deutlich noch
Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,
Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,
Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,
Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!
Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem
Zurück dieselbe Strecke Wandernden:
Aus deinen Stapfen hobst du dich empor
Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs
Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.
Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.
Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,
Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.
Da überschlich mich eine Traurigkeit:
Fast unter meinem Blick verwischten sich
Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.
(S. 200-201)

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Die Dryas


O Liebe, wie schnell verrinnest du,
Du flüchtige, schöne Stunde,
Mit einer Wunde beginnest du
Und endest mit einer Wunde.


Ein Jüngling irrt in Waldesraum,
Umspielt von goldnen Schimmern,
Und späht nach einem schönen Baum,
Sich draus ein Boot zu zimmern.

»Jungeiche mit dem stolzen Wuchs,
Du bist mir gleich die rechte,
Dich zeichn ich mit dem Beile flugs,
Dann ruf ich meine Knechte.«

Er führt den Streich. Ein schmerzlich Ach
Macht jählings ihn erbleichen.
»Ich sterbe!« stöhnt's im Stamme schwach,
»Die jüngste dieser Eichen!«

Ein Tröpfchen Blutes oder zwei
Sieht er am Beile hangen
Und schleudert's weg mit einem Schrei,
Als hätt er Mord begangen.

Schnell flüstert's aus dem Baume jetzt:
»Der Mord ist nicht vollendet!
Ich bin nur leicht am Arm verletzt.
Ich hatt mich umgewendet.«

»Komm, Göttin«, fleht er, »Waldeskind,
Daß ich Vergebung finde!«
Die Schultern schmiegend schlüpft geschwind
Die Dryas aus der Rinde.

Ein Dämmer lag auf Stirn und Haar,
Ein Brüten und ein Weben,
Von grünem Blätterschatten war
Der schlanke Wuchs umgeben.

Er fing den Arm zu küssen an,
Die Stelle mit dem Hiebe,
Und, der er viel zuleid getan,
Die tat ihm viel zuliebe.

»In meinem Baum - ist lauter Traum«...
Sie schlüpft zurück behende
Und lispelt in den Waldesraum:
»Ich weiß, wen ich dir sende!«

Der Botin Biene Dienst ist schwer,
Sie muß sich redlich plagen,
Honig und Wermut hin und her,
Waldaus, waldein zu tragen.

Einmal kam Bienchen wild gebrummt.
»Dryas, mich kann's entrüsten!«
Es setzt sich an den Stamm und summt:
»Ich sah's, wie sie sich küßten!

Sie ist ein blühend Nachbarkind,
Muß ihn beständig necken -
Dich läßt er nun bei Wetter und Wind
In deinem Baume stecken!«

Ein schmerzlich Ach, als Wände sich
Ein schlanker Leib und stürbe!
Das Laub vergilbt, die Krone blich,
Die Rinde bröckelt mürbe.
(S. 21-23)

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Weihnacht in Ajaccio


Reife Goldorangen fallen sahn wir heute, Myrte blühte,
Eidechs glitt entlang der Mauer, die von Sonne glühte.

Uns zu Häupten neben einem morschen Laube flog ein Falter -
Keine herbe Grenze scheidet Jugend hier und Alter.

Eh das welke Blatt verweht ist, wird die Knospe neu geboren -
Eine liebliche Verwirrung, schwebt der Zug der Horen.

Sprich, was träumen deine Blicke? Fehlt ein Winter dir, ein bleicher?
Teures Weib, du bist um einen lichten Frühling reicher!

Liebst du doch die langen Sonnen und die Kraft und Glut der Farben!
Und du sehnst dich nach der Heimat, wo sie längst erstarben?

Horch! durch paradieseswarme Lüfte tönen Weihnachtsglocken!
Sprich, was träumen deine Blicke? Von den weißen Flocken?
(S. 209)

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Schneewittchen


Schneewittchen hast im Scherz du dich genannt,
Da plaudernd einst zusammen wir gesessen,
Der Augen tiefes Blau, die Elfenhand,
Des Nackens Blondgekraus, wer kann's vergessen?

Noch jüngst - ich schritt ein hohes Tal entlang,
Es war gekrönt mit sieben Silberspitzen,
Die von dem himmelnahen Felsenhang
Herunter auf die grünen Pfade blitzen -

»Schneewittchen!« rief ich laut und unbewußt,
»Schneewittchen hinter deinen sieben Bergen!
Führst droben pünktlich du mit kühler Brust
Den kleinen Haushalt deinen sieben Zwergen?«

Ein spottend Echo nur antwortet' mir,
Die Felsstirn rümpfte lachend ihre Falten;
Und doch, und doch, mir war's, ich hätt von dir,
Schneewittchen! einen lieben Gruß erhalten.
(S. 210)

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Die Jungfrau


Wo sah ich, Mädchen, deine Züge,
Die drohnden Augen lieblich wild,
Noch rein von Eitelkeit und Lüge?
Auf Buonarottis großem Bild:

Der Schöpfer senkt sich sachten Fluges
Zum Menschen, welcher schlummernd liegt,
Im Schoße seines Mantelbuges
Ruht himmlisches Gesind geschmiegt:

Voran ein Wesen, nicht zu nennen,
Von Gottes Mantel keusch umwallt,
Des Weibes Züge, zu erkennen
In einer schlanken Traumgestalt.

Sie lauscht, das Haupt hervorgewendet,
Mit Augen schaut sie, tief erschreckt,
Wie Adam Er den Funken spendet
Und seine Rechte mahnend reckt.

Sie sieht den Schlummrer sich erheben,
Der das bewußte Sein empfängt,
Auch sie sehnt dunkel sich, zu leben,
An Gottes Schulter still gedrängt –

So harrst du vor des Lebens Schranke,
Noch ungefesselt vom Geschick,
Ein unentweihter Gottgedanke,
Und öffnest staunend deinen Blick.
(S. 18)

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Zwei Segel


Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.
(S. 184)

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Alle Gedichte aus: Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer
Einunddreißigste Auflage Leipzig H. Haessel Verlag 1905


Biographie:
Meyer, Conrad (seit 1877 auch) Ferdinand, 11. 10. 1825 Zürich - 28. 11. 1898 Kilchberg b. Zürich. Aus alter, wohlhabender Patrizierfamilie; sensibler, früh neurot. und melanchol. Sohn e. Regierungsrats († 1840) und e. streng kalvinist., schwermütigen Mutter (Selbstmord 1856); Gymnas. Zürich, 1843 zur weiteren Ausbildung bei Lausanne, Einfluß des Historikers L. Vuillemin; Stud. Jura Zürich, private hist. und philolog. Studien, auch Beschäftigung mit Malerei. 1852 in der Nervenheilanstalt Prefargier bei Neuenburg, nach der Entlassung in Neuenburg, 1853 nach Lausanne, 1854 nach Zürich zurück. Nach e. Erbschaft wirtschaftl. unabhängig; mit s. Schwester Betsy, die s. Haushalt führte, 1857 Reisen nach Paris, München und 1858 Italien, bes. Rom (maßgebl. Einflüsse aus dem Kunsterleben). 1860 wieder in der Schweiz, Engelberg und Lausanne, wo er sich als Dozent niederlassen wollte. Gelangte nach mißglückten Versuchen erst um 1870 zu innerl. Festigung und Selbstvertrauen im dichterischen Schaffen. Zweisprachig gebildet, entschied sich erst unter dem Eindruck des Krieges 1870/71 für den dt. Sprach- und Kulturkreis. Bis 1875 an versch. Orten der Schweiz, bes. auf dem Seehof zu Meilen. 5. 10. 1875 oo Luise Ziegler, Tochter e. Obersten. Erneute Italienreise, ab 1877 zurückgezogen in Kilchberg b. Zürich; Dr. h. c. Zürich,
1892/93 Nervenheilanstalt Königsfelden, geisteskrank bis zu s. Tod. - Neben Gotthelf und Keller dritter großer schweizer. Erzähler und Lyriker des 19. Jh., am stärksten vom roman. Sprach- u. Formgefühl geprägt. Begann mit hist. Balladen und wandte sich in
s. außerordentl. plast., der bildenden Kunst nahen Lyrik von individueller Gefühlsaussage zum objektiven symbolist. Dinggedicht als distanziertem, erst in unermüdl. Feilen hervorgebrachten aristokrat. ästhet. Kunstwerk. Als Erzähler neben hist. und legendenhaften Versepen und e. hist. Roman vornehmlich Meister der streng geformten, meist durch Rahmenform gedämpften u. distanzierten hist. Novelle von kunstvoller, prägnanter und bildstarker Stilisierung und symbol. Vertiefung mit Stoffen meist aus den von ihm (gewissermaßen als Kompensation eigener Lebensschwäche) bevorzugten lebensstarken Zeitaltern der Hochrenaissance und der Glaubenskriege mit ihren großen Ereignissen und vitalen, selbstherrl. und gewalttätigen Gestalten: Historie als bewußtes Ausweichen vor mod. Lebensproblematik und vorgeprägter
Stoff mit größerer Möglichkeit zu kunstvoller Ausarbeitung und monumentaler Stilisierung in opt. konzipierten, bildstarken dramat. Szenen. Vorliebe für das Motiv sittl. Gewissensentscheidung in moralfreier, gewaltsamer Umwelt.

WERKE: Zwanzig Balladen von einem Schweizer, 1864; Balladen, 1867; Romanzen und Bilder, G. 1871; Huttens letzte Tage, Ep. 1871; Engelberg, Ep. 1872; Das Amulett, N. 1873; Georg Jenatsch, R. II 1876 (später u. d. T. Jürg Jenatsch); Der Schuß von der Kanzel, N. 1877; Der Heilige, N. 1879; Gustav Adolfs Page, N. 1882; Plautus im Nonnenkloster, N. 1882; Gedichte, 1882 (erw. 1892); Das Leiden eines Knaben, N. 1883; Die Hochzeit des Mönchs, N. 1884; Die Richterin, N. 1885; Novellen, II 1885; Die Versuchung des Pescara, N. 1887; Angela Borgia, N. 1891; Unvollendete Prosadichtungen, hg. A. Frey II 1916. - SW, hg. H. Maync u. E. Ermatinger XIV 1925; SW, hg. R. Faesi IV 1929; SW, hkA., hg. H. Zeller u. a. Zäch XV 1958 ff., VII 1962 ff.; Werke, hg. H. Engelhard II 1960; Briefe, hg. A. Frey II 1908; hg. O. Schulhess 1927; Briefw. m. L. v. Francois, hg. A. Bettelheim 1905; m. G. Keller, 1908; m. J. Rodenberg, hg. A. Langmesser 1918.
Aus: Autorenlexikon: Meyer, Conrad Ferdinand, S. 3. Digitale Bibliothek Band 13: Wilpert: Lexikon der Weltliteratur

 

 


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