Friedrich Schiller (1759-1805) - Liebesgedichte

Friedrich Schiller

 

Friedrich Schiller
(1759-1805)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Das Geheimnis der Reminiszenz
An Laura

Ewig starr an deinem Mund zu hangen,
Wer enthüllt mir dieses Glutverlangen?
Wer die Wollust, deinen Hauch zu trinken,
In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
Sterbend zu versinken?

Fliehen nicht, wie ohne Widerstreben
Sklaven an den Sieger sich ergeben,
Meine Geister hin im Augenblicke,
Stürmend über meines Lebens Brücke,
Wenn ich dich erblicke?

Sprich! warum entlaufen sie dem Meister?
Suchen dort die Heimat meine Geister?
Oder finden sich getrennte Brüder,
Losgerissen von dem Band der Glieder,
Dort bei dir sich wieder?

Waren unsre Wesen schon verflochten?
War es darum, daß die Herzen pochten?
Waren wir im Strahl erloschner Sonnen,
In den Tagen lang verrauschter Wonnen
Schon in Eins zerronnen?

Ja, wir waren's! - Innig mir verbunden
Warst du in Äonen, die verschwunden,
Meine Muse sah es auf der trüben
Tafel der Vergangenheit geschrieben:
Eins mit deinem Lieben!

Und in innig festverbundnem Wesen,
Also hab' ich's staunend dort gelesen,
Waren wir ein Gott, ein schaffend Leben,
Und uns ward, sie herrschend zu durchweben,
Frei die Welt gegeben.

Uns entgegen gossen Nektarquellen
Ewig strömend ihre Wollustwellen;
Mächtig lösten wir der Dinge Siegel,
Zu der Wahrheit lichtem Sonnenhügel
Schwang sich unser Flügel.

Weine, Laura! Dieser Gott ist nimmer,
Du und ich des Gottes schöne Trümmer,
Und in uns ein unersättlich Dringen,
Das verlorne Wesen einzuschlingen,
Gottheit zu erschwingen.

Darum, Laura, dieses Glutverlangen,
Ewig starr an deinem Mund zu hangen,
Und die Wollust, deinen Hauch zu trinken,
In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
Sterbend zu versinken.

Darum fliehn, wie ohne Widerstreben
Sklaven an den Sieger sich ergeben,
Meine Geister hin im Augenblicke,
Stürmend über meines Lebens Brücke,
Wenn ich dich erblicke.

Darum nur entlaufen sie dem Meister,
Ihre Heimat suchen meine Geister;
Losgerafft vom Kettenband der Glieder;
Küssen sich die langgetrennten Brüder
Wiederkennend wieder.

Und auch du - da mich dein Auge spähte,
Was verriet der Wangen Purpurröte?
Flohn wir nicht, als wären wir verwandter,
Freudig, wie zur Heimat ein Verbannter,
Glühend aneinander?
(S. 232-233)

_____
 

 

Die Erwartung


Hör' ich das Pförtchen nicht gehen?
Hat nicht der Riegel geklirrt?
Nein, es war des Windes Wehen,
Der durch diese Pappeln schwirrt.
O schmücke dich, du grün belaubtes Dach,
Du sollst die Anmutstrahlende empfangen!
Ihr Zweige, baut ein schattendes Gemach,
Mit holder Nacht sie heimlich zu umfangen!
Und all ihr Schmeichellüfte, werdet wach
Und scherzt und spielt um ihre Rosenwangen,
Wenn seine schöne Bürde, leicht bewegt,
Der zarte Fuß zum Sitz der Liebe trägt.

Stille, was schlüpft durch die Hecken
Raschelnd mit eilendem Lauf?
Nein, es scheuchte nur der Schrecken
Aus dem Busch den Vogel auf.

O lösche deine Fackel, Tag! Hervor,
Du geist'ge Nacht; mit deinem holden Schweigen!
Breit' um uns her den purpurroten Flor,
Umspinn uns mit geheimnisvollen Zweigen!
Der Liebe Wonne flieht des Lauschers Ohr,
Sie flieht des Strahles unbescheidnen Zeugen;
Nur Hesper, der verschwiegene, allein
Darf, still herblickend, ihr Vertrauter sein.

Rief es von ferne nicht leise,
Flüsternden Stimmen gleich?
Nein, der Schwan ist's, der die Kreise
Ziehet durch den Silberteich.

Mein Ohr umtönt ein Harmonienfluß,
Der Springquell fällt mit angenehmem Rauschen,

Die Blume neigt sich bei des Westes Kuß,
Und alle Wesen seh' ich Wonne tauschen,
Die Taube winkt, die Pfirsche zum Genuß,
Die üppig schwellend hinter Blätter lauschen;
Die Luft, getaucht in der Gewürze Flut,
Trinkt von der heißen Wange mir die Glut.

Hör' ich nicht Tritte erschallen?
Rauscht's nicht den Laubgang daher?
Nein, die Frucht ist dort gefallen,
Von der eignen Fülle schwer.

Des Tages Flammenauge selber bricht
In süßem Tod, und seine Farben blassen,
Kühn öffnen sich im holden Dämmerlicht
Die Kelche schon, die seine Gluten hassen,
Still hebt der Mond sein strahlend Angesicht,
Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen;
Der Gürtel ist von jedem Reiz gelöst,
Und alles Schöne zeigt sich mir entblößt.
Seh' ich nichts Weißes dort schimmern?
Glänzt's nicht wie seidnes Gewand?
Nein es ist der Säule Flimmern
An der dunkeln Taxuswand.

O sehnend Herz, ergötze dich nicht mehr,
Mit süßen Bildern wesenlos zu spielen!
Der Arm, der sie umfassen will, ist leer,
Kein Schattenglück kann diesen Busen kühlen.
O führe mir die Lebende daher,
Laß ihre Hand, die zärtliche, mich fühlen,
Den Schatten nur von ihres Mantels Saum -
Und in das Leben tritt der hohle Traum.

Und leis, wie aus himmlischen Höhen
Die Stunde des Glückes erscheint,
So war sie genaht, ungesehen,
Und weckte mit Küssen den Freund.
(S. 74-76)

_____

 

 

Männerwürde


Ich bin ein Mann! Wer ist es mehr?
Wer's sagen kann, der springe
Frei unter Gottes Sonn' einher
Und hüpfe hoch und singe.

Zu Gottes schönem Ebenbild
Kann ich den Stempel zeigen,
Zum Born, woraus der Himmel quillt,
Darf ich hinuntersteigen.

Und wohl mir, daß ich's darf und kann!
Geht's Mädchen mir vorüber,
Ruft's laut in mir: Du bist ein Mann!
Und küsse sie so lieber.

Und röter wird das Mädchen dann,
Und 's Mieder wird ihr enge.
Das Mädchen weiß: ich bin ein Mann!
Drum wird ihr 's Mieder enge.

Wie wird sie erst um Gnade schrein,
Ertapp' ich sie im Bade!
Ich bin ein Mann, das fällt ihr ein -
Wie schrie sie sonst um Gnade?

Ich bin ein Mann! mit diesem Wort,
Begegn' ich ihr alleine;
Jag' ich des Kaisers Tochter fort,
So lumpigt ich erscheine.

Und dieses goldne Wörtchen macht
Mir manche Fürstin holde.
Mich ruft sie - habt indessen Wacht,
Ihr Buben dort im Golde!

Ich bin ein Mann! das könnt ihr schon
An meiner Leier riechen,
Sie braust dahin im Siegeston,
Sonst würde sie ja kriechen.

Aus eben diesem Schöpferfluß,
Woraus wir Menschen werden,
Quillt Götterkraft und Genius,
Was mächtig ist auf Erden.

Tyrannen haßt mein Talisman
Und schmettert sie zu Boden,
Und kann er's nicht, führt er die Bahn
Freiwillig zu den Toten.

Den Perser hat mein Talisman
Am Granikus bezwungen,
Roms Wollüstlinge Mann für Mann
Auf deutschen Sand gerungen.

Seht ihr den Römer stolz und kraus
In Afrika dort sitzen?
Sein Aug' speit Feuerflammen aus,
Als säht ihr Hekla blitzen.

Da kommt ein Bube wohlgemut,
Gibt manches zu verstehen.
»Sprich, du hätt'st auf Karthagos Schutt
den Marius gesehen!«

So spricht der stolze Römersmann,
Noch groß in seinem Falle.
Er ist nichts weiter als ein Mann,
Und vor ihm zittern alle.

Drauf täten seine Enkel sich
Ihr Erbteil gar abdrehen
Und huben jedermänniglich
Anmutig an, zu krähen.

Schmach dem kombabischen Geschlecht!
Die Elenden, sie haben
Verscherzt ihr hohes Männerrecht,
Des Himmels beste Gaben.

Und schlendern elend durch die Welt
Wie Kürbisse, von Buben
Zu Menschenköpfen ausgehöhlt,
Die Schädel leere Stuben!

Wie Wein, von einem Chemikus
Durch die Retort getrieben -
Zum Teufel ist der Spiritus,
Das Phlegma ist geblieben.

Und fliehen jedes Weibsgesicht
Und zittern, es zu sehen -
Und dürften sie, und können nicht,
Da möchten sie vergehen.

Drum fliehn sie jeden Ehrenmann,
Sein Glück wird sie betrüben -
Wer keinen Menschen machen kann,
Der kann auch keinen lieben.

Drum tret' ich frei und stolz einher
Und brüste mich und singe:
Ich bin ein Mann! wer ist es mehr?
Der hüpfe hoch und springe.
(S. 209-212)

_____

 

 

Die Entzückung an Laura


Laura, über diese Welt zu flüchten
Wähn' ich - mich in Himmelmaienglanz zu lichten,
Wenn dein Blick in meine Blicke flimmt;
Ätherlüfte träum' ich einzusaugen,
Wenn mein Bild in deiner sanften Augen
Himmelblauen Spiegel schwimmt.
Leierklang aus Paradieses Fernen,
Harfenschwung aus angenehmern Sternen
Ras' ich in mein trunknes Ohr zu ziehn;
Meine Muse fühlt die Schäferstunde,
Wenn von deinem wollustheißen Munde
Silbertöne ungern fliehn.

Amoretten seh' ich Flügel schwingen,
Hinter dir die trunknen Fichten springen,
Wie von Orpheus' Saitenruf belebt;
Rascher rollen um mich her die Pole;
Wenn im Wirbeltanze deine Sohle
Flüchtig wie die Welle schwebt.

Deine Blicke - wenn sie Liebe lächeln,
Könnten Leben durch den Marmor fächeln,
Felsenadern Pulse leihn;
Träume werden um mich her zu Wesen,
Kann ich nur in deinen Augen lesen:
Laura, Laura mein!
(S. 179-180)

_____

 

 

Phantasie an Laura


Meine Laura! Nenne mir den Wirbel,
Der an Körper Körper mächtig reißt!
Nenne, meine Laura, mir den Zauber,
Der zum Geist gewaltig zwingt den Geist!

Sieh! er lehrt die schwebenden Planeten
Ew'gen Ringgangs um die Sonne fliehn
Und, gleich Kindern um die Mutter hüpfend,
Bunte Zirkel um die Fürstin ziehn.

Durstig trinkt den goldnen Strahlenregen
Jedes rollende Gestirn,
Trinkt aus ihrem Feuerkelch Erquickung,
Wie die Glieder Leben vom Gehirn.

Sonnenstäubchen paart mit Sonnenstäubchen
Sich in trauter Harmonie,
Sphären ineinander lenkt die Liebe,
Weltsysteme dauern nur durch sie.

Tilge sie vom Uhrwerk der Naturen -
Trümmernd auseinander springt das All,
In das Chaos donnern eure Welten,
Weint, Newtone, ihren Riesenfall!

Tilg' die Göttin aus der Geister Orden,
Sie erstarren in der Körper Tod;
Ohne Liebe kehrt kein Frühling wieder,
Ohne Liebe preist kein Wesen Gott!

Und was ist's, das, wenn mich Laura küsset,
Purpurflammen auf die Wangen geußt,
Meinem Herzen raschern Schwung gebietet,
Fiebrisch wild mein Flut von hinnen reißt?

Aus den Schranken schwellen alle Sennen,
Seine Ufer überwallt das Blut,
Körper will in Körper überstürzen,
Lodern Seelen in vereinter Glut.

Gleich allmächtig wie dort in der toten
Schöpfung ew'gem Federtrieb
Herrscht im arachneischen Gewebe
Der empfindenden Natur die Lieb'.

Siehe, Laura, Fröhlichkeit umarmet
Wilder Schmerzen Überschwung,
An der Hoffnung Liebesbrust erwarmet
Starrende Verzweifelung.

Schwesterliche Wollust mildert
Düstrer Schwermut Schauernacht,
Und entbunden von den goldnen Kindern
Strahlt das Auge Sonnenpracht.

Waltet nicht auch durch des Übels Reiche
Fürchterliche Sympathie?
Mit der Hölle buhlen unsre Laster,
Mit dem Himmel grollen sie.

Um die Sünde flechten Schlangenwirbel
Scham und Reu, das Eumenidenpaar,
Um der Größe Adlerflügel windet
Sich verrätrisch die Gefahr.

Mit dem Stolze pflegt der Sturz zu tändeln,
Um das Glück zu klammern sich der Neid,
Ihrem Bruder Tode zuzuspringen,
Offnen Armes, Schwester Lüsternheit.

Mit der Liebe Flügel eilt die Zukunft
In die Arme der Vergangenheit,
Lange sucht der fliehende Saturnus
Seine Braut - die Ewigkeit.

Einst - so hör' ich das Orakel sprechen -
Einsten hascht Saturn die Braut:
Weltenbrand wird Hochzeitfackel werden,
Wenn mit Ewigkeit die Zeit sich traut.

Eine schönere Aurora rötet,
Laura, dann auch unsrer Liebe sich,
Die so lang' als Jener Brautnacht dauert -
Laura! Laura! freue dich!
(S. 176-178)

_____

 

 

Die Begegnung


Noch seh ich sie, umringt von ihren Frauen,
Die herrlichste von allen stand sie da,
Wie eine Sonne war sie anzuschauen;
Ich stand von fern und wagte mich nicht nah,
Es faßte mich mit wollustvollem Grauen,
Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah;
Doch schnell, als hätten Flügel mich getragen,
Ergriff es mich, die Saiten anzuschlagen.

Was ich in jenem Augenblick empfunden
Und was ich sang; vergebens sinn' ich nach;
Ein neu Organ hatt' ich in mir gefunden,
Das meines Herzens heil'ge Regung sprach;
Die Seele war's, die, jahrelang gebunden,
Durch alle Fesseln jetzt auf einmal brach
Und Töne fand in ihren tiefsten Tiefen,
Die ungeahnt und göttlich in ihr schliefen.

Und als die Saiten lange schon geschwiegen,
Die Seele endlich mir zurücke kam,
Da sah ich in den engelgleichen Zügen
Die Liebe ringen mit der holden Scham,
Und alle Himmel glaubt' ich zu erfliegen,

Als ich das leise süße Wort vernahm -
O droben nur in sel'ger Geister Chören
Werd' ich des Tones Wohllaut wieder hören!
»Das treue Herz, das trostlos sich verzehrt
Und still bescheiden nie gewagt, zu sprechen -
Ich kenne den ihm selbst verborgnen Wert,
Am rohen Glück will ich das Edle rächen.
Dem Armen sei das schönste Los beschert,
Nur Liebe darf der Liebe Blume brechen.
Der schönste Schatz gehört dem Herzen an,
Das ihn erwidern und empfinden kann.«
(S. 40-41)

_____

 

 

Amalia


Schön wie Engel voll Walhallas Wonne,
Schön vor allen Jünglingen war er,
Himmlisch mild sein Blick wie Maiensonne,
Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.

Seine Küsse - paradiesisch Fühlen!
Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie
Harfentöne in einander spielen
Zu der himmelvollen Harmonie -

Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,
Lippen, Wangen brannten, zitterten,
Seele rann in Seele - Erd und Himmel schwammen
Wie zerronnen um die Liebenden!

Er ist hin - vergebens, ach vergebens
Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!
Er ist hin, und alle Lust des Lebens
Wimmert hin in ein verlornes Ach!
(S. 297-298)

_____

 

 

Der Triumph der Liebe

Eine Hymne

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
Zu dem Himmelreich.

Einstens hinter Pyrrhas Rücken,
Stimmen Dichter ein,
Sprang die Welt aus Felsenstücken,
Menschen aus dem Stein.

Stein und Felsen ihre Herzen,
Ihre Seelen Nacht,
Von des Himmels Flammenkerzen
Nie in Glut gefacht.

Noch mit sanften Rosenketten
Banden junge Amoretten
Ihre Seelen nie -
Noch mit Liedern ihren Busen
Huben nicht die weichen Musen,
Nie mit Saitenharmonie.

Ach! noch wanden keine Kränze
Liebende sich um!
Traurig flüchteten die Lenze
Nach Elysium.

Ungegrüßet stieg Aurora
Aus dem Schoß des Meers,
Ungegrüßet sank die Sonne
In den Schoß des Meers.

Wild umirrten sie die Haine
Unter Lunas Nebelscheine,
Trugen eisern Joch.
Sehnend an der Sternenbühne
Suchte die geheime Träne
Keine Götter noch.

*

Und sieh! der blauen Flut entquillt
Die Himmelstochter sanft und mild,
Getragen von Najaden
Zu trunkenen Gestaden.

Ein jugendlicher Maienschwung
Durchwebt, wie Morgendämmerung,
Auf das allmächt'ge Werde

Luft, Himmel, Meer und Erde.
Des holden Tages Auge lacht
In düstrer Wälder Mitternacht;
Balsamische Narzissen
Blühn unter ihren Füßen.

Schon flötete die Nachtigall
Den ersten Sang der Liebe,
Schon murmelte der Quellen Fall
In weiche Busen Liebe.

Glückseliger Pygmalion!
Es schmilzt, es glüht dein Marmor schon!
Gott Amor Überwinder!
Umarme deine Kinder!

*

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
Zu dem Himmelreich.

*

Unter goldnem Nektarschaum,
Ein wollüst'ger Morgentraum,
Ewig Lustgelage,
Fliehn der Götter Tage.

Thronend auf erhabnem Sitz
Schwingt Kronion seinen Blitz;
Der Olympus schwankt erschrocken,
Wallen zürnend seine Locken -

Göttern läßt er seine Throne,
Niedert sich zum Erdensohne,
Seufzt arkadisch durch den Hain;

Zahme Donner untern Füßen,
Schläft, gewiegt von Ledas Küssen,
Schläft der Riesentöter ein.
Majestät'sche Sonnenrosse
Durch des Lichtes weiten Raum
Leitet Phöbus' goldner Zaum,
Völker stürzt sein rasselndes Geschosse;
Seine weißen Sonnenrosse
Seine rasselnden Geschosse,
Unter Lieb' und Harmonie,
Ha! Wie gern vergaß er sie!

Vor der Gattin des Kroniden
Beugen sich die Uraniden;
Stolz vor ihrem Wagenthrone
Brüstet sich das Pfauenpaar,
Mit der goldnen Herrscherkrone
Schmückt sie ihr ambrosisch Haar.

Schöne Fürstin! Ach, die Liebe
Zittert, mit dem süßen Triebe
Deiner Majestät zu nahn.
Und von ihren stolzen Höhen
Muß die Götterkönigin
Um des Reizes Gürtel flehen
Bei der Herzenfeßlerin.

*

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
Zu dem Himmelreich.

Liebe sonnt das Reich der Nacht,
Amors süßer Zaubermacht
Ist der Orkus untertänig:
Freundlich blickt der schwarze König,
Wenn ihm Ceres' Tochter lacht;
Liebe sonnt das Reich der Nacht.
Himmlisch in die Hölle klangen
Und den wilden Hüter zwangen
Deine Lieder, Thrazier -
Minos, Tränen im Gesichte,
Mildete die Qualgerichte,
Zärtlich um Megärens Wangen
Küßten sich die wilden Schlangen,
Keine Geißel klatschte mehr;
Aufgejagt von Orpheus' Leier
Flog von Tityos der Geier;
Leiser hin am Ufer rauschten
Lethe und Cocytus, lauschten
Deinen Liedern, Thrazier!
Liebe sangst du, Thrazier!

*

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
Zu dem Himmelreich.

*

Durch die ewige Natur
Düftet ihre Blumenspur,
Weht ihr goldner Flügel.
Winkte mir vom Mondenlicht
Aphroditens Auge nicht,
Nicht vom Sonnenhügel,
Lächelte vom Sternenmeer
Nicht die Göttin zu mir her -
Stern' und Sonn' und Mondenlicht
Regten mir die Seele nicht.
Liebe, Liebe lächelt nur
Aus dem Auge der Natur
Wie aus einem Spiegel!

Liebe rauscht der Silberbach,
Liebe lehrt ihn sanfter wallen;
Seele haucht sie in das Ach
Klagenreicher Nachtigallen -
Liebe, Liebe lispelt nur
Auf der Laute der Natur.

Weisheit mit dem Sonnenblick,
Große Göttin, tritt zurück,
Weiche vor der Liebe!
Nie Erobrern, Fürsten nie
Beugtest du ein Sklavenknie,
Beug' es jetzt der Liebe!

Wer die steile Sternenbahn
Ging dir heldenkühn voran
Zu der Gottheit Sitze?
Wer zerriß das Heiligtum,
Zeigte dir Elysium
Durch des Grabes Ritze?
Lockte sie uns nicht hinein,
Möchten wir unsterblich sein.
Suchten auch die Geister
Ohne sie den Meister?
Liebe, Liebe leitet nur
Zu dem Vater der Natur
Liebe nur die Geister.

Selig durch die Liebe
Götter - durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer - die Erde
Zu dem Himmelreich.
(S. 183-187)

_____

 

 

An Minna


Träum' ich? Ist mein Auge trüber?
Nebelt's mir ums Angesicht?
Meine Minna geht vorüber?
Meine Minna kennt mich nicht?
Die am Arme seichter Toren
Blähend mit dem Fächer ficht,
Eitel in sich selbst verloren -
Meine Minna ist es nicht.

Von dem Sommerhute nicken
Stolze Federn, mein Geschenk;
Schleifen, die den Busen schmücken,
Rufen: Minna, sei gedenk!
Blumen, die ich selbst erzogen,
Zieren Brust und Locken noch -
Ach, die Brust, die mir gelogen!
Und die Blumen blühen doch!

Geh, umhüpft von leeren Schmeichlern!
Geh, vergiß auf ewig mich!
Überliefert feilen Heuchlern,
Eitles Weib, veracht' ich dich.
Geh! dir hat ein Herz geschlagen,
Dir ein Herz, das edel schlug,
Groß genug, den Schmerz zu tragen,
Daß es einer Törin schlug.

In den Trümmern deiner Schöne
Seh' ich dich verlassen stehn,
Weinend in die Blumenszene
Deines Mai's zurücke sehn.
Schwalben, die im Lenze minnen,
Fliehen, wenn der Nordsturm weht;
Buhler scheucht dein Herbst von hinnen,
Einen Freund hast du verschmäht.

Die mit heißem Liebesgeize
Deinem Kuß entgegenflohn,
Zischen dem erloschnen Reize,
Lachen deinem Winter Hohn.
Ha! wie will ich dann dich höhnen!
Höhnen? Gott bewahre mich!
Weinen will ich bittre Tränen,
Weinen, Minna, über dich!
(S. 204)

_____

 

 

An Emma


Weit in nebelgrauer Ferne
Liegt mir das vergangne Glück,
Nur an einem schönen Sterne
Weilt mit Liebe noch der Blick.
Aber, wie des Sternes Pracht,
Ist es nur ein Schein der Nacht.

Deckte dir der lange Schlummer,
Dir der Tod die Augen zu,
Dich besäße doch mein Kummer,
Meinem Herzen lebtest du.
Aber ach! du lebst im Licht,
Meiner Liebe lebst du nicht.

Kann der Liebe süß Verlangen,
Emma, kann's vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen,
Emma, kann's die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut;
Stirbt sie wie ein irdisch Gut?
(S. 132)

_____

 

 

Laura am Klavier


Wenn dein Finger durch die Saiten meistert -
Laura, itzt zur Statue entgeistert,
Itzt entkörpert steh' ich da.
Du gebietest über Tod und Leben,
Mächtig, wie von tausend Nervgeweben
Seelen fordert Philadelphia.

Ehrerbietig leiser rauschen
Dann die Lüfte, dir zu lauschen;
Hingeschmiedet zum Gesang
Stehn im ew'gen Wirbelgang,
Einzuziehn die Wonnefülle,
Lauschende Naturen stille.
Zauberin! mit Tönen, wie
Mich mit Blicken, zwingst du sie.

Seelenvolle Harmonien wimmeln,
Ein wollüstig Ungestüm,
Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln
Neugeborne Seraphim;
Wie, des Chaos Riesenarm entronnen,
Aufgejagt vom Schöpfungssturm, die Sonnen
Funkelnd fuhren aus der Nacht,
Strömt der Töne Zaubermacht.

Lieblich itzt, wie über glatten Kieseln
Silberhelle Fluten rieseln,
Majestätisch prächtig nun
Wie des Donners Orgelton,
Stürmend von hinnen izt, wie sich von Felsen
Rauschende schäumende Gießbäche wälzen,
Holdes Gesäusel bald,
Schmeichlerisch linde,
Wie durch den Espenwald
Buhlende Winde -

Schwerer nun und melancholisch düster,
Wie durch toter Wüsten Schauernachtgeflüster,
Wo verlornes Heulen schweift,
Tränenwellen der Cocytus schleift.
Mädchen, sprich! Ich frage, gib mir Kunde:
Stehst mit höhern Geistern du im Bunde?
Ist's die Sprache, lüg mir nicht,
Die man in Elysen spricht?
(S. 178-179)

_____

 

 

An den Frühling


Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!

Ei! ei! da bist ja wieder!
Und bist so lieb und schön!
Und freun wir uns so herzlich,
Entgegen dir zu gehn.

Denkst auch noch an mein Mädchen?
Ei, Lieber, denke doch!
Dort liebte mich das Mädchen,
Und 's Mädchen liebt mich noch!

Fürs Mädchen manches Blümchen
Erbat ich mir von dir -
Ich komm' und bitte wieder,
Und du? - du gibst es mir?

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!
(S. 199)

_____

 

Alle Gedichte aus: Friedrich von Schiller Sämtliche Gedichte und Balladen Herausgegeben von Georg Kurscheidt
Insel Verlag 2004


Biographie:
Schiller, Johann Christoph Friedrich von (1759-1805), Dichter. Neben Johann Wolfgang von Goethe, mit dem er den Stil der Weimarer Klassik begründete, ist er eine der zentralen Gestalten der deutschen Literaturgeschichte. Neue Maßstäbe setzte er vor allem für die weitere Entwicklung des deutschsprachigen Dramas.

Friedrich Schiller wurde am 10. November 1759 in Marbach am Neckar geboren. Sein Vater war der Offizier und Intendant der herzoglichen Hofgärtnerei der Solitude bei Stuttgart, Johann Caspar Schiller (1723-1796), seine Mutter die vom Pietismus geprägte Elisabeth Dorothea Schiller, geborene Kodweis (1732-1802). Nach dem Besuch der Lorcher Dorfschule (1765/66) und der Lateinschule in Ludwigsburg scheiterte der Plan einer theologischen Ausbildung am Veto des Herzogs Karl Eugen, der Schiller für die strenge Militärakademie auf der Solitude bestimmte. Hier begann Schiller auf herzogliche Weisung 1773 zunächst ein Jurastudium. Nach der Umsiedlung der Schule nach Stuttgart und ihrer Umbenennung in Hohe Karlsschule wandte er sich aber Ende 1775 dem medizinischen Fach zu, was seinen karitativen Impulsen eher entsprach. Bereits während dieser Zeit entstanden unter dem Eindruck der Dichtungen Friedrich Gottlieb Klopstocks und Gotthold Ephraim Lessings (Emilia Galotti) erste lyrische und dramatische Versuche (Erstveröffentlichungen waren 1776/77 die Elegie Der Abend und die Ode Der Eroberer).

Sturm und Drang: Der junge Schiller

1777 begann Schiller unter dem Eindruck der Aufklärung mit dem von sozialem Pathos getragenen Drama Die Räuber. In diesem Stück thematisierte er die Ablehnung jeglicher Autorität und proklamierte einen absoluten Freiheitswillen. Schiller wurde damit zu einem zentralen Vertreter des Sturm und Drang ("Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit"). Erst im zweiten Anlauf konnte sich Schiller 1780 mit dem Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen, der dem Wechselverhältnis von Körper und Geist nachging, promovieren. Darin kommt bereits eine seiner zentralen philosophischen Ideen zum Ausdruck, die in der Utopie einer schrittweisen Vervollkommnung irdischen Glücks kulminierte.

Ende 1780 erhielt Schiller in Stuttgart eine – allerdings sozial sehr niedrig stehende – Anstellung als Regimentsmedikus und führte dort als Reaktion auf die Entbehrungen während der Studienzeit ein ausschweifendes Leben. Nachdem er bereits zur bejubelten Uraufführung seines Dramas Die Räuber am 13. Januar 1782 (als Ritterspiel, mit August Wilhelm Iffland als Franz Moor) nach Mannheim gereist war – und damit die Landesgrenze unerlaubterweise überschritten hatte –, musste er nach einem zweiten Mannheim-Aufenthalt im Mai desselben Jahres für zwei Wochen in Haft. Als der Herzog ihn außerdem mit Schreibverbot für jegliche literarische Produktion belegte, floh Schiller unter Begleitung seines Freundes, des Klavierbauers Johann Andreas Streicher (1761-1833), nach Mannheim. Dort fand seine Lesung aus dem Manuskript des "republikanischen Trauerspiels" Die Verschwörung des Fiesco von Genua um den aufständischen Grafen von Lavagna und seinen Putsch gegen die Tyrannenherrschaft nur wenig Anklang. Daraufhin reiste er als Vorsichtsmaßnahme weiter nach Frankfurt am Main und von dort nach Oggersheim, wo er das Fiesco-Drama im Oktober und November 1782 umarbeitete – auch diese Fassung wurde vom Leiter des Mannheimer Nationaltheaters, Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg (1750-1806), zunächst nicht angenommen: Erst eine endgültige Version kam dort 1784 zur Aufführung.

Finanziell und psychisch angeschlagen, fand Schiller schließlich Aufnahme bei der Schriftstellerin Karoline Freifrau von Wolzogen (1763-1847) auf deren Gut Bauerbach bei Meiningen. Hier widmete er sich der Gattung des bürgerlichen Trauerspiels mit dem Drama um die "verhassten Hülsen des Standes" Luise Millerin (später auf Anraten Ifflands in Kabale und Liebe umbenannt) sowie – angeregt durch Dalberg– der Konzeption des Dom Karlos, nach Fiesco Schillers zweiter Versuch, sich im Genre des historischen Dramas zu profilieren. Publiziert wurde die Gedichtsammlung Anthologie auf das Jahr 1782, ein Höhepunkt und gleichzeitig der formale Abschluss der Lyrik des Sturm und Drang. Darin enthalten sind u. a. Rousseau, Die Kindsmörderin und Die schlimmen Monarchen.

Nach seiner Rückkehr nach Mannheim im Juli 1783 wurde Schiller Anfang September für ein Jahr Theaterdichter an Dalbergs Nationaltheater mit der Verpflichtung, drei Dramen jährlich fertig zu stellen. Anders als Fiesco, dessen Aufführung zum Fiasko geriet, wurde Kabale und Liebe vom Mannheimer Publikum begeistert aufgenommen. Der Erfolg bescherte Schiller 1784 die Aufnahme in die renommierte Kurfürstliche Deutsche Gesellschaft – das intellektuelle Zentrum der Pfalz. Seine am 26. Juni 1784 dort gehaltene Rede Vom Wirken der Schaubühne auf das Volk (bekannter unter dem Titel Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet) bestimmte die Bühne als Forum humanitärer Ideale und übte auf die Entwicklung der deutschen Dramen- und Theaterlandschaft bis hin zum Expressionismus und zu Bertolt Brecht entscheidenden Einfluss aus.

Nachdem Dalberg Schillers Anstellungsvertrag nicht verlängerte und auch der Gründung der Zeitschrift Rheinische Thalia (1785/86, fortgeführt 1787-1791, als Neue Thalia 1792/93) nicht der erhoffte finanzielle Erfolg beschieden war, suchte der Dichter 1785 Hilfe bei einigen seiner Gönner; zuvor war er im Dezember 1784 von Herzog Karl August von Sachsen-Weimar zum "Weimarischen Rat" bestimmt worden. So reiste er im April des Jahres zu seinem späteren Freund, Briefpartner (Kallias oder Über die Schönheit, 1793) und Biographen, dem Beamten Christian Gottfried Körner (1756-1831), ins sächsische Loschwitz, nachdem er während eines Zwischenaufenthalts in Gohlis bereits Bekanntschaft mit seinem neuen Verleger Georg Joachim Göschen (1752-1828) gemacht hatte.

Die klassische Periode: Dresden, Weimar und Jena (1785-1794)

In der gastfreundlichen, durch gelehrte Kunstgespräche bestimmten, aber von Schiller als beengend empfundenen Atmosphäre des Körnerschen Kreises in Loschwitz (Dresden) wurden nur wenige Werke vollendet, darunter der 1823 von Ludwig van Beethoven vertonte Hymnus An die Freude, die Bühnenfassung von Dom Karlos, Infant von Spanien (1787, "Geben Sie / Gedankenfreiheit"), die mystisch-pantheistischen Philosophischen Briefe (1786) und die psychologisch-moralische Kriminalerzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre (1787 unter dem Titel Verbrecher aus Infamie). Dabei zeugen sowohl An die Freude als auch die Philosophischen Briefe vom „kühnen Ideal unserer Freundschaft" u. a. zu Körner.

Die unglückliche Liebe zu Henriette von Arnim (1768-1847) bestärkte Schiller im Entschluss, nach Weimar zu gehen. Am 21. Juli 1787 kam er dort an, nahm den Kontakt zu seiner früheren Vertrauten (seit 1784), der Schriftstellerin Charlotte von Kalb (1761-1843, Cornelia, Roman, herausgegeben 1851), wieder auf und lernte Johann Gottfried von Herder sowie Christoph Martin Wieland kennen. Die Auseinandersetzung mit historischen Themen und die daraus resultierende Studie Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung (1788), welche das Naturrecht der Völker auf Befreiung von Unterdrückung propagiert (Vorbilder waren Jean-Jacques Rousseau und Voltaire), brachte Schiller 1789 eine – ehrenamtliche – Professur für Geschichte in Jena ein (durch Vermittlung von Goethe, den er ein Jahr zuvor kennen gelernt hatte); seine Antrittsvorlesung Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? fand bei den Studenten enthusiastische Aufnahme. Darüber hinaus schrieb er die dreibändige Geschichte des dreißigjährigen Krieges vom Prager Fenstersturz bis zum Westfälischen Frieden (1790-1792). Gegenüber der Studie zum Abfall der vereinigten Niederlande ist hier bereits eine deutliche Verschiebung des Interesses vom historischen Ereignis zur herausragenden geschichtlichen Persönlichkeit (Gustav Adolf, Wallenstein) erkennbar.

Zu den wenigen poetischen Werken dieser Zeit gehören die– geschichtsphilosophisch am Ideal der Antike orientierten– Gedichte Die Götter Griechenlands (1788) und Die Künstler (1789, Schillers längstes Gedicht), die Erzählung Spiel des Schicksals (1788, Abdruck in Wielands Zeitschrift Der Teutsche Merkur) sowie das zwischen Anfang 1787 bis Ende 1789 in der Thalia gedruckte Romanfragment Der Geisterseher. Aus den Papieren des Grafen von O***, ein von Schiller selbst als "Schmiererei" deklassierter Publikumserfolg mit Anklängen an die Biographie des Hochstaplers Alessandro Graf von Cagliostro. (In der Thalia erschien 1790 auch das unvollendete Drama Der versöhnte Menschenfeind.) Darüber hinaus schulte sich Schiller an der antiken Dramatik bzw. Lyrik (Euripides, Vergil) und wurde Mitarbeiter der Allgemeinen Literatur-Zeitung. Seinen Lebensunterhalt suchte er als Herausgeber von Geschichtswerken zu verdienen, aber erst das gemeinsam vom dänischen Finanzminister Erich Heinrich Graf von Schimmelmann und von Herzog Friedrich Christian II. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg 1791 erhobene Ehrengehalt (zunächst auf drei Jahre festgelegt, später um zwei Jahre verlängert) beendete seine finanzielle Misere. In die Jenaer Zeit fällt auch Schillers Auseinandersetzung mit der idealistischen Philosophie Immanuel Kants, die letztlich seine Ästhetik der klassischen Periode bestimmt.

Am 22. Februar 1790 heiratete Schiller die Schwester Karoline von Wolzogens, Charlotte von Lengefeld (1766-1826). 1791 erkrankte er lebensgefährlich, vermutlich eine Lungen- und chronische Bauchfellentzündung, die ihm bis zu seinem Lebensende Probleme bereitete und ihn zwang, seine Lehrtätigkeit aufzugeben. 1792 ernannte ihn die Französische Republik zu ihrem Ehrenbürger. In den neunziger Jahren entstanden Schillers anthropologische, ethische und ästhetische Hauptwerke Über Anmuth und Würde (1793), welches Schönheit bzw. Anmut als "Ausdruck moralischer Empfindungen" interpretiert, Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), das die Utopie eines „ästhetischen Staates" entwirft, in dem Kunst die Natur überwinden solle ("der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt"), sowie Über naive und sentimentalische Dichtung (1795/96). War Schiller in den ersten beiden Schriften um eine Definition des Schönen bzw. um eine Funktionsbestimmung der Kunst bemüht, so versuchte er in letzterer, die Stellung des Kunstwerks in einer Zeit (dem„künstlichen Weltalter") zu bestimmen, in welcher sich der Mensch von der Natur und das Denken vom Empfinden entfremdet hat. Dabei kommt dem „sentimentalischen" Dichter die Aufgabe zu, die seit der Antike (dem „Naiven") verlorene harmonische Einheit im „Ideal" neu zu stiften. Vor allem diese Differenzierung übte auf Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel großen Einfluss aus.

Das Jahrzehnt mit Goethe (1794-1805)

Zu den wichtigsten Kontakten Mitte der neunziger Jahre gehören die Begegnungen mit dem Verleger Johann Friedrich Cotta in Tübingen, der Schiller die Gründung der Zeitschrift Die Horen ("zum Unterricht und zur Bildung") ermöglichte, mit Hölderlin in Ludwigsburg, mit Johann Gottlieb Fichte in Stuttgart und mit Wilhelm von Humboldt in Jena (zu den Jenaer Romantikern um Friedrich von Schlegel jedoch ging er – ebenso wie diese zu ihm – deutlich auf Distanz). Darüber hinaus entwickelte sich die zunächst problematische Bekanntschaft mit Goethe zu einer äußerst gewinnbringenden Freundschaft, die mit einem Gespräch im Anschluss an eine Tagung der Naturforschenden Gesellschaft und dem Umstand begann, dass Schiller Goethe 1794 als langjährigen Beiträger der Horen gewinnen konnte. Fortan war Schiller häufig Gast in Goethes Haus in Weimar. Eine 1828 bis 1829 von Goethe in sechs Bänden herausgegebene Korrespondenz dokumentiert die gegenseitige Inspiration. Zum Beispiel ging der Abschluss des ersten Teiles von Goethes Faust auf Schillers Initiative zurück, und andererseits erfuhr Schiller für seine Balladen Der Ring des Polykrates, Die Kraniche des Ibykus, Der Taucher und Der Handschuh oder Die Bürgschaft die Ermutigung durch Goethe. Die meisten dieser Gedichte entstanden im „Balladenjahr" 1797. Aus gemeinsamen Gesprächen, Projekten (für Goethes Kunstzeitschrift Propyläen), Theorien (Über epische und dramatische Dichtung. Von Goethe und Schiller, 1797) und Werken (die gegen die Horen-Kritiker gewandten Xenien von 1797, die im so genannten Xenienstreit barsche Proteste der Angegriffenen provozierten) entwickelte sich der an Vorbildern der Antike und Renaissance orientierte Stil der Weimarer Klassik.

Aufbauend auf seiner an Kant geschulten Theorie vom Wesen und Wirken des Schönen, wandte sich Schiller nach 1795 – auch, um Material für die Horen und die bis 1799 jährlich von ihm herausgegebenen Musenalmanache zu gewinnen – wieder verstärkt der Dichtung zu. So entstanden bis 1796 die Lehrgedichte Die Teilung der Erde, Pegasus im Joche, Das Ideal und das Leben, Der Spaziergang, Das verschleierte Bild zu Sais, Würde der Frauen und Klage der Ceres. Darüber hinaus schloss Schiller – seit 1796 ebenfalls unter beratender Anteilnahme Goethes – die Arbeit an der historischen Dramentrilogie Wallenstein (1800) um „des Glückes abenteuerlichen Sohn" endgültig ab. Die einzelnen Teile wurden 1798 und 1799 am von Goethe geleiteten Weimarer Hoftheater uraufgeführt.

Im Dezember 1799 übersiedelte Schiller nach Weimar, um durch die dortige Theaterpraxis Anregungen für seine eigenen dramatischen Werke zu erhalten. Im selben Jahr entstand Das Lied von der Glocke. 1802 bezog er sein eigenes Haus ("Schillerhaus"). Neben Dramenbearbeitungen (darunter William Shakespeares Macbeth, Lessings Nathan der Weise, Carlo Graf Gozzis Turandot, Goethes Iphigenie auf Tauris) und Übersetzungen (Jean Racines Phèdre) entstanden nun in rascher Folge die Theaterstücke Maria Stuart (1800), Die Jungfrau von Orleans (1801), Die Braut von Messina (1803) und Wilhelm Tell (1804). Der nach einer Berlinreise gefasste Plan eines Wohnungswechsels wurde nicht verwirklicht. Als letzte vollendete Dichtung stellte Schiller zum Einzug des jungvermählten Erbprinzenpaares 1804 das Festspiel Die Huldigung der Künste fertig. Er starb am 9. Mai 1805 in Weimar an den Folgen der ein Jahr zuvor wieder ausgebrochenen Krankheit, ohne sein Drama um Aufstieg und Fall des falschen Zaren Demetrius vollenden zu können. 1827 wurde sein Sarg in die Weimarer Fürstengruft überführt, wo man später auch Goethe beisetzte.
Aus: Encarta

 

 


zurück zum Dichter-Verzeichnis

zurück zur Startseite