Kaspar Stieler (1632-1707) - Liebesgedichte

Kaspar Stieler

 

Kaspar Stieler
(1632-1707)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

 

Geharnschter Venus Erstes Zehen

IV.

Seiner Liebe Anfang

1.

Als ich auf meiner Liebsten Mund
(ach sanfte Ruhstat!) brünstig lage,
und meiner Schmerzen herbe Plage
ihr täht auß ganzem Herzen kund,
wie ich so oft um ihretwegen
Ruh- trost- und Sinnen- ohn gelegen.

2.

Mein (sprach sie) Herzgen, sage doch:
zu welcher Zeit du bist entronnen,
und wodurch du mich lieb gewonnen:
Wo ich mich recht entsinne noch,
hastu auch gar für wenig Wochen,
kalt-sinnig dich mit mir besprochen:

3.

Da ich doch, als zum ersten mahl
ich dich nur obenhin erblikket,
durch deine Freyheit blieb bestrikket.
Diß war nur meine gröste Quaal,
die auch die Götter kann betrüben,
dich sonder Gegen-Liebe lieben.

4.

Gott weiß, wie mir zu muhte war
Auf die so unverhoffte Frage,
vermischt von Zorn, Verweiß und Klage
die meinen Undank machten klar!
Die Schaam, so ich daher empfunde,
nahm Red' und Antwort meinem Munde.

5.

Ich ward verstarret, kalt, erblaßt,
wie, dem die Seele kaum sich reget:
biß, auß Erbarmnüß sie beweget
mich in die schlanken Arme fasst',
Ach! Da ward mir gemach das Leben,
Kraft, Geist und Wärme wieder geben:

6.

Im küssen fing sie an noch mehr
mich bey der Fakkel zubeschweeren,
die unser' Herzen kann versehren:
Sag an (bistu mir gut) wann ehr
du angefangen mich zu lieben,
und waß darzu dich erst getrieben.

7.

Ach! frage nicht nach meiner Gluht,
(sprach ich, was frischer) Eyß und Winde
sind meiner Flammen Angezünde.
Du weist es wie auf jener Fluht,
von kalter Norden-luft gestanden,
ich lag in deiner Arme Banden.

8.

Wie ich dich von dem Wagen nahm
und küßte die gefrorne Wangen:
Bald hat mein Herze Gluht gefangen.
Das Feuer, so auß Kälte kahm
straalt sint der Zeit mit tausent Flammen
ob meines Lebens Rest zusammen.

9.

Nun (sagt sie) hat ein kalter Kuß
dich bracht in Feuer, Hizz' und Leiden;
weiß ich, daß Kühlung, Lust und Freuden
ein Warmer dir erwekken muß.
Der hat sie mir so viel erteilet,
so daß ich ziemlich bin geheilet.
(S. 18-19)

©
 

Geharnschter Venus Fünfftes Zehen

III.
 

Frisch bey der Liebe!

1.

Die Liebe lehrt im finstern gehen,
sie lehret an der Tühr uns stehen,
sie lehrt uns geben manche Zeichen
ihr süß' Vergnügen zu erreichen.

2.

Sie lehrt auff Kunst-gemachten Lettern
zur Liebsten Fenster ein zu klettern,
die Liebe weiß ein Loch zu zeigen
in ein verriegelt Hauß zu steigen.

3.

Sie kann uns unvermerket führen
durch so viel wolverwahrte Tühren,
den Tritt kan sie so leise lehren,
die Mutter solt' auff Kazzen schweeren.

4.

Die Liebe lehrt den Atem hemmen,
sie lehrt den Husten uns beklemmen,
sie lehrt das Bette sacht auffheben,
sie lehrt uns stille Küßgen geben.

5.

Diß lehrt und sonst vielmehr das Lieben.
Doch willstu dich im Lieben üben:
so muß die Faulheit stehn bey seite,
die Lieb' erfordert frische Leute.

6.

Wer lieben will und nichts nicht wagen,
wer bey dem Lieben will verzagen:
der lasse Lieben unterwegen.
Der Brate fleugt uns nicht entgegen.
(S. 87)

©

 

Geharnschter Venus Erstes Zehen

VIII.

Verliebt, Sinnen-krank

1.

Dorinde hat mich erst gelehrt
der edlen Freyheit anzusagen.
Mir war kein Amor je geehrt,
ein Spott der Venus göldner Wagen.
Ich hielte vor ein Kinder-spiel
der Liebenden verbuhltes Küssen,
die Tugend, ein gelehrtes wissen
war meines Lebens einigs Ziel.

2.

Nachdehm der schwarzen Augen Straal,
die Tracht und Anmuht der Dorinden
mir meiner Sinnen Ruder stahl,
weiß ich mich nicht in mir zu finden.
Die Kunst-Lust, eine gesunder Raht
ist in mir Blinden gantz verschwunden.
O der unseelig-bösen Stunden,
die mich durch Sie verführet hat.

3.

Ich spüre, daß die Götter mich
um dessentwegen fliehn und hassen:
das weiß ich zwar, iedoch kan ich
diß schlimme Thun nicht unterlassen.
Was mir der Wolstand predigt ein,
das hör' ich an mit tauben Ohren,
die Weißheit hat an mir verlohren.
Ich muß, ich muß verdorben sein.

4.

Was mir an Jungfern meist beliebt,
haß' ich und straff' es an der Meinen:
Das gröste, das mich iezt betrübt,
das mir das Herze machet weinen,
ist ihrer Keuschheit reine Zucht,
von der sie nicht will abewanken,
diß macht mir sorgliche Gedanken.
Seht was die tolle Liebe sucht!

5.

Der Tag wird mir zur finstren Nacht,
die Nacht zur Marter, Furcht und Zagen,
ja zu der Hölle selbst gemacht,
so plagen mich die Liebes-Plagen.
Die Nacht verschwindt, ich habe nicht
ein einigs Blikkchen recht geschlaffen
des Tages kann ich auch nichts schaffen,
so bin ich auff die Lieb' erpicht.

6.

Ach helfft mir, helfft, wer helffen kan?
Ich muß sonst heute noch erkalten,
tragt mir Gefängnüß, Marter an,
ich will es auß- ganz willig –halten.
Kein Kreuz ist in der Welt so schweer,
als sonder Gegen-Liebe lieben.
Solt' ich mich länger so betrüben,
so wolt' ich eh nicht leben mehr.
(S. 24-25)

©

 

Geharnschter Venus Lezteres Zehen

III.


Der beste Sinn, das Fühlen

1.

Du bist es, edles Fühlen,
du schönster Sinn allein,
dehm aller Tichter Kielen
zu Dienste sollen sein,
und ihm ein Lobmahl sezzen
das nicht Gewalt noch Zeit,
noch Unfall kan verlezzen,
biß nach der Ewigkeit.

2.

Kommt her, ihr Weißheit-Gründer,
ihr Priester der Natur,
kommt alle Föbus-Kinder,
wofern ihr nur der Spur
der Wahrheit nachzugehen
ein wenig seid gesinnt:
so sollt ihr mir gestehen
daß fühlen überwindt.

3.

Gesicht, die Götter-Gabe,
so zwar unschäzbar ist,
bringt manchen zu dem Grabe,
der sich zu sehr vergist
in einer Schönen blikken,
was ich nicht sehen kan,
das kan mich nicht bestrikken
noch sträfflich reizen an.

4.

Das hören bringt offt Schrekken
und schafft Uneinigkeit.
Was Musik kan erwekken,
währt eine kurze Zeit.
Ach! manche wird bethöret,
wenn sie der Rede Tohn
der Junggesellen höret,
und kömmt in Spott und Hohn.

5.

Geruch ist kaum zunennen,
sein Tuhn hat schlechten Dank.
Die Rosen-wind nicht kennen,
veriaget kein Gestank.
Ein Mensche kan wol leben,
und hätt' ihm nimmermehr
das Riechen Lust gegeben.
Bleibt Schmekken denn die Ehr.

6.

Dem Wollust-vollen Schmekken,
dem Lufft, Fluht, Erde dient,
dem Vogel junge hekken,
dem Wald und Wiese grünt,
umb den der Fischer leget
die falschen Reusen ein,
ists nicht, der Beutel feget,
und heißt uns kranke sein.

7.

In Fühlen nur alleine
besteht der Sinnen Grund,
ohn diesen Leben keine.
Aug, Ohren, Nase, Mund,
ergreiffen keine Sachen
die ihnen Gegend stehn.
Was alle Sinnen machen,
muß erst durch den geschehn.

8.

Du aller Sinnen König
nimst gar die Seel' auch ein,
der Leib ist dir zu wenig.
bedenkt den Kuß allein,
da das besüßte Rühren
der Lippen mehr ergezzt,
als keiner von den vieren
uns in Vergnügung sezzt.

9.

Der Hände drukk, das Reiben
an unsrer Liebsten Brust,
und was man nicht darff schreiben,
die wolbekannte Lust,
darum wir alle lieben,
Guht, Leben wagen hin
in Kunst und Krieg' uns üben,
ist mehr als aller Sinn.

10.

Diß ist es, schaz Rosille,
daß ich so gern an dir
des Fühlens Werk erfülle.
Vergönn mir für und für
nur diß bey dir zu üben,
so wil ich nimmermehr
Geruch, Schmakk, Sehen Lieben
und hassen das Gehör.
(S. 122-125)

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Geharnschter Venus Drittes Zehen

II.
 

Liebesfeuer, ewige Flammen

1.

Du liebst mich, Schaz-Rosille,
mehr als dein eigen Herz,
mein Wollen ist dein Wille,
mein Wiedersinn dein Schmerz.

2.

Du schleust mich mit viel küssen
Fest in die Armen ein
und lässest mich nicht wissen,
was nur vergunnt mag sein.

3.

Ist aber diß die Flammen
zuleschen gnug, mein Kind,
sie schlagen mehr zusammen
und lodern in den Wind.

4.

Die Flucht kann Feuer tödten
lescht was die Gluht verlezzt:
Je mehr komm' ich in Nöhten,
ie mehr dein Mund mich nezzt.

5.

O dem betrübtem Stande!
das kränkt mich, was mich süßt,
wird nu der Tau zum Brande,
der durch die Lippen fliegt.

6.

Die heisse Donner-straalen,
so schweer zu leschen sein,
kann man doch offtermahlen
mit Wasser kühlen ein.

7.

Mein unaußleschlich Feuer
erkennet keine Wehr,
kehm Thetis mir zu steuer
und göß' auff mich ihr Meer.

8.

Jedoch würd' aus den Wellen
die Flamme schlagen für,
es würden seine Quellen
vertrögen über ihr.

9.

Du köntest mir noch mindern
mein Seelchen, diese Brunst
und seine Gluhten lindern
durch nähre Liebes-gunst.

10.

Was? näher? nicht. Wir kennen
der Ehr und Tugend Schein.
Eh wolt' ich ganz verbrennen,
als so geleschet sein.
(S. 49-50)

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Geharnschter Venus Lezteres Zehen

VII.


Barbillchen, die Zukker-dokke

1.

Du süßbeliebtes Honig-kind,
Barbillchen, Labnüß meiner Seelen,
der Indiens süsse Zukker-hölen
an Anmuht nicht zugleichen sind.
Ich wil es, daß es alle wissen,
warum ich dich so offt muß küssen.

2.

Der Zukker-trozz, der Nektar-Wein,
der in den göldnen Demant-schaalen
springt bey der Götter Feyermahlen
macht, daß sie ewig trunken sein,
weil deß Geschmakks, des Zukker-süssen
sie nimmer mögen satt geniessen.

3.

Dein unverglichner Labsal-Mund
ist solch' ein Nektar meinem Herzen,
für meiner Liebe Wermuht Schmerzen.
Was auß Hymettens bunten Grund'
am Morgen die bemühte Biene
äzzt ab, ist deiner Jugend grüne.

4.

Süß ist der göldnen Haare Band,
süß deiner Stirne rund umfangen,
süß die Zinober-rote Wangen,
süß deiner Augen heller Brand.
Dem Lippen-tau, dem Zukker-reichen
muß süsser Alakant auch weichen.

5.

Dein Atem süsser, denn Kaneel,
süß deines Halses schmale Länge,
süß deiner Brüste Perl-gepränge,
süß ihr' Inwohnerinn, die Seel.
Süß deine Rede, süß dein Lachen,
dein Schlaffen, süsser, ach! dein wachen.

6.

Süß deine Kleider, süß dein Rokk
das Fuppchen drein ist süß darneben,
da weist, was du mir drauß gegeben.
Barillchen, süsse Zukker-dokk'
Ich schmekke dünkt mich, noch die Gaben,
die auch die Todten können laben.

7.

Das süsseste, so an dir ist,
muß ich, ungerne zwar, verschweigen,
doch kan es über alles steigen,
was je die Sterblichen versüßt.
Die Süsse, so es von sich giebet
macht Leib und Geist zugleich verliebet.

8.

Man sagt wol, daß was süssers nicht
sey, als der sanffte Schlaaff zufinden?
das kan ich leicht daher entgründen:
als neulich uns verschwand das Licht,
war mir das wachen also süsse,
daß ich den Schlaaff drum fahren liesse.
(S. 131-132)

©

 

Geharnschter Venus Lezteres Zehen

IX.


Liebe vergrössert sich,
wie ein gewelzter Schnee-ball

1.

Ich wil euch Wunder-Dinge sagen,
wie sich die Liebe pflegt zujagen
und wächset jeden Augen-wink.
Indehm sie wie ein Steubchen scheinet,
wird sie ein Berg, eh man es meinet.
Ist dieses nicht ein Wunder-ding?

2.

Sobald die Jungfer wird gesehen,
pflegt man ihr künstlich nachzugehen.
Kein einig Blikkchen streichet fort,
daß man sie listig zu bewegen,
nicht alles Orts ihr geh entgegen
und wechsel Lieb' und Liebes-wort'.

3.

Auff Rede folget Wieder-rede.
kein Weibes-bild ist je so blöde,
die auff den Gruß nicht danken solt'.
Alsdenn (hält ja die Zunge feste)
so tuht ein süsser Blikk das beste,
und zeuget, was das Herz gewollt.

4.

So bald des Buhlers Weis' und Sitten
der Schämenden Gemüht bestritten,
und nu die Scheu wird schlecht geacht,
denn geht es an ein lieblen, scherzen,
an Hand-Fuß-drukken, küssen, herzen,
So ist der rechte Grund gemacht.

5.

Bald wird man mehr und mehr gemeine.
Man achtet Ehr und Schande kleine.
Das schlechtste heist: Ein Griff in Zucht.
Was ferner folgt, darff ich nicht singen,
es möchte mich in Argwohn bringen,
ich hätt' es etwa selbst versucht.
(S. 134-135)

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Geharnschter Venus Zweytes Zehen

IX.


Die gröste Beschwerlichkeit, die Liebe

1.

Mit Lieben ist es so beschaffen:
du must dich offters lassen straffen,
dein Ernst muß Spott und Tohrheit sein.
Du must dich so, bald anders stellen.
Redtstu vom Himmel, sie spricht: Nein,
so muß es sein der Schlund der Höllen.

2.

Kein ruhig Leben kanstu führen,
du must dich selbst in dir verlieren,
must lebend-todt, todt-lebend sein.
Du darffst nicht, was dir gut dünkt, sagen,
bewährstu daß und sie spricht Nein,
so mustu bald dein Wort verschlagen.

3.

Dein Tag vergeht in Noth und Plagen,
die Nacht verschwindet dir mit Klagen,
du kanst nicht schlaff-nicht wachend sein,
hastu dich eins der Lieb' ergeben
und meinest froh zu sein. Ach nein!
die Lieb' ist dir ein Marterleben.

4.

Offt mustu vor die Pforten nachten,
must Regen, Frost und Schnee verachten,
must leiden und geduldig sein.
Hört sie dich an mit tauben Ohren;
sey nicht verdrießlich, Nein ach nein.
Verdruß hat manchen Raub verlohren.

5.

Der Neider Zungen mustu lachen,
must allzeit dich Politisch machen,
in alle Sättel eben sein.
Fragt iemand, ob du diese liebest,
so mustu sagen: Nein ach nein,
daß du dich nicht mit ihr betrübest.

6.

Was ihr gefället, mustu preisen
und iederzeit dich so erweisen,
daß du nicht ihr mögt widrig sein.
Hastu von ihr was fliegen lassen,
und sie befragt dich. Antwort: Nein,
damit sie dich nicht möge hassen.

7.

Spielt sie: so laß sie nicht verlieren,
nur dir wil der Verlust gebühren.
Dein Beutel muß stets offen sein,
durch Lieben kann man wenig haben:
kein Krösus wirstu werden. Nein,
die Jungfern lieben Gold und Gaben.

8.

Heist sie dich spöttlich von sich gehen,
so mustu lernen Scherz verstehen,
must dumm und unempfindlich sein.
Auff ihr Verachten, Schimpf und Schelten
mustu nicht zürnen. Nein ach nein!
die Lieb' ist sonder Stürme selten.

9.

Der Hoffnung, Sorge, Furcht und Sehnen
dürffstu dich nimmer abgewehnen,
must nimmer frey und deine sein.
Drumb wil ich nun vom Lieben lassen.
solt‘ ich es können! Nein, ach nein!
Wer kann die lieben Jungfern hassen?
(S. 43-45)

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Geharnschter Venus Sechstes Zehen

VII.


Auff ihren Morgen-schlaaff

1.

Rubellchen, bistu noch nicht wach?
Verlaß die weichen Feder-dekken,
die so viel Göttligkeit verstekken.
Ich geh' allhier der Hoffnung nach,
ob ich dich möchte, Mein Vergnügen,
an den Krystallen sehen liegen.

2.

Auroren göldnes Rosen-bluht,
dein Ebenbild der roten Wangen
ist allbereit vorbey gegangen,
Apollo blizzt in voller Gluht,
der Handwerksmann hat schon verzehret,
was ihm zum Morgenbrodt gehöret.

3.

Rubellchen schläfft. Sie weiß es nicht,
daß ich im gehn hier klag' und reime.
Seyd ihr der Wahrheit, Morgen-treume;
so stellt mich ihr iezt vor Gesicht'
als wie ich um diß Fenster stehe
und sie an-zuerwachen-flehe.

4.

Ich schweer es, Morfeus, daß ich dich
wil mehr als alle Götter ehren:
wirstu Rubellchen so betöhren,
da sie es glaube kräfftiglich
und nach dem Fenster möge rennen,
des Traumes Außgang zu erkennen.

5.

Was meint Ihr? wenn dann ungefehr
Ihr Busem offen möchte stehen,
und ich die Liljen könnte sehen:
Wer wäre glükklicher, sagt, wer?
könnt' ich den Vorteil so erlauschen,
ich wollte nicht mit Paris tauschen.

6.

Ja, mich kanstu, du Lügen Geist,
du Treumer, wol durch sie betriegen:
Ich kan fast keine Nacht nicht liegen,
so wird sie zehnmal mir geweist.
Erwach' ich in dem öden Schatten:
so möcht' ich mich zu tod' ermatten.

7.

Rubellchen, du bist nicht verliebt,
sonst würdstu wol des Schlafs vergessen.
Wehn Amors Wüten hält besessen,
der ruhet so nicht, unbetrübt.
Wach auff Rubellchen: soll ich gleuben,
daß du die meine wollest bleiben.
(S. 109-110)

©

 

 

Geharnschter Venus Erstes Zehen

II.


Liebe, der Poeten Wezz-stein

1.

Warum ich nur von Lieben
die Blätter voll geschrieben,
warum mein Buch verzärtlet lacht:
möchte einer wundernd fragen.
Drüm will ich selber sagen,
was mich darzu hat angebracht:

2.

Der Feuer-hauch der Musen
hat meinen engen Busen
mit solchen Flammen nicht gerührt.
Apoll ist hier nicht Meister,
nicht Pallas, so die Geister
auff Helikons Gebüsche führt.

3.

Die Lust, die Red' und Blicke,
der Glieder ihr Geschikke,
und was Rosillen mehr beschönt:
Ihr Wesen, Kleidung, Lachen,
Betrübniß, Schlaf und Wachen
hat mich mit Efeu umgekrönt.

4.

Straks bin ich ein Poete,
wenn ihre Wangen-röhte
im weissem Alabaster blikkt.
Wenn in die göldne Seiten
will ihre Kehle streiten,
so wird' ich auß mir selbst entzükkt.

5.

Ist wo ihr Leib entblösset:
so bin ich schon beflösset
mit Wasser auß dem Pferde-Guß.
Auff ihr Bewegen, regen,
wächst mir geschwind entgegen
ein Buch, das Troja trozzen muß.

6.

Der mag die Tugend melden
und der die alten Helden
auß Teutschland tragen zu Papier,
der hohe Sachen schreiben:
Ich will die Liebe treiben
und wie Rosille mir komt für.

7.

Der Schiffer schwazzt von Stürmen,
der Krieger praalt von Türmen,
die er so oft erstiegen hat,
der Bauer lobt die Felder,
der Jäger Wild und Wälder,
der Reisender so manche Stat:

8.

Ich bin ein Jungfer-lieber,
die Zunge geht mir über
von dehm, was auß dem Hertzen quillt.
Wer mich hierum will schelten,
der fluche den Gewälten,
die ob uns hat ein Weibes-Bild.
(S. 14-16)

©

 

Geharnschter Venus Erstes Zehen

I.


Ein jeder, was ihm gefället

1.

Wer will, kann ein gekröntes Buch
von schwarzen Krieges-Zeiten schreiben:
Ich will auff Venus Angesuch
ihr süsses Liebes-handwerk treiben:
Ich brenne. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

2.

Ich sehe vor mir Blut und Staub,
und tausent Mann gewaffnet liegen,
ich sehe, wie auff Sieg und Raub
so viel vergöldte Fahnen fliegen:
Doch brenn' ich. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

3.

Ich höre der Trommpeten Schall,
der Paukken Lerm, den klang der Waffen,
der schrekkenden Kartaunen knall,
der Büchsen und Musketen paffen
und brenne. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

4.

Ich hätte die Gelegenheit
ein neues Ilium zumelden:
Es gibt mir Anlaß mancher Streit
so vieler ritterlicher Helden:
Doch brenn' ich. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

5.

Ich spür auch hier Ulyssens Wizz,
mich reizen Hektors tapfre Tahten:
Was hilffts? mich läßt die Liebes-hizz'
auff andre Künste nicht gerahten.
Ich brenne. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

6.

Was mein beflammtes Herze hegt,
zieht meinen Geist von seiner Erden:
hätt' Amors Gluht mich nicht geregt,
wie würd' ich je beschrieen werden?
Nun brenn' ich. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

7.

Was mir die Venus predigt ein
samt ihrem lieblichem Empusen,
mag meines Nahmens Lorber sein:
Sonst brauch' ich keiner andern Musen.
Ich brenne. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

8.

Was frag' ich nach der Alten Neid,
was nach dem stumpfen Tadler-besen!
Es ist genug, wenn nach der Zeit
mich liebe Jungfern werden lesen.
Ich brenne. Wer nicht brennen kann,
fang' ein berühmter Wesen an.

9.

Ich weiß, wenn ich verweset bin,
wird mich das junge Volk betrauren,
und sagen: Ach, daß der ist hin,
den Venus ewig hiesse dauren!
Wer aber nimmer brennen kann,
wird keine Venus fangen an.
(S. 13-14)

©

 

 


Alle Gedichte aus: Kaspar Stieler [Jacob Schwieger] Geharnschte Venus oder Liebes-Lieder im Kriege gedichtet, Verfertigt von Filidor dem Dorfferer. 1660. Hrsg. von Th. Raehse Halle a.S. Max Niemeyer 1888

 

siehe auch Teil 2 und Teil 3

 




Biographie:
Stieler, Kaspar (seit 1705) von (Ps. Filidor der Dorfferer), 25.03.1632 Erfurt - 24.06.1707 ebda., Studium der Medizin Leipzig, Erfurt, Gießen, Studium der Theologie und Jura in Königsberg. 1654-57 brandenburgische Kriegsdienste, 1658-61 Reisen, 1662 Studium Jura in Jena. Sekretär im Dienst thüringischer Fürsten: 1662-66 Schwarzburg-Rudolstadt, 1666-76 Eisenach, 1678 bis 1680 Jena, 1680-84 Weimar; 1685-89 Holstein-Wiesenburg. 24.02.1663 Heirat mit Regina Sophie Breitenbach (gest. 27.09.1676), 15.05.1677 Heirat mit Christine Margarethe Cotta. Als 'Der Spate' 1668 Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft. -
Barocker Lyriker, Dramatiker, Sprachforscher (Lexikograph). Frische, lebensvolle Kriegs-, Liebes- und Studentenlyrik in 'Die Geharnschte Venus'. Inszenierung und Abfassung von Schauspielen. Als Sekretär und Sprachforscher Verfasser einer Reihe stilistischer, grammatikalischer, lexikalischer Handbücher und einer Poetik.
Aus: Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Band I Autoren, Kröner Verlag Stuttgart 1975
 

 

 


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