Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (1750-1819) - Liebesgedichte

Friedrich Leopold Stolberg

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg
(1750-1819)

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 



 

 



Frauen Lob

Traun, der Mann ist Neides werth,
Dem sein Gott ein Weib bescheert,
Schön und klug und tugendreich,
Sonder Falsch, den Täublein gleich!

Seiner Wonne Maaß ist groß!
Seine Ruhe wechsellos!
Denn kein Kummer nagt den Mann,
Den solch Weiblein trösten kann!

Gleich des Mondes Silberblick,
Lächelt sie den Gram zurück;
Küßt des Mannes Thränen auf,
Streut mit Blumen seinen Lauf.

Wenn ihn jäher Mut empört,
Er nicht mehr des Freundes hört,
Wenn von Zorn die Brust ihm glüht,
Und sein Auge Feuer sprüht;

O! dann schleicht sie weinend nach
Sänftigt ihn mit einem Ach!
Also kühlt der Abendthau
 Die versengte Blumenau!

Keine Mühe wird ihm schwer!
Keine Stunde freudenleer!
Denn nach jeder Arbeit Last
Harret sein die süße Rast!

Engel fördern ihre Ruh,
Drücken beider Augen zu!
Ihrer keuschen Ehe Band
Knüpfte Gottes Vaterhand!

Gott schenkt ihren Söhnen Mut,
Für die Tugend reges Blut!
Stärket ihren jungen Arm,
Macht ihr Herz für Freiheit warm!

Mit verschämten Reizen blühn
Ihres Bettes Töchter! glühn
Mit der Mutter Unschuld, rein
Wie ein Quell im Sonnenschein!

Drob erfreut der Vater sich,
Drob die Mutter inniglich;
Ihr vereintes Dankgebet
Preist den Geber früh und spät!

Gold hat keinen noch beglückt;
Falscher Ehre Lorbeer drückt;
Wer nach Würden hascht, greift Sand;
Wissenschaft ist oft ein Tand:

Aber Weiber giebt uns Gott!
Ohne sie ist Leben Tod!
Weiber leichtern jedes Joch,
Lieben uns im Himmel noch!
(S. 32-35)
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Selbstverleugnung

Thränen der Sehnsucht trüben Daphnes Augen;
Ihren seufzenden Busen hebt die Treue!
Sturm und Woge fernen von ihren Küssen,
Welchen sie liebet!

Wehende Weste, bringet ihn den Küssen
Seines Mädchens entgegen! Hoffnungsloser
Liebe Schmerzen quälen mich dann; doch bringt ihn,
Wehende Weste!
(S. 41)
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An Röschen

Trautes Röschen, sieh, wie hell
Unter Geißblatt dieser Quell
Durch Vergißmeinnichtchen fliesset!
Reissender rauscht dort sein Fall,
Wo er mit des Donners Schall,
Und des Thales Wiederhall
Ueber Felsen sich ergiesset!

Aber süsser ist er mir,
Mein geliebtes Röschen, hier,
Denn er gleichet unserm Leben!
Seh' ich ihn so sanft und rein
Gleiten in des Mondes Schein,
Röschen, dann gedenk' ich dein,
Und der Freude Thränen beben!
(S. 52)
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Stimme der Liebe

Meine Selinde! denn mit Engelstimme
Singt die Liebe mir zu: sie wird die Deine!
Wird die Meine! Himmel und Erde schwinden!
Meine Selinde!

Thränen der Sehnsucht, die auf blassen Wangen
Bebten, fallen herab als Freudenthränen!
Denn mir tönt die himmlische Stimme: deine
Wird sie! die Deine!
(S. 90)
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Daphne am Bach

Ich hab ein Bächlein funden
Vom Städtchen ziemlich weit,
Da bin ich manche Stunden
In stiller Einsamkeit.
Ich thät mir gleich erkiesen,
Ein Pläzchen kühles Moos;
Da siz' ich, und da fliessen
Mir Thränen in den Schooß.

Für dich, für dich nur wallet
Mein jugendliches Blut;
Doch, leise nur erschallet
Dein Nam' an dieser Flut.
Ich fürchte, daß mich täusche
Ein Lauscher aus der Stadt;
Es schreckt mich das Geräusche
Von jedem Pappelblatt.

Ich wünsche mir zurücke
Den flüchtigsten Genuß;
In jedem Augenblicke
Fühl ich den Abschiedskuß.
Es ward mir wohl und bange,
Als mich dein Arm umschloß,
Als noch auf meine Wange
Dein leztes Thränchen floß!

Von meinem Blumenhügel
Sah ich dir lange nach;
Ich wünschte mir die Flügel
Der Täubchen auf dem Dach;
Nun glaub' ich zu vergehen
Mit jedem Augenblick.
Willst du dein Liebchen sehen,
So komme bald zurück!
(S. 97-98)
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Die Mädchen, an einen Jüngling

Ich sehe mit Schmerzen,
Du kennest die Herzen
Kupidens noch nicht!
Du hoffest, mit Herzen
Der Mädchen zu scherzen;
Es reizet die Rose dich, ehe sie sticht!

Zu spielen mit Rosen,
Zu küssen und zu kosen
Ist lieblich und fein;
Du trauest den Losen,
Sie lachen und stossen
Ganz freundlich den Dolch in das Herz uns hinein!

O Jüngling, dann müssen
Mit Thränen wir büssen,
Mit innigem Schmerz!
Es fliehen die Süssen
Zu andern, und küssen
Auch ihnen Verzweiflung ins wehrlose Herz.

 Sie können mit Blicken
Die Herzen bestricken,
Und scheinen so gut!
Kaum kehrst du den Rücken,
So winken und nicken
Die Falschen, und freun sich der wachsenden Glut.

Wenn endlich dich eine
Von Tücken noch reine
Mit Zärtlichkeit liebt;
So wisse, der kleine
Kupido hat seine
Geheimeren Ränke, wodurch er betrübt.

Oft spinnet er Fädchen
Am goldenen Rädchen,
Wie Haare so fein.
Kaum glaubst du dein Mädchen
Zu halten am Drähtchen,
So reißt es und läßt dich Bethörten allein!

Viel hab ich gelitten,
Hab dreimal gestritten
Für Thränen zum Sold;
Bei dörflichen Sitten,
In moosigen Hütten,
Dort wohnet die Liebe noch lauter, wie Gold!
(S. 143-145)
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Lied in der Abwesenheit

Ach, mir ist das Herz so schwer!
Traurig irr' ich hin und her,
Suche Ruh und finde keine,
Geh ans Fenster hin, und weine!

Sässest du auf meinem Schooß,
Würd' ich aller Sorgen los,
Und aus deinen blauen Augen
Würd' ich Lieb' und Wonne saugen!

Könnt' ich doch, du süsses Kind,
Fliegen hin zu dir geschwind!
Könt ich ewig dich umfangen,
Und an deinen Lippen hangen!
(S. 146)
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Die Schönheit

Wie freudig die Lerche
Schwebet entgegen
Dem röthlichen Morgen,
So schwebet in melodischem Fluge des Gesangs,
Lieblichste Tochter der Natur,
Schönheit, meine dürstende Seele dir nach!

Deine heimische Laube
Blühet unter den Sternen nicht:
Aber auf Strahlen des Himmels
Schwebest oft zu Sterblichen du hinab!
Lächeltest mir oft,
Von purpurnen Wangen des Morgens,
Oft vom Schimmer des Mondes,
Und vom Spiegel des Sees, den der Hain umkränzt,
Sanfte Ruh in die Seele,
Ahndungen und Himmelsgefühl!

Ach, auf Wangen des Mädchens
Sah ich dich himlischer noch!
In sanftrollender Unschuld
Ihrer schmelzenden Augen
Sah ich dich himlischer noch!
Hörte dich in den bebenden Melodien.
Ihrer schwebenden Stimme!
Hörte dich! sah dich! fühlte dich!
Und in Flammen der Liebe ...

Wehe mir! wehe!
Was bebt meine Seele
Plözlich in die Ebbe des Gesangs zurück!
Selinde!
Selinde!
Versiegt bei deinem Namen mein Gesang? ...

Stolberg sei ein Mann!
Ströme wieder, Gesang!
Ström', ich beschwöre dich bei deiner Kraft!
Denn die heimische Laube
Der seligen Göttin
Blühet unter den Sternen nicht!

Himmlische Urschönheit!
Oder wie nennen die Unsterblichen dich,
Welche besser dich kennen, als Homer,
Plato, Klopstock und Oßian?
Bist du der olympischen Tugend
Schwester? oder sie selbst?

Selige Bewohner des Lichts,
Welche sich sonnen in deinem Stral,
Und mit schwellendem Segel
Schiffen auf der Wahrheit unendlichem Oceanus!

Weise der Erde
Stehn am sandigen Ufer,
Freun sich, wie Kinder,
Wenn die kleine Kenntniß
Zappelt an der Angel schwankendem Rohr!

Lächeln, wie Kinder,
Ueber den weissen Schaum
Und die bunte Blase,
Ehe sie am Gestade zerplazt!

Lieber wall' ich am Ufer,
Ruhig und Gedankenvoll!
So hört doch mein Ohr
Der ernsten Wogen rauschenden Fall!
Es spähet mein Blick
Die Argo, die einst
Zum reineren Golde mich führt!

Schweig indessen, Gesang!
Bis du einst der Göttin,
Wie die Donau der Sonne,
Von ihrem Glanze golden und roth,
Freudig und donnernd entgegen strömst!
(S. 150-153)
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An Jünglinge

Ihr fröhlichen Jünglinge höret
Den fröhlichen Jüngling! Er lehret
Euch glücklich und weise zu sein.
Heut ist mir im Herzen so helle!
Ich schöpfe die Freud' aus der Quelle
In altem Hungarischen Wein!

Auf wackre Gesellen, und tränket
Mit Freude die Seelen! Es kränket
Den höllischen Drachen das Glück.
Doch hütet euch, Brüder! Er lauschet,
Und wo sich ein Jüngling berauschet,
Da grinzt er mit schielendem Blick!

Oft führt er bei nächtlichen Fackeln
Die Reigen der Thoren; sie wackeln
Frolockend, und träumen nicht Harm.
Er führt sie im Taumel des Tanzes;
Noch duften die Blumen des Kranzes,
Schon hält sie die Lais im Arm.

Ich warne dich, flatternde Jugend:
Oft grenzet die Freude der Tugend
 An giftiger Laster Genuß.
So schleichet, im freundlichen Schatten
Der Pappel, auf blühenden Matten,
Die Natter, und sticht dich in Fuß.

Drum merke dir, was ich dich lehre!
Auf daß dich der Feind nicht bethöre,
So suche dir heut noch ein Weib!
Statt länger zu flattern, erwähle
Ein Mädchen mit lieblicher Seele,
Und eben so lieblichem Leib!

Es halte sich jeder zur Schande,
Zu fliehn die holdseligen Bande,
Womit uns ein Weibchen umschlingt!
Sie führt uns am rosigen Bändchen,
Mit samtnen liebkosenden Händchen,
Bis sie in den Himmel uns bringt!

O Wonne, sein Weibchen zu wiegen
In Armen der Liebe, zu liegen
Beim Weibchen in süssem Genuß!
Ich achte, mit neidenden Blicken
Und schmachtendem Geisterentzücken,
Umschweben die Engel den Kuß.

Ich hätt' euch noch vieles gelehret;
 Das Mädchen hier hat mich gestöret;
Sie weckte den Trunknen dort auf.
Wart, Braune! Gleich wirst du ihm büssen!
Er straft dich mit duftenden Küssen.
Und hascht dich im wankenden Lauf!
(S. 175-177)
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 Thränen der Liebe

Träufle, mein süsses Mädchen, diese Thräne
Auf die silberne Leier deines Stolberg!
Siz auf meinen Knien, und laß die Thräne
Ueber die Wange

Deines Geliebten rinnen auf die Saiten,
Daß sie beben, wie deine Busenbänder,
Und daß meine Thräne mit deiner Thräne
Tönend sich mische.

Thräne der Liebe, ach! der stummen Wonne
Thräne! könt' ich sie fassen und verwahren!
Und mit ihr den ersten der Küsse, da du
Schüchtern dich umsahst,

Dann um den Hals mir fielst, und sanft erröthend
Deine Lippen an meine Lippen drücktest!
Unsre Seelen huben sich auf der Liebe
Seufzer, und schwebten,

Wonneberauschet, auf des Kusses Flügeln,
Wie, auf Hauchen des Westes, süsse Düfte
Um die Wangen röthlicher, Thaubenezter
Blüthen des Apfels!
(S. 178-179)
_____



Morgenlied eines Jünglings

Wann Aurora früh mich grüßt,
Mich mit Rosenlippen küßt,
Scheuchet oft ihr Stralensaum,
Von des Bettes weichem Pflaum,
Einen kleinen süssen Traum.

Find' ich dann mein Bettchen leer,
Ach! dann wird mein Herz so schwer,
Und ich gäb' Aurorens Gruß,
Gäbe jeglichen Genuß
Gern für eines Weibchens Kuß.
(S. 305)
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Abendlied eines Mädchens

Wenn des Abends Rosenflügel
Kühlend, über Thal und Hügel,
Ueber Wald und Wiese, schwebt;
Wenn der Thau die Bäume tränket,
Sich in bunte Blumen senket,
Und an jungen Aehren bebt;

Wenn im Schalle heller Glocken
Heimwärts sich die Schafe locken,
Und im Gehn das Lämchen saugt;
Wenn das Geißblatt süße Düfte
In dem Wehen leiser Lüfte
Labend mir entgegen haucht;

Wann die schweren Kühe brüllen,
Gern die blanken Eimer füllen,
Und die Dirne melkend singt,
Dann, auf ihrem bunten Kranze,
Leicht, als schwebte sie im Tanze,
Süsse Milch nach Hause bringt;

Wann die Erlen duftend säuseln;
Wann die Mücken Teiche kräuseln;
Wenn der Frosch sich, quakend, bläht;
Wenn der Fisch im Wasser hüpfet,
Aus der kalten Tiefe schlüpfet,
Und der Schwan zum Neste geht;

Wann, im Nachtigallenthale,
Hesper mit verliebtem Strale
Heimlich meine Quelle küßt;
Wann, wie eine Braut erröthend,
Luna freundlich komt, und flötend
Philomele sie begrüßt:

Dann umschweben süsse Freuden,
Hand in Hand mit stillen Leiden,
Meinen Geist, mein Auge weint.
Wann die Thrän' in Luna's Schimmer
Bebet, weiß ich selbst nicht immer,
Was die stille Thräne meint.

Manche nannt' ich Freudethränen,
Die vielleicht geheimes Sehnen
Dem getäuschten Auge stahl;
Mancher leise Wunsch entbebte
Seufzend meiner Brust, und schwebte
Ungesehn im Mondenstral.

Ich beschwör' euch, Abendlüfte!
 Ich beschwör' euch, kühle Düfte!
Hesper! Luna! Nachtigall!
Sagt, beschleichet dieses Sehnen
Mich allein mit solchen Thränen
Im geheimen Mondenstral?
(S. 306-308)
_____



Nachruf des Jünglings

Mädchen, frage nicht die Lüfte,
Nicht die kühlen Abenddüfte!
Hesper, Luna, Nachtigall
Fühlen nicht dein leises Sehnen,
Können deuten keine Thränen
Im geheimen Mondenstral.

Ich nur kan's! ich kan's, du Süsse!
Mädchen, eil' in meine Küsse!
Säuge Lieb' um Liebe ein!
Wer da einsam will geniessen,
Wird mit bittern Thränen büssen.
Laß mich dein auf ewig sein!
(S. 309)
_____



An Lyde

Sieh mich an und lächle, Süsse!
Gieb mir deine Hand, und küsse
Deinen Trauten! Roth und blaß
Wallet zärtliches Verlangen
Zitternd über meine Wangen
Und die Wimpern sind mir naß.

Meine heissen Lippen beben;
Athme, Lyde, neues Leben,
Küsse Wonne mir hinein!
Lechzend sinken meine Augen;
Laß aus deinem Blick sie saugen
Honig, Milch und Labewein!
(S. 310)
_____

Aus: Gedichte der Brüder
Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg
herausgegeben von Heinrich Christian Boie
Carlsruhe bey Christian Gottlieb Schmieder 1794
 


Biographie:

Stolberg Stolberg, Friedrich Leopold Graf zu, * 7.11.1750 Bramstedt/Holstein, † 5.12.1819 Sondermühlen bei Osnabrück; Grabstätte: Friedhof Stockkämpen bei Tatenhausen. - Lyriker, Dramatiker, Romanautor, Essayist u. Übersetzer; Historiograph.
S. erlebte als zweiter Sohn des aufklärerisch gesinnten Oberhofmeisters der dän. Königinwitwe, Christian Günther Graf zu Stolberg Stolberg, u. seiner pietistisch-schwärmerischen Ehefrau Christiane, geborene Gräfin zu Castell-Remlingen, eine für einen Standesherrn ungewöhnlich zwanglose Kindheit u. Jugend in Dänemark u. Schleswig-Holstein. Zum Freundeskreis der Familie zählten die aufgeklärten Adelskreise Nordelbingens ebenso wie die Dichter Johann Arnold Ebert u. Klopstock oder die Theologen Johann Andreas Cramer u. Balthasar Münter.
Nach der häusl. Erziehung durch frz. u. dt. Hofmeister bezog S. mit seinem älteren Bruder Christian 1770 die Universität Halle, um Rechtswissenschaften zu studieren. 1772 wechselten beide an die Universität Göttingen, wo Boie sie mit den Hainbündlern bekannt machte. Noch im selben Jahr als Mitglieder aufgenommen, stellten sie 1773 die Verbindung zu Klopstock her, der den Dichterkreis als Verbündeten bei der Verwirklichung einer Gelehrtenrepublik ansah. Im Herbst 1773 in den Norden zurückgekehrt, unternahmen die Brüder 1775 gemeinsam mit Heinrich Christian Kurt Graf von Haugwitz u. Goethe eine früher verabredete Bildungsreise in die Schweiz, auf der sie mit Bodmer, Gessner, Klinger, Lavater, Lenz, Merck, Schlosser u. Voltaire zusammentrafen. Die Rückreise führte über Ulm, Gotha, Erfurt, Weimar, Dessau, Berlin u. Hamburg u. machte die Brüder mit Schubart, Ekhof, Carl Theodor Anton Maria von Dalberg, Wieland, Basedow u. Nicolai bekannt. Im Sommer 1776 schlug S. eine von Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach angetragene Stelle als Kammerherr aus u. ging als Gesandter des Fürstbischofs von Lübeck u. Herzogs von Oldenburg an den dän. Hof nach Kopenhagen. Nach dem Sturz seines Schwagers Andreas Peter von Bernstorff bekleidete er 1781-1783 das Hofamt eines Obermundschenken an der Eutiner Residenz. 1782 heiratete er Agnes von Witzleben. Längere Reisen führten ihn nach Weimar, wo er erneut mit Goethe zusammentraf, nach Karlsbad u. Teplitz sowie in diplomatischer Mission nach St. Petersburg. 1786-1788 war S. als Amtmann in Neuenburg bei Oldenburg tätig. Nach dem plötzl. Tod seiner Frau ging er 1789 als dän. Gesandter nach Berlin, wo er seine zweite Frau, Sophie Charlotte Eleonore von Redern, kennenlernte, die er 1790 heiratete. Mit ihr, seinem Sohn Ernst u. dem Hofmeister Georg Heinrich Ludwig Nicolovius brach er 1791 zu einer Reise in die Schweiz u. nach Italien auf, von der er 1793 zurückkehrte, um das Amt eines fürstbischöfl. Kammerpräsidenten in Eutin anzutreten. Seine Konversion zum kath. Glauben 1800 veranlaßte ihn, sein Entlassungsgesuch beim Fürstbischof Peter Friedrich Ludwig einzureichen u. sich nach heftigen Kontroversen mit dem Eutiner Kreis (Friedrich Heinrich Jacobi, Nicolovius, Voß) in Münster u. dem nahen Lütkenbeck niederzulassen. Durch seine zweite Heirat finanziell unabhängig, widmete er sich fortan ohne Amt seinen religionsgeschichtlichen Interessen. 1812-1816 lebte S. auf Schloß Tatenhausen bei Bielefeld, danach, bis zu seinem Tod, auf Schloß Sondermühlen bei Osnabrück.
S.s frühe, Freiheit, Vaterland u. Natur huldigende Odendichtung (Mein Vaterland. An Klopstock; Der Harz; Die Natur; Die Freiheit. An Hahn) stand ganz in der Nachfolge Klopstocks. 1775, während seiner Reise in die Schweiz, löste er sich vom beherrschenden Einfluß seines Vorbilds u. wandte sich balladesken Dichtungen, freien Rhythmen u. dem Genre des sangbaren, gereimten Lieds zu, das er seit dieser Zeit als seine eigentl. poetische Ausdrucksform ansah. In der Eutiner Zeit nahm S. zunehmend Abstand von der abstrakten Rhetorik der frühen Freiheits- u. Vaterlandsgesänge u. entdeckte die heimische Landschaft als eigenständiges literar. Thema. 1782 gelang ihm mit dem seiner Braut gewidmeten Lied auf dem Wasser zu singen sein bedeutendster u. reifster lyr. Text. 1823 wurde das Gedicht, das als poetischer Ausdruck seines 1780 entstandenen dithyramb. Essays Über die Ruhe nach dem Genuß und über den Zustand des Dichters in dieser Ruhe angesehen werden kann, von Schubert vertont. Seine sympathet., pantheistisch geprägte Naturauffassung u. die Überzeugung, daß Dichtung bar aller poetolog. Einengungen unmittelbarer Begeisterung entspringen müsse, legte S. in seinen 1777 u. 1782 in Boies »Deutschem Museum« veröffentlichten Aufsätzen Über die Fülle des Herzens u. Über die Begeisterung dar. Zusammen mit der 1780 entstandenen Betrachtung Vom Dichten und Darstellen müssen die zwischen 1777 u. 1782 publizierten rhapsod. Essays S.s zu den eigenständigsten Prosazeugnissen des Sturm und Drang gerechnet werden. Mit seiner ebenfalls im »Deutschen Museum« publizierten, streng christlich argumentierenden Verurteilung von Schillers Elegie Die Götter Griechenlands provozierte S. 1788 eine weithin beachtete Debatte über Kunst, Antike, Religion sowie die Gewissens- u. Gedankenfreiheit des Dichters, an der sich neben den Kontrahenten auch Forster, Körner u. August Wilhelm Schlegel beteiligten. Im gleichen Jahr veröffentlichte S. bei Göschen in Leipzig den utopisch-idyll. Roman Die Insel, der, anders als das postum publizierte Hexameterfragment Die Zukunft oder der unvollendete Bildungsroman Numa, das einzige abgeschlossene epische Werk der Neuenburger Zeit blieb.
Ähnlich wie Schiller mit seinem Trauerspiel Die Braut von Messina (1803) unternahm auch S. den Versuch, das antike Theater zu aktualisieren. Richtungweisend für die klassizistische Tragödienform waren S.s zwiespältig aufgenommene, antikisierende Chordramen Timoleon (Kopenhagen 1784), Theseus (Lpz. 1787) u. das 1786 entstandene, erst in den Gesammelten Werken publizierte Schauspiel Servius Tullius. S.s Dramen, die eindringlich auf die Tropik Hölderlins bis hin zu wörtl. Anklängen wirkten, kommt heute allerdings nur noch histor. Interesse zu. Als Resultate seiner intensiven Beschäftigung mit der Antike veröffentlichte S. Übersetzungen von Homers Ilias (Flensburg, Lpz. 1778), mehrerer Dramen von Aischylos (Hbg. 1802) u. ausgewählter Werke Platons (Königsb. 1796/97). Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Aristophanes, Diodor, Euripides, Herodot u. Xenophon. Bahnbrechend wirkte vor allem S.s Ilias. In dieser ersten deutschsprachigen Übertragung eines Werks von Homer in Hexametern versuchte S. die homerischen Komposita u. Epitheta nachzubilden, was vielfach zu phantasievollen Wortneuschöpfungen führte. Seine bereits 1783 vollendete Übersetzung der Dramen von Aischylos beeinflußte Schiller nachhaltig bei der Konzeption der Braut von Messina. In der Tradition der Antike sah S. auch seine gesellschaftskrit. Jamben (Lpz. 1784). An diese sich frankophob u. aufklärungskritisch gerierenden Zeitsatiren knüpfte S. in seinen antirevolutionären Oden Die Westhunnen (Eutin 1794) u. Kassandra (ebd. 1796) an. Seine Distanz zum Geschichtsoptimismus u. zur Religionsskepsis der Spätaufklärer machte er auch in seiner vierbändigen Beschreibung Reise in Deutschland, der Schweiz, Italien und Sicilien in den Jahren 1791-92 (Königsb., Lpz. 1794) deutlich. Die entschieden christl. Prägung dieses Werks beeinflußte die frühromant. Autorengeneration u. ließ bereits wesentl. Leitgedanken seiner in 15 Bänden veröffentlichten Geschichte der Religion Jesu Christi (Hbg. 1806-18) erkennen. Als letzte Schrift S.s erschien 1820 in Hamburg, vom Bruder postum publiziert, als Replik auf die Angriffe von Voß die Kurze Abfertigung der langen Schmähschrift des Herrn Hofraths Voß. S. hinterließ ein umfangreiches, rhapsodisch anmutendes Werk, das ungeachtet offenkundiger ästhetischer Schwächen in vielfältiger Weise auf die nachfolgende Literatengeneration gewirkt hat.
Aus: Autoren- und Werklexikon: Stolberg Stolberg, Friedrich Leopold zu, S. 6. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon.


 

 

 


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