Christoph Martin Wieland (1733-1813) - Liebesgedichte



Christoph Martin Wieland
(1733-1813)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 





Ode

Tugend! o wie reizend schön bist du!
Himmelskind! ach kennten dich die Seelen
Die vor dich ein glänzend Nichts sich wählen
Und erkaufen Schmerz um Seelen-Ruh!
O wie würden sie die Stimme hassen,
Die sie jetzt zu süßem Elend ruft;
O, wie flöhen sie aus Circens Zaubergruft,
Zu dir auf die Königliche Straßen!

Ach daß doch ein schimmernd Nichts uns blendt!
Daß der Weise selbst, der Freund der Wahrheit,
Oft, mit einem Geist voll heitrer Klarheit,
Wie bezaubert sich zum Scheingut wendt!
O wie glühen jetzt die ernsten Wangen
Da zu spät ihn die Erfahrung lehrt
Daß Sein Arm, indem er dich begehrt,
Wie Ixion, einen Dunst umfangen!

Englische Sophie, mein Herz, mein Licht
Du bist selbst, ja Du bist selbst die Tugend,
Aus der Anmut aufgeblühter Jugend,
Reizt sie selbst in Dir ein klug Gesicht.
O wie strahlt aus Deinen schönen Blicken,
Wo mit weisem Ernst sich Anmut paart,
Eine Seele von Seraphscher Art,
Fähig mehr als Weise zu entzücken!

Doch Dein Mund, Dein liebenswerter Mund,
Nicht nur schön, wenn ihn die Küsse schließen,
Auch wenn kluge Worte von Ihm fließen,
Macht noch mehr als Deine Augen kund.
Und Dein Brief, in dem Dein Herz sich malet
O wie sanft erquickt er meine Brust!
O wie schwimmt Sie in ätherscher Lust!
Die mir reichlich Schmerz und Leid bezahlet.

Dich, Sophie, Dich gab der Himmel mir
Mich der Tugend liebreich zuzuführen;
Ja, ich war bereit mich zu verlieren,
Gott! Du sähest es, und gabst sie mir!
Jetzo dring ich sicher durch verwachsne Hecken,
Denn ihr redlich Herz verläßt mich nie;
Gott und Weisheit Tugend und Sophie
Sind bei mir, welch Unfall kann mich schrecken!

O Mein Engel, wenn wird einst ein Tag
Mich, Dir, liebstes Herz auf ewig anvertrauen
Und mein Glück auf solche Felsen bauen,
Die kein Orkan nicht zertrümmern mag?
Denn bin ich beglückt der Not entgangen,
Die des Weisen Auge oft benetzt;
Denn wird nie ein Dunst von mir geschätzt,
Denn die Tugend selbst hält mich in Dir umfangen!
(S. 9-10)
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Ode. An seine Freundin

Doris, fühle dies Lied, fühl in der Ferne selbst
Wie dein Thyrsis itzt fühlt, hohe Empfindungen,
Gleich dem Gefühl des Dämons
Wenn er die himmlische Nymphe küßt.

Sanft, mit stiller Gewalt, fasse die zarte Brust
Die Bewegung die itzt, Göttliche, mich ergreift,
Von sympathetischen Freuden
Bebe dein Herz und empfind wie ich.

Welche Ruhe, die sich über mein Herz ergießt?
Welche Himmel von Lust wo sich mein Blick verläuft?
Doris, dich denkt mein Geist nur!
Dich und die himmlische Liebe nur.

Tod ist ihm itzt die Welt, kein Geschöpf ist ihm mehr,
Du, du winkest ihm itzt, lächelnder Himmel, nicht,
Kein einladender Abend
Nimmt mich in tauende Schatten ein.

Dein Olympisches Lied tönt nicht mehr in mein Ohr
Du, bei dem ich so oft meinen Virgil vergaß,
Der du in Harfen der Engel
 Den erhabnen Messias singst!

Doris bleibt mir allein aus der Unendlichkeit
Deiner Bildungen, Gott, ist Sie allein mir noch,
Füllt die Schönste der Seelen
Ganz dies ihr nur geschaffne Herz.

O wie wallt es so sanft! o wie befriediget
Schlummern tief in der Brust alle Begierden ein,
Und die schauende Seele
Göttliche Schöne, hängt ganz an dir!

Wie Dein himmlischer Geist jeglichen Blick belebt!
Wie im redenden Aug, ach! im so schönen Aug!
Sich sie Seele enthüllet
Die So zärtlich und edel denkt?

Wie den blühenden Leib Anmut und Huld umfließt?
War nicht Eva so schön, da ihr entstehend Bild
Zur begeisterten Seele
Göttlicher Milton! herunter stieg?

O! wie liebt dich dein Freund? o wie beglückst du ihn!
Wenn dein Hyblischer Mund sich seinen Küssen beut,
Und die Sanftzitternde Lippe
Gleich der Rose in Knospen schwellt.

Wenn mein freudiger Blick an deinen Blicken hängt
Und die Seligkeit sieht, die itzt dein Herz umfaßt,
Freuden erhabnerer Sphären
Die kein Sklave der Erden kennt.

O! wie ist er entzückt? o wie begeisternd glänzt
Ihm dein himmlisches Aug und das zufriedne Rot
Das die Wangen umfließet
Und im Munde noch frischer blüht.

Doch wenn einst dieser Glanz in deinen Augen lischt,
Wenn der ernstliche Tod Schönheit und Grazien,
Von dem geliebten Leibe,
Den Sie lange bewohnten, treibt,

Doris, ja wenn du einst in meinen Armen stirbst
Wenn dein Auge nun bricht, wenn diese Lippen mir
Nun zum letztenmal lächeln,
Und mein gleichfalls erblaßter Leib

Hinsinkt, wenn wir alsdann freudig, dem Leben zu
Dieser Erden entfliehn, wenn dann mein reiner Geist
Mehr dem deinigen gleichet
Und nun bald so seraphisch wird.

Wenn ein himmlischer Leib uns itzt umfließt, und  wir,
Aufgelöst in der Lust neuer Umarmungen,
Kein Elysium sehen,
O wie werden wir selig sein!
(S. 10-12)
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Ode. Auf seine Freundin

Komm aus den Armen der Nacht, o Traumgott, vom scherzenden Schwarme
Holder Gesichte umringt,
Komm, die schlummernde Seele, zu deiner Begeistrung geöffnet,
Liegt und erwartet dich hier.
Trüge dies liebende Herz, zeig ihm die himmlische Freundin,
Zeig ihm das zärtlichste Kind,
Mit den Geistvollen Augen, voll sanfter liebender Blicke,
Mit dem lächelnden Mund;
So wie Sie war, so schön, so voll unbesiegbarer Anmut,
Und Unsterblicher Pracht,
Wie die Göttliche war, wenn unter zephyrischen Schatten
Uns der Abend umfing;
Wenn die Natur in Schlummer schon sank, und die einsame Dämmrung
Uns zu Betrachtungen lud;
Wenn wir, voll neuer Gedanken, uns in die Zukunft entfernten,
Und die Lieb um uns her
Paradiese von Freuden erschuf, und in reizender Aussicht
Unser Blick sich verlor.
Ihres Glückes versichert und deiner Liebe, o Schöpfer!
Flossen die Seelen zu dir,
Aufgelöst in Wünsche, sanft wie den Augen der Doris
Zitternde Tränen, vermischt
Mit den meinen, entflossen, die Kinder der edelsten Freuden,
Traumgott, so zeige Sie mir!
Doris, so komm mit umfassenden Armen, mit küssenden Lippen,
Mit entzückendem Blick.
Aber wenn ich Sie seh, wenn Sie mich liebreich umhalset,
Traumgott, denn eil auch zu ihr,
Dort wo in den Armen der Tugend, die himmlische schlummert,
Oft vom Seraph geküßt,
Gleich dem Frühling, wenn er in Abendwolken gehüllet
Auf der dämmernden Flur
Schlummert; denn eile zu ihr und zeig ihr in gleichen Gesichten
Ihren liebenden Freund,
Mit den Mienen voll Ruh, voll hoher wallender  Wonne
Die ihr Anblick erschafft;
Mit dem Auge das dankend hinauf zum Ewigen siehet
Und denn wieder auf Sie,
Mit der zärtlichsten Seele, die ihrer Begeistrung zu enge,
Voll wehmütiger Lust
Kaum noch sich fühlt und in deinen Küssen, o Doris, gesättigt,
Sich und die Schöpfung vergißt.
(S. 12-13)
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Ode an Doris

Erseufzte Stunde, da ich sie wiederseh,
Da sich ihr Arm mir zärtlich entgegenstreckt,
Stunde der süßen Freudenschauer,
Eil aus der Liebe Schoß hernieder.

Nur selten steiget eine der Seligen
Ätherschen Stunden, wie sie der Himmel lebt,
Nieder zur Erde, wo die Menschen,
Sich nicht bekannt, die Zeit verträumen.

Aber dich sendet, goldene Stunde, mir
Der Gottheit Tochter, die ich, von wenigen
Gehört, den Menschen sang, die Liebe,
Selber aus ihrer Schoß hernieder.

So schweben über Liebende Seraphim
Mit Zephyrsüßen Stunden der Freude hin,
So, wie ich dich genießen werde,
Fühlt dich der Jüngling jenes Erdballs;

Der dort im Meer unzählicher Sonnen schwimmt,
Von Glanz bedecket, keinem Cassin bemerkt,
Dir nur sichtbar, dem selbst Eloas
Wohnplatz die himmlische Muse zeigte.

Was werd ich fühlen? Doris, was fühlst du dann?
Was keine Zunge sterblicher Sänger spricht,
Was nicht die Seel in seinem Umfang
Denken kann, was sie entzückt nur fühlet!

Kaum wird sie glauben, wenn ihr das Auge sagt,
Daß du ihr nah seist, bis sie vor Freude stumm,
In Umarmungen sanft zerschmolzen,
Zärtlichste Seele, Dich gegenwärtig

Empfindet, bis die Schauer der Sympathie
Sie sanft durchdringen, daß von den Schauern dann
Jede Begierde bebt und fröhlich
Ihrer Geliebten entgegenwallet.

Was für Gedanken, was für Empfindungen,
Dem Mund unnennbar, redst du, o Auge, mir?
Himmlisches Aug, was vor Entzückung
Weinst du, mit Blicken der holden Liebe

Auf meine Wangen? Heiliger Augenblick,
Da ich zuerst dir, Freundin, entgegenkam!
Da ich dich liebte! Meines Glückes
Und dieser Stunde Quell sei gesegnet!

Wenn nun die Arme müd von Umarmungen
Sich ungern lassen, wenn sich die Seelen nun
Aus der Empfindungen süßem Taumel
Bebend erholen und um sich sehen,

Denn blickt ein Auge wundernd das andre an,
Das volle Herz strömt noch von den Lippen nicht,
Stumm, doch voll namenloser Freuden
Dankt dann der ernste Blick gen Himmel,

Lange verweilend; sinkt dann zurück und ruht
Auf dem geliebten Angesicht; jeder Blick,
Jede Miene, des Herzens Ausdruck
Wird der aufmerksamen Liebe sichtbar.

Dann kommt, Stunden, denen mein tränend Aug
So vielmals nachsah, da ihr geflohen wart,
Dann kommt ihr wieder, ihr der Weisheit
Ihr der Unsterblichkeit heilige Stunden.

Da wir von Gott, uns, oder der Tugend Glück,
Zärtlich besprachen, da wir Empfindungen
Zu Gedanken erhöhten, und Klopstock
Uns mit den Engeln vertrauter machte.

Da führt uns Bodmer hin in die erste Welt,
Wo er im Garten, den einst sein Milton sang,
Vor eine Eva, Drei voll Unschuld,
 Jede Dir ähnlich, o Doris, zeiget.

Mit freiem Blicke sehn wir mit Addison
Ins Herz der Menschen, jeglichen Trieb spürt er
Aus seinen Höhlen aus, der Tugend
Herrschenden Wink verstehn zu lernen.

Die Weisheit, die so fremde den Weisen ist,
Die Young so göttlich sang, die der Ewigkeit
Uns leben lehret, zeigt uns Rowe
Menschlicher, schön wie sie selbst, in Bildern.

Sie selber sehn wir, wie sie am Frühlingsbach
Auf Blumen träumet, oder den Hain durchschweift,
Und in der einsamen Schatten Stille
Ihre Gedanken behorcht und sammlet.

Wenn sie erzählet, sehn wir mit Augen fast,
Wie Rosalinde, schön wie ein Maientag
Im Schäferkleide bei dem Jüngling,
Der in der Laube schlummert, still steht,

Ihn sanft erzitternd ansieht und zweiflend sinnt,
Ob er vielleicht nicht einer der Sylphen sei:
Hin gerne küßte, doch sonder Unruh
Bald ihn verläßt und oft zurücksieht.

So, Doris, eilen nicht nur an Küssen reich,
Vom Geist genossen, unsere Stunden weg.
Da, Freundin, da verschönt dein Antlitz
Denkender Ernst und Begier nach Weisheit.

Wenn deine Lippen mir, was dein Herz empfindt,
Was deine Seele denkt, die so himmlisch denkt,
Natürlich schön, in freier Anmut
Sagen, wenn jeder Gedank des Herzens

Aufrichtigs Bild ist, wenn ich der Augen Glanz
Nun nimmer sehe, wenn mich der schönste Mund
Nicht mehr zu küssen lockt, wenn jede
Leblose Schönheit vor mir verschwindet:

Da schaut die Seele, voll unaussprechlicher
Geistlicher Freuden, nur deine Seele an,
Sieht, wie in ihr das Bild des Schöpfers
Sich so seraphisch enthüllt und glänzet.

Schön ist der Schimmer, der um Auroren her
Aus Taugewölken nieder zur Erde fließt,
Wenn sich die Rosen ihm eröffnen
Und um ihn jeglicher Hügel aufblüht.

Schön ist des Mädchens redender Blick, wenn er
Die erste Liebe nimmer verhehlen kann
 Und schon die Träne der Entzückung
Zitternd herauf ins Auge dringet.

Schöner als diese ist's, wenn ein blühend Kind,
Des Vaters Bildnis, sich, wie ein Liebesgott,
Um den Busen der holden Mutter,
Die ihm lächelt, voll Unschuld krümmet.

Aber noch schöner, nicht nur dem Auge schön,
Schön vor die Seele, reizend den Engeln selbst,
Ist die Seele, wenn ihre Triebe
Tugend und Harmonie beleben.

Das auszudrücken, was die uns fühlen lehrt,
Was sie vor Triebe in uns begeisternd zeigt,
Sind Arm und Lippen unvermögend.
Nur durch Gedanken und edler Taten

Zärtlichen Gleichlaut drückt es die Liebende
Der Freundin aus, die ihr mit antwortenden
Gleichedlen Handlungen dann sagen,
Daß sie sich ewig Lieben werden.
(S. 15-19)
_____



Elegie

An Entzückungen leer und stillentfliehenden Seufzern
Süßer wallender Lust fließt du, mein Leben, dahin,
Leer an sympathetischen Schlägen im zärtlichen Busen,
Wenn nur ein liebendes Aug sich mit dem andern bespricht,
Schauert mein Herz durch einsame Tag, und suchet die Ruhe,
Die nur die Liebe gewährt, bei den Platonen umsonst.
Ach Sophie! ach himmlische Freundin, in kläglicher Ferne
Weinst du vielleicht auch itzt liebende Tränen mir zu!
Ach! du weinest vielleicht, dich sieht dein Engel nur weinen,
Sonst kein Sterblicher nicht! Ach Sophie, weinest du itzt,
Und ich soll nicht die Tränen den himmlischen Augen entküssen,
Und ich höre dich nicht, wenn Du beim Namen mich nennst!
Kläglich getrennt weint jedes und seufzt den Tagen entgegen,
Die uns die Zukunft mißgönnt, seufzt den entflohenen nach.
Stunden, wo seid ihr, da mich an ihrem Arme der Abend
Heitrer gegrüßt, da ihr Blick um und um Freuden erschuf,
Und von Ihrem sanfttönenden Munde die Harmonien
Mit gesenkten Flügeln lauschende Zephyr geschöpft?
Warum strömt ihr nicht mehr aus ihren begeisternden Augen
In mein erweitertes Herz süße Empfindungen hin?
Warum fühl ich nicht mehr die stolzen Engelgedanken
Aus der erhabneren Brust schnell und unzählbar entfliehn?
Neue Gedanken, Geschöpfe der Lieb, in himmlischem Schimmer
Wie ein Maitag dem Schoß feuchter Auroren entsprießt.
Warum verlernst du mein Mund mit Seraphinen zu reden?
Warum lächelst du mir, himmlische Freude, nicht mehr?
Ach, Du bist mir geraubt, die Du mich leben gelehret,
Wie das Olympische Volk goldne Äonen durchlebt!
Ach, Du bist mir geraubt! Mit dir verließ mich die Freude
Und der Liebe Gefolg und die ätherische Ruh.
Kaum daß die Muse mich noch mit ihrer Gespielin besuchet,
Und die Leier mir nicht weinende Töne versagt.
Oft sinkt mein wünschendes Herz in träumrische Dämmrung, und siehet
Dein nachahmendes Bild vor sich und eilet ihm nach,
Wallt und bebt, als ob es in deine Umarmungen bebte,
An dein klopfendes Herz, doch Du umarmest mich nicht!
Denn erwach ich, der Schatten zerfließt in die Luft, denn entfließen
Tränen dem Aug, das bang hin in die Einsamkeit sieht.
Der du mein Klagen oft hörst, und die Augen voll suchender Blicke
Und das seufzende Herz hoch von den Wipfeln erblickst,
Oder aus silbernen Wolken, in deren lazurnem Schoße,
Ariel, dich oft mein dichtrisches Auge gesehn;
Siehst du auch itzt meine Tränen und wie am einöden Bache
 Sich dein wehmütiger Freund unter den Tannen verliert;
O so höre mich an! Floß je dein himmlisches Herze,
Wenn es zwei Liebende sah, still in Entzückungen hin,
Strahlte dein Antlitz je heller, wenn ein unschuldiges Mädchen,
Das nie die Liebe gefühlt, stand, und ihr bebendes Herz
Und die errötende Wange besah und süßere Wünsche
Voll beliebter Unruh in sich sanft tönend vernahm,
Schöner errötet, und dann den redlichen Jüngling erblickte,
Der Sie die Liebe gelehrt, eh Sie die Liebe gekannt,
Schüchtern ihn ansah, und neue Gefühl im schlagenden Busen
Fühlt' und im Widerstehn, Liebe, dich siegend empfand;
Segnete jemals dein lächelndes Aug aus heiliger Stille
Wenn mich Sophie umfing, unsern Empfindungen zu;
Brachtest du jemals in goldenen Schalen die Tränen der Hoffnung
Und der dankenden Brust stille Gebete vor Gott;
O so hör itzt, Ariel, mich um der menschlichen Freuden,
Die du oft beim Anblick unsrer Umarmung gefühlt!
Bringe Sie her, die mein Herze verlangt; du hast Sie begleitet,
Als Sie zuerst, unbewußt von mir geliebt zu sein, kam.
Ach! du warst's auch, der ihr, als ich der göttlichen weinte,
In die zärtliche Brust gleiche Bewegungen goß.
Bringe Sie mir entgegen, und wenn Sie nun nähert, so eile
Von der Göttlichen weg, die Du in Amorgestalt
Mit sanftwehenden Flügeln umgabst, und eile schnell schauernd,
Wie ein rauschender Nord goldene Ähren durchstürmt,
Vor ihr und rufe mich hin auf die Spur, die den eilenden Wagen,
Der dich, Sophie, mir bringt, schöner und festlich begrüßt.
Doch - verlasse Sie nicht! die sympathetische Liebe
Wird mich mit Göttergewalt schon zu der kommenden ziehn.
Bleibe bei ihr und schwebe zephyrisch mit fröhlichen Flügeln
Bald an der heitern Stirn meiner Geliebten dahin,
Bald um die Rosenwangen der Schönen Schwester, die würdig,
Ihre Schwester zu sein, blüht und Unsterblichen  gleicht.
(S. 19-21)
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Ode an Schinz

O vera Vita, che non sà che sia
Morir inanzi Morte
Potess' io pur cangiar teco mia sorte!

Wenn du Daphnen umarmst, und ihr geliebtes Aug
Alles, was Sie empfindet, sagt,
Und vor himmlischer Lust, Freund, dein gefühlvoll Herz
An dem Herzen der Freundin bebt,
Wenn dein Blick itzt an ihr voller Entzückung hängt,
Sieht, wie Unschuld und Zärtlichkeit
Jede Miene belebt, wenn Du, in ihrem Kuß
Ganz gesättigt, zu groß dich fühlst,
Goldne Wünsche zu tun; sprich mein Geliebtester,
Wenn, von Daphnen geliebt zu sein,
Wenn der große Gedank ganz deine Seele füllt,
Und kein Trieb ist, den Daphne nicht
Ganz beruhiget hat, fühlst du, o Schinz, dann nicht
Diesen einzigen Wunsch in dir:

"Möchtest Du auch hier sein, der du mich ferne liebst,
Der du fern von Sophiens Arm
Dein Verhängnis beweinst, und noch die Tränen mehr,
Die die himmlische Freundin weint,
Möchtest du auch hier sein! Wärst Du der Seligkeit
Zeuge, die itzt mein Leben krönt,
Jener, deren Gestalt sich vor dein wünschend Herz
Stellte, da du Balsoren sangst!
Wäre die auch bei uns, die du so zärtlich liebst,
Die so himmlisch dich wiederliebt!
O, was fühlten wir dann, Wieland, was fühlten wir!
O, wie zärtlich umarmten sich
Unsre Freundinnen dann! o, wie umarmten wir
Uns bei ihren Umarmungen!
Auch der segnete dann unsrer Empfindung zu,
Dessen Nam uns zur Tugend weckt,
Mit Sokratischem Blick lächelte Bodmer oft
Unsrer edleren Liebe zu.
O dann fänd uns die Ruh mit der ätherschen Lust
In gesangvollen Hainen gehn,
Unter Lauben, wo gern, weil sie die Einfalt liebt,
Sich die Weisheit zur Freundschaft findt.
O dann wären wir, Freund, seliger, als voreinst
Die Bewohner Arkadiens,
Wo die Unschuld und Lust lächelnder Nymphen Reihn
Zu harmonischen Tänzen rief."

Wünscht dein Herz nicht so, wenn Du in Daphnens Arm
Mehr die Triebe nach Freunden fühlst?
Ja, so wünschet mein Schinz! ach! warum hörest Du
Unsre weiseste Wünsche nicht,
Der du niemals gehört, daß ein gemeiner Wunsch
Mein erhabneres Herz entweiht!
O! wie wären wir dann glücklich! dann wünschten wir
Nimmer! heitre Zufriedenheit,
Wie die Liebe sie schenkt, breitete dann um uns
Ihre Schwanengefieder aus,
Jede Stunde, die wir lebten, der gäbest Du,
Weisheit, neuen verschiedenen Reiz;
O! wir lebten dann so, wie man der Ewigkeit
Und der nähern Gottheit lebt!
(S. 21-23)
_____



Ode

Und ich seh dich noch nicht, und mein verlangend Herz
Bebt noch in deiner Umarmung nicht?
Und die Seele, die dich so unaussprechlich liebt,
Freundin, liegt noch, wie vom Gram betäubt,
Wie in Ohnmacht! vom Schmerz ihres ätherschen Lichts
Und der Stärke beraubt, die sie
Zum Olympus oft hob; seufzet und reißt sich nicht
Aus den Fesseln des Kummers los.
Solls vergeblich dann sein, Göttliche, daß ich dich
Meinen Armen schon nah geglaubt?
Und ich soll dich nicht sehn, die meine Seele liebt,
Die ich von allem, was Gott nicht ist,
Aus der Schöpfung Bezirk (ach wie entbehrt ich dich?)
Ganz allein nicht entbehren kann?
Die mein fühlendes Herz mächtig zur Tugend reizt,
Die zur Freundschaft mich bildete,
Dich, dich soll ich nicht sehn? Sinke nur, banger Geist,
In unsterbliche Schmerzen hin!
Sei verschlossen dem Trost! Hoffnung verbreit um mich
 Dein zufriednes Gefieder nicht!
Schmerz, dich will ich allein fühlen, du seist hinfür
Meine Wollust! Empfindungen
Meines Jammers, o bebt, bebt, und verstummet nie,
Die entkräftete Seele durch!
Ach, wie kann ich noch sein! Seele, vor Sie gemacht,
Sie zu lieben von Gott gehaucht,
Ach wie kannst du noch sein? Sei denn, und weine nur,
Beb, und fühle, und denke nicht!
Oder fühlest du noch, denkst du, so sieh in dir,
O so sieh nur ihr Bildnis an,
Ihr olympisches Bild, mit den Empfindungen
Sieh es stumm und zerwallend an,
Wie du sie einst gesehn, da Sie das erste mal
Deinen Augen entgegenkam,
Mit betroffenem Blick, der nur Bewundrung war,
Der erstaunend und unverwandt
Auf ihr ruhte, den Geist, der ihre Bildung schmückt
Und den lächelnden holden Mund,
Und der redlichen Stirn Heiterkeit sah, und dann
In dem Aug, wo die Göttliche,
Wo die Seele sich malt, wo sie der Himmlischen
Mächtig siegende Sprache redt,
Den unsterblichen Hang unserer Seelen las,
Sympathien der Liebe las.
So empfinde mein Herz, wenn du ihr Bildnis siehst,
 Das so wert ist, ein Engelsherz
Einzunehmen! wie wert, ach wie so wert ist es,
Daß du es nur allein noch denkst.
Ja, dich denk ich allein, dich - und die Ewigkeit,
Und den Gott, dem du ähnlich bist.
Die sich sonst mir so schön als ein ätherischer
Frühling zeigte, die Zukunft, hat
Keinen Reiz mehr für mich! Bilder der Seligkeit,
Phantasien von Götterlust,
Ach, wo seid ihr dahin? hin! mein betrogner Geist
Haßt euch, treulose Hoffnungen!
Hofft nun nimmer, und sieht, wenn er ins ferne sieht,
Öde, grundlose Tiefen nur.
Ach! wie warst du so kurz, Glück, das der Himmel nur,
Selten nieder zur Erde sendt!
O wie selig war ich! Tage, wo seid ihr hin,
Die ihr voll unaussprechlicher
Seligkeiten, voll Ruh, voll nie empfundner Lust,
Allzu plötzlich vorüber floht?
Ja, wenn einst meine Zeit mir, wie ein Morgentraum,
Wie die Jahre der Kindheit scheint,
O so werdet ihr mir, Tage der Liebe, noch
In der Ewigkeit festlich sein!
Der Erinnerung wert, daß die Unsterblichen
Froh euch wieder empfinden, wert!
Ach! wie selig war ich! da ich, o Doris, dir
Heimlich weinte, da noch mein Herz
Von Empfindung gedrängt, und deiner Würde voll,
Dich zu lieben, sich selbst verbarg!
O wie seliger noch, da du das erste Mal
Mich mit Augen voll Zärtlichkeit
(O wie redeten sie! o wie viel sagten sie!)
Liebenswürdigste, angeblickt.
Sei mir heilig, o Tag, da Sie empfindungsvoll,
Voll unschuldiger Liebe mich
Ansah, da mir ihr Aug ewige Treue schwur,
Dreienzwanzigster des Augusts
Sei gesegnet! Vor dich bet ich die Vorsicht einst
Mit ätherischen Tränen an;
In der Ewigkeit noch, wenn, die itzt prächtig blühn,
Alle Sonnen verwelket sind,
Wenn Äonen von Zeit in sie geflossen sind,
Feir ich, seligster Tag, dich noch.
In der Göttlichen Arm, ganz in Entzückungen,
In Entzückung des Himmels ganz
Ausgegossen will ich wieder die Seligkeit
Fühlen, die du mir damals gabst.
Welche Zeiten voll Ruh, Tage der heiligen
Liebe, Stunden der Zärtlichkeit,
Fremd dem irdischen Volk, voll von Empfindungen,
Die keine menschliche Sprache sagt,
Folgten, aber zu schnell, himmlischer Tag, dir nach?
An Umarmung und Küssen reich.
Reich an heiliger Lust, und an erhabneren
Überirdischen Freuden reich!
Gott, du hast sie gesehn! Jede Empfindung war,
Jede Neigung in unsrer Brust
War dir sichtbar; du hast segnend uns angestrahlt,
Denn du, Gott, bist die Liebe ja!
Da Du uns so gesehn, da du uns segnetest,
Dachte da nicht dein göttlich Herz:
Euer Wunsch ist erhört, Kinder der Zärtlichkeit,
Die ihr folgsam dem süßen Hang,
Der mit ewger Gewalt Herzen zusammenzieht,
Euch so redlich, so edel liebt,
Ihr sollt glücklicher sein, als euer zärtliches
Frohes Herze zu wünschen wagt;
Tage warten auf euch, jener Zufriedenheit
Himmelgränzer Welten voll;
Wie sein Leben man lebt, wenn es der Unschuld Reiz,
Und die Weisheit olympisch macht.
Hast du also gedacht, Vorsicht, so winke mir,
O so winke mir Hoffnung zu!
Führe Doris zu mir, daß mein erschöpftes Herz
In den süßen Umarmungen
Wieder mächtiger schlag, und dir, geliebtes Herz,
Folge, wenn du so himmlisch fühlst.
Daß vom lieblichen Glanz, der ihrem Aug entfließt,
Mein erkalteter Geist, belebt,
Wieder aufblüh, geschickt in die äthersche Luft,
Weise Rowe, dir nachzufliehn.
Von ihr zärtlich umarmt, an ihr seraphisch Herz,
Überwallend von Lust, gedrückt,
Vom melodischen Ton, der ihrem Mund entschallt,
Ganz erfüllt, und zu geistigen
Harmonien entzückt, will ich, o Tugend, dich
Stärker lieben und würksamer
Wie auf Schwingen des Wests will ich in Bodmers Arm
Und in Schinzens Umarmungen
Von ihr eilen. Dann soll Doris mich tränenfrei
Küssen, und mich entfliehen sehn.
(S. 23-26)
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Ode an Schinz

Heil dem glücklichen Tag der die Belohnungen
Deiner Tugend dir bringt, und von unzählbaren
Goldnen Tagen begleitet
Vom Olympus herunter kommt!

Nun ist Daphne ganz Dein. Daphne in deren Blick
Lieb und Unschuld dir strahlt; Güte beseelt ihr Herz,
Und ihr holdes Betragen
Tausend sittsame Grazien.

Nun ist Daphne ganz dein! Glücklicher schau entzückt
In die Zukunft hinaus. Laß von den seligen
Rosenwangichten Stunden
Ungenossen nicht eine fliehn.

Jede Tugend gesellt sich zu den Freuden hin
Die dir winken; oft hebt Young sie zum Himmel auf,
Wenn am festlichen Abend
Euch der lispelnde Hain empfängt.

Eure Liebe lebt noch, wenn die Narzissen sich
Mit dem Spiegel entzwein; wenn das Tibullische
Einst vergötterte Mädchen
 Unbesungen vorüberschleicht.

Denn sie welkt nicht hinweg unter Umarmungen
Wie die comische Glut, die auf der Wang entbrennt,
Die von Küssen sich nähret,
Und an Küssen zuletzt erstickt.

Euer Leben voll Ruh und vor dem Neid bedeckt
Fließt durch Blumen dahin. Weise, du weißt es, Freund,
Haben oft sich gewünschet,
Was dein selig Geschick dir gibt.

Ach ich sah auch vordem, glücklicher S[chinz], wie du
In die Zukunft hinaus; schönere Hoffnungen
Hat die himmlische Liebe
Keinem Sterblichen je gezeigt.

Und nun sind sie dahin - ewig dahin! sie ruft
Keine Träne zurück! Und, wie ein Morgentraum,
Wie ein Schatten im Mondlicht
An Gebüschen hinunterschlüpft,

Schwebt nur, matt und entfärbt, was einst Empfindung war,
Was Entzückung einst war, meiner Serena Bild,
 Jeder Stunde der Liebe
Holder Schatten vor mir vorbei.

Niemals seh ich hinfort ihres geliebten Augs
Heitern himmlischen Geist; ihres Gemütes Bild,
Niemals sink ich vor Freude
An die lächelnden Lippen hin.

Ach wir werden nicht mehr, in die vertrauliche
Grüne Stille gehüllt, unsrer Unsterblichkeit
Und dem Leben der Engel
Halb entkörpert entgegensehn.

Doch, ich klage nicht, Freund, schweigend erkenn ich hier
Eines Weiseren Macht. Oft kommt ein Augenblick
Da mein Herz ihm noch danket,
Und Serenen itzt reiner liebt.

Und sie ist es auch wert. Selten belebt ein Herz
Wie das ihrige ist, und ein so heller Geist
Einen weiblichen Busen,
Wo die zarte Empfindung glüht.

Mitten unter der Welt wagt es ihr Helden Herz,
Weis und edel zu sein; aber der beste Teil
Den sie lebt, ist verborgen,
Engel sehn ihn und lieben sie.

Doch der heutige Tag ist nur der zärtlichen
Frommen Freude geweiht. Laß kein mitleidig Ach
Keinen Seufzer, o Daphne,
Nach Serenen zurücke fliehn!

Mein beruhigtes Herz fühlet bei euerm Glück
Eine reinere Lust, als die Entzückung war,
Die die Hoffnung mir ehmals
In Serenens Besitz verhieß.

Laß mir dieses Gefühl, das mich so glücklich macht,
Freund, dich glücklich zu sehn! Und was ich selber mir
Zu Serena einst wünschte
Sei mit Daphnens Umarmung dein.

Freuden warten auf dich, welche zu sehen oft
Aus den Sphären herab Engel gestiegen sind,
Edle, menschliche Freuden
Die die Weisheit dir heilig macht;

Wenn sie, welche mein Herz, S[chinz], dich zu lieben neigt,
Und dein redlicher Sinn, wenn auch die sittsame
Schöne Unschuld der Mutter
Bei den spätesten Enkeln lebt.

Deckt ein bräutliches Rot, D[aphne], die Wange dir?
Ist die Hoffnung nicht schön? Wie wird der Anblick sein,
Wenn dein lächelndes Nachbild
Um den zärtlichen Busen scherzt?

O dann lehre sie auch, wenn sie sich jugendlich
Mit sanftlächelndem Mund Worte zu reden übt,
Meinen Namen bald stammeln
Und Serena mit Seufzen nennen!
(S. 44-47)
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Nadine
Eine Erzählung in Priors Manier

"Nadine, komm, und misch in deinen Kuß
Den Zauberton, der Philomelens gleichet,
Indes die Nacht mit unbemerktem Fuß
Den jungen Tag in Florens Arm beschleichet.

Ein Augenblick wird schon zu teur versäumt;
Sie fliehn, sie fliehn mit Flügeln an den Füßen,
Die Stunden fliehn, die unter unsern Küssen
Ein Quincika* am Quell der Lust verträumt.

Hat meinen letzten Hauch dein Mund einst aufgeküßt,
Was folget uns ins öde Reich der Schatten?
Ach! die Erinnerung was wir genossen hatten
Ist mehr vielleicht als dann uns übrig ist."

So spricht Amynt, und drückt, indem er's spricht,
An ihren Schwanenhals sein glühendes Gesicht,
Und fühlt, vom Arm der Liebe sanft umwunden,
Den ganzen Wert der eilenden Sekunden.

Mit Augen, wo die Traurigkeit
In süße Wollust schmilzt, verschämt, doch hingerissen
Von eurer Macht, Natur und Zärtlichkeit,
Entwindt sie lässig nur sich seinen heißen Küssen.

Die schlaue Nacht zieht jüngferlich bescheiden
Ein Wölkchen, wie vom dünnsten Silberflor,
Dem Seitenblick der spröden Luna vor;
Ein Rosenbusch wächst schnell um sie empor,
Und ungesehn umflattert sie ein Chor
Von Liebesgöttern und von Freuden.

Nur Einer aus der kleinen Schar
Ein junger Scherz, von dreisterem Geschlechte,
Den eine Grazie dem schönsten Faun gebar,
Setzt schalkhaft auf dem braunen Haar
An deiner Stirn, Nadine, sich zurechte.

Amynt wird ihn zuletzt gewahr,
Und will den losen Gaukler fangen;
Allein der Scherz, der leicht von Füßen war,
Entschlüpft, und flieht in eins der Grübchen ihrer Wangen.

Auch hier verfolget ihn Amynt.
Nun, denkt er, soll mir's doch in ihren Lippen glücken!
Ja! wäre nicht sein Gegner schnell besinnt
Den kleinen Gott mit Küssen zu ersticken.

Er zappelt, wie ein junger Aal
Im feuchten Netz, und schlägt und sträubt sich mit den Flügeln,
Bis zwischen sanft erhabnen Hügeln
Von warmem Schnee ein dämmernd Rosental
Sich ihm entdeckt. - Er glitscht an einer Leiter
Von Bändern unvermerkt herab.
Umsonst! Der Mund, der keine Rast ihm gab,
Folgt ihm durch Berg und Tal, und treibt ihn immer weiter.

Wohin, o Venus, soll er fliehn?
Wo kann er zu entrinnen hoffen?
Wie soll er sich der Schmach, erhascht zu sein, entziehn?
Wo ist noch eine Zuflucht offen?

So wie ein Reh, vom frühen Horn erweckt,
Mit raschem Lauf, der kaum das Gras berühret,
Von Bergen flieht, dann steht, die Ohren reckt,
Dann schneller eilt, vom Nachhall fortgeschreckt,
Und sich zuletzt in einen Hain verlieret,
Wo krauser Büsche Nacht ihm seinen Feind versteckt:

So eilt der schlaue Scherz, ganz atemlos vor Schrecken,
So leis er kann in eine Freistatt sich,
Wo ihn sein Jäger sicherlich
Nicht suchen werde, zu verstecken.

Der Flüchtling glaubt, in Paphos tiefstem Hain,
Wo, unentdeckt sogar bei Sonnenschein,
Sich Amor oft an Spröden schon gerochen,
Glaubt in Cytherens Heiligtum,
In Dädals Labyrinth, ja im Elysium
Nicht sicherer zu sein als wo er sich verkrochen.

Allein der Liebesgötter Schar
Die, Bienen gleich, doch unsichtbar,
In Trauben an Nadinens Wangen,
An ihrem Rosenmund, an ihrem Busen hangen,
Bemerkten bald die reizende Gefahr,
Und schrien laut - als es zu späte war:
"Ach! Brüderchen, du bist gefangen!"
(S. 70-72)

* Aus Boccaz und La-Fontäne bekannt

_____



Erdenglück
An Chloe

Hüpfend, wie das Blut in deinen Adern, scherzet,
Chloe, deine Seel ihr Dasein hin;
Keine Ahndung ferner Übel schwärzet
Deinen freien unbewölkten Sinn;
Alles, deucht dir, ist wie deine Wangen
Rosenrot; gleich Liebesgöttern hangen
Tausend Hoffnungen, von brütender Begier
Sanft entfaltet, gaukelnd über dir.
Jeder Wunsch, der mit Vergnügen schmeichelt,
Scheint dir schuldlos: du erfuhrst noch nicht
Daß der Schmerz sich oft zu Wollust heuchelt,
Und die Hoffnung stets zu viel verspricht.

Ach! warum, o Chloe, sind's nur Träume,
Wenn die Phantasie, mit eitler Schöpfungskraft,
Goldne Welten um uns her erschafft?
Lauter Lust, wohin das Auge gafft,
Lauter Rosen, lauter Myrtenbäume;
Göttertisch von Grazien gedeckt,
Nektar aus Tokay in allen Flüssen,
Schlaf auf Schwanen, den zu stillen Küssen
Amor oft, die Sorge niemals, weckt;
Lauter Feste, Tänze, frohe Spiele,
Lauter Unschuld, Eintracht, Zärtlichkeit,
Kurz, der Menschen ganze Lebenszeit
Ein Gewebe lieblicher Gefühle -
Welch ein Traum! -

"Warum (so ruft, entzückt
Von Nanett im kurzen Unterrocke,
Tristram aus, indem des Mädchens schwarze Locke
Sich im ungelernten Tanz entstrickt,
Und ihr lächelnd Aug unwissend Liebe blickt)
Ach! warum, du, dessen Wohlbehagen
Unsre Freuden schafft und unsre Plagen,
Kann nicht hier ein Mann sich in der Freude Schoß
Niederlegen, tanzen, singen, und sein Pater sagen,
Und gen Himmel mit Nanetten gehn?"

Eitler Wunsch! vielleicht verzeihlich im Entstehn,
Aber dem Gesetz der ernsten Weisheit - Sünde!
Ein Verhängnis, dessen dunkle Gründe
Wir vielleicht in bessern Welten sehn,
Findt für diese Welt ein reines Glück zu schön,
Mischt in jeden Tropfen Lust geschwinde
Zwei von Bitterkeit, gefällt sich, (wie es scheint)
Jede Hoffnung selbstgewählter Wonne,
Wenn zu unsern Wünschen alles sich vereint,
Plötzlich zu verwehn, erfindet jedem Morgen,
Der uns Lust verhieß, unvorgesehne Sorgen,
Gibt die Unschuld oft der Bosheit, dem Betrug
Preis, und lohnt die Treu mit einem Aschenkrug.

Chloe, hoffe nicht, daß innerhalb dem Kreise,
Der den Erdball von dem Sternenfeld
Trennt, die Wonn uns je ihr himmlisch Antlitz weise!
Ach! sie sinkt nicht bis zur Unterwelt!
Alle diese schönen Luftgesichte,
Deren Name deine junge Brust
Überwallend macht, sind bloße Schaugerichte,
Leichte Träum unwesentlicher Lust!
Freundschaft, Liebe! ach! euch lassen uns die Götter
Nur von fern aus offnem Himmel sehn;
Diesseits her versetzt, sind eure Früchte - Blätter,
Die mit leerem Schmuck das Auge hintergehn!
(S. 73-74)
_____



DIE ERSTE LIEBE
AN PSYCHE

Die Quelle der Vergessenheit,
Aus welcher in der Fabelzeit
Die frommen Schatten sich betranken,
Und dann, vom Los der Sterblichkeit,
Von Sorgen und von Nachtgedanken,
Von langer Weil und Zwang befreit,
In selger Wonnetrunkenheit
Hin auf Elysiens Rosen sanken:
Was meinst du, Freundin, was sie war?
Dein Beispiel macht die Sache klar;
Du kennst nun Amors Wundertriebe;
Von diesem Lethe sehen wir
Die klaren Wirkungen an Dir:
Dies Zauberwasser ist - die Liebe.

Ein Tröpfchen, sei es noch so klein,
In Unschuld züchtiglich hinein
Geschlürft aus Amors Nektarbecher,
Tut alles dies! Was wird geschehn,
Wenn unerfahrne junge Zecher
Im Trinken gar sich übersehn?

Das süße Gift! es schleicht die Kehle
So sanft hinab! - Was Wunder auch,
Wenn eine wonnetrunkne Seele
Dem jungen Faun beim ersten Schlauch
Ein wenig gleicht, dem seine Höhle,
Sein Schlauch, und der geliebte Freund
Der mit ihm zecht, das Weltall scheint?

Du staunst mich an? - O! um die Dichterköpfe!
Fi! wie mir der Faununkulus,
(Das ungleichartigste Geschöpfe
Mit Amorn, der von einem Kuß
Zehn Jahre lebt) da ich ein Gleichnis brauche,
Just in die Quere laufen muß!
Das närrsche kleine Ding mit seinem ersten Schlauche!
Allein, so geht's uns armen Reimern gern.
Nicht immer bleiben wir des Flügelpferdchens Herrn!
Bald übermeistert uns die Laune,
Bald gar der Reim. Wer sieht den Abstand nicht
Vom Gott der Zärtlichkeit zum Faune?
Allein den Reim, die Laune, ficht
Dies wenig an; sie wechseln oder paaren,
Nach Willkür und Gemächlichkeit,
Oft Dinge, die, seitdem den Elementenstreit
Ein Gott entschied, noch nie gepaart gewesen waren:
Die Laune holt zur feinsten Ironie
Den Stoff vom - Vorgebirg der Nasen;
Und läßt der Reim nicht ohne Müh
Den Hasen bei Delphinen grasen?

Doch, so wie auch ein Tor einmal was kluges spricht,
So reimte dieses Mal der Reim so übel nicht:
Denn etwas, gutes Kind, ist, leider! an der Sache.
Nicht, daß ich's dir zum Vorwurf mache!
Die Grazien verhüten's! - Aber doch
Bleibt wahr, was wahr ist: daß, seit du aus Amors-Schlauche
Den großen Zug getan, du kaum von ferne noch
(Dank sei dem losen kleinen Gauche!)
Dich jenes schönen Traums aus einer bessern Zeit
Besinnen kannst, den wir für Wahrheit hielten,
Eh diese Amorn noch um deinen Busen spielten.

Denn, sprich mit Offenherzigkeit,
Wo sind sie hin, die Bilder jener Zeit,
Als, an der besten Mutter Seite,
Wir, wie die guten frommen Leute
Der alten goldnen Schäferzeit,
In selger Abgeschiedenheit
Von Hof und Welt, gleich Geßners Hirten,
Im Schatten junger Pappeln irrten? -

Die, weil sie Panthea mit eigner Hand gepflanzt,
In unsem Augen schöner waren
Als Tempe, wo mit los gebundnen Haaren
Um Daphnens Stamm die Nymphe tanzt.
Sprich, war in seinen Schäferjahren
Apollo glücklicher als ich?
Auch dich, Psycharion, auch dich
Schien unsre Freundschaft zu beglücken;
Ein sanftes, geistiges Entzücken
In deinem Lächeln, deinen Blicken
Schien der geschwisterlichen Schar,
Die durch dein Anschaun glücklich war,
Des Engels Wonne auszudrücken,
Der sich allein in seinen Freunden liebt,
Und Wonne fühlt indem er Wonne gibt.

O gute Psyche, welch ein Leben,
Hätt ihm ein günstiges Geschick
Ein wenig Dauer nur gegeben!
Denn ach! es war ein Augenblick!
Der Mond ging auf, der Störer unsrer Freuden,
Der Amorn oft die Zeit zu lange macht:
Uns kam er stets zu früh - er kam, um uns zu scheiden!
Vergebens hofften wir den Flug der braunen Nacht
Durch unsre Wünsche aufzuhalten:
Wir wurden im Olymp, wie billig, ausgelacht;
Die Götter sparen ihre Macht;
Kurz Phöbus ging zur Ruh, und alles blieb beim alten.
Was war zu tun? Geschieden mußt es sein!
Ein traurig Lebewohl erstarb auf jedem Munde.
Noch diesen letzten Blick! - Da bin ich nun allein,
Und stehe noch, mit offnem Aug und Munde,
Als wurzelt' ich in zauberischem Grunde,
Wie ein gebannter Ritter, ein.

Nicht wahr, an alles dies erinnerst du dich kaum,
Vielleicht, wie man von einem Morgentraum
Die schnell zerfließenden Gestalten
Vergebens sich bestrebet fest zu halten?
Vergessen ist im Arm des neuen Agathon
Der gute Psammis-Danischmende;
Die Götterchen von Paphos sehn mit Hohn
Auf ihn herab von ihrem Lilienthron,
Und klatschen in die kleinen Hände.
Doch, was ist hier, ihr Götterchen, am Ende
So viel zu klatschen? Spart den Hohn!
Hofft nicht, daß uns der Wert der überwundnen blende!
Mit Zauberwaffen trägt man leicht den Sieg davon.

Die Wahrheit, Freundin, ist, daß der
Von Liebe gar nichts wissen müßte,
Der in dies Wunderwerk sich nicht zu finden wüßte.
Die erste Liebe wirkt dies alles und noch mehr.
Mit ihrem ersten süßen Beben
Beginnt für uns ein neues beßres Leben.
So sehen wir im Lenz der Sommervögel Heer
Auf jungen Flügeln sich erheben:
Gleich ihnen, sind wir nun nicht mehr
Die Erdenkinder von vorher;
Wir atmen Himmelslüfte, schweben
Wie Geister, ohne Leib, einher
In einem Ocean von Wonne;
Bestrahlt von einer schönern Sonne
Blüht eine schönere Natur
Rings um uns auf; der Wald, die Flur,
So deucht uns, teilen unsre Triebe,
Und alles haucht den Geist der Liebe.

O Zauberei der ersten Liebe!
Noch jetzt, da schon zum Abend sich
Mein Leben neigt, beglückst du mich!
Noch denk ich mit Entzücken dich,
Du Götterstand der ersten Liebe!
Was hat dies Leben das dir gleicht,
Du schöner Irrtum schöner Seelen?
Wo ist die Lust die nicht der hohen Wonne weicht,
Wenn von den göttlichen Clarissen und Pamelen,
Von jedem Ideal, womit die Phantasie
Geschäftig war in Träumen uns zu laben,
Wir nun das Urbild sehn, sie nun gefunden haben,
Die Hälfte unser selbst, zu der die Sympathie
Geheimnisvoll uns hinzog - Sie,
Im süßen Wahnsinn unsrer Augen,
Das Schönste der Natur! Aus deren Anblick wir,
Wie Kinder an der Brust, nun unser Leben saugen,
Von allem um uns her nichts sehen außer Ihr,
Selbst in Elysiens goldnen Auen
Nichts sehen würden außer Ihr,
Nichts wünschen würden, als sie ewig anzuschauen!

Von diesem Augenblick nimmt sie als Siegerin
Besitz von unserm ganzen Wesen.
Wir sehn und hören nun mit einem andern Sinn;
Die Dinge sind nicht mehr was sie zuvor gewesen.
Die ganze Schöpfung ist die Blende nur, worin
Die Göttin glänzt, die Wolk, auf der sie schwebet,
Der Schattengrund, der ihren Reiz erhebet.
Ihr huldigt jeder Kreis der lebenden Natur;
Ihr schmücken sich die Hecken und die Bäume
Mit jungem Laub, mit Blumen Tal und Flur;
Ihr singt die Nachtigall, und Bäche murmeln nur
Damit sie desto sanfter träume;
Indes der West, der ihren Schlummer kühlt,
Für sie allein der Blüten Balsam stiehlt,
Und, taumelnd vor Vergnügen,
Verliebte Rosen sich auf ihrem Busen wiegen.

Sie träumt - Ein süßes Lächeln schwebt
Um ihren rötern Mund, um ihre vollern Wangen:
O! wär es zärtliches Verlangen,
Was den verschönten Busen hebt!
O! träumte sie - (so klopft mit ängstlicher Begier
Des Jünglings Herz) o träumte sie von mir!
O Amor, sei der blöden Hoffnung günstig!
Er nähert furchtsam sich, und selbst der keusche Blick
Besorgt zu kühn zu sein, und bebt von ihr zurück.
Doch Amor gibt ihm Mut, die Dämmrung ist so günstig,
Und, o wie schön ist Sie! - Verloren im Genuß
Des Anschauns steht er eine Weile
So steinern da wie eine Marmorsäule.
Wie selig er sich fühlen muß!
Den Göttern gleich zu sein was fehlt ihm noch? - ein Kuß,
Ein einzger unbemerkter Kuß,
Wie Zephyr küßt, auf ihre sanfte - Stirne.
Der höchste Wunsch, den seine Liebe wagt!
Und auch dies Wenige, so viel für ihn! versagt
Sein Zaudern ihm. Denn eh sein Mund es wagt,
Reibt Chloe schon den Schlummer von der Stirne.
Sie schlägt die Augen auf. Bestürzung, Zärtlichkeit,
Und holde Scham, in zweifelhaftem Streit,
Verwirren ihren Blick. Er glaubt ihr Auge zürne,
Sieht bang sie an, und flieht. Nun ist rings um ihn her
Die weite Schöpfung: öd und leer,
Die Luft nicht blau, der Mai nicht blühend mehr;
Das Sonnenlicht hört auf für ihn zu scheinen.
Dort sitzt er, wo der finstre Hain
Die längsten Schatten wirft, auf einem rauhen Stein,
Gefühllos jedem Schmerz - als ungeliebt zu sein,
Gefühllos jeder Lust - als ungestört zu weinen.

Schon sinkt des Himmels Auge zu,
Schon liegt die Welt in allgemeinem Schlummer,
Und Er, versenkt in seinen Kummer,
Er wird es nicht gewahr. Die Ruh
Flieht, Ärmster, deine Brust, und deine Augenlider
Der süße Schlaf! Der Abend weicht der Nacht,
Die schöne Nacht dem schönern Morgen wieder,
(Für dich nicht schön!) und du, an Chloens Bild
Geheftet, ganz von ihr und deinem Schmerz erfüllt,
Bemerkst es nicht! Und doch, bei allem seinem Leiden,
Liebt er die Quelle seiner Pein:
Er nähme nicht der Götter Freuden
Von seinem Wahn geheilt zu sein!
Doch, welche Wonne, welche Freuden,
Erwarten, sanfter Jüngling, dich,
Wenn Sie, - die alle deine Leiden
Mit dir geteilt, und, wenn bei deinem Anblick sich
Oft eine Trän aus ihrem Auge schlich,
Kaum Mut genug sich wegzuwenden hatte, -
Wenn sie die Kraft verliert mehr Widerstand zu tun,
Wenn, ganz des Gottes voll, das matte
In Liebe schwimmende, unschuldge Auge nun
An deiner Wange sich des süßen Drucks entladet,
Und die vom Übermaß der Lust
Dem Schleier ausgerißne Brust
In unverhehlten Tränen badet!

Vergib, Psycharion - Bei diesem Bild entfällt
Der Pinsel meiner Hand! - Nehmt ihn, ihr Huldgöttinnen,
Euch weih ich ihn! und aufgestellt
In eurem Heiligtum, geliebte Charitinnen,
Sei euch zum Preis, das unvollendte Bild.
Von eurem Schleier sei's verhüllt
Dem Faunenblick des Sklaven seiner Sinnen,
Dem unbegreiflich ist, wie man
Mit Amors Dienst den euren paaren kann;
Der Flammen, die bei ihm nur in den Adern rinnen,
Vom Schlauch Silens entlehnt,
Und die Empfindungen verfeinter innrer Sinnen
In feilen Armen höhnt.

Verachte, Psyche, der Bacchanten
Und Satyrn Hohn! Geneuß der selgen Schwärmerei,
Des goldnen Traums, der uns zu Anverwandten
Der Götter macht! Laßt kalte Sykophanten
Beweisen daß er Täuschung sei,
Und glaube du, Glückselige, der Stimme
Des Engels der in deinem Busen wohnt!
Neu ist die Wonne dir womit uns Amor lohnt;
Durch manche Trän erkauft, und desto süßer! - Schwimme
In diesem Ocean! - Sie, die gefällig sich
Mit der Natur und dem Geschick verglich,
Dich, schöne Freundin, zu beglücken,
Die Tugend billigt dein Entzücken,
Und Amors holde Schwestern pflücken
Idaliens schönsten Kranz für dich.

Du bist beglückt, - und Ich - vergessen!
Es sei! - Die Freundschaft eifert nicht.
Noch tanzt das magische Gesicht
Um deine Stirne, noch ist alles eitel Licht
Und Himmel um dich her, noch fließet ungemessen,
Gleich dem unendlichen Moment der Ewigkeit,
Die Zeit der süßen Trunkenheit -
O Psyche, auch für mich war einst so eine Zeit!
Was hätt ich damals nicht vergessen,
Als ich in dem Bezaubrungsstand,
Worin Du bist, mit Doris mich befand;
Und - wenn ich ihr, so früh es immer tagte,
Bis unbemerkt der letzte Strahl verschwand,
Das ewge Einerlei, das ich für sie empfand,
Stets neu auf tausend Arten sagte -
Den längsten Tag zu kurz, es ihr zu sagen, fand!

O Wonnetage, gleich den Stunden,
In ihrem Anschaun zugebracht!
O Wochen, gleich dem Traum in einer Sommernacht!
Geliebter Traum! der, längst verschwunden,
Noch durch Erinnrung glücklich macht!
Wo seid ihr hin, ihr unbereuten Freuden,
Du Blüte der Empfindsamkeit,
Um die wir jene goldne Zeit
Schuldloser Unerfahrenheit
Und unbesorgter Sicherheit
Und wesenloser Lust und wesenloser Leiden
(Mit aller ihrer Eitelkeit)
In weisern Tagen oft beneiden;
Du erster Druck von ihrer sanften Hand,
Und du, mit dem ich mein entflohnes Leben
Auf ihren Lippen wieder fand,
Du erster Kuß! - Euch kann kein Gott mir wieder geben!

Sie welkt dahin des Lebens Blumenzeit!
Ein ewger Frühling blüht allein im Feenlande;
Und Amors reinste Seligkeit
Bringt uns zu nah dem Götterstande
Um dauerhaft zu sein. Wie selten ist das Glück,
Das deine Liebe krönt, Psycharion! wie selten
Erhört das neidische Geschick
Der ersten Liebe Wunsch! Wir gäben Thronen, Welten,
In ihrem Rausch, um eine Hütte hin;
Ein Hüttchen nur, im Land der Geßnerischen Hirten,
Just groß genug, um uns und unsre Schäferin,
Die Grazien und Amorn zu bewirten.
Sie wüchsen von sich selbst, im Schutz des guten Pans,
Die Bäume, die, indem wir sorglos küßten,
Uns Müßiggänger nähren müßten!
Wie selig! - Aber Zeus lacht des verliebten Wahns.
Sein Schicksal trennt - aus guten Gründen -
Den Schäfer und die Schäferin.
Und o! wie spitzt sich einst des Pastor fidos Kinn,
Wenn zu den väterlichen Linden
Die Zeit zurück ihn führt, die holde Schäferin,
Auf deren Schwur und treuen Sinn
Er seines Lebens Glück versichert war zu gründen,
In eines andern Arm zu finden!
Noch glücklich, wenn vielmehr - ihr Aschenkrug,
Umringt von traurigen Cypressen,
Ihm sagt: Daß Chloens Herz, von stillem Gram zerfressen,
Aus Sehnsucht brach, und Zug für Zug
Sein wertes Bild mit sich ins Land der Schatten trug;
Daß in der letzten Todesstunde
Ihr Aug ihn noch gesucht und auf dem kalten Munde
Sein Name noch geschwebt! - Doch dreimal glücklicher,
Wenn, wie Amandus und Amande,
Nachdem sie manches Jahr zu Wasser und zu Lande
Durch Berg und Tal, von Zaras heißem Sande
Bis an den gelben Fluß, sich rastlos aufgesucht,
Der Liebesgott mitleidig ihrer Flucht
Ein Ende macht, im Tor von Samarkande
Sie unverhofft zusammen fügt,
Und, wie sie nun, im vollen Überwallen
Der Zärtlichkeit, sich in die Arme fallen,
Davon mit ihren Seelen fliegt.

Doch, Freundin! setzen wir den seltensten der Fälle;
(Denn selbst die Königin der Amorn sah sich nie
In diesem Fall; Vulkan vertrat des Ehmanns Stelle,
Und für Adone seufzte sie!)
Gesetzt, daß Cypripor und Hymen sich verbanden,
Zwei Hälften, die, zum Glück, einander fanden,
So zu beseligen, wie mit gesamter Hand
Die beiden Götterchen uns glücklich machen können;
Kurz, Psyche, setzen wir ein Band
Wie deines: glaubest du, der hohe Wonnestand
Der ersten Schwärmerei, er werde dauern können!
Wie gerne wollt ich dir den süßen Irrtum gönnen!
Doch, leben wir nicht unterm Mond?
Was bleibt vom Los der Sterblichkeit verschont?
Im Zauberlande der Ideen,
Da gäb ich's zu! allein in unsrer Welt,
In dieser Werktagswelt, wo bloß vom langen Stehen
Selbst der Koloß von Rhodus endlich fällt,
Wird, glaube mir, so lange sie noch hält,
Nichts Unvergängliches gesehen.
Da hilft kein Reiz, kein Talisman!
Der Zauber löst sich auf! - Wir essen
(Verschlingen oft, und tun nicht wohl daran)
Die süße Frucht, und mitten in dem Wahn
Des neuen Götterstands, dem magischen Vergessen
Der Menschheit, werden uns die Augen aufgetan.
So wie die Seele sich - dem Leibe
Zu nahe macht, weg ist die Zauberei!
Die Göttin sinkt herab zum - Weibe,
Der Halbgott wird - ein Mann. - Doch, Psyche, wenn dabei
Die, so am meisten wagt, am wenigsten verlöre:
Verdiente sie, den Grazien zur Ehre,
Nicht ein Kapellchen in Cythere?

Daß übrigens euch in der stolzen Ruh
Des schönen Irrtums nicht die Prophezeiung störe!
Gesetzt, der Ausgang sagt' ihr zu -
Uns anderm Erdenvolk ist's immer sehr viel Ehre,
Daß uns ein Mann wie Er, ein Weib wie Du,
So bald als möglich angehöre.
Der Menschenstand, den Doktor Mandevil
Und Freund Hans Jack (wenn ihn die Laun auf Vieren
Zu gehn ergreift) bei uns verkleinern will,
Hat seinen Wert; und unter allen Tieren
(Die Kaffern nehm ich aus) ist, wie ein weiser Mann
Vorlängst gesagt, nicht Eines anzuführen
Das sich an Tugenden mit uns vergleichen kann;
Vorausgesetzt, daß Amor mit den Musen
Und Grazien die letzte Hand
An uns gelegt! - Denn, in dem rohen Stand,
Worin an Mutter Isis Busen
Die meisten hangen, geb ich zu,
Daß mir ein hübscher Sapaju,
Der Sperling Lesbiens, ein Täubchen aus Cythere,
Und Gressets Papagei zum Umgang lieber wäre.

Dir, Schwesterchen, und deinem künftgen Mann,
Begünstigt wie ihr seid von Grazien und Musen,
Steht ganz gewiß die schöne Menschheit an,
Zu welcher, wie das Nektarräuschchen schwindet,
Die Göttin unvermerkt sich abgeschattet findet.
Auch das Gedächtnis wird dann wieder aufgetan.
Im kleinen Hain der Nachtigallen
Wird, Psyche, dir mein eignes Bild sogar
(Nicht ohne Wunder, wo's zeither geblieben war)
Stracks wieder in die Augen fallen.
Die Freundschaft, eingesetzt in ihr erlangtes Recht,
Wird nicht mehr, weil ihr Rosen brecht,
Von ferne stehn und sich verlassen grämen:
Doch wird sie willig sich bequemen,
In deinem Herzen nur das Plätzchen einzunehmen,
Das Hymen, der doch wohl nicht alles füllen kann,
Ihr lassen will. Auch wird er bald gestehen,
Daß - wär es nur, um zuzusehen
Wie wohl euch ist - man dann und wann
Den Freund, so nebenher, ganz wohl gebrauchen kann.
(S. 600-611)
_____


Aus: Christoph Martin Wieland Werke
Vierter Band
Herausgegeben von Fritz Martini und Hans Werner Seiffert
Carl Hanser Verlag München 1965

 


Biographie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Martin_Wieland


 

 


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