Orientalische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

 


Immanuel ben Salomon (aus Rom)
(1261-1335)



Die schönen Augen

Du liebliche Gazelle! Mit Entzücken
Erfüllt dein Blick, steigt er zum Licht empor;
Denn aus den zauberhaften Augen vor
Strömt eine Welt, die Götter kann beglücken.

Und Strahlen, die den Sonnenstrahl erdrücken.
Die Lippen sind der Morgenröte Thor,
Die weißen Zähne gleich der Sterne Chor,
Die den von Glut umflossnen Himmel schmücken.

Sind dieses Augen, sind es Himmelssterne? -
So wog ich oft in meiner Brust die Frage -
Die nur ein Gott gesendet aus der Ferne,

Daß sie erleuchten unsres Lebens Tage,
Damit der andern Wesen Schönheit lerne,
Wie sie dem Stäubchen gleichet an der Wage.

Übersetzt von Livius Fürst (1840-1907)

Aus: Die Zionsharfe
Eine Anthologie der neuhebräischen Dichtung
in deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Gustav Karpeles
Leipzig 1889 (S. 269-270)
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Ohne Mann

Noch bin ich schön, noch glänzt mein Haar
Wie Seide. Dennoch find' ich keinen,
Der mich erküre zu der Seinen,
Trotz der Verehrer großer Schar.

Gold bindet manches frohe Paar;
Doch bin ich arm und kann nur weinen.
Schon wählte jede Freundin einen;
Ich bleibe ledig immerdar.

Die Jahre rinnen unterdessen,
Und immer weiter rollt die Zeit;
Ich werde alt und bald - vergessen.

Dann ist vorbei die Herrlichkeit.
Gewiß! Wer keinen Mann besessen,
Gewinnt auch keine Seligkeit.

Übersetzt von Livius Fürst (1840-1907)

Aus: Die Zionsharfe
Eine Anthologie der neuhebräischen Dichtung
in deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Gustav Karpeles
Leipzig 1889 (S. 270-271)
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Tamar und Beria

Tamar hebet die Wimper, und Sterne blicken zum Himmel;
Senket den Blick und erweckt, die schon der Hügel bedeckt.
Beria hebet den Blick; Basilisken tötet der Schrecken.
Wundert euch nicht, den Blick fliehet der Teufel sogar.

Tamar's Göttergestalt, kann sterbliche Sprache sie schildern?
Wähnen die Götter doch selbst, daß sie dem Himmel entstammt.
Beria nützet der Welt, besonders im Herbst vor der Lese,
Wo man durch Fratzen allein Vögel zu scheuchen vermag.

Tamar! Hätte dich Moses gesehn, das Erzbild der Schlange
Hätt' er verschmäht, durch dein Bildnis die Menschen geheilt.
Beria, wenn mich ein Schmerz verläßt, ganz schwindet er nimmer;
Dir begegn' ich, und neu kehrt die Verstimmung zurück.

Tamar, die lockige, grüßt am Morgen die Sonne, doch diese
Hüllet in Wolken ihr Haupt, weil der Glatze sich schämt.
Beria! Wenn ich zuerst am Neujahrsmorgen dich treffe,
Weiß ich, das künftige Jahr wird kein ersprießliches sein.

Tamar lächelt und heilt des Herzens blutende Wunden,
Hebet das Haupt - und beschämt ziehn sich die Sterne zurück.
Beria sollte fürwahr man unter die Engel versetzen;
Sicher stiegen alsdann Engel zur Erde herab.

Tamar gleichet dem Monde; doch eins macht beide verschieden:
Daß ihr herrlicher Glanz nimmer ins Schwanken gerät.
Beria hat etwas von den Göttern. Keiner, so sagt man
Schauet die Götter, den nicht schreckliche Reue befällt.

Tamar! Gliche die "Jungfrau" dir, nie würde die Sonne
Von der "Jungfrau" fliehn, um nach der "Wage zu gehn.
Beria, weißt du, warum Messias immer noch zögert?
Längst schon harret die Zeit, doch er versteckt sich vor dir.

Tamar, du fragst, ob heute noch göttliche Wunder geschehn?
Blick in den Spiegel! Er lehrt, daß es an Wundern nicht fehlt.

Übersetzt von Livius Fürst (1840-1907)

Aus: Die Zionsharfe
Eine Anthologie der neuhebräischen Dichtung
in deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Gustav Karpeles
Leipzig 1889 (S. 271-272)
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Biographisches:

siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_ha-Romi

 

 

 


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