Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Der Frühling - Wandmalerei aus Stabiae

 


Sextus Propertius (Properz) (um 50-15 v. Chr.)

(In der Übersetzung von Karl Ludwig von Knebel)



Liebes - Elegien


Erstes Buch


Erste Elegie


Cynthia hat mich zuerst mit ihren Augen gefesselt,

Mich, den niemals zuvor Götter der Liebe gereizt.

Amor schlug mir anjetzt die stolzen Blicke zur Erde,

Setzte drückend den Fuss über die Scheitel mir auf,

Endlich lehrete mich, der Freche! hassen die keuschen

Mädchen, und ohne Rath leben dem eigenen Wahn.

Schon verlässt mich die Wuth im ganzen Laufe des Jahres nicht,

Sind auch gegen mich selbst feindlich die Götter gesinnt.

Ïasidens unbiegsamen Stolz hat Milanion dennoch,

Trotzend jeder Gefahr, endlich, mein Tullus, besiegt!

Denn, ein rasender, irret' er bald um Partheniens Höhlen,

Schreckte das borstige Wild auf aus dem Lager zur Jagd:

Bald, verwundet vom Rohre des eifersücht'gen Hyläus,

Stöhnt er, triefend von Blut, auf dem arkadischen Stein.

Und so konnt' er zuletzt das schnelle Mädchen bezwingen:

Solches, o Liebe, vermag Bitten und kühnes Verdienst!

Aber in mir sinnt Amor auf keine Künste; die Wege,

Die er ehmals betrat, die auch betritt er nicht mehr.

Ihr, die ihr Lunen vom Himmel durch Zauberkünste herabzieht,

Und auf magischem Heerd' emsig die Opfer begeht,

Zeigt nun eure Gewalt, und wendet den Sinn der Geliebten:

Es erblass' ihr Gesicht, mehr als das meinige noch!

Dann erst will ich euch glauben, dass ihr Gestirne und Flüsse,

Mit cytääischem Lied' an euch zu ziehen vermögt.

Und ihr, die ihr zu spät den Freund vom Falle zurückruft,

Suchet dem Kranken vielmehr irgend ein heilendes Kraut.

Standhaft will ich das Eisen, ich will die Flammen erdulden,

Darf ich nur frey heraus sprechen, was Zorn mir gebeut.

Bringet mich in das entlegenste Land, mich über das Meer hin,

Wo nie von mir ein Weib Spuren des Weges entdeckt!

Doch ihr bleibet, auf die mit freundlichem Winke der Gott sieht;

Gleicher Liebe Genuss werd' euch beglücktern zu Theil!

Mich nur peiniget Venus in langen bitteren Nächten,

Und ihr Knabe gewährt nirgend mir Ruhe noch Rast.

Meidet diess Übel, ich warne! Es pflege der eigenen Sorge

Jeder! Gewöhnt an den Ort ändere Amor ihn nie!

Kehrt zu träge sein Ohr zu meinen Vermahnungen einer,

Ach, wie wird er mit Schmerz einst noch gedenken an mich!
(S. 3-4)
 

Anmerkungen:

Die keuschen Mädchen: Hierunter mögen wohl die Musen verstanden seyn, denn das ist oft ihr Beynahme. Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Dichter, bey der Leidenschaft für Cynthia, auf andre Mädchen sollte Rücksicht genommen haben.

Milanion; andern auch Hippomenes, liebte des Jasius oder Jasion Tochter, Atalanta, die sich auf dem Berge Parthenius in Arkadien aufhielt, oder daselbst zuweilen auf die Jagd ging.
Parthenios oder jungfräulich hiess der Berg, weil Jungfrauen da zu jagen pflegten.

Hyläus: ein Centaur, verfolgte Atalanten.

Cytäa: eine Stadt in Kolchis, Medeens Vaterstadt; daher auch diese Cytäis genannt wird. Das ganze Land war wegen der Zauberey berüchtigt.

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Zweyte Elegie


Theure, wie magst du so gern dich zeigen in köstlichem Haarputz,

Wenden der Falten Spiel unter dem koïschen Flor?

Nur vom Orontes die Narde dir lassen die Locke durchdüften,

Und dich gleichsam zum Kauf bieten durch fremdes Geschenk?

Durch erhandelte Zierde natürliche Reitze vernichten,

Und den Gliedern sogar rauben das eigene Glück?

Glaube mir, deine Gestalt braucht keine helfenden Mittel;

Nackt ist Amor, er liebt nicht die erkünstelnde Hand.

Schau, wie der Blumen Reitz dem holden Boden entspriesset;

Froher und üppiger rankt Epheu, den keiner gepflegt!

Schau, wie der Hagedorn um Höhlen schöner hervorragt;

Ununterrichtet der Bach schlängelnde Pfade sich sucht!

Wie sich die Ufer von selbst mit bunten Kieselchen mahlen:

Ohne die Kunst wie süss schallet der Vögel Gesang!

Nicht so setzen, durch eitelen Putz, Hilaïra und Phöbe,

Jene den Pollux, und die Kastorn in zärtlichen Brand.

Zwischen Apoll und Idas erregete so nicht Marpessa

Jenen brünstigen Streit an den Gestaden Evens.

Nicht mit geschminktem Reitz bezauberte Hippodamia

Ihren Phryger, und flog mit ihm auf Rädern davon.

Ihres Gesichtes Farbe, vom falschen Glanz der Geschmeide

Unverdorben, war gleich Bildern apellischer Kunst.

Nicht auf gemeine Art erregten sie Glut in den Herzen;

Ihnen war holde Scham Schönheit und Zierde genug.

Warlich, ich fürchte nicht, du seyst mir geringer als jene!

Schön ist ein Mädchen genug, wann sie nur Einem gefällt.

Du, der vor allen Apoll den Geist der Lieder geschenkt hat,

Und Kalliope selbst willig die Leyer gereicht;

Die du einzigen Reitz anmuthiger Worte besitzest,

Alles was Venus gefällt, was nur Minerven gefällt:

Immer wirst du damit mein ganzes Leben beglücken,

Wirf ihn nur weit von dir jenen verächtlichen Prunk!
(S. 6-7)

 

Anmerkungen:

Wenden der Falten Spiel unter dem koischen Flor: Die Kleider, welche auf der Insel Kos verfertigt wurden, waren ihrer Zartheit und Durchsichtigkeit wegen berühmt. Der Dichter deutet noch auf ein üppiges Spiel, bey Gang und Bewegung, die verschiedenen Theile des Körpers durchscheinen zu lassen.

Orontes: ein Fluss in Syrien. Die Narden daher waren sehr gesucht und kostbar.

Hilaira und Phöbe: beyde Schwestern, Töchter des Leucippus. Ihr Vater hatte sie dem Idas und Lynceus zu Gemahlinnen versprochen; aber die beyden Brüder, Kastor und Pollux, raubten sie, ehe die Hochzeit vollzogen wurde. Übrigens muss man auch hier bemerken, dass die Nahmen und Geschichten bey den Dichtern und Schriftstellern des Alterthums oft auf mancherley Art verändert und verwechselt werden.

Zwischen Apoll und Idas: Dieser vorige Idas, des Lynceus Bruder, und Sohn des Aphareus, liebte des Evenus Tochter, Marpessa. Apoll verlangte diese vom Vater zur Gemahlin; aber Idas entführte sie, nachdem er zuvor einen beflügelten Wagen vom Neptun erhalten hatte. Evenus, der Vater, verfolgte die beyden: als er sie aber bis an den Fluss Lykormas nicht erreichen konnte, tödtete er die Pferde und stürzte sich selbst in den Fluss, welcher daher seinen Nahmen bekam. Apoll begegnete hierauf dem Idas, und da unter ihnen ein Streit entstand, entschied Jupiter, der Jungfrau die Wahl zu überlassen. Sie zog Idas' dem Gotte vor.

Die Geschichte von Hippodamien, des Önomaus Tochter, ist bekannt. Dem Vater war prophezeyet, dass er von seinem Schwiegersohne werde umgebracht werden, er wollte daher seine Tochter keinem zur Gemahlin geben, der ihn nicht zuvor im Wagenrennen überwunden hätte. Diess war schwer; denn er hatte Pferde die schneller waren als der Nordwind. Der überwundne bezahlte dafür mit dem Leben. Dreyzehn der Freyer waren umgebracht. Pelops, der Phryger, ein Sohn des Tantalus, kam, und nachdem er sich mit Myrtilus, des Önomaus Stallmeister, verstanden hatte, besiegte er den Vater, brachte ihn um, und entführte die Tochter.

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Dritte Elegie


So lag Ariadne, da Theseus Segel entwichen,

Ganz von Kummer erschöpft an dem verlassnen Gestad:

So lag hingegossen in Schlaf die Tochter des Cepheus,

Eben vom rauhen Fels und von den Banden befreyt:

Und so sinkt die Edone, von rastlos tanzenden Chören,

An des Apidanus Rand unter die Blumen dahin:

So schien Cynthia mir die weiche Ruhe zu athmen,

Und ihr sinkendes Haupt stützte der wankende Arm,

Als ich trunken von Wein die schweren Schritte nach Hause

Schleppte; die Knaben bey Nacht schwangen die Fackeln um mich.

Gänzlich aber noch nicht von allen Sinnen beraubet,

Wagt' ich den leisen Tritt näher zu ihr an das Bett:

Und ergriff mich die doppelte Glut, und trieben mich beyde,

Amor und Bacchus zugleich, jeder ein heftiger Gott,

Sanfter zu fassen im Arm die holde Schläferin, nahend

Mit dem Munde der Hand, Küsse zu drücken darauf;

Wagt' ich dennoch es nicht der Gebieterin Ruhe zu stören;

Eingedenk nur zu wohl ihres bestrafenden Zorns.

Aber wie Argus hing an der Inachis heimlichen Hörnern,

Hing mein trunkenes Aug' an dem entzückenden Reitz.

Und nun löst' ich mir ab von meiner Stirne die Kränze,

Legte, Cynthia, dann sacht' um die Schläfe sie dir;

Und nun ringelt' ich auf die herabgefallenen Locken,

Steckt' in die hohle Hand heimlich ihr Äpfel sogar:

Alle Gabe doch ward undankbarem Schlafe verspendet,

Denn sie rollten alsbald wieder vom Busen herab.

Regte zuweilen sich noch ein zurückgehaltener Seufzer,

Stutzt' ich, mir wurde die Brust eiteler Ahnungen voll:

Irgend ein Traumgesicht möcht' ungewöhnlich dich schrecken,

Dich ein frecher vielleicht zwingen, die seine zu seyn!

Endlich erreichte der Mond die gegenstehenden Fenster;

Sein verweilendes Licht emsig verbreitend umher,

Öffnete leise der Strahl die sanftgeschlossenen Äuglein;

Und so begann sie, den Arm weich auf die Pfühle gestützt:

"Rächet endlich an dir ein anderes Mädchen die Freundin?

Dort von der Thüre verjagt, kommst du zu meiner zurück?

Wo verbrachtest du doch die Stunden, die mir nur gehören?

Kehrst, da der Tag nun erwacht, träg und ermattet zurück?

Würden doch, ungetreuer! auch dir so traurige Nächte,

Wie sie, durch deine Schuld, mir, der unglücklichen, sind!

Denn erst täuscht' ich den Schlaf mit der Purpurspindel, dann nahm ich

Orpheus Leyer zur Hand; doch ich ermattet' im Lied:

Wieder beklagt' ich den bittern Stand der armen Verlassnen,

Wie ausschweifend du dich immer bey andern verweilst.

Nun umwehete mich der Schlaf mit holdem Gefieder,

Meinen Thränen war nur dieses das endliche Ziel."
(S. 10-12)

 

Anmerkungen:

Die Geschichte Ariadnens, des Minos und der Pasiphäe Tochter, ihre Liebe zu Theseus, den sie mit Hülfe des dargereichten Knäuels aus dem Labyrinthe rettete, und der sie nachher auf der Insel Naxos heimlich verliess, ist bekannt. Sie wird überall als das reitzendste Bild verlassener Schönheit dargestellt.

Andromeda: des Cepheus, Königs der Äthiopier, Tochter. Sie wurde einem Meerungeheuer ausgesetzt, um das Land von dieser Plage zu befreyen. An einen Felsen, nahe dem Meere, zu diesem Endzwecke gebunden, befreyete sie Perseus, mit Hülfe des Medusenkopfes.

Edone: oder Bacchantin. Sie heissen auch sonst Mänaden, wegen ihrer ausgelassenen Wuth im Tanz. Edon ist ein Berg oder Volk in Thrazien.

Apidanus: ein Fluss in Thessalien, der in den Peneus fällt.

Argus: war Hüter der Jo, des Inachus Tochter, welche daher Inachis heisst; nachdem sie Jupiter, um sie vor der Juno zu verbergen, in eine Kuh verwandelt hatte. Juno befahl dem Argus die strengste Aufsicht über diese, und, man sagt, er habe hundert Augen gehabt, sie zu bewachen.

Heimlichen Hörnern: will so viel sagen, als die unter den Hörnern verheimlichet war.
 

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Vierte Elegie


Mit dir scheuet' ich nicht, mein Tullus, Adrias Wogen,

Nicht die stürmische Fahrt durch das ägäische Meer!

Gerne würd' ich mit dir die riphäischen Felsen ersteigen,

Weiter als Memnos Haus wagen zu setzen den Pfad;

Aber mich halten im Arme des Mädchens die zärtlichen Worte,

Wenn sie erblassend, und bald glühend, mich dränget und fleht.

Nächte reitzt sie hindurch mit ihren Klagen die Liebe;

Schwört, es sey im Olymp, wenn ich sie liesse, kein Gott.

Schon versagt sie die Meine zu seyn; Verwünschungen häuft sie,

Wie ein Mädchen im Zorn auf den undankbaren Mann.

Gegen die Klagen vermag ich nicht eine Stunde zu halten:

Ein saumseliges Herz sey in der Liebe verwünscht!

Wäre mir das ein Preis, das gelehrte Athen zu besuchen,

Oder durch grauen Ruf Asien herrlich an Pracht;

Dass mir Cynthia flucht bey abgestossener Barke,

Dass sie mit rasender Hand sich noch die Wange zerfleischt;

Dass sie saget: sie sey dem widrigen Winde die Küsse

Schuldig, und grausamer sey nicht als ein treuloser Mann?

Strebe du vor, mein Tullus, verdieneten Würden des Oheims,

Und den Provinzen gieb Recht und Gesetze zurück:

Denn nie weilte dein Leben an Amors Dienste, du warest

Stets nur dem Vaterland unter den Waffen bereit.

Auch nie möge der Knabe dir meine Leiden verhängen,

Alle der Übel Zahl, die ich durch Thränen bekannt.

Mich, den niemals das Glück emporzuheben getrachtet,

Lass mich den letzten Hauch athmen in weichem Genuss!

Viele gingen vor mir, nicht ungern, unter in Liebe;

Mitten in ihrer Zahl decke die Erde mich auch!

Nicht dem Ruhme, den Waffen hat nicht Natur mich gebildet,

Amors Kriegespanier war mir vom Schicksal bestimmt.

Aber, missest du nun des weichen Ioniens Flächen,

Oder die lydische Flur, die der Paktolus benetzt;

Magst du zu Fusse das Land, mit Rudern die Meere beschreiten,

Stets ein wichtiger Theil, du, des erweiterten Staats;

Wenn die Stunde dann kommt, wo du dich meiner erinnerst,

Sag': ein grausamer Stern waltet gewiss über ihm!
(S. 15-16)

 

Anmerkungen:

Adrias Wogen: von einer Stadt Adria, am Ausflusse des Po. Dieses Meer heisst auch sonst das Jonische, und heut zu Tage, Golfo di Venezia.

Das aegäische Meer: von einem Felsen Aegä, der einer vorspringenden Ziege gleicht, heisst gegenwärtig der Archipelagus.

Die Riphäen: sind scytische Gebirge.

Das Haus des Memnon: suchen einige in dem ägyptischen Theben, wo die bekannte Bildsäule des Memnon war; andre in Äthiopien. Es war auch ein Haus des Cyrus zu Ekbatana, in Medien, das ein Baumeister Memnon, von weissem und buntem Marmor, mit Gold zusammengefügt hatte.

Jonien: ist der Theil von Kleinasien, der Griechenland gegenüber lieget, wo Ephesus, Miletus, und mehrere berühmte Städte lagen. Die Griechen hatten daselbst verschiedene Kolonien angelegt, und der sanfte Himmel erzeugte eine weichliche Lebensart.

Lydien: auch Mäonien, lag ebenfalls in Kleinasien. Sein Fluss Paktolus, der auf dem Gebirge Tmolus entsprang, war wegen des Goldsandes berühmt, den er mit sich führte. Krösus, der lydische König, hatte daher seine Reichthümer.

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Fünfte Elegie


Treibt dich ein Wahnsinn? und hält dich keine Sorge für mich mehr?

Bin ich dir weniger werth, als das illyrische Eis?

Und hat - wer er auch sey! - so sehr dich jener gefesselt,

Dass du dich, ohne mich, jeglichem Winde vertraust?

Du vermöchtest das Brausen der wilden Wogen zu hören?

Könntest auf Brettern des Schiffs finden ein Lager für dich?

Dichtgefrorenen Reif mit zartem Fusse durchtreten?

Cynthia unter Schnee wandeln, und starren in Eis?

Möchte sich doch verdoppeln die Zeit des stürmischen Winters,

Träg das Siebengestirn weilen dem Schiffer zur Fahrt;

Dass dein Schiff nicht löse das Seil vom tyrrhenischen Ufer,

Mir kein feindlicher Wind führe die Wünsche davon!

Dass ich die Stürme nicht sehe, die dir aufpassen im Meere,

Wenn der entweichende Kiel fort auf der Woge dich trägt,

Und du mich angeheftet auf nacktem Sande zurücklässt;

Oft mit drohender Hand scheltend den grausamen Sinn!

Ungetreue! und häufest du auch mein bitteres Leiden,

Soll Galatea dir doch freundlich geleiten die Fahrt,

Um die ceraunischen Felsen mit glücklichem Ruder dich führen,

Und in gefälliger Bucht nehme dich Orikos auf!

Denn mich können nicht mehr der Liebe Fackeln verführen,

Deiner Schwelle getreu klag' ich empfundenen Schmerz;

Werde nicht müde die Schiffer herbeyzurufen, zu fragen:

Sagt mir doch, welcher Port jetzo mein Mädchen verschliesst?

Weilt sie, setz' ich hinzu, an atrazischen Küsten, an Küsten

Elis, endlich gewiss wird sie die meinige seyn!

Bleiben wird sie, sie hat es geschworen! Es berste der Neid noch!

Mein ist der Sieg, mein Flehn hat sie zur Güte geneigt!

Lege der lüsterne Neid die falschen Freuden nur von sich;

Meine Cynthia sucht keinen entferneten Weg!

Werth bin ich ihr; Rom liebt sie nur meinethalben am meisten;

Sagt, der Könige Reich schätze sie, ohne mich, nicht.

Lieber wünscht sie bey mir im schmalen Bettchen zu ruhen,

Wünscht auf jegliche Art einzig die Meine zu seyn,

Als das herrliche Reich, den Brautschatz Hippodamiens,

Oder was Elis Land einst sich mit Rossen erwarb.

Gab ihr jener auch viel, versprach er mehreres, nimmer

Führet niederer Geitz sie mir vom Busen hinweg.

Nicht durch Gold noch indische Perlen, gewann ihr Gemüth ich,

Alles hab' ich vermocht durch ein gefälliges Lied.

Drum sind die Musen mir hold, drum ist Apollo mir günstig;

Ihnen vertrau ich, sie ist, Cynthia, die seltene, mein!

Über den Sternen schweb' ich bereits mit erhabener Sohle:

Komme der Tag, die Nacht, immer ist Cynthia mein!

Nebenbuhler entführen mir nicht die sichere Liebe;

Diese Glorie schmück' einst mein erblassetes Haar!
(S. 19-21)

 

Anmerkungen:

Illyrien: eine Landschaft rechts am adriatischen Meerbusen, wo wir jetzt Dalmatien und Istrien suchen. Das Land ist gebirgig. Man musste, wenn man an der tyrrhenischen oder tuscischen Küste, in dem Hafen von Ostia, entstieg, um den untern Theil Italiens herumschiffen, und so kam man das ceraunische, oder akroceraunische Vorgebirge, das an den Grenzen Epirus lieget, vorbey - nach Orikum, oder Orikos, einer damahls sehr bekannten und vorzüglichen Seestadt.

Das Siebengestirn: die Plejaden, lat. Vergiliae, weil sie zu Ende des Frühjahres aufgehen, und dann dem Schiffer zur Fahrt dienen.

Galatea: des Nereus und der Doris Tochter, eine Nymphe des Meeres. Ihr Nahme bedeutet die ruhige Gestalt des Meeres.

Die atrazischen Völker: wohnten in Ätolien, nahe am ionischen Meerbusen.

Elis: eine durch den Tempel des Jupiters und durch die olympischen Spiele berühmte Stadt und Land, in Achaja oder dem Peloponnes. Die Wettspiele brachten viele Pferde dahin; desshalb der Dichter unten sagt, dass sich Elis durch Rosse Reichthümer erworben habe.

Hippodamia: Tochter des Önomaus, König zu Elis und Pisa, war die Erbin ihres Vaters.

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Sechste Elegie


Sagt' ich's, Spötter, dir nicht, es würden die Amors noch kommen,

Und der freyere Scherz werde dir endlich entfliehn?

Sieh, nun kommst du gebeugt, von eines Mädchen Geheisse;

Eine Gekaufte beherrscht streng dich nach ihrem Gesetz.

An wahrsagendem Geist sind mir die chaonischen Tauben

Nicht zu vergleichen; ich weiss, wen noch ein Mädchen bezähmt.

Unter Thränen und Schmerz erwarb' ich die traurige Kundschaft;

Hätte doch Amor mich nie so zur Erfahrung gebracht!

Armer, wozu dir anjetzt die hochgestimmeten Saiten,

Oder dass du verströmst Klagen um Thebens Ruin?

Mehr vermag, als Homer, Mimnermus Vers in der Liebe,

Der gebändigte Gott suchet ein weicheres Lied.

Geh nun, lieber, und lege die traurigen Blätter bey Seite;

Singe, was jeder gefällt, jede zu wissen verlangt!

Sollt' es dir fehlen an Stoff? Unsinniger, mitten im Strome

Stehst du, und klagest umsonst, dass es an Wasser gebricht!

Noch erblassest du nicht, noch schlug die Flamme nicht in dich;

Hier erkennst du des Brands feurigen Funken zuerst:

Lieber möchtest du dann armenische Tiger bezähmen,

Angeschmiedet dich sehn am ixionischen Rad,

Als die Pfeile des Knaben im innersten Marke zu dulden,

Und dem gebietenden Stolz immer gehorsam zu seyn.

Keinem hat Amor je so günstige Flügel verliehen,

Dass er mit wechselnder Hand nicht sie zuweilen gedrückt.

Lass dich nicht täuschen, ob sie zu allem gefällig sich findet;

Heftiger greift sie dich an, Pontikus, ist sie nun dein!

Fern sey Liebe, die nicht die Augen zu wenden gestattet,

Und für die Einzige nur immer zu wachen gebeut!

Diese machet sich kund durch abgezehrete Glieder:

Fliehe, wer du auch seyst, immeranlockenden Reitz!

Felsen mag er erweichen, er mag die Eichen entführen,

Solltest du, armes Herz, gegen ihn können bestehn?

Drum geh' in dich, o Freund! freywillig bekenne den Irrthum;

Freyes Geständniss hat oft grössre Gefahren entfernt.
(S. 24-25)

 

Anmerkungen:

Chaonien: ein Theil des Landes Epirus. Darin lag die Stadt Dodone, und bey solcher ein Hain, in welchem die Tauben (oder vielmehr gewisse Weiber, weil Peleja eine Taube und eine Wahrsagerin heisst;) die Wahrsagungskraft besessen.

Mimnermus: einer der vorzüglichsten griechischen elegischen Dichter.

Die Geschichte des, seiner Liebe zur Juno wegen, in der Hölle auf das Rad geflochtenen Ixion ist bekannt. Benjamin Hederich sagt: Jupiter habe ihn endlich seiner langen Qualen befreyt, und ihn zum Sekretär bey sich gemacht.

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Siebente Elegie


Cynthia, die du anjetzt an Bajens Busen verweilest,

Da wo Herkul den Pfad sich an dem Ufer gebahnt; -

Und mit verwundertem Aug' aufs Meer hinschauest, Thesprotus

Herrschaft die Küste hier, dorten das edle Misen:

Weckt dich ein zärtlich Gefühl mein noch in Nächten zu denken?

Bleibt dir, bey fremdem Gesuch, irgend für mich noch ein Raum?

Oder hat dich ein Feind von meinem Frieden, dir Flammen

Heuchelnd, o Cynthia, dich! ganz mir den Liedern entraubt?

Möcht' ein Schiffchen dich doch, mit leichtem Segel, mit kleinem

Ruder, einladen zur Fahrt auf dem lukrinischen See;

Oder Teutrantis dich halten im klaren umschloss'nen Gewässer,

Dass du mit wechselnder Hand treibest die sanftere Fluth;

Lieber, als dass du bequem ans schweigende Ufer gelagert,

Lispelnden Schmeicheley'n leihest ein müssiges Ohr.

Wenn sie kein Auge bewacht, wie nah' ist ein Mädchen dem Falle!

Treulos achtet sie selbst nicht den vereideten Bund.

Zwar dein Ruf ist bekannt, dein tadelloses Benehmen;

Aber bey solcher Gefahr fürchtet die Liebe mit Recht.

Drum verzeihe dem Blatt, wofern es dich irgend betrübet;

Tadle den furchtsamen Sinn, aber entferne die Schuld!

Soll ich nur angelegener jetzt die Mutter besorgen,

Da sich die Sorge für mich, ohne dich, kaum mir verlohnt!

Du bist, Cynthia, mir mein Haus, und Vater und Mutter,

Du mein einziges Gut, du mein Verlangen allein!

Geh' ich traurig einher, begegn' ich fröhlich den Freunden,

Traurig und fröhlich, es kommt, Cynthia, alles von dir!

Aber verlasse nur bald das angesteckete Baja!

Jenes Ufer, es schuf immer gehässigen Zwist;

Immer war es verderblich den Sitten der Mädchen. Die Bäder

Bajens seyen verwünscht! Sie sind der Liebe zur Schmach.
(S. 27-28)
 

Anmerkungen:

Die Bäder Bajens waren damahls, was noch jetzt die Bäder zuweilen sind, der Aufenthalt von Weichlingen und müssigen Menschen. Noch jetzt ist Baja, das dem Meerbusen von Neapel gegenüber lieget, wegen seiner vortrefflichen Lage, ein Aufenthalt der Wollust und Ergetzlichkeit. Durch die ganze Elegie haucht der zarteste Geist der Liebe.

Da wo Herkul am Meer: Unweit Baja war die Strasse Herkuls, welche dieser, wie man sagte, sich dazu gebahnt habe, um die dem Riesen Geryon entraubten Rinder fortzuführen.

Thesprotus Herrschaft: Thesprotus war ein Sohn des Pelasgus; und eine in Epirus gelegene Landschaft, Thesprotia genannt, hatte den Nahmen von ihm. Die Thesprotier hatten eine Kolonie in der Gegend von Kumä und Puteoli angelegt, und diese Gegend nennet der Dichter Thesprotus Herrschaft. An der andern Seite des Meerbusens lag ein Vorgebirg, Misen, das einen Hafen hatte; und so befanf sich Baja in der Mitte von diesen beiden.

Der lukrinische See: unweit Baja, jetzt mare morte.

Teuthrantis: ein kleiner Fluss, nicht weit davon.
 

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Achte Elegie


Magst du am Rande der Tiber in weiche Ruhe gelagert,

Schlürfen den lesbischen Wein aus dem mentor'schen Pokal;

Jetzt mit Verwunderung schau'n, wie schnell hingleiten die Nachen,

Jetzt, wie träge des Schiffs seilegeleiteter Gang:

Mag mit verbreiteten Gipfeln dein eigen erzogener Lustwald

Stämme dir zeigen, werth, dass sie der Kaukasus trägt:

Diess mag alles sich nicht mit meiner Liebe vergleichen;

Wer dem Amor gehört, achtet nicht Schätze der Welt.

Ruht sie an meiner Seite in süssverlängertem Schlummer,

Scherzt mit der Liebe Spiel leicht sie die Stunden hinweg;

Dann fleusst unter dem eigenen Dach mir der goldne Paktolus,

Perlen fisch' ich alsdann des erythräischen Meers;

Dann verbürgt mir die Lieb' ein Glück das Könige neiden:

Mög' es doch dauern, so lang meiner die Parze verschont!

Wie kann Reichthum ergetzen, wann uns die Liebe befeindet?

Ist mir Venus nicht hold, bringt kein Geschenke mir Glück.

Diese vermag den Sinn des härtesten Kriegers zu brechen,

Felsenherzen hat sie schmerzliche Wunden versetzt.

Sie beschreitet mit kühnerem Fusse den marmornen Boden,

Schleichet sich ohne Scheu ein in das purpurne Bett,

Da den unglücklichen Jüngling auf bangem Lager zu foltern:

Armer, was hilft dir anjetzt seidnes gesticktes Gedeck?

Doch ist die Göttin mir hold, was frag' ich nach lydischen Schätzen?

Auch des Alcinous Reich ist mir des Wunsches nicht werth.
(S. 32-33)

 

Anmerkungen:

Lesbischen Wein: aus der Insel Lesbos, im Ägäischen Meere, welchen der Dichter auch anderswo den methymnäischen nennet, von der Stadt Methymna, auf derselben Insel. Es war eine vortreffliche Art süssen und lieblichen Weines.

Mentor'schen Pokal: Von Mentor, einem berühmten Kunstarbeiter, dessen geschnittene Gefässe sehr geschätzt und theuer bezahlt wurden. Man weihete sie selbst, wie Plinius sagt, dem Jupiter auf dem Kapitol, und der Diana zu Ephesus. Der Redner Krassus bezahlte zwey derselben mit tausend Dukaten, nach unserm Gelde.

Mag dein Lustwald dir Stämme zeigen: Die Römer pflegten in ihren Villa's, zuweilen auf den Gebäuden selbst. die sie häufig an dem Ufer der Tiber anlegten, dergleichen hohe Lustwäldchen zu erziehen, deren Horaz öfters gedenket. Alles dieses gehört zum Genusse des Reichthums, dem der Dichter nachher das Glück der Liebe entgegen setzet.

Der goldführende Fluss Paktolus in Lydien ist bekannt.

Aus dem rothen oder erythräischen Meere fischten die Alten Perlen.

Alcinous: König der Phäaken, Gärten und Reichthümer sind aus dem Homer bekannt.
 

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Neunte Elegie


Und auch mit Recht - wie konnt' ich das theure Mädchen verlassen? -

Sprech' ich allein mit des Meers traurigen Vögeln anjetzt.

Meinem Schiffe versagt den Blick Kassiope selber;

Taub fällt hin an den Strand jedes Gelübde von mir.

Cynthia, auch abwesend sind dir die Winde gehorsam;

Sieh', wie gewaltig droht fernher der wilde Orkan!

Wird kein günstig Geschick die rasenden Stürme versühnen?

Soll ich finden mein Grab hier in dem niederen Sand?

Ändre doch den Sinn! Besänft'ge den zürnenden Unmuth!

Diese Gefahren, die Nacht, seyen zur Strafe genug!

Könntest du meine Leiche mit trocknem Auge bestatten?

Nicht die Gebeine von mir sammeln im Schoosse dir auf?

Weh' ihm, welcher zuerst ein Schiff und Segel bereitet,

Durch den widrigen Schlund dreist sich die Wege gebahnt!

War's nicht besser, zu tragen der strengen Gebieterin Launen?

War sie grausam, so war doch nur die Einzige sie:

Als die Ufer zu schau'n, mit wilden Wäldern umwachsen,

Suchen das Zwillingspaar, ach, nur am Himmel umsonst!

Hätte das Schicksal bey ihr mein langes Leiden begraben,

Meine Liebe verscharrt, und mir den Grabstein gesetzt;

Hätte dem Grabe vielleicht sie die theuren Locken geschenket,

Unter Rosen vielleicht meine Gebeine gelegt,

Über dem letzten Staube noch meinen Nahmen gerufen:

O so deckete dann leichter die Erde den Staub!

Aber ihr Meerestöchter, der schönen Doris Erzeugte,

Euer glücklicher Chor löse die Segel mir auf!

Schont an euren Gestaden des Mitgesellen der Liebe,

Wenn sich Amor zu euch je in die Fluthen getaucht!
(S. 36-37)

 

Anmerkungen:

Des Meeres traurigen Vögeln: Properz nennt sie Alcyonen, Eisvögel, wahrscheinlicher Seemöven. Diese haben eine klagende Stimme, und sind immer einsam. Man sagt, dass sie auf dem Meere brüten, und dass, während der Zeit ihrer Brut, das Meer immer sanft und ruhig sey. Daher kommen auch die alcyonischen Tage, die in Friede und gefälliger Ruhe zugebracht werden.

Kassiope: Mutter der Andromeda und Gemahlin des Cepheus, ist ein Gestirn des Himmels.

Das Zwillingspaar: die Tyndariden, Kastor und Pollus, deren Erscheinung am Himmel den Schiffern günstig ist.

Meerestöchter, der schönen Doris Erzeugte: die Nereiden, Töchter der Doris und des Nereus, Nymphen des Meeres.

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Zehnte Elegie


Einsam ist hier der Ort, und meinen Klagen verschwiegen,

Nur des Zephyrs Hauch wohnt im verödeten Hain;

Ungestraft mag ich hier geheime Leiden erzählen,

Wenn der Felsen mir nur Treue zu halten vermag!

Aber wo soll ich beginnen von deinen Kränkungen? Welches

Harte Verfahren von dir, Cynthia, wein' ich zuerst?

Einst der Beglückte der Liebe, so nannten mich alle, nun trag' ich,

Ach, unwillig die Schmach, die mir die Liebe verhängt!

Aber was hab' ich verbrochen? Wodurch verdient' ich die Strafe?

Welcher neue Verdacht hat dir den Unmuth erregt?

Räche den Frevel an mir, wenn irgend ein anderes Mädchen

Mir den niedlichen Fuss über die Schwelle gesetzt!

Hast du gleich mein Gefühl zu bitterm Schmerze gereitzet,

Soll mein äusserster Zorn doch nicht so weit sich vergehn,

Dass ich dein Wüthen verdiene, dass deine fallende Zähre

Mich verklage, wenn sie Wangen und Aug' dir entstellt.

Ist dir zu kalt mein Betragen, und nährt daher der Verdacht sich,

Weil mir der Treue Schwur stets von der Lippe nicht schallt?

Seyd mir Zeugen, wenn je in Bäumen Liebe gewohnt hat,

Ihr, o Buchen! und du, von dem arkadischen Gott

Freundin, o Pinie! wie oft ertönet Cynthiens Nahme

Euren Schatten! wie oft grab' ich den Rinden ihn ein!

Welchen Gram erregte mir nicht dein hartes Betragen?

Stummen Wänden jedoch hab' ich allein ihn vertraut.

Trag ich nicht stets den gebietrischen Stolz in schweigender Demuth?

Wagt ichs zu klagen, wenn je neuen Verdruss sie ersann?

Und was ist mir dafür? die regen Quellen, ihr Götter!

Starre Felsen, zu ruhn hier auf verwachsenem Pfad,

Dass ich, was mir der Schmerz hervorzubringen erlaubet,

Stimmigen Vögeln allhier einsam erzählen noch mag.

Aber sey du wie du willst! Noch sollen die Wälder den Nahmen

Cynthia tönen! und noch schall er vom Felsen zurück.
(S. 40-41)

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Eilfte Elegie



Furchtlos will ich anjetzt das Reich der Manen besuchen,

Meinen traurigen Rest lodernder Flamme vertraun.

Eine Sorge nur hat ich: dass deine Liebe der Leiche

Künftig fehle, diess war grausamer mir als der Tod,

Nicht so leicht hat der Knabe sich mir ans Auge gehänget,

Dass die Asche von mir Liebe nicht fühlte für dich.

Auch der phylacische Held konnt einst der anmuthigen Gattin

Nicht vergessen, als er stieg in des Tartarus Nacht:

Einmahl sie noch zu umfassen, obgleich mit nichtigen Händen,

Kehrte der Held zurück in sein thessalisches Haus.

Wer ich dort unten auch sey, doch heiss ich dein liebender Schatten

Über des Schicksals Fluth schreitet der Liebe Gewalt.

Dort versammelt sich dann das schöne Chor Heroinen,

Einst Dardaniens Stolz, dann ein argivischer Raub.

Keine werd ich mit dir an Gestalt und Schönheit vergleichen,

Cynthia! Tellus, auch du, lasse gerecht ihr den Preis!

Und vergönnte das Schicksal der Jahre längeres Ziel dir,

Würden die Reste von dir immer mir theuer noch seyn.

Könntest auch du, mein Leben, bey meiner Asche diess fühlen,

Dann sey, wo er mich trifft, stets mir willkommen der Tod!

Aber wie fürcht ich, es zieht von meinem verachteten Grabe,

Meinem Staube, zu bald feindliche Liebe dich weg.

Zwingt dich, die Thränen um mich, auch wider Willen, zu trocknen:

Dem anhaltenden Drang weichet das zärtlichste Herz.

Drum lass unserer Lieb uns erfreun, so lange es vergönnt ist!

Allzuvergänglich ist nur zärtlicher Liebe Genuss.
(S. 43-44)

 

Anmerkungen:

Manen: sind die Seelen der Verstorbenen, gewöhnlich der Guten; von einem alten Worte manis oder manus, das gut heisst. So lange die Menschen noch am Leben sind, heissen sie genii. Die Dichter vermischen die Worte manes, umbra, cinis, ossa, rogus, sehr häufig, und nehmen eins fürs andere: die Überreste des Menschen.

Der phylacische Held: Protesilaus, von seinem Grossvater Phylakus, oder von der Stadt Phylaka, in Thessalien, so genannt. Er verlangte vom Pluto die Erlaubniss, seine Gemahlin Laodamia auf drey Stunden wieder zu sehen. Sie verbrannte sich nachher selbst auf dem Scheiterhaufen, in welchen ihr Vater Akastus das Bildniss des Protesilaus geworfen hatte.

Das schöne Chor Heroinen: Die dardanischen und trojanischen Frauen, Kassandra, Andromache und andre, welche bey der Zerstötung von Troja den Argiven oder Griechen zu Theil wurden.

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Zwölfte Elegie


Dieses bewahre, mein Gallus, die Worte der warnenden Freundschaft,

Und erhalte sie fest dir ins Gemüthe geprägt:

"In der Liebe verfolgt den unvorsichtigen das Schicksal!"

Grausam den Minyern einst lehrt es Askaniens See.

Auch dein Hylas ist schön, ist gleich an Gestalt, wie am Nahmen,

Jenem Thiodamassohn, würdig der Liebe wie er:

Hüt ihn, wenn du ihn führst an waldumschattete Flüsse,

Oder wo Anio dir schmeichelnd die Sohle benetzt:

Wenn du die Ufer besuchst und Kumens gigantische Küste,

Oder wo irgend des Stroms reitzende Krümme dich lockt;

Hüte, sag ich, den Knaben vor Raub der lüsternen Nymphen:

Nymphen Ausoniens, auch euch ist die Liebe nicht fremd!

Wage dich nicht mit ihm zu klüftigen Bergen, auf Felsen,

Noch auch selbst zu dem See, den du zuvor nicht erforscht,

Herkul hat es erfahren am unbekannten Gestade,

Und der askanischen Fluth weint er unselig sein Leid.

Denn vor Zeiten, so sagt man, sey aus dem Hafen Pagasä

Argo gelaufen, und sey durch die entlegene Furth

Phasis gedrungen, und hin auf athamantischer Woge

Segelnd, habe das Schiff Mysiens Felsen erreicht.

Als nun der Helden Chor ans freundliche Ufer hervortrat,

Brachen zum Lager der Nacht laubige Zweige sie ab.

Aber es schweift der Gefährte des jungen Helden noch weiter,

Suchend die seltene Fluth von dem verborgenen Quell.

Hier begehreten ihn zwey Brüder, Boreas Söhne:

Zetes hing über ihm, Kalais strebte auf ihn,

Hielten schwebend im Flug, und suchten ihm Küsse zu rauben,

Trugen in wechselnder Flucht Küsse von oben ihm zu.

Zwischen der Flügel Spitzen schon hangend, macht sich der Knabe

Los, und treibt mit dem Ast von sich die Räuber der Luft.

Und es entweichet die Brut der pandionischen Enklin;

Hylas geht, doch er bringt, ach, nun den Nymphen die Glut!

Hier war Pege der Quell, an den Höhen des Berges Arganthus;

Thynische Nymphen ergetzt Kühle der Grotten allda:

Um die kühlenden Grotten sind thauige Früchte gehangen,

Ungepfleget der Kunst, keinem der Hirten bekannt.

Aus dem Rasen umher von sanfter Welle genetzet,

Steigen Lilien auf unter dem purpurnen Mohn.

Und mit kindischer Hand pflückt hier der Knabe die Blumen,

Denket daran noch mehr, als ans geheissne Geschäft;

Bückt sich nun absichtslos hin über die liebliche Welle,

Weilet süssegetäuscht über dem schmeichelnden Bild:

Endlich streckt er die Hand herab die Fluthen zu schöpfen,

Und auf die Schulter gestützt zieht er die Urne herauf:

Doch die Dryaden, entbrannt von seiner blendenden Schönheit,

Lassen betroffen ihr Spiel, ihre gewohneten Reihn;

Und indem er sich senkt, ziehn sie in die schlüpfrige Fluth ihn

Vollends hinab: es tönt noch aus den Fluthen ein Laut.

Ihm antwortet Alcides von weitem: Hylas! doch Aura

Bringt vom entferneten Quell ihm nur den Nahmen zurück.

Diese Warnungen mögen dir deinen Hylas erhalten,

Wann zu sicher du ihn, Gallus! den Nymphen vertraust.
(S. 47-49)

 

Anmerkungen:

Minyer: heissen die Argonauten, von Minyas, einem Könige der Thessalier. Die meisten Argonauten erkannten ihn als ihren Stammvater. Es war auch wahrscheinlich ein allgemeiner Volksnahme.

Askanius: ist ein Fluss und See der Landschaft Bithynien, die nahe an Mysien liegt, wohin die Argonauten zogen, das goldene Flies abzuholen.

Hylas: des Thiodamas Sohn.

Anio: ein Fluss in der Gegend von Tibur; jetzt Teverone.

Kumens gigantische Küste: die phlegräischen Felder, die am Meere liegen, wo, wie man sagt, die Giganten den Krieg mit den Göttern geführt haben. Eine vulkanische Gegend.

Nymphen Ausonienes: die italischen Nymphen. Ausonien ist Italien.

Argo: das Schiff der Argonauten.

Pagasä: eine Seehandelsstadt in Thessalien. Daselbst wurde das Schiff Argo verfertiget, und man sagt, die Stadt Pagasä habe von dem griechischen Worte (das bauen oder zusammenfügen heisset), den Nahmen erhalten.

Phasis: ein Fluss in Kolchis.

Athamantische Woge: der Hellespont, zwischen Thrazien und Asien, von Helle, des Königs Athamantis zu Theben Tochter, die sich bey der Überfahrt über die Meerenge ersäufte.

Mysien: eine Landschaft Asiens, am Propontis oder mare di marmora. Sie war mit Bithynien und Phrygien nahe begrenzt.

Zetes und Kalais: Söhne des Aquilo oder Boreas. Ihre Mutter war Orithyia, Enklin des Pandion. Sie gehörten unter die Halbgötter oder Heroen, und hatten, als Söhne des Boreas, Flügel. Beyde befanden sich mit unter den Argonauten. Ihre schönen langen Haare sollen Gelegenheit gegeben haben, dass man ihnen Flügel andichtete. Auch heisst Zetes, im Griechischen, ein sanfter Wind.

Pege: heisst im Griechischen ein Quell, und ist wahrscheinlich auch der eigne Nahme des Ursprungs des askanischen Sees oder Flusses gewesen, der auf den argantischen oder arganthonischen Bergen in Bithynien sich befand. Bithynien, heisst auch Thynien, von Thynus, der Nymphe Arganto Sohn.

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Übersetzt von Karl Ludwig von Knebel (1744-1834)

Aus: Elegieen von Properz
[Übersetzt von Karl Ludwig von Knebel]
Leipzig Bey Georg Joachim Göschen 1798



Zweites Buch

 

 


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