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Eduard Mörike
(1804-1875)
An die Geliebte
Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge,
Dann hör ich recht die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.
Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt
Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge,
Daß nun in dir, zu ewiger Genüge,
Mein kühnster Wunsch, mein einzger, sich erfüllt?
Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,
Ich höre aus der Gottheit nächtger Ferne
Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.
Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin,
Zum Himmel auf - da lächeln alle Sterne;
Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.
©
Nimmersatte Liebe
So ist die Lieb! So ist die Lieb!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr,
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.
Die Lieb, die Lieb hat alle Stund
Neu wunderlich Gelüsten;
Wir bissen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küßten.
Das Mädchen hielt in guter Ruh,
Wie's Lämmlein unterm Messer;
Ihr Auge bat: nur immer zu,
Je weher, desto besser!
So ist die Lieb, und war auch so,
Wie lang es Liebe gibt,
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt.
©
Begegnung
Was doch heut nacht ein Sturm gewesen,
Bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!
Da kommt ein Mädchen schon die Straßen,
Das halb verschüchtert um sich sieht;
Wie Rosen, die der Wind zerblasen,
So unstet ihr Gesichtchen glüht.
Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
Er will ihr voll Entzücken nahn:
Wie sehn sich freudig und verlegen
Die ungewohnten Schelme an!
Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
Die Zöpfe schon zurecht gemacht,
Die heute Nacht im offnen Stübchen
Ein Sturm in Unordnung gebracht.
Der Bursche träumt noch von den Küssen,
Die ihm das süße Kind getauscht,
Er steht, von Anmut hingerissen,
Derweil sie um die Ecke rauscht.
©
An Luise
Ists möglich, ferne von der Süßen
So fort zu leben, so verbannt?
Nur über Berg und Tal zu grüßen,
Und nicht ein Blick, nicht eine Hand?
Da ist es wahrlich oft ein Jammer
So manchen lieben, langen Tag,
Bis mir bei Nacht auf meiner Kammer
Einmal ihr Geist erscheinen mag.
Sie setzt sich lächelnd zu mir nieder,
Es brennt ein ruhig Licht dabei,
Sie sagt mir alte gute Worte wieder
Und sagt mir, daß sie meine sei.
Aus: Peregrina
I
Der Spiegel dieser treuen, braunen Augen
Ist wie von innerm Gold ein Widerschein;
Tief aus dem Busen scheint ers anzusaugen,
Dort mag solch Gold in heilgem Gram gedeihn.
In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen,
Unwissend Kind, du selber lädst mich ein -
Willst, ich soll kecklich mich und dich entzünden,
Reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden!
V.
Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht,
Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden.
Ach, Peregrinen hab ich so gefunden!
Schön war ihr Wahnsinn, ihrer Wange Glut,
Noch scherzend in der Frühlingsstürme Wut,
Und wilde Kränze in das Haar gewunden.
Wars möglich, solche Schönheit zu verlassen?
- So kehrt nur reizender das alte Glück!
O komm, in diese Arme dich zu fassen!
Doch weh! o weh! was soll mir dieser Blick?
Sie küßt mich zwischen Lieben noch und Hassen,
Sie kehrt sich ab, und kehrt mir nie zurück.
©
alle
Liebesgedichte
von Eduard Mörike
Gedichte aus: Eduard Mörike. Sämtliche Werke in vier Bänden. Erster
Band: Gedichte. Carl Hanser Verlag München 1981 (Auf Grund der
Originaldrucke, Hrsg. von Herbert G. Göpfert)
Biographie:
Mörike, Eduard (1804-1875), Schriftsteller. Sein schmales Werk steht
literaturgeschichtlich zwischen Spätromantik und Realismus. Mörike wurde
am 8. September 1804 in Ludwigsburg geboren. 1818 begann er eine
Ausbildung zum Geistlichen, zunächst am Niederen Theologischen Seminar in
Urach, wo er sich mit Wilhelm Hartlaub befreundete, nach 1822 dann am
Tübinger Stift. Dort kam er u. a. mit David Friedrich Strauß und Friedrich
Theodor Vischer in Berührung, die ihn mit linkshegelianischem Gedankengut
bekannt machten. Zwischen 1826 und 1834 war Mörike Vikar in den Gemeinden
von Nürtingen, Oberboihingen, Möhringen, Köngen, Pflummern, Plattenhardt,
Owen, Eltlingen, Ochsenwang und Weilheim, bevor er 1834 die Pfarrei von
Cleversulzbach übernahm. In dieser Zeit betätigte er sich mit dem
(verschollenen) Drama König Enzo erstmals literarisch und versuchte sich
während einer zeitweisen Beurlaubung als freier Schriftsteller. Ein
Publikationsforum bot – neben der Damenzeitung – Johann Friedrich Cottas
Morgenblatt für gebildete Stände. 1843 musste Mörike sich aus
Gesundheitsgründen aus dem Pfarrdienst zurückziehen und lebte fortan, mit
seiner Schwester Klara immer wieder den Wohnort wechselnd, im vorzeitigen
Ruhestand als freier Schriftsteller und Beiträger verschiedener
Zeitschriften. Eine 1851 eingegangene Ehe mit Margarethe Speeth
scheiterte. In Stuttgart arbeitete Mörike kurzzeitig als Lektor des
Cotta-Verlags, bis 1866 dann als Literaturlehrer am Katharinenstift. Er
starb am 4. Juni 1875 in Stuttgart.
Im literarischen Deutschland war Eduard Mörike fest verwurzelt und
unterhielt Kontakte zum Schwäbischen Dichterkreis sowie zu Ludwig Uhland,
Theodor Storm, Wilhelm Waiblinger, Paul von Heyse und Iwan Turgenjew. Die
erste Fassung seines 1832 erschienenen (und zwischen 1853 und 1875
überarbeiteten) psychologischen Künstlerromans Maler Nolten, in dem der
Dichter u. a. seine unglückliche Liebe zu der Vagantin Maria Meyer
verarbeitete, steht trotz seiner romantischen Züge noch deutlich unter dem
Einfluss Goethes, namentlich der Wahlverwandtschaften und des
Bildungsromans Wilhelm Meister. In den Maler Nolten ging das stark
antikisierte lyrische Frühwerk – neben Widmungsgedichten an seine damalige
Verlobte Luise Rau vor allem Naturgedichte wie das Lied vom Winde und Im
Frühling – fast vollständig ein. Ein zweites Romanprojekt Mörikes wurde
nie ausgeführt. Neben Übersetzungen (Theokrit, Catull) und dem
langatmig-parodistischen Biedermeierepos Idylle vom Bodensee und Fischer
Martin und die Glockendiebe (1846) entstanden zahlreiche Balladen,
symbolische Dinggedichte und volksnah sich gebende, mit zahlreichen Sagen-
und Legendenelementen durchwobene Kunstmärchen (Der Schatz, 1836, Der
Bauer und sein Sohn, geschrieben 1839, Die Hand der Jezerte, Erstfassung
1841, Das Stuttgarter Hutzelmännlein, 1853). Mörikes Natur- und
Liebesgedichte weisen bei aller Melancholie auch humoristische Momente
auf, eine Komponente, die im Laufe der Zeit auch verstärkt das Gesamtwerk
bestimmte. Mörikes Novellendichtung (Miss Jenny Harrower, 1833, Lucie
Gelmeroth, 1834) findet im Spätwerk mit Mozart auf der Reise nach Prag
(1856) ihren gelungensten Ausdruck. Hier klingt der romantische Gedanke
einer dem Künstler eigenen Todessehnsucht, der bereits den Maler Nolten
bestimmte und im Werk Thomas Manns später wieder aufgenommen wird, an Hand
der Person Wolfgang Amadeus Mozarts in realistischem Gewand nochmals an.
Aus: Encarta
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