Paul Fleming (1609-1640) - Liebesgedichte

Paul Fleming



Paul Fleming
(1609-1640)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 


 


1. Aus H. Kaspar Barthen seinem Lateinischen
Liebesscherze
1631

Du hast, o liebstes Lieb, mein Herz' in deinem Herzen!
In dir, in dir es ist, nach dem ich wündsche sehr,
das ich such' überall mit ach! wie großen Schmerzen,
in dir, in dir es ist und sonsten nirgends mehr.
Ach ! Liebste, lasse mich dein Mündelein betrachten,
tu doch die Lippen auf, auf daß ich sehe drein!
Ach! ach! wie ängstet sichs! Itzt wird es gar verschmachten,
weil es so mit Gewalt dir muß gefangen sein.
Doch gieb mirs wieder nicht, behalt es in dem deinen!
Mein Herze, bleibe drin, hinfort daraus nicht weich
und ändre diesen Ort! Desgleichen findst du keinen.
Hier ist dein Vaterland, hier ist dein Königreich.
Vor, da du warest noch an meinen Leib verbunden,
da fehltestu der Tür', hier giengst du ein, dort aus.
Nun du verwichen bist von mir, so hast du funden
das rechte Vaterland, das vielgewündschte Haus.
(S. 208)
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2. H. Dan. Heinsius sein Lateinischer Liebesscherz
1631

Mein Lieb das gabe mir, als sie mich gestern liebte,
ein süßes Küsselein, noch süßer als der Wein,
der sonst der süßste heißt. Ich, als sie diß verübte,
entfärbte gänzlich mich. Ich nam ihr Hälselein
und hing mich sehnlich dran. Ich sah in einem Sehen
ihr in ihr Angesicht'; ich sah ihr stetig drein
und hing das Haupt nach ihr. Ach, sprach ich, kans geschehen
daß du, mein Leben , kanst mir Armen günstig sein?
Worauf sie lachend was von ihrem schönen Munde
aus tiefster Seelen raus, weiß noch nicht, was es war,
mir blies in meinen Mund. Sie bliese mehr zur Stunde,
noch etwas, weiß nicht was, das feucht und laulecht gar.
So bald ich dieses nur befund' in meinem Herzen,
beraubt' es mich der Seel' und aller Sinnen Kraft.
Daher ich, ohne Seel' und ohne mich, mit Schmerzen
lauf' immer hin und her in einer frembden Haft.
Ach Lieb, ich suche mich mit Weinen aller Enden!
Ach! ach! verkäufstu denn so teuer einen Kuß?
Ach! freilich tustu mir die Seel' und Herz entwenden,
nun ich in deiner Seel' und Herzen leben muß.
Ach! wein' ich oder nicht? Was soll ich doch beginnen?
Mit Tränen sie doch nicht erweichet werden kan,
sie nehret sich vielmehr von meinem Thränenrinnen.
Ich will umb einen Kuß sie freundlich sprechen an.
Ich will sie sehen an, ich will fort immer weiden
in ihrem Odem mich, sie in dem meinen sich.
So werd' ich meine Seel' antreffen voller Freuden
so oft ich ihrer muß begeben gänzlich mich.
(S. 208-209)
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3. Aus dem Alziat über die Farben

Die schwarze Farbe steht zu schwarzen Traurigkeiten;
dieselbe brauchen wir, wenn wir den Sarg begleiten.
Weiß zeigt die Sinnen an, die ohne Falschheit sein,
drum sein die weisen Röck' euch Priestern so gemein.
Grün lehrt uns, daß man hofft; sonst pfleget man zu sagen,
die Sache grüne noch, so oft es umgeschlagen.
Gelb ist Begierde voll; sie ist der Bühler'n gut
und denen Hoffung stets, was sie begehren, tut.
Rot ist Soldaten hold und zeuget frisch Geblüte,
wie an den Knaben auch ein züchtiges Gemüte.
Blau ist der Schiffer Art und die, der Andacht voll,
gen Himmel stetigs sehn, daß sie Gott hören soll.
Das Goldgelb' ist vor Schlecht', und Feuerrot imgleichen;
die Kapuziner sicht man so hereinher schleichen.
Wer Liebeseifer voll und tief in Angst muß gehn,
dem soll das Dunkelrot am allerbesten stehn.
Violbraun zieret den, der in Vergnügen lebet
und, was das Glücke giebt, mit nichten widerstrebet.
Der Sinnen sind so viel', so viel' der Farben sein:
ein ieder liebet das, was er ihm bildet ein.
(S. 209-210)

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4. Aus Heinsius seinem Niederdeutschen Vilius est aurum.
Auf den güldenen Zahnstocher

Du liebes, köstlichs Pfand, genommen aus dem Munde
der himmlischen Gestalt, kömst zu mir diese Stunde
mit süßer Dieberei, zu mindern meine Qual,
weil sie zuerste mir mein krankes Herze stahl,
mein Herze, das sie mir verknüpft mit süßen Banden,
mit dem sie spielt und das sie trägt in ihren Handen.
Nun bin ich ohne mich. Doch um zu sein bei ihr,
da ich doch nicht sein kan, so hab' ich dich bei mir.
Itzt nehm' ich dich herfür, itzt leg' ich dich denn nieder;
ich schaue dich bald an, bald nehm' ich dich hinwieder.
O würdigs, köstlichs Pfand, dem ich bin herzlich hold,
an dir befind' ich Nichts, das schlechter ist als Gold.
(S. 210)
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5. Heinsius sein Holländisches Solvi non possum, nisi
magis constringar

Wol dem, der in dem Feld' immitten unter Lanzen
und Degen, die man blößt, den trüben Tanz mag tanzen,
den Alle müssen tun, der sinkend in den Sand
den letzten Fußfall tut für Gott und vor sein Land!
Ich aber armer Mensch hab' einen Krieg gewaget,
da mir bei Furcht und Angst der Tod auch wird versaget.
Mein Feind, der ist mein Lieb; die mir den Tod antut,
die acht' ich Allem vor und bin ihr mehr als gut.
Ihr Antlitz ist ihr Schwert, die Worte sind die Klingen,
darmit sie mich verletzt, die Arme starke Schlingen,
darein sie mich verstrickt. Die Pfeile, mein Verdruß,
das sind die Augen selbst, die ich doch lieben muß.
O freundliche Gewalt, wie soll ich mich doch retten,
der ich gebunden bin mit solchen süßen Ketten?
O Feind, den ich mir such, o Leiden ohne Pein,
ich muß um los zu gehn noch mehr gebunden sein.
(S. 210)
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6. Eben desselbigen Imaginem ejus mecum gesto

Das Bildnüß, der ich folg', ist mir in mich geschrieben.
Das Wesen, die Gestalt, das Lachen und fortan
steht stets in meinem Sinn' und ist darinnen blieben,
gebildet von der Zeit, da ich sie erst blickt' an.
Ich trag' es, wo ich geh'. Und hab' ich ein Verlangen
nach einer vollen Lust, so denk' ich, was sie tut.
Denn seh' ich sie vor mir. Will ich sie denn umfangen,
so giebt ihr rechtes Bild heraus mein treuer Mut.
(S. 211)
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7. Eben seins In poenam vivo

Ach, Jungfrau, es ist satt! Der Pfeil von deinen Augen,
der sich in mich verkroch, der wegert mir den Tod.
Mir wäre Sterben Lust; das will ja ganz nicht taugen;
weil ich im Leben bin, so bin ich in der Not.
Dein Antlitz ist die Bank, darauf ich bin gestrecket,
da werd' ich aufgedehnt. Dein, was man himlisch nennt,
hat einmal in mein Herz' ein Feuer angestecket,
das mich entzündet stets und nimmermehr verbrennt.
(S. 211)
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8. Aus dem Pastor Fido

Ihr blindes Volk, so euch denn dürstet so,
viel Schätze, Geld und Gut zu haben,
indem euch macht der liebe Geldsarg froh,
darein ein güldnes Aas vergraben,
welches schleicht um seine Gruft
als ein Schatt' und blasse Luft,
was könt ihr Lust an toter Schönheit haben?
Reichtum, Schätz' und andre Güter
haben keine Gegengunst,
wahre, lebensvolle Brunst.
Die Gemüter sind Gemüter.
Alles andre, weils nicht wieder Liebe giebet,
ist nicht wert, daß es die Liebe liebet.
Die Gegenbulerin, die Seele nur allein
kan eines Bulern wert und Liebe würdig sein.
Es ist wohl ein süßes Wesen
um den Kuß, den man gelesen
von dem rosenroten Angesicht';
aber doch, wer nach der Warheit Pflicht
(wie die ihr, ihr Buler, pflegt, als die ihr es wisset,
die ihrs versucht) bekennt, wird sagen müssen,
es sei ein totes Küssen,
das die geküßte Zier nicht wieder küsset.
Der verliebten Lippen Schmätze
zweier herzvertrauten Schätze,
wenn sich Mund mit Munde schlägt
und der Streit zugleich erregt,
wenn die Lieb' auf eins in Eil'
einen und den andern Pfeil
mit versüßter Rache zücket
und auf einen Feind lostrücket,
diß laßt mir Küsse sein, da eins so viel bekömmt
mit ebengleicher Lust, so viel das andre nimmt.
Es küsse nur ein wolverschlagner Mund
die Brust, die Hand, die Stirn' und merke gar genau,
so wird es ihm bald werden kund,
daß sonst kein einigs Glied an einer schönen Frau
als nur der Mund ihn wieder könne küssen,
da Seel' und Seel' in Lust zusammen fließen
und sich auch küssen müssen.
Durch die regen, fremde Geister
hauchen sie des Lebens Wind
in die küssenden Rubinen,
also daß die edlen Meister
manches Wort von großen Sachen
doch in kleinem Halle machen,
von den Händeln so nur ihnen
kund, uns andern heimlich sind.
In einer solchen Lust, ja solchem Leben schwebt
ein liebesvoller Geist, der in dem andern lebt,
und sind die wiederum so bald geküßten Küsse,
als wenn zwei liebender geliebter Herzen Füße
einander unversehns begegneten, so süße.
(S. 211-212)
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9. Drei Chore der Nymphen

Der erste
Daß du, Liebe, blind solst sein,
will mir gar nicht gehen ein.
Der dir gläubt, den machst du blind.
So du wenig siehst, o Kind,
desto minder hast du Glauben.
Du wirst mich mir nicht berauben,
du seist blind gleich oder nicht,
und, damit mir nichts geschicht,
sieh, so geh' ich weit von dir.
Du hast satten Platz vor mir.
Also blind auch siehst du mehr,
als wol Argus. Also sehr
hast du blind mich doch gefangen,
blind hast du mich hintergangen.
Itzund, da ich ledig lebe,
wenn ich dir mehr Glauben gäbe,
o, so wär' ich wol geschossen.
Fleuch und treibe deine Possen!
Nimmermehr machst du bei mir,
daß ich mich vertraue dir;
denn du kanst sonst gar nicht scherzen,
du ermordest denn die Herzen.


Der andere
Aber, blinder Feind der Herzen,
du rufst mich, mit dir zu scherzen.
Sieh, ich scherze: mit der Hand
schlag' ich dich auf dein Gewand,
mit den Füßen rett' ich mich;
laufe! dennoch schlag' ich dich,
und du läufest mit Beschwer,
doch vergeblich, hin und her.
Sieh, ich will dich nicht verlassen;
und du kanst mich doch nicht fassen,
weil ich, o du blinder Knabe,
ein gefreites Herze habe.


Der dritte
Ein gefreites Herze machet,
daß man flüchtig dich verlachet.
O du loser Schmeichler du,
reizest du mich noch darzu,
daß ich deine falsche Süße
ferner mich bezaubern ließe?
Und doch komm' ich wieder. Siehe,
wie ich jage, schlage, fliehe!
Und du, wenn ich schlag' und lauf',
hältst mich nur vergebens auf,
weil ich, o du blinder Knabe,
ein gefreites Herze habe.


Alle drei
Seht ihn an, den Sieges-Gott,
dem die Welt steht zu Gebot'
und, im Fall' sie ist verliebt,
gottlos ihm die Renten giebt,
seht ihn itzt verlacht, geschlagen!
Gleichwie, wenn an hellen Tagen
glänzt der güldnen Stralen Schein,
pflegt ein blinder Kauz zu sein,
welchen tausent Vögel nagen
und von vorn' und hinden plagen,
denn, wie sehr er um sich häuet
bald sich groß macht, bald kreucht ein,
doch der Feinde keiner scheuet,
weils vergebne Schläge sein:
so must du dich lassen schänden,
Liebe, hier von allen Enden.
Dieser zwickt dich in den Rücken,
jener, wie es will gelücken,
schlägt dich in die roten Wangen,
ob du gleich die Hände breitest
und mit beiden Flügeln streitest.
Unter einem süßen Schalle
deckt die Leimrut' ihre Galle,
und der Vogel lehrts uns Allen,
der betört ist drein gefallen.
Amor kan von dem nicht bleiben,
welcher mit ihm Scherz will treiben.
(S. 213-215)
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10. Auch aus demselben

Der Schall, das Licht, die Kraft, Bewegung, Schönheit, Zier,
die machen so ein süß und liebliches Getöne
in deinem Antlitz, Schöne,
daß ihm der Himmel nur mit nichtiger Begier
und ganz vergebens bildet ein
(so anders er so schön als Eden nicht kan sein),
dich göttergleiches Ding mit ihme zu vergleichen.
Und wol hat Ursach' mehr als groß'
das adeliche Tier, so einen Man sich nennet,
vor welchem williglich zu beugen sich bekennet
was sterblich ist in Tethys weiter Schoß,
dir billiglich zu weichen,
wenn er das hohe Werk, das an dir ist, erweget.
Daß aber er zu herschen pfleget,
ist nicht, daß du des Siegs, des Zepters unwert seist:
das tut er, daß er dir mehr Ehr' und Gunst beweist.
Denn so weit höher ist der, so hier räumt das Feld,
so weit ist rühmlicher der hier das Feld behält.
Daß aber deine Zier zugleich auch übermag
die Menschheit, als ein Mensch, das zeuget diesen Tag
Myrtillus wunderlich. Er zeugets einem Herzen,
das er nur hält für Schmerzen.
Und diß nur, schöne Frau, fehlt eurer Kraft annoch,
daß ihr verlieben könnt, und ohne Hoffnung doch.
(S. 215)
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11. Schäferei

Sophia, Schäferin, an Tugend, Zier und Adel
und aller Trefflichkeit erboren ohne Tadel,
der Hirten schönster Preis, die um den grünen Belt
ihr wolgepflegtes Vieh hier treiben in das Feld!
Ob hier zwar vielerlei von schönen Blumen stehet
und manch gefärbtes Kraut mit dir spaziren gehet,
aus dem dir mancher Kranz auf heute wird gemacht
und in dein güldnes Haar mit Jauchzen wird gebracht,
so bringt Philemon doch, der treflichste der Hirten,
allein dir einen Strauß von Venus eignen Myrthen,
Philemon, deine Lust und ganzer Aufenthalt,
dem niemand gleiche geht an Adel und Gestalt.
Heb' unsre Bänder auf, o Schwester, neben seinen
und laß dir diesen Tag zu voller Freude scheinen,
der seinen Glanz streut aus in unverglichner Pracht
und durch dein güldnes Licht noch heller wird gemacht!
Itzt ist die schöne Zeit. Sophia, brauch der Freuden,
laß Schaaf' und alles Vieh nur unbesorget weiden!
Wir wollen einen Tanz um diesen frischen Fluß
auf dein gut Glücke tun und wechseln Kuß für Kuß.
Aurora sagt dir zu mit duppelt schönen Wangen
dein klares Morgenlicht inkünftig zu empfangen,
so daß dein ganzer Tag nichts als nur Sonnenschein
und durch die ganze Nacht ganz sternenklar soll sein.
(S. 215-216)
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12. Als er zu Schaden am Auge kommen

Ich fühl', ach gar zu spat, o Amor, deine Rach'.
Halt' an, du großes Kind, halt' an und tu gemach!
Ich muß bekennen itzt, ich triebe fast nur Possen
aus deiner Bogen Kunst und tötenden Geschossen.
Nun siehst du dir an mir gar viel ein ander Ziel.
Da ich des Herzens Zweck getroffen haben will,
da wendest du das Rohr, verletzest mein Gesichte.
Ach, Rächer meiner Schuld, wie scharf ist dein Gerichte!
Vor kunt' und wolt' ich nicht, itzt kan ich sie nicht sehn,
wie gern' ich immer will. Ist mir nicht recht geschehn?
(S. 216)
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13. Von den Blumen

Der Rosen Milch und Blut muß ihren Wangen weichen,
kein rotes Negelein mag ihrem Munde gleichen.
Die Saffranblume stirbt für ihrer Haare Zier,
Vergißmeinnicht vergißt auch seiner selbst für ihr.
Narzissen sind wol weiß, doch nicht für ihren Händen,
die Veilgen werden blas, wenn sie sich nach ihr wenden.
Ihr Hals ist heller noch als alle Lilgen sein,
und ihre Brust sticht hin der Anemonen Schein.
Ihr süßer Odem reucht wie starke Bisemblumen,
an ihr ist, was uns schickt Panchea und Idumen.
Was sag' ich? Müßt doch ihr, ihr Blumen, selbst gestehn,
sie sei noch tausentmal so schön' als Tausentschön!
(S. 216-217)
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16. Über seinen Traum
1635

Ists müglich, daß sie mich auch kan im Schlafe höhnen?
Wars noch nicht gnung, daß ich mich wachend nach ihr sehnen
und so bekümmern muß, im Fall' sie nicht ist hier?
Doch sie ist außer Schuld. Du, Morpheu, machtest dir
aus mir ein leichtes Spiel! Der alte Schalk, der liefe,
indem ich, gleich wie sie, frei aller Sorgen schliefe.
Er drückt' ihr schönes Bild in einen Schatten ab
und bracht' es mir so vor. Die liebe Schönheit gab
der Seelen ihren Geist. Sie fingen sich zu lieben,
zu sehn, zu küssen an. Die süßen Freunde trieben
ihr schönes Tun mit sich so herzlich und so viel,
bis daß, indem der Geist noch hat sein Liebesspiel
und in dem Schatten scherzt, mein matter Leib erwachet.
Das Bild, in dem er sich noch so ergetzlich machet,
fleugt ganz mit ihm darvon und kehrt an seinen Ort.
Was tu' ich Armer nun? Die Seele, die ist fort,
mein Leib lebt auf den Schein. Wie wird mirs doch noch gehen?
Sag' ichs ihr oder nicht? Sie wirds doch nicht gestehen.
Wer, o wer wird mich denn entnehmen dieser Last?
Ach, Schwester, fühlst du nicht, daß du zwo Seelen hast?
(S. 217-218)
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17. Geburtstags - Gedichte
1636 November 19.

Wie glückhaft war ich doch zu jener Zeit zu schätzen,
da ich in Gegenwart sie kunte binden an
und mich auf diesen Tag in ihrer Huld ergetzen,
da mir durchs ganze Jahr kein liebrer kommen kan!
War gleich der Blumen Zier durch blassen Frust erstorben
und keine Farbe mehr zu sehen durch die Welt,
so klagte dennoch sie hierinnen nichts verdorben.
Ihr war mein fester Sinn ein weites Blumen-Feld.
Ich bunde sie mit mir. So durft' ich auch nicht sagen,
daß ihr mein süßer Brief nicht käme recht zu Hand:
mein Herze war die Post. Das reiste stets verborgen
und brachte sich ihr selbst, sein Bote, Brief und Band.
So bunden wir uns stets und lösten uns stets wieder.
Das liebe lange Jahr war ein Geburtstag nur,
der mit der Sonnen selbst ging täglich auf und nieder
und uns nie schreiten ließ aus seiner güldnen Spur.
Was soll ich hier nun tun? Was soll ich doch beginnen?
Ach! daß ich kommen bin in die betrübte Zeit!
Seid ihr denn ratsarm ganz, ihr abgekrankten Sinnen?
Bind' oder bind' ich nicht? Es macht mir beides Leid.
Daß ich doch solte nur kaum durch drei halbe Zeilen
mein Tun ihr schreiben zu! Doch es ist müglich nicht.
Ich bin von ihr getrennt auf mehr als tausent Meilen.
Laß ich es ganz denn nach, wo bleibet meine Pflicht?
Dort ist Gefahr, hier Angst. Doch, daß nicht auch die Reue
zu diesem Kummer stößt, so laß ichs ungewagt.
Ich habe Zuversicht in ihre starke Treue.
Das spricht mich bei ihr los, was mich bei ihr verklagt.
Licht, wenn du dermaleins in meinen schönen Büchern
auch dieses lesen wirst, so wirst du erstlich sehn,
wie hoch du meines Sinns hast können dich versichern
Was dich und mich itzt kränkt, das muß aus Not geschehn.
(S. 218-219)
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18. Auf ihr Abwesen
1639 Mai

Ich irrte hin und her und suchte mich in mir,
und wuste dieses nicht, daß ich ganz war in dir.
Ach! tu dich mir doch auf, du Wohnhaus meiner Seelen!
Komm, Schöne, gieb mich mir, benim mir dieses Quälen!
Schau, wie er sich betrübt, mein Geist, der in dir lebt!
Tötst du den, der dich liebt? Itzt hat er ausgelebt.
Doch gieb mich nicht aus dir! Ich mag nicht in mich kehren.
Kein Tod hat Macht an mir, du kanst mich leben lehren.
Ich sei auch, wo ich sei, bin ich, Schatz, nicht bei dir,
so bin ich nimmermehr selbest in und bei mir.
(S. 219)
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1. Aus dem Pastor Fido

Dieses feurige Beginnen,
dieser seufzerheiße Dunst
ist nicht, Lieb, nach deinen Sinnen
ein' Erfrischung meiner Brunst.
Ich muß sie, recht zu bekennen,
ungestüme Stürme nennen.
Wenn sie auf die dicken Flammen
meiner Liebe blasen zu,
so schlägt über mich zusammen
ihrer Wirbel ganze Loh'.
Also duppeln sie die Hitze,
daß ich warme Tränen schwitze.
Denn auf diß seh' ich sich schwingen
dicke schwarze Wolken auf,
so uns armen Bulern bringen
Leid und Pein und Schmerz vollauf,
daß wir nichts als Angst begegnen
und mit steten Tränen regnen.
(S. 396)
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2. Aus dem Italiänischen

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn die wollustvolle Heerde
tanzt zum Klange der Schalmeien!
Hirt' und Heerde muß sich freuen,
wenn im Tanz' auf grüner Erde
Böck' und Lämmer lieblich ringen.
Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn die Sternen, gleich den Freiern,
prangen in den lichten Schleiern!
Was die lauten Zirkel klingen,
nach dem tanzen sie am Himmel
mit unsäglichem Getümmel.
Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn der Wolken schneller Lauf
steht mit dunkeln Morgen auf!
Ob sie gleich sind schwarz und trübe,
dennoch tanzen sie mit Liebe
nach der Regenwinde Singen.
Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn die Wellen, so die Winde,
lieblich in einander schlingen,
die verwirren sich geschwinde!
Wenn die bulerische Luft
sie verschläget an die Kluft,
tanzt der Fluten Fuß zu Sprunge,
wie der Nymphen glatte Zunge.
Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn der bunten Blumen Schaar,
wenn auf ihr betautes Haar
die verlebten Weste dringen,
geben einen lieben Schein,
gleich als soltens Tänze sein!
Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
laßt uns laufen für und für,
denn durch Tanzen lernen wir
eine Kunst von schönen Dingen!
(S. 396-397)
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4. Heinsii sein holländisches
Dominae servitium libertatis summa est

Alle, die ihr habet Neid
und auf mich erzürnet seid,
laßt nun blicken euren Mut
über mein berühmtstes Gut!
Wisset, daß mein Glücke steht
und euch Allen übergeht!
Niemand ist so groß von Kraft,
der mir was zu schaffen schafft.
Ganz kein König auf der Welt
ist, der mir die Wage hält.
Fürsten, Herren, den und dich
stell' ich weit, weit unter mich.
Gestern späte bei der Nacht
hab' ich den Stand an mich bracht,
als ich ward der Schönsten Knecht,
die den Namen führt mit Recht.
Alle meine Zier und Pracht
ist kein Reichtum, keine Macht,
nur daß sie eins günstiglich
von der Seite sah auf mich,
daß sie mir gab ihren Mund
der mich tötlich machet wund;
da mein' arme Seele webt,
da sie wohnt und allzeit lebt.
Mit den Türen von Koral,
da Kupido hat den Saal,
spielte sie ein liebes Spiel.
Meine Lippen war'n ihr Ziel.
Drauf gab sie ein Lachen drein,
das nicht könte sachter sein.
Diß besinnet so mein Sin,
daß ich tot bei Leben bin.
Und die Worte, die für Pein
mein Herz heißen sicher sein,
und der göttliche Verstand,
den der Himmel hat gesandt,
das ist Honig, das ist Wein,
das soll meine Zahlung sein!
Hierfür, wie auch will mein Sin,
ist nun meine Freiheit hin.
(S. 398-399)
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5. Des Amyntas Charitille

Muß Amyntas das nun hören,
Charitille, deinen Tod?
Und hat kein Gott können wehren
dieser dein- und unsrer Not?
Ach, Verhängnüß, was du bist!
Was reizt dich zu solcher List?
Amaryllis und Florelle,
tönet diese Seufzer an,
die ich ihr zur letzte stelle,
weil ich selbst nicht da sein kan,
und auch, o Chrysille, du,
gieb dein Beileid auch darzu!
Ich, wie weit ich von euch stehe,
bin doch euren Schmerzen nah.
Wo ich sitze, wo ich gehe,
da ist stets diß Herzleid da,
Wo ich bin und werde sein,
da will ich mit stimmen ein.
Ach! Die Schönste von den Schönen,
Charitille, Zier der Zeit,
was gebiert sie uns für Sehnen?
Was ist übrig mehr als Leid?
Die so lieblich singen kunt',
hat verschlossen ihren Mund.
Solte sie denn uns nicht tauren,
sie, der schönen Wälder Geist?
Alle Felder sehn wir trauren,
der Gepüsche Pracht verschleißt,
das verlebte Jahr wird alt:
sie, sein Feuer, die ist kalt.
Ists nicht so, du Gott der Schafe?
Früh' hab' ich dirs gleich erzählt,
daß ich sie sah' in dem Schlafe
und den Man, den sie erwählt.
Und wir Andern, wie wir sein,
stimmten ihr ein Brautlied ein.
O ihr ganz verlognen Träume,
ist euch unser Leid denn Lust?
Euch auch, ihr bewegten Bäume,
soll diß Übel sein bewußt.
Schreit mir nach, ihr Täler ihr:
Sie ist weg, der Menschen Zier!
Ihr, ihr übrigen drei Lieben,
weint! doch weinet, wie ihr solt!
Sie bleibt, ist sie einmal blieben.
Folgt , seid ihr A m y n t e n hold,
daß er an der Münde Stat
nicht an euch rot' Augen hat!
(S. 399-400)
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6. Palinode

Ich bin tot; mein Tod, der lebt,
und ich leb' in meinem Tode.
Mein Tod, der ist Palinode,
die mir so zuwider strebt.
Und sie, meine Palinode,
lebt und ist doch auch im Tode.
O du süße Tochter du
der auch süßen Pierinnen,
du Bezwingerin der Sinnen,
die sich gönnen keiner Ruh',
Phöbus hat dir das gegeben,
daß du Tote bringst ins Leben!
Musik, edler Götter Gast,
gieb ihr Leben, doch ihr Leben!
So wird sie mir wieder geben
was du ihr geschenket hast.
Diß, was ihr ist und auch meine,
bleibt doch, Göttin, allzeit deine.
(S. 401)
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7. Madrigal

Weil Eurus sich noch streubet.
bestürmt die große Welt,
so trauret Wald und Feld
und was diß Rund umleibet.
Nur ich bin außer Kummer:
wenn meine Doris kömmt,
mich in die Arme nimmt,
ihr Haupt ist mir der Lenz,
ihr Antlitz Sommer.
(S. 401)
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8. Sonnenschein im Regen

Obschon durch des Himmels Zähren
dieser ganze Tag wird naß,
doch so kan mich diß beschweren,
diese Not nicht machen blaß.
Lieb, ein steter Sonnenschein
sind mir euer' Äugelein!
(S. 401)
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11. Pein der Liebe
1635

Ist dieses nun das süße Wesen,
nach dem mich so verlanget hat?
Ist dieses der gesunde Rat,
ohn' den ich kunte nicht genesen?
Und ist diß meines Wehmuts Frucht,
die ich so emsig aufgesucht?
O Feind, o Falscher, o Tyranne,
Kupido, das ist deine List!
Der bist du, der du allzeit bist.
Du hast mich nun in deinem Banne.
Der Dienst der falschen Ledigkeit
hat meiner Freiheit mich entfreit.
Wie unverwirrt ist doch ein Herze,
das nicht mehr als sich selbsten kennt,
von keiner fremden Flamme brennt,
selbst seine Lust und selbst sein Schmerze!
Seit daß ich nicht mehr meine bin,
so ist mein ganzes Glücke hin.
Sie, diß Mensch, diese Halbgöttinne,
sie, die ists, mein erfreutes Leid,
die Kraft der starken Trefligkeit,
treibt mich aus mir und meinem Sinne,
so daß ich sonst nichts um und an
ale sie nur achten muß und kan.
Ich schlaf', ich träume bei dem Wachen,
ich ruh' und habe keine Ruh',
ich tu' und weiß nicht, was ich tu',
ich weine mitten in dem Lachen,
ich denk', ich mache diß und das,
ich schweig', ich red' und weiß nicht was.
Die Sonne scheint für mich nicht helle,
mich kühlt die Glut, mich brennt das Eis,
ich weiß und weiß nicht, was ich weiß.
Die Nacht tritt an des Tages Stelle.
Itzt bin ich dort, itzt da, itzt hier,
ich folg' und fliehe selbst für mir.
Bald billig' ich mir meinen Handel,
bald drauf verklag' ich mich bei mir.
Ich bin verändert für und für
und standhaft nur in stetem Wandel.
Ich selbst bin mit mir selbst nicht eins.
Bald will ich alles, bald gar keins.
Wie wird mirs doch noch endlich gehen?
Ich wohne nunmehr nicht in mir.
Mein Schein nur ist es, den ihr hier
in meinem Bilde sehet stehen.
Ich bin nun nicht mehr selber Ich.
Ach Liebe, worzu bringst du mich!
(S. 402-403)
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12. Amor

Des kleinen Schützen heiße Polzen,
die stecken allzu tief in mir;
seither so ist mir für und für
von ihnen Leib und Sin zerschmolzen.
Wer zweifelt, sehe mich nur an,
ob Amor sei ein bloßer Wahn!
Man hat mich oft bereden wollen,
die Liebe sei nichts als ein Wahn.
Itzt wird mir an mir kund getan,
was ich nicht hätte gläuben sollen.
Wer zweifelt, sehe mich nur an,
ob Amor sei ein bloßer Wahn!
Ja, was noch mehr von diesem Knaben,
obschon der Pövel anders spricht:
er traf und dennoch zielt' er nicht.
Er muß ja ein Gesichte haben.
Wer zweifelt, sehe mich nur an,
ob Amor sei ein bloßer Wahn!
So kan ichs auch in mich nicht bringen,
daß er ein schwaches Kind soll sein.
Ich Armer bins nicht nur allein',
er kan die Götter auch bezwingen.
Wer zweifelt, sehe mich nur an,
ob er nicht mehr sei als ein Man!
Ein Teil der spricht, er soll wol hören.
O, das ist wol ein großer Schnitt!
Ich ruf', ich seufz', ich fleh', ich bitt':
umsonst ists, daß wir ihn so ehren.
Wer spricht, daß Amor hören kan,
und gläubts, der sehe mich nur an!
Wie schändlich hat auch der gelogen,
der michs beredt' und schwur darbei,
daß Amor nichts als Freude sei!
Itzt fühl' ichs, daß ich bin betrogen.
Wer zweifelt, sehe mich nur an,
ob Amor nicht betrüben kan!
Ein Ieder traue seinem Sinne,
wer Amor sei und wie und was!
Man sage diß, man sage das;
ich bin es leider worden inne.
Was Amor nicht kan oder kan,
das zeiget mein Exempel an.
(S. 404-405)
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13. Eile zum Lieben

Liebste, die du's warlich bist,
wilt du mehr sein als nur heißen,
so laß sich dir nicht entreißen
dieser Jahre kurze Frist,
welche Flüssen gleich und Pfeilen
unvermutet von uns eilen!
Jugend liebt und wird geliebt.
Wilst du mich und dich betrüben?
Es ist ja das süße Lieben
eine Tat, die Alles übt,
bevoraus wenn man noch grünet,
das uns Gegengunst verdienet.
Diß vermischte Milch und Blut,
der Hals, diese weichen Hände
schleißen hin. Es nimmt ein Ende,
was uns itzt so süße tut.
Und von dem wir itzund leben,
wird uns bald dem Tode geben.
Laß uns blühen, wie wir blühn,
eh' der Winter welker Jahre
dir die goldgemengten Haare
wird mit Silber unterziehen,
eh' mir dieser Mund erblasset
der denn haßt und wird gehasset!
Geb dich mir, wie ich mich dir,
und versichre dich beineben,
daß ich dir kan wiedergeben,
was du hast gegeben mir!
Was du hast, das bleibet deine;
doch so ists nicht minder meine.
Stimmt ihr Götter ein mit mir!
Helft mir ihren Ruhm erheben!
Sie ist meines Lebens Leben,
sie ist aller Zierde Zier,
und allein der Preis der Schönen,
der gebührt nur Pamphilenen.
(S. 405-406)
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17. Entsagung

Und soll es nun nicht anders gehen,
ich muß von ihr gehasset sein?
So laß die eiteln Sachen stehen,
mein Sin, und gieb dich nur darein!
O wol dem, welcher ist vergnüget,
wie sein Verhängnüß sich auch füget!
Kein beßrer Rat ist, als ertragen
diß, was man doch nicht ändern kan.
Ein feiger Mut hebt an zu zagen.
Beständig sein, das tut ein Man,
sieht Beides an, gleich in Geberden:
erfreuet und betrübet werden.
Zwar ofte werd' ich seufzen müssen,
wenn ich erwäge jene Zeit,
da ich den schönen Mund zu küssen
mit gutem Fuge war befreit,
da ich des Lebens süßes Wesen
von ihren Lippen durfte lesen.
Was aber? Soll mich etwas kränken,
das nichts ist als ein bloßer Wahn?
Ich will vielmehr mich dahin lenken,
wohin mich Dapferkeit weist an
und den vergällten Süßigkeiten
mit großem Herzen widerstreiten.
Das hab' ich wol gedenken können.
Wer klug ist, baut nicht auf den Sand.
Wer suchet Trost bei leichten Sinnen,
bei Unbeständigkeit Bestand,
bei Schatten Licht, bei Tode Leben?
Kan mir denn Nichts nicht Alles geben?
Die glatte Gunst der falschen Frauen
ist ein zerbrüchig, schlipfrich Eis,
betreugt den Fuß, der drauf will trauen,
an nichts mehr als an Kälte heiß,
kan nichts nicht als die Augen blenden
und wird zu Wasser unter Händen.
Wer ihnen traut, pflügt in die Winde
und säet auf die wüste See,
mißt des verborgnen Meeres Gründe,
schreibt sein Gedächtnüß in den Schnee,
schöpft, wie die Schwestern ohne Liebe,
das Wasser mit durchbohrtem Siebe.
Der freie Wind fährt ohne Zügel,
ein leichter Pfeil eilt auf Gewin,
der starke Plitz hat schnelle Flügel,
ein strenger Fall scheußt plötzlich hin
für ihren Sinnen sind nicht schnelle
Luft, Pfeile, Plitz und Wasserfälle.
Wer will dem Panther abewaschen
was man auf seinem Rücken schaut?
Sie weichet keiner Seif' und Aschen,
des braunen Mohren schwarze Haut.
Der Wankelmut und leichte Zoren
ist allen Weibern angeboren.
Was spielet güldner als die Flammen,
was brennt auch mehr als eben sie?
Wo Lust ist und Gefahr beisammen,
da ist das Glück' ohn' Wandel nie.
Schau zu, der du zu kühne liebest,
daß du dich freuend nicht betrübest!
Wer weiß nicht, wie sich Venus stache,
daß ihr das Antlitz lief voll Blut,
als sie Adonis Rosen brache?
Dem Strauche wuchs daher der Mut.
Die Farbe bat er angenommen,
darvon die Purpur-Rosen kommen.
Der süße Saft der gelben Bienen,
Kupido, der verführte dich;
da du dich woltst zu tief erkühnen,
so kriegst du einen bittern Stich.
Diß dein Exempel lehret Alle:
wo Honig ist, da ist auch Galle.
Es ist ein Wechsel aller Sachen.
Auf Schein kommt Plitz, auf Tag folgt Nacht,
ein nasses Leid auf trucknes Lachen,
auf Wollust das, was Eckel macht.
Und diese, die dich gestern liebet,
ists, die dich heute so betrübet.
Nicht, daß ich daher hoffen wolte
(wo Hoffnung bei Verzweiflung ist),
daß sie mich wieder lieben solte.
Nein! Sie hat einen Sin erkiest,
dem fester Stahl nicht zu vergleichen
und harte Diamanten weichen.
Sie darf sich darum nicht erheben,
daß sie mich hat gegeben hin.
Ich kan, Gott Lob! ohn' sie wol leben.
Wer sie ist, weiß ich, daß ich bin.
Was einem einmal wird genommen,
um das kan er nicht zweimal kommen.
Will sie schon itzt von mir nicht wissen, -
sie heißt mich weder Freund noch Feind, -
noch dennoch wird sie sagen müssen,
daß ich es habe gut gemeint.
. . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . .
Ihr Gift der Zeit, ihr Pest der Jugend,
weg Venus, Amor, weg von mir!
Forthin so dien' ich nur der Tugend.
Wenn ihr verwelkt, bleibt ihre Zier.
Wer sich der Weisheit ganz ergiebet,
der liebet recht und wird geliebet.
Komm, güldne Freiheit, komm, mein Leben,
und setze mir dein Hütlein auf!
Ich habe gute Nacht gegeben
der Eitelkeiten schnödem Lauf.
Sie sei nun, wie sie will, alleine!
Auch ich bin Niemands mehr als meine.
(S. 407-410)
_____



18. Die verletzte Charitinne

Wol dem, der Gnad' um Recht kan finden
bei der, die über ihn ruft Weh'!
Er giebt sein Leid den leichten Winden
und läßt es tragen über See.
O du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Er spielet förder aufs Gewisse,
hört nicht, was dem und jenem träumt,
giebt seiner Liebsten Küss' um Küsse
und holet nach, was er versäumt.
O du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Wie hastu mich so lassen fallen,
Verhängnüß oder was du bist?
Das schönste Mägdlein unter allen
hast du betrübt durch deine List.
O du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Ich schwöre bei den Flitz' und Pfeilen,
darmit der kleine Gott uns zwingt,
daß ich mich lassen übereilen
diß, was mir nun den Tod fast bringt:
O du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Hab' ich seit der Zeit recht geschlafen,
hab' ich gepflogen ein'ger Lust,
so müsse mich der Knabe strafen,
dem du so stets zuwider tust!
Und du, verletzte Charitine,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Ist dieses auch erhöret worden,
zugleiche schön und grausam sein?
Kupido führt den frommen Orden,
bei ihm reißt ganz kein Zank nicht ein.
Und du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Ie höher Einer ist vom Stande,
ie weniger bewegt er sich.
Der Pövel braucht der Rach' und Schande,
verschonen, das steht königlich.
Und du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Wenn Jupiter stracks strafen solte,
so oft man ihn mit Worten schlägt,
ich weiß nicht, wo er nehmen wolte
stets was er in den Händen trägt.
Du nur, verletzte Charitinne,
bleibst stets auf deinem harten Sinne.
Soll denn ein Wort die Kraft nun haben.
daß es dir brächte so viel Leid?
Nein, Schönste, deiner Tugend Gaben,
die übersteigen allen Neid.
Und du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Die starke Kraft der heißen Reben
umnebelt unsern schwachen Mut;
wer denn auf Reden Acht will geben,
der tut nicht, wie ein Weiser tut.
Und du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Die Tränen, die du hast vergossen,
die sind gefolgt der Flucht der Zeit.
Schau, so viel Zeit ist hin verflossen,
ich weine noch um diß dein Leid.
Und du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Hätt' ich ein Salamanderleben,
so wär' es wol um mich bewandt.
Dein Zornfeur hat mich ganz umgeben,
es steckt mir Leib und Seel' in Brand.
Und du, verletzte Charitinne,
bist noch auf deinem harten Sinne.
Das böse Meer, das heute brauset,
wird morgen still' und milder sein.
Wenn Boreas hat ausgesauset,
so tritt ein linder Zephyr ein.
Du nur, verletzte Charitinne,
bleibst stets auf deinem harten Sinne.
Auf dunkle Nacht folgt heller Morgen,
auf Winter der gesunde Mai.
Ist Titan itzo schon verborgen,
bald zeigt er sein Gold wieder frei.
Und du, verletzte Charitinne,
bleibst stets auf deinem harten Sinne.
Komm, Schönste, lasse dich versöhnen
und schaffe meiner Seelen Rast!
Ich bitte durch die Zier der Schönen,
da du das Lob vor Allen hast.
Ach, nun, verletzte Charitinne,
gebeut doch diesem harten Sinne!
(S. 410-413)
_____



19. Die verletzte Schäferin

Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Hitze, Kälte, Tag und Nacht
sind auf Wechsel stets bedacht;
Früling, Sommer, Herbst und Winter
stoßen stets einander hinter.
Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Regen, Stürme, Schnee und Schein
sagen, daß sie flüchtig sein;
Glut und Luft und Flut und Erden
sind stets nichts, daß sie was werden.
Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Unser Leib und was dran ist
schleißt hin, wie du täglich siehst.
Was du, Liebste, hast verloren,
wars zur Ewigkeit geboren?
Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Geben, Schöne, kan ich dir,
was du hast genommen mir.
Was hab' ich dir können nehmen
daß du dich so müßtest schämen?
Bittre Freude, süßes Leid,
nichts ist, das bleibt allezeit.
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Es ist nur ein bloßer Wahn,
daß man uns drum schelten kan.
Laß uns nehmen, laß uns geben,
was uns giebt und nimmt das Leben!
Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Zwar, was lieb ist, das bringt Leid,
wenn es folgt der Flucht der Zeit.
Aber wir sind allen Schätzen,
weil wir noch sein, vorzusetzen.
Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Was sich einmal von uns bricht,
um das kömt man zweimal nicht.
Komme, laß uns ferner lieben!
Lieben steht stets frei zu üben.
Bittre Freude, süßes Leid,
was ists, das bleibt allezeit?
Du nur bleibst auf deinem Sinne,
o verletzte Schäferinne!
Brauche deiner Schönheit Frucht!
Sie und du sein aus der Flucht.
Diß, um was du dich betrübest,
ist doch, was du dennoch liebest.
Bittre Freude, süßes Leid,
Nichts ist, das bleibt allezeit.
So gebeut nun deinem Sinne,
o versöhnte Schäferinne!
(S. 413-414)
_____



20. An die Stolze

Und gleichwol kan ich anders nicht,
ich muß ihr gönstig sein,
obgleich der Augen stolzes Licht
mir mißgönnt seinen Schein.
Ich will, ich soll, ich muß dich lieben,
dadurch wir beid' uns nur betrüben,
weil mein Wundsch doch nicht gilt
und du nicht hören wilt.
Wie manchen Tag, wie manche Nacht
wie manche liebe Zeit
hab' ich mit Klagen durchgebracht,
und du verlachst mein Leid!
Du weißt, du hörst, du siehst die Schmerzen
und nimmst der keinen doch zu Herzen,
so daß ich zweifle fast,
ob du ein Herze hast.
Bist du denn harter Stein und Stahl,
die man doch zwingen kan?
Feld, Wiesen, Wälder, Berg und Tal
seh'n meinen Wehmut an.
Die Vögel seufzen, was ich klage.
Der hole Pusch ruft, was ich sage.
Du nur, du Stolze du,
hältst Ohr- und Augen zu.
Ach, denke, denke, was du tust
Ich kan nicht anders sein.
Ich hab' an meinem Leiden Lust,
du hassest meine Pein.
Kan ich denn keine Huld' erlangen,
so laß mich die Gunst nur empfangen
und wolle doch mit mir,
daß ich stracks sterbe hier!
(S. 414-415)
_____



21. An seine Boten

Geht, ihr meine Tränen, geht
und erweichet der ihr Herze,
die wie eine Klippe steht,
unbewegt von meinem Schmerze,
die das, was mein Herze bricht,
sieht und wills doch sehen nicht!
Fliegt, ihr meine Seufzer ihr,
nehmet eure Kraft zusammen!
Blaset, wie ihr tut bei mir,
auf bei ihr die Liebesflammen,
daß sie, wenn sie sieht auf mich,
lichter Lohe brenn' als ich!
Meine Boten, so fahrt hin,
schafft mir Rat, so viel ihr könnet,
und vergnüget meinen Sin,
der sich selbsten kaum besinnet!
Bringt nicht ihr mir ihre Gunst,
so ist alle Kunst umsunst.
(S. 415-416)
_____



23. Die versönte Charitinne

Das Herze von Demant
hat sich in Fleisch gewant.
Die unverwanten Sinnen
der harten Charitinnen
hab' ich in meiner Hand.
Bis hieher bin ich tot,
nun hat es keine Not.
Sie, meines Lebens Leben,
hat mir diß wiedergeben,
was uns den Mund macht rot.
Du schönes Zimmer du,
daß du mich bringst in Ruh!
Violen und Narzissen,
die müssen aus dir sprießen
und dich ganz decken zu.
Der Äuglein milder Plitz,
Gott Amors sein Geschütz',
und die Korallen Lippen
sind meine feste Klippen
und starker Rittersitz.
(S. 417)
_____



24. Basilene

Eine hab' ich mir erwälet
und die solls alleine sein,
die mich fröhlich macht und quälet
doch mit einer süßen Pein.
Ihrer Tugend reine Pracht
hat mir ihre Gunst gemacht.
Lobt der Seine von der Jugend,
jener Seine von der Zier
mich ergötzet ihre Tugend,
die vor andern glänzt an ihr,
wie des Monden voller Schein
unter tausent Sternelein.
So erstreckt sich mein Begehren
weiter als auf Treue nicht.
Ihre Warheit kan gewären,
was mir ihre Gunst verspricht.
Hab' ich sie, so hab' ich mir
aller Schätze Schätz' an ihr.
Auf sie bin ich ausgeschüttet.
Mein Licht borgt von ihr den Schein.
Was mein Mund, der nichts mehr bittet,
als von ihr geküßt zu sein,
Nachts und Tages, spat und früh
redt und singet, das ist sie.
B a s i l e n e, deine Liebe,
dein gewisser, fester Sinn,
der mich dir zu lieben triebe,
wird gerühmt sein, weil ich bin.
Deiner treuen Redlichkeit
wird vergessen keine Zeit.
Ein Gedächtnüß will ich stiften
und von Jaspis führen auf,
Amor soll mit güldnen Schriften
diese Worte stechen drauf:
B a s i l e n e, du allein
und sonst keine soll es sein!
(S. 417-418)
_____



25. An die baltischen Sirenen
1636 März 4.

Auf alle meine Lust und Freud'
auf alle meine Wonne
empfind' ich nun die trübe Zeit,
daß mir scheint keine Sonne.
Blitz, Regen, Nebel, Sturm und Wind
sind mich zu töten ganz gesinnt,
das Wetter schlägt zusammen
mit Güssen und mit Flammen.
Seit daß ich euer bin beraubt,
ihr Schönsten auf der Erden,
ist mir ganz keine Lust erlaubt,
ich kan nicht frölich werden.
Ich weiß es, wie und was es sei
um ewige Melancholei,
weil nichts in meinem Herzen
regiert als bittre Schmerzen.
Leg' ich mich oder steh' ich auf
wach' oder schlaf ich wieder,
so schläget Pein und Angst vollauf
mein mattes Herze nieder.
Ich schaffe, was ich immer kan.
Bald greif' ich das, bald jenes an,
doch kan ich meiner Plagen
mich nimmermehr entschlagen.
Habt ihr mich auch recht froh gesehn,
ihr baltischen Sirenen?
Ist mir von Herzen wol geschehn
bei eurer Lust, ihr Schönen?
Zwar eure Gottheit nahm mich ein,
daß ich euch mußte günstig sein,
doch war ich nie ohn' Schmerzen
um meines Herzens Herzen.
Apollo, der du alles weißt,
Apollo, sei mein Zeuge,
daß mir mein hochbetrübter Geist
nicht zuläßt, daß ich schweige.
Ich singe meiner Angst Begier
den Wäldern und den Vögeln für.
Die Vögel und die Wälder,
die schreiens durch die Felder.
Zythere, Mutter meiner Pein,
ach sei doch einmal milde!
Soll allzeit ich entnommen sein
so manchem schönen Bilde?
Ich flehe deinen Wagen an.
Will Jupiter, ich werd' ein Schwan,
ich werd' ein güldner Regen
von meiner Liebsten wegen.
Und da, o Stifter dieser Not,
Kupido, dem ich flehe,
bist du des Himmels stärkster Gott,
so wehre diesem Wehe!
O Kind, o Knabe, groß von Macht,
nim deinen Diener doch in Acht,
der sich erbeut, sein Leben
in deinen Tod zu geben.
Reißt aus, ihr Ströme meiner Qual,
reißt aus, ihr Tränenbäche,
befeuchtet meiner Wangen Tal,
weil ich fast mehr nicht spreche.
Brecht, meine Seufzer, durch die Luft,
weil ich mich ganz hab' abgeruft,
sagts, daß ich bin verloren,
in ihre leise Ohren.
Leander war ein Glückeskind
für mir und meinesgleichen.
Ihn hat verschlungen See und Wind
vor seiner Liebe Zeichen.
Ich walle durch das wilde Meer
itzt hier, itzt da, bald hin, bald her.
Mein Leitstern, eure Liebe
verlöscht mir durch das Trübe.
Laß aber diese Klagen sein,
o mein Geist, o mein Wille.
Auf Regen folget Sonnenschein,
auf Sturmwind sanfte Stille.
Tritt unter dich, hüll' dich in dich,
bis daß das Wetter lege sich.
Was man nicht kan vermeiden,
das muß man tapfer leiden.
Ach, Schönste, die der Himmel liebt
und was den Himmel kennet
erfreut mich, wie ihr mich betrübt,
löscht, wie ihr mich verbrennet.
Ein einiges Gedenken macht,
daß dieser Mund auch weinend lacht.
Wollt ihr dem Schaden schaden,
so laßt mich sein in Gnaden.
Merkt, was euch dieser Mund verspricht,
das schwört sein Herze drinne.
Aus meinem Sinne kommt ihr nicht,
weil ich mich selbst besinne.
Ihr Püsch, ihr Bäche, höret zu,
du ungeneigter Himmel du,
sag' ich es nicht von Herzen,
so dupple mir die Schmerzen.
Klagt mit mir mein Verhängnüß an,
ihr adelichen Damen,
und weil ich selbst nicht kommen kan,
so nehmet meinen Namen.
Vergießt ihr denn ein Tränlein nur
um mich verlaßne Kreatur,
ach wol mir, wol mir Schwachen,
diß wird mich stärker machen!
Säumt nicht, ihr trüben Zeiten ihr,
säumt nicht, verlauft geschwinde,
daß ich der Erden schönste Zier
in ihrer Schönheit finde.
O Menschentrost, o Götterzier,
ach Föbus, scheine balde mir,
laß mir nach diesen Plagen
es frölich wieder tagen.
Seid tausent tausentmal gegrüßt,
ihr Sonnen meiner Freuden!
Seid durch die hole Luft geküßt,
ich muß und soll mich scheiden.
Ade, zu guter Nacht, Ade,
mein Herze bricht mir vor dem Weh',
Ade, ihr Mensch-Göttinnen,
darmit bin ich von hinnen.
(S. 418-422)
_____



27. An Basilenen, nachdem er von ihr gereiset war
1636 März

Ist mein Glücke gleich gesonnen
mich zu führen weit von ihr,
o du Sonne meiner Wonnen,
so verbleibst du doch in mir.
Du in mir und ich in dir
sind beisammen für und für.
Künftig werd ich ganz nicht scheuen,
Kaspis, deine fremde Flut
und die öden Wüsteneien,
da man nichts als fürchten tut.
Auch das Wilde macht mir zahm,
Liebste, dein gelobter Nam'.
Überstehe diese Stunden,
Schwester, und sei unverwant.
Ich verbleibe dir verbunden
und du bist mein festes Band.
Meines Herzens Trost bist du
und mein Herze selbst darzu.
Ihr, ihr Träume, sollt indessen
unter uns das Beste tun.
Kein Schlaf, der soll ihr vergessen,
ohne mich soll sie nich ruhn,
daß die süße Nacht ersetzt,
was der trübe Tag verletzt.
Lebe, meines Lebens Leben,
stirb nicht, meines Todes Tod,
daß wir uns uns wiedergeben,
abgetan von aller Not.
Sei gegrüßt, bald Trost, itzt Qual,
tausent, tausent, tausentmal!
(S. 423)
_____



28. Heimliches Einverständniß

Muß sie gleich sich itzund stellen,
als wär' ich ihr unbekant
meint drum nicht, ihr Mitgesellen,
daß ihr Sinn sei umgewant.
Ihre Treu' in unsrem Handel,
die weiß ganz von keinem Wandel.
Amor liebet solche Herzen,
die des Mundes Meister sein,
die bei Trauren können scherzen
und erfreuet sein in Pein.
Wer will paßfrei sein im Lieben,
der muß sich im Bergen üben.
Also wenig sie sich hassen
und nicht selber sie sein mag,
also wenig wird sie lassen
den, der sie zu sein stets pflag.
Eins, das sich dem andern giebet,
liebt es, wie sichs selten liebet.
Dennoch hat sie mich im Sinne,
hat sie mich im Auge nicht.
Nicht ists außen, sondern drinne,
was mir ihre Gunst verspricht.
Müssen schon die Lippen schweigen,
sie denkt doch: der bleibt mein eigen.
Recht so, Schwester, laß nicht merken,
was dich heimlich labt und kränkt.
Man verrät sich mit den Werken,
der bleibt sicher, der viel denkt.
Laß sie sagen, was sie wollen,
wir nur wissen, was wir sollen.
Sei dir ähnlich und verbleibe,
die du vor warst und noch bist,
und denk nicht, weil ich nichts schreibe,
daß mein Denken dich vergißt.
So gedenk' ich stetigs deiner,
daß ich auch vergesse meiner.
(S. 424)
_____



29. Das getreue Elsgen

Es ist unverwant mein Herze,
das ich trage gegen dir,
es ist unverwant in mir,
du mein Trost und auch mein Schmerze.
Was sich regt in meinem Blute
weiß von keinem Wankelmute.
Lasse dich diß nicht betrüben,
daß ich dir ohn' Unterlaß
von der Pein, die mich macht blaß,
seither habe nicht geschrieben.
Das Gemüte redt die Fülle,
schweigt gleich Mund und Feder stille.
Siehst du, wie die festen Eichen
für den Stürmen sicher sind,
wie der schwache Nordenwind
von den Felsen ab muß weichen?
Mein stark Herze, das dich meint,
bleibt, weil uns die Sonne scheint.
Geuß die Stralen deiner lieben,
deiner süßen Treflichkeit
in mein Herze , das sich freut,
sich um dich auch zu betrüben.
Deine keusche Schönheit macht,
daß mein Mund auch weinend lacht.
Eben diß ist mir ein Zeichen
deiner ungefärbten Gunst,
wenn da mich in dieser Brunst
nicht ganz hülflos läßt erbleichen,
und weil du mich nicht kanst küssen,
mich doch lässest noch begrüßen.
Nun, erfreue mich, o Schöne,
daß ich, wie ich vor getan,
so auch ferner sagen kan:
Die getreue Basilene,
B a s i l e n e, die getreue,
tut stets, was ich mich stets freue.
(S. 425)
_____



30. Elsgens treues Herz

Ein getreues Herze wissen
hat des höchsten Schatzes Preis.
Der ist selig zu begrüßen,
der ein treues Herze weiß.
Mir ist wol bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
Läuft das Glücke gleich zu Zeiten
anders, als man will und meint,
ein getreues Herz' hilft streiten
wider Alles, was ist Feind.
Mir ist wol bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
Sein Vergnügen steht alleine
in des andern Redligkeit,
hält des andern Not für seine,
weicht nicht auch bei böser Zeit.
Mir ist wol bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
Gunst, die kehrt sich nach dem Glücke,
Geld und Reichtum, das zerstäubt,
Schönheit läßt uns bald zurücke,
ein getreues Herze bleibt.
Mir ist wol bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
Eins ist da sein und geschieden.
Ein getreues Herze hält,
giebt sich allezeit zufrieden,
steht auf, wenn es niederfällt.
Ich bin froh bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
Nichts ist süßers, als zwei Treue,
wenn sie eines worden sein.
Diß ists, das ich mich erfreue,
und sie giebt ihr ja auch drein.
Mir ist wol bei höchstem Schmerze,
denn ich weiß ein treues Herze.
(S. 426)
_____



31. An Elsabe

Es ist umsonst das Klagen,
das du um mich
und ich um dich,
wir umeinander tragen!
Sie ist umsonst, die harte Pein,
mit der wir itzt umfangen sein!
Laß das Verhängnüß walten.
Was dich dort ziert
und mich hier führt,
das wird uns doch erhalten.
Diß, was uns itzt so sehr betrübt,
ists dennoch, das uns Freude giebt.
Sei unterdessen meine,
mein mehr als ich
und schau' auf mich,
daß ich bin ewig deine.
Vertraute Liebe weichet nicht,
hält allzeit, was sie einmal spricht.
Auf alle meine Treue
sag' ich dirs zu,
du bist es, du,
der ich mich einig freue.
Mein Herze, das sich itzt so quält,
hat dich und keine sonst erwält.
Bleib, wie ich dich verlassen,
daß ich dich einst,
die du itzt weinst,
mit Lachen mag umfassen.
Diß soll für diese kurze Pein
uns ewig unsre Freude sein.
Eilt, lauft, ihr trüben Tage,
eilt, lauft, vorbei.
Eilt, macht mich frei
von aller meiner Plage.
Eilt, kommt ihr hellen Stunden ihr,
die mich gewären aller Zier.
(S. 427)
_____



32. Treue Pflicht

Mein Unglück ist zu groß,
zu schwer die Not,
so mancher Herzensstoß
dreut mir den Tod.
Mein Schmerze weiß von keiner Zahl.
Vor, nach und allemal
häuft sich die Qual.
Ein Mensch hat alle Schuld,
das mich doch liebt.
Das, weil es mir ist huld,
mich so betrübt.
Von Liebe kömmt mir alles Leid.
Ich weiß von keiner Zeit,
die mich erfreut.
Preist jemand ihre Pracht,
so wird mir weh.
Wer ihr gedenkt, der macht,
daß ich vergeh'.
Erinner' ich mich denn der Pflicht,
was Wunder ists, daß nicht
mein Herze bricht.
Licht ist ihr Augenglanz,
klar ihre Zier.
Das macht, daß ich mich ganz
verlier in ihr.
Sie hat es, was mein Herze sucht,
Scham, Schönheit, Jugend, Zucht,
der Tugend Frucht.
An ihr liegt Alles mir.
Was acht' ich mich?
Mein Sinn ist Freund mit ihr
und hasset sich.
Was ich beginne spat und früh,
Was ich gedenk, ist sie,
die Werthe, die.
Sie hat mich ganz bei sich,
das schöne Kind;
ihr auch zu lassen mich
bin ich gesinnt.
Die Treue, die sie mir verspricht,
find' ich in solcher Pflicht
sonst nirgends nicht.
Und leb ich mich gleich tot
in solcher Pein,
noch hat es keine Not;
sie, sie kans sein,
die mir das Leben wiedergiebt,
die mich so sehr betrübt,
als sie mich liebt.
Ach! daß ich ihr mein Leid
nicht klagen kan!
Ich bin von ihr zu weit
itzt abgetan.
Von Scheiden kömmt mir alle Not;
diß macht mich blaß für rot,
für lebend tot.
Läuft nun mein Glücke so?
Ach wehe mir!
O! warum ward ich froh
von ihrer Zier?
Für jene kurze Frölichkeit
hab' ich ein langes Leid
auf allezeit.
Bekenne selbst auf dich,
mein kranker Sinn,
hast du nicht Schuld, daß ich
so elend bin?
Warum bewegte dich die Gunst?
Es war ja gar umsonst
mit deiner Brunst.
Leid' ich für jene Lust,
so geht mirs recht.
Mir war nicht unbewußt,
was Frucht sie brächt'.
Und gleichwol kunt' ich ganz nicht ruhn;
was mich betrübet nun,
das mußt' ich tun.
Euch klag' ich erstlich an,
ihr Augen, ihr.
Wie habt ihr doch getan,
so falsch an mir?
Verräter wart ihr meiner Pein.
Drum müßt ihr ohne Schein
und dunkel sein.
Fliest, (denn diß sollet ihr
zur Buße tun,)
hinfürder für und für,
wie vor und nun.
Quellt ewig, wie mein Schmerze quillt,
so wird mein Leid gestillt,
doch nie erfüllt.
Nicht aber läßt mein Mut
sie eins aus sich.
Das junge treue Blut
beherrschet mich,
so daß ich ganz nicht anders kan,
ich muß ihr um und an
sein untertan.
Liebt einer so, wie ich,
der sage mir,
wie er gehabe sich
bei Liebsbegier.
Ich fühle wol, was mich versehrt;
noch gleichwol halt' ich wert,
was mich gefärt.
Itzt ist es Mitternacht,
da alles ruht.
Mein munter Herze wacht,
tut, was es tut.
Es denkt, von müden Thränen naß,
von ihr ohn' Unterlaß
und weiß nicht was.
Ein Kranker, der gewiß
am Tode liegt,
der tröstet sich auf diß,
was er auch kriegt.
Das ist gewiß, ich muß dahin,
doch bleib' ich, wie ich bin,
frisch ohne Sinn.
Erbarmens bin ich wert.
Doch klagt mich nicht,
bis daß sie von mir kehrt
der Liebe Pflicht.
Doch wird Dianens Brudern Schein
eh' gehn am Himmel ein,
als dieses sein.
Mit Gott und mit der Zeit
muß Alles sein.
Ein Wechsel kehrt mein Leid
und ganze Pein.
Hat nichts als Unbestand Bestand,
so wird mein Ach zuhand,
in Lust verwant.
Habt Achtung auf mein Leid,
auf meine Qual,
ihr, die ihr Wächter seid
in Amors Saal'.
Hebt alle meine Tränen auf
und schafft mir Freude drauf
für guten Kauf.
Ihr Sternen auch, die ihr
vor habt geliebt
und oftmals, wie itzt wir,
auch wart betrübt,
tut, wie man hat an euch getan,
schreibt meine Seufzer an
in Jovis Plan.
Vergess' ich meiner Pflicht,
ja, säum ich nur
und halt' ich dieses nicht,
was ich ihr schwur,
so sei mir Venus nimmer gut,
so quäle sich mein Mut,
wie er itzt tut.
Nein! Ich will feste stehn.
Sie, wie sie mir verspricht,
wird auch mir gleiche gehn
und wanken nicht.
Des Herzens, das sich selbst nicht schont,
mit Treue Treue lohnt,
bin ich gewohnt.
So steht mein fester Schluß
unwiderruft.
Drauf schick' ich diesen Kuß
ihr durch die Luft.
Diß Lied auch sei von meiner Hand
als meiner Liebe Pfand
ihr zugesant.
Glückt mirs und sagt nicht nein,
der Alles fügt,
so soll sies einig sein,
die mich vergnügt.
Mein letztes Wort ist: Treue Pflicht.
Treu' ist es: der es spricht
mehr kan er nicht.
(S. 428-432)
_____



33. Sehnsucht nach Elsgen

Erbarme du dich meiner Qualen,
du dicker wüster Hain,
dem Titans allerhellste Strahlen
doch geben keinen Schein.
Wie dunkel hier ist deine schwarze Höle,
so finster auch ist meine kranke Seele.
Laß unter deinem stillen Schatten
mein Klagen sicher gehn
und höre meinen Sinn, den matten,
sein Leidlied recht erhöhn,
den armen Sinn, der seinen Haß auch liebet,
den nichts erfreut, als daß er ist betrübet.
So muß ich Toter dennoch leben?
Ach! kan diß müglich sein?
Was meiner Seelen Trost soll geben,
das selbst ist ihre Pein.
Ach mir! was ists vor ein verkehrtes Wesen,
das mich bringt um, von dem will ich genesen.
Glaubts, wo ihrs anders könnt verstehen,
ihr Blätter ingesammt,
der Pein muß eure Zahl nachgehen,
in die ich bin verdammt.
Die Wolge hier hat nicht so viel der Tropfen
als Ängste mir an meine Seele klopfen.
Es möchte müglich sein zu messen
die Flut der Kasper-See,
zu zählen wie viel Bienen essen
von Hyblens süßem Klee,
nur meine Pein, ein Ding auf aller Erden
kan nicht gezählt, kan nicht gemessen werden.
Naturlich ists, daß stetigs Klagen
uns endlich alle macht.
Ich werd' erquickt durch ewigs Plagen
und will sein umgebracht.
Laß seh'n, ob ich durch Freude denn kan sterben,
dieweil kein Leid mich doch nicht kan verderben.
(S. 432-433)
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34. Standhaftigkeit

Mag denn kein Rat und Trost mir lindern meine Pein?
Sie muß erlitten sein,
so will ich, wie sichs fügt,
mit Allem sein vergnügt.
Wer sich entsetzt, der liegt;
ich wag es kühne drein.
Ein Herze, das sich frisch der Not entgegen stellt,
behält gewiß das Feld.
Muß ich, so will ich dran.
Ihr Feinde, setzt nur an.
Hier habt ihr euren Man,
der euch die Wage hält.
Pein, Trauren, Not und Qual und wie ihr andern heißt,
die ihr so auf mich reißt,
seid noch so arg gesinnt,
tut Alles, was ihr künnt,
hier ist er, der gewinnt,
hier steht er, der euch schmeißt.
Nach aller meiner Angst, nach aller Müh' und Fleiß,
erhalt ich recht den Preis.
Mein Sieg der steht bei mir,
drum wächst mir die Begier.
Denn mir bringt alle Zier
was ich zur Beute weiß.
Flieht nun und kommt nicht mehr auf euren Schaden an,
ihr Feinde wie getan.
Her alle Frölichkeit
und was mein Herz erfreut!
Diß ist ein Teil der Zeit,
der ich mich rühmen kan.
(S. 433-434)
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35. An Maria Moller und Lic. Crusius
1637 December

Muß denn Amaryllens Weinen,
Amaryllens schwere Pein
ganz und gar verstoßen sein?
Wil ihr ganz kein Trost erscheinen,
kein Trost, den sie nun so oft
und so lange hat gehofft?
Ach, Betrübtste der Betrübten,
Amarylli, lebst du noch?
Wo sind jene Stunden doch,
da du hattest, die dich liebten?
Seit der Zeit bist du in Not
und bei deinem Leben tot.
Rate zu, was Rat kan geben.
Alles fehlt, was Trost verspricht,
rät Eins Amaryllen nicht:
so wird sie nicht wieder leben.
Amaryllis, unser Preis,
weiß, was ihr zu raten weiß.
Ist es jemals Zeit gewesen,
o so ist es itzund Zeit.
Thyrsi, Thyrsi, sei nicht weit,
soll sie anders bald genesen.
Thyrsi, schaffst nicht du ihr Ruh,
so gehn ihr die Augen zu.
Aber Amarylli denke,
daß, gleich wie sein Absein dich,
so ihn deines ängstiglich
und mit scharfen Schmerzen kränke.
Kommt sie? Ja! Hier ist die Zeit,
die euch Beide stets erfreut!
(S. 434-435)
_____



36. Frei und froh

Wil sie nicht, so mag sies lassen,
Zynthie, die stolze die.
Was betrüb' ich mich um sie?
Eins ist mir ihr Huld' und Hassen.
Zynthie sei, wer sie sei,
ich bin froh, daß ich bin frei!
Vorhin tät' ich, wie sie täte.
Lieb' ist Gegenliebe wert.
Itzund, weil sie sich verkehrt,
bin auch ich auf andrer Stette.
Zynthie sei, wer sie sei,
ich bin froh, daß ich bin frei!
Meint sie wol mich zu betrüben
mit dem, was nur ist ein Schein?
Nein. Will sie mir gut nicht sein,
so kan ich auch sie nicht lieben.
Z y n t h i e sei, wer sie sei,
ich bin froh, daß ich bin frei!
Zahlt mir diß nur meine Treue,
meinen unbewegten Sinn?
Doch wer achtets? Immerhin!
Es kömmt doch noch wol zur Reue.
Zynthie sei, wer sie sei,
ich bin froh, daß ich bin frei!
Sie bekömmt wol meines gleichen
und auch ihres gleichen ich.
Weil sie ja verdringet mich,
so will ich ihr gerne weichen.
Zynthie sei, wer sie sei,
ich bin froh, daß ich bin frei!
Sie mag lachen oder klagen
oder etwas anders tun,
mich vergnüget dieses nun,
daß ich kan mit Warheit sagen:
Z y n t h i e sei, wer sie sei,
ich bin froh, daß ich bin frei!
(S. 435-436)
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37. Anemone
1639

Auserwählte nach der einen,
die mir gut war auf den Schein,
wilst du mich getreue meinen,
so will ich auch deine sein.
Wahre Liebe steht vergnüget,
wenn sie ihres gleichen krieget.
Neue Gunst ist nicht ohn' Sorgen,
doch dein redlichs Herze macht,
daß mir nichts nicht ist verborgen,
was die andern macht bedacht.
Andre mögen anders denken,
laß uns uns einander schenken.
Neige deiner Liebe Feuer
auf mich, der ich deine bin.
Halt mich wert, wie ich dich teuer,
diß ist steter Liebe Sinn.
Was sich regt in meinem Blute,
weiß von keinem Wankelmute.
A n e m o n e, meine Treue
sei hiermit dir zugesagt.
Tu stets, was ich mich stets freue,
daß mein Herze nicht mehr klagt.
Was an jener ist verloren,
das ist mir an dir geboren.
Nun, mein Herze, sei geschieden
und gieb jener gute Nacht.
Eine stellet dich zufrieden,
die dich einig frölich macht.
A n e m o n e, die dir scheint,
die ists, die dich ewig meint.
(S. 436-437)
_____



38. An Anna, die spröde
1639 April

Als Echo ward zu einem Schalle,
zu einer unbeleibten Luft,
die durch das Tal mit halbem Halle,
die, so sie rufen, wieder ruft,
da ward der hole Wald voll Klage,
das feige Wild stund als betört,
die Nymfen ruften Nacht und Tage,
wo bist du, Lust, die man nur hört?
Narzissus, dir ist recht geschehen,
vor sahst du sie und woltst sie nicht.
Itzt wilt du, die du nicht kanst sehen,
und hörst nur, was sie dir nachspricht.
Der Brunnen, der dich dich ließ schauen,
der strafte deinen stolzen Muth,
daß nun nicht eine von den Frauen
dir bis auf diesen Tag ist gut.
Nicht, nicht so ist mein Sinn gesinnet,
bei mir ist alles umgewant.
Ich liebe, die mir böses gönnet,
ich folge der, die nicht hält Stand.
Ich lauf', ich ruf', ich bitt', ich weine;
sie weicht und schweigt und stellt sich taub.
Sie läugnets und ists doch alleine,
die mir mein Herze nimmt in Raub.
Ach, Freundin, scheu der Götter Rache,
das du dir nicht zu sehr gefällst,
daß Amor nicht einst deiner lache,
den du itzt höhnst und spöttlich hältst,
Daß, weil du nichts von mir wilst wissen,
ich nicht mit Echo lasse mich,
und du denn müssest mit Narzissen
selbst lieben und doch hassen dich.
(S. 437-438)
_____



39. Anemone und Neren
1639 April

Als Anemone
der Venus kleinem Sohne
zuwider war,
weil sie Nerenen,
des züchtigen, des schönen,
vergaß sogar,
indem er sie
durch Scheiden mußte lassen,
hub sie ihn an je mehr und mehr zu hassen,
die Falsche, die.
Neren, der schiede.
Sie ward des Liebsten müde
und ihrer Pflicht.
Auf bunte Kräuter,
auf Blumen und nichts weiter
war sie erpicht,
bis einer Zeit
Kupido ihr ward innen,
als sie allein um ihre Blumenbrünnen
spaziert erfreut.
Nach dir, du Harte,
bin ich es, der ich warte!
fuhr Amor auf.
Stracks sank sie nieder,
kam auch zu sich nicht wieder,
so starb sie drauf.
Den toten Geist
streut Amor aus für Samen,
bald wuchs ein Kraut, das nach der Nymfen Namen
noch itzund heißt.
Ach, Anemone,
du aller Schönen Krone,
halt Ja und Nein.
Laß dir, o Blume,
für aller Blumen Ruhme
die Treue sein.
Neren ist tot
von Anemonens Schmerze:
ich werd' entfreit durch Anemonens Herze
von aller Not.
(S. 438-439)
_____



40. An Anemonen, nachdem er von ihr gereiset war
1639

Ach einig diß war übrig noch
von allen meinen Plagen,
daß ich das schwere Liebesjoch
muß abgeschieden tragen.
Die mir das größte Leiden tut,
die tröstet meine Sinnen.
Ich brenn und meines Brandes Glut
ist ach! wie weit von hinnen!
Nicht glaub' ich, daß die letzte Not
mir größre Qual kan machen.
An mir lebt nichts nicht als der Tod,
der stark ist in mir Schwachen.
Das kranke Herze windet sich,
die matten Augen brechen.
Nichts denk' ich, Liebste, denn an dich,
doch kan mein Mund nichts sprechen.
Nach dir zu warten ist umsonst,
o Ärztin meiner Seelen.
Ich bin zu weit von dieser Gunst,
ich muß mich nur so quälen.
Doch freu' ich mich bei höchster Pein
und setze diß entgegen,
muß ich gleich der Betrübtste sein,
es ist der Werten wegen.
Ach, Anemone, meine Lust,
bleib unverwant im Herzen.
Ich tu dasselbe, wie du tust,
und fühle gleiche Schmerzen.
Ists wahr, daß alle Frölichkeit
wird süßer nach dem Leiden,
so schicke, Schatz, dich in die Zeit.
Wir sehen uns mit Freuden!
(S. 439-440)
_____



42. An Anna aus der Ferne

Aurora, schlummre noch an deines Liebsten Brust,
es ist der tiefen Nacht kein Morgen noch bewußt.
Diana führt die Sternen
noch höher in die Luft,
will weiter von mir lernen,
was ich ihr vorgeruft.
Neun Stunden sind nun gleich von Nächten durchgebracht,
Neun Stunden hab' ich nun an Korilen gedacht,
an Korilen, die schöne,
von der ich bin so weit,
drum klinget mein Getöne
nach Nichts denn Traurigkeit.
Nehmt Korilen in Acht, ihr Wächter aller Welt,
für ihren treuen Sinn, den sie mir vorbehält.
Ich will nicht müde werden
in ihrer festen Pflicht,
bis daß der Feind der Erden
auch mir mein Urtheil spricht.
Aurora, lege nun um dich den Purpurflor.
Der junge Tag tut auf der Eos güldnes Thor.
Wirst du mein Lieb ersehen,
so gieb ihr einen Wink,
als mir von ihr geschehen,
indem ich von ihr ging.
(S. 441)
_____


Aus: Paul Flemings Deutsche Gedichte
Hrsg. von J. M. Lappenberg, Band I.
Stuttgart. Gedruckt auf Kosten des Litterarischen Vereins 1865


siehe auch Teil 1 und Teil 3







 

 


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