"Aus dem Quell der Liebe will ich saugen . . ."
Nonnen, Mönche und die irdische Liebe
Ausgewählte Gedichte


Anna Maria Ellenrieder (1791-1863)
Porträt einer Nonne




Verzeichnis der Gedichte:
(alphabetisch nach Autoren)



Aus dem Ambraser Liederbuch

CXLIII. (143)

1. Mich wundert zwar, vom frawen haar,
wo es sein krafft hat genommen,
Manch weiser man, wird jhm unterthan,
die macht es alle zu stummen.
All kriegßleut zwingt, tyrannen dringt,
die leyen und die pfaffen,
Ich sag das kurtz, kein kraut noch wurtz,
so krefftig ward geschaffen.

2. Viel geschrieben steht von dem magnet,
an sich zeucht er das eysen,
So zeucht das har, die junge schar,
mit sampt den alten greysen,
Wiewol es hat, manch man und stadt,
in angst und not geführet.
Herwider merck, sein krafft und sterck,
so krefftig wird gezieret.

3. Von der ertzney und specerey,
kein doctor wils gerahten,
So kompt darvon, des bawren son,
all fürsten und prelaten,
Kein mönch ist frey, pilgram darbey,
wenn sie daran gedencken,
Kein kutt hilft nicht, noch walfahrt pflicht,
zum haar thun sie all sincken.


Aus: Das Ambraser Liederbuch vom Jahre 1582
Herausgegeben von Joseph Bergmann Stuttgart 1845
Gedruckt auf Kosten des Literarischen Vereins
(Reihe Bibliothek des Literarisches Vereins in Stuttgart XII) (S. 184)

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Ludwig Bechstein (1801-1860)

Der Mönch und die Nonne

Ein Mönch und eine Nonne
Entschlüpften dem Klosterthor,
Zu kosten die Wonne der Liebe,
Und klimmen den Berg empor.

Sie stehen in Waldesdunkel,
Sie grüßen sich lieb und traut.
So sprach der Verlobte des Himmels
Zur weinenden Himmelsbraut:

"O Braut, die ich liebend umfangen,
O Braut, die die Kirche mir nahm!
Ich bin in's Kloster gegangen
Und will d'rin sterben vor Gram."

""O Freund, mir vom Herzen gerissen,
Noch einmal nur wollt' ich dich sehn,
Hart strafet mich mein Gewissen,
Daß wir so einsam hier stehn.""

"Laß einsam uns stehen, wenn Treue
Und Liebe uns nicht verläßt.
Und ich schwöre dir Lieb' auf's Neue,
Meine Treue steht felsenfest!"

""Nicht schwöre mir mehr, denn gebrochen
Ward von uns beiden der Schwur,
Den wir am Altare gesprochen:
Zu leben dem Himmel nur.""

"So möge der Himmel es rächen,
Was zärtliche Liebe verbrach!
War älter doch jenes Versprechen,
Das zärtliche Liebe versprach!"

Und es stehen die Beiden, voll Trauer,
Nichts hemmt ihrer Zähren Erguß.
Und die Lippen der Liebenden neigen
Sich gegen einander zum Kuß.

Sie gingen nicht wieder zum Thale,
In die Klöster nicht wieder hinein.
Auf der Bergeshöh' hat ein Wunder
Sie beide verwandelt in Stein. -

Noch stehen zwei Felsengestalten
Auf jene Stelle gebannt,
Von den wundergläubigen Alten
Der Mönch und die Nonne genannt.

Aus: Meyer's Groschen-Bibliothek
der Deutschen Classiker für alle Stände
365 Bändchen Ludwig Bechstein
Mit Biographie und Porträt
Hildburghausen Druck vom Bibliographischen Institut New York
[o. J.] (S. 108-109)
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Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

Die Nonne

In einer Nacht, schwülheiß, da ich schlief,
Da meine Seele nach Liebe rief
In Träumen,
Da ist einer gekommen;
Hat mich bei der Hand genommen
Und ist fort mit mir gangen:
Zwischen schwarzen Bäumen
Tief
In einen Wald voller Rauschen und Bangen.

Ich sah ihn nicht an
Den fremden Mann,
Mußte an ihm hangen,
Als wie im Bann
Und mit ihm gehn.

Er war ganz stumm.

Aber Flüstern ringsum
Und in den Büschen ein schaurig Wehn
Und Stimmengesumm.

Unter einer Linden im Walde tiefinnen,
Da blieb er stehn und ließ mich los.
Da sah ich zwei Thränen groß
Ihm aus den Augen rinnen.

Und sah, wie sein Antlitz war.

Das war wie der Tag so klar,
Aber voll Trauern.

Und es kam ein Erschauern
Ueber mich kalt,
Und in mir eine Gewalt
Zwang mich in die Kniee
Vor dem stummen Mann:
"Herr, Herr, siehe.
Siehe mich an, -;
Was ist dein Wehe?"

Da fühl ich seine Hand
Und sehe,
Indessen ER verschwand,
Leuchten die heiligen Wunden.
Und habe IHN erkannt,
Und habe mich heimgefunden
Aus Wald und Welt,
Darinnen Begehren rief,
In einen Frieden tief,
Von IHM erhellt.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 206-208)
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Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

Mönchs Kunst zu lieben
(Diese vielen Reime gehören meinem lieben Arno Holz)

In einer Klosterbücherei,
Voll ausgestopft mit Kirchenvätern
Und sonstig heiligen Schweineledern,
Sankt Augustino grade nebenbei,
Fand ich, vor Schrecken fiel ich um,
Ganz kürzlich dies Opuskulum.
Es war auf Pergament gemalt,
Bunt golden fein verinitialt,
An Schnörkeln reich und Schilderein
Und lag in einem Eichenschrein;
Der war geschnitzt, ach, so süperbe!
Gott segne unser Kunstgewerbe.

Ich glaubt, daß es was Frommes wär,
Ein Andachtbuch, voll von Gebeten,
Legenden von Anachoreten,
Dogmatika und derlei mehr,
Und macht mich langsam drüber her;
Denn wenig interessiert mich so was,
Dieweil ich ein ungläubiger Thomas.
Doch kaum las ich die erste Zeile,
Kam ganz bedeutend ich in Eile,
Denn keine frommen Litanein
Barg dies barocke Kraftlatein,
Im Gegenteil, ich fand geschrieben
Ganz schlecht und recht die Kunst, zu lieben.
Nicht in ovidischer Manier,
Bald Contredanse, bald Brunstturnier,
Nicht südlich abenteuerlich,
Nein, urdeutsch bergwaldbäuerlich,
Mit Bärentatzen hingehaun
Und plump possierlich anzuschaun.

Mag wohl ein Mönch gewesen sein,
Der sich in Waldeinsiedelein
Zurückezog aus Liebeswogen,
Der sich mit Heckendorn umzogen
Sein kleines Haus, daß nicht ihm nah
Frau Venus pandämonia,
Die früher ihm den Leib zerrissen
Mit ihren süßen Bitternissen,
Die tiefe Kunde ihm gelehrt,
Als sie sein heißes Herz versehrt.
Ich glaub, er war von Bauernstamm,
Ein derber Kerl, behaart und stramm,
Kein blasses Pfaffenangesicht.

Sein Gang war grad, sein Blick war licht.
Wenn segnend er die Hände streckte,
Er sich in Mannheit aufwärts reckte.
War er in seiner Zell allein,
Goß aus sein Herz er in Latein;
Dem fehlte alle Zierlichkeit
Und rhythmische Manierlichkeit;
Es war aus deutschem Herzenssaft,
Voll tumper teutscher Bauernkraft,
Kein Wort zu weng, kein Wort zu viel,
Im derben Eichenknorrenstil.
Und doch so fein gemalt, getuscht,
Von Rauschgoldbronce überhuscht,
Mit Rankenreben reich verziert,
Mit Bildwerk viel verkleinodiert,
Voll Kunst und Liebe, Preis und Pracht,
Es hat der Fleiß daraus gelacht.

Das las ich nun und war entzückt,
Von fremdem Glücke überglückt,
Denn das sah klar ich wohl daraus:
Die Liebe band ihm manchen Strauß,
Bis er, wer weiß, weshalb, warum,
Einkroch ins Monasterium.

Gern hätt ich alles abgeschrieben
Aus dieser sondren Kunst, zu lieben,
Doch kaum zu lesen fand ich Zeit.
Der Paters Widerhaarigkeit,
Der dieser Bücher Wächter war,
Erahnte weltliche Gefahr
Und trieb mich bald vom Pergamente.
Ich schrieb nur ab das kurze Ende,
Das kürzlich überschrieben hieß:
MEMENTO VIR UT DOMINUS SIS!
Ich übersetze das krause Latein:
Bedenke, Mann, Herr sollst du sein!

Was unter diesem Titel stund,
Sei ausgedeutschet hiermit kund.
Es ist nicht eben sonders fein,
Doch gröber noch klangs im Mönchslatein.

Das Weib ist süß und warm und zart
Und geht dir linde um den Bart,
Es setzt sich leicht dir auf den Schooß,
Du fühlst sie kaum, die liebe Last,
Doch wenn du sie im Herzen hast,
Dann wird sie schwer und mächtig groß,
Und greift dir um den ganzen Leib
Und machte dich selber gern zum Weib,
Und saugt dich aus und macht dich leer,
Als wenn sie des Teufels Lunge wär,
Und macht dich aller Mannheit bar,
Möchte dich haben ganz und gar,
Und macht dich schwach und macht dich klein,
Als wie ein Taubenfederlein,
Und eh du dir es nur gedacht,
Hat sie zum Nichtschen dich gemacht.
Drum halt dich fest und starr und stark,
Bleib Mann, oh Mann, Mann, bleibe Mark!
Halt ihr aufs Auge deine Faust,
Eh du als Seufzerthräne thaust.
Mach deine Lieb ihr nicht gemein,
Laß sie in Zweifeln ängstlich sein,
Sonst bringt die Siegerin dich um
Im Liebesspielmartyrium.
Ist deiner Lieb sie zu gewiß,
Braut sie aus Launen Bitternis,
Läßt tanzen dich wie einen Bär,
Läßt los auf dich ein ganzes Heer
Von Künsten böser Zauberei;
Nicht eine Stunde bist du frei,
Mußt laufen wie behängt mit Kletten,
Kannst nimmer dich vor Launen retten;
Die Blicke schwirrn von ihr wie Bienen
Nach andrer Männer süßen Mienen,
An jedem Zucker muß sie lecken,
Möcht gern aus fremden Töpfen schlecken,
Und nur aus einem Grund all dies:
Sie langweilt sich im Paradies,
Sie hat es eilig satt gekriegt,
Daß du zu weich sie eingewiegt.
Doch bist du harter Mannheit klug,
Kriegt nimmer sie an dir genug,
Hältst du im Zaum sie herrisch fest,
Sie nimmer, nimmer von dir läßt
Und küßt die Hand, die schwer und rauh,
Und ist gar eine liebe Frau.

Eins ist vor allem andren not:
Die Lieb sei ihr nicht täglichs Brot.
Du mußt sie nicht gar übersüßen,
Laß sie zu Zeiten Hunger büßen
Und gieb ihr wie dem kleinen Kinde
Statt Zuckerzwiebacks harte Rinde,
Daß ihrs ein tiefersehntes Fest,
Wenn du sie wieder kosten läßt
Vom süßen Liebeszuckerwecken,
In dem gar viel Rosinen stecken
Für ihrer Zunge Lüstigkeit.
Und gieb ihr auch von Zeit zu Zeit
Vom Bittersten ein wenig ein:
Laß sie recht eifersüchtig sein.
Laß sie in Aengsten um dich warten,
Derweil du gehst in fremdem Garten;
Da soll sie hinterm Gitter stehn
Und durch die Rosenbüsche sehn,
Wie du vergnügt herumspazierst
Und dich gar weidlich erlustierst.
Oh, wie sie froh dich dann empfängt,
An deinen Hals sich glücklich hängt,
Wenn sie in Aengsten hat gebangt:
Ob er wohl nach der Rose langt?
Doch treib zu weit nicht dieses Spiel
Und schieße hier nicht übers Ziel!
Hart sollst du, doch nicht grausam sein;
Gieb nicht zu viele Pillen ein
Von dieser bösen Bitternis,
Sonst dreht die Holde dir den Spieß,
Daß er dir deine Brust zerreißt
Und dich die große Sorge beißt:
Ob sie nicht auch lustwandeln geht,
Wo fremder Früchte Süße steht?
Denn dann ist Fried und Freude aus,
Hornissennestwild wird dein Haus,
Und in dem Hinundwiderkriegen
Wirst stets der Frauen du erliegen,
Die Meisterin ohn Gleichen ist
In böser Launen Stachellist.
Von ihrer Lippen schönem Bogen
Kommt giftschwer mancher Pfeil geflogen,
Der tief sich in das Herz dir frißt,
Bis siech und todeswund du bist.
Die Frau, der du zu weh gethan,
Da sie dich sah in Liebe an,
Sie wird von Hasse schlangenwild,
Und ob sie auch der Taube Bild.
In ihres Auges Tiefe ruht
Der Höllenflamme Wüteglut,
Ein wüster Wurm hält davor Wache:
Zertretner Liebe wilde Rache.

Das war der Schluß der Mönchenlehr.
Weiß nicht, obs meine Sache wär,
Nach ihr zu leben und zu lieben
Ich hätt ein andres Lied geschrieben,
Nicht also rauh, voll Fährlichkeit,
Ein sanfteres Lied aus sanfterer Zeit.

Das ist der Zeiten Unterschied,
Die Liebe wechselt und das Lied.
Doch wie auch Art und Ton vergeht,
Im ewigen Wechsel um sich wendet,
Die Sache selbst bleibt ungeendet:
Die Liebe und das Lied besteht.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 401-408)
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Joachim Christian Blum (1739-1790)

An eine Nonne

Entsage nicht ewig der Wonne
Der Liebe, du zärtliche Nonne!
Sprich: fühlst du nicht selber dein wallendes Herz
Zur Freude geschaffen, geschaffen zum Scherz?

In finstern, fanatischen Jahren,
Erhuben sich fromme Barbaren,
Die tilgten aus jeder empfindenden Brust
Die sprossenden Keime gebotener Lust.

Da glühte die weibliche Jugend
Von hoher seraphischer Tugend,
Und bärtige Priester mit wütender Hand,
Erstickten der Liebe wohlthätigen Brand.

Da wurden, in Tracht und Geberden,
Die Mädchen schon Engel auf Erden;
Um weisern Zeiten, in Bildern von Stein,
Ein Denkmal betrogener Einfalt zu seyn.

"Entweichet, verwegne Betrüger!"
Rief endlich ein glücklicher Sieger,
Der erste, der furchtlos, mit rüstiger Hand,
Sein zärtliches Mädchen dem Kloster entwand.

Er meynte, der Erdkreis voll Mängel
Bedürfte zu Bürgern nicht Engel,
Und brachte den Völkern der Zärtlichkeit Glück,
Und jede gesellige Tugend zurück.

"Auf! laßt euch zu Menschen gesellen,
Flieht", sprach er; "aus staubichten Zellen,
Lernt, Schwestern, euch sanfteren Tugenden weihn,
Lernt holde, gefällige Gattinnen seyn!"

Aus: Joachim Christian Blums Sämmtliche Gedichte Erster Theil
Carlsruhe Christian Gottlieb Schmieder Buchhändler 1781 (S. 69-70)

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Samuel Gottlieb Bürde (1753-1831)

Das Nonnenkloster

Die Sterne funkeln hell, die kühle Nachtluft weht,
Und Stille hat die Welt in tiefen Schlaf gewieget,
Nur nicht das Kloster, wo, in brünstiges Gebeth
Versunken, am Altar die blasse Nonne lieget;

Dort, wo Gesträuch und Moos auf alten Mauern grünt,
Wo Unschuld oder Gram, dem Weltgeräusch entronnen,
Sich ganz dem Himmel weiht, und strenger Andacht dient,
Dort schläft bis Mitternacht ein Völkchen frommer Nonnen.

Dort ist der laute Rausch der Fröhlichkeit verbannt,
Dort singt die Wollust nicht in Lydisch weichen Tönen,
Entfaltet Hoffart nie ihr schimmerndes Gewand,
Und lockt das junge Herz, der Eitelkeit zu fröhnen;

Der Liebe sanftes Glück wird ihnen nimmer blühn,
Noch in ihr fernes Ohr der Freundschaft Stimme dringen;
Noch Mutterzärtlichkeit in ihrem Busen glühn,
Und sie mit frohem Lärm der Kinder Kreis umringen.

In Kränze winden sie der Blumen Ueberfluß,
An Festen zierlich sie um den Altar zu hängen;
Auf Todtenbeine drückt ihr Mund den frommen Kuß,
Des Tempels Wölbung dröhnt von ihren Chorgesängen.

Laßt nicht mit frechem Witz den Stolz ein Leben schmähn,
Das sich im tiefsten Schoß der Einsamkeit begräbet,
Welt-Schönen nicht mit Hohn auf die Verstalinn sehn,
Die ihre Klosterpflicht treu zu erfüllen strebet.

Die Brust, die halb enthüllt, die Lilie überscheint,
Das rosichte Gesicht, geziert mit jeder Gabe
Der Grazien, bedroht ein nie versöhnter Feind;
der Freude Blumenpfad führt immer nur zum Grabe.

Wie manches sanfte Herz, in dem die Liebe wallt,
Mag diesen Schreckensort mit seinen Seufzern füllen!
Wie manche liebliche, bezaubernde Gestalt
Mag klösterliche Tracht, gleich einer Wolk' umhüllen!

Wohl manches Bächlein rollt, eh es ins Meer hinein
Sich gießt, mit stiller Fluth, durch grause Felsenklüfte;
Wohl manche Lampe brennt mit unbemerktem Schein,
Und wirft ihr nächtlich Licht auf heil'ge Todtengrüfte.

Manch Mädchen, Julien und Lauren gleich, verblüht
Hier ruhmlos; manche, die schon mit der Morgenröthe
Zum kleinen Garten eilt, und Blumen auferzieht,
Erzög' in einem Sohn uns einen andern Göthe. -

Zwar, aus der Falschheit Mund das Gift der Schmeicheley, -
Der Gifte süßestes, - begierig einzusaugen,
Zu üben jede Kunst verfeinter Buhlerey,
Zu schaun, wie schön sie sind, in der Bewundrer Augen,

Verwehrt ihr Loos: hier, wo die Ruhmsucht nichts gewinnt,
Hält jeden Lastertrieb die strenge Zucht im Zügel;
Begier durchirrt hier nicht der Thorheit Labyrinth,
Und Eitelkeit begafft sich lächelnd nicht im Spiegel.

Hier keimt aus Hymens Bund kein häusliches Gezänk,
Hier wird durch Umgang nie ein weiblich Herz verführet,
Der Tugend, und des Schwurs der Treu uneingedenk,
Zu spenden Manchem, was dem Einzigen gebühret.

Und doch - wenn Engel gleich die keusche Himmelsbraut
Mit Amarantenlaub und Edens Rosen krönen,
Wenn gleich ihr Blick den Glanz des offnen Himmels schaut,
Und Seraphs Harfen sanft zu ihrem Hymnus tönen; -

Doch stellt Erinnrung oft dem Andachttrunknen Blick
Reizvolle Scenen dar, aus frühern Jugendzeiten;
Ins väterliche Haus fliegt dann das Herz zurück,
Und Sehnsuchts-Thränen sinds, die still dem Aug' entgleiten.

Wohl keine schwur, dem Chor der Nonnen zugesellt,
Den feyerlichen Eid in Gottgeweihter Stätte,
Die nicht, mit leisem Gram ausscheidend von der Welt,
Dort ein ihr theures Herz zurückgelassen hätte! -

Du, dessen Trauerlied der armen Nonnen denkt,
Und ihrer Einsamkeit harmvolles Loos beklaget;
Wenn Mitleid einst ein Herz zu diesem Tempel lenkt,
Das, nah verwandt mit dir, nach deinem Schicksal fraget:

Dann sagt die Aelteste der Schwestern ihm vielleicht:
Oft hörten wir ihn hier, wenn kaum auf Purpurschwingen
Der Morgen sich erhob, und, noch vom Thaue feucht,
Die Wiese schimmerte, mit uns die Mette singen;

Dort, wo nach langem Kampf Adele Ruhe fand,
Lehnt' er ans Grabmahl sich, ihr Unglück zu beweinen,
Und sah, von dem Gefühl der Wehmuth übermannt,
Den unbefleckten Geist der Dulderinn erscheinen.

"Es müsse sanfte Ruh in meines Edmunds Herz
(So schien die Lichtgestalt zu lispeln) wiederkehren!
Ich folgte deinem Tritt, belauschte deinen Schmerz;
Empfange meinen Dank für treuer Liebe Zähren! -"

Einst mißt' ich Abends ihn, als unsrer Schwestern Schar
Die Vesper sang; ich sah ihn nicht im Kreuzgang stehen;
Ein zweyter Abend kam, doch weder am Altar,
Noch dort am Leichenstein ließ er sich, bethend, sehen;

Am dritten leuchtete der Kerzen matter Strahl,
Die Todtenglock' erklang; da eilten wir, und blieben
Am Grabe trauernd stehn. - Komm lies - dieß ist sein Mahl! -
Die Zeilen, von der Hand der Freundschaft drauf geschrieben:

Grabschrift
Weil' an des Jünglings Gruft, o Wandrer! Sein Geschick
War einfach, wie er selbst: auf ländlichen Gefilden,
Sucht' er, im stillen Schoß der Einsamkeit, das Glück;
Das Mitleid gab den Stoff, sein weiches Herz zu bilden.

Aus: Poetische Schriften von Sam. Gottlieb Bürde
Zweiter Theil Breslau und Leipzig
bey Wilhelm Gottlieb Korn 1805 (S. 38-48)
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Christoph Gottehr Burghart (1682-1745)

An eine Nonne

Darff sich was weltliches in deine zelle wagen?
Darff wohl / O heilige / bey dir ein sünder stehn?
Du pflegest sonsten zwar mit engeln umzugehn;
Jedoch GOtt selber will sein hauß uns nicht versagen /
Wann wir nur an die brust mit leyd und reue schlagen:
Mich drückt der sünden-last; du wirst dein lob erhöhn /
Woferne du mich läst bey dir zur beichte gehn;
So laß dich doch um rath vor mein gewissen fragen /
Du bist die Priesterin; dein leib ist mein Altar /
Die beyden lichter drauff sind deiner augen paar;
Der tempel aber selbst ist deine dunckle zelle /
Ach sprich mich / heilige / von meinen sünden loß /
Die straffe leg' ich dir ganz willig in die Schooß /
Wo nicht / so bringet mich die schuld noch in die hölle.

Aus: Benjamin Neukirchs Anthologie
Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte Theile 1-7
Tübingen Niemeyer 1961-1991 (Neudrucke deutscher Literaturwerke)

(Theil 4 S. 78-79)
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Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Die Klage der Nonne
(Deutsch nach dem Chinesischen)

Ich muß in diesen Mauern in Abgeschiedenheit
Versäumen und vertrauern die schöne Jugendzeit.
Sie haben ja zur Nonne mich eingemauert arg
Und haben mich lebendig gelegt in meinen Sarg.

Ich muß die Metten singen, mein Herz ist nicht dabei.
Vergib mir, du mein Heiland, wie sündhaft ich auch sei,
Vergib mir und vergib auch in deiner reichen Huld
Den Blinden, den Betörten, die an dem Unheil Schuld!

Hier senkt die hohe Wölbung sich schwer auf mich herab,
Und drängen sich die Wände zu einem engen Grab;
Mein Leib nur ist gefangen, es hält die dumpfe Gruft
Mein Sinnen nicht, das schweifet hinaus nach freier Luft.

Mich zieht die Sehnsucht schmerzlich in die erhellte Welt,
Wo Liebe sich mit Liebe zu froher Lust gesellt;
Die Freundinnen mir waren, sie lieben, sind geliebt,
Und nur für mich auf Erden es keine Liebe gibt.

Ich seh' sie, ihre Männer, ihr häuslich stilles Glück,
Umringt von muntern Kindern, - es ruft mich laut zurück
In Gottes Welt, ich weine und weine hoffnungslos;
Ward doch auch mir verheißen des Weibs gemeinsam Los!

Ich hätte nicht den Reichsten, den Schönsten nicht begehrt,
Nur einen, der mich liebe, der meiner Liebe wert;
Ja, keine Prunkgemächer, nur ein bescheidnes Haus,
Er ruhte sich am Abend vom Tagwerk bei mir aus.

Ich könnt' im ersten Jahre, in stolzer Mutterlust
Ein Kind, wohl einen Knaben, schon drücken an die Brust;
Da würden manche Sorgen und Schmerzen mir zu teil,
Ist doch das Glück auf Erden um hohen Preis nur feil.

Ich wollt' an seiner Wiege so treu ihm dienstbar sein;
Ihn pflegte ja die Liebe, was sollt' er nicht gedeihn?
Du lächelst, streckst die Händchen, du meine süße Zier!
O Vater! sieh den Jungen, fürwahr, er langt nach dir!

Ich müßte bald verschmerzen, was meine Freude war,
Ich müßt' ihn ja entwöhnen wohl schon im nächsten Jahr;
Du blickst, mein armer Junge, verlangend nach mir hin,
Du weinst, - ich möchte weinen, daß ich so grausam bin.

Er wächst, er kreucht, er richtet an Stühlen sich empor,
Verläßt die Stütze, schreitet selbstständ'ge Schritte vor;
Er fällt; du armer Junge, verliere nicht den Mut!
Ein Hauch von deiner Mutter macht alles wieder gut.

Und wie die ersten Laute er schon vernehmlich lallt:
Mama, Papa! ihr Klang mir im Herzen widerhallt;
Und wie ihn reich und reicher die Sprache schon vergnügt,
Und seltsam noch die Worte er aneinander fügt!

Er wird schon groß, wir schaffen ein Wiegenpferd ihm an,
Er tummelt es und peitscht es, ein kühner Reitersmann. -
Ei! kletterst du schon wieder? du ungezogner Wicht!
Er lacht, er kommt, er küßt mich, und zürnen kann ich nicht.

Er muß in seinen Jahren bald in die Schule gehn,
Muß lesen, schreiben lernen: das wirst du, Vater, sehn,
So wild er ist, wir lösen - ja, er wird fleißig sein, -
Noch manchen roten Zettel von ihm mit Naschwerk ein.

Und wenn von roter Farbe nicht alle Zettel sind,
Sollst, Vater so nicht schelten, er ist ja noch ein Kind,
Er wird noch unsre Freude und unser Ruhm zugleich,
Einst hochgelahrt gepriesen im ganzen röm'schen Reich.

Und Jahr' um Jahre fliehen in ungehemmtem Lauf,
Er aber durch die Klassen arbeitet sich hinauf;
Er wird zur hohen Schule entlassen, er erreicht
Gewiß ein gutes Zeugnis; das beste? - ja! - vielleicht!

Und wann er uns besuchet, - o Gott! ich seh' ihn schon
Mit seinem schwarzen Schnurrbart, den echten Musensohn. -
Die Ferien sind zu Ende, ade! muß wieder hin;
Ich komme nun nicht früher, als bis ich fertig bin.

Ein Brief! ein Brief! lies, Vater! - Dein Sohn hat ausstudiert,
Sie haben ihn zum Doktor mit hohem Lob kreiert;
Mit nächster Post, so schreibt er, ja, morgen trifft er ein;
Hol', Mutter, aus dem Keller die letzte Flasche Wein!

Das Posthorn hör' ich schallen! - ach nein! zu meinem Ohr
Dringt dumpf nur das Geläute, das ruft mich in das Chor;
Sie haben ja zur Nonne mich eingemauert arg
Und haben mich lebendig gelegt in meinen Sarg.

Ich muß die Metten singen, mein Herz ist nicht dabei.
Vergib mir, du mein Heiland, wie sündhaft ich auch sei,
Vergib mir und vergib auch in deiner reichen Huld
Den Blinden, den Betörten, die an dem Unheil Schuld!

Aus: Adelbert von Chamisso Sämtliche Werke in vier Bänden
Mit Einleitung von Rudolf v. Gottschall
Berlin und Leipzig 1885 (S. 35-37)
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Karl Philipp Conz (1762-1827)

Lucie und Antonio
Legende

In Bologna lebt' ein edler Jüngling,
In Bologna lebt' ein edles Mädchen.
Zärtlich liebt' Antonio die schöne
Engelreine Lucie, die fromme,
Deren Neigung zwischen Erd' und Himmel
Schwankend jetzt am schönen Jüngling weilte,
Innig weilte, jetzt, als wäre Sünde
Solche süße Regung, mit der Regung
Ungetheilter Himmelsliebe kämpfte.
Und es siegt die hohe Gottesminne.
Bald als Braut dem Höchsten sich verlobend
Schwur sie jetzt vor des Altares Stufen
Flucht der Welt und Huldigung dem Himmel.
Ach und kann der Mensch sein Herz verschwören!
Oft noch neben des Erlösers Bildniß
Drängt das Bild sich ihres Zartgeliebten;
Manchen Raub an ihren Himmelsseufzern
Mußte der Gedank' an ihn begehen.
Traurig schlich der Jüngling jeden Morgen
Unters Fenster, wo heraus sie lauschend
Messe täglich hörte von dem Dome.

Sah der Andacht Lilien er prangen
Auf dem Rosenhimmel ihrer Wangen,
O wie fühlt' er schmachtendes Verlangen!
Sah er ihrer Augen Sternenbogen
Zu dem ew'gen Licht hinaufgezogen,
Und, zu heilen allen Erdenschaden,
In dem Urquell alles Heiles baden,
Regten sich in ihm auch andre Flammen,
Und den ird'schen Wunsch muß er verdammen;
Doch mit herben, bittersüßen Leiden,
Unter Thränen muß er immer scheiden.
Ach, und kann sie solche Schau vermeiden!
Den geliebten Räuber ihrer Freuden,
Ihrer Himmelsfreuden muß sie sehen
Täglich vor dem Klosterdome stehen.
Und da tritt ein Warner vor die Seele
Ihr mit eins des Bischofs ernste Rede,
Als er ihr gereicht den Nonnenschleier:
"Von den Augen aller Männer trenne
Deine Augen ewig dieser Schleier!"
Als Antonio kommt am andern Morgen,
Eng vergittert findet er das Fenster,
Was er kam und wieder kam und harrte,
Eng vergittert blieb das strenge Fenster,
Das vom Himmel seiner Wonn' ihn trennte.
Und nun schwur er, sich dem Herrn zu weihen,
Einzig nach dem Vorbild seiner Lieben,
Nahm das Kreuz und zog zu frommem Streite
Fort ins Land, da heilige, geweihte,
Das getrocknet viel der Christenthränen,
Dort zu kämpfen mit den Sarazenen.

Schon im ersten Treffen, wie er wüthend
Eindringt in die lanzendichte Reihen!
Tod, nicht Sieg ist sein Verlangen, theuer
Will sein Leben dennoch er verkaufen.
Mordend unter mörderischen Streichen
Nieder stürzt er, wird vom Feind lebendig
Fortgeschleppt, in Kerkernacht geworfen.
Aus dem Kerker bald in ehrnen Banden
Seht ihn wandern nach der Marterkammer!
"Frei der Qualen leb' als unser Bruder,
Schwöre deinen Glauben ab, bekenne
Mahoms" - riefen dort ihm zu die Feinde; -
Doch er würdigte sie keiner Antwort,
Standhaft stumm ertrug er jede Folter.
Mitten unter ihren herbsten Qualen
Rief er: "heil'ge hohe Himmelssonne,
Brunnen aller Huld, Quell alles Friedens,
Ströme deinen Frieden auf mich nieder!
Hör', o höre, Mutter der Erbarmung.
Und du Lucie, der Keuschheit Blume,
Wenn du noch der Erde Lüfte trinkest,
Schließe den, der dich so innig liebte,
Ein in dein Gebet, und hat des Himmels
Seligkeit dein Leben schon umschlossen,
So erwirb mir meines Heilands Gnade
Auf dem letzten dornenvollen Pfade."

Kaum als er die Worte noch gesprochen,
Sank sein Auge wie gebrochen plötzlich,
Und als wär' er unterm Schmerz verschieden,
Ließen todt ihn seine Henker liegen.
Doch erwacht, wie staunt er nun, mit seinen
Fesseln in Bologna sich zu sehen,
Hart am Fuß des St. Christinenklosters;
Und es wuchs sein Staunen zum Entzücken:
Lucie, von Himmelsglanz umflossen,
Stand, als harrte sein sie, vor der Pforte.
"Lebst du", rief er, "lebst du noch, du süße,
Braut des Herzens, du Gebenedeite?" -
"Wohl noch leb' ich; doch das wahre Leben,
Das, gebraucht, nicht abnimmt, ewig zunimmt.
Geh' und lege nieder auf mein Grabmahl
Deine Fesseln, preise Gottes Gnade,
Sie allein! Nur sie hat dir geholfen."
An demselben Tage, als Europa
Wehmuthsvoll Antonio verlassen,
War, ein Strahl, der wiederkehrt zur Sonne
Ew'ger Liebe, Lucie verschieden.
Kaum ein Jahr jetzt, das der fromme Dulder
Unter Andacht- unter Liebethränen
An dem theuren Grab in stillem Sehnen
Hin verweinte, was hinweggeschieden,
Ging auch er hinauf zum höhern Frieden.

Aus: Gedichte von Carl Philipp Conz Erster Band
Tübingen bei Heinrich Laupp 1818 (S. 245-248)

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Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Die Nonne und der Ritter

Da die Welt zur Ruh' gegangen,
Wacht mit Sternen mein Verlangen;
In der Kühle muß ich lauschen,
Wie die Wellen unten rauschen.

"Fernher mich die Wellen tragen,
Die an's Land so traurig schlagen
Unter Deines Fensters Gitter,
Fraue, kennst du noch den Ritter?"

Ist's doch, als ob seltsam' Stimmen
Durch die lauen Lüfte schwimmen;
Wieder hat's der Wind genommen -
Ach, mein Herz ist so beklommen!

"Drüben liegt Dein Schloß verfallen,
Klagend in den öden Hallen
Aus dem Grund der Wald mich grüßte -
'S war, als ob ich sterben müßte."

Alte Klänge blühend schreiten!
Wie aus lang versunk'nen Zeiten
Will mich Wehmut noch bescheinen,
Und ich möcht' von Herzen weinen.

 "Über'm Walde blitzt's von Weitem,
Wo um Christi Grab sie streiten;
Dorthin will mein Schiff ich wenden,
Da wird alles, alles enden!"

Geht ein Schiff, ein Mann stand drinne -
Falsche Nacht, verwirrst die Sinne,
Welt, Ade! Gott woll' bewahren,
Die noch irr im Dunkeln fahren.

Aus: Joseph von Eichendorff Sämtliche Gedichte und Versepen
Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2001 (S. 389-390)
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Gisela Etzel (1880-1918)

Florenz ist schön, doch schöner noch ist Rom,
Und seine Männer sind besonders kühn;
Ich liebe es, wenn Kardinäle glühn,
Und sitze gerne dort im Petersdom

In fernem dunklen Winkel ganz allein,
Wenn vorn im Licht die goldnen Priester stehn
Und sich in himmlischen Ekstasen drehn
Und hoch vom Chor die Knabenstimmen schrein

Und aus dem Dunkel neben mir die Augen
Der herben jungen Mönche an mir hängen
Und ihre stummen Seelen zu mir drängen
Und gierig sind, mein Bildnis aufzusaugen /
Und mir zur Seite jener Kardinal
Die Hände krampft in ungestümer Qual.


Aus: Gisela Etzel
Die Lieder der Monna Lisa
Georg Müller Verlag, München 1912 (S. 15)

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Karl Ferdinand von Fircks (1828-1871)

Der Mönch

Oben auf der Felsenzinne
Schimmernd steht das Ritterschloß,
Bub' und Knapp' im Burghof reiten
Wild und jubelnd hoch zu Roß.
Unten düster in der Tiefe
Liegt das Kloster, einsam stehn
Stille Mönchlein an den Fenstern
Und im Garten stumm sie gehn.

Mit dem Pfeil wohl mag man reichen
Von der Burg hinab in's Thal,
Und man hört vom Söller oben
Unten tönen den Choral:
Doch kein Winken geht hinüber,
Und kein Gruß, den man sich bot,
Denn dort oben jauchzt das Leben,
Und dort unten seufzt der Tod. -

Flog ein Vöglein aus dem Zweige,
Der am Burgthor leis' sich regt?
War's ein spielend Kätzlein draußen,
Das des Gatters Strang bewegt?
Leise knirscht das Felsgerölle,
Und es weicht das Land zurück,
Und ein Mönchlein schaut verstohlen
In den Hof mit späh'ndem Blick.

Wie sie jubeln, wie sie reiten,
Wie das Roß sich bäumt und stöhnt,
Wie die Speere sausend gehen,
Wie die Bogensehne tönt!
Und der stille Lauscher draußen
Seufzt und prüfet seinen Arm,
Und es rinnt ein heimlich Thränlein
In den Bart ihm nieder warm.

Und es wandern seine Blicke
Weiter an der Burg entlang,
An den Söllern, an den Erkern,
An den Zinnen sonnenblank.
An den hohen Bogenfenstern -
Da, was ist's, das ihn erfaßt?
Tastend und mit irren Händen
Sucht sein Kränzlein er in Hast.

Dort am Fenster, wo der Epheu
Rankend klimmt am Mau'rgestein
Und am Sims das Vöglein locket,
Steht des Ritters Töchterlein;
Hold und lieblich, wie die Jungfrau'n
Der Legende, heimlich schön,
Wie der Sünde stille Bilder,
Die zu Nacht durch's Kloster gehn.

Und das Kränzlein wandert, wandert
Kreisend durch des Mönches Hand,
Und sein Auge schaut zum Fenster
Heißen Blickes unverwandt.
Heißen, sehnsuchtswilden Blickes,
Und das Rosenkränzlein bricht,
Seine Perlen rollen nieder
Und der Beter merkt es nicht.

Horch! da schallt die Klosterglocke
Aus der Tiefe, und am Thor
Rauscht es wie von eil'gen Schritten,
Und das Mägdlein blickt empor.
Flog ein Vöglein aus dem Zweige,
Der sich an der Mauer regt.
War's ein spielend Kätzlein draußen,
Das des Gatters Strang bewegt?


Aus: Gedichte vom Freiherrn Carl von Fircks
Leipzig Julius Klinkhardt 1864 (S. 52-55)

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Irene Forbes-Mosse (1864-1946)

Versäumt

Auf ihrem weißen Lager, hart und schmal,
In ihrer weißen, sonndurchglühten Zelle,
Liegt eine Nonne, still, in letzter Qual,
Und horcht auf ihres Lebens letzte Welle.

Auf ihrer Stirne flammt das Abendrot,
In ihrem Herzen flackert eine Reue . . .
Ein kühler, tiefer Brunnen ist der Tod,
Ein starker Freund - denn so nur hält sie Treue.

Und wie sich fiebernd ihre Kraft verzehrt,
Hört sie tief innen ihre Jugend klagen:
O Kelch der Liebe, den ich nicht geleert,
O Last der Liebe, die ich nicht getragen!

Aus: Das Rosenthor Gedichte von
Irene Forbes Mosse
Insel Verlag Leipzig 1905 (S. 19)

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Abraham Emanuel Fröhlich (1796-1865)

Die Nonne

Im Garten steht die Nonne
Bei Rosen in der Sonne,
Die ihr ein Kränzlein flechten
Zur Linken und zur Rechten.

Herüber aus dem Saale
Erklingt vom Hochzeitmahle
Das Tanzen und das Singen,
Die Braut will jeder schwingen.

Sie kühlet, hold umfangen,
Am Fenster sich die Wangen;
Die Nonne schaut hinüber,
Ihr geh'n die Augen über:

"Wie glüht im Rosenglanze
Sie unter'm weißen Kranz,
Und unter rother Rose
Erbleich' ich Freudenlose!"


Aus: Lieder von Abraham Emanuel Fröhlich
Frauenfeld Verlags-Comptoir (A. Reimmann)
1853 (S. 273-274)

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Ludwig Ganghofer (1865-1920)

Die Nonne

Mein Kleid ist schwarz, mein Schleier weiß,
Und bleich sind meine Lippen.
Doch ach, wie glüht mein Herz so heiß!
Es will nicht ruhen und rasten
Trotz Litaneien und Fasten.

Meine Mutter brachte mich hieher,
Sie wollte Gott versöhnen.
Mein Haar fiel unter der kalten Scheer -
Nun büß' ich der Mutter Sünden,
Kann selber nicht Ruhe finden.

Die Hände preß' ich auf die Brust,
Mein Herz in Ruh zu bringen.
Vergessen will es nicht der Lust
All jener seligen Stunden,
In denen es Liebe gefunden.

Aus: Heimkehr Neue Gedicht von Ludwig Ganghofer
Stuttgart Verlag von Adolf Bonz & Comp. 1885 (S. 73)
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Emanuel Geibel (1815-1884)

Die junge Nonne

Ach Gott, was hat mein Vater, was meine Mutter gedacht,
Daß sie mich zu den Nonnen in das Kloster gebracht!
Nun darf ich nimmer lachen und muß im Schleier gehn,
Und darf kein liebend Herze mein Herze verstehn.

Sie haben abgeschnitten mein langes schwarzes Haar,
Hat keiner sich erbarmet meiner sechzehn Jahr;
Ich bin schon so betrübt und bin doch noch so jung,
Und hat die Welt der Freuden doch für alle genung.

An meiner Zelle Fenster bau'n die Vögelein,
Da möcht' ich oft mit ihnen so frei und lustig sein.
Ich höbe meine Flügel und fände wohl den Steg
Weit über alle Thürme und Klöster hinweg.

Und wenn der Abend dämmert und dunkelt die Nacht,
Hab' ich viel tausendmal an meinen Schatz gedacht;
Nun bin ich eine Nonne, mein Schatz ist so weit,
Drum fließen meine Thränen allezeit.

Es fließen wohl die Wellen mitsammen in das Meer,
Es fliegen mitsammen die Vögel drüber her,
Der Tag hat seine Sonne, die Nacht den Sternenschein;
Nur ich muß alle Stunden einsam sein.

Ich wollt', sie läuteten im Kreuzgang erst um mich,
Und trügen mit den Kerzen mich still und feierlich;
Da wär' ich los auf einmal von aller Noth und Pein,
Und dürfte mit den Engeln wieder fröhlich sein.

Aus: Gedichte von Emanuel Geibel
Erste Periode Neunundsechzigste Auflage
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1871 (S.113-114)
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Martin Greif (1839-1911)

Die singende Nonne

Es sitzt eine Nonn' alleine
Und singt mit frommer Stimm'.
Vorbei im Abendscheine
Jagt Einer mit Ungestüm.

Es singt die weiße Nonne
Von Jesus, dem Bräutigam,
Fern drüben scheidet die Sonne
Gar feurig und wundersam.

Und wie sie niedertauchet
Und sprüht noch ein einzigmal,
Der Nonne Lied verhauchet
Sehnsüchtig ins stille Thal.

Der Reiter kehrt sein Gesichte
Zum schwindenden Kloster um,
Da glüht im Abendlichte
Das ferne Heiligthum.

Aus: Gedichte von Martin Greif
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen
Buchhandlung 1868 (S. 151)
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Martin Greif (1839-1911)

Nonne und Aebtissin

"Was ist dein Aug so trüb und hohl,
So bleich sind deine Wangen?"
""Frau Aebtissin, ich bin heut wohl
Zur Mittnachtmett gegangen.""

"Und da zur Mett' du kommen bist,
Was war dein Sinn im Herzen?"
""Ich dachte an den lieben Christ
Und seine großen Schmerzen.""

"Ich sag's dir besser, Kind, anitzt,
Das kommt vom sünd'gen Lieben;
Du hast den Arm um Blut geritzt,
Ein Brieflein mit geschrieben."

""Ich schrieb auf Rosen, halb verdorrt,
Und hüllt' sie ein mit Laube;
Es kam und nahm die Botschaft fort
Wohl eine wilde Taube.""

"Dann küßte dich im Traum ein Knab,
Der um dein Herz geworben."
""Mir träumt', ich läg' im tiefen Grab
Und wäre längst gestorben.""

Aus: Gedichte von Martin Greif
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen
Buchhandlung 1868 (S. 160-161)
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Martin Greif (1839-1911)

Die Nonne

Ein Ritter sprengt vor's Klosterthor
Und klingelt hell:
"Bringt mir mein Schwesterlein hervor
Aus ihrer Zell'."

"Setz' statt dem Weihel ein Kränzlein auf,
Schau dich nicht um;
Und schilt die Glock ins Schloß hinauf,
So lachen drum."

""Herr Bruder, nimmer in dieser Welt! -
Bin ich auch jung;
In meiner stillen Klaus gefällt
Mir's gut genung.

Ihr habt zur Pforte mir noch herein
Mein Lieb verhöhnt;
Ich bin ein weltliches Kind sein
Nicht mehr gewöhnt.

Was ihr begraben, das liegt im Grab
Und bleibt darin.
Ich leg' den Schleier nicht von mir ab
Und bet' für ihn.""

Aus: Gedichte von Martin Greif
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen
Buchhandlung 1868 (S. 183-184)
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Heinrich Heine (1797-1856)

Der Apollogott

I.
Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,
Der Rhein vorüberrauschet;
Wohl durch das Gitterfenster schaut
Die junge Nonne und lauschet.

Da fährt ein Schifflein, märchenhaft
Vom Abendrot beglänzet;
Es ist bewimpelt von buntem Taft,
Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

Ein schöner blondgelockter Fant
Steht in des Schiffes Mitte;
Sein goldgesticktes Purpurgewand
Ist von antikem Schnitte.

Zu seinen Füßen liegen da
Neun marmorschöne Weiber;
Die hochgeschürzte Tunika
Umschließt die schlanken Leiber.

Der Goldgelockte lieblich singt
Und spielt dazu die Leier;
Ins Herz der armen Nonne dringt
Das Lied und brennt wie Feuer.

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmal
Schlägt sie ein Kreuz, die Nonne;
Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,
Nicht bannt es die bittre Wonne.

Aus: Heinrich Heine Sämtliche Gedichte
in zeitlicher Folge Hrsg. von Klaus Briegleb
Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1997 (S. 547-548)
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Heinrich Heine (1797-1856)

Die Beschwörung

Der junge Franziskaner sitzt
Einsam in der Klosterzelle,
Er liest im alten Zauberbuch,
Genannt der Zwang der Hölle.

Und als die Mitternachtstunde schlug,
Da konnt er nicht länger sich halten,
Mit bleichen Lippen ruft er an
Die Unterweltsgewalten.

Ihr Geister! holt mir aus dem Grab
Die Leiche der schönsten Frauen,
Belebt sie mir für diese Nacht,
Ich will mich dran erbauen.

Er spricht das grause Beschwörungswort,
Da wird sein Wunsch erfüllet,
Die arme verstorbene Schönheit kommt,
In weißen Laken gehüllet.

Ihr Blick ist traurig. Aus kalter Brust
Die schmerzlichen Seufzer steigen.
Die Tote setzt sich zu dem Mönch,
Sie schauen sich an und schweigen.

Aus: Heinrich Heine. Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge
Hrsg. von Klaus Briegleb. Insel Taschenbuch Verlag 1997 (S. 476)
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Friedrich von Heyden (1789-1851)

Heloise

"Wer ist die Frau, still, in dem Trauerkleide?
Dein Aug' entstrahlt ein Wiederschein der Wonnen,
Mit tiefen Spuren schweren Grams zerronnen? -"
Ward nichts Euch kund von Heloisens Leide?

Ob das Geschick, für diese Welt, - sie scheide,
Vom höchsten Guth, das ihr Gemüth gewonnen,
So schaut sie doch, - selbst im Gewand der Nonnen,
Mit heiterm Stolz auf ihres Herzens Weide.

Sie hat geliebt; - ach! keines Kummers Siegen
Kann des Bewußtseyns Wonnen überwiegen.
Sie liebt! und trägt entzückt des Schicksals Bürde.

Wenn tiefe Qual der Liebe Strafe würde,
Lieb ed'les Herz! - der ew'gen Nächte Dunkel
Wird Morgenroth von dieses Strahls Gefunkel.


Aus: Dichtungen von Friedrich von Heyden
Königsberg bei August Wilhelm Unzer 1820 (S. 168)

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776)

Klagen einer Nonne

Der Flora junge Rosenhand
Bestreuet jetzt die Flur
Mit Kränzen, und ein bunt Gewand
Umhüllet die Natur.

Nur nicht für mich! Mir wallt vom Thal
Kein Wohlgeruch empor.
Mir tönt das Lied der Nachtigall
Nur Klagen in mein Ohr.

Mit Fittigen der Mitternacht
Irrt die Melancholey
Um mich herum. Kein Lenztag macht
Mich von dem Kummer frey.

Selbst an des heilgen Altars Fuß,
Werf ich oft einen Blick
In jene Zeit, da Damons Kuß
Mir Himmel war, zurück.

Beym Paternoster seufze ich
Die Worte himmelan,
Erhöre, heilge Jungfrau, mich,
Und schenk mir ihn zum Mann.

Um meine Augenlieder schleicht
Der süße Schlaf nicht gern;
Oft sieht, wenn schon die Nacht entweicht,
Mein Leid der Morgenstern.

Stets schwebt mir meines Damons Bild
Vor Augen, der die Luft
Mit lauten Trauertönen füllt,
Und meinen Namen ruft.

Vergebens ruft! Nie werd ich ihn,
Den treuen, wiedersehn,
Nie mit ihm, wenn die Bäume blühn,
Durch Schattenhayne gehn.

Nein, trauern werd ich, bis der Arm
Des Grabes mich umfaßt,
Wenn du o Schwermuth, und du Harm
Mich aufgezehret hast.

Aus: Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Gesammelte Werke und Briefe
Kritische Studienausgabe
Hrsg. von Walter Hettche Wallstein Verlag 1998 (S. 32-33)
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Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776)

Die Nonne

Es liebt' in Welschland irgendwo
Ein schöner junger Ritter
Ein Mädchen, das der Welt entfloh,
Troz Klosterthor und Gitter;
Sprach viel von seiner Liebespein,
Und schwur, auf seinen Knien,
Sie aus dem Kerker zu befreyn,
Und stets für sie zu glühen.

"Bey diesem Muttergottesbild,
Bey diesem Jesuskinde,
Das ihre Mutterarme füllt,
Schwör' ich's dir, o Belinde!
Dir ist mein ganzes Herz geweiht,
So lang ich Odem habe,
Bey meiner Seelen Seligkeit!
Dich lieb' ich bis zum Grabe."

Was glaubt ein armes Mädchen nicht,
Zumal in einer Zelle?
Ach! sie vergaß der Nonnenpflicht,
Des Himmels und der Hölle.
Die, von den Engeln angeschaut,
Sich ihrem Jesu weihte,
Die reine schöne Gottesbraut,
Ward eines Frevlers Beute.

Drauf wurde, wie die Männer sind,
Sein Herz von Stund' an lauer,
Er überließ das arme Kind
Auf ewig ihrer Trauer,
Vergaß der alten Zärtlichkeit,
Und aller seiner Eide,
Und flog, im bunten Gallakleid,
Nach neuer Augenweide.

Begann mit andern Weibern Reihn,
Im kerzenhellen Saale,
Gab andern Weibern Schmeicheleyn,
Beym lauten Traubenmahle.
Und rühmte sich des Minneglücks
Bey seiner schönen Nonne,
Und jedes Kußes, jedes Blicks,
Und jeder andern Wonne.

Die Nonne, voll von welscher Wut,
Entglüht' in ihrem Muthe,
Und sann auf nichts als Dolch und Blut,
Und schwamm in lauter Blute.
Sie dingte plötzlich eine Schaar
Von wilden Meuchelmördern,
Den Mann, der treulos worden war,
Ins Todtenreich zu fördern.

Die bohren manches Mörderschwert
In seine schwarze Seele;
Sein schwarzer, falscher Geist entfährt,
Wie Schwefeldampf der Höhle.
Er wimmert durch die Luft, wo sein
Ein Krallenteufel harret.
Drauf ward sein blutendes Gebein
In eine Gruft verscharret.

Die Nonne flog, wie Nacht begann,
Zur kleinen Dorfkapelle,
Und riß den wunden Rittersmann
Aus seiner Ruhestelle,
Riß ihm das Bubenherz heraus,
Recht ihren Zorn zu büßen,
Und trat es, daß das Gotteshaus
Erschallte, mit den Füßen.

Ihr Geist soll, wie die Sagen gehn,
In dieser Kirche weilen,
Und, bis im Dorf die Hahnen krähn,
Bald wimmern, und bald heulen.
So bald der Seiger zwölfe schlägt,
Rauscht sie, an Grabsteinwänden,
Aus einer Gruft empor, und trägt
Ein blutend Herz in Händen.

Die tiefen, hohlen Augen sprühn
Ein düsterrothes Feuer,
Und glühn, wie Schwefelflammen glühn,
Durch ihren weißen Schleyer.
Sie gafft auf das zerrißne Herz,
Mit wilder Rachgeberde,
Und hebt es dreymal himmelwärts,
Und wirft es auf die Erde.

Und rollt die Augen, voller Wut,
Die eine Hölle blicken,
Und schüttelt aus dem Schleyer Blut,
Und stampft das Herz in Stücken.
Ein dunkler Todtenflimmer macht
Indeß die Fenster helle.
Der Wächter, der das Dorf bewacht,
Sah's in der Landkapelle.

Aus: Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Gesammelte Werke und Briefe
Kritische Studienausgabe
Hrsg. von Walter Hettche Wallstein Verlag 1998 (S. 170-172)
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Ernst Christoph Homburg (1607-1681)

Damen ohne Freyer

Kluge Sinnen/ schöne Dahmen/
Wie man euch wil sonst benamen/
Kommet/ höret/ was ihr seyd/
Klapper-werck und halbe Leut/

Ihr/ so nur/ als Nonnen/ schlaffet/
Keinen Serviteur euch schaffet/
Seyd gebeten/ komt heran/
Itzo wil ich heben an.

Eine Scheide/ sonder Messer/
Ohne Zapffen/ leere Fässer/
Reinick-Fuchs doch sonder Schwantz/
Eine Kirchmeß ausser Tantz.

Land/ so nimmer wird gepflüget/
Geld/ das nur im Kasten liget/
Kühe/ die nur gellen gehn/
Uhren/ so stets stille stehn.

Schöne Geigen sonder Quinten/
Gute Schreiber ohne Dinten/
Ein gebort Loch sonder Pflock/
Ohne Baart ein Ziegenbock.

Eine Kugel sonder Kegel/
Starcke Trescher ohne Flegel/
Eine Laute sonder Thon/
Dreßden sonder Garnison.

Eine Wage sonder Schüssel/
Dann ein Maalschloß sonder Schlüssel/
Eine Wiege sonder Kind/
Und ein Blasbalg ohne Wind.

Ausser Artzeney ein Krancker/
Grosse Schiffe sonder Ancker/
Schöne Glocken ausser Klang/
Nachtigallen ohne Sang.

Eine Stube sonder Ofen/
Sonder Schwein ein Schweines-Kofen/
Schöne Fenster sonder Liecht/
Säwern ein/ und backen nicht.

Hübsche Gärten quit von Rosen/
Ohne Färtzer grosse Hosen/
Kunst/ die man nicht wendet an/
Wein/ so man nie trincken kan.

Weitzen-Garben sonder Körner/
Schöne Hirsche sonder Hörner/
Fillis/ die nur Jungfer ist/
Kurtzweil frey zu ieder Frist.

Diese Dinge muß man schmücken/
Hin zur Meß auff Leipzig schicken/
Nicht ob hoher Würdigkeit/
Nur daß man sie thut beyseit.

Aus: E. C. Homburgs Schimpff-
und Ernsthaffte Clio Erster und Ander Theil 1642
[ohne Seitennumerierung] (pdf S. 120-122)
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Ella Hruschka (1851-1912)

Auf dem Monte Pincio

Ich schaue in der Pinien dunkle Wipfel,
Die ihre Kronen stolz zum Himmel heben,
Und seh' den Vögeln nach, die über ihnen
Hinweg nach einer freien Höhe schweben.
Dort steht ein Haus mit offner Säulenhalle -
Und rosenrot ringsum die Blüten prangen -
Gleichwie ein Tempel still verborg'nen Glückes,
Wo nun die Frühlingsfeier wird begangen.

Und vor mir lehnt am steinernen Geländer
Ein junger Mönch mit schönen bleichen Zügen
Und dunkelglühnden Augen, die sich schwer nur
Des Ordens strenger Regel mögen fügen.
Am hellen Abendhimmel scharf gezogen
Sind seines Schattenrisses edle Linien,
Auch seine Blicke scheinen still zu wandern
Nach jenem weißen Hause ob den Pinien.

Von tiefem Anteil fühl ich mich ergriffen
Für dieses junge eingesargte Leben,
Für diese Gluten, die nicht nach des Himmels,
Nein, nach der Erde Seligkeiten streben,
Er fühlt den Blick, der innig auf ihm ruhte,
Und unwillkürlich muß das Haupt er wenden,
Ein flüchtig Rot färbt seine bleichen Wangen,
Und das Brevier entgleitet seinen Händen.

Im Baumgang nebenher die Wagen rollen,
In langen Reihen zieh'n sie auf und nieder,
Es leuchten helle, farbige Gewänder,
Und Liebesblicke fliegen hin und wieder.
Dort rauscht vorbei der reiche Strom des Lebens
Mit stolzer Kraft und übermütgem Schäumen,
Der Mönch und ich, wir sitzen still am Ufer
Mit sehnendem Gemüt und träumen -

Aus: Im goldenen Licht Gedichte von Ella Hruschka
Leipzig Verlag für Literatur, Kunst und Musik 1910 (S. 64-65)

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Ignaz Hub (1810-1880)

Der Mönch

I.
Es saß in seiner Zelle
Ein Mönch, gar trüb und schwer,
Des Ernstes finstre Welle
Wogt' auf der Stirn umher;
Die starren Blicke lagen
Auf einem Todtenhaupt,
Im Herzen bange Klagen,
Die Lippen wie verschraubt.

Vom siechen Körper quellte
Der Geiselhiebe Blut,
Ein hohler Husten gellte
Aus kranker Seele Glut;
Und will hinauf er beten
Zum Kruzifix in Huld,
Da liegt er, wie zertreten,
Vor seiner großen Schuld.

Nicht kann er ruh'n, nicht rasten,
Kein Schlummer lädt ihn ein;
Durch Geiselung und Fasten
Will er sein Herz befrei'n.
Doch schrecklich tobt die Rache!
Das Kreuz ist ja kein Hord
In seiner heil'gen Sache
Für einen Brudermord.

Er sitzt in seiner Kammer
Beim düstern Ampelschein,
Bis fürchterlich der Hammer
Der Mitternacht schlägt ein.
Da faßt ihn Höllenbangen,
Er faßt sich selber nicht -
Der Bruder kömmt gegangen,
Und ruft sein Strafgericht.


II.
Ottokar und Hugo, Brüder
Eines stolzen Hauses, waren
Wie durch Adel ihres Blutes,
So im Kampf auch und Gefahren,
Wo es galt um Recht und Ehre,
Zarte Frauen zu beschützen,
Eigenthum nach Pflicht zu wahren,
Stets des Hauses tücht'ge Stützen,
Stets der Gegner tücht'ge Wehre,
Ihrer Ahnen würd'ge Glieder.
Auf das wahre Brüderpaar
Schaute Vater Benno freudig
Nieder mit dem Silberhaar.
Was voll Kraft einst der Gebieter,
Er, der Stolz der Ritterschaft,
Kämpfend stets für Ehre wirkte,
Schaut er in den Sprossen wieder,
Ruhmbedeckt durch Muth und Kraft
In so manchem blut'gen Straus.

Irmengard, ein Edelfräulein,
Von gar hohem Rang und Stand,
Nahe seinem Haus verwandt,
Las gar bald in Hugo's Blicken
Liebessehnsucht und Beglücken,
Ihr darbietend Herz und Hand.
Was in ihrer Brust sich regte, -
Dieses leise, stille Sehnen,
Diese Glut und dieses Drängen,
Nach des Theuren Bilde hin,
Oft benetzt mit Wonnethränen,
Zeigte auf der Liebe Gängen
Deutlich auch der Jungfrau Sinn.
Wie auch Ottokar sich mühte,
Diesen Preis sich zu erringen,
Unbekannt mit jenen Qualen,
Die des Bruders Herz umschlingen;
Wie er auch vor Liebe glühte,
Sie an's warme Herz zu drücken,
Sie als seine Braut zu schmücken:
Mußt' er doch vergeblich werben,
Sich des Zweifels Bilder malen,
Die ihn nimmermehr beglücken -
Kann doch mit dem zweiten Herzen
Nimmer reine Liebe scherzen,
Eine Liebe und Ein Grab!

Nicht verborgen blieb's dem Vater,
Wohl bedacht und wohl erfahren
Mit des Daseyn's Wechselgängen, -
Wie mit Herbstes Schauerklängen
Durch das Leben ernst und trübe,
So dem Glühn der Jünglingsliebe
In dem Lenz der Rosenjahre,
Fand er bald Gelegenheit
Einer Freite für die Maid.
Krieg bedrohte hart das Land;
Nimmer kann, an Jahren alt,
Er für seinen Kaiser fechten,
Drum soll in der Söhne Armen
Neu das frische Blut erwarmen,
Mit der Feinde Troß, dem schlechten,
Muthgestählt und kühn zu rechten.
"Kämpfet Eurer Ahnen werth!"
Sprach der Alte, "dies allein
Ist's noch, was mein Herz begehrt.
Euch die Hochzeit zu verkünden,
An dem eignen Vaterherd,
Seyd ihr ja schon beide werth,
Doch mit Irmengarde will ich den verbinden,
Der seinen Lorbeer mir mag um die Stirne winden!" -
Drauf zogen mit den Mannen
Die Brüder von dannen.

Was in Hugo's Busen stürmte,
Stürzte mit ihm fort zur Schlacht.
Dort wo heiß die Lanzen klirrten,
Furchtbar die Geschosse schwirrten,
Wo der Tod Entsetzen hauchte,
Kammeradenblut verrauchte,
Rannt' er wüthend, wie der Leu,
Trotzend jeglichen Gefahren,
In der Feinde dichte Schaaren,
Ob zum Tode, ob zum Lohne,
Ob der Eifersucht zum Hohne. -
Ihm zur Seite focht der Bruder,
Der nicht kraft- und muthverlegen
Vorwärts strebend, schon das Ruder
Seiner Mannen hatt' erreicht,
In die Flucht den Feind gescheucht,
Als ein meuchelmordend Eisen
Tückisch ihm die Brust zerfleischt,
Und in zarter Jugend Fülle,
Mit den goldnen Ringellocken,
Und den schöngeformten Gliedern,
Eine Zierde seines Stammes,
Seiner Krieger Muth und Stolz,
Ottokar, der junge Held
In den Arm des Todes fällt.
Brudermord! - Er war vollbracht!
Denn die Hölle selber facht
Ihre heißen Zweifel an,
Schürt und treibt und hetzt und lacht,
Ist der arge Schritt gethan,
Der nie wird zum ungethanen.

Siegreich zog nach heißer Schlacht
Unversehrt und reich geschmückt
Durch des Kaisers Gnad' und Huld
Hugo heim mit seiner Schuld.
Und es weint wohl manche Thräne
Um den jungen Heldensohn
Ach, der Vater. - Seine Braut,
Ihm jetzt nur zu Lieb' gegeben,
(Wie ihm däucht in seinem Wahn)
Führet er im Frevelmuth
Mit Bruderblut
Noch bespritzt zum Altar hin -
Doch bald mahnt die Rache ihn.
Schrecken und Verwirrung künden
Seine Sinne bleich und starr
Harrt er unverwandten Blicks,
Wohl zur Sühne schwerer Sünden,
Bis auf schwärzerem Gefieder
Steigt die Mitternacht darnieder,
Sonder Ruh' und sonder Rast,
Auf den blut'gen Hochzeitsgast.

Irmengardens reine Liebe
Will die Arme um ihn schlingen,
Ihm den Frieden wieder bringen;
Hält umklammert
Fest den Mann der süßen Triebe,
Seufzt und jammert -
Doch kein süßer Augenblick
Bringet ihn sich selbst zurück.
Und schon mahnt die Mitternacht -
Stille! tiefe Stille! - Sacht
Oeffnet sich das Brautgemach.

Und mit bleichen, starren Zügen,
Eine Wunde tief im Herzen,
Wallt zu seinem Mörder, wehe!
Ottokar, den Blick voll Schmerzen.
Helles Blut quillt, wie in Strömen,
Von dem Leichenhemd des Todten,
Und beflecket rings den Boden.
Und sein Blut strömt immer lauer
Und besät die weite Veste.

Vor der erste Morgen ruft,
Steigt der Geist in seine Gruft,
Und der blut'gen Spuren Maal,
Fern von seinem Ehgemahl,
Das in Jammer längst den Tod
Fand zum schönern Morgenroth,
Wäscht an Bruders kalter Hand
Hugo aus der Erde Sand.
Durch den ganzen Lebenslauf
Büßt er so die Frevelthat,
Und in schwerer Büßertracht
Schleicht er durch die Klosterhallen
Jede Nacht,
Bis die Chorgesänge schallen.


III.
Er saß in seiner Zelle.
Die Mitternacht schlägt an -
Dumpf klingt die Pfortenschelle,
Schon keucht's zur Thür hinan.
Der Lampe matten Schimmer
Bläst hohler Nachtwind aus,
Darauf erschallt Gewimmer
Gar kläglich durch das Haus.

Der Bruder kam gegangen
Im Leichenhemd, voll Blut!
Frost saß auf seinen Wangen,
Im Herzen heiße Glut.
Die Todeswunde gähnte
Schrecklich aus tiefem Schlund,
Des Todten Auge thränte, -
Ein Blutstrom färbt den Grund.

Und immer mächt'ger quellet
Und klafft der Wunde Glut;
Ein Feuerschein erhellet
Die grelle Purpurfluth.
Der Mönch stürzt ihm zu Füßen,
Und schlürft das Rächerblut,
Die Frevelthat zu büßen,
Bis er im Tode ruht.

Aus: Lyra-Klänge Gedichte von Ignaz Hub
Augsburg 1833 Gedruckt bei J. C. Wirth (S. 110-117)

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Ricarda Huch (1864-1947)

Die Nonne

Sieben Ringe, sieben schwere Ringe
Sind als Fesseln um mein Herz geschweißt,
Und darunter zuckt es, wühlt und reißt,
Daß das Band zerspringe.

Wie ein Netz von Eisen wiegt der Schleier,
Der von meinem Haupte niederwallt.
Ach, ich wollte, ihn zerrisse bald
Der ersehnte Freier.

Tröstet andre mit Verheißungsworten,
Ich erwarte keinen Himmel mehr.
Schein, wie wir, ist auch der Engel Heer
Vor den sel'gen Pforten.

Diese Erde gibt mir Lust und Leiden.
Laßt mich gehn auf meines Schicksals Spur;
Meinen schmerzlich schönen Anteil nur
Will ich an den beiden.

Aus dem Quell der Liebe will ich saugen;
Meinen Durst löscht andre Flut.
Lodern will ich, wie die Flamme tut
In des Freundes Augen.

Meine Sehnsucht mattet sich vergebens,
Doch sie wächst und wächst, eh' daß sie stirbt.
Wachsen soll sie, bis sie jäh erwirbt
Einen Tag des Lebens.

Einen Tag, den letzten und den ersten:
Wenn, von Liebe qualvoll überfüllt,
So mein Herz in seinem Drange schwillt,
Daß die Ringe bersten.


Aus: Ricarda Huch Gesammelte Werke
Fünfter Band: Gedichte, Dramen, Reden,
Aufsätze und andere Schriften
Herausgegeben von Wilhelm Emrich
Kiepenheuer & Witsch 1966-1970 (S. 48-49)
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Aus: Des Knaben Wunderhorn

Die Nonne
Mündlich

Stund ich auf hohen Bergen
Und sah wohl über den Rhein,
Ein Schifflein sah ich fahren,
Der Ritter waren drei,

Der jüngste, der darunter war,
Das war ein Grafensohn,
Hätt' mir die Eh versprochen,
So jung als er noch war.

Er tat von seinem Finger herab,
Ein Ringlein von Golde so rot:
"Nimm hin, du Hübsche, du Feine,
Trag ihn nach meinem Tod!"

"Was soll ich mit dem Ringlein tun,
Wenn ichs nicht tragen darf?"
"Ey sag, du hasts gefunden,
Draussen im grünen Gras!"

"Ei das wäre ja gelogen,
Stünd mir gar übel an,
Viel lieber will ich sagen:
Der jung Graf wär mein Mann."

»Ei, Jungfer, wärt ihr ein wenig reich,
Wärt ihr ein edler Zweig,
Fürwahr ich wollt euch nehmen,
Wir wären einander gleich!"

"Und ob ich schon nicht reiche bin,
Aller Ehren bin ich voll.
Meine Ehr will ich behalten,
Bis daß meins Gleichen kommt."

"Kommt aber deines Gleichen nicht,
Was fängst du darnach an?"
"Darnach geh ich in das Kloster,
Zu werden eine Nonn'."

Es stund wohl an ein Vierteljahr,
Dem Grafen träumts gar schwer,
Als ob sein herzallerliebster Schatz
Ins Kloster zogen wär.

"Steh auf, steh auf, lieb Reitknecht mein!
Sattel mir und dir ein Pferd,
Wir wollen reiten über Berg und Tal,
Das Mädel ist alles werth."

 Und als sie vor das Kloster kamen,
Sie klopften ans hohe Haus:
"Komm' raus, du Hübsche, du Feine,
Komm nur ein wenig raus."

"Was soll ich aber draußen tun?
Hab ich ein kurzes Haar!
Mein Haar ist abgeschnitten,
Es ist vergangen ein Jahr."

Der Graf entsetzt sich in der Still,
Saß da auf einem Stein',
Er weint die hellen Tränen,
Konnt sich nicht wieder freun.

Mit ihren schneeweißen Händelein
Gräbt sie dem Grafen ein Grab,
Aus ihren schwarzbraunen Äugelein
Sie ihm das Weihwasser gab.

So muß es allen Junggesellen gehn,
Die trachten nach großem Gut!
Sie hätten als gern schöne Weiber,
Sind aber nicht reich genug.

Aus: Des Knaben Wunderhorn
Alle deutschen Lieder Gesammelt von Achim von Arnim
und Clemens Brentano
Herausgegeben von Heinz Rölleke
Insel Verlag 2003 (S. 69-71)
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Friedrich Lange (1860)

Die Nonne

Saß ein Nönnlein in der Zelle,
Hatte Aeugelein so blau,
Wie der blaue Himmel draußen,
Waren feucht vom Thränenthau.

Schlug ihr Herzchen stark und stärker,
Lispelte ihr Rosenmund:
Draußen spielt das Hirtenmädchen,
Blümlein blühn im Wiesengrund.

Aber ich, - ich arme Nonne,
Kann nur beten in der Zell',
Habe keine grüne Blumen,
Krucifix ist mein Gesell.

Und die liebe Morgensonne,
Die da draußen mild erquickt,
Ach, zu mir, der armen Nonne,
Sie nur matte Strahlen schickt.

Mitternächtlich wacht die Nonne,
Sang ihr frommes Ave leis,
Und vor ihrem kleinen Gitter
Tönt noch leiser diese Weis:

Willst du mit, wo blauer Himmel
Blumen in die Aeuglein schaut,
Wo der Fluß vom Felsen schäumet,
Und sein Nest der Adler baut?

Nönnlein wacht in ihrer Zelle,
Wort für Wort drang ihr in's Herz;
Draußen sprach der süße Schwätzer
War's doch keines Traumes Scherz.

Nönnlein spricht so leis manch' Wörtchen,
Wachet bis zum Morgen dann,
Hundert Ave spricht den Tag sie,
Denkend an den süßen Mann.

Tage fliehen, Nächte ziehen,
Jene Zell' ist todt und leer;
In der Gondel sitzt die Nonne
Mit dem Mann gedankenschwer.

Tage fliehen, Nächte jagen,
Lustige Musik erschallt,
Und die Nonne fliegt im Reigen,
Doch im Ohr ihr Ave hallt.

Königskrone trägt die Nonne,
Ihrem Zauber staunt die Welt,
Süße Lust wogt im Palaste,
Doch im Ohr ihr Ave gellt.

Mutter wird sie vieler Kinder,
Purpur tragen sie und Kron',
Jubel schallet auf zum Himmel,
Doch der Nonne klang's wie Hohn.

Und die Zelle steht noch öde,
Nönnlein ruhet im Palast,
Nönnleins Auge schließt sich nimmer,
Nimmer läßt die Zell' ihr Rast.

Und an einem schönen Morgen
Zieht ein schwarzes Nönnelein,
Heiße Thränen reuig weinend,
In die leere Zelle ein.

Glocken jubeln, Nonnen singen:
Gott hat wieder seine Braut;
Und die liebe Sonne wieder
In der Zell' ihr Nönnlein schaut.

Aus: Gedichte von Friedrich Lange
Regensburg Verlag von Georg Joseph Manz 1860 (S. 341-345)
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Nikolaus Lenau (1802-1850)

Die Nonne und die Rose

Dunkle Wolken niederdrohten,
Und es zuckten Wetterscheine,
Brausend jagten schon die Boten
Des Gewitters durch die Haine.

Eine Rose dort am Aste,
Schöne Nonne, sahst du beben,
Und ein Bangen dich erfaßte
Um der Rose zartes Leben.

Sie zu wahren vor den Wettern,
Schnittest du sie schnell vom Strauche,
Eh der Sturm sie kann entblättern
Und entführen ihre Hauche.

Draußen tobt des Frühlings Eile,
Rosen flattern weithin, irre;
Deine blüht noch eine Weile
Scheinlebendig im Geschirre.

Theilte sie nicht, schnell verglühend,
Lieber solche Frühlingsloose?
Schöne Nonne, still verblühend,
O wie gleichst du dieser Rose!

Aus: Gedichte von Nicolaus Lenau
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1879 (S. 259)
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Hermann Löns (1866-1914)

Die Nonne

Viel hundert weiße Liljen
Im Klostergarten stehn;
Die roten, roten Rosen
Sind noch einmal so schön.

Die roten, roten Rosen,
Die darf ich gar nicht ziehn;
Im Klostergarten dürfen
Bloß weiße Liljen blühn.

Drei rote Rosen fallen
Vor meine Füße hin;
Es fließen meine Tränen,
Daß ich eine Nonne bin.

Ach Reiter, junger Reiter,
Behalt die Rosen dein;
Mir blühen bloß die Liljen,
Doch nicht die Röselein.

Aus: Hermann Löns Der kleine Rosengarten Volkslieder
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1918 (S. 97)
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Arthur Lutze (1813-1870)

Mönch und Nonne
Thüringer Volkssage

Am Mädelberg in Sachsen
Da ragt ein hoh Gestein,
Das gleichet zween Gestalten
Im lichten Mondenschein.

Die strecken ihre Arme
Wohl nach einander aus,
Doch stehn sie fest gebannet
Wie Bilder im Gotteshaus.

Einst blüht in jenen Gefilden
Die lieblichste Blume der Au:
Ein Mägdlein mit rosigen Wangen,
Ihr Aug’ wie des Himmels Blau.

Und ein Jüngling im Ritterschmucke,
Der liebte die rosige Maid;
Doch hatten die Väter der Treuen
Einander auf ewig entzweit.

Sie gewahrten die heimliche Liebe,
Und zerrissen der Glücklichen Loos,
Getrennt, ein Jedes geborgen
In sichern Klosters Schoß.

Da mußten sie tun ein Gelübde,
Nur den Herrn zu lieben allein,
Und sich ganz, mit Leib und Seele,
Dem Dienste des Höchsten zu weihn.

Doch als sie Beid’ empfanden
Der Sehnsucht brennende Qual,
Der Liebe unendliche Gluthen
Geschürt zu tausend Mal —

Da schlichen die Zwei behende
Aus engem Klosterthor
Und klimmten zur Bergeshöhe
Beim Glanze der Sterne empor.

Doch wie sie erschauen einander,
Zu sinken Brust an Brust —
Da erstarren ihre Glieder,
Da schwindet die irdische Lust. —

Noch strecken sie die Arme
Wohl nach einander aus;
Doch sind sie Stein geworden,
Zu nächt’gen Wandrers Graus.

Aus: Arthur Lutze's Gedichte
Neue Ausgabe Dritte Auflage Erster Theil
Cöthen Verlag der Lutze'schen Klinik 1863 (S. 88-89)
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Johann Martin Miller (1750-1814)

Lied einer Nonne an Clarissa

Ach, du lieber Mond! wie helle
Scheinest du in diese Zelle,
Wo, auf ewig eingemaurt,
Gottes Anverlobte traurt!

Aber leiser, meine Klage!
Daß kein Laut das Glück verjage,
Daß in Traumestäuschung süß,
Sich zu Schwestern niederließ!

Schlummert, o geliebte Seelen!
Ich will mich alleine quälen;
Will, im stillen, meiner Pein
Jammernde Vertraute sein.

Schlummert ihr auch, deren Härte
Mich in diesen Kerker sperrte!
Vater! Mutter! schlummert ein!
Jesus will, ich soll verzeihn.

Aber fromme, sanfte Klagen
Kann mir Jesus nicht versagen;
Schuf er meine Seele doch
Nicht für dieses schwere Joch!

Jeder Vogel darf im Freyen
Sich mit seinesgleichen freuen;
Jedes Würmchen, noch so zart,
Spielt mit Würmchen seiner Art.

Noch im späten Mondenglanze
Drehen Mücken sich im Tanze;
Alles freuet inniglich
Dein, o süße Freyheit, sich!

Nur uns armen, guten Seelen
Soll dein Glück auf ewig fehlen;
Kalt, mit frommgefaltner Hand,
Hat uns Wahn hieher gebannt!

An den heiligen Altären
Mußt' ich jeder Lust entschwören.
Mutter Gottes! Ach, ich schwur!
Und ich brach, ich brach den Schwur!

Diese Seufzer, diese Blicke
Schmachten nach der Welt zurücke;
Sehnen wiederum von hier,
O Clarissa, sich zu dir!

Du, an meiner Brust erzogen,
Ach, ich bin, ich bin betrogen!
Was man mir so schön gemalt,
Ist des Jammers Aufenthalt.

Weine, Freundinn! Ach vergebens
Freut' ich mich mit dir des Lebens;
Und der Welt, die voller Pracht
Mir noch damals zugelacht.

Rosen pflanzt' ich. Eh' sie blühen,
Werd' ich diesen Kerker fliehen.
Pflücke sie vom Strauch herab,
Und bestreu damit mein Grab!

Weine Freundinn! Diese Blicke
Schmachten nach der Welt zurücke!
Mutter Gottes! ach, ich schwur!
Und ich brach, ich brach den Schwur!

Aus: Johann Martin Millers Gedichte
Ulm bey Johann Konrad Wohler 1783 (S. 204-207)
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Johann Martin Miller (1750-1814)

Lied einer Nonne
im Frühling

Trocknet, milde Frühlingslüfte,
Meine vielen Thränen auf!
Send', o Abend deine Düfte
Zu der Zelle mir herauf! -
Aber Philomele stimmet
Wieder mich zum Klageton;
Und in frischen Zähren schwimmet
Mein erloschnes Auge schon.

Dank dir, liebe Philomele,
Daß du in mein Leiden weinst;
Daß mit einer guten Seele
Du zu Klagen dich vereinst!
Menschen, die mich schlau betrogen,
Kennen kein Erbarmen mehr!
Augen, die mir Liebe logen,
Sind von Mitleidsthränen leer!

Aber Lieb' und Mitleid füllet,
Guter Mond am Himmel, dich!
Meinem Auge gleich, verhüllet
Deines in den Schleyer sich.
Um die bleiche Wange wallen
Weinende Gewölke nur;
Und in Perlentropfen fallen
Thränen auf die Blumenflur.

Rosen schließen, ungesehen,
Sich im Klostergarten auf;
Warme Frühlingswinde wehen
Ihren Wohlgeruch herauf.
Unbeklagt, wie ihr, verfärbet
Sich, ihr Rosen, mein Gesicht.
Liebe Rosen, warum sterbet
Ihr auf meinem Grabe nicht?

Aus: Johann Martin Millers Gedichte
Ulm bey Johann Konrad Wohler 1783 (S. 256-257)
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Johann Martin Miller (1750-1814)

Nonnenlied

Hinweg, o Bild! Entweihe nicht
Die Gottgeweihte Stelle!
Hinweg aus meinem Angesicht!
Entfleuch aus dieser Zelle!

Ach Jesus Christus! Immerdar
Muß ich's vor Augen sehen!
Im Chor, am heiligen Altar
Seh' ich ihn vor mir stehen!

Entfleuch um Gottes willen doch!
Ich darf dich ja nicht lieben!
Wie kannst du meine Seele noch,
O Wilhelm, so betrüben?

Ach Jesus! Sieh, wie blaß und bleich
Es hier vorüber wallte!
Wie, dumpfen Sterbestimmen gleich,
Es mir entgegen hallte!

Hilf, Mutter Gottes, hilf du mir!
Sonst ist mein Herz verlohren!
Ich hab', ihn zu vergessen, dir
Ich hab' es dir geschworen!

Aus: Johann Martin Millers Gedichte
Ulm bey Johann Konrad Wohler 1783 (S. 265-266)
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Johann Martin Miller (1750-1814)

Lauren im Kloster

O du, die, mir entrissen
Durch Wahn und Grausamkeit,
In öden Finsternissen
Sich nun dem Tode weiht!
Hier an der Klosterschwelle
Bewein' ich, Laura, dich,
Und irr' um deine Zelle,
Und Niemand höret mich.

O Ihr - wenn noch mir Armen
Sich Gottes Engel nahn; -
So zeiget aus Erbarmen
Ihr meinen Jammer an!
Daß ihrer Andacht Feuer
Mir Linderung erfleh,
Und meine Seele freyer
Durch's Thal der Leiden geh!

Von schwärzrer Nacht umgeben,
Als diese Mitternacht,
Durchirrt mein Fuß das Leben,
Das du einst hell gemacht.
Im Hain, wo liebetrunken
Dein Mund mir Küsse gab,
Wank' ich, in Harm versunken,
Und suche stumm mein Grab.

Wenn in des Chores Hallen
Mich oft Verzweiflung führt,
Und vor den Stimmen allen
Mich deine Stimme rührt;
Dann deucht mir's, daß vom Himmel,
Wo Freude dich umwallt,
Dein Lied mir in's Getümmel
Verworfner Geister hallt.

Oft träum' ich, wie der Riegel
Der Zelle schnell zerspringt,
Und auf der Liebe Flügel
Dich mir ein Engel bringt.
Dein Schatten wallt hernieder;
Doch ich umarm' ihn kaum,
So wach' und wein' ich wieder,
Und fluche meinem Traum.

O Leben ohne Lauren,
Zur Pein mir zugedacht!
Wie lange wirst du dauren,
Du bange Fiebernacht?
Erweiche du, o Reine,
Den Richter, daß einmal
Durch Lieb' Er uns vereine,
Die Er uns selbst befahl!

Aus: Johann Martin Millers Gedichte
Ulm bey Johann Konrad Wohler 1783 (S. 280-283)
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Amalie Gräfin von Münster-Meinhövel (1767-1813)

Bardenfleth*

Seht, wie um die morschen Trümmer
Bei des Mondes sanftem Schimmer,
Unter bleichem Sterngeflimmer,
Geisterhaft die Sage schwebt!
Einst, - einst standen Thürm' und Säulen,
Wo jetzt Eul' und Uhu heulen,
Luftgestalten nur verweilen,
Kalter Schauer uns durchbebt!

Tief im Walde - dort, wo Raben
Krächzen, hinter Wall und Graben,
Die noch Wächter streng umgaben,
Ach! verseufzte ihre Zeit
Edda, hold wie einst Helene! -
Sanft, in jungfräulicher Schöne,
Sang sie klagend süße Töne,
Sang dem Wiederhall ihr Leid! -

Herrisch warb um Gegenliebe
Edda's Vormund; seinem Triebe
Blieb sie kalt; - wann ward wohl Liebe
Durch Despotenwuth erweckt?
Zarte Neigung zu erzwingen,
Strebt' er fruchtlos; Amors Schwingen
Können nur ans Ziel ihn bringen,
Das nach Willkür er gesteckt!

Bardenfleth, ein edler Ritter,
Hatt' an Edda's Fenstergitter
Oft bei Sturm und Ungewitter,
Oft bei Mondlicht sich gezeigt,
Unvergolt'ne Lieb' erlitten,
Endlich doch, durch leise Bitten,
Blick' und Züg' und edle Sitten,
Edda's Felsensinn erweicht.

Mitternächtlich kühle Winde
Wehten um des Schlosses Gründe,
Um die mondbeglänzte Linde -
Um des Mädchens gold'nes Haar;
Furcht und Liebe leihen Flügel! -
Krachend wich des Fensters Riegel,
Da herangesprengt zum Hügel
Kaum der edle Ritter war.

Zitternd ließ sie sich hernieder -
Zart und weiß wie Schwangefieder,
Ach! wie bebten ihre Glieder,
Als er auf sein Roß sie schwang!
In der Burg entsank sein Degen;
Da mit feierlichem Segen
Ihm ein Priester eilt' entgegen
Unter bräutlichem Gesang.

Monde schwanden jetzt wie Tage,
Sonder Kummer, sonder Klage;
Und bei festlichem Gelage
Stellte Vormund Gulph sich ein.
Ahnungsvoll sah Edda Fehde -
Doch des Alten Mien' und Rede
Fernten bald der Sorge jede,
Friedlich schien er zu verzeih'n.

Aber ach! der Meeresstille
Folget tosendes Gebrülle; -
Oft der Seligkeiten Fülle
Kummer, wenn das Schicksal winkt!
Harm und Freuden auszuspenden,
Hält das Glück die Wag' in Händen,
Pflegt das Zünglein schnell zu wenden,
Wenn die Freudenschale sinkt!

Scheinbar nur war Gulphens Güte,
Denn der Rache Flamm' entglühte
Dem erbitterten Gemüthe,
Gönnt' ihm weder Rast noch Ruh';
Zornig raunt er nun dem Pfaffen:
"Lind'rung meinem Zorn zu schaffen,
Straf', o straf' mit heil'gen Waffen
Edda's Frevel! - straf' ihn Du!"

Bald den Priester zu gewinnen,
Ihn durch Lohn und Listersinnen
In sein gold'nes Garn zu spinnen -
Spornt ihn tief verborg'ne Wuth.
Sein entflammter Blick wird trübe,
Tobend klagt er seine Liebe; - -
Kannt' er je die süßen Triebe,
Zarter Herzen reine Gluth?

Mit erheuchelter Geberde,
Und den Blick gesenkt zur Erde,
Rief der Priester aus: 'Ich werde,
Edler, euren Wink vollzieh'n;
Ohne Bann und Fluch zu sprechen,
Will ich Edda's Frevel rächen;
Und auch Bardenfleth's Verbrechen
Soll der Strafe nicht entflieh'n!'

Einst an festlich hoher Feier,
Da der Reue Thräne freier
Von dem naßgeweinten Schleier
Zu dem Thron der Gottheit drang:
War's, daß aus den dichten Reihen
Frommer Mönche, Nonnen, Laien,
Unter kirchlichem Kasteien,
Psalm und Bußgebet erklang.

An des Altars Stufen kniete
Edda; Andacht, sanfte Güte,
Rührten nicht den Mönch; er glühte -
Sah auf sie mit Zorn im Blick;
Strafte dann auf neue Weise:
Gab den Lippen, rasch, doch leise,
Statt der eingeweihten Speise,
Kühn das Opfergeld zurück.

Bardenfleth sieht Edda beben,
Hört der Stimme banges Streben -
Lieb' und Zorn und Wuth beleben
Ihn zur ernsten Rache schon,
Edda Sicherheit zu schaffen,
Greift er wüthend zu den Waffen;
Er durchbohrt die Brust des Pfaffen -
Ruft: "Verderben sei dein Lohn!"

Rasch, wie jählings Blitz' entstehen,
Laut, wie Aeol's Kinder wehen,
Stämm' und Masten wirbelnd drehen -
Wog' auf Woge dann sich thürmt:
So umlagerte die Menge
Nun den Ritter; im Gedränge
Ward das Herz ihm schier zu enge! - -
Kein Erretter, der ihn schirmt! -

Doch den Muth ihm zu erneuern,
Sammelten um ihn sich Laien
Und es gaben seine Treuen
Der betäubten Edda Schutz.
Draußen harrten ihrer Rosse,
Und der Ritter sammt dem Trosse
Bot im wohlverwahrten Schlosse
Den erzürnten Priestern Trutz. -

Doch - Gewissenszweifel ließen
Ihn der Ruhe nicht genießen;
Träumend sah er Blut noch fließen -
Sah von Schwertern sich umblinkt. -
Wie bei kalter Luft die Blüthe,
Die ein Sonnenstrahl verfrühte,
Wenig Augenblicke glühte,
Welkend nun dem Kelch entsinkt;

So war Edda's Glanz verschwunden!
Ihres Herzens tiefe Wunden
Bluteten noch wenig Stunden -
Da umfing sie ach! das Grab! -
An der Burg erklimmten Höhen
Sah man plötzlich Krieger stehen,
Federbüsch' um Helme wehen -
Rosse trabten auf und ab.

Rache sprüht der Schwarm; - erstiegen
Wird die Mauer; - "muthig siegen
Oder Helden gleich erliegen"
War des Ritters Losungswort.
Aber ach! die starke Rechte -
Sank im schmetternden Gefechte -
Und die Wuth der Feinde rächte
Sonder Glimpf den Priestermord!

Bald zur Rechten, bald zur Linken
Sah man Thürm' und Mauern sinken,
Pfeile fliegen, Schwerter blinken -
Prasselnd stieg die Flamm' empor; -
Falber glänzt' um Schutt und Trümmer
Hesper's nächtliches Geflimmer -
Luna trat mit trübem Schimmer
Hinter Wolken bleich hervor!

* Diese Erzählung gründet sich zum Theil auf eine wahre Geschichte.
Bardenfleth, der Held der Romanze, war nach alten Chroniken ein Heerführer
der Stedinger. Ein aufgebrachter Priester reichte seiner Gemahlin
am Altar den Beichtpfennig, statt der Hostie.
Der Ritter erstach ihn. Hierüber entstand eine Fehde,
in welcher der Bischof von Bremen sich mit verschiedenen
andern Nachbarn gegen Bardenfleth unterlag der Menge seiner Feinde;
seine Burg ward zerstört und er selbst kam in einer Schlacht um.
Der Pfennig, der die Losung zum Kriege gab,
soll noch im Stedingerlande irgendwo aufbewahrt werden.

Aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o. J. [1895] (S. 25-26)

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Ludwig Gottfried Neumann (1813-1865)

Die Nonne

Die Nonne tritt an's Fenster
Mit Wangen bleich und fahl;
Da unten zieht eine Hochzeit
Laut jubelnd durch das Thal.

Wie schwirrt durchs Kerkergitter
Der Nonne feuchter Blick;
Sie denkt zurück mit Wehmuth
An ihr zertrümmert Glück.

Sie denkt an ihren Geliebten,
Sie denkt an ihr theures Kind,
An all die süßen Stunden,
Die längst entschwunden sind.

Sie denkt, daß sie hier lebendig
Im Sarge begraben sei;
Dazwischen tönt der Hochzeit
Gat lustige Schalmei.

Und wie sie das Aug' in Thränen
Verloren am Fenster steht,
Gellt eine Stimme drohend:
"Fort, Sünderin, zum Gebet!" -


Aus: Neuere Gedichte
von Ludwig Gottfried Neumann
Wien 1850 Verlag von Carl Gerold (S. 12-13)

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Albert H. Rausch (1882-1949)

Dies ewig glühende Verbundenbleiben
Durch alle Räume, die uns feindlich trennen,
Will ich von allem Glück das größte nennen
Und stets in meine schönsten Strofen schreiben.

Ich will mich immer ganz von vorn bemühen,
Dies Göttliche so irdisch-schön zu schildern,
Daß jedem trunknen Blick aus meinen Bildern
Die Himmelstäler süß entgegenblühen.

Wort will ich wählend neben Worte weben
Und gotterfüllt: wie einst verzückte Nonnen
Ihr seligstes an buntes Garn gegeben,

Das ihre Sehnsucht - liebend - ausgesponnen
Zu Teppichen voll Glut und Dämmerleben,
Umfassend alles Weh und alle Wonnen.

Aus: Sonette
Die toskanischen Sonette / Die hessischen Sonette
von Albert H. Rausch
Egon Fleischel & Co Berlin MDCCCXII (1912) (S. 33)

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Editha Reitzenstein (1850-1905)

Verzaubert

Viel schlanke weiße Lilien
Dort unten auf dem See
Vertraun geschwätz'gen Winden
Ein tief geheimes Weh.

Und drüben von dem Berge
Durch enges Gitter schaun
Hinab so stumm und trübe
Viel bleiche junge Frau'n.

Vom Kloster und den Lilien
Am See raunt bange Mär:
Der Nonnen ird'sche Liebe
Also verzaubert wär!

Vertriebne Herzgedanken
Berg' scheu der Tiefe Grund,
Die nach Erlösung ringen
Mit bleichem Lilienmund -

Ihr Sehnen kann nicht sterben,
Gebannt im dunklen See;
Es schwebt hinan, verzaubert,
Daß es am Licht vergeh.

Aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen
Poesie-Album zeitgenössischer Dichterinnen
Von Karl Schrattenthal
Mit zwölf Porträts in Lichtdruck
Stuttgart 1888 (S. 280)
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Johann George Scheffner (1736-1820)

Billet an Dorchen

Wie lebst du Dorchen denn du kleine Klosternonne,
Hübsch fromm, hübsch keusch, hübsch still, und froh auf eigne Hand?
Hat beym Spazierengehn Dir nicht die Frühlingssonne
Die weiße Haut zu sehr auf Stirn und Hals verbrandt?
Blühn deine Wangen noch wie junge Frühlingsrosen
In deren rothen Schooß kein Sonnenstral noch sah?
Kommt auch kein Stuzerchen vertraut Dir liebzukosen
Mit gar zu freyer Hand dem Busen gar zu nah?
Hast du zur Einsamkeit Dich ruhig schon bequemet?
Bekommt die Landluft dir, macht dich das Landbrod fett?
Hat Strick- und Nähzeug noch kein Fingerchen gelähmet,
Und kräuselst du noch jetzt dein seidnes Haar so nett?
Vergießt auch Dorchen nicht in Handschuhn hübsch zu gehen,
Wird auch der Sonnenhut nicht blos im Schrank bewahrt?
Sind Busen, Schenkel, Hals, und was ich sonst gesehen
Noch fleischig wie vorher noch atlasglatt und zart?
Was macht der heilge Busch der jenes Thal beschattet,
Das sich mit Balsam netzt, und zum Entzücken riecht,
Wo mit den Grazien der Liebesgott sich gattet,
Und sicher wie der Kern in zarten Pfirschen liegt?
O Dorchen könnt ich doch die süße Pfirsich küßen,
Könnt ich doch, wenn ich sie erst tausendmal geküßt
In das gespaltne Herz den Thau des Lebens gießen,
Der gleich dem wärmsten Punsch der schönste Schlaftrunk ist!
O Dorchen könnt ich Dich doch an mein Herz jetzt drücken,
An deinem Busen mich ganz meines Glücks erfreun -
O laß doch keinen nur kein einzges Röschen pflicken,
Mich mich laß ganz allein der Blüthensammler seyn.

Aus: Gedichte im Geschmack des Grecourt
Frankfurt und Leipzig
bey Dodsley und Compagnie 1771 (S. 43-45)

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Gustav Schwab (1792-1850)

Der Mönch und die Nonne

Einst auf der Wartburg abends frisch,
Vor seinem braunen Eichentisch,
Dem teuren Erbstück von der Mutter,
Saß bei der Arbeit Doktor Luther.
Am deutschen Bibelbuch, dem lieben,
Hatt er ein gutes Teil geschrieben:
Er legte hin die Feder sein,
Er schaute nach dem Gitterlein,
An Berg und Thal, den Gotteswerken,
Sich Auge, Herz und Hand zu stärken.
Was trübt ihm seinen frommen Mut?
Was treibt ihm nach der Stirn das Blut?
Ja klärlich auf dem Berge drüben
Sieht er sein Spiel den Argen üben.
Da steht von Felsen aufgebaut,
Er hat's bis heut noch nicht geschaut,
Ganz hell ein Mönch und eine Nonne,
Die küssen sich beim Schein der Sonne.
O schamlos greuliches Gebild!
Ist's nicht genug, daß frech und wild
In den verschlossnen Klostermauern
Des Satans böse Lüste dauern,
Darf er sie offen aller Welt
Noch malen unters Himmelszelt?
Der Doktor schauet nach den Feldern,
Ob kein Entsetzen in den Wäldern,
Ob nicht die Luft in Zornesflammen
Ein schwarz Gewitter zieh zusammen?
Doch in dem hellsten Sonnenstrahl
Die Bäume rauschen allzumal,
Und in den wunderlichen Stein
Schlingt Moos und Blume sich hinein.
Ist das von Gott, kommt das vom Übel? -
Wie er noch sinnt, fällt auf die Bibel
Ein lichter Abendsonnenstreif,
Just auf 'nen Spruch, als goldner Reif.
"Wie konnt ich - spricht er - lange sinnen!
Antwort muß doch wohl sein da drinnen.
O gieb mir, du wahrhaftigs Buch,
Aufschluß zu Segen oder Fluch!"
So liest er fort, wo er geblieben,
Da steht's im Sonnengold geschrieben:
"Ein Bischof soll unsträflich rein,
Soll Mann von Einem Weibe sein!"
Jetzt geht ihm auf ein helles Licht:
Ach nein, das kommt vom Bösen nicht!
Spricht Gottes Wort auch von den Dächern,
Nicht bloß in einsamen Gemächern,
So darf's in Felsen und Gestein
Wohl auch klar ausgesprochen sein.
So hat er drauf gekämpft, gestritten,
Und bald geführt in seine Hütten,
Trotz Papst und Teufel, keck und laut
Aus einem Kloster sich die Braut.
Seit öffnen sich die ernsten Pforten
Der dunkeln Klöster aller Orten;
Viel Schleier sind zurückgewallt,
Manch eine liebliche Gestalt
Steht betend wohl noch am Altare,
Doch mit dem Brautschmuck in dem Haare;
Ja Nonn und Mönch mit Steineshaupte,
Weil Doktor Luther es erlaubte,
Sie küssen sich auf diesen Tag,
Geh schauen, wer es schauen mag;
Ich hab's gesehn im Abendschein,
Die Berge blickten freundlich drein,
Die Sonne hatt' ihr Wohlgefallen: -
Gott schenk so süßen Kuß uns Allen!

Aus: Gustav Schwabs Gedichte
Gesichtete und neuvermehrte Ausgabe
mit einer biographischen Einleitung von Gotthold Klee
Gütersloh Druck und Verlag von C. Bertelsmann 1882 (S. 198-200)
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Ernst Stadler (1883-1914)

Der junge Mönch

Vermasst ihr euch zu lieben, die ihr sündhaft nur begehrt,
Mit Tat und Willen trüb die Reine eurer Träume schändet?
O lernet tiefre Wollust: Wartend stehn und unbewehrt,
Bis heilige Fracht die Welle euern Ufern ländet.

Ihr glüht und ringt. Ich fühle euer Herz von Sturm und Gier bewegt,
Euch girren alle Stimmen hell ins Ohr, die euer Blut verführen -
Ich bin ein Halm, den meines Gottes Odem regt,
Ich bin ein Saitenspiel, das meines Gottes Finger rühren.

Ich bin ein durstig aufgerissen Ackerland.
In meiner nackten Scholle kreißt die Frucht. Der Regen
Geht drüber hin, Schauer des Frühlings, Frost und Sturm und Sonnenbrand,
Und glühend reift und schwillt ihr trächtiger Schoß dem Licht entgegen.

Aus: Die Aktion 1912
Nr. 20 (15. Mai) (S. 628)
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Ludwig Uhland (1787-1862)

Die Nonne

Im stillen Klostergarten
Eine bleiche Jungfrau ging;
Der Mond beschien sie trübe,
An ihrer Wimper hing
Die Thräne zarter Liebe.

"O wohl mir, daß gestorben
Der treue Buhle mein!
Ich darf ihn wieder lieben:
Er wird ein Engel sein,
Und Engel darf ich lieben."

Sie trat mit zagem Schritte
Wohl zum Mariabild;
Es stand in lichtem Scheine,
Es sah so muttermild
Herunter auf die Reine.

Sie sank zu seinen Füßen,
Sah auf mit Himmelsruh,
Bis ihre Augenlieder
Im Tode fielen zu;
Ihr Schleier wallte nieder.

Aus: Gedichte von Ludwig Uhland
Stuttgart und Tübingen
in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1815 (S. 157)
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Wilhelm Waiblinger (1804-1830)

Lieder der Nazarena (Sechstes Lied)

Sie
Ja, so laß es uns bestellen,
besser ist's, ich bin im Kloster,
als in meines Vaters Hause;
nimmer kannst du hier mich sehen,
denn der böse Vater zürnet,
ach! und Feinde hast du mehr
als du weißt, in diesen Bergen.

Ich
Halte treu an dem Entschlusse,
deiner wart' ich denn im Kloster:
hätt' es nimmer mir geträumet,
daß mein Liebchen Nonne würde.
Gut ist es, des Vaters Zürnen
zu vermeiden, doch warum,
sprich, hab ich der Feinde viele?

Sie
Viele schon, und wohl ein Dutzend
haben mich zum Weib begehret,
aber welche mir gefielen,
 die gefielen nicht dem Vater,
und die er gewählt, ich mochte
sie nicht leiden, alle nun
macht die Eifersucht zu Feinden.

Ich
Drum mit seinem Willen wirst du
niemals eines Mannes werden,
und so laß denn im Geheimen
einen Liebesbund uns knüpfen;
glaub', ich kenne Welt und Menschen,
glaube, Mädchen, wer nicht täuscht,
wird dafür getäuscht von andern.

Sie
Aber, lieber Freund, ich fürchte,
allzu eng sind Klosterbande;
uns zu sehn, und uns zu sprechen,
schwierig wird es sein; die Nonne
bleibt im traurigen Gemache.
Ach mir bangt, es wird uns nicht
glücken, wieder uns zu finden.

Ich
Ohne Furcht, mein Kind, es findet
das Geheimniß eines Briefchens
Eingang auch ins Nonnenkloster;
doch die holde Kunst zu schreiben
sei die erste, die du lernest;
Liebe, die da sprechen lehrt,
Liebe lehrt gewiß auch schreiben.

Sie
Und so geben denn die Heil'gen
ihren Schutz dir auf die Reise;
Nimm zum Pfande meiner Treue
diese Hand, du darfst nicht weilen,
denn sie lauern dein und trachten
Böses - warte mein in Rom,
lebe wohl! Auf Wiedersehen!


Aus: Wilhelm Waiblinger's gesammelte Werke
mit des Dichters Leben von H. v. Canitz
Rechtmäßige Ausgabe letzter Hand
Siebenter Band Hamburg Georg Heubel 1839 (S. 199-215)

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Ernst von Wildenbruch (1845-1909)

Das Hexenlied

Zu Hersfeld im Kloster der Prior sprach:
"Der Bruder Medardus ward alt und schwach.
Ich glaube, sein Stündlein ist heute gekommen -
Geh, Bruder Beicht'ger, hinein zu dem Frommen,
Vernimm das Geständniß von seinen Sünden;
Zwar weiß ich, du wirst nicht viele finden.
Er dienet dem Kloster heut fünfzig Jahr',
Im Klosterschatten verbleichte sein Haar,
Er hat gefastet, er hat sich kasteit,
Wohl vorbereitet zur Seligkeit,
Er ist der heiligste von uns Allen
Und wird dem Allmächtigen wohlgefallen."
Der Beichtiger schlug an Medardus' Thor -
Von innen tönte kein Ruf hervor,
Der Beichtiger trat wohl über die Schwelle
Und schritt hinein in Medardus' Zelle -
Und Stunde auf Stunde nach Stunde verrann,
Die Mönche schauten sich staunend an:
"Er, der unsträflich in Worten und Thaten,
Was kann Medardus an Sünden verraten?"
Die Vesperglocke mit dumpfen Schall,
Sie rief zur Kapelle die Mönche all',
Sie beugten die Häupter, sie knieten im Kreise,
für Bruder Medardus sie beteten leise. -
Da horch, da von ferne herüberklang
Mit klagender Stimme ein düstrer Gesang.
Der Prior hob sich vom Boden empor,
Die Mönche lauschten und neigten das Ohr:
"Aus Medardus' Zelle der Sang erklingt,
Das ist Medardus, der also singt."
Sie lauschten und horchten: "Was mag es sein?
Das sind nicht Gebete und Litanei'n,
Das klingt wie sündige, weltliche Worte?"
Und siehe, und siehe, herein in die Pforte
Der Beichtiger kam voll Schrecken und Hast:
"Wir haben den Teufel im Kloster zu Gast!
Medardus ist dem Versucher verfallen,
Medardus ringt in des Satans Krallen!"
Der Prior setzte die Kerze in Brand,
Die heilig geweihte, und nahm sie zur Hand,
Die Mönche thaten alle wie er
Und hinter dem Prior schritten sie her,
Von Wand und Gewölbe scholl dröhnend wider
Die Klagestimme der singenden Brüder:
"Vor Sündenfrevel, vor Satans Spott
Bewahr' uns in Gnaden, allmächtiger Gott!" -
Die Zelle war offen - bleich, hager und mager
Lag Bruder Medardus auf kärglichem Lager,
Die Hände gefaltet in betender Wuth,
Die starrenden Augen voll sehnender Gluth,
Und von den stammelnden Lippen sprang
Rastlos und ohn' Ende der wilde Gesang.
Das Lied das hatte so seltsamen Ton,
Wie sehnende Liebe, wie lästernder Hohn,
Als trüge von fernher herüber die Luft
Fremdländischer Blumen bestrickenden Duft.
Die Mönche sie schwangen die heiligen Kerzen:
"Fleuch, Satan, entweiche aus seinem Herzen!"
Sie schwangen die Kreuze, die heiligen Bilder,
Medardus' Gesang ward wilder und wilder
Und tief in die schaudernden Seelen drang
Das sündige Lied, das Medardus sang.
Die Mönche beschlich es wie sehnender Schauer,
Verlorenen Lebens tief nagende Trauer,
Sie dachten an Dinge, die einst sie besessen,
An Tage der Jugend, die lange vergessen,
Und mählich, allmählich verstummte der Chor,
Sie schwiegen und lauschten und neigten das Ohr. -
Der Prior, ein frommer, ein eifriger Greis,
Er stand voller Schrecken und blickte im Kreis,
Zu Bruder Medardus erhob er die Stimme
Und sprach in frommen in eiferndem Grimme:
"Darfst du mir verführen die heiligen Brüder?
So fahre, Verdammter, zur Hölle hernieder!"
Und siehe, vom Lager Medardus sich hob,
Ein leuchtender Glanz sein Antlitz umwob,
Sein starrendes Aug' in die Ferne blickte,
Er reckte die Arme, er streckte sie weit:
"Ich höre Dich," rief er, "ich bin bereit,
Du reines Weib, das sie Hexe genannt,
Du süßer Leib, den sie schändend verbrannt,
Ihr schwellenden Lippen, ihr Augen voll Güte,
Du, spielender Glieder süß quellender Blüte,
Du liebende Wonne, die einst sich mir bot
Und die ich verachtend verstieß in den Tod,
Nach fünfzig Jahren voll Buße und Pein,
Ich komme, um ewigliche bei dir zu sein!"
Er reckte die Arme, er streckte die Glieder -
"Medardus ist todt," dumpf sprachen's die Brüder. -
Drei Tage und Nächte mit Buße-Gesang
Die Mönche zogen das Kloster entlang,
Sie lagen drei Nächte auf ihren Knien
Und riefen zu Gott um Gnade für ihn:
"Ihm, welcher dahinging in Sünde und Schuld,
Erlösender Heiland, vergieb ihm in Huld." -
Im einsamen Zimmer, beim Kerzenschein
Der Prior saß mit dem Beicht'ger allein.
"Nun sage mir an, was Medardus gesprochen,
Die Thaten verkünde, die er verbrochen."
Ein großes Kreuz der Beichtiger schlug:
"Sein heiliges Leben war Lug und Trug.
Du sahest ihn oft, wenn am grauenden Tag
Er betend auf steinernen Fliesen lag,
Du sagtest uns: "Werdet ihm gleich, meine Kinder" -
Erfahre, Du segnetest einen Sünder.
Du sahst ihn, wie er in brünstiger Wonne
Die Augen erhob zu Gottes Madonnen,
Nicht war es Maria, der all' das galt,
Seinen Busen erfüllt' eine andre Gestalt.
Sein Antlitz sahst Du, das träumende, milde,
Du sahst nicht sein Herz, das gährende, wilde,
Sein Haupt war kalt und sein Haar war weiß,
Sein Herz von sündigen Gluthen heiß. -
Ich war ein Priester, so sprach er zu mir,
Voll Andacht las ich das heil'ge Brevier,
Ich las es in Aengsten, ich las es in Gluth,
Denn jung war mein Leib und heiß mein Blut.
Die blonden Locken vom Haupt mir flossen
Wie strömendes Gold, das darüber gegossen,
Und als man hineinschnitt die erste Tonsur,
Da war es, als mähte man Frühlingsflur.
Es war zur Zeit, als im deutschen Land
Der böse Teufel zur Macht erstand,
Als er die Weiber zur Buhlschaft verführte
Und als man Hexen zum Brandpfahl schnürte.
Damals geschah's, ich saß allein,
In tiefer Nacht, bei der Lampe Schein,
Da schlug es klopfend an meine Thür:
"Komm, Priester, heraus, man verlangt nach Dir."
Die Nacht war schwarz, dumpf heulte der Sturm,
Man führete mich hinaus an den Thurm,
Tief unter die Erde, auf gleitenden Stufen -
Mir war es, als würd' ich zur Hölle gerufen.
Man gab eine Fackel in meine Hand
Und wies mir ein Loch in der steinernen Wand:
"Zur Hexe, die morgen in Feuers Pein
Ihre Sünden büßt, da geh' Du hinein,
Bereite sie betend zu seligem Sterben,
Entreiß' ihre Seele dem ew'gen Verderben."
Ich schritt hinein in der Erde Bauch,
In meiner Kehle stockte der Hauch,
Da kam von drüben ein Rascheln her,
Geklirr von Ketten und Seufzen schwer,
Und sieh, in der Mauer finsterster Ecke,
Wie ein Thier des Waldes in seinem Verstecke,
Da sah ich ein Weib, gebeugt und gebückt,
Das Haupt an die triefenden Steine gedrückt. -
Die Fackel heftet' ich in den Ring,
Der schwebend herab von der Wölbung hing,
Ich sagte: "Wende zu mir Dein Gesicht,
Komm her, meine Schwester, und fürchte Dich nicht."
Ich sah, wie ihr Ohr meine Worte trank,
Wie Hand nach Hand ihr vom Antlitz sank,
Sie wandte das Haupt, sie schaute mich an,
Auf ihren Knieen kroch sie heran.
Ihr nackter Arm meine Knie' umfing,
An meinem Antlitz ihr Auge hing,
Ich schaute herab, der Fackel Licht
Umspielte ihr liebliches Angesicht;
Da fühlt' ich das Herz so süß mir erwarmen,
Da quoll in die Augen mir heißes Erbarmen,
Meine Lippen verstummten in lautlosem Leide,
In schweigendem Jammer weinten wir beide.
Und als meine Thränen sie fließen sah,
Mit bebenden Armen umfing sie mich da,
Ein Schluchzen tief aus dem Busen ihr quoll,
Von stammelnden Lippen ein Flüstern scholl:
"Du kannst noch weinen, Du weinest um mich,
Wie den gütigen Heiland, so liebe ich Dich!"
Mich faßte der Schreck ob des sündigen Worts:
"Gedenke der Stunde, gedenke des Orts,
In Flammen soll morgen der Leib Dir verderben.
Durch Buße entfliehe dem ewigen Sterben!"
Da sah sie mich an so bangen Gesichts:
"Was soll ich büßen, verbrach ich doch nichts?
Meine Eltern sind todt  - im Walde allein,
Großmutter und ich, wir wohnten zu Zwei'n.
Großmutter kannte manch' heilsames Kraut,
Manch' Tränklein hat sie für Kranke gebraut,
Großmutter im Feuer verbrannten sie,
Eine Teufelshexe sie nannten sie.
Ein altes Lied Großmutter sang,
Ich lernt' es ihr ab, weil so süß es klang,
Sie sagte, es käme aus fernen Landen,
Wo Liebeszauber die Menschen verstanden,
Ich sang's und wußte nicht, was es bedeute,
Da griffen sie mich, hartherzige Leute,
Und sperrten mich in den finsteren Thurm;
Sie sagen, es sei der höllische Wurm,
Der singe aus mir, zu der Menschen Verderben,
Drum soll ich morgen im Feuer sterben." -
Ihre bebende Lippe berührte mein Ohr,
Ihr Auge mich flehend in Aengsten beschwor,
Ihr Busen drängte an meinen sich,
"Errette", sprach sie, "errette mich!
So süß ist zu leben, so bitter der Tod,
Und Feuers zu sterben, ist schreckliche Noth!
Kein Wesen hab' ich gekränkt und betrübt,
Keine Sünde gethan, keinen Zauber geübt,
Die Herzen der Menschen gleichen den Steinen,
Du aber bist gut, Du kannst noch weinen;
Der Wärter schläft, frei ist die Thür,
Komm, laß mich fliehen, entflieh' mit mir!
Wir gehen leise, man hört uns nicht,
Die Fackel erlischt, uns verräth kein Licht,
Die Thurmespforte geht in das Feld,
Niemand uns sieht, Niemand uns hält;
Wenn morgen der Schrei der Hähne schallt,
Sind wir schon ferne, im fernen Wald;
Der Wald ist dunkel, der Wald ist dicht,
Ich weiß eine Stätte, sie finden uns nicht;
Ich weiß eine Stelle, ich weiß einen Platz,
Da liegt verborgen ein alter Schatz,
Wir werden suchen, Du wirst ihn heben,
Wir ziehen ferne, wir werden leben
Im fernen Lande, Du nur mit mir,
Ewig und ewig ich nur mit Dir!
Du hast kein Weib an das Herz noch gedrückt,
Du weißt nicht, wie Weibes Liebe beglückt,
Reicher an Liebe sollst Du werden
Als jemals Menschen waren auf Erden -
Die Sterne wandeln, die Stunden zieh'n,
Es ist Zeit, es ist Zeit, komm, laß uns entflieh'n!"
Ihr heißer Odem wie Sturmwind ging,
Ihr weißer Arm meinen Nacken umfing,
Ihr dunkles Haar, wie Fittich der Nacht,
Umfloß des Leibes herrliche Pracht -
In meinem Haupte, in meiner Brust
War schwindelnde Wonne, tödliche Lust
Ich beugte mich nieder, ich wollte sie küssen, -
Da fühlt' ich mich schaudernd rückwärts gerissen:
"Du küssest die Hexe, Du segnest die Schuld!
Du hast keinen Theil mehr an göttlicher Huld!"
Auf meinen Lippen starb das Wort,
Von meinem Herzen stieß ich sie fort,
Entsetzen jagte mich aus der Kammer -
Da schrie sie mir nach in Verzweiflung und Jammer,
Sie brach zur Erde, sie lag auf den Steinen,
Dumpf hinter mir hört' ich sie schluchzen und weinen!" -
Medardus schwieg - seine Wange erblich -
Mein Bruder, sagt' ich, was ängstet Dich?
Du hast dem Versucher widerstanden
Und machtest des Teufels Künste zu schanden.
Doch als ich tröstend ihm solches sprach,
Gelächter von seinen Lippen brach,
Ein Lachen, so wild und ungestüm,
Als lachte der Teufel selber aus ihm.
Mit rollenden Augen blickt' er mich an,
Er schwieg. - Dann sprach er: "Der Tag begann -
Der Himmel brannte in Morgen-Flammen,
Die Menschen rotteten sich zusammen,
Im Felde draußen, von Scheitern geschichtet,
Stand dunkel und düster der Holzstoß gerichtet,
Und Aller Augen hingen am Pfahl -
Da stand sie und harrte ihrer Qual. -
Wie taumelnde Vögel, verflattert im Meer,
So glitten voll Angst ihre Augen umher;
Da trat ich heran mit dem Kruzifix,
Ihr Auge erfaßte mich suchenden Blicks,
Und siehe, und siehe, verstohlener Weise
Da neigte ihr Haupt sie, da nickte sie leise,
Und ein Lächeln erstand in dem süßen Gesicht,
Wie der scheidenden Sonne verlöschendes Licht. -
Die lodernde Fackel der Henker schwang,
Ihr lechzendes Aug' in mein Auge sich trank,
Die Flamme griff in das dürre Geäst,
Ihr starrenden Augen hielten mich fest,
Die Funken stoben wie prasselnder Staub,
Ihre Lippen erbebten, wie sinkendes Laub,
Und plötzlich, und plötzlich vernahm ich ein Klingen,
Vom brennenden Holzstoß begann sie zu singen,
Wie Frühlingsregen, durchrauschend die Nacht,
So ergriff mich des Liedes süß-selige Macht;
Mir war's, als trüge herüber die Luft
Fremdländischer Blumen bestrickenden Duft,
Als spräch' eine Stimme zu meinen Ohren
Von seligem Glück, das für ewig verloren.
Die Flamme ergriff ihren nackten Fuß,
Sie neigte sich scheidend, zum letzten Gruß,
Der schwarze Rauch sie wirbelnd umschwoll,
Ihr klagender Sang aus dem Rauche scholl,
Dumpf brausend die Flamme zum Himmel sprang,
Wie zitternde Glocken ertönt' ihr Gesang -
Die Ohren bedeckt' ich mit meinen Händen,
"Das Singen, das Singen, wann wird es enden?"
Ich wandte mich schaudernd, ich floh von dem Ort -
Die klagende Stimme zog mit mir fort;
Wohin ich entfloh, wohin ich entwich,
Der Gesang, der Gesang, er begleitete mich.
Ob ich schlummernd lag, ob ich betend gewacht,
Zu jeglicher Stunde, bei Tag und bei Nacht,
Seit jenem Tage die fünfzig Jahr',
Ich höre ihn immer und immerdar!" -
Medardus fuhr auf, wild war sein Gesicht,
"Ich höre sie wieder - vernehmst Du es nicht?
Den Gang herauf - es kommt durch die Thür -
Sie tritt auf die Schwelle - ist hier, ist hier!"
Ich warf mich herab zu des Lagers Fuße,
"Mein Bruder", rief ich, "thu' Buße, thu' Buße,
Der Menschenverderber hält Dich gebunden,
Des Weibes Lied hat der Teufel erfunden!"
Zum Lager zurück ich Medardus zwang,
Aus meinem Arme er los sich rang,
Von seinem Lager er fort mich stieß:
"Eine Stimme ist's aus dem Paradies!
Sie ruft mich zum Heil, das ich frevelnd verlor,
Sie öffnet zur Seeligkeit mir das Thor."
Und plötzlich die strömenden Thränen ihm rann
Und plötzlich Medardus zu singen begann -
Es war ein Lied, wie ich keines vernahm,
Das jemals aus menschlicher Kehle kam,
So in klagendem Leid, so in jauchzender Lust -
Da faßte Entsetzen mir kalt in die Brust,
Mit flüchtendem Fuße schlug ich die Schwelle,
Da rief ich Euch Alle zu seiner Zelle."
Der Beichtiger schwieg - durch die Fenster brach
Der grauende Morgen - der Prior sprach:
"Was Menschenaugen nicht fassen, noch seh'n,
Dort oben ist Einer, der wird es versteh'n,
Er hat gesprochen: Mein ist das Gericht -
Geh' beten, mein Bruder, und richte nicht."

Aus: Lieder und Balladen
von Ernst von Wildenbruch
Sechste vermehrte Auflage
Berlin Verlag von Freund & Jeckel 1892 (S. 196-205)
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Vasile Alecsandri (1821-1890)
rumänischer Dichter

Aus: Doinen

Der Mönch

Bitter weh ist mir im Sinn,
Seit von dir ich gangen bin,
Seit drei Monden und drei Tagen
Will ich Frieden mir erjagen.
In mir deine Zauber qualmen,
Von deines Bettes dreien Halmen,
Mit deiner Thüre Angel, einem
Haar vom Zopf, das keinem
Starken Zerren jemals weicht,
Hast mein Elend du erreicht!
Bann' in's Psalmbuch ich den Sinn,
Find' ich dich nur immer drin;
Wie ich mich auch wenden will,
Sünde seh' ich nur am Ziel;
Werde doch ein Klösterlein,
Gieb mir Kraft zum Singen fein,
Zum Heil'genbild in deiner Brust
Inbrünstig bet' ich dann voll Lust.

übersetzt von Carmen Sylva (1843-1916)
Aus: Rumänische Dichtungen
Deutsch von Carmen Sylva
Mit Beiträgen von Mite Kremnitz
Dritte Auflage Bonn Verlag von Emil Strauß 1889 (S. 19-30)

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Dafydd ap Gwilym (um 1320 - um 1350/70)
walisischer Dichter


(Aus Gedicht 10: Einladung an die Nonne Gwenhonwy in den Hain)

Ein sittsam Mägdlein, schwarz von Augen,
Die innig lieb mir, macht mir Pein,
Sollt ich sie einem andern lassen,
Beim sel'gen Gott wär ich ein Tor.
Willst wirklich du nicht, liebes Mädchen,
Der Birke hübsches Sommergrün?
Nicht schweigen, Stern von Überhelle,
Mit deinen Psalmen im Gemach?
Du bist so fromm und bist so heilig,
So hochverehrt in deinem Chor.
Bei Gott! o lass von Brot und Wasser
Und von der Kresse - die verschmäh!
Lass, bei Marie! dein artig Pater
Und Römer Mönche Frömmigkeit.
Sei nicht wie eine Frühlingsnonne,
Mehr ziemt das Grün als Klosterzucht.
Dein Beten, allerbeste Schöne,
Verträgt sich mit der Minne nicht.
Ein bess'rer Orden ist der Mantel,
Ein Trauring und ein grünes Kleid.
Komm her zum Sitze in der Birke,
Zu Wald- und Kuckucksreligion!
Man schilt uns nicht, wenn wir den Himmel
Verdienen uns im grünen Hain.
Ovidii Buch behalt im Sinne,
Entsage Betens Übermass.
Lass hier und dort im Wald die Seele
In Geissblattlauben uns befrein,
Und Gott (er sei nach Pflicht gepriesen!)
Der wird der Maid alsbald verzeihn.
Wär's schlechter für das edle Kind denn
Die Seele läutern in dem Hain,
Als so zu tun, wie wir es sonsten
In Roma und St. Jago tun?

übersetzt von Ludwig Christian Stern (1846-1911)
Aus: Davydd ab Gwilym Ein walisischer Minnesänger des XIV. Jahrhunderts
nach seinen Gedichten geschildert von Ludwig Christian Stern
Halle a. S. Max Niemeyer 1908 (S. 51-53)
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Alexander Puschkin (1799-1837)
russischer Dichter

Die Russalka

Im Waldesgrund, am Seegestade,
Erflehte ein Anachoret
Für seine Sünden Gottes Gnade
In Arbeit, Fasten und Gebet.
Schon grub sich eine Grabesstätte
Der greise Mönch mit müder Hand,
Voll Sehnsucht, daß die Seele rette
Sich bald in Edens Friedensland.

Einst sprach vor der vermorschten Hütte
Der Mönch bei Sonnenniedergang
Zum Himmel seine fromme Bitte.
Stumm stand der Wald, der Nebel sank
Und wallte ob den düstern Wogen.
Nun strahlte lichte Mondesglut
Von dem umwölkten Sternenbogen,
Und silbern schauerte die Flut.

Da faßt ein unerklärlich Grausen
Des Mönches Brust, er atmet schwer …
Urplötzlich wogt der See im Brausen,
Und grabstill wieder wird's ringsher.
Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten,
Weiß wie der Schnee auf Bergesgrat,
Entsteigt ein nacktes Weib den Fluten
Und setzt sich schweigend ans Gestad.

Sie strählt die thaubeperlten Locken
Und blickt ihn heimlich seltsam an.
Den Schlag des Herzens fühlt er stocken
Bei ihrer Reize Zauberbann.
Er sieht sie mit der Hand ihm winken;
Sie senkt das Haupt, harrt regungslos -
Und schimmernd, wie ein Stern im Sinken,
Verschwindet sie im Wellenschoß.

Die Nacht wich schlummerlos von hinnen,
Gebetlos strich der Tag vorbei -
Vor des verstörten Greises Sinnen
Stand traumhaft schön die Wasserfei.
Und wieder ruht der Wald im Dunkel,
Und wieder aus dem Flutenreich
Taucht in des Mondenlichts Gefunkel
Die Maid berauschend schön und bleich.

Sie nickt ihm zu, sie lacht so helle,
Sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt,
Sie spritzt nach ihm die Silberwelle,
Sie schmollt und weint, ein loses Kind,
Sie seufzt und blickt zum Sternenbogen,
Sie flüstert: "Mönch, zu mir, zu mir!"
Und jach verschlingen sie die Wogen
Und Schweigen herrscht im Waldrevier.
Am dritten Tag saß liebentglommen
Der Eremit am öden Strand
Und harrt auf der Russalka Kommen;
In Dunkel hüllte sich das Land …
Und als der Sonne Purpurgluten
Die Nacht verscheucht, da ward die Schar
Der Fischerkinder in den Fluten
Nur einen greisen Bart gewahr …


übersetzt von Friedrich Fiedler (1859-1917)
Aus: Gedichte von Alexander Puschkin
Im Versmaß der Urschrift von Friedrich Fiedler
Philipp Reclam jun. Verlag Leipzig 1907 (S. 34-35)
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Französisches Liebeslied

Der Treulose

Im Regen und im Winde
Durchwandre ich die Welt -
Mein Lieb! -
Daß ich mein Liebchen finde -
O weh! -
Das mir so sehr gefällt.

Ich suchte sie so lange,
Bis ich sie endlich fand -
Mein Lieb! -
An einem Wiesenhange -
O weh! -
Das grüne Thal entlang.

Ich sprach zu ihr: willkommen,
Mein Lieb, wo gehst du hin? -
Mein Lieb! -
"Ich geh' und werde Nonne -
O weh! -
In jenem Kloster drin.

Denn du hast einer andern
Geschenkt die Liebe dein, -
Mein Lieb! -
So ist mein Herz in Banden -
O weh! -
Von Trauer und von Pein.

In Schwarz will ich mich kleiden
Von Kopf bis an den Fuß  -
Mein Lieb! -
Und so die Trauer zeigen -
O weh! -
In der ich leben muß.

Denn ach! mein stät Gemüthe
Und treu' Ergebenheit -
Mein Lieb! -
Konnte mich nicht behüten -
O weh! -
Vor Unbeständigkeit.

Ob ich die Schuld dran trage,
Das sieht dann jeder ein -
Mein Lieb! -
Ich weiß, man wird mich klagen -
O weh! -
Werd' ich gestorben sein.

Ich weiß, aus manchem Auge
Fällt wohl ein Thränelein -
Mein Lieb! -
Von mancher werthen Fraue,
O weh! -
Wenn sie gedenket mein.

Kein Mann ist dann auf Erden,
Deß Herz die Liebe kennt,
Mein Lieb! -
Der dir nicht bös wird werden,
O weh! -
Und dich nicht Mörder nennt.

Die Stunde fühl' ich nahe,
Und schon ist da die Zeit,
Mein Lieb! -
Wo ich den Tod empfahe,
O weh! -
Um dich vor Herzeleid."

Aus: Alte französische Volkslieder
übersetzt von Karl Bartsch [1832-1888]
Heidelberg Carl Winter's Universitätsbuchhandlung 1882 (S. 76-78)
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Neugriechisches Volkslied

Die jungen Nonnen

Hielt ein schmucker junger Bursche
Einen Apfel in den Händen,
Beugt sich nieder, küßt den Apfel,
Fragt die duftende Limone,
Die er in der Schürze trug:
"Will vermählen mich, Limone,
Weißt du keine Frau für mich?" -

"Willst ein Weibchen du, mein Bursche,
Eine liebe Eh'genossin,
Geh' den Berg hinauf zum Kloster
Mit dem hohen, weiten Söller.
Dort haust eine alte Nonne
Mit drei schönen Pflegetöchtern.

Panago heißt man die eine,
Despo nennet man die andre,
Und die dritte, allerkleinste,
Thanasio mit schwarzen Augen
Siebet Gold und edle Perlen;
Auf den Körper fällt die Spreu ihr,
Und ihr Leibchen duftet lieblich
Sommers nach dem kühlen Taue,
Winters nach der milden Wärme,
Und im holden Lenz nach Blumen."


übersetzt von Hermann Lübke (1861-?)
Aus: Neugriechische Volks- und Liebeslieder
in deutscher Nachdichtung
von Hermann Lübke Berlin NW Verlag von S. Calvary 1895 (S. 38)

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Neugriechisches Volkslied

Die schöne Sängerin

Dort unten an dem Ufer, dort unten an dem Strande,
Dort unten wusch ein Mädchen das Tüchlein ihres Liebsten,
Und dazu sang sie Lieder von ihren schweren Leiden.
Es kam ein sanftes Lüftchen und wehte über's Ufer,
Und hob ein kleines wenig ihr Röcklein in die Höhe,
Und liess ein kleines wenig den einen Knöchel sehen,
Da leuchtete das Ufer, die ganze Welt erglänzte,
Vorüber fuhren Schiffe, Galeeren, Galeoten,
Und diese alle wurden von ihrem Reiz geblendet.
Im Augenblicke hörte das Mädchen auf zu singen.
Da bot ihr seine Grüsse der Kapitän des Schiffes,
Und bat sie, dass sie möchte ihr Liedchen weiter führen.
Und zu ihm sprach die Schöne: Ich habe nicht gesungen,
Ich habe nur mit Schmerzen geklagt um meinen Liebsten,
Der hat mich hier verlassen, um's Vaterlandes willen.
Er eilte zu dem Kampfe, mit Hoffnung in dem Herzen,
Dereinst zurückzukehren, zurück in meine Arme,
Und dass ich mit dem Kranze ihn dann bekränzen sollte.
Zehn Jahre sind verflossen, und keine Kunde hab' ich,
Es hat mir keine Seele von ihm ein Wort verkündet.
Und noch zwei Jahre wart' ich, dass er mir wiederkehre,
Und ist die Zeit verflossen, so will ich Nonne werden.

Aus: Neugriechische Volkslieder
Gesammelt und herausgegeben von C. Fauriel
[Claude Charles Fauriel 1772-1844]
Übersetzt und mit des französischen Herausgebers
und eigenen Erläuterungen versehen
von Wilhelm Müller [1794-1827]
Zweiter Theil Romantische und häusliche Lieder nebst Anhang
Leipzig 1825 bei Leopold Voss (S. 83)

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Spanische Romanze

Romanze von Catalina

Einstmals liebt' ich eine Jungfrau,
War ihr recht von Herzen hold;
Catalina war ihr Name,
Stets gedenk' ich ihrer noch;
Und sie bat mich: Herr entführet
Mich in's Land von Aragon." -
"Catalina bist ein Mädchen,
Kannst nicht gehn den Weg so groß." -
"Ei so gut wie ihr, Herr Ritter
Bin ich auch zu Fuße noch.
Wenn ihr euch um's Geld bedenket,
Sorg' ich für uns beide schon,
Nehm' Dukaten für Castilien,
Silbergeld für Arragon."
Als wir so zusammen sprachen,
Kam die Polizei des Orts,
Sperrte sie in's Nonnenkloster,
Jagte mich hinaus zum Thor.

übersetzt von Emanuel Geibel (1815-1884)
Aus: Romanzero der Spanier und Portugiesen
von Emanuel Geibel und Adolf Friedrich von Schack
Stuttgart J. G. Cotta'scher Verlag 1860 (S. 409)

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siehe auch:
Liebespaare in der Literatur - Abälard und Heloise
http://www.deutsche-liebeslyrik.de/liebespaare_literatur/abaelard_und_heloise.htm



 

 

 

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