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Joachim Ringelnatz
(1883-1934)
Inhaltsverzeichnis der
Gedichte:
An M.
Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst -
Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!
(S. 283-284)
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Nachtschwärmen
Die alte Pappel schauert sich neigend,
Als habe das Leben sie müde gemacht.
Ich und mein Lieb - hier ruhen wir schweigend -
Und vor uns wallt die drückende Nacht.
Bis sich zwei schöne Gedanken begegnen, -
Dann löst sich der bleierne Wolkenhang.
Goldene, sprühende Funken regnen
Und füllen die Welt mit lustigem Klang.
Ein trüber Nebel ist uns zerronnen.
Ich lege meine in deine Hand.
Mir ist, als hätt ich dich neu gewonnen. -
Und vor uns schimmert ein goldenes Land.
(S. 11)
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Ein männlicher Briefmark
erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
(S. 23)
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Ein Nagel saß in einem Stück
Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!
(S. 26-27)
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Es ist besser so
Es ist besser so.
Reich mir die Hand. Wir wollen froh
Und lachend voneinander gehen.
Wir würden uns vielleicht nach Jahren
Nicht mehr so gut wie heut verstehn.
So laß uns bis auf Wiedersehn
Ein reines, treues Bild bewahren.
Du wirst in meiner Seele lesen,
Wie mich ergreift dies harte Wort.
Doch unsre Freundschaft dauert fort.
Und ist kein leere Traum gewesen,
Aus dem wir einst getäuscht erwachen.
Nun weine nicht; wir wollen froh
Noch einmal miteinander lachen. -
Es ist besser so.
(S. 14)
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Gedicht in Bi-Sprache
Ibich habibebi dibich,
Lobittebi, sobi liebib.
Habist aubich dubi mibich
Liebib? Neibin, vebirgibib.
Nabih obidebir febirn,
Gobitt seibi dibir gubit.
Meibin Hebirz habit gebirn
Abin dibir gebirubiht.
(S. 243-244)
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Ich habe dich so lieb
Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei - verjährt -
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt
Ist leise.
Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.
(S. 207)
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Liebesbrief
So kann es nun nicht weitergehn!
Das, was besteht, muß bleiben.
Wenn wir uns wieder wiedersehn,
Muß irgendetwas geschehn.
Was wir dann auf die Spitze treiben.
Was - was auf einer Spitze tut?
Gewiß nicht Plattitüden.
Denn was auf einer Spitze ruht,
Wird nicht so leicht ermüden.
Auf einer Bank im Grunewald
Zu zweit im Regen sitzen,
Ist blöd. Mut, Mädchen! Schreibe bald!
Dein Fritz! (Remember Spitzen).
(S. 141)
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Volkslied
Wenn ich zwei Vöglein wär,
Und auch vier Flügel hätt,
Flög die eine Hälfte zu dir.
Und die andere, die ging auch zu Bett,
Aber hier zu Haus bei mir.
Wenn ich einen Flügel hätt
Und gar kein Vöglein wär,
Verkaufte ich ihn dir
Und kaufte mir dafür ein Klavier.
Wenn ich kein Flügel wär
(Linker Flügel beim Militär)
Und auch keinen Vogel hätt,
Flög ich zu dir.
Da 's aber nicht kann sein,
Bleib ich im eignen Bett
Allein zu zwein.
(S. 124)
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Ferngruß von Bett zu Bett
Wie ich bei dir gelegen
Habe im Bett, weißt du es noch?
Weißt du noch, wie verwegen
Die Lust uns stand? Und wie es roch?
Und all die seidenen Kissen
Gehörten deinem Mann.
Doch uns schlug kein Gewissen.
Gott weiß, wie redlich untreu
Man sein kann.
Weißt du noch, wie wir's trieben,
Was nie geschildert werden darf?
Heiß, frei, besoffen, fromm und scharf.
Weißt du, daß wir uns liebten?
Und noch lieben?
Man liebt nicht oft in solcher Weise.
Wie fühlvoll hat dein spitzer Hund bewacht.
Ja unser Glück war ganz und rasch und leise.
Nun bist du fern.
Gute Nacht.
(S. 245-246)
©
Alle
Gedichte aus: Joachim Ringelnatz Und auf einmal steht es neben dir.
Gesammelte Gedichte
Büchergilde Gutenberg 1978
Biographie:
Ringelnatz, Joachim, eigentlich Hans Bötticher, (1883-1934),
Schriftsteller, Kabarettist und Maler, einer der eigenwilligsten und
begabtesten Humoristen deutscher Sprache.
Ringelnatz wurde am 7. Juli 1883 als Sohn des Fabrikanten und
Jugendschriftstellers Georg Bötticher in Wurzen (Sachsen) geboren. Nach
vorzeitigem Schulabbruch führte er ein unstetes Wanderleben: So verdingte
er sich zunächst als Schiffsjunge und Matrose, Erfahrungen, die er später
in Was ein Schiffsjungen-Tagebuch erzählt (1911) verarbeitete. Danach
absolvierte er in Hamburg eine Kaufmannslehre, ging nach England (wo er
als Hausmeister arbeitete), wurde Lehrling in einer Dachpappenfabrik und
war schließlich in einem Münchner Reisebüro angestellt. 1909 wurde
Ringelnatz „Hausdichter" des prominenten Münchner Künstlerlokals
Simplicissimus, wo er seine grotesk-hintersinnigen Verse vortrug und Frank
Wedekind, Erich Mühsam und andere Schwabinger Literaten kennen lernte.
Durch sie ermuntert, folgten Veröffentlichungen diverser Gedichtbände (Die
Schnupftabakdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern von Hans Bötticher und
Richard Seewald, 1912) und Erzählsammlungen (Ein jeder lebt’s. Novellen
von Hans Bötticher, 1913). Seinen Lebensunterhalt verdiente sich
Ringelnatz als Bibliothekar und Fremdenführer.
Während des 1. Weltkrieges war Ringelnatz bei der Marine. 1920 kam er als
Autor und Schauspieler zu Hans von Wolzogens Berliner Kleinkunstbühne
„Schall und Rauch". Ein Jahr zuvor hatte er sich den Beinamen Ringelnatz
(Seemannsausdruck für Seepferdchen) zugelegt. Seine in Bänkelsang- und
Moritatenton vorgetragenen, grotesk-satirischen, teils frivolen Gedichte
(Turngedichte, 1920) machten ihn auch auf Gastspielreisen bekannt und
brachten ihm die Anerkennung etwa von Alfred Polgar, Hermann Hesse, Ernst
Rowohlt, Kurt Wolff, Alfred Flechtheim oder Asta Nielsen. Vor allem die
dezidiert autobiographische und bald legendäre Figur des Seemanns Kuddel
Daddeldu (Kuddel Daddeldu oder Das schlüpfrige Leid, 1920; erweitert 1923)
wurde zu seinem Alter Ego. Vor allem hier zeigte er sich als zwischen
Tiefsinn und Unsinn schwankendes Künstleroriginal. In seiner umfangreichen
Korrespondenz allerdings treten auch verzweifelt-pessimistische Wesenszüge
ans Licht, die seinen permanenten Existenzkampf widerspiegeln. Nach der
Machtergreifung Hitlers 1933 durfte Ringelnatz nicht mehr auftreten.
Verarmt erlag er am 17. November 1934 einem Lungenleiden.
Autobiographisches enthalten die Bände Gustav Hester. Als Mariner im
Kriege (1928) und Mein Leben bis zum Kriege (1931).
Aus: Encarta
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