Wilhelm Müller (1794-1827) - Liebesgedichte

Wilhelm Müller

 

Wilhelm Müller
(1794-1827)

 

 

Einer aus Vielen

O küsse mich nicht mit hundert Küssen,
Ich bitte dich!
Mach' einen Kuß aus hundert Küssen,
So küsse mich!

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Du gabst mir einen ersten Kuß, davon erkrankt' ich sehr;
Gieb einen zweiten mir anjetzt, und stell' mich wieder her.
Und giebst du einen dritten mir alsdann noch hinterdrein,
So werd' ich bis an meinen Tod gesund und fröhlich sein.

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Kuß und Lied

Jüngst grüßte mich ein rother Mund;
Ein Liedchen saß auf meinen Lippen,
Und aus dem Liedchen ward ein Kuß.

Jetzt ist mein Mädchen fern von mir;
Zum Kusse will mein Mund sich schwellen,
Und aus dem Kusse wird ein Lied.

Fliegt nun, ihr lieben Verse, hin,
Und drückt sie euch an ihre Lippen,
So werdet wieder, was ihr wart!

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Aus: Die schöne Müllerin


Morgengruß

Guten Morgen, schöne Müllerin!
Wo steckst du gleich das Köpfchen hin,
als wär' dir was geschehen?
Verdrießt dich denn mein Gruß so schwer?
Verstört dich denn mein Blick so sehr?
So muß ich wieder gehen.

O laß mich nur von ferne stehn,
nach deinem lieben Fenster sehn,
von ferne, ganz von ferne!
Du blondes Köpfchen, komm hervor!
Hervor ans eurem runden Thor,
ihr blauen Morgensterne.

Ihr, schlummertrunknen Äugelein,
ihr taubetrübten Blümelein,
was scheuet ihr die Sonne?
Hat es die Nacht so gut gemeint,
daß ihr euch schließt und bückt und weint
nach ihrer stillen Wonne?

Nun schüttelt ab der Träume Flor,
und hebt euch frisch und frei empor
in Gottes hellen Morgen!
Die Lerche wirbelt in der Luft;
und aus dem tiefen Herzen ruft
die Liebe Leid und Sorgen.

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Aus: Winterreise


Frühlingstraum

Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai;
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrieen die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben,
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

Ich träumte von Lieb' um Liebe,
Von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
Von Wonn' und Seligkeit.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Herze wach;
Nun sitz' ich hier alleine
Und denke dem Traume nach.

Die Augen schließ' ich wieder,
Noch schlägt das Herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?
Wann halt' ich mein Liebchen im Arm?

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von Wilhelm Müller


Die schöne Müllerin
von Wilhelm Müller


Winterreise
von Wilhelm Müller

 


Gedichte aus: Gedichte von Wilhelm Müller. Vollständige kritische Ausgabe bearbeitet von James Taft Hatfield. Berlin W. 35 B. Behr's Verlag 1906. (Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts No. 137)


Biographie:
Müller, Wilhelm, genannt Griechen-Müller, (1794-1827), Schriftsteller. Er wurde am 7. Oktober 1794 als Sohn eines Schneiders in Dessau geboren und studierte zwischen 1812 und 1817 Philologie in Berlin. 1813 kämpfte er in den Befreiungskriegen gegen die Truppen Napoleons im preußischen Heer. Nach einer Italienreise als Begleiter wurde er zunächst Gymnasiallehrer, dann herzoglicher Bibliothekar in Dessau, wo er bis zu seinem frühen Tod durch Herzschlag am 1. Oktober 1827 lebte. Befreundet war er u. a. mit Ludwig Tieck, Johann Wolfgang von Goethe, Ludwig Uhland und Justinus Kerner.

In seiner Zeit galt Müller vor allem als der Bedichter des griechischen Freiheitskampfes. Seine Gedichtbände Lieder der Griechen (1821) bzw. Neue Lieder der Griechen (1824) brachten die in ganz Europa vorhandene Sympathie für die Griechen (Philhellenismus) adäquat zum Ausdruck. 1824 kam auch Müllers philologische Studie Homerische Vorschule heraus. Noch heute populär sind manche seiner Lieder, so etwa Das Wandern ist des Müllers Lust und Am Brunnen vor dem Tore, aus den 1821 erschienenen Gedichtzyklen Die schöne Müllerin und Die Winterreise, nicht zuletzt aufgrund ihrer Vertonung durch Franz Schubert. Wie in der Lyrik Joseph von Eichendorffs, so ist auch bei Müller der teils heitere, teils düster-melancholische Volksliedton der Romantik vollkommen ausgeprägt. Des Weiteren war Müller als Beiträger der Zeitschriften Hermes, oder Leipziger kritisches Jahrbuch der Literatur und Literarisches Conversations-Blatt im Verlag F. A. Brockhaus. Zeitweise arbeitete er als Redakteur der Allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste von Samuel Ersch (1766-1828) und Johann Gottfried Gruber (1774-1851). Seine Vermischten Schriften wurden 1830 von Gustav Schwab herausgegeben.
Aus: Encarta
 

 


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