Karl Stieler (1842-1885) - Liebesgedichte

Karl Stieler

 

Karl Stieler
(1842-1885)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Abendgang

Abendschatten füllt die Weite,
Abendfriede füllt die Welt -
Und ich zieh' an deiner Seite
Durch das kühle, grüne Feld,

Wortlos und mit sachtem Schritte,
Dein gedenkend, wie du mein;
Ohne Wunsch und ohne Bitte
Will ich ganz dein eigen sein.

Wellen zieh'n mit leisen Tönen,
Vöglein zieh'n mit leisem Flug -
Und durch unser Herz zieht Sehnen:
Haben wir nicht Glücks genug?

Jugendglück im reifen Innern,
Liedertrost, der selig labt,
Und im Alter – dies Erinnern,
Wie wir einst uns lieb gehabt?!
(S. 314)
_____

 

Erwachen

Allnächtlich bin ich aufgewacht,
Ich weiß es nicht, weswegen!
In wunderstiller Sternennacht,
In Nacht voll Sturm und Regen.

Und traurig senk' ich dann den Blick,
Den wilden, hoffnungslosen -
Ich denk' an Unschuld und an Glück
Und an zerpflückte Rosen!
(S. 153)
_____


 

Einem Kinde

Als du dein Herz, dein Herz voll Freude,
Gelehnt an meine Brust voll Weh',
Da tauten Lenzgedanken wieder
Mir auf wie Blumen unterm Schnee.

Hell fiel dein Haar auf meine Schulter
Und lang hast du mich angeseh'n
Mit Augen, tief und jugendinnig,
Als frügst du mich, was mir gescheh'n?

O, frage nicht! – Wie du, so blickte
Die Liebe einst, die mich verließ.
Aus deinen sel'gen Kinderaugen
Schaut mein verlor'nes Paradies.
(S. 152-153)
_____



Dies irae

Aug' in Aug'
Das Antlitz auf die Arme stützend,
Schaust du mir glutstumm ins Gesicht;
Die Stirn umwölkt, das Auge blitzend -
Doch deine Lippe regt sich nicht.

Wie selig ist die Flut, die brausend
Dem kühnen Fels entgegenspringt!
Wie selig ist der Sturm, der sausend
Den grünen Baum im Wald umschlingt!

Wir aber müssen stumm uns zwingen,
Wie es auch stürmt im Herzensgrund;
Nie soll ich mehr dein Herz umschlingen
Und küssen deinen Fiebermund.

Dein Aug' nur blitzt, das gluterregte,
Vor Leidenschaft und süßem Grau'n! -
O, laß mich in dies wildbewegte
Gewitter deiner Seele schau'n:

Daß mir's der stumme Blitz erzähle,
Wie auch dein Herz in Sehnsucht brach! -
Und in den Klüften meiner Seele
Grollt es wie ferner Donner nach!


Ja, schau mich an!
Ja, schau mich an mit deinen Blicken
Voll tiefer, seelensüßer Glut
Und trink' mir aus mit Spiel und Nicken -
Mein ganzes Herz, mein letztes Blut!

Ich kann dir nimmer widerstreben;
Nimm mich dahin – ich bin ja dein!
Nähr' deine Glut mit meinem Leben -
Und in der Glut vergeht mein Sein!


Verschlossenheit
Verschlossen bist du für die Welt und mich,
Dein Herze scheut
Den warmen Hauch – doch einst kommt's über dich,
Daß dich's gereut!

Wenn du einst ringst mit deinem letzten Schmerz,
Hart vor dem Sarg:
Dann härmst du dich, was dieses reiche Herz
Der Welt verbarg!

Daß dich erschaut kein lichtes Auge je,
Von Glück betränt;
Du gleichst der Blume, die sich erst im Schnee
Nach Blühen sehnt!

Dann ist's zu spät – ein unermeßlich Leid
Wird es dir sein:
Dies letzte Weh verlor'ner Seligkeit - -
Dann denkst du mein!


Abwärts
Muß ich von dir das Wort erfahren:
"In allem abwärts geht mein Pfad!"
Von dir, von dir? – die mir seit Jahren
Nur segenspendend ist genaht!

Man sagt ja, daß die Engel ahnen;
Du bist so engelschön und jung -
Mußt du mich an mein Welken mahnen,
Steht mir im Aug' schon Dämmerung?

Dann geh'! Lichtalfe – zieh' ins Weite!
Du kannst geleiten nur zur Höh',
Hinab braucht's anderes Geleite -
Hab' ew'gen Dank, mein Engel! – Geh'!


Hingegeben
Alles hab' ich hingegeben,
Was das Glück gehäuft auf mich:
Friede, Freude, Schaffen, Leben -
Alles gab ich's hin um dich!

Um die Liebe, um die große,
Die mein ganzes Herz durchquillt,
Um die arme, hoffnungslose -
Unerfüllbar, unerfüllt!

Nimmer weiß ich's, was ich tue,
Nimmer denk' ich's, daß ich schlief!
Ohne Glück und ohne Ruhe
Lieb' ich dich – und doch so tief!


Sirene
Oft graut es mir vor deinem Silberlachen,
Dein Aug' ist Feuer und dein Herz ist Stein;
Du läßt die tiefste Leidenschaft erwachen -
Wer an dir wach wird, der schläft nimmer ein.

Wie die Sirene, die am Felsen sitzt,
In blauer Meerflut, wo die Wogen branden,
Schaust du hinaus - - - dein spielend Auge blitzt
Und wartet lachend, wie die Herzen stranden!


Dämonen
Du siehst dein Herz in seiner Schönheit pochen
Und denkst der Herzen, die dies Herz gebrochen;
Die Lippe wölbt sich und dein Auge glüht -
Wie deine Lust aus all' den Schmerzen blüht!

Unselig Weib! – Erschrick vor den Dämonen,
Die in dem Abgrund deiner Seele wohnen;
Sie griffen Tausende, sie griffen mich - -
Einst kommt der Tag und sie ergreifen – dich!


Letzte Wonne
Du kennst die letzte Wonne nicht,
O Weib, und wirst sie nie ergründen:
In deinen Augen glüht ein Licht,
Das will nicht wärmen, will nur zünden!

Wohl ist es süß, wenn ohne Laut,
Wenn, glutverzehrt von Qual und Hoffen,
Ein Menschenaug' in deines schaut,
Vom Blitzstrahl deines Blicks getroffen;

Doch weißt du nicht, wie süß das ist:
In jener Liebe sich ergeben,
Die liebend ihrer selbst vergißt
Und wähnt, ein Wunder zu erleben!

Die selig sich gestehen kann:
Ich schmied' aus Schönheit keine Waffen;
Es war kein Sieg, den ich gewann,
Es war nur Glück, das ich geschaffen!


Mahnung
Oft zuckt's um deine Augenlider
Und um die Lippen, leicht geschwellt,
Als stünd' in diesen Augen wieder
Die alte Sehnsucht nach der Welt,

Der Welt, aus deren dunklem Banne
Mein Fittich dich von hinnen trug. -
Wie lauschtest du dem heißen Manne!
Fühlst du ihn noch, den großen Flug?

Aus einem Geist bist du geboren,
Schlag' auf die Augen! - halte stand! -
Es ging mein Herz daran verloren,
Daß ich das deine wiederfand!


Evoe!
Bacchantin mit dem feuchten Blick,
Wie deine Schläfe glühen!
Du streifst das umlockte Haar zurück,
Drin schwellende Blumen blühen.

Wie Wellenschlag wiegt sich dein Gang,
Die Lippen sind gekräuselt,
Es lockt dein Wort wie jener Klang,
Wenn Wind im Schilfe säuselt.

Du glühst vor Jugend und vor Kraft
Und Kraft ruft nach dem Sieger -
Um deine Schönheit drängt Leidenschaft
Sich wie ein grollender Tiger.


Du weißt es ja!
Du weißt es ja – du bist doch mein Geschick,
Mein Heil und Leid, mein Trost und mein Verderben;
Ich hab' gelebt in deinem Feuerblick
Und an dem Feuerblicke muß ich sterben!

Die Zeit ist da; mein Herz erliegt der Not,
Es welkt die Wange, die dein Hauch gerötet;
Doch rühmen sie mich einst nach meinem Tod -
Dann rühme du dich: "Ich hab' ihn getötet!"
(S. 334-341)
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Erstes Recht

Das Herz vor schönen Frauen,
Vor unsrem Herrn das Knie,
Das will ich willig beugen
Und dessen vergaß ich nie!

Du bist die erste gewesen,
An der ich hab' mein Teil
Von Minneleid erlesen -
Viel Leid und wenig Heil!

Ich hab' um dich geweinet
Wohl öfter denn gelacht;
Um dein Aug' blieb das meine
Wohl offen manche Nacht!

Nun zieh' auf deinen Wegen,
Ich wand're meinen Pfad,
Dir gönn' ich Gottes Segen,
Mich schirme Gottes Gnad'!

Mein Herz ist froh genesen,
Doch, was mir auch gedieh,
Du bist die erste gewesen -
Und dessen vergess' ich nie!
(S. 146)
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Nächtiges Wandern

Das ist ein seltsam Geh'n:
Die Tritte schallen;
Ich hör' den Südwind weh'n
Und Blätter fallen.

Die Bäche rauschen stumm,
Die regensatten;
Ich zieh' dahin – rundum
Nur Schatten, Schatten!

Gewölk voll dunkler Kraft -
Ich zieh' so trübe -
Verstummt vor Leidenschaft -
Verirrt vor Liebe! - -
(S. 318)
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Stille Trauer

Das war für mich ein Todestag,
Da du mich hast verlassen,
's ist lange her – schon treibt der Wind
Das Herbstlaub durch die Gassen.

Schon glimmt an deinem Herd so traut
Das stille Winterfeuer,
Doch über meiner Seele liegt
Noch heut' der schwarze Schleier.

Und in verwaisten Nächten oft
Durchrieselt mich ein Schauer, -
Das Trauerjahr ist längst zu End',
Wann endet wohl die Trauer?
(S. 148-149)
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In Regenstunden

Der Regen fiel, der Tag war grau,
Wir sind am Sims gesessen;
Wir haben so viel Leid bedacht
Und so viel Leid vergessen.

Die kleine Stube war so still,
Die feinen Mücken summten;
Wir sah'n empor und sah'n hinab,
Wir sprachen und verstummten …..

Du standest auf und sahst hinaus
In all' den grauen Regen;
Du bebtest leis – da war dein Arm
Auf meinem Hals gelegen.

Und flehend sprach dein stummer Blick:
"Ich weiß es, wie ich fehle!"
Du küßtest mich – das war kein Kuß -
Das war die große Seele!
(S. 311)
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Alte Pfade

Die alten Pfade geh' ich wieder,
Die ich in jungen Tagen ging;
Eh' all' mein Weg, mein Auf und Nieder
Allein an deinen Wegen hing.

Ich lug' ins grüne Moos hinunter,
Ich schau' im güld'nen Laub herum;
Waldvogel sang zu mir herunter:
Wie warst du froh, wie bist du stumm!

Es blüht so hold vor meinen Blicken,
Es weht der Bergwind kühl und weich;
Doch all' die roten Blumen nicken:
Wie warst du rot, wie bist du bleich!

Es sprach der Sonnenstrahl, der helle:
Wie bist so anders du als einst!
Und leise rauscht des Baches Welle
Und rauscht vorbei: Ich glaub', du weinst?
(S. 317)
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Winterstunden

Die Wand vergilbt, der Sims verhangen,
Wie dämmerstill ist mein Gemach!
Da sitz' ich sinnend wie gefangen
Und geh' verlor'ner Weisheit nach.

Es bannen mich die schwarzen Siegel
Am Buch des Lebens – Jahre flieh'n …
Nur manchmal schwebt mit leisem Flügel
Dein Bild vor meine Seele hin.

Dann ist's, als hätt' die graue Mauer
Ein güld'ner Sonnenstrahl gestreift,
Es ist – wie wenn ein Frühlingsschauer
Im tiefsten Winter uns ergreift.
(S. 142)
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Herr Walther
(1209)

Ein Spielmann zog gen Tegrinsee,
Den sah ich vom Rosse steigen,
Es lief sein Roß in den grünen Klee,
Er griff nach seiner Geigen.

Er ließ sich nieder auf einen Stein
Unter der blühenden Linden,
Er stützt das Haupt in die Hände sein,
Als wollt' er Tiefes ergründen.

Ihn kümmert die Welt und ihre Not,
Die hält sein Herz gefangen;
Denn Recht ist wund und Zucht ist tot
Und Ehre ist zergangen.

Es ist zerwühlt das deutsche Reich
Wie Meer von allen Winden. - -
"Wie soll bei solchem Ungemach
Mein Herz noch Freude finden?

Und dennoch – käm' ich nimmer fürwahr
Zu End' mit meinem Leide:
Ich müßt' mich schämen ganz und gar
Vor der blumigen Heide!

Die blüht ja auch und der Himmel lacht -
Ohn' Freude tauget keiner!
Ich hab' so manchen schon froh gemacht,
Bin doch der Werten einer!

So will ich denken an roten Mund,
An Frauen-Schöne und -Güte,
Die löschet das Trauern zu jeder Stund'
Und lichtet jedes Gemüte."

Da griff er nach seinem Saitenspiel:
"Frau Minne, dich will ich grüßen!"
Es horchten zu Häupten der Vöglein viel',
Es horchten die Bäumlein zu Füßen.

Wer war der Sänger – wie hieß sein Lied?
Das will ich dir treulich künden:
Herr Walther von der Vogelweid',
Hier sang er – "Unter der Linden".
(S. 90-91)
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Aus: Eliland
Ein Sang vom Chiemsee

Reicher Fund
Es saß der Abt beim Morgenmahl
Mit seinen Heilsgenossen,
Da ward im stillen Klostersaal
Der eiserne Schrein erschlossen.

Und in dem Schreine lag ein Buch,
Permentene Blätter, sieben;
Die waren voll Wald- und Erdgeruch
Und tot war, der sie geschrieben.

Es starrt der Abt die Blätter an,
Es lauschten die Alten und Jungen,
Bis er zu lesen laut begann,
Das Antlitz glutdurchdrungen.

Und auf dem ersten Blatt da stand:
(Ein Zeiger vor dem Pfade)
"Dies hat gesungen Eliland,
Der Mönch, dem Gott genade."

(Hie heben an die Lieder Elilands)
 
1. Stilles Leid
Eine stille Zelle
An blauer Welle,
Das ist mein Leid.
Wohlan, ich trag' es -
Aber ich klag' es
Doch allezeit!

Ich hab' mein Leben
An Gott gegeben
Und das ist sein.
Das wend' ich nimmer. - -
Doch denk' ich immer:
O, wär' es mein!


2. Frauenwörth
Das war ein Tag voll Maienwind,
Da ist auf blauen Wogen
Zu Nonnenwörth ein Grafenkind
Gar lenzhold eingezogen.

Die war geheißen Irmingard;
Ich sah es, wie der Bangen
Kränzlein und Schleier eigen ward …
Die Nonnen alle sangen.

Ihr aber fielen die Tränen drauf,
Die barg ich lang im Sinne;
Nun gingen sie mir im Herzen auf
Als Knospen süßer Minne.


3. Rosenzweige
Wohl manchen Rosenzweig brach ich vom Pfade
Am grünen Strand,
Es trug der Wind ihn fort an ihr Gestade,
Bis sie ihn fand.

Sie flocht den Kranz sich draus zum Kirchengange. -
O holde Not!
Von meinen Rosen ward ihr Stirn und Wange
So heiß und rot!


4. Heimliche Grüße
O Irmingard, wie schön bist du,
Holdseliger ist keine;
Bei grünen Linden wandelst du
Im luftigen Sonnenscheine!

O Irmingard, wie silbern klingt
Dein Sang zu uns herüber;
Wie fliegen meine Grüße beschwingt
In euer Gärtlein hinüber!

Wie zage Vöglein bergen sie sich
Im tiefen Gezweig der Linden,
Doch wenn du wandelst und denkst an mich,
Magst du sie drinnen finden!


5. Am Strande
Mein Liebling ist ein Lindenbaum,
Der steht am Strand;
Es spielen die Wogen mit leisem Schaum
Um den weißen Sand.

Und der Lindenduft, der zieht mir hinein
Bis ins tiefste Gemüt -
Halt still, mein Herze, und gib dich drein -
Du hast geblüht!
- - - - - - - - - - - - - -


6. Kinderstimmen
Mit unsern Fischern war ein Kind gekommen
Von Frauenwörth.
Das hab' ich spielend auf mein Knie genommen
Und frug betört:

"Wer ist die lieblichste der frommen Frauen,
Die du gewahrt?"
Da schlug es auf den vollen Blick, den blauen:
"Frau Irmingard!" - -


7. Mondnacht
Ich lieg' an meines Lagers End'
Und lug' in stille Sterne;
Die blaue Woge, die uns trennt,
Wie rauscht sie leis und ferne!

Verschleiert schaut der Mond herein,
Mein Herz hält stille Feier; - -
Wie sind so bleich die Wangen dein,
Wie ist so dicht dein Schleier!


8. Wanderträume
O, der Alpen blanke Kette,
Wie sie glänzt im Morgenblau! -
Daß ich dort mein Wandern hätte,
Wenn im Wald noch liegt der Tau,

Langgelockt und freigelassen,
Wie ich's einst gewesen bin, -
Scharfe Pfeile möcht' ich fassen;
Singend zög' ich dort dahin,

Wo am tiefsten niederhinge
Das Gezweig auf meine Fahrt -
Und an meiner Seite ginge
Schleierlos – Frau Irmingard!
 

9. Anathema!
Nun ist wohl Sanges Ende!
Wie hart ich davon schied',
Die Wintersunnenwende
Ist kommen für mein Lied!

Es rief der Abt mit Zürnen
Mich in die Zelle sein
Und sprach: "Dein Herz sei hürnen
Und deine Gedanken rein!

Was heimlich du geschrieben,
Mir ward es offenbart;
Fluch über dein sündig Lieben,
Fluch über Frau Irmingard!

Doch eh' der Tag zerfallen,
Das schwör' mir zu Gesicht:
Sei von den Liedern allen
Nicht eines mehr am Licht!"


10. Ergebung
Gehorchen ist das erste!
Ich hab' mich stumm geneigt,
Und ob das Herz mir berste,
Mein Herz gehorcht und schweigt.

Mich hat mein Abt verfluchet, -
Ich war wohl gottverwaist,
Daß Sang mir heimgesuchet
So süß den stillen Geist!

Viel' letzte Grüße sag' ich
Nun dir, Frau Irmingard!
Euch Lieder aber trag' ich
Zum Dickicht in stiller Fahrt.

Dort will ich in Waldgrund legen
Sie unter eisernem Schrein
Und ihre Hüter mögen
Waldvöglein, die lieben, sein!

Und mag sie je ergründen
Ein Pilger auf seinem Pfad,
So bin ich ohne Sünden, -
Ein Mönch, dem Gott genad'.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
(Hie enden sich die Lieder Elilands)

Ausfahrt
Es hat der Abt mit Staunen
Gelesen das letzte Wort.
Vor der Eichenkanzel, der braunen,
Steh'n horchend die Brüder dort.

Ihr lauschender Kreis ward enger,
Und auf den Augen blau
Der jungen stürmischen Dränger
Lag seliger, herber Tau.

Auch ihrer viel sind inne
Geworden einst wilder Fahrt
Und dachten eigener Minne
Bei holder Frau Irmingard.

Der Abt indes sprach leise:
"Gott lohn' ihm seine Schuld!
Der war nicht Gottes Waise,
Der stand in Gottes Huld!

Von seinen Liedern allen
Wie glüht mein Angesicht!
Doch – 'eh' der Tag zerfallen,
Sei keines mehr am Licht!'

So rief der Abt, der seine,
Eh'dem, - ich ruf' es neu!
Denn was gebot der eine,
Das hält der andre treu!

Fürwahr, der Fund von Eisen,
Das war ein goldner Griff!
Nun laßt uns Gehorsam weisen:
Auf – rüstet mir mein Schiff!"

Neugeborgen
Und in die blauen Wellen
Fährt weit hinaus der Abt;
Flink rudern die Gesellen,
Wenn kühler Ost sie labt.

Er hält ein Buch in Handen,
Beschwert mit schwerem Stein
Und weit von grünen Landen
Senkt er's zu tiefst hinein,

Mit einem letzten Gruße
Von Augen, Mund und Hand:
"Leb' wohl – mit harter Buße,
Leb' wohl – mein Eliland!

Du pflegtest süßen Sanges,
Ich walte herber Pflicht, -
Fürwahr, so schweren Ganges
Gedenk' ich ewig nicht!"

Junges Wandern
Schier tausend Jahre gingen
Seitdem ins Land hinein,
Doch Minne, ach, und Singen
Schafft heut' noch süße Pein.

Und heut' noch, in Maienwinden
Blaut Flut und Wald und Hain
Und tief im Grün der Linden
Spielt nachts der Vollmondschein.

Das ist die rechte Stunde,
Hier unter dem Lindendach! -
Da rauscht es tief im Grunde,
Dein Leid wird wieder wach:

Die Wellen kommen gezogen
So wunderleis und lang;
Das sind nicht rauschende Wogen,
Das klingt wie süßer Gesang!

Das klingt wie ferne Grüße.
Voll Kühle – und doch voll Glut,
Als hätt' deines Liedes Süße
Durchdrungen all' die Flut!

Denn keine Macht auf Erden
Tilgt echten Sang dahin;
Bergwald und Woge werden
Sein Mund – und singen ihn! (S. 129-139)
_____

 

In den Sternen

Einsam las ich oft da droben,
Wenn das Sternheer stille kreiste,
Und der eignen Lebensbahnen
Dacht' ich dann im dunk'len Geiste.

Vieles tat ich – aber eines
Tat ich, was ich nie verschmerze:
Daß ich deiner konnt' vergessen,
Da mich lieb gehabt dein Herze.

Daß ich's nicht erkennen wollte:
Von den Qualen, von den bösen
Geistern einer wilden Seele,
Kann die Liebe nur erlösen!

Und doch strahlte mir dein Auge
Wie ein letzter Strahl der Gnade -
Also les' ich in den Sternen …
Nun sind sternlos meine Pfade!
(S. 143)
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Am Felsenkirchlein

Es ist auf dem zackigen Wendelstein
Ein stilles Kirchlein gelegen;
Dort lag ich schweigend im Sonnenschein
Und sah dem Himmel entgegen.

Rings lag die blühende Gotteswelt,
Hochwald und duftige Wiesen,
Die blauen Wasser, das grüne Feld
Und drüber die Felsenriesen.

Kein Odem regt sich, der Bergfink nur
Fliegt auf mit schmetterndem Liede
Und über Felsen und Flut und Flur
Schwebt seliger Sonntagsfriede.

Es keimen aus dem Gestein herauf
Bergblumen, die stillen, schwanken;
Da blühten auch mir im Herzen auf
Des Lebens stille Gedanken.

Kein Lichtglanz floß von dem kleinen Altar,
Kein Heilswort klang mir entgegen;
Ich lag in der Sonnen – aber mir war,
Als gäb' mir Gott selber den Segen!
(S. 243-244)
_____
 


Minneweisen

Frauenminne
Es ist wohl Frauenminne
Ein blühender Rosenstrauch;
Ich ward der Rosen inne
Und seiner Dornen auch.

Doch ob sie mir zerrissen
Das Herze und die Hand,
Ich möcht' das Weh nicht missen
Zur Wonne, die ich fand!


Das ist wohl eine alte Lehr'

Das ist wohl eine alte Lehr',
Die kommt von langen Tagen her:
Wer Minne will genießen,
Muß Lust mit Leiden büßen.

Und wer die Minne erst erstand,
Der trug wohl vieles Leid ins Land,
Daran die Herzen kranken
Und das sie doch ihm danken.

Denn hätt' ich niemals dich geseh'n
Und müßt' an dir vorübergeh'n
Und dürfte dich nicht lieben -
Wie arm wär' ich geblieben!


Im Rosengärtlein
Im Rosengärtlein deiner Wangen
War ich ein stiller Minnegast;
Und wie mir's da so süß ergangen,
Das neidet mir ein König fast.

Wohl tausend Küsse tät' ich nehmen,
Mir sind die Lippen purpurrot -
Ich möcht' mich freu'n und möcht' mich schämen
All' meiner Seligkeit und Not!


Auf Waldeswegen
Scheu, wie der Berghirsch durch die Waldnacht zieht,
Schweif' ich umher, verfolgt von deiner Schöne!
Es rauscht im Wipfel und die Erde blüht,
Der Wald schickt alle seine Zaubertöne.

Und aus dem Waldgrün lockt dein Bild so hell,
Es lockt der Vogel und es summt die Biene -
Der Bergquell murmelt und am Bergesquell
Wart' ich auf dich – du schöne Melusine!


Zwiegespräch
Süße Frau, o spart die Worte,
Sie verklingen nur im Ohr;
Denn Vernunft hat enge Pforte
Und das Herz ein weites Tor!

Um vor Euch mich zu beschützen,
Sprecht mich nicht so weise an,
Süße Frau! denn wenig nützen
Weise Lehren wundem Mann.

Eure schönen Augen strafen
Alles Lügen, was Ihr sprecht -
Minne hat so lang geschlafen - -
Minne wacht und will ihr Recht!


Bergessturm
Dein Schiff zerbrach, der Sturm
Tobt ohne Gnade;
Ich trug an meinem Hals
Dich ans Gestade.

Dann küßt' ich deinen Mund -
Einmal hienieden! - -
Ich fühl' ihn noch, den Kuß,
Mit dem wir schieden!

Ich trug dich aus dem Sturm
Wohl sonder Zagen;
Warum hast du den Sturm
In mich getragen?


Frühlingsabend
Heißer hab' ich's nie empfunden
Jenes tiefe, stumme Glüh'n,
Das mich bannt zu allen Stunden
An dein Schweigen und dein Blüh'n -

Als in diesen linden Tagen,
Wo der erste Lenz schon keimt,
Schon voll Glut und noch voll Zagen -
Lug' – wie sich der Himmel säumt!

Purpurn glüh'n die Bergesklippen
Und dann dämmert's, stumm und sacht - -
So, an deinen Purpurlippen,
Möcht' ich warten – auf die Nacht!


Dahin
Du bist dahin gegangen,
Ich saß noch lange Zeit;
Das Feuer auf den Wangen,
Im Herzen Seligkeit.

Ich träum' von fernen Welten
In dumpfer, süßer Glut;
Von Wüstensand und Zelten,
Von Sturm und Meeresflut,

Von Wonnen und von Sorgen -
Doch durch mein Träumen bricht
Wie Heimat und wie Morgen
Der Minne lohend Licht.

Es brennen meine Wangen,
O wie ich selig bin!
Du bist dahin gegangen - -
Nein! – Du gehst nie dahin!


Fahr' wohl
Fahr' wohl, du süße Frau;
Fahr' wohl, du traute Stadt;
So soll es enden denn,
Was doch kein Ende hat!

Ach! in dein braunes Aug'
Hab' ich zu tief geschaut,
Und in dein lauschend Herz
Sprach ich zu laut, zu laut.

Uns schloß die Nacht nicht mehr
Die müden Augen zu;
So soll es enden denn
Mit langer, langer Ruh'!

Doch fließt der Rhein hinab
Wohl auch manch' langes Jahr,
Eh' ich's vergessen hab',
Wie schön, wie schön das war.


Der Trauten
Du bist's, du schöne Traute,
An der mein Herz ward wund,
An der mein Frohsinn welkte,
An der verstummt' mein Mund!

Fort ist der Jugendschimmer,
Verloschen ist die Zier -
Und immer noch, noch immer
Hängt all' mein Herz an dir

Und an dem Leidgewinne,
Den ich bei dir gewann -
So selig ist die Minne,
So töricht ist ein Mann!
(S. 236-242)
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Frühlingsnahen

Es kommen die Sonnenstrahlen, die feinen,
Die möchten dir gern in die Augen scheinen,
Lug' – lug',
Elslein, mach' auf!

Dann kommt die Lerche mit hellen Schwingen,
Möcht' dir ihr Lied zu Herzen singen,
Horch' – horch',
Elslein, mach' auf!

Es kommen zum Fenster herein die Rosen,
Möchten mit deinen Händen kosen,
Lug' – lug',
Elslein, mach' auf!

Bald kommt dein Liebster auch gegangen,
Der möcht' dir küssen Mund und Wangen,
Horch' – horch',
Elslein, mach' auf!
(S. 150-151)
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Ohne Wehr

Es mißt wohl gute zwei Ellen
Mein altes flämisches Schwert,
Hab' manchen schlimmen Gesellen
Damit zum Himmel bekehrt.

Ich mag ihm mein Leben schulden
Wohl zehenmal und mehr,
Doch wider deine Hulden
Hilft keine Waffe und Wehr.

Da ist jeder Harnisch offen,
Da schützt kein eisernes Kleid -
Wen du ins Herz getroffen,
Ist wund für alle Zeit!
(S. 109)
_____
 


Abendgang

Es rauscht der graue Regenschauer,
Ich zieh' vorbei und acht' ihn nicht;
Noch einmal seh' ich an der Mauer
- Zum letztenmal – dein liebes Licht!

Ich grüß' es still und grüß' es wieder,
Wie leuchtet von der stummen Wand
Die Seligkeit auf mich hernieder,
Die ich dereinst da droben fand!

Wie sich Gewölk und Wälder schwärzen!
Die Raben zieh'n in langem Flug - -
Ich denk' noch einmal all' der Schmerzen,
Die ich dereinst da droben trug.

Und nun ist all' die Zeit vergangen -
Doch Ewiges vergeht ja nicht! -
Mir sind vom Regen feucht die Wangen,
Leb' wohl – du liebes, liebes Licht!
(S. 349)
_____
 

 

Werinhers Bergfahrt

Lenz im Walde
Es sprach der Abt von Tegrinsee:
"Schon nisten unsere Schwalben,
Herr Wernher, macht Euch auf den Weg,
Schaut aus nach unsern Alben!"

Da ging der Mönch den Pfad dahin,
Ihm ward so seltsam zu Sinne,
Es wob durchs tiefe Tannengrün
Ein Singen voller Minne.

Wie ist der Morgen wundersüß
In solchen Maientagen! -
Er sah die wilden Veilchen blüh'n,
Er hörte die Drossel schlagen.

Und immer lauter schlug auch sein Herz:
"Mög' mich der Himmel strafen!" - -
Herr Wernher, Euer Herz wacht auf,
Und Eurer Herz soll schlafen!
(S. 59)


Fichtenschlag
Durchs Dickicht zog er wie verzückt,
Durch grüne Hochwaldhallen,
Da hört' er fern im Waldesgrund
Den Ruf der Axt erschallen.

Er horchte lang und ging ihr nach,
Seitab ging er von dannen,
Bis er zur höchsten Fichte kam -
Da stunden emsige Mannen.

Er sah sie fällen, die Fichte grün,
Er horchte auf ihr Stöhnen,
Er sah verströmen ihr golden Blut,
Und wie sie stürzte mit Dröhnen.

Die Mannen jauchzten: "Die hat uns wohl
Um lange Mühe betrogen,
Nun aber wird der trotzige Stamm
Ins Kloster hinabgezogen!"

Herr Wernher sah den Mannen zu
Und finster sind seine Brauen,
Und finster wird seine eiserne Stirn,
Ihn faßt es wie leises Grauen.

Mit beiden Händen dämmt er ein
Der Brust gewaltiges Wogen: -
So ward wohl mancher von edlem Stamm
Ins Kloster hinabgezogen!
(S. 60)


Auf der Alben
Und wie er trat aus dem Gehölz,
Da standen die braunen Hütten -
Da tritt des Klosters holde Magd
Herzu mit scheuen Schritten.

Trägt süße Labung ihm herbei
Und frägt nach seinem Begehren
Und kündet ihm, sie wolle getreu
Des Klosters Wohlfahrt mehren.

Zeigt ihm der Herde weißes Vließ
Und all' die Blümlein am Grunde,
Er aber führt die Labung nicht
Zu seinem schweigenden Munde.

Ihm ward zu Sinn, wie einst ihm war
In wonnigen Jugendschmerzen,
Da er noch trug sein langes Haar
Und Sehnsucht im heißen Herzen!
(S. 61)


Diemudis
Diemudis war die Maid genannt,
Die roten Locken quollen:
"Herr, seht Ihr die Gemsen dort an der Wand?
Hört Ihr die Felsen rollen?"

Da fuhr er empor im langen Kleid,
Als griff' er nach Pfeil und Bogen:
""Wie tausendmal bin zum Gejaid
Ich selber hinausgezogen!

Wie hundertmal bin ich ins Feld
Auf wildem Hengst geritten!
Diemudis, wie viel hab' ich getan,
Wie mehr hab' ich gelitten!""

Wie seine Stirne bebt und schwillt!
Er hat die Faust erhoben -
""Nun bin ich selber ein armes Wild,
Doch wohlig ist es hier oben!""

Er faßt das Mägdlein bei der Hand,
Die roten Locken quollen:
""Siehst du die Gemsen dort an der Wand?
Hörst du die Felsen rollen?""
(S. 61-62)


Gefangen
Sie hatte den blauen Blick gesenkt
Und sprach: "Wie soll ich's Euch lohnen,
Daß Ihr mir so viel Huld geschenkt!
Mög' Leid Euch immer verschonen!

Ich bin des Klosters arme Maid
Und bin dem Kloster zu eigen,
Ich bin nicht frei, wie Ihr es seid,
Was könnt' ich Euch Holdes erzeigen?"

Da sah er sie an so wonnescheu,
Es flammten seine Wangen.
""Diemudis (sprach er), du bist frei,
Herr Wernher ist gefangen!""
(S. 62-63)


Frau Minne
Es blitzt sein Aug', es bebt sein Mund,
Ihm ward so süß' zu Sinne,
Sie saßen nieder im grünen Grund -
Frau Minne kommt, Frau Minne.

Er sprach: "Es keimt in Wald und Feld,
Die Blumen grüßen und winken,
Nur einmal noch laß mich die Wonne der Welt
Von roten Lippen trinken!

Von deinen Lippen heiß und weich!"" -
Da hat er sie umfangen ….
Der arme Herr Wernher, er war so reich
Mit seinen glühenden Wangen.

Die bunten Blümlein, sie nickten scheu,
Die Vöglein lockten und riefen -
Und über ihnen stieg ein Weih
In flutende Himmelstiefen.
(S. 63)


Mit den Falken
Dann aber hob sein Falkenaug'
Herr Wernher von der Erden:
""O könnten die zwei Arme doch
Zwei rauschende Flügel werden!"" - -

Und die zwei Arme breitet er
Aus wallenden Gewanden: -
""O könnt' ich solch ein Falke sein!
Diemud, hast du's verstanden?

Hoch über dir und nah bei dir
So ganz im Blauen schweben! -
Mein ewig Heil, ich gäb' es heut'
Um solch ein Falkenleben!""
(S. 64)


Abendstunde
Und vor der Hütte auf dem Stein
Saß er an ihrer Seite,
Und mancher lange Seufzer gab
Den Worten das Geleite.

Er sprach von ferner Jugendzeit,
Er sprach von fernen Landen,
Er sah es nicht, wie weit und breit
Die Sonnenstrahlen schwanden.

Da schrak er auf – da horcht' er auf -
Was mag der Klang bedeuten?
Doch aus der Tiefe steigt herauf
Des Klosters Abendläuten!

"Leb' wohl, leb' wohl!" – Er war so traut
Zur Seiten ihr gesessen.
Daß tief da drunten ein Kloster lag,
Er hatte es ganz vergessen.
(S. 64-65)


Im Chore
Im nächt'gen Chor zu Tegrinsee
Da sitzen die Mönche, die frommen,
Herr Wernher war zur rechten Zeit
Zur Mette noch gekommen.

Herr Wernher saß in seinem Stuhl
Und sang die Weise, die alte,
Doch durch sein Beten klang es hin
Wie Vogelsang im Walde.

Und durch sein Beten zog es hin
Wie lauter Blumen und Sonne …
"Ich bin dîn, du bist mîn"* -
Er schloß die Augen vor Wonne.

Dann ward es stille in seiner Brust.
"Mög' mich der Himmel strafen!"
Herr Wernher, Euer Herz wird wach,
Und Euer Herz muß schlafen!
(S. 65)

* Anfang des berühmten, mit Unrecht
dem Werinher zugeschriebenen Liedes.
_____
 


Trutzlied

Es trutzte Kunrat: "Hiltegund,
Des mußt du dich bequemen:
Und hieltst du im Arm mich hundert Stund',
Mich solltest du nimmer zähmen!

Frei will ich zieh'n wie Hirsch und Reh
Und trutzig will ich bleiben,
Viel lieber weil' ich um Berg und See
Als neben holden Weibern."

Da lächelt leis schön Hiltegund:
""Es ist mir oft gediehen,
Daß in der Mondnacht Hirsch und Reh
Vor meine Hütte ziehen

Und weiden gar aus meiner Hand -
Auch sonder Arg und Bangen
Den scheuen Specht im Tannengrund
Hab' ich gelockt und gefangen.

Und zähm' ich dich nicht in meinem Arm,
So sei dir, wilder Geselle,
Wohl hundertmal mein Arm versagt, -
Dann zähm' ich dich wohl schnelle!""

Da küßt er sie auf den roten Mund,
Der war wie ein süßer Bronnen,
Und lachend rief er: "Hiltegund,
Fürwahr, du hast gewonnen!"
(S. 167-168)
_____

 

Seefahrt

Es war ein Morgen, lenzallmächtig,
Die Flut so blau und regungslos,
Still glitt der Kahn und wunderprächtig
Floß dir das Goldhaar in den Schoß.

Wie schön bist du! und frühlingsschaurig
Frug ich: "Willst du die meine sein?"
Da sahst du auf – so frühlingstraurig,
Doch deine Augen sprachen: "Nein!"

Der Kahn glitt durch die Fluten. – Ohne
Ein Wort sah'n wir hinab zum Grund.
Mir war, als wäre eine Krone
Versunken drin zu dieser Stund'!
(S. 120-121)
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Unvergessen

Frühling war's in allen Zweigen
Und die braune Drossel sang
Und an deiner Schulter lehnt' ich,
O, wie war ich froh und bang!

Bin zu Füßen dir gesessen,
Hab' in Wonnen dich geküßt
Und kann's nimmermehr vergessen,
Was du mir gewesen bist!

Nimmermehr in all den Tagen,
Nimmer in der langen Zeit - - -
Was du mir getan zu liebe,
Was du mir getan zu leid'!
(S. 152)
_____

 

Nachtgesänge

Geht es dir auch wie mir?
Geht es dir auch wie mir,
Daß du nicht schlafen kannst?
Daß du die ganze Nacht
Süße Gedanken bannst?

Und doch am Morgen sind
Sie nicht gebannt!
Du streifst umsonst die Stirn
Mit weißer Hand!

Du bist nicht mehr daheim,
Bist anderswo;
Du weißt, es sollt' nicht sein -
Und doch ist's so!

Mir ist das Herz verzehrt
Vom Fieberhauch -
Geht es dir auch wie mir?
Verzehrt's dich auch?


Ein Traum
Vom Busen hast du Veilchen mir gegeben,
Sie waren heiß von seinem heißen Leben.

Ob sie die Freiheit wohl auch gern gewonnen,
Die solchem holden Kerker sind entronnen?

Ich aber barg sie in mein nächtig Kissen,
Nicht lange sollt' ich ihren Zauber missen. -

Mein Sinn war glühend und so schwül die Luft,
Auf meine Wimper fiel der Veilchenduft.

Ihr Duft und deiner – wie von Wonne trunken,
Bin ich in Traum – bin ich in Schlaf gesunken.

Es war kein Schlaf, der unser Aug' umschattet,
In dem des Herzens Glut und Drang ermattet.

Ein Schaffen war's – nicht stumme, dumpfe Ruh' -
Und dieses Traumes Glück und Glanz warst du!

Ich müßt' ein Wort aus "Hohem Lied" erlesen,
Wollt' ich dir sagen, wie du schön gewesen.

Ich müßte singen wie Hafis fürwahr,
Wollt' ich dir sagen, wie selig ich war!

Das hat zur Nacht der Veilchenduft getan;
Klag' ihn, - nicht mich – und deine Schönheit an!

Doch ich ward wach – und goß den Duft in Lieder,
Als Lied kehrt er zu deinem Busen wieder,

Von dem er kam, o leih' ihm gern dein Ohr
Und gönn' ihm Einlaß in dies holde Tor!


Die weiße Rose
Gönn' mir dies heiße, hoffnungslose
Dich lieben, schöne, süße Frau!
"Du bist doch meine weiße Rose"
Und meine Tränen sind ihr Tau!

Ein and'rer ruht in deinem Schoße,
Ich schweif' in kühler Abendluft:
"Du bist doch meine weiße Rose" -
Und stürb' ich auch an ihrem Duft!


Im Sturm
Das braust und stöhnt im Waldgehege,
Es kracht der Baum, die Wolken weh'n;
Ich gehe schweigend meine Wege -
Ich hab's gelernt, im Sturm zu geh'n.

Die Wogen sprüh'n empor, die weißen,
Der See heult und der Nordwind brüllt.
Sturm, willst du mir vom Herzen reißen
Auch noch das Lied, das mich erfüllt?

Ich geb' dir's nicht, - ich press' die Arme
Um dies gequälte, volle Herz,
Erbarmungsloser Sturm, erbarme
Dich meiner! – Laß mir meinen Schmerz!


Nachtlied
Die müden Augen
Sie tragen's kaum!
Der Tag ist zergangen,
Nun kommt der Traum.

Da kommt dein Bildnis
Und spricht zu mir:
"Ich lass' auch im Traume
Nicht los von dir!

Ich leg' mich nieder
An deiner Seit',
Du bist mein eigen
Für alle Zeit!"

Der Nachtwind rauschet,
Ich lösch' das Licht -
Ich möchte schlafen
Und kann es nicht.

Du bist mein Leben,
Du bist mein Tod -
Vom Abendrote
Ins Morgenrot!


Tod im Hause
Wir saßen droben – und vom Munde
Klang uns das selig-heiße Wort;
Doch drunten in derselben Stunde
Flog eine stumme Seele fort.

Es hing mein Blick an deinen Blicken
Mit Fieberglanz – wie leuchtest du!
Und drunten schloß mit letztem Nicken
Ein müder Mann die Augen zu.

Wir wußten's nicht. - - Die Wolken bleichen,
Der Tod hielt Wacht in Haus und Herd,
Der Sturmwind rauschte – war's ein Zeichen,
Wie sich mein Sein an dir verzehrt?


Unruh'
Unruh', wie webst du um mich her,
So geisterhaft, so herzbewegend,
Und machst mir Sinn und Seele schwer -
Ach, so erdrückend, so erregend!

Und selbst am Lager hältst du Wacht;
Es ruht mein Haupt in deinen Händen,
Unruh'! – du nimmst mir Tag und Nacht -
Nur eine lebt – die könnt' es wenden!


Kennst du dies Leid?
Kennst du dies Leid, wenn, kaum entschlafen
Aus irrem Traum, das Herz erwacht,
Wund von den Pfeilen, die es trafen:
Kennst du die Sehnsucht in der Nacht?

Ein Schatten kommt – du fühlst den Schimmer,
Du rufst ihn – da zerfließt er sacht.
Und bis zum Morgen schläfst du nimmer:
Kennst du die Sehnsucht in der Nacht!?


Gespensterstunde
s' ist Mitternacht vorüber,
Ich saß daheim beim Licht;
Der Sturm braust' durch die Bäume
Und ich spann meine Träume,
Ich saß und hört' ihn nicht.

Da riß der Wind die Tür' auf -
"Wer kommt? – in meine Ruh'?"
Dies Bild, dies stirnumlockte ….
Wer kommt? … mein Herzblut stockte -
O Himmel, das bist du!

Ein Wahn! – Der Wind warf wieder
Die nied're Türe zu;
Doch mir hat sich's enthüllet,
Was all mein Denken füllet -
O Himmel, das bist du!


Mitternacht
O, wärst du da – in dieser Stunde
Der öden, grauen Mitternacht,
Wo mir das Wort entschlief im Munde,
Wo nur der stumme Jammer wacht!

O, wärst du da! – du Süße, Ferne! -
O, nur ein Schatten deiner Hand,
O, nur ein Strahl der dunklen Sterne!
Und all' der Kummer wär' gebannt,

Wenn du mit stillbewegtem Nicken
Dich leise neigtest über mich,
Wortlos – nur in den schönen Blicken
Den ew'gen Trost: "Ich liebe dich!"
(S. 326-333)
_____
 


Erinnerungen

Hast du es schon vergessen?
Hast du es schon vergessen
Dies Stüblein, still und klein,
Wo ich bei dir gesessen
Im webenden Sonnenschein?

Kein Schritt klang an die Pforte,
Es war so tiefe Ruh';
Da klangen selige Worte -
Und selig lauschtest du,

Hinaus ins Bergblau lugend,
Die Augen himmelwärts -
O, wie die Wonne der Jugend,
So floß es über dein Herz! - - -

Und alles das verdorrte
Und alles das verblich:
Der Sonnenschein, die Worte,
Dies Jugendglück – und ich!


Ruhezeit
Nun ist sie fort, die mir gefangen
Die Seele hielt! Ich geh' im Wald!
Es streift der Berghauch mir die Wangen
Und lauschend hör' ich's, wie es schallt:
"Ward dir auch Leid von süßen Frauen,
So trage nur dein Leid hinaus
In Tannengrün und Himmelsblauen;
Da streck' dich hin und – ruh' dich aus!"

Ich streck' mich hin – ins Moos und schweige;
Und mit den heißen Augen schau'
Ich in die wundergrünen Zweige
Und in dies sehnsuchttiefe Blau;
Das ist ein Weben, Funkeln, Singen! -
Doch all der Sang ist stumm für mich.
"Nun ruh' dich aus!" so hör' ich's klingen -
Kann ich denn ruhen – ohne dich?


Im Dunklen
Du vermißt mich nimmer,
Du verstehst mich nicht;
Nur ins heiße Leben
Schaut dein Angesicht.

Und mit Herzenslauten,
Daß mein Herz fast brach,
Rief ich doch vom Schlummer
Deine Seele wach!

Und in Herzenstreue,
Die sich selbst vergaß,
Hab' ich dich geliebet
Ohne Ziel und Maß!

Nun ist öd' mein Zimmer
Und verlöscht mein Licht -
Du vermißt mich nimmer,
Du verstehst mich nicht!


Nicht daheim!
Mein süßes Lieb, wo weilest du,
Darf ich dich nicht umfangen?
Dein Haus ist zu, dein Herz ist zu -
Ist alles schon vergangen?

Der Schmerzensklang, der Freudenruf,
Den ich dir einst gesungen?
Die Welt voll Glück, die ich dir schuf,
Ist alles schon verklungen?

Es kommt wohl einst ein Tag ins Land,
Da bist du ohn' Geleite;
Da fliegt der Herbstwind übern Sand,
Da schaust du leer ins Weite.

Die Augen beide gäbest du,
Könnt' ich dich dann umfangen;
Doch dann sind meine Augen zu -
Ist alles schon vergangen!


Jahreszeiten
Als hoch das Feld in Blumen stand
Und als die Schwalbe flog ins Land:
Da blühte sie empor in mir
Die Liebe, schöne Frau, zu dir.

Und wie der Tag am längsten war,
So blau und heiß, so sonnenklar:
Da war die Liebe heiß und hoch
Und ich war selig – weißt du's noch?

Da ward es Herbst, die Schwalben zieh'n -
Und schweigend zogst auch du dahin;
Und wie das Laub vom Baume sank:
Da war ich stumm, da war ich krank!

Das ist der Liebe alter Gang,
Sie geht so tief, sie geht so lang!
Nun kommt der Winter und der Schnee,
Ich geh' zu Grund' an ihrem Weh!


Sie haben mich vertröstet …
Sie haben mich vertröstet:
"Geduld' dich nur der Zeit,
Laß nur die Zeit vergehen,
Mit ihr vergeht das Leid!"

Ich sah den Sommer schwinden,
Der war so heiß und grün;
Ich sah im kühlen Herbste
Die letzten Blumen blüh'n.

Ich schau' hinaus durchs Fenster,
Wie's windet und wie's schneit -
Die Zeit ist all' vergangen,
Doch wann vergeht das Leid?


Einsame Tage
(Frauenlied)
Nun bist du fortgegangen;
Doch schwankt das Herz mir nicht,
Zerteilt in Lieb' und Bangen
In Dämmernot und Licht.

Ich will die Stirne neigen
Und trag' die lange Frist;
Ich weiß, du bist mein eigen,
Wo du auch gehst und bist.

Still wird's in meinem Herzen
Wie im geweihten Dom,
Wenn man verlöscht die Kerzen
Beim letzten Orgelstrom.

Der Sonntag kehrt ja wieder,
Mein Sonntag, der bist du!
Ich schlag' die Augen nieder
Und warte dein – in Ruh'!


Geigenklänge
Müd' ist mein Licht und müd' mein Blick,
Mein Stüblein füllt beklomm'nes Schweigen;
Fernhin klingt spielende Musik:
Der Sang der Welt, der Klang der Geigen!

Und klingend zieht mir's durch das Herz:
Das Glück! – wie ich dich einst gefunden
Und wie ich dich verlor – der Schmerz! -
Wie glühen diese stillen Stunden!

Es flimmert feucht um meinen Blick,
Erinn'rung zieht den leisen Reigen;
Fernhin klingt spielende Musik:
Der Sang der Welt, der Klang der Geigen!


Frauenklage
Nun bist du fort – der Winterschnee
Liegt über dem weiten Lande;
Ich bin daheim, ich komm' und geh' -
Mein Tun vergeht im Sande.

Ich nehm' die Spindel wohl zur Hand
Früh' mit der Morgensonnen,
Doch wenn der Mittag kommt ins Land,
Dann hab' ich nichts gesponnen!

Ich bin vor meinem alten Buch
Zur Dämmerzeit gesessen;
Doch hab' ich auch den besten Spruch
Am Abend schon vergessen!

Nun bist du fort – so weit, so weit! -
Wie hart ich dich verliere! - -
Nun setz' ich mich zur Schlafenszeit
Zum heißen Herd und – friere!


Versunken
Versunken bin ich ganz darinnen,
In dieser stillen Winterwelt,
Bis in mein Schaffen und mein Sinnen
Mit einmal dein Gedenken fällt!

Ich horche auf! – Was ist erklungen?
Ich fühl's, wie meine Wangen glüh'n;
Mir träumt: ein Vogel hätt' gesungen
Und alle Welt wär' wieder grün.


Wintergruß
Nur einen grünen Tannenzweig
Bring' ich dir heim vom Wandern heute;
Ich brach ihn an dem Waldessteig,
Wo ich einst ging an deiner Seite.

Ich taucht' ihn in die blaue Flut,
Wo ich dereinst mit dir gezogen
In Sommerglut, in Herzensglut -
Spürst du den Gruß von Wald und Wogen?

Denn wie der Bergsee, tief und kühn,
So flutet stürmend meine Liebe,
Und wie der Zweig da bleibt sie grün,
Wenn es auch ewig – Winter bliebe.


Nachruf
Du zogst dahin aus jenem Lande,
Wo einst die Bergwelt uns umblaut',
Allein steh' ich am Waldesrande,
Wo einst wir zwei ins Tal geschaut.

Es rauscht der Wind im welken Laube,
Wo ich dich einst im Grün geliebt -
Doch meine Seele stärkt der Glaube:
Daß es im Leben Blüten gibt,

Die ewig blühen im Vergehen
Der Jahreszeiten und der Zeit -
Und wem ihr Wunder je geschehen,
Der ist gestärkt – in Ewigkeit!
(S. 353-361)
_____

 

Minnelied
(XI. Jahrhundert)

Hoch über der Welt liegt Sternenglanz,
Die Bäume flüstern im Winde,
Da schleichen zwei durchs tauige Feld
Unter die grünende Linde.

"Otfried, bist du's?" ""Bist du's, Gerlind?""
So fragen die zwei mit Bangen,
Dann ist in einem seligen Kuß
All' ihre Antwort zergangen.

"Bei Gott, wenn es mein Vater wüßt',
Er täte mich morgen bannen!"
""Und wüßt' es der meine, wie du mich liebst,
Ich müßte heut' noch von dannen!""

Sie neigte zurück ihr goldig Haupt,
Er faßt' es mit beiden Händen:
""So laß uns denn zu dieser Frist
Das Leid in Wonne wenden!

Die Vögelein und die Veigelein
Sind alle schlafen gegangen,
Dieweilen wir so traut allein
Am Hals einander hangen.""

Und unter der Linde tiefem Dach
Saßen die beiden nieder,
Nur manchmal fernes Rüdengebell -
Und totenstille war's wieder.

So wurden zwei in stiller Stund'
Einander ganz zu eigen.
Die alte Linde, sie deckt ihr Glück,
Sie deckt es mit Grün und – Schweigen!
(S. 88-89)
_____



Zum Abschied

Ich geb' dem Schicksal dich zurück,
Von dem ich dich empfangen habe,
Geliebte! – Doch du weißt es nicht,
Was ich mit deinem Bild begrabe.

Dafür gibt es kein Menschenwort!
Was aus der Brust mir ward genommen,
Es ist nicht Hoffnung und nicht Trost,
Denn alles das kann wiederkommen.

Es ist ein Etwas, wunderbar,
Das ewig schwindet aus dem Herzen -
Wenn uns die erste Täuschung trifft!
Ein Etwas, das wir nie verschmerzen,

Das Gott uns in die Wiege legt
Als unsrer Jugend Morgengabe.
Geliebte! – O, du weißt es nicht,
Was ich mit deinem Bild begrabe!
(S. 147-148)
_____

 

Einst!

Ich ging im Walde
Den alten Steig;
Einst gingen wir beide - -
Mein Herze schweig'!

Es zittert der Herbstwind
Durchs Goldgezweig'!
Einst war es Sommer - -
Mein Herze schweig'!
(S. 350)
_____



Am Bache

Ich hab' mich ganz an dich verloren,
Und wo ich gehen mag und sein:
Auf stiller Flur, im Lärm der Toren,
Auf allen Wegen bin ich dein!

Ich seh' den Abend und den Morgen
Nur mehr im Schimmer deines Blicks;
Du bist die Fülle meiner Sorgen,
Du bist die Fülle meines Glücks!

Ich ward wohl ganz ein Weltversäumer
Und fließt die Zeit doch wie der Bach;
Die Woge ruft: Wach' auf, du Träumer!
Doch nimmer, nimmer werd' ich wach.
(S. 315)
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Mägdleins Lied

Ich lehn' im offenen Gemache,
Es ist die Stunde still und spät. -
Wie einsam geht der Tag vorüber,
Der ohne dich vorübergeht!

Es liegt mein Licht in deinen Augen,
Doch deine Augen meiden mich,
Es liegt mein Heil in deinen Händen,
Doch nimmermehr gewinn' ich dich!

Ich lehn' im offenen Gemache
Und lausche, wie der Lenzwind weht. -
Wie einsam geht der Lenz vorüber,
Der ohne dich vorübergeht!
(S. 151)
_____

 

Grüße

Ich soll dich grüßen von dem See,
Es fragen seine blauen Wogen:
"Wo ist sie hin, die schöne Fee,
Die einst so gern mit uns gezogen?"

Ich soll dich grüßen von dem Strauch,
Der sprach: "Es glänzen meine Beeren
So rot wie roter Wangenhauch,
Sag' ihr, sie soll doch wiederkehren!"

Drauf riefen all' die Vögelein,
Ich sollt' auch ihre Grüße bringen:
"Dann stellen wir das Wandern ein
Und wollen noch vom Sommer singen!"

So hab' ich denn in Sonntagsruh'
Die Grüße all' dir hingeschrieben -
Nimm auch den meinen noch dazu,
Du schöne Frau – die alle lieben!
(S. 349-350)
_____

 

Unzertrennlich

Ich zog landaus, landein -
Nur fort von hier!
Und war doch nie allein:
Du bliebst bei mir!

Im wilden Seelensturm
Rang ich mit dir;
Trotz war mein starker Turm:
Du bliebst bei mir!

So läßt es Gott wohl zu -
Gott lohn' es dir!
Nun ist's wie Himmelsruh':
Du bleibst bei mir!
(S. 319)
_____
 


Waldesgang

Im Waldesweben, da ist Ruh',
Die Vöglein tun die Augen zu,
Der Drossel letzter Sang verhallt - -
Und nur wir zwei sind noch im Wald!

Es dämmert leis – feucht fällt der Tau,
Feucht ist dein Aug', du schöne Frau,
's ist alles stumm – kein Laut erschallt - -
Und nur wir zwei sind noch im Wald!

Mir graut, mir graut, du süße Fee,
Vor all' der Schönheit, die ich seh';
Mein Herz so heiß, dein Herz so kalt - -
Und nur wir zwei sind noch im Wald!
(S. 120)
_____

 

Julinacht

In der Luft, der schwülen, feuchten,
Wogt das Feld und stürmend zieh'n
Windesrauschen, Wetterleuchten
Durch den dunklen Himmel hin.

Ferner hallt des Donners Dröhnen -
Und des Lebens ganze Kraft
Klingt aus diesen Wundertönen
Nachtumwölkter Leidenschaft!

Was der Tag an Sonnengluten
Aufgesogen, strömt hier aus -
In den Wolken, auf den Fluten,
In dies weite Grün hinaus!

Und inmitten all' des Webens
Trag' ich stumm die heiße Last,
Die du, Sonne meines Lebens,
In dies Herz ergossen hast!
(S. 309-310)
_____
 


Dämmerzeit

In meinem Stüblein sitz' ich stille,
Dieweil es an die Fenster schneit. -
Gedankenvolle Dämmerstunde,
Gedankenvolle Einsamkeit!

Und drunten wogt es in den Gassen,
Die Glocken läuten zum Gebet;
Da denk' ich dein, die ich verlassen,
Da denk' ich dein, wie's dir wohl geht?

Ich press' das Haupt in meine Hände,
Mir wird so weh, so wunderlich …
Als wüßt' ich es in dieser Stunde,
Wie du dich härmst daheim um mich!
(S. 141-142)
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Feldein

Kahles Feld und ödes Land
Und der Wald im fahlen Laube! -
Schweigend streicht am Waldesrand
Übers Feld die wilde Taube.

Wie der Weg so einsam wird
Und so stumm die kühle Erde!
Reglos steht im Feld der Hirt,
Reglos steht um ihn die Herde.

Und im Nebel zieht der Wind
Durchs Gezweig', das müde, gelbe. - -
Denkst du mein noch, holdes Kind?
Ist es noch das Feld, dasselbe,

Wo dereinst auf grünem Pfad
Roter Mund das Küssen lernte?
Minne sät so süße Saat,
Aber Kummer ist die Ernte!
(S. 351-352)
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Aus jungen Tagen

Zum Scheiden
Laß mich nicht ohne Abschied scheiden,
Nicht eh' das letzte liebe Wort
Gesprochen wurde von uns beiden;
Noch einmal komm' – und dann zieh fort!

O hab' den Mut der letzten Stunde!
Viel hab' ich dir zu lieb' getan
Und alles geht mit dir zugrunde -
Schau' mich noch einmal sonnig an!

Und dann zieh' fort … mit ruhigen Schritten;
Vergeben ist ja alles längst!
O komm'! – Zwei heiße Augen bitten,
Daß du in Frieden mein gedenkst!


Abendstunde
So taukühl geht der Tag zu Ende,
Die Linde rauscht, davor wir steh'n. -
Gib mir noch einmal deine Hände:
Es ist auf Nimmerwiederseh'n!

Die Sonne schied, die Menschen scheiden.
Wie ist die junge Liebe schön!
Die Linde rauscht! – wir müssen's leiden,
Es ist auf Nimmerwiederseh'n!
 

Braunäuglein
Braunäuglein, die mein Leben war
Und alle meine Freude,
Bist du geschieden ganz und gar
Und läßt mich ganz dem Leide?

Braunäuglein, wenn die Drossel singt
In kühler Abendstunde,
Da denk' ich wohl: Wie süß erklingt
Der Klang von deinem Munde!

Braunäuglein – o, du weißt es nicht,
Was du mir hast genommen! -
Ich mein' als wie vom Sonnenlicht:
Du müßtest wiederkommen!
 

Brautlied
Die Boten deines Glückes fliegen -
Fahr' wohl, du schöne, stille Braut!
Ich war der erste, der verschwiegen
In diesen Blumenkelch geschaut.

Doch kein Erglühen, kein Erblassen,
Kein Zucken zeigt dein Augenlid. -
Du wirst es stumm geschehen lassen,
Was jedem Myrtenkranz geschieht.

Du blühst durch deine Jahreszeiten
Und nie wird deine Seele wach -
Doch durch die Flut der Ewigkeiten
Schaut dir mein Auge sehnend nach!


Mainacht
Der Nacht gedenk' ich ew'ge Zeit,
Der Nacht vom ersten Maien:
Da dich der fremde Mann gefreit,
Dich, die ich einst wollt' freien!

Es rauscht der See im Mondenschein
Und lenzgrün sind die Almen;
Doch durch mein Herz rauscht Lust und Pein,
Als sollt's mein Herz zermalmen!

Ich stieg bergan die ganze Nacht,
Durch Blumen, durch Steingerölle …
Ich zog durch die grüne Erde hin,
Ich zog durch Himmel und Hölle!


Herbstgang
Das Laub, das einst in grüner Höh'
Geblüht, es fällt zur Erde;
Ein Fischerhüttlein steht am See,
Das Feuer brennt am Herde.

Und die mir einst so hoch geblüht,
Die Minne, ist vergangen.
Ich starr' ins Feuer, wie das glüht
Vor meinen kalten Wangen.

Ich hab' es einst wohl auch gemeint,
Das Feuer dir zu zünden
Am trauten Herd, mit dir vereint -
Du gabst mein Wort den Winden.

Es rauscht der Wind ums Hüttendach,
Ich starre wie gefangen …
Am Feuer wird die Sehnsucht wach - -
Und alles ist zergangen!


Ohne Trost
Ich weiß ein Herz, das traurig schlägt,
Das nimmer sich in Ruhe legt.

Und zieht die Schwalbe unters Dach,
Sie singt ihm nicht die Freude wach.

Es wogt das Korn, es blüht der Pfad,
Ihm reift die Sonne keine Saat.

Und wenn das Laub im Herbstwind fällt -
Sein Leid besteht, sein Kummer hält.

Dann kommt die tiefe Wintersruh',
Doch deckt der Schnee den Schmerz nicht zu.

Ich weiß ein Herz, das traurig schlägt,
Das nimmer sich in Ruhe legt.


Winterträume
Die Luft ist grau, es streift der Wind
Die Dächer, die verschneiten;
Ich denk' an dich, du holdes Kind,
Und an die alten Zeiten.

Ich schau' hinaus mit leerem Blick,
Am Herde sprüh'n die Funken. -
Mir wird, als läge nur mein Glück
In Winterschlaf versunken.

Als läg' nur tiefer, tiefer Schnee
Auf all' dem süßen Leben,
Als müßt' es nach dem Wintersweh
Noch einmal Frühling geben - -

Derweil wir doch geschieden sind
Für alle, alle Zeiten! - -
Die Luft ist grau, es streift der Wind
Die Dächer, die verschneiten!
(S. 217-222)
_____
 


Liebeszauber

Dein
Mein ganzes Leben ist nun dein für immer,
Und jeder Atemzug ist eine Frage,
Ob du mich lieb hast? – Ach, ich weiß es nimmer,
Ob ich's beneiden soll, ob ich's beklage!

Du bist die Kraft, wenn ich ermattet schwanke,
Du bist die Sonne, wenn mein Tag wird trübe -
Und geh' ich schlafen, ist's mein Nachtgedanke,
Ob du mich lieb hast – so wie ich dich liebe?


Frauensang
Es klingt der Lärm der Welt, -
Ich hör' ihn nimmer;
Denn nur was du gesagt,
Das hör' ich immer.

Die Menschen schau'n mich an, -
Kaum denk' ich dessen;
Ich hab' sie alle ja
Um dich vergessen.

O, laß mich schweigen doch,
Mein Lieb, mein Eden!
Du hast mich stumm geküßt -
Ich kann nicht reden!

Ich gab ja alles her,
Nichts ist mir blieben;
Ich kann nur eines mehr -
Dich lieben, lieben!


Aus den Nibelungen
So steht es im alten Liede,
Wo Siegfrieds Liebe loht:
"Es zwang sie zueinander
Der sehnenden Minne Not."

So ist's auch uns ergangen:
Uns wurden die Wangen rot,
Uns wurden bleich die Wangen
In sehnender Minne Not.

Wir werden auch verderben;
Denn Liebe ist stark wie Tod -
Es zwang uns zueinander
Der sehnenden Minne Not!


Beim Abschied
Du sprachst zu mir nach langem Sinnen
(Wie zitterte dein süßes Wort
Und deine Hand!): "Nun geh' von hinnen,
Ich bin dir gut – mehr nicht – geh' fort!"

Denn wenn ich dann von dir gegangen,
Dann zieht dein sehnend Bild mir nach,
Schlingt mir den Arm um Hals und Wangen
Und bittet: "Glaub' nicht, was ich sprach!"


Liebesgrüße
Wie lieb' ich dich – ich weiß es nimmer,
Denn längst ging mein Besinnen fort;
Oft mein' ich: wie den Sternenschimmer,
Mit stummer Seele, ohne Wort!

Oft mein' ich: wie die Maientage -
Wie einen jungen, grünen Baum -
Wie eine alte, schöne Sage -
Wie einen tiefen, süßen Traum -

Wie König Harald seine Mannen -
Wie Wodan seinen Eschenspeer -
So wie der Nordwind seine Tannen
Und wie der Westwind liebt sein Meer.

So mein' ich – und die Lippen beben
Um Worte, wo's kein Wort mehr gibt;
Wie lieb' ich dich? – wie ich im Leben
Noch nie Lebendiges geliebt!


Sommermorgen
(Frauenlied)
Was ist mir denn geschehen?
Bin ich vom Traum erwacht? - -
Wie meine Augen sehen!
O, wie der Mund mir lacht!

Als hätt's noch nie gegeben
So lichtes Himmelsblau;
Auf meinem ganzen Leben
Liegt es wie Morgentau.

Und in dem tiefsten Innern,
Da rieselt's wie ein Quell
Von Hoffen und Erinnern -
Wie schön ist das, wie hell!

O gold'ne Feierstunde! - -
O, komm', du heißer Mann,
Und küss' mir still vom Munde,
Was ich nicht sagen kann!


Wohin?
Es geht der Ferche auf den tiefen Grund,
Wenn ihm die Angel brennt im Silberleibe,
Und wird der Falk' an scharfem Pfeile wund,
Sorgt er im Horst, wie ihm der Fittich bleibe.

Es zieht der Hirsch zum allertiefsten Wald,
Die Todesqual und noch das Lebenshoffen
Im stummen Aug', dieweil das Hifthorn schallt -
Wo zieht der Mensch hin, der zu Tod' getroffen?!


Im Weh
Wie weh mir ist, das weißt du, Holde, nicht,
Wenn auch dein Aug' sich sorgend auf mich heftet,
Wie's mich verzehrt, wie das zerbrennt, zerbricht,
Wie meine Kraft sich in der Glut entkräftet!

Das Künftige erbleicht vor meinem Blick
Und das Gewes'ne, das Erinnern, schwindet;
Denn jeglicher Gedanke sinkt zurück,
Der du nicht bist, der dich nicht sucht und findet.

Mein Herz, mein Geist verloht im heißen Flug,
Die Seele brennt und meine Lippen beben.
"Zehrt sie sich ganz auf? – bleibt mir noch genug
Zum Leben übrig?" Und ich muß ja leben!
(S. 320-325)
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Komm'!

Mein zitterndes Herz verlangt nach dir;
Es strömt in feurigen Gluten
Das wallende Blut zum Herzen mir -
Ich möcht' vor Liebe verbluten!

Und durch dein Herz, da rauscht's wie Föhn:
Du lauschest dem Sturm mit Grauen;
Schau' mir ins Aug'! – es ist so schön,
Ins lodernde Feuer schauen!

Dir wogt die Brust, mir brennt das Blut,
Komm', eh' wir welken müssen!
Komm' wie der Föhn und schür' die Glut
Mit deinen flammenden Küssen!
(S. 311-312)
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Liebesnot

Mir ist, als wär' mein Herz ein Quell,
Doch eine Quelle ohne Spiegel
Und eine Blume ohne Duft,
Ein Adler mit gebroch'nem Flügel.

Ich suche düster, was mir fehlt,
Und fühl', daß ich mir selber fehle.
Was nahmst du aus der Seele mir?
Du nahmst sie selber mir, die Seele!
(S. 156-157)
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Neujahrsnacht

Neujahrsnacht war's, das alte Weh
Stieg auf in dieser Nacht der Weihe,
Die Sterne blitzten überm Schnee,
Mich aber trieb's hinaus ins Freie.

Und durch die Gassen schlich ich sacht
Und suchte deines Hauses Schwelle,
Wie der Geächtete bei Nacht
Die Heimat sucht, die traute Stelle.

Manch mind'rer Mann tritt stolz herfür
Und bringt dir morgen Gruß und Segen -
O laß mich nachts vor deine Tür
Die Grüße des Verbannten legen!
(S. 149)
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Wiedersehen

Begegnung
Noch einmal hab' ich dich geseh'n,
Seit du von mir gegangen;
Wie warst du wieder maienschön,
Wie brannten meine Wangen!
Mein Herz erklang in leisem Schrei,
Das alte Glück ward rege -
Wir aber gingen stumm vorbei,
Ein jedes seine Wege.

Es lag auf deinem Angesicht
Der Jugend süße Fülle,
Doch keine Wärme, lauter Licht,
So schmerzlos und so stille!
Und klang doch rings der helle Mai
Durchs grüne Waldgehege -
Wir aber gingen stumm vorbei,
Ein jedes seine Wege.


O Wahn!
Dein Herz, das ist aus weichem Gold
Und mein's aus Erz getrieben;
O Wahn – als könnten je wir zwei
Uns einen und uns lieben!

Dein Weg, der zieht durch blum'ges Feld,
Der meine in Fels und Steinen;
O Wahn – als könnten je wir zwei
Uns lieben und uns einen!


Requiescat
Du gingst von mir – ins Leere starrt
Mein Denken und mein Tun;
Denn die für mich geboren ward,
Ist tot für mich! Dies Wort klingt hart! - -
Lasset die Toten ruh'n!

So zieh' ich denn die Welt entlang,
Den Staub auf meinen Schuh'n;
Voll Leben klingt der Welt Gesang,
Doch du bist tot, schon lang, schon lang! - -
Lasset die Toten ruh'n!


Von den Sternen
Ich sah deine Augen wieder,
Mit ihrer süßen Gewalt -
Du senktest sie nimmer nieder,
Sie waren klar und kalt.

Einst waren sie meine Sterne,
Einst warst du all' mein Traum! - -
O wieviel tausend Sterne
Erkalten im Himmelsraum!


Um Mitternacht
Ein and'rer hat das Weib errungen,
Um das ich sang mit süßem Schall;
Er ist der Held, der dich bezwungen,
Doch ich bin deine Nachtigall!

Und wenn ihr beide längst gefunden
Den Schlummer, der mein Auge flieht,
Singt immer noch in nächt'gen Stunden
Die Nachtigall ihr altes Lied!

Zühküt, zühküt – die süßen Grüße
Aus der vergang'nen Liebeszeit!
Und ihre Sehnsucht, o, die süße,
Ist reicher – als ihr beide seid!


In Milde
Mein Glück hab' ich daran verschwendet,
Gern trüg' ich Neid und Not und Bann:
Hätt' sich dein Herz zu mir gewendet! - -
Und doch folgst du dem fremden Mann!

Doch wie mich Zorn und Stolz auch triebe
Zum Haß – ich denk' in Milde dein;
Dich schirmt der Schild der ersten Liebe -
Und diesen Schild erhalt' ich rein!
(S. 258-261)
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Noch weißt du's nicht!

Noch weißt du's nicht, daß ich dir fehle.
Doch einst, wenn über dich ergeht
Der Ostermorgen deiner Seele,
Wo deine Seele aufersteht:

Dann bricht wie Flammen in dein Leben
Der stumme Drang, erkannt zu sein!
Dann möchtest du die Flügel heben,
Dann fühlst du es: Du bist allein!

Und tausend dunkle Fragen schweben
Dir vor. Wer wird mit tiefem Blick
Dann deiner Seele Antwort geben?
Wer wird erfüllen dein Geschick?
(S. 149-150)
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Lieder im Volkston

Wiederkehr
Nun vergeht ja alles Leid
Und mein Herze hör' ich klopfen;
Ach, vor lauter Seligkeit
Steht mein Aug' in hellen Tropfen!

Wiederkehr', nun bist du nah';
Doch so froh und so beklommen
Ist von allen keiner da,
Wieviel ihrer wiederkommen!

Duftig weht der Heimat Hauch,
Sommer blüht auf allen Wegen;
Schatzkind – gelt, du freust dich auch,
Wieder Hand in Hand zu legen!?

Steck' ein Röslein vor die Brust,
Gib mir das als ganze Gabe!
Mein Gott – hätt' ich's einst gewußt,
Daß ich einst so lieb dich habe!


Liebesahnung
Sprach eine Maid voll Bangigkeit
Und mit so holdem Flehen:
"Halt' ein, mein Knab', nur kurze Zeit
Kann ich noch widerstehen;
Dann wird dein Leid mein eigen Leid!" -
Und also ist's geschehen!

Sprach da der Knab' mit heißem Blick:
"Hör' doch den Maiwind wehen,
Der weht waldein und nicht zurück,
Laß du dein Herz nur gehen!
Dann wird mein Glück mein eigen Glück!" -
Und also ist's geschehen!


O wehr' es nicht!
Du bist so jung, du bist so weiß
O, wehr' es nicht, daß ich so heiß
An deiner Schönheit hange!
Das ist die Maienlieb', mein Kind,
Es spielt ja auch der Maienwind
So gern um deine Wange!

O, wehr' es nicht, o, wehr' es nicht!
Schau' mit den Augen voll ins Licht
Und laß uns selig werden!
Wie ist so süß der Sonnenschein! -
Wie wird es einst so finster sein
Da drunten in der Erden!


Getrost!
Es ist die Welt so fern von Treuen,
Daß treue Minne sie erbost!
Laß du, mein Lieb', dich das nicht reuen,
Sei du getrost!

Ich führ' dich durch den Sonnenschimmer,
Ich führ' dich, wenn der Sturmwind tost;
Ich lieb' dich überall und immer -
Sei du getrost!


Rote Beeren
Ich sprach zum Strauch am Ufer klar:
Gib mir von deinen roten Beeren,
Die steckt mein brauner Schatz ins Haar,
Daß sie ihr Lust und Schönheit mehren!

"Nimm sie nur mit! doch weißt du auch,
Wie bitter Lust und Schönheit brennen?
In roten Beeren steht der Strauch,
Im roten Blut wirst du's erkennen!"


Am Waldbach
Am Waldbach sitz' ich in der Sonnen
Mir ist mein ganzes Glück zerronnen!

Es fließt so leicht der Bach vorbei,
So leicht zerfließt die Lieb', die Treu'?!

Es rauscht um mich der Morgenwind,
Die Jugend auch verrauscht, verrinnt.

Es rieselt gelbes Laub vom Baum;
Wird alles welk, ist alles Traum?

Ich sitz' am Waldbach in der Sonnen,
Mir ist mein ganzes Glück zerronnen!


Frau Sonne
Frau Sonne hell, Frau Sonne hoch,
Du schaust auf mich hernieder;
Kennst du den alten Wand'rer noch?
Du kennst ihn nimmer wieder!

Frau Sonne hell, Frau Sonne gut,
Kannst du auch Wunden heilen?
Mir bricht das Herz, mir brennt das Blut,
Frau Sonne, tu' dich eilen!

Frau Sonne zog so still durchs Tal
Und gab mir schlimme Kunde:
"Es dringt so tief kein Sonnenstrahl,
So tief wie deine Wunde!"


Nach Jahren
Wo ist die braune, süße Maid,
Von der ich einst gesungen?
Wo ist die gold'ne Jugendzeit? -
Verträumt, verwelkt, verklungen!

Wo ist das Heil, das ich erstrebt,
Das Glück, das ich umfangen?
Und jene, die's mit mir erlebt?
Zerstreut, zerstört, zergangen!

Die Sterne geh'n am Himmelszelt,
Den Nachwind hör' ich wehen!
Das ist der alte Weg der Welt:
Vertun, verblüh'n, vergehen!
(S. 342.346)
_____
 

 

Versöhnung

O Sonntagsfrühe! Über dir
Liegt eine ahnungsvolle Weihe,
Da laß ich gern die Hände ruh'n
Und schau' gedankenvoll ins Freie.

Mir wird, als fühlt' ich das Gesetz,
Dem sich die Rätsel alle fügen;
Da seh' ich klar vor meinem Blick
Die Wege meines Lebens liegen.

Und über mich ergeht ein Trost,
Wie er im Weltglück nie gelegen -
In solcher Stunde fand ich auch
Einst deine Seele, deinen Segen!
(S. 143-144)
_____
 

 

Bei dir

Oft hab' ich es zu dir gesagt,
Wenn wir allein gesessen:
Du solltest geh'n und fröhlich sein
Und solltest mich vergessen!

Dann weintest du und nicktest stumm,
Du hattest keine Klagen -
Doch sah dein Aug' so flehentlich
Mich an, als wollt' es sagen:

Hast mir genommen Ruh' und Freud'
(Es braucht dich das nicht grämen),
So laß mir doch mein Herzeleid!
Willst du mir alles nehmen?
(S. 153-154)
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In die Ferne

Oft wenn ich düster nachgehangen
Dem Leben, meinem wilden Lauf,
Da wacht mir plötzlich ein Verlangen
Nach deiner fernen Liebe auf.

Nach deinem Kuß, nach deinen Tränen,
Nach deiner seligen Geduld. -
Es ist mir fast, als tät' sich sehnen
Nach deiner Unschuld meine Schuld!
(S. 154)
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Im Haselstrauch

"Sag' mir, du grüner Haselstrauch,
Wie mag man Minne wenden?
Du kennst ja Lenz und Wetter auch." -
""Laß sie mit Welken enden!""

"Dann, blaue Woge, lehr' mich du
Von Liebe heimwärts finden!
Du spielst ja ewig mit Sturm und Ruh!" -
""Gib deine Minne den Winden!""

"Mein klares Bächlein, klar und still,
Mag ich's bei dir erlauschen,
Wie Friede aus Minne werden will?" -
""Laß sie verrauschen, verrauschen!""

"Und wenn sie nicht verrauschen kann
Und kann sie den Winden nicht geben?" -
""Dann bleibst du wohl ein wunder Mann
Für all' dein langes Leben!""
(S. 316-317)
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Sehnsucht

Sehnsucht, wie lang dehnst du den Tag,
Wie öd' ist mir auf grüner Erden!
Stumm pocht das Herz mir, Schlag um Schlag,
Will es denn nimmer Abend werden?

Und wird es Abend – wähnst du dann,
Daß dir der Abend Frieden brächte?
O, nur noch tiefer webt mein Bann! -
Sehnsucht, wie lang dehnst du die Nächte.
(S. 318)
_____
 

 

In der Schreiberzelle

Seit ich von dir, Junglieb, geschieden,
Wie einsam ward das Leben mir!
In Klostermauern sucht' ich Frieden,
Und weltentronnen rast' ich hier

Vor meinem Pergament, dem weißen,
Und geize nach Gelehrsamkeit. - -
Frômund war ich dereinst geheißen,
Nun schweigt mein Mund von froher Zeit.

Doch oft im Lenz lacht lindes Wetter,
Dann fällt mir wohl ein Sonnenstrahl
Herein in die vergilbten Blätter, -
Da wach' ich auf mit einemmal.

Und Buch und Feder werf' ich nieder
Und alle Weisheit war ein Wahn!
O wär' ich Frômund, Frômund wieder
Und deiner Einfalt untertan!
(S. 154-155)
_____

 

Verhängnis

Wie ein Verhängnis kommt die Liebe,
Die mir nun Sinn und Seele bannt:
Mein Herz, wie gern es leben bliebe,
Zerbricht in deiner weißen Hand!

Den scheuen Blick, den kummertrüben,
Heft' ich dir forschend auf die Brust:
Ist's so bestimmt, daß ich dich lieben
Und daß du mich verderben mußt?

Denn jeglich' Schicksal heischt sein Ende.
Bist du das meine? Welch' ein Weh!
Und sehnend fass' ich doch die Hände,
In denen ich zugrunde geh'.
(S. 310)
_____
 

 

Jägerlied

Wie ich dereinst zu Walde zog,
So will ich wieder ziehen,
Ich hab' sein blühendes Laubgewog'
Vergessen vor deinem Blühen!
Nun schweif' ich einsam durchs Geäst,
Will wieder vom Bergquell trinken;
Der scheue Häher streift ums Nest,
Die güldenen Blätter blinken.

Da lieg' ich still und wundersam
In all dem Rauschen und Klingen,
Das Eichhorn huscht am braunen Stamm,
Wind weht und Vögel singen -
Und wundersam so manche Weil'
Gedenk' ich an dein Lieben;
In meinem Köcher fehlt ein Pfeil:
Wo ist der Pfeil geblieben?
(S. 315-316)
_____
 

 

Dämmerstunde

Wie wirst du schön zur Dämmerstunde,
Wenn schon der letzte Schimmer schwand!
Weich wird das Wort in deinem Munde
Und leise streift mich deine Hand.

Die Augen glänzen – größer, freier,
Die ganze Seele ist erwacht -
Und durch der Wimpern schwarzen Schleier
Schaut deine Sehnsucht in die Nacht.

Du wirst so bleich – auch ich erbleiche
Im süßen Zauber deines Blicks;
Ein Seufzer schwellt dein Herz, das weiche,
Ein Traumgedanke vollen Glücks?

Dann führst du still mich an die Pforte;
Es klingt ein wundersüßes Weh
Durch deine dämmerstillen Worte
Und durch dies letzte Wort: "Nun geh'!"
(S. 308-309)
_____

 

Wie wundersam ...!

Wie wundersam ist dies Verlorengeh'n
In Liebestiefen ohne Ziel und Schranken:
Die ganze Welt mit lichten Augen seh'n,
Im Sonnenschimmer klarer Freude geh'n,
Eins sein in einem tiefen Glücksgedanken!

Und wie im Leben auch die Stürme weh'n,
Da ist kein Zagen und da ist kein Schwanken:
Fest steht die Liebe, wie die Sterne steh'n -
Wie wundersam ist dies Verlorengeh'n
In Liebestiefen ohne Ziel und Schranken!
(S. 308)
_____

 

Alle Gedichte aus: Gesammelte Dichtungen (hochdeutsch)
von Karl Stieler Mit einem Titelbild von C. Liebich
und einer biographischen Einleitung von A. Dreyer
Stuttgart Verlag von Adolf Bonz & Comp. 1908


Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Stieler

 

 

 


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