Christian Morgenstern (1871-1914) - Liebesgedichte

Christian Morgenstern

 

Christian Morgenstern
(1871-1914)

 

 

Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet,
in das Flüstern, in das Rauschen
leise liebe Worte mischend,
öfter aber noch dem Schweigen
lange Küsse zugesellend,
unerschöpflich - unersättlich,
hingegebne, hingenommne,
ineinander aufgelöste,
zeitvergeßne, weltvergeßne.
Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet...

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Glück ist wie Blütenduft,
der dir vorüberfliegt...
Du ahnest dunkel Ungeheures,
dem keine Worte dienen -
schließest die Augen,
wirfst das Haupt zurück - -
und, ach!
vorüber ist's.

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Leise Lieder...


Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

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In stillster Nacht
in tief geheimnisvoller Stunde
kam es zu mir auf leisen Engelsfüßen.
Aus allen Tiefen, allen Höhn
umschwoll es mich wie klagendes Getön,
wie einer tiefen Sehnsucht Grüßen.

In stillster Nacht
in tief geheimnisvoller Stunde
da hab ich mich für alle Zeit
aus heilig heitrem Herzensgrunde
der Schönheit Sonnenreligion geweiht.

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Eins und alles


Meine Liebe ist groß
wie die weite Welt,
und nichts ist außer ihr,
wie die Sonne alles
erwärmt, erhellt,
so tut sie der Welt von mir!

Da ist kein Gras,
da ist kein Stein,
darin meine Liebe nicht wär,
da ist kein Lüftlein
noch Wässerlein,
darin sie nicht zög einher!

Da ist kein Tier
vom Mücklein an
bis zu uns Menschen empor,
darin mein Herze
nicht wohnen kann,
daran ich es nicht verlor!

Meine Liebe ist weit
wie die Seele mein,
alle Dinge ruhen in ihr,
sie alle, alle,
bin ich allein,
und nichts ist außer mir!

_____

 

 

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

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von Christian Morgenstern

 

 

 

Gedichte aus: Christian Morgenstern Werke und Briefe
Kommentierte Ausgabe, Band I (Lyrik 1887-1905) und Band II (Lyrik 1906-1914). Hrsg. von Martin Kießig Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH, Stuttgart Band I 1988, Band II 1992)


Biographie:
Morgenstern, Christian (1871-1914), Schriftsteller und Lektor (bei Bruno Cassirer). Bekannt wurde er durch seine witzig-groteske Lyrik der Galgenlieder (1905). Seine Figurengedichte nehmen Tendenzen der Konkreten Poesie bzw. Visuellen Dichtung vorweg.

Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München geboren. Der romantische Maler Christian Morgenstern (1805-1867) war sein Großvater. Er studierte zunächst Nationalökonomie in Breslau, wo sein Vater an der Königlichen Kunstschule unterrichtete, danach Archäologie und Kunstgeschichte. In Berlin, dem „Zentrum für alles Aufstrebende, Triebkräftige, Eigenartige", wohin er 1894 übersiedelte, lernte Morgenstern die Literaten des so genannten Friedrichshagener Kreis um Friedrich Bölsche, Bruno Wille und die Gebrüder Hart kennen, die sich mit der Reform des Theaters im Sinn des Naturalismus auseinander setzten und die ihm halfen, erste Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen zu veröffentlichen. Bereits um 1900 gehörte er zur extrem antibürgerlich sich gebenden Boheme der Berliner Moderne.

Seit 1893 war Morgensterns Leben von einem Tuberkuloseleiden überschattet, das immer wieder lange Kuraufenthalte – vornehmlich in der Schweiz – erforderlich machte. 1894 begann er als freier Schriftsteller zu leben und wurde Beiträger der Täglichen Rundschau und der Freien Bühne. Ein Jahr später debütierte Morgenstern mit seiner Lyriksammlung In Phanta’s Schloß. Ein Cyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen. Nach 1897 erschienen seine Übersetzungen u. a. der Dramen Henrik Ibsens und August Strindbergs, den er auf seinen Reisen nach Skandinavien mehrmals traf. Zwischen 1903 und 1905 gab er neben seiner Lektorentätigkeit bei Cassirer auch die Halbmonatszeitschrift Das Theater heraus. Gleichzeitig tat sich Morgenstern – zunächst zwanglos – mit dem Schauspieler Friedrich Kayßler und dem Dramatiker Georg Hirschfeld zum provokanten Kabarett-Trio Galgenbrüder zusammen. Für diese Gruppe schrieb er seine 1905 gedruckten Galgenlieder, die „die sinnlos gewordene Welt einmal auf den Kopf stellen und entspannen" sollten. Der scheinbar naive Sprachwitz und Bilderreichtum der Galgenlieder begeisterte nicht nur Max Reinhardt (Reinhardts Schall und Rauch brachte, ebenso wie Ernst von Wolzogens Überbrettl, bereits seit 1901 Morgensterns Texte). Auch hier wird der antibürgerliche Gestus deutlich: „Man sieht vom Galgen die Welt anders an."

Nach 1905 setzte sich Morgenstern u. a. mit der Philosophie Friedrich Nietzsches, dem Buddhismus und der Anthroposophie Rudolf Steiners auseinander, um dessen Freundschaft er sich bemühte. Die 1910, 1916 bzw. 1919 publizierten Gedichtsammlungen Palmström, Palma Kunkel und Der Gingganz mit ihrem (bei aller Komik) mehr meditativ-tiefsinnigen Duktus spiegeln diesen Einfluss – ebenso wie der Steiner gewidmete Band mit Gedankenlyrik Wir fanden einen Pfad (1914) – wider. Vor allem in den späteren Selbstinterpretationen der Gedichte durch ihren Autor – so soll das agierende Körperteil aus „Ein Knie geht einsam um die Welt" angeblich Immanuel Kants Vorstellung vom Ding an sich erläutern – zeigt sich dieser Wandel deutlich. Morgenstern starb am 31. März 1914 in Meran. Seine Urne steht im Goetheanum in Dornach bei Basel.
Aus: Encarta

 

 


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