Ada Pinelli (1840-1918) - Liebesgedichte

 

 

Ada Pinelli
(1840-1918)


Feenliebe

"Herr Grüeland zählt achtzehn Jahr',
Sein Mund blüht frisch wie Rosen,
Thät als er noch ein Knabe war
Schon küssen und schon kosen.
So voll sein Haar, so schlank sein Leib,
So stählern seine Glieder!
O, wär' ich selbst des Kaisers Weib,
Ich stiege freudig nieder
Von meinem hohen, stolzen Thron,
Daß ich ihn herzen könnte,
Und gäbe ihm die güld'ne Kron',
Ihm, dem ich alles gönnte!" -

So seufzt auf ihrem Grafenschloß
Die schöne Hildegunde,
Er aber tummelte sein Roß
Im grünen Thalesgrunde;
Gedéfer heißt sein feurig Thier,
Das ist ein wilder Rappe,
D'rauf jagt er sich zu Tode schier
Der blonde Edelknappe.

Er reitet in die Nacht hinein,
Es blinkt der Mond so traulich,-
Von Thymian duftet rings der Hain,
Die Lüfte wehen laulich. -

"Dort wo im grünen Schilf versteckt
Die Wasserlilien träumen,
Wo dichtes Moos den Strand bedeckt,
Gedéfer, laß mich säumen!
Doch zieht der gold'ne Tag herauf,
Heißt es: den Fuß im Bügel!
Und dann zurück im schnellen Lauf,
Leih' dir vom Winde Flügel!"

Er bindet an den Buchenstamm
Den wiehernden Begleiter,
Der fügt sich willig wie ein Lamm
Dem jugendlichen Reiter.
Herr Grüeland vertiefet sich
Keck in das Waldgehege,
Er singet laut und wonniglich
Auf seinem dunklen Wege:

"Das ist der Ort, das ist die Zeit,
Nun komm, o Holde, Holde!
Umwalle du mein grünes Kleid
Mit deinem Haar von Golde!
Es klopft mein Herz, mein Busen brennt,
Mein Auge schwimmt in Thränen -
Du, die mich liebt und küßt und kennt,
O stille du mein Sehnen!

Geliebte Fee! es dürsten mir
Die heißen Jünglingslippen; -
Ach, springen auch die Quellen hier
Aus Grotten und aus Klippen,
Verlechzend, wie ein Pilgersmann
Nach einer Labung trachtet,
Sink' ich an diesem rauhen Stamm
Gebrochen und verschmachtet!"

Es währt nicht lang, so ist sie nah,
Der Mond strahlt über'm Weiher -
Dreifach beglückter, sie ist da,
Die Fee im blauen Schleier,
Die Lenzgebor'ne! zum Genoß'
Hat sie dich auserwählet,
Der sich dein junges Herz erschloß,
Dein Dasein sich vermählet.

Das war verschwieg'ne Minnelust,
Verheimlicht und verborgen,
Und weil kein Mensch darum gewußt
So frei von allen Sorgen.
Des Glückes Zauber ruht allein
Im gegenseit'gen Schweigen; -
Ein Wort - das Glück ist nicht mehr dein
Und wird dir nie mehr eigen.

Das wiederholt dem Sponsen fein
Die Fee mit klugem Munde.
"O schwöre, ewig stumm zu sein!
Sonst muß ich dich zur Stunde
Verlassen, mein Herr Grüeland - -
Du siehst mich nimmer wieder!"
Er hebt zum Schwur die schlanke Hand,
Sie zieht ihn zu sich nieder.
Wo Ringelblumen gelb und blau
Im Farrenkraute sprossen,
Hat ihn die weiße Waldesfrau
In ihren Arm geschlossen.

-----------------------------

Da sitzen sie alle am eichenen Tisch
Wohl in der getäfelten Halle.
"Gott grüßet dich, Blonder! wie schaust du so frisch,
Wie funkelt dir Gürtel und Schnalle
Di Edelknappe der gräflichen Frau!
Ja, ja, du sollst sie begleiten
Auf Jagden und Fahrten weit über die Au, -
Wir dürfen die Gunst nicht bestreiten!"

So rufen die Knappen und Reisigen laut,
So lärmen die wilden Genossen ...
"Ei, ei, wie verlegen das Sünderlein schaut! ..."
Herr Grüeland hört es verdrossen;
Das warme, das purpurne Jugendblut
Es färbt dem Verschwieg'nen die Wangen;
Vertieft in Erinn'rung, durchzittert von Gluth,
Sinnt er, wie im Traume befangen.

Sie füllen den Becher mit feurigem Wein,
Sie bringen den Trank ihren Schönen;
Der Gräfin, der Zofe, den Mädchen vom Rhein, -
Sie lassen ihr Loblied ertönen.
Die Zungen sie lockern sich immer mehr,
Was wird nun nicht alles besprochen!
Es geht auch über die Falschen her,
Die ihnen die Treue gebrochen.
Doch stoßen sie wieder von Frischem an:
Ob treu, ob treulos, sie leben!
Und wer ein gescheiter und braver Kumpan,
Der soll seinen Becher erheben!

Das gab einen Klang wie von Waffengeklirr,
Nur der Blonde hat nicht getrunken,
Ihm aus den Händen das blanke Geschirr
Ist unter die Tafel gesunken.
"Was thust du so spröde? verstelle dich nicht,
Du bist ja der Tollste der Tollen -
O, seht nur, es flammt sein junges Gesicht,
Mag er es auch nimmermehr wollen!
Verläugne das laute Geheimniß so viel
Wie du willst vor der Welt und den Leuten,
Doch mit uns Genossen da treibe kein Spiel, -
Wir schweigen ja ... laß dir's bedeuten!

Ich geh' dir mit muthigem Beispiel voran
Und will dir frischweg erzählen:
Zu ihrem Beschützer und steten Galan
Thät mich eine Dame erwählen;
Ein reizendes, neckisches Nixengesicht
Mit Lippen wie feuchte Korallen;
Wenn sie mit Binsen die Locken umflicht,
Sie würde dir weidlich gefallen.
Sie plaudert und kichert in einem fort, -
Ich nenne sie Melusine ...
Sie ist bezaubernd - zu arm ist dies Wort -
Der ich in Ergebenheit diene."

Kaum daß der Eine zu schwatzen begann,
Bald jubeln sie Alle zusammen.
So schlagen im Winde zum Himmel hinan
Die lodernden, prasselnden Flammen ...
Und wie sie Alle die Augen verdreh'n,
Herr Grüeland thät sich vergessen;
Er kann's nicht verschweigen - er muß es gesteh'n,
Und ob es verboten, vermessen.
Da greift er zum Becher, da rafft er sich auf, -
Die trunkenen Augen die leuchten
Sie schauten bewundernd an ihm hinauf,
Dem sich die Bedenken verscheuchten;
Umgossen vom purpurnen Abendlicht
Erscheint er verklärt und begeistert;
Es hat sein wonniges Angesicht
Der hohen Gluth sich bemeistert.

"Was sprecht ihr von Schönheit? was sprecht ihr von Gunst,
Vielwerthe Genossen von Liebe?!
Die Erdenliebe verwandelt in Dunst
Und Rausch die verzehrendsten Triebe.
Die irdischen Mädchen sind lieblich und gut -
Gott segne sie, die euch vergnügen!
Doch wer den Feen im Arme geruht,
Dem geben sie nicht mehr Genügen.
O seht mir in's Auge: sie hat es geküßt, -
D'rum glänzt es im strahlenden Feuer;
D'rum schwand mir auf ewig ein jedes Gelüst
Nach Freuden, die einst mir theuer.
Vernehmet: die Feen sie leben dort
Wohl in den Wäldern und Bergen,
In Blumenkelchen, am lauschigen Ort,
Bedient von trippelnden Zwergen.
O Freunde, o Brüder, welch blendende Brust
Worauf ich mein Haupt gebettet,
Da schlaf' ich und träum' ich in seliger Lust,
Von ihren Armen umkettet.
Sie ist so bleich wie der Abendstern,
Sie duftet wie Maienglocken;
Sie küsset so üppig, sie tändelt so gern
Mit meinen geringelten Locken -
Daher meine flammende Fröhlichkeit,
Daher mein Gelächter und Singen,
Begeisterter Wahnsinn der Trunkenheit,
Du leihst meinem Herzen die Schwingen!
Laß rinnen den Purpur voll in den Pokal,
Ein donnerndes Hoch ertöne!
Du aber, o feuriger Sonnenstrahl,
Erlösche vor ihrer Schöne!"

Er stürzet hinunter das Rebenblut
Im Rausche vergang'ner Genüsse,
Erstickt in der süßen, der perlenden Fluth
Das Unrecht verrathener Küsse.
Ihm schwillt im Triumphe die bebende Brust,
Als ihn die Gefährten umlärmen;
Doch plötzlich verstummt er inmitten der Lust -
Er geht - - "Ei wohin?" - 'Laßt ihn schwärmen!'

Er geht - immer schneller und schneller, hinan
Den seligsten Pfad in das Dunkel ...
"Gott Lob, der Tag weicht ... dann und wann
Erglänzt schon der Sterne Gefunkel."
Ihn peinigt die Reue, die Angst und die Qual,
Ob er nicht sein Glück verscherzet ...
"O hätt' ich geschwiegen beim tobenden Mahl!
O, wie mich die Thorheit nun schmerzet!"

---------------------------------

Wild stürzt er in's Gebüsch hinein,
Schon blinkt das Mondlicht traulich.
Von Thymian duftet rings der Hain,
Die Lüfte wehen laulich.
Er stimmt das alte Liedchen an:
"Nun komm, o Holde, Holde,
Vergieb, daß ich nicht schweigen kann
Von deinem Lockengolde!"

So stumm der Wald - - es regt sich kaum
Die Luft; - - er schluchzt, er zittert - -
Zusammen bricht er, wie der Baum
Vom Blitzesstrahl zersplittert.
So sinkt er an den rauhen Stamm,
Die Sinne schier umnachtet,
Verlechzend, wie der Pilgersmann
Nach Lebensrettung schmachtet.
Umsonst - - umsonst! - sie kehret nicht ...
Verschwunden, ach, verschwunden - -
Es hat das nächste Morgenlicht
Den Knaben tot gefunden.

 

Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen der Vergangenheit und Gegenwart ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o. J. [1895] (S. 45-47)
 

Biographie:

Pinelli, Frau Ada von Treskow, Ps. Günther von Freiberg, Wien-Hietzig, Alleegasse 21, wurde 1840 zu Berlin als die Tochter des literarisch thätigen Premierlieutnants A. v. Treskow geboren, der bald darauf in das diplomatische Fach übertrat. Der Salon ihrer hochgeistigen Mutter war der Sammelplatz vieler bedeutendsten Dichter und Gelehrten der damaligen Berliner Gesellschaft. In ihren Eltern fand Ada unermüdliche Förderer ihrer poetischen Talente. 1860 gab Holtei ihre ersten Gedichte im "Grazer Friedhof-Album" heraus. Gleichzeitig erschienen 2 Bändchen Novellen unter dem Titel "Aquarelle". Bald wurde sie gesuchte Mitarbeiterin einer grossen Reihe von Zeitschriften. Höchste Anregung verdankte sie dem greisen, aber noch geistsprühenden Fürsten von Pückler-Muskau, dem Dichter Fr. Ad. von Schack und dem genialen Prinzen Georg von Preussen, sowie dem jungen Karl Frenzel. 1865 endete der Tod ihres Vaters die glücklichste Zeit ihres Lebens. Im Jahre 1866 vermählte sie sich in Italien mit dem Divisionschef des römischen Justizministeriums J. Pinelli. Da die Ehe keine glückliche war, trennten sich die Gatten 1881. Ada ging auf 5 Jahre nach Venedig und siedelte 1886 nach Wien über. Dort erschienen ihre gesammelten Gedichte, die "Dijonrosen"; die im Ecksteinschen Verlage weit verbreiteten Erzählungen; das Monodrama "Don Juan de Marana" und der Byron-Roman "Kinder der Flamme". Seit 4 Jahren ist G. von Freiberg ständiger Mitarbeiter der "Schlesischen Zeitung" als Wiener Feuilletonist. Gegenwärtig schreibt sie an einem Roman für Ecksteins Nachfolger, "Abenteuer eines Musikers", dessen Held Otto Nicolai ist, der früh gestorbene Komponist der "Lustigen Weiber von Windsor". Auch werden demnächst ihre dramatischen Dichtungen veröffentlicht werden.

aus: Lexikon deutscher Frauen der Feder.
Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienene Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Hrsg. von Sophie Pataky
Berlin 1898

 

 


zurück zum Dichterinnen-Verzeichnis

zurück zur Startseite