Liebeslyrik ausländischer Dichterinnen

von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
(in deutscher Übersetzung)

 


Gina  Ranjicic
(1831-1891)

zigeunerische Dichterin

 

Meines Herzens Freuden gleichen
Hämus-Schmetterlingen;
Flattern, schweben und ich kann sie
Nie zur Ruhe bringen.

Gleich dem Kinde hab' ich Freuden,
Doch von kurzer Dauer!
Nicht aus Freude lächle ich manchmal,
Nein, aus Schmerz und Trauer.

Meines Herzens Freuden gleichen
Hämus-Schmetterlingen;
Flatternd oft in meines Gatten
Blut'ge Brust sie dringen.

Kehren dann zurück als Raupen,
Trag' sie dann im Herzen,
Und mir kann wohl hier auf Erden
Niemand sie ausmerzen.

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"Ich mag dich nicht!" – o wehe mir!
Warum sprachst du dies bange Wort!
Warum stiesst du in ew'ge Nacht
Mich jetzt von meinem Morgen fort?

Als ich zum ersten Mal dich sah,
Da glaubt' ich meinem Morgen nah,
Ich hofft': es wird bald Mittag sein,
Wenn du, o Liebster, ewig mein!

Nun stürzst du mich in ew'ge Nacht,
Hast mich um meinen Tag gebracht,
Der noch als Morgen im Entstehn,
Entschwand auf Nimmerwiedersehn.

Nun zög' ich wohl in wilder Hast,
Wohin kein Mensch noch je geriet, -
Doch ohne Licht mein armes Herz
Mich in den Kot stets niederzieht!

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Bald erscheint mein Kipetare,
Gleich, als würd' ich ihn schon sehen!
Dennoch kann ich, feig und elend,
Von hier nimmer weiter gehen!

Nie konnt' ihn mein Herze lieben, -
Nicht die Liebe, die Schmucksachen,
Und sein Geld, sein grosser Reichtum
Mussten mich unglücklich machen.

Andre werden bald dich küssen,
Trösten wird dein Wort mich nimmer,
Weisser Mann, du teurer, süsser,
Meiner Liebe letzter Schimmer!

Trüber Zukunft Bilder geben
Bald mir Armen das Geleite,
Wenn ich gleich der wilden Katze
Schleiche in der fernen Weite!

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Flüchtig rauscht dahin das Leben,
Nichts wert ist's, kann's uns nichts geben;
Weiter eilt in Lust und Sorgen
So das Heute, wie das Morgen!

Kühler Schatten unter'm Baume,
Blumenduft in stillem Raume;
Liebster, unter Lenzestrieben
Lass uns eilig leben, lieben!

Mein Kipetar kommt gar balde,
Wenn noch sommergrün die Halde, -
Dann verlassen sink' ich nieder,
Bin dann seine Sclavin wieder!

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Wandervöglein kehrt zurück,
Wenn schon grün die Auen;
Ob der Liebe Wonneglück
Ich werd' wieder schauen?

Munt'res Sommerbächlein fliesst
Durch die grünen Auen,
Fürchtet sich zur Sommerzeit
Nicht vor Wintergrauen.

Aber ach, das Menschenherz,
Voller Lieb' und Zagen,
Ob's nicht schon im Lenzesschmuck
Bricht, wer könnt' es sagen?

Einem Manne sollst du nie
Deine Lieb' vertrauen,
Eher sollst des Sultans Haus
Hin auf Sand du bauen!

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Warum nimmt hier auf dieser Welt
Ach, Alles rasch ein Ende!
Wohin ich auch den trüben Blick
Erwartungsvoll hinwende:
Seh' ich, wie selbst die schönste Frucht
Muss fallen von dem Baume,
Den bald zerschellt ein Blitzesstrahl
In süssem Frühlingstraume.

Wie schöne Liebesblüten trug
Mein Herz in frühen Tagen!
Wo sind sie hin? ich weiss es nicht!
Gealtert, wer kann's sagen:
Dass von dem Flor, den einstens hat
Getrieben seine Seele,
Kein einz'ger schwanke Blütenzweig
Am knorr'gen Stamme fehle?

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Hier im Staube liegend, darf ich
Auf Verzeihung hoffen,
Für das grosse Leid, die Qualen,
Die dein Herz betroffen!

Nicht weisst du, was ich gelitten,
Leiden unermessen!
Denn ich glaubte, dass dein Röslein
Du schon längst vergessen!

Wenn am Himmel hoch die Störche
Abends heimwärts zogen,
Wär' ich gern auf raschen Schwingen
Hin zu dir geflogen.

Wünscht' mit dir, mein Kipetare,
Lustig stets zu wandern,
Arm in Arm von einem Orte
Ziehen zu dem andern!

Doch jetzt bist du endlich bei mir
Mit den Anverwandten;
O, doch sprich: welch' Schmerzen schlagen
Jetzt dein Herz in Banden?

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Hier zwischen weissen Felsen
Ist mir so wohl zu Mut,
Wenn auf Albaniens Landen
Mein Blick sehnsüchtig ruht.

Nun bin ich in dem Lande,
Wo auch mein Kipetar,
Bald hör' ich seine Stimme
Die immer süss mir war!

Ich fühl' die Flamme wieder,
Die Flamme meiner Lieb',
Die hin zu dir, o Liebster,
Mich aus der Ferne trieb.

In diesem schönen Lande,
Das dich erzogen hat,
Bin ich dir wieder eigen,
Wie eine Blüt' dem Blatt!

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Elend und verlassen träum' ich,
Und vergess' die trüben Tage;
In der Fremde irr' ich einsam,
Höre nur die fremde Klage.

Was mich selber quält und plaget,
Das gleicht einem halben Traume;
Niemand könnt' es mir bestimmen,
Niemand in dem Weltenraume!

Ich allein begehe Sünden?
Worin And're Freude finden,
Sollte das bei mir nur Traum sein,
Wie ein Windhauch sollt' es schwinden?

Liebeslächeln, so erzählt man,
Stets versüsst des Menschen Leben;
Viele haben mir gelächelt, -
Liebe wollt' mir Keiner geben!

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Elend, unglückselig war ich
Stets in meinem Leben;
Eine Ruhstatt, eine süsse,
Wollt' mir Gott nie geben.

Sehnt' mich immer in die Ferne,
In die endlos Weiten;
Was ich suchte, fand ich nimmer,
Deshalb muss ich leiden.

Bin ich oben auf dem Berge,
Möcht' ich sein im Tale;
Lieg' ich auf dem Rasen: möcht' ich
Sein im Flutenschwalle!

Wenn ich selbst ein Sternlein wäre
In der Nächte Dunkel,
Sehnt' ich mich dann immer, immer
Nach dem Mondgefunkel.

Wär' ich auch die schönste Rose
Auf des Hämus Grate,
Aergert' ich mich, weil des Goldes
Dieser Berg entrate.

Wegen deiner Ankunft Freude
Mich und Schrecken quälen, -
Ach, voll Sehnsucht muss ich immer
Die Minuten zählen.

Kämst du bald, o kämst du nimmer!
Was mit mir geschehen?
Ich versteh' mich selber nimmer!
Wer wird mich verstehen?

Bist du ferne, möcht' ich deiner
Ankunft mich gar freuen;
Sitzt du neben mir, so muss ich
Dich stets verabscheuen!

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Jüngst im Traume war's: ich schritt
Auf den mir bekannten Stegen,
Und am sommergrünen Rain
Kam mein Liebster mir entgegen.

Mich umschlang der Kipetar'
Und wir blickten in die Ferne,
Auf die nebelgrauen Höh'n,
Auf die gold'nen schönen Sterne.

Und mir war, als spräch' zu mir
Eine Stimme klar und leise:
"Berge hoch und Sterne licht,
Jedes bleib' in seinem Kreise.

Grauer Berg vergeblich strebt
Nach dem Sterne licht und golden;
Arme Frau, vergeblich strebst
Du nach seiner Lieb', der holden!"

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Dich verlass' ich nimmer, nimmer,
Treulos werd' ich nimmer sein;
Sollten wir auch hungernd leben,
Mitten in der grössten Pein.

O, wir wissen es ja Beide,
Dass für uns das Glück entschwand;
Lieben wir in Leid einander,
Leidvoll gehn wir Hand in Hand!

Du bist reich und ich bin elend,
Und auch hässlich bin ich jetzt, -
Ach, ich weiss nicht, warum Gott mir
Leid auf Leid ins Herze setzt!

Ach, ich weiss nicht, warum lenkte
Gott zu dir hin meinen Fuss;
Nur das weiss ich, dass ich immer
Dich geliebt, und lieben muss!

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Meines Herzens Leiden fluten
Gleich dem endlos weiten Meer;
Wie die Wogen aus der Ferne
Ziehen jammernd sie einher.

Hier bin ich, wohin ich nimmer
Je zurückzuziehn gedacht,
Wo dein Lächeln mir die Sonne
Und dein Leid die dunkle Nacht.
Eine Waise irrt' ich einst hier,
Elend war ich und verlassen;
Lernte hier zum ersten Male:
Gott und Menschen lieben, hassen.
Und hier brennt die alte Wunde
Meines Herzens nun auf's Neue, -
Gott! mit seinen heissen Küssen
Lindrung auf die Wunde streue! …

Meines Herzens Leiden fluten
Gleich dem endlos weiten Meer;
Wie die Wogen aus der Ferne
Ziehen jammernd sie einher.

Hab' in meinem Herzen immer
Süsse Hoffnung doch genährt!
Doch jetzt weiss ich: hin ist Alles,
Und für mich Nichts lange währt!
Dort von deinen Wangen seh' ich
Schon des Todes Boten winken,
Und die Menschen sich schon fragen:
Wann wirst du denn niedersinken?
Und ich steh' hier hilflos, feige,
Elend und verlassen!
In den Kot werd' ich getreten, -
Will von dir nicht lassen!
Wenn du stirbst, wird nur Erinn'rung
Noch mein Sein versüssen;
Trank ich aus der Liebe Becher,
Nun, so mag ich büssen!
In den Kot mag man mich treten,
Mich zu Schanden machen;
Selbst im Kote werd' die Welt ich
Hämisch stets auslachen!

Meines Herzens Leiden fluten
Gleich dem endlos weiten Meer;
Wie die Wogen aus der Ferne
Ziehen jammernd sie einher.

_____



Ob ich in der Zukunft wohl noch Liebe finde,
Ob noch Blumen spriessen, mir zuduftend linde?
Niemand auf die Frage wird mir Antwort geben,
Denn mit meinem Liebsten starb auch hin mein Leben.
Gehen möcht' ich, wohin nie ein Mensch geriet;
Kann nicht, denn mein Herz zum Liebsten hin mich zieht!
Hier liegt ja begraben, was ich je besessen,
Und ich kann dies nie im Leben, nie vergessen!
Weinen muss ich immer, wenn daran ich denke,
Dass ich meine Lieb' stets in das Nichts versenke!
Wer treibt mich von hinnen? was lockt mich ins Ferne?
Was kann mir mehr Leiden, was mehr Freude geben?
O daran bist du schuld, du Zigeunerleben!

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Bald begraben und vergessen
Werd' ich Arme sein;
Doch mein Herz treibt dann auch immer
Blumen auf den Rain.
Weisse Frau, ist einst dein Herze
Voll von Leid und Pein:
Blick' auf diese Rose, - grösser
War das Leiden mein!

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In der Übersetzung von Heinrich von Wlislocki (1856-1907)

Aus: Aus dem inneren Leben der Zigeuner
Ethnologische Mitteilungen von Dr. Heinrich von Wlislocki [1856-1907] Berlin 1892
(Kapitel IX: Eine zigeunerische Dichterin S. 180-213)

Biographie von Gina Ranjicic
 

 

 


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