Karl Rick (1815-1881) - Liebesgedichte

 

 


Karl Rick
(1815-1881)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 




Rosenlegenden

1.
Die erste Rose

Dem ersten Weib, auf der Liebe Geboth,
In süßen Taumel gesunken,
Erglühte die Wange so dunkelroth,
Als hätte sie Purpur getrunken.

Der Schöpfer sah's - und im weiten Gefild,
In tausend bunten Gestalten,
Bat alles, die Farbe als Liebe-Bild
Fortan der Welt zu erhalten.

Von dieser Wange, so glutentzückt,
Ward Morgens dem thauigen Moose
Ein rothes Merkmal eingedrückt,
Das war die erste Rose.


2.
Die Perlen des Herrn

Mairöschen, das die Hülle kaum gesprengt,
Worin die Blütenzeit es eingeengt,
Sah eines Morgens, und begriff es nimmer,
Die Blätterchen beglänzt vom Thaues-Schimmer.

Und fragte denn das braune Gärtnerkind:
Ei! sage doch, woher die Perlen sind?
Das Mädchen sprach: Vom lieben Gott Geschenke,
Auf daß du wißest, wie er deiner denke.

Die Gärtnerin! die arme Gärtnerin!
Drauf kam sie weinend zu Mairöschen hin,
Und klagte laut, und hieß sich Gott verlassen!
Mairöschen konnte diesen Schmerz nicht fassen;

Es dachte sich so überzeugt und fest:
Was ihr die großen blauen Augen näßt,
Sind's Perlen nicht? vom lieben Gott Geschenke?
Wie mag sie bangen, daß er ihrer denke!


3.
Die Grabrose

Auf dem Kirchhof stand eine Rose,
Ein Sänger verwelkt' unter ihr:
Dem alten, uralten Lose
Erlagen die beiden dahier.

Sie war eines Morgens gebrochen,
Doch brach sie kein nächtlicher Sturm;
Ins Herz hinein war ihr gekrochen
Aus dem Herzen des Todten - ein Wurm!

Es gibt keinen anderen Boten
Des stummen Verständnisses hier:
Sie träumte ja nur von dem Todten,
Der Todte nur immer von ihr.


4.
Die Rose am Himmel

So oft eine Rose auf Jungfrau'nwange
Zerschmilzt und verlischt vor Liebesschmerz,
Empfängt sie auf stillem Erdengange
Ein Seraph, und trägt sie himmelwärts.

Von dort darf sie täglich bei Abendglühen
Herab auf den Kummer der Herrin seh'n, -
Sie trösten im Sterben, und ihr Verblühen
Mit Ahnungen schönerer Lenze umweh'n.

Und schaut ihr am Himmel, dem wolkenlosen,
Die Streifen und Tinten, wie Abendroth:
Das sind die heilig gesprochenen Rosen,
Erblühend auf ewigen Frühlings Geboth.


5.
Rosen-Beispiel

Als Deine Hand jüngst eine Rose brach,
Wie wehrte sich die Kleine keck und stach,
Doch als sie Deine Finger bluten sah,
Wie fügte sie sich da!

Und ob Dein Sorgen gleich sie stündlich tränkt,
Bleibt reuvoll doch ihr schönes Haupt gesenkt;
Ein traurig Sterben kommt die Arme an,
Weil sie Dir weh gethan.

Verstehe sie! Gibt auf die eigne Noth,
Vergißt, daß Du die Schuld an ihrem Tod;
Dein Leid nur ist's, das sie betrübt,
Sie lehrt Dich, wie man liebt.


6.
Rosenträume

Es standen fünf Rosenschwestern
Vom Abendhimmel beglüht,
So purpurn, als wären erst gestern,
Die Knospen aufgeblüht.

Und als in der Nacht, der stummen,
Versank der duftende Raum,
Da ward einer jeden der Blumen
Ein wundersamer Traum.

Es träumte die erste Rose
Von wilder, blutiger Schlacht;
Von einem gar traurigen Lose,
Im Weinen hingebracht.

Es träumte die zweite Rose,
Sie läg' auf schwellendem Pfühl,
Gewiegt von der Liebe Gekose,
Vom seligsten Gefühl!

Es träumte die dritte Rose,
Als stiege sie in ein Grab,
Tief unter frisch grünende Moose,
Um auszuruh'n hinab.

Es träumte die vierte Rose
Von Palm' und Märtyrerlohn,
Errungen im heiligen Schosse
Der Resignation.

Es träumte die fünfte Rose
Von einem finsteren Pfad,
Zerrissen vom Sturmgetose
Zerstreut auf Stein und Rad.

Und als seine schlummernde Garde
Der Maimorgen wach geküßt;
Die Erste als blut'ge Cocarde
Ihr wüstes Träumen büßt.

Die zweite, berauscht vom Glücke,
Verwelkt' an bräutlicher Brust;
Und daß sie den Sargdeckel schmücke,
Die Dritte fallen mußt'.

Es pflückte die Vierte der Reihe
Ein junger Priester sich ab;
Als er im Besitze der Weihe,
Den ersten Segen gab.

Die Fünfte war bleicher, zärter; -
Als frommes Sterbsakrament
Brach sie ein Gefangenwärter,
Trug sie ein Deliquent.


7.
Die letzte Rose

Blühte auf aus dunklem Moose,
Und die Blühzeit war schon fern,
Noch die letzte süße Rose,
Wie des Sommers Abendstern.

Sag mir Rose, wie dirs glückte,
Duftest noch, und glühst noch roth -
Deine Schwestern, die man pflückte,
Sind schon welk, und sind schon todt.

Und in sanfter Blumenweise
Sprach die Rose, wie betrübt:
Blüh' ja auch nur zum Erweise,
Daß nicht Einer mich geliebt!
(S. 20-29)
_____



Erste Liebe
Das blose Verblühen einer Blume, die du einmal in
der Hand gehabt, ist eine ganze Geschichte für mich.
Madeline aus Bulwer's Aram.

1.
Sechzehn schuldlos reine Jahre,
Braunes Köpfchen - Seidenhaare,
Und ein Aug' so dunkeltief,
Als ob mein Schicksal in ihm schlief.

Auf dem Teint, dem fleckenlosen,
Die Geschichte zweier Rosen,
Um den Mund, so voll von Gott,
Hell zwei Streifchen Morgenroth.

Unter wellenvollem Beben
Strebt der Busen sich zu heben,
Den Natur dem Mädchen gibt,
Wenn's zum erstenmale liebt. -

Händchen, fromm und rein erhalten,
Wie geschaffen, sich zu falten;
Ihre Stimme - Glockenspiel,
All' ihr Wesen - scheu und still!

Also ist das Gnadenbildniß,
Das in meines Lebens Wildniß
Steht, vom Sturme unversehrt,
Und zum Guten mich bekehrt.


2.
Gestehe, Mädchen! was Dein stilles Wesen
In schnellster Frist so schön verwandelt hat?
Sonst war nur Gram in diesem Aug' zu lesen,
Nur scheues Wollen ohne Kraft und That. -

Sonst Trägerin der namenlosen Wehmut,
Erscheinst Du nun von Glück und Lust berauscht;
Dies Antlitz sonst der Spiegel tiefster Demut,
Hat nun den Stolz gewinnend eingetauscht.

Wol ist es Liebe? - "Deine, ja die Deine!"
"Denn seit ich weiß, daß Du mein Eigen bist,
Wird mir die Wahrheit trennbar erst vom Scheine,
Daß Liebe nichts - Geliebtsein Alles ist! -"


3.
Du stiller frommer Friedenblick,
Du meine Vorsehung!
So oft ein düstres Fluchgeschick
Mich hüllt in Dämmerung!

Was hat denn Dir die Welt gethan,
Daß Du so freudlos stralst? -
Sie sieht sich ja doch heit'rer an,
Als Du ihr Dasein malst.

Sonst standest Du, ein blauer See,
Der Ebbe unterthan -
D'rauf segelte, fremd jedem Weh',
Die Lieb' als junger Schwan.

Mild, wie die lezte Junius-Nacht,
Durchflogst Du sonst den Raum;
So treu, so mütterlich bedacht
Für's süße Kindchen Traum.

Vielleicht, daß es gestorben ist,
Dies süße Kindchen Dein?
Und daß Du darum traurig bist,
Du armes Mütterlein?

Vielleicht, daß Dir der Schwan entflog,
Der mit so frohem Mut
Auf Deinem Spiegel Bahnen zog -
Du arme blaue Flut?

Wallfahrend folgt mein Sehnen Dir,
Wie hin zum Gnadenort,
Die Liebe thront als Heil'ge hier,
Und spricht das Segenwort.

Ein Tropfe, der sich Thräne nennt,
Glüh't vor dem Heiligthum -
So wie die ew'ge Lampe brennt
Vor dem Sanctissimum.


4.
"Nimm mich mit in Deinem Herzen,
Treu und liebeheiß,
Daß ich allen seinen Kummer,
Seine Freuden weiß."

"Nimm mich mit in Deinen Augen,
Daß mein Bild, so bleich,
Jedes zweite fremde Lieben,
Ein Gespenst verscheuch'."

"Nimm mich mit in Deinen Adern,
Daß, wenn tief und scharf
Sie der Tod dereinst zerschneidet,
Ich - nicht leben darf."


5.
Wie herrlich ließ es Dir! - Auf Deine Wangen
Trat ein Erröthen, als ich so Dich sah:
Ein fremdes Kind mit heißem Arm umfangen,
Als brächtest Du's dem Mutterherzen nah'!

Wie heilig - dacht' ich - müßte Dir's erst stehen,
Vom eig'nen Kind so traulich angelacht?
Du blicktest um, sah'st mich vorübergehen,
Was, Arme! hast wol Du dabei gedacht?

Einst werde ich Dich seh'n - am Mutterherzen
Dein eigen Kind gepflegt in süßer Pflicht -
Mit seinen Locken spielen, mit ihm scherzen -
Dein eigen Kind - - doch ach! das meine nicht!


6.
Gedenke sein, wie Eines, der geschieden,
Der ab von dieser dunkeln Erde trat,
Der nun errungen den ersehnten Frieden,
Den hier sein ruh'los Herz sich nicht erbat.

Gedenke sein, wenn, eifrig, ihn zu schmähen,
Manch giftig Wort zu Dir die Bahn sich bricht,
Du sahst sein Herz - und wenn's die Andern sähen,
Sie glaubten doch an all sein Gutes nicht.

Selbstsüchtig nennt man ihn, weil seine Wunden
Mit Deiner Liebe Balsam er gedämpft?
Du weißt es, Mädchen! wie in schwächern Stunden
Er selbstverläugnend Selbstsucht hat bekämpft.

Was hielt den wilden Drang in Macht und Schranken?
Was heißes Blut in sturmlos strenger Haft?
Was nannte Sünde nur den Glutgedanken?
Sprich Du für ihn: war's Selbstsucht oder Kraft?

Ja! wäre denkbar, dort, wo er gebetet,
Sein eig'ner Bilderstürmer mit zu sein,
Dann, Mädchen! hätte Dich wol nichts gerettet,
Dann, Jungfrau! wärest Du wol nicht mehr rein.

Wie schmerzlich müßte er, wie tief bereuen
Die freche kirchenräuberische That!
So - frommes Bild - darf ihn das Unrecht freuen,
Das ihm Dein Vater abzubitten hat.

Bewein' ihn nicht! denn Mitleid ist zu bitter,
Er will kein Mitleid - keines! - selbst nicht Dein's!
Du weißt ja um sein Herz; und ob ein Dritter
Zur bessern Meinung kommt, das gilt ihm Eins's.

So lebe wohl! Du treue stille Seele!
So lebe wol! Fortan steh' er allein!
Doch daß ihm nicht sein lezter Engel fehle,
Gedenke sein - gedenk' nur manchmal sein.


7.
Sage lehrt, der Todte ford're Einen,
Der ihn unversöhnt zur Gruft ließ geh'n;
Der Gerufene muß dann erscheinen,
Und an Gottes Thron ihm Rede steh'n.

Sterbe ich, dann denk' auch Du an's Sterben,
Denn wir schieden stolz und unversöhnt.
Nicht, weil Du den Tod, den furchtbar herben,
Mir durch Dein Verzeihen nicht verschönt.

Nicht, weil Du ein ganzes Leben grolltest,
Und Dein hohes Herz in Haß geübt,
Lieber einsam untergehen wolltest,
Lieber einsam, als von mir geliebt. -

Darum doch, weil Du ein Kind gewesen,
Weil Du Dir Dein eigen Glück gestört,
Und Dich so vergingst an einem Wesen
Dem mein leztes Sehnen noch gehört.
(S. 39-49)
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Von Dreien Einer
(An A. S. 13. Juni 1842)

Mir ging ein sanfter warmer Mensch verloren,
Ein Herz, so rein, wie es kein rein'res gab.
Er hieß wie Du! Zerdrückt und sturmverworren
Beblüht ein nachgemachter Lenz sein Grab.

Man riß mir von der Brust mein erstes Lieben,
'ne Jungfrau, milde und madonnenhaft;
Sie hieß wie Du! Und Kummerstunden schrieben
Ins Antlitz mir den Brief der Bruderschaft.

So würd' ich fast des theuren Namens Kläger,
Und klagte ihn als Fluchadepten an:
Doch bist auch Du sein ernster alter Träger,
Und Du hast mir nur Liebes angethan.

Von Dreien also blieb mir noch der Eine!
Die Blüten sanken, und der Stamm steht fest,
Daß mich mein Engel, wenn ich Zwei beweine,
Doch froh des Dritten - Lezten werden läßt.
(S. 50-51)
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Widerspruch

Ein schlummernd Vöglein aufzuwecken,
Wird sorglich erst die Hand behaucht,
Daß d'rüber ja nicht zu erschrecken
Das arme kleine Thierchen braucht.

Ein sterbend Blümchen zu erfrischen
Bemüht Ihr Euch gar seiner Art,
Um ja kein Stäubchen zu verwischen
Am Frühlingkind, so weich, so zart.

Ihr schont den Vogel, schont die Rose,
Doch faßt Ihr rauh an's Menschenherz,
An diese heilige Mimose,
Und geht vorbei an seinem Schmerz.

Dann nennt Ihr's stolz und unzugänglich,
Wenn sich die Seele traurig schließt; - -
Die Seele, die so leicht empfänglich
Für jeden Gruß der Liebe ist.
(S. 62-63)
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Die Quellen der Liebe

Natürlich ist's, und läßt sich leicht erklären,
Warum das Kind so an der Mutter hangt;
Ist doch ihr Walten freudiges Gewähren
All' dessen, was das Kleine nur verlangt.

Natürlich ist's und läßt sich leicht erklären,
Warum die Jungfrau treu am Freunde hangt:
Stillt doch der Freund die Sehnsucht ihrer Zähren,
Aus denen sie der Liebe Weih' empfangt.

Doch wer begreift den Schatz von tausend Welten,
Der in dem Herzen einer Mutter ruht?
Das arme Würmlein kann noch nichts vergelten,
Und wird geliebt mit so vielfrommer Glut!

Der Schöpfer gab, wie Jeglichem auf Erden,
Auch den Gefühlen ihre Bahnen an.
Es strebt der stolze Mann, geliebt zu werden,
Das Weib ist selig, wenn es lieben kann.
(S. 66-67)
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Bist Du in unvergeßlich milder Stunde
Vom süßen Weihekuß des Sehnens trunken,
Dich anzutragen zu dem ew'gen Bunde,
An irgendeine off'ne Brust gesunken;

Und hast nicht mehr, als Worte, die verzittern,
Und hast nicht mehr, als Träume, die verschweben -
O täusche nicht mit ausgeborgten Flittern,
Schlag' auf vor ihr Dein inn'res reiches Leben;

Zum Herzen lenke ihre stillen Fahrten,
Zeig' ihr die eingesunk'nen Schätze drinnen:
Ist doch ein jedes Herz ein schöner Garten
Mit Wasserfällen, Blumen und Ruinen.
(S. 80)
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Das ist die reinste, menschlich schönste Liebe,
Die leise sorgt und denkt für die Entfernten,
Die baut und schafft, als ob sie ewig bliebe,
Die from den Samen legt, den Andre ernten.

Die Sterne, die die Flur zu kühlen suchten,
Verlöschen längst, bevor die Blumen offen;
Und diese Blumen stäuben und befruchten,
Und dürfen doch auf keinen Lenz mehr hoffen.

D'rum ist die Lieb' die zarteste am Greise:
Sein Frühling wird sich nimmer je erneuen;
Doch Stern und Blume lehrten ihn die Weise,
Auch unerlebte Ernten auszustreuen.
(S. 80)
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Frauen-Reichthum

Die Gattin wird erst ihres Reichthums innen,
Wenn sie empfängt, und wenn sie Mutter ist;
Da springen all' die tiefgelegten Minnen,
Das Herz wird voll, daß es fast überfließt.

Wie arm dagegen war das keusche Sehnen,
Womit sie den Geliebten einst umfing -
Wie kalt dagegen waren all' die Thränen,
Womit die Braut an dem Erwählten hing!

Es dünkt ihr fast, als hätt' sie gut zu machen,
Als hätte sie zu wenig ihn geliebt;
Da all ihr früh'res Kümmern, Sorgen, Wachen
Sogar kein Maß zu ihrem jetz'gen gibt.

Daher auch die fast göttliche Verehrung,
Womit sie's nun an seinen Busen zieht,
So oft ihr Aug' in schwimmender Verklärung,
Auf ihn - den Vater ihres Kindes sieht.
(S. 112-113)
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Ergib Dich Herz!

Ergib Dich Herz, und laß Dein wildes Schlagen!
Hast schon geglaubt, erkannt, geliebt, geträumt!
So hoffe nichts mehr von noch fernen Tagen,
Dein Glück war da - Du hast es blöd versäumt.

Als jenes Kind, das Du die Liebe lehrtest,
Sein duftig Sein vor Dir, für Dich enthüllt,
War da nicht Alles, was Du je begehrtest,
Nicht Deine kühnte Ahnung schön erfüllt?

Und zugegeben, daß Du ihn verloren,
Den Himmel erster Liebe, hell und blau -
Dir ward ein zweiter theurer Eid geschworen,
Gedenk' der schönen bleichen stillen Frau.

Umhüllt Dich Träumer! auch des Mißmuts Wolke,
Ach! einem Himmel ist sie doch entlehnt -
Ermanne Dich, und gleiche nicht dem Volke,
Das sich noch immer nach Messias sehnt.
(S. 124-125)
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An T...

Da Du getäuscht mich - und verlassen -
Und da ich nun so traurig bin -
O fürchte nichts - ich kann nicht hassen -
Auch Dich nicht mit dem Flattersinn!

Denn komme ich so recht ins Denken,
An Alles, was mich schmerzt und freut;
So wird mir klar, wie mich zu kränken,
Mir wehzuthun sich Kein's gescheut.

Und wem das Glück so karg bemessen,
Und wen der Schmerz so reich begabt -
Der kann die Seele nie vergessen,
Die ihn nur Einmal lieb gehabt.
(S. 141)
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Und weißt Du denn, ob es nicht besser wäre,
Wenn neue Liebe Dir das Herz durchglüht,
Als daß Dein edles stolzes Frau'ngemüt,
Vergeht - verlebt in sehnsuchtloser Leere?

Zu lieben ungeliebt, wirbt wol um Thränen,
Und füllt mit Gram das lebenmüde Herz,
Unendlich tiefer aber geht der Schmerz,
Geliebt zu sein - und lieben nicht zu können.
(S. 149)
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Nur jetzt kein Wort! Die Milde dieser Stunde
Zersänke traumhaft, störte sie ein Laut.
Zersänke mit der dunkelsüßen Kunde
Von Deiner Lieb', Du bleiche Kummerbraut!

Sieh'! wer dieß Zittern, diese tiefen Schauer,
Wenn Deine Hand im Zufall an ihn streift,
Wer dieß Marienaug' mit seiner Trauer,
Dies heilige Ergeben nicht begreift -

Wer da nicht ahnt, nicht fühlt, daß ihn dies Wesen
Mit aller Macht unsel'ger Liebe liebt,
Der wird im Buch der Liebe auch nicht lesen,
Wenn Offenbarung jede Zeile gibt.
(S. 151)

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Ja, ich bin Dein! Wenn ausgeweinte Augen
Noch jener süßen Seelensprache taugen;
Und wenn ein Blick, so matt, so übernächtig,
Noch Eines Glühens - eines einz'gen - mächtig;

Und wenn ein armes Herz, so tief gebrochen,
Noch für ein zweites Herz vermag zu pochen;
So bin ich Dein, so will ich Dir mich geben,
Mit Wort und That - mit Allem - Leib und Leben!

Jetzt Kind zu sein, noch einmal durchzugehen
Die Wunder alle, von dem ersten Sehen
Zum Ahnen, Glauben, Hoffen - - jede Wendniß
Der bangen Sorge fort bis zum Geständniß!

Es ist vorbei! - Was frommt mir nun Empörung!
Nur dem Gebet für Dein Glück die Erhörung;
Dann hätte ich zu hundert Dornenkronen
Doch Eine süße Rose noch gewonnen.
(S. 152-153)
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Wie sie doch so kindisch sagen:
Nur die erste Liebe glüht!
Oh, so mögt' ich jene fragen,
Einmal nur der Frühling blüht?

Ob der Stern nur Einmal glänze?
Ob nur Einmal blau die Luft?
Wo des Klanges Ziel und Grenze?
Wo das Grab von Licht und Duft?

Sterne schimmern, Blumen blühen,
Lüfte weh'n, die Welle fließt,
Und die Lieb' wird ewig glühen,
Weil dies Glühen - Liebe ist.
(S. 155)
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Es steht ein Kreuz in schwarzer Tannen-Oede,
Umstarrt vom feuchten bröckelnden Gestein, -
Verbrannte Stämme ragen kalt und spröde,
Von oben doch fällt blaues Licht herein.

Laß Kreuz und Stein, und all' die düstern Bäume,
Den blauen Himmel nur verhänge dicht,
Daß ja kein Lichtstral in die finstern Träume
Des ausgeblühten Seelenfrühlings bricht.

Ich hab' um jenen großen Schmerz gebeten,
Der auf der Stirn die traur'ge Inschrift trägt:
Unwiderrufbar hin! durch nichts zu retten!
Und wenn die Allmacht sich ins Mittel schlägt.

Da fand ich Dich! Gleichzeitig Licht und Schatten,
Und Fluch und Seligkeit - die Welt versank;
Die Hände, die noch nichts erbeten hatten,
Sie faltete zum ersten Mal der Dank:

Denn ich begann, die Gnade einzusehen,
Die es gefügt, daß, Sanfte! Du noch mein;
So werd' ich sturmlos, stille untergehen,
Es wird mein Tod ein männlich schöner sein.
(S. 158-159)
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Wozu auch dieß verlor'ne dumpfe Brüten?
Dieß kindisch wiederholte Schmerz-Erneuen?
Der Lenz ist da! Von tausend, - tausend Blüten
Soll keine einz'ge - keine Dich erfreuen?

Bekämpfen mußt Du, mußt es niederringen,
Nicht nähren - dieses traurige Zerwürfniß.
Der Friede naht auf lichten Engelschwingen,
Du drängst ihn weg - Dir ist der Schmerz Bedürfniß.

Wem soll dann ich - wem mein Gefühl vertrauen?
Ich möchte gern empor zum Freunde blicken:
An Deiner Stärke möcht' ich mich erbauen,
Erheben soll mich Deine Lieb' - nicht drücken.
(S. 160)
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Und sei Dein Gram auch noch so groß,
Und sollt' er die Brust zerschneiden;
Noch immer nicht des Weibes Loos:
Lächelnd am Herzweh leiden.

Du wirst von keinem Richter gefragt:
Wem gelten diese Thränen?
Hast keinen Eid, der Dir versagt
Dein Wünschen, Wollen und Sehnen.

Doch ich! - - Und fehlt' mir's nicht an Mut,
Daß ich dieß Alles trüge -
Nur nicht diese stolze herrliche Glut
Brandmarken mit feiger Lüge!
(S. 160-161)
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Ich könnte Dir entsagen, ja, ich könnte!
Wenn Liebe Dir aus rein'rer Quelle flöße,
Wenn einen reichern Schatz Dir Lieb' erschlöße,
Wenn Liebe Dich mit frischern Blumen krönte -
Ich könnte Dir entsagen, ja, ich könnte!

Und dennoch heißt mich oft die Sorge bangen,
Ich läg', die Letzte nicht, in Deinen Armen,
Du würdest für ein zweites Herz erwarmen;
Ach! wärst Du glücklich - war's ja mein Verlangen -
Und dennoch heißt mich oft die Sorge bangen.

Ich wußte es, und werde stille leiden!
Das Glück, ganz Dein zu sein, mir unerreichbar,
Ist nur dem Schmerz, Dich zu verlieren, gleichbar -
Drum - wenn es kommt, dies trübe traur'ge Scheiden -
Ich wußte es, und werde stille leiden.
(S. 167-168)
_____



Es gibt einen zauberisch süßen Gram,
Ein solcher ist meine Liebe
Wir küssen die Hände, aus denen er kam,
Und beten nur, daß er uns bliebe.

So hab' ich die traurige Pflicht erkannt,
In der meine Thränen fließen,
Du hast meine Lieb' eine Blume genannt,
Und Blumen muß man begießen.
(S. 171)
_____



Das also, glaubst Du, mache Dich gesunden?
Und Rettung suchst Du, flüchtend zum Gebet?
Du hast vielleicht den rechten Weg gefunden,
Den letzten, einz'gen, der Dir offen steht.

O süßer Vorzug vor dem Männerherzen!
Das in sich selbst zusammenbricht und stirbt;
Indeß das Weib gen alle seine Schmerzen
An Gott sich einen starken Bündner wirbt.

So sei auch Du des süßen Vorzugs theilig -
Ja bete, bete - - doch gedenk' nicht mein!
Denn daß dieß Gottergeben treu und heilig,
Muß Dein Geliebter ausgeschlossen sein.
(S. 173)
_____



Es geht ein Liedlein im Schwange,
Unheimlich und schauerlich kalt,
Als ob bei seinem Erklange
Aufständ' eine Grabgestalt.

Einst hab' ich ihn nicht begriffen,
Des Liedleins traurigen Sinn,
Doch in meines Herzens Tiefen
Geweint um die Königinn.

Nun ahn' ich das süße Verderben,
G'rad', wie es der Dichter schrieb:
"Sie mußten beide sterben,
Sie hatten sich viel zu lieb."
(S. 174)
_____



Gewöhnt, was Glück heißt, urher zu entbehren,
Vom Schmerz die zugeschloss'ne Brust geschwellt,
Hab' für dies Leben ich auch kein Begehren,
Und keine Sehnsucht mehr für diese Welt.

Nur, wenn im wüsten, wilden, tollen Schwelgen
Entgegen mir die letzte Rose reift;
Wenn in des Lebensrades blut'ge Felgen
Die dunkle Hand der Sterbestunde greift; -

Am Oelberg Deines Herzens laß mich schlürfen
Den Todeskelch dann, mir von Dir gereicht;
Im Leben hast Du mich nicht lieben dürfen,
Dort bricht Dein Eid - dort darfst Du es vielleicht!
(S. 175)
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Ich ahne aber, daß auch diese Gnade
Mir fremd wird bleiben auf dem Todespfade.

Es wird ein blauer Morgen sein - im Garten
Wird mein, wie sonst, die stille Freundinn warten.

Ich werde ernst an ihrer Seite weilen,
Zum ersten Male ihren Glauben theilen;

Von Gott und Jenseit ruhig mit ihr sprechen;
Sie wird, wie sonst, mir eine Blume brechen.

Ein rascher Kuß von ihrem süßen Munde;
Noch ahnt sie nichts - es war die Scheidestunde.

Dann wird ein blauer Morgen sein - im Garten,
Wird mein umsonst die stille Freundinn warten!
(S. 176)
_____


Aus: Gedichte von Karl Rick
Wien Verlag von Lechner's Universitäts-Buchhandlung 1847

 


Biographie:

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