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Kaspar
Stieler
(1632-1707)
Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
-
Der du mich um mein Lieben
schiltst
(Ist es kein Lorber-, so sey
es ein Myrten-Kranz)
-
Laß uns, Kind, der Jugend
brauchen
(Wer küßt die greisen Haare?)
-
Die ernstliche Strenge steht
endlich versüsset
(Der Haß küsset ja nicht)
-
Daß ich auff deinen
Ladungs-Brieff
(Verliebet, Gebunden)
-
Wenn mich mein Kind will
traurig sehn
(Beständigkeit überwindet den Neid)
-
Was frag' ich nach den
Trauer-fahnen
(Vergißt mich Sie nur nicht)
-
Die Anmuht, Schönheit, Zierd'
und Prangen
(Je schöner, je härter)
-
Filidor lag in dem Schatten
(Schönheit gebiert Hochmuht)
-
Ich hab' an Fozis kühlen
Flüssen
(Dumme Leute sein dumm)
-
Legere läst sich offters
grüssen
(Keinem, als mir)
-
Die Dellmane krigt einen Stoß
(Hoffart kommt zu Falle)
-
So hat denn nu die eine Nacht
(Meinet halben, fahr immer hin)
-
Es sagte mir die
Flatter-schöne
(Seht was die Einbildung nicht tuht)
-
Und, wo ich dirs, Zelinde,
schenke
(Liebe glaubt keinem Neide)
-
Stirb Filidor
(Laß die Verstorbenen ruhen)
-
Was hilfft es uns, daß wir
uns lieben
(Kränkende Hoffnung)
-
Die Nacht
(Nacht-last, Tages-lust)
-
Solt' ich den Tod nicht
frölich leiden?
(Noht prüfet die Liebe)
-
Charille wird mir abgerissen
(Wer kann was Liebes ohne Tränen missen)
-
Solt' Amor wol geflügelt
sein?
(Der verbrannte Amor)
-
Was hab' ich, kleiner, dir
getahn
(Brenn, aber lindre auch)
-
Macht euch lustig
Neider-Herzen
(Redliche Liebe, Neider Zwang)
-
Ich gieng einmahl im Traum zu
Schiffe
(Wahrer Traum)
-
Es hielte mich das
Norden-land
(Wer tröstet mich nu?)
-
Kind, das Gött- und Väter
zwinget
(Liebe, die Königin der Welt)
-
Honig-reden, Zukker-Zeilen
(Ueber ihr Schreiben)
-
Mein Lieb baht mich in einen
Garten
(Liebe, Sinnen-raub)
-
Das Wolken-dach war mit der
Nacht umzogen
(Das angenehme Gespenst)
-
Ich sach mit einer einen
scherzen
(Liebesstreit. Gedanken)
-
Es ist genug der Hände
drükken
(Klugheit verbirgt die Liebe)
Geharnschter Venus Erstes Zehen
III.
Ist es kein Lorber-, so sey es ein Myrten-Kranz
1.
Der du mich um mein Lieben schiltst
und meinen Vers nicht achten wiltst,
weil ich ihn habe weich geschrieben:
Hör' an, was mich darzu getrieben.
2.
Ich bildte mir auch erstlich ein,
ich wolt' als du tuhst, ernstlich sein:
ich hatte mich der Lieb' entzogen,
indehm hat Amor mich betrogen.
3.
Er stellte mir die Götter-Zier
der himmlischen Dorinden für:
Das Milch-blut der Zinnober-Wangen
hat meinen wilden Geist gefangen.
4.
Ich glaube nicht, daß Jupiter
noch ietzund in dem Himmel wer',
im fall' er ihrer Gaben Wesen
aus meinem Herzen könnte lesen.
5.
Sollt' iezt ein göldner Apfel sein,
so müste Venus büssen ein.
Du, Troja, hättest nicht zuklagen,
werstu um dieses Bild zerschlagen.
6.
Ich weiß es, Leipzig, was du bist,
daß in dir manche Göttin ist:
Noch keine kann Dorinden gleichen,
noch keiner darf Dorinde weichen.
7.
Willtu ein Meister-stükkchen tuhn,
komm her, Apelles, mahle nun,
du darffst dem Gräzien nicht trauen.
Hier kanstu Venus gleichen schauen.
8.
Doch was? Dein Pinsel ist zu schlecht,
gib dich nur an für meinen Knecht,
wo man dir soll dein künstlich mahlen
so, wie es würdig ist, bezahlen.
9.
Die Tugend, den bequeemen Geist,
den sie in ihrem Wesen weist,
kann keine Mahlerey nicht treiben:
Deß Geistes Kiel muß sie beschreiben.
10.
Diß ist mir so ins Herz gelegt,
diß ist mir so ins Herz gepregt,
daß ich viel lieber wolt' erblassen,
als ab- von ihrem Ruhme –lassen.
11.
Ich achte keiner Lorber-Kron'
im fall ich nicht der Myrten Lohn
(darauf ich warte mit Verlangen)
aus Ihren Händen solt' empfangen.
12.
Nu bin ich, Föbus, wieder dich.
Kupido, du sollst krönen mich:
Ich weiß, es wird mich um Pyrenen
Sobald dann keine Muse hönen.
(S. 16-17)
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Geharnschter Venus
Erstes Zehen
V.
Wer küßt die greisen Haare?
1.
Laß uns, Kind, der Jugend brauchen,
weil uns noch die Schönheit blüht:
Wenn die Geister einst verrauchen
und die Todten-farb' umzieht
unser runzlichtes Gesichte:
Wer begehrt denn unsern Kuß?
Nimm sie an der Rosen Früchte,
eh' ihr Blat verwelken muß.
2.
Ob die Alten mürrisch zanken,
nehmen sie der Freude wahr;
muß man drum mit ihnen krankken?
Nein, ich acht' es nicht ein Haar.
Sollte der mich Sitten lehren,
der bereits hat außgelehrt?
Denn wird' ich mich auch bekehren,
wenn mein Alter sich verkehrt.
3.
Die besüßten Frühlings-tage
lauffen flügel-schnelle fort,
denn so hilft uns keine Klage,
kein erseufzend Bitte-wort,
sie gedencken nie zurükke:
Was hin ist, das bleibet hin.
Diß beruht auff einem Blikke,
daß ich froh und traurig bin.
4.
Drum so brauch, mein Kind, der Zeiten,
weil die Zeiten grünend sein.
Was uns bleibt, sind Traurigkeiten,
gehn uns diese Zeiten ein.
Ey wie plötzlich kömmt die Stunde,
daß uns Kloto in der Eil
schießt die Rosen von dem Munde
durch des Todes Frevel-Pfeil.
5.
So sey mit den Scharlachs-Wangen,
Schöne, ferner nicht zu teuer,
Linder' meiner Quaal verlangen,
Kühl', ach! kühl der Liebe Feuer!
Wo von den besüssten Fluhten,
deines Zukker-Mündgens Naß,
mir kein Tau ist zuvermuhten,
wird' ich noch vor Abends blaß.
6.
Gib zwey Küßchen, gib mir eines
soll es ja kein mehrers sein,
gib, mein Schazz, mir nur nicht keines,
willtu mich dem Todten-schrein'
auff ein wenigs noch ersparen.
Was nuzzt denn ein kalter Kuß,
wenn ich auff der Leichen-Baaren
deiner Reu erst warten muß?
(S. 19-21)
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Geharnschter Venus Erstes
Zehen
VI.
Der Haß küsset ja nicht
1.
Die ernstliche Strenge steht endlich versüsset,
die qweelende Seele wird einsten gesund.
Ich habe gewonnen, ich werde geküsset,
es schallet und knallet ihr zärtlicher Mund.
Die Dornen entweichen,
die Lippen verbleichen,
indehm sie die ihren den meinen auffdrükkt.
Ich werd' auß der Erde zun Göttern verschikkt.
2.
Ihr klagende Plagen steht jetzo von fernen,
es fliehe der ächzende krächzende Neid!
Mein Gang ist gegründet auch über die Sternen,
ich fühle der Seeligen spielende Freud'.
Es flammen die Lippen.
Die rößlichte Klippen
die blühen und ziehen mich lieblich an sich.
Was acht' ich dich Honig! was Nektar-we in dich
3.
Durch dieses erwies es ihr süsses Gemühte,
sie wolle, sie solle die Meinige sein.
Nun höhn' ich der Könige Zepter und Blüte,
mich nimmet der Vorraht Eufrates nicht ein.
Kann ich sie nur haben:
was acht' ich der Gaben
der siegenden Krieger im Kapitolin,
die durch die bekränzeten Pforten einziehn!
4.
Ich habe die Schöne mit nichten gewonnen
mit Golde von Golde, mit Perlenem Wehrt,
und scheinenden Steinen in Bergen geronnen,
den Tyrischen Purpur hat sie nie begehrt.
Die Zeilen, die süssen
aus Pegasus Flüssen
die haben ihr härtliches Hertze gerührt:
Nu stehet mein Lorber mit Myrten geziert.
(S. 21-22)
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Geharnschter Venus Erstes
Zehen
VII.
Verliebet, Gebunden
1.
Daß ich auff deinen Ladungs-Brieff,
mein Damon, nicht bin zu dir kommen,
das schmerzet dich, wie ich vernommen:
als wenn bey unsrer Freundschaft Gründen
sich eine Trennung könnte finden
und Falschheit wo mit unter lieff'.
2.
Ach! Damon, laß den Argwohn sein.
Kein Wechsel hat dich je verdrungen.
Die Rosilis hält mich gezwungen.
Sie hält mein Wollen und Verlangen,
ja meine Seele selbst gefangen.
Ich bin nu selber nicht mehr mein.
3.
Ich weiß, daß dein belobtes Feld
Makarjen auch ist für zu ziehen,
ich kenne deiner Wiesen blühen,
die Jäger-Lust, die Fischereyen,
den Vogel-fang und was für freuen
mehr dein Robitten in sich hält.
4.
Mir klingt der sanffte Drescher-schlag
in Ohren noch, wenn in dem frühen
die Morgen-treume reiner ziehen,
ich höre noch der Schaaffe blehen,
die Dader-Gantz, der Hanen krehen,
wenn sich entzündt der junge Tag.
5.
Mich schmertzt die Hoffart, Geitz und Neid,
Betrug und List sampt andern Sünden,
die sich in Städten häufig finden.
Hier herrschet Unrecht, Trozz und Schande,
die Unschuld wohnet auff dem Lande,
wie umb Saturnus göldne Zeit.
6.
Wie gerne wär' ich einmahl mein!
wie gerne möchte' ich dich erblikken!
wie gerne mich bey dir erqwikken!
dein Brot gemengt auß schwartzer Kleyen
sollt' über Manna mir gedeyen,
dein Wasser-trunk als Nektar sein:
7.
Wer aber kann die Thrähnen sehn,
wenn die Rosille, mein Verlangen,
mir trieffend-naß macht Stirn und Wangen,
wenn sie verschweert mit Hand und Munde,
mir gut zu seyn, wenn eine Stunde
ich würd' ab- ihrer Seite –gehn?
8.
Bald bittet sie, bald dreuet sie,
bals hebt sie weider an zu klagen,
bald will sie sich mit Feusten schlagen,
bald blößt sie sterbend ihr Gesichte
und flucht dem strengen Stern-Gerichte.
Wer kann ertragen so viel Müh?
9.
Ich bin kein Stein, ich lasse mich
auff ihre Klag' alsdenn erweichen,
so pflegt die Zeit vorbey zu streichen.
Ich habe, Freund, dich nicht gesprochen,
da meinstu denn, es sey gebrochen,
was uns verbindet, mich und dich.
10.
Ich weiß nicht, was für Haltnüß doch
der schmeichelnd' Amor in sich heget.
Der Freyheit Paß wird nur verleget,
ich kann auß seinen Zauber-Ketten
mich durch kein einig Mittel retten,
so sehr beschweret mich sein Joch.
11.
Komm, Bruder, sieh es einst mit an,
du wirst es selbst mit mir gestehen,
es sey vergeblich nicht geschehen,
daß ich zu dir nicht bin gekommen,
daß mir die Freiheit sey genommen,
und daß Rosill' es hat getahn.
(S. 22-24)
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Geharnschter Venus Erstes
Zehen
IX.
Beständigkeit überwindet den Neid
1.
Wenn mich mein Kind will traurig sehn
und Blut auß meinem Herzen pressen
so spricht sie: Du wirst mich vergessen,
sobald du wirst von hinnen gehen.
Sag, Rosilis, Ach! meine Fromme:
Woher dir doch der Argwohn komme.
2.
Hat ein verbooßter Läster-Mund
mich irgend bey dir angegeben:
Bekenn es, Rosilis, mein Leben,
thu mir die falschen Lügen kund.
Durch offenbarung, Red' und Frage
wird offt gewehrt der bösen Sage.
3.
Ich bin ja mir wol nicht bewußt,
daß ich mich wor vergriffen hätte.
So lang' ich hang' an deine Kette,
und deine Gunst rührt meine Brust:
Ist nichts geschehn mit meinem wissen,
drauß du was böses köntest schliessen.
4.
Kein enger Mund hat mich gerührt,
seit ich den deinen dürffen herzen.
Hastu mich wo mit einer scherzen
gesehn? Wor Heucheley gespürt?
Die Ader wolt' ich auß mir reissen
und selber vor die Hunde schmeissen.
5.
Ich bin und werd' auch ewig sein,
wie ich mich einmahl dir versprochen,
mein Eyd verbleibet unzerbrochen,
solt' auch der Himmel fallen ein,
die Erde nimmer feste stehen,
und alles drunt- und drüber gehen.
6.
Zwar rühm' ich meine Liebe nicht,
wie der wol hundert Schwüre machet
indessen unterm Hute lachet,
hab' ich dir schon ins Angesicht
niemahl von grosser Gunst gepralet
und falsche Berge hingemahlet;
7.
So weiß es doch mein Herz allein,
mein Herz, daß dich, sonst keine kennet,
und nur in deinen Flammen brennet,
daß du die einige wirst sein,
die, biß der Tod mich auff- wird –reiben,
soll meiner Seelen Seele bleiben.
8.
Diß schwer' ich bey der schönen Lust
bey denen Freuden-vollen Stunden,
die wir so offtermahls empfunden:
Bey dein- und meiner treuen Brust.
Dich will ich nimmermehr vergessen.
So hör' doch auff mein Herz zufressen.
(S. 26-27)
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Geharnschter Venus Erstes
Zehen
X.
Vergißt mich Sie nur nicht
1.
Was frag' ich nach den Trauer-fahnen,
was nach den Wapen vieler Ahnen,
und ob mich denn ein Marmor ziert:
Wenn einsten zu den blassen Schaaren
mein Geist ist übern Fluß gefahren,
wor uns der Ehre Sucht nicht rührt.
2.
Es mag mich wer da will beklagen,
mag sauer sehn, und Leide tragen;
ich achte nicht deß Pöfels Spiel.
Hin Filidor, nur hingestorben,
bleibt nur dein Nachruhm unverdorben
bey Rosilis, der Reime Ziel.
3.
Ich weiß, es werden deine Zeilen
bey ihr nicht zum vergessen eilen.
Sie wird dich lesen Tag und Nacht,
und sagen: was ist hier geschrieben,
hat Filidor auß treuem lieben
auff unser beyder Brunst erdacht.
(S. 27-28)
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Geharnschter Venus Zweytes Zehen
I.
Je schöner, je härter
1.
Die Anmuht, Schönheit, Zierd' und Prangen,
das Purpur-blut der roten Wangen,
der Augen-blizz, der Stirne Glanz,
das Spiel der ziehenden Gebehrden,
der Gang, die Tracht sind himlisch ganz
und können nicht verschönert werden.
2.
So lieblich sahe nie Dione,
wenn sie auff dem vergöldten Trohne,
in Pasos Tempel Ehr' empfieng.
Betracht' ich dein besüßtes Wesen,
so halt' ich für ein schlechtes Ding,
was ich von Helenen gelesen.
3.
So kanstu die Vollkommenheiten
der Schönheit, Schöne, selbst bestreiten,
du ziehest aller Herzen an.
Wer dich beschauet sonder brennen
und Liebes-gluht, denselben kann
man einen Stein, nicht Menschen, nennen.
4.
Wie heuffig aber dich mit Gaben
vor andern die Gebuhrt erhaben:
so kärglich ist dir mitgeteilt
Mit-Leiden, Trost, und ein Gemühte,
daß eine wunde Seele heilt
durch Freundes Zuspruch, Gunst und Güte.
5.
Der scharffe Fels der Diamanten
reicht seines Leibes rauhe Kanten
des Küssers Lippen willig dar.
Die Rose von dem warmen Westen
getrieben, bükkt sich mit Gefahr
zu ihres Dornes wilden ästen.
6.
Du, harte, läst dich nicht erweichen,
die minste Gegen-gunst zureichen
dehm, der in deinen Flammen queelt.
Wer dich erblikkt, ist ohne Leben,
ist sonder Geist und wird entseelt,
und du willst ihm kein Mittel geben.
7.
So meinstu, du seyst dir gebohren,
seyst dir allein zum Zwekk erkohren,
warum wir auff der Erde seyn.
Kein Bild wird darum wol gemahlet,
daß man es birget in den Schrein,
so wird die Arbeit nicht bezahlet.
8.
Indehm man dich, wie Göttlich preiset,
Pflicht, Ehr' und Demuht dir erweiset:
Sey, Schöne, drum nicht eben stolz.
Die Knie so für Altären liegen
pflegt man nicht für ein faules Holz,
für Götter Freundschaft nur zu biegen.
9.
Die Grausamkeit und süsses lachen
wie können die Verwandnüs machen
in einem schönen Angesicht?
Entwehn dich, Kind, der Ernst-gebehrden,
so wird der schönen Schönheit Licht
noch tausendfach verschönert werden.
(S. 31-32)
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Geharnschter Venus Zweytes Zehen
II.
Schönheit gebiert Hochmuht
1.
Filidor lag in dem Schatten
wo der gelbe Pregel-fluß
durch Prutenens braune Matten
ziehet seinen leisen Guß,
da befielen ihn die Grillen
von der falschen Erotillen.
2.
Ihr, ihr unbewohnten örter,
(sprach er) und du stiller Hain
wo die außgebrachten Wörter
meiner Brunst verschwiegen sein,
und die sachte Lufft der Westen
höret meiner Quaal gebrösten.
3.
Hier dürff ich mein Leid beweinen,
hier verräht mich niemand nicht,
wo den stummen Ufer-steinen
nur die Treue nicht gebricht:
soll, was ich bißher verschlossen,
werden bey euch außgegossen.
4.
Erotill' hat mich verführet
Erotille, derer Zier
fast biß an die Wolken rühret.
Wär' ach! diß verborgen Ihr!
ô wie wollt' ich meinem Feuer
kommen so gewünscht zu steuer!
5.
Nu ist sie es worden innen,
als sie in die Fluhten sach,
so durch unsre Wiesen rinnen,
da ward ihre Hoffart wach.
Seit der Zeit sie sich gesehen,
darff ich nimmer zu ihr gehen.
6.
Daher hab' ich erst geweinet,
daher fing mein Elend an,
weil nechstdehm mir nimmer scheinet,
was mir einig leuchten kann,
ihrer Blikke göldne Sternen
wehrt die Venus nachzulernen.
7.
Erst ist sie mir nachgerennet,
erst hieß sie mich stille stehn,
und da war ich nicht entbrennet,
hatt' auff Liebe nie gesehn,
Flegel, Pflug, Karst, Rohr und Nezze
waren meine Lust und Schäzze.
8.
Eine Zytter geel gefärbet,
bunte Seiten oben drauff,
hat mir Daffnis angeerbet,
dar spielt' ich zuweilen auff,
wenn ich von der Arbeit müde
nachdacht einem Schäffer-Liede.
9.
O wie offt kam sie geschlichen
auch wol mitten in der Nacht,
ist auch eher nicht gewichen,
biß ich mich ins Stroh gemacht.
Da hat sie sich offt beklaget,
daß es so geschwinde taget.
10.
Ihre Lämmer gingen weiden
offtermals in meiner Trifft,
sie befräzten meine Heyden.
Diß war darauff angestifft,
so ichs ia nicht leiden wolte,
daß ich mit ihr reden solte.
11.
Denn so fragte sie bißweilen:
hastu nicht das böse Tiehr
heute morgen hören heulen?
bleibe diesen Tag bey mir,
solt' es in die Heerde brechen,
wie könt' ich mich Schwache rächen!
12.
Noch geschahen tausend Renke,
doch ich ließ mich nirgend ein,
biß ich einmahl bey der Tränke
macht' ein wenig mich gemein.
ô ihr scharffen Nessel-küsse,
ô daß ihr mir wart so süsse!
13.
Ja ihr milden Honigküsse!
Nu habt ihr nur Bitterkeit
satt der vorbeliebten Süsse
meinem Herzen eingestreut,
Nu ich euch nicht länger schmekke,
seid ihr mir zur Dornen-hekke.
14.
Da entglommen meine Flammen,
damit wars umb mich getahn:
Zwar, dieweil wir noch beysammen,
kehret' ich mich nirgends an,
aber da sie von mir flohe
und auff fremde Wiesen zohe:
15.
Götter weh! Indehme schwunden
Zunge, Mund, Bluht, Farb' und Geist.
Eh er sich zu recht gefunden,
war der Sonnen Wagen meist
in der braunen See gefühlet
und die Räder abgespühlet.
(S. 32-35)
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Geharnschter Venus Zweytes
Zehen
III.
Dumme Leute sein dumm
1.
Ich hab' an Fozis kühlen Flüssen
dir Delia, manch Lied zu Ehren auffgespielt.
Die Musen und Apollo wissen,
wie offt der Sonnen-Licht mich brant' und Föbe kühlt,
und wie ich manche Nacht gewacht
und einen Vers auff dich erdacht.
2.
Die Pallas hat mich offt geneidet,
daß ich nicht ihr zu Ruhm gebraucht der Poesie,
weil sie die Venus nimmer leidet
und sonder Liebe lebt in Keuschheit ie und ie,
Doch hab' ich stets die Nacht gewacht,
und einen Vers auff dich erdacht.
3.
Der Amor machte mir von Myrten
vor mein verliebt Gedicht so manchen Siegeskranz,
die Musen sah' ich mich umgürten
mit dunkelm Efeu-laub und göldnem Lorbeer-glanz,
indehm ich manche Nacht gewacht
und einen Vers auff dich erdacht.
4.
Dir dummen geht zu beyden Ohren
der süssen Reime Schall bald auß, bald wieder ein,
die Kunst hat ganz an dir verlohren,
ich muß bey dir umsonst des Föbus Lehrling sein,
wiewol ich manche Nacht gewacht
und einen Vers auff dich erdacht.
5.
Du, Orffeus konnst die Hölle zwingen,
der wilde Zerber schwieg auff deinen Schall:
ich kann sie nicht zu rechte bringen
diß Mensch, und spielet' ich trozz Föbus Zitter-hall,
was hilfft es daß ich nu gewacht
und manchen Vers auff sie erdacht?
6.
Soll ich mein Dicht-werk nu verschweren,
dieweil ich nur von ihr damit werd' außgelacht,
ô Nein! ich weiß, daß ander' ehren
was du, du Kunst-spott, hast bißher an mir veracht.
Pfui! daß ich manche Nacht gewacht,
und keinen Schimpf auff dich erdacht.
(S. 35-36)
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Geharnschter Venus Zweytes Zehen
IV.
Keinem, als mir
1.
Legere läst sich offters grüssen,
Legere läst sich offters küssen
und, komm ich ungefehr darzu,
so spricht sie: Schaz, es seind Verwanten,
sind meine Brüder und Bekanten,
sonst täht ich so nicht wie ich tuh.
2.
Legere, laß die Possen bleiben,
laß dir den Mund nicht so bereiben,
ich achte hier nicht Fug noch Recht.
Mir sind verdacht, die Mutter, Brüder,
die Schwester, Freunde; ja ein ieder
und wär' es meines Dieners Knecht.
3.
Vergib mir meine Furcht Legere.
Der Jungfer Lust wehrt keine Wehre,
will sie, hilfft kein halten nicht.
Der ihr verwahrtes Schloß entgliedet,
der Schlüssel ist bereit geschmiedet
und niemand lebt, dehm er gebricht.
4.
Es kann sich bald ein Schmeichler finden,
der dein Gemühte kann entzünden
und wer' es auch so kalt als Eyß.
Ich kenne zarter Weiber Sinnen,
wie schleunig der sie kann gewinnen,
der nur die rechten Griffchen weiß.
5.
Viel Weiber sind auß Griechen rüchtig,
doch war nicht mehr als eine züchtig,
die listige Penelope.
Rom hat nur eine treu beschrieben,
die ihren Ehmann konnte lieben,
die blutige Lukrezie.
6.
Ehr wird man schwarze Schwanen schauen,
die Raben weißlich sehen grauen,
den Schnee abschiessen Kohlen gleich:
als eine Jungfer sonder Wanken.
Ihr Tuhn, ihr Reden und Gedanken
wird auff das leichste Windchen weich.
7.
Drum, wiltu fromm und Erbar heissen,
mustu, Leger', auch dich befleissen
zumeiden allen argen Wahn.
Verdacht wächst leichtlich auß den Tahten.
Kind willstu meinem Eyffer rahten,
so stell dich so bekannt nicht an.
(S. 36-38)
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Geharnschter Venus Zweytes
Zehen
V.
Hoffart kommt zu Falle
1.
Die Dellmane krigt einen Stoß,
die Dellmane, die sich in Seiden
in Gold und Perlen liesse kleiden,
geht iezt entehret, nackt und bloß.
Nu kann ich meinen Schimpff verschmerzen,
es trifft dich mein gewünschter Fluch,
iezt nagestu am Hunger-tuch',
ich gönn' es meinem stolzen Herzen.
2.
Wie offt hab' ich dich tieff gegrüsst,
wie offt mich gegen dir geneiget,
und solche Demuht dir erzeiget,
der du nicht wehrt gewesen bist.
Du hast mich schielend angesehen,
mich armen Buhler ganz veracht,
nu wirstu wiederum verlacht
und must in Spott und Schanden stehen.
3.
Ich war nicht hoch genug, nicht reich,
nicht höfflich satt dich zubedienen,
du aber dürfftest dich erkühnen
zu schäzzen einer Fürstinn gleich.
Nu wird dein Hochmuht recht belohnet.
Der Donner läst die Hütten stehn,
Palläste müssen untergehn.
Wohl dehm, der wie ich tieffer wohnet.
4.
Ich werde doch wol Brod und Hauß,
und einsten gute Nahrung finden,
da, Dellmane, du bleibst dahinden,
und fegst die öden Winkel auß.
Geh und bestell dir einen Besen,
der Anfang ist bereit gemacht,
worauff du iederman veracht
wirstu auff - auß der Asche – lesen.
(S. 38-39)
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Geharnschter Venus Zweytes Zehen
VI.
Meinet halben, fahr immer hin
1.
So hat denn nu die eine Nacht,
ein Tag treu-brüchig dich gemacht,
das heißt mit falschen Eydes-Schwüren
ein allzu gläubig Kind verführen.
2.
Ich war ia noch in Szyten [nicht]
noch wo ein schwarzes Mohr-gesicht
in Afriken im Schweisse fliesset,
noch wo der Tyger sich ergiesset.
3.
Ja, wenn mein Schiff im Meere stünd
und mich ein ungestümer Wind
wor hätt' in Indien getragen
so wolt' ich nicht ein Wörtchen sagen.
4.
Nu sind nur wenig Stunden hin,
daß ich nicht, Leichte, bey dir bin,
und du, du bist schon umbgewendet
und hast dich fremder Gunst verpfändet.
5.
Es trennt uns kaum das dritte Hauß
und deine Treu ist schändlich auß,
es sind die Worte mit den Winden
geflohen zu des Meeres Gründen.
6.
Wie ist der reinen Keuschheit wehrt
doch dieser Zeit so ganz entehrt,
ich müste fast die Welt durchgehen,
doch würd' ich kaum Perillen sehen.
7.
Nichts bessers kann ein Weibes-Bild,
als daß sie Treu mit List vergillt,
und meisterlich weiß zubetriegen
mit Schmeicheln Spott und schlimmen Lügen.
8.
Kein Blat wird durch den Ost und Nord
so ungewiß getrieben fort,
als ihre flüchtige Gedanken
bald hier, bald dorthin zweiffelnd wanken.
9.
Weil du denn nu verhärtet bist,
und dir gefällt die leichte List,
so laß ich dir den Wetterwillen,
und will mich gerne gerne stillen.
10.
Doch wüntsch' ich daß der Amor dich
mit Pfeilen rühre kräfftiglich
und daß, um den du mich verlassen,
der, wie du mich, dich möge hassen.
(S. 39-40)
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Geharnschter Venus Zweytes Zehen
VII.
Seht was die Einbildung nicht tuht
1.
Es sagte mir die Flatter-schöne,
die eingebildte Pusserene:
du hast mich lange Zeit geliebt,
dich lang' um meine Gunst beworben,
darumb hastu dich so betrübt,
daß du auch neulich bald gestorben.
2.
Wie kommt es denn, wenn ich dich frage,
und dir von Nehmen etwas sage,
daß du so sonder Antwort bist?
das Wort verstarrt die in dem Munde,
du must ia nur auß Hinterlist
erdenken eine falsche Wunde.
3.
Wie offt hastu nicht nachgelassen,
ich möchte dich denn einst umbfassen
wie prachertstu um einen Kuß,
das andre will ich gern verschweigen,
daß ich zwar stets gedenken muß,
darff aber keinem an- es –zeigen.
4.
Mein, (sprach ich) laß mich doch zufrieden,
die Ursach wird nicht einem ieden
so auff die Nase hingehenkt,
so dürff ichs auch nicht frey bekennen:
wer alles sagt und wenig denkt,
der kann sich deinen Freund nicht nennen.
5.
Doch, soll ichs, Zeit-lieb, dir entdekken,
und nichts nicht untern Stuel verstekken
so gieb mir Feder und Papier.
Ich weiß es was ich mündlich sage
urteilestu wie ungebühr,
als Unrecht Falsch und Lügen-klage.
6.
Drauff hab' ich ihr diß zugeschrieben:
Ich kann dich, Larve, treu nicht lieben,
ich bin nicht so, wie du, gesinnt.
ich liebe Tugend, Zucht und Treue,
wär' ich wie du ein falsches Kind,
hätt' ich vor deinem Strikk nicht Scheue.
7.
Der Meineyd ist dir angebohren,
die Schaam und Zucht hastu verschworen,
nur Schminke schönet dein Gesicht.
Die Runzeln köntstu nicht bedekken,
hättstu die falsche Kreyde nicht
den Dekkel deiner schwarzen Flekken.
8.
Doch will ich noch was dein verbleiben,
biß mein Verhängnüs mich wird treiben
auff ein bequeemer Zielmaaß hin.
O, wie verdroß es Pusserenen!
Ey, daß ich auch zu kühne bin,
doch ach, wer achtt der Flatter-schönen.
(S. 40-42)
_____
Geharnschter Venus Zweytes
Zehen
VIII.
Liebe glaubt keinem Neide
1.
Und, wo ich dirs, Zelinde, schenke,
so heiß' ich Peilkarastres nicht.
Es denke doch nur einer, denke,
was diese Marigelle spricht.
Ich wär' in ihr Gemach geschlichen,
gleich als der Sonnen Gold verblichen,
da hätt' ich mich wohin gelegt,
wo sie geheim zuschlaffen pflegt.
2.
Mein! worzu dienen doch die Lügen?
der Teuffel hat diß Spiel gesehn.
hör! ich wolt' in die Kammer gehen?
Gefiel dies, da ich dich umschlunge
und mich an deine Seite drunge?
Sich, Ruhm-maul, wie bestehstu nu,
wer traute dir die Schnitte zu?
3.
Jetzt fällt mirs ein. Das süsse Lieben,
daß ich mit Rosilen geführt,
hat dich zu solchem Fund getrieben
und mit der Neides-sucht gerührt.
Nu merk' ich, was es soll bedeuten,
daß du so neulich sacht zur Seiten,
als meine Lust, Rosille kahm,
und mich sanfft in die Arme nahm.
4.
Es war nur um mich zuverstossen,
meinstu, Rosille glaube dir?
Fürwahr, du schlägest einen blossen,
mein Augen-wink gilt mehr bey ihr
als wenn du hundert-tausend Eyde
würdest schweeren mir und ihr zu Leide,
Rosille merkt es zugeschwind
was Falschheit, Trug und Finten sind.
5.
Du willst uns zwar zusammen hezzen,
kommst aber heßlich kaal darvon.
wir lachen der bescheinten Nezzen,
und sprechen allem Neide Hohn,
kein Fels ist je so fest gegründet
als unsre Lieb sich befindet.
Stürm immer zu. Wir stehen fest
als sich kein Berg bewegen läst.
6.
Drum denke nicht, Zelinde, denke
daß ein verfälschtes Lügen-Kind
Rosillen von mir abelenke.
Hättstu noch duppelt mich nimmer hassen,
soltstu zerbersten und erblassen,
so liebt sie mich doch wie vorhin.
Gottlob, daß ich nicht schüldig bin!
(S. 42-43)
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Geharnschter Venus Zweytes Zehen
X.
Laß die Verstorbenen ruhen
1.
Stirb Filidor,
Warum wilstu nicht willig sterben?
der Musen Thor
verspricht dir deines Nahmens Erben,
ob Florilis schon meinet,
daß niemand um dich weinet.
2.
Zwar Florilis
wird wegen deines Todes lachen,
Sie wird gewiß
sich lustig bey dem Sarge machen,
und auff dem Grabe singen
mit jauchzen und mit springen.
3.
Wird iemand denn
nach deinem Hinfall dein erwehnen,
wie, wo und wenn:
so wird sie in der Grufft dich höhnen,
die abgefaulten Knochen
wird sie auch selbst bepochen.
4.
Doch denke nicht,
daß ich es dir wil, Stolze, schenken:
ein bleich Gesicht,
das meinem gleichet, soll dich kränken:
mein Geist soll um dich stehen,
und mit zu Bette gehen.
5.
Ein schweerer Traum
soll dich offt auß dem Schlaff' erwekken,
du glaubest kaum,
wie ich alsdenn dich wird' erschrekken.
Mit werffen und mit poltern
wil ich dein Leben foltern.
6.
Wird man auff dir
des Morgens blaue Flekken sehen,
sprich: daß von mir
zur Rache dieses sey geschehen.
wirstu einmal denn kranken,
plag ich dich mit Gedanken.
7.
Drum besser dich,
dieweil es Zeit ist zu bessern.
Veriagstu mich
zu Acherontis Nebelwässern:
so hilfft alsdenn kein klagen,
wenn dich mein Geist wird plagen.
(S. 45-46)
_____
Geharnschter Venus Drittes Zehen
I.
Kränkende Hoffnung
1.
Was hilfft es uns, daß wir uns lieben,
Rosille, Schöne! sag es mir?
daß wir ein stetes seuffzen üben,
und Schmerzen tragen für und für.
Ach Schmerzen! denen keine Wunden,
wie tödtlich sie sind, gleich sich funden.
2.
So stark kann keine Wunde bluten,
rizzt sie die Lebens-adern gleich,
daß nicht ein Heil sey zu vermuhten.
Der Garten ist ja noch so reich
ein edles Blümchen dar zustellen,
zu stopffen ihres Schweisses qwellen.
3.
Wer aber hilfft der kranken Seele,
die biß auffs Leben steht versehrt?
Der Wund' ob welcher ich mich queele,
wird aller heilung Krafft verwehrt.
Du bist es, Tod, der mich entbindet
deß, worfür man nicht Kräuter findet.
4.
Zwar, Zeit, du willst mir was verheissen,
das aber ist zu schlecht für mich.
Du pflegest alles hinzureissen,
liebst Wankelmuht. Ja wenn ich dich
und deinen Flug in eine Kette
beschlossen und umfässelt hätte.
5.
Ich wollte deine Förder-Haare
nicht auß den Händen lassen gehen,
als biß du mir so viel der Jahre
von dem Verhengnüß ließt entstehn,
daß die Vergnügung meiner Sinnen
möchte' ihren süssen Zwekk gewinnen.
6.
Nu bistu flüchtig, falsch und wilde,
doch wärestu nur flüchtig satt:
wie bald wär' ach! die Wunde milde,
die mir das Leben machet matt.
Es würde noch durch etwas hoffen
die Lindrung meiner Qwaal getroffen.
7.
Verblutet euch ihr grimme Schmerzen,
verblutet Geist und Leben auß.
Gebt Stoß um Stoß dem treuen Herzen,
verlasst des Leibs geplagtes Hauß.
O Seele weich! es ist vergebens,
ich heile nicht Zeit meines Lebens.
(S. 48-49)
_____
Geharnschter Venus Drittes Zehen
III.
Nacht-last, Tages-lust
1.
Die Nacht,
die sonst den Buhlern fügt und süsse Hoffnung macht,
Die Ruh,
die einem Liebendem sagt alle Wollust zu,
bringt mir nur lauter Schmerzen
und raubet mir das Licht,
das meinem trüben Herzen
des Trostes Straal verspricht.
2.
Der Tag,
dem sonst kein Pasos-Kind recht günstig werden mag,
Die Gluht
der göldnen Strahlen, die der Venus schaden tuht
Erteilt mir lauter Freuden
und gönnet mir das Glükk,
die Augen satt zu weiden
in meiner Liebsten Blikk.
3.
Wenn iezt
Apollens Feuer-gold der Berge Haupt erhizzt
Und nu
die auffgewekkte Welt entsaget ihrer Ruh:
rührt mich Rosillen Wange
mit einem feuchten Kuß'
und dieses währt so lange
biß auff den Hesperus.
4.
Sobald
der Sonnen Kerze wird in Thetis Schosse kalt,
Laton'
in düstrer Wolken-Lufft führt auff den bleichen Mohn,
so weicht mein Licht von hinnen,
denn wird mir erst die Nacht
das Kind der Erebinen
zur rechten Nacht gemacht.
5.
Drum geh,
verhaßtes Sternen-Heer gleich nimmer auß der See,
Komm an,
geliebter Lucifer tritt auff Olympens Bahn.
Der Tag der mich so liebet,
soll meine Freude sein.
Die Nacht, die mich betrübet,
weich' in die Höll' hinein.
(S. 50-52)
_____
Geharnschter Venus Drittes
Zehen
IV.
Noht prüfet die Liebe
1.
Solt' ich den Tod nicht frölich leiden?
Rosille weint ob meinem Scheiden,
sie liebt mich, da die Seel' entfährt
und in die fernen Felder kehrt.
2.
In Noht und Jammer sehen trübe:
hieran erkennt man wahre Liebe,
die mit in Freuden lustig war,
traurt nu bey meines Bettes Bahr.
3.
Ihr Wolkenbrüch der Trähnen-güsse
macht über meinem Körper Flüsse,
dem Körper, der sein Bluht verläßt,
und iezt den Athem auß sich bläst.
4.
Die Lieb' ist schlecht und kaum zu nennen:
Nur lieben weil die Augen brennen,
weil noch die Stirn ermuntert sieht
und alles Rosenfärbig blüht.
5.
Ich lieg' allhier auff soviel Wochen,
mein Leib ist lauter dürre Knochen,
der Lippen Purpur blässet weiß,
der arme Band ist Todten-eyß.
6.
Ich bin nicht mehr ein Mensch zu nennen,
mich meiden alle, die mich kennen,
Rosille bleibt bey mir und wacht
so manche, manche, manche Nacht.
7.
O Treu-Exempel! Gunst-gemerke
O Muster wahrer Liebes-Werke!
Rosill' hält biß zur lezten Noht
und wünscht vor mich ihr selbst den Todt.
8.
Wie kann ich Freundin, diß vergelten,
indehm ich folge den Gewälten,
die ieder Mensch vom Sternen-fluß'
ohn allen Einspruch dulden muß.
9.
Ich will in deiner Seele leben,
mein Schatten soll stets um dich schweben:
biß du auch auß dem Leben fährst
und deine Seele mir gewährst.
10.
Indessen sollen diese Zeiten
so lange deine Schmerzen heilen,
es soll diß treue Zeuge-blatt
der Nachwelt rühmen deine Taht.
(S. 52-53)
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Geharnschter Venus Drittes
Zehen
V.
Wer kann was Liebes ohne Tränen missen
1.
Charille wird mir abgerissen,
und du verbeutst, ich sollte nicht
mit Trähnen waschen mein Gesicht.
ach! solt' ich sie mit Freuden missen,
Filander, die mir in Gefahr
Trost, Lust in allen Sorgen war.
2.
Kein grösser Kreuz ist auff der Erden,
als wenn sich Lieb' und Liebe trennt,
wenn, die in Gegen-günsten brennt
vom Liebstem muß geschieden werden.
Ich glaube nicht, daß eine Pein
mit dieser kann zugleichen sein.
3.
Sie liegt in eines fremden Armen,
ein Tölpel feuchtet ihren Mund,
Sie seuffzet nach mir iede Stund'
und fleht mich an um mein Erbarmen.
Der Eltern Geiz und Sauer-Zahn
macht, daß ich sie nicht retten kann.
4.
Jetzt wird sie zu der Eh gezwungen,
iezt muß sie schlagen Hand in Hand,
ich werd' erfüllt mit Spott und Schand'
und ab von ihrer Gunst verdrungen
sie weint und klagt, und ich soll sie
verlassen sonder Leid und Müh.
5.
Filander, ich will Sie beweinen,
so lang' ein Trähnchen quillt in mir,
ich werd' als Niobe zu Steinen,
ein Baum, ein Schall, ich werde nichts
um ihrentwegen angesichts.
(S. 53-54)
_____
Geharnschter Venus Drittes
Zehen
VI.
Der verbrannte Amor
1.
Solt' Amor wol geflügelt sein?
ich bild' es mir nicht ein.
Längst ist er bey mir eingezogen
nie ist er wieder fort geflogen,
solt' er geflügelt sein:
ich bild' es mir nicht ein.
2.
Es macht uns zwar Apelles Hand
den Amor so bekand.
Hätt' aber er ie können fliegen
er würde so nicht stille liegen.
Ja wol geflügelt sein,
ich bild' es mir nicht ein.
3.
Doch, st! aniezt besinn' ich mich:
er hatte was an sich,
Als er zu mir kahm eingefahren,
mich dünket daß es Federn waren.
Er muß wol halten Stand,
die Federn sind verbrannt.
4.
Er aber hat selbst Schuld daran,
daß er nicht weiter kan.
Er hat ein Feuer in meinem Herzen
entzündet mit der Liebes-Kerzen,
ich gönnt' es, Amor, dir,
wärstu nur erst auß mir.
(S. 54-55)
_____
Geharnschter Venus Drittes Zehen
VII.
Brenn, aber lindre auch
1.
Was hab' ich, kleiner, dir getahn,
daß ich nicht Ruhe haben kann,
willstu mich denn zu Aschen brennen?
Ich bin ohn diß entädert bleich
und einem schwarzen Schatten gleich,
von meinen Brüdern kaum zu kennen.
2.
Ich gebe dir die Sieges-Fahn'
und flehe dich in Demuht an,
laß deinen Diener nicht verderben.
Es gibt dir, Amor, schlechten Preiß,
wenn, der sich nicht zu retten weiß
soll auff gebognen Knien sterben.
3.
Genade zieret einen Held.
Ich räume dir des Herzens Feld,
mein blosser Busem steht dir offen.
Zieh ein, und gönn mir nur die Lehn,
ich will dir zu Gebote stehn,
was hastu mehr von mir zu hoffen.
4.
Wer wird, hastu mich umgebracht,
alsdenn erheben deine Macht?
Wer wird von deinen Tahten singen?
Wird' ich noch etwas übrig sein:
so bleibt die Ehr' alleine dein.
Mein Staub kann dir nicht Nuzzen bringen.
(S. 55-56)
_____
Geharnschter Venus Drittes Zehen
VIII.
Redliche Liebe, Neider Zwang
1.
Macht euch lustig Neider-Herzen
blaset, wie ihr tuht,
Blizz, Schwefel, blaue Gluht
unser' heisse Liebes Kerzen,
Amors Straal und Licht
verdunkelt ihr doch nicht.
Wie daß heitre Sonnen-glizzen
Etnen Feuer dunkel macht,
so wird euer Rachen blizzen
gegen unsern Scheine, Nacht.
2.
Wärt ihr Kinder guter Ehren,
scheutet ihr so nicht
des klaren Tages Licht.
Die dem dunklem angehören
bleiben, wie sie sein
ohn Tugend-Licht und Schein.
Unsrer Liebe göldnes Feuer
stekkt sich in die Winkel nicht,
steigt empor und blizzet freyer,
als die Läster-kohle sicht.
3.
Nun ihr Rauch und Qwalm-Verwanten,
Eure Russigkeit
bezeuget wer ihr seid.
Weicht und sucht die euch Bekanten,
so die Nebel-Lufft
erhält in Pluto Grufft.
Euers Schwefels Angezünde
wird euch mindern Schlaff und Ruh,
Unsrer Liebe Westen-Winde
wehn uns göldne Straalen zu.
(S. 56-57)
_____
Geharnschter Venus Drittes
Zehen
IX.
Wahrer Traum
1.
Ich gieng einmahl im Traum zu Schiffe
die Mele war mit mir mein Kind,
es bließ der linde Westen Wind
als unser Schiff zu Lande lieffe.
Indehm entstund' ein Schiffgeschrey
daß diß das Innland Zypern sey.
2.
Als wir das Ufer nu gegrüsset,
umfieng mich Mel' und sprach zu mir:
Schaz, laß uns schauen diß Revier,
das Tahl, so iener Fluß begiesset,
und hier der Zinnen hohen Schein,
so fast die Wolken nehmen ein.
3.
Es war der Tempel der Dionen,
um welchen der Poeten Schaar
so manchesmahl bemühet war,
wo Lieb' und Liebes-Kinder wohnen.
Sein Altertuhm und Göttligkeit
verkürzt' uns leichtlich Weg und Zeit.
4.
Wir kahmen zu den Marmortühren,
Kupido ließ uns bükkend ein,
die Priesterinnen schrekkt der Schein
der meine Schönheit pflegt zu zieren.
Sie schrien mit gebeugtem Knie:
hier ist die Venus, hier ist Sie.
5.
Das Bild der Göttlichen Zytehren
verfärbte sich ob dem Altar.
Der Hauffe, so im Tempel war
die Liebes-reizinn zu verehren,
rieff läuter: der, sonst keiner nicht
gebieret Ehre, Würd' und Pflicht.
6.
Indehm bewegt ich mich im Schlaffe
der Traum verschwand, Ich wurde wach
und dachte diesem Bilde nach.
Sich! (dacht' ich) daher rührt die Straffe.
Die Venus macht mir so viel Müh,
weil Mele schöner ist, denn Sie.
(S. 57-58)
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Geharnschter Venus Drittes Zehen
X.
Wer tröstet mich nu?
1.
Es hielte mich das Norden-land
wo Zyntius zu Bette gehet,
die Gegend war mir unbekand,
ihr fremder Steig mit Schnee verwehet,
da stund' ich auß Gefahr und Noht
es stritten mit mir Furcht und Tod:
der scharffe Sebel der Barbaren
ist offters um mein Haupt gefahren.
2.
Gradivus ließ mich keiner Ruh
in vielen Nächten nicht geniessen.
Du Bug und strenges Masau du
ihr werdet mir es zeugen müssen.
Doch hab' ich in so vieler Müh
Angst, Sorg' und Furcht geklaget nie,
warum? der Stern der Fröligkeiten,
Rosille leuchtte mir zur Seiten.
3.
Rosill' ist mir Gewerb und Hauß,
Freund, Eltern, Vaterland und alles
bey ihr halt' ich all Elend auß,
bey ihr befürcht' ich keines Falles.
Will sie: ich geh mit ihr zur See,
wenn Sturm und Blizz spielt auff der Höh'
ich wage mich in ferne Wüsten
und wohne, wo die Schlangen nisten.
4.
Jetzt hält mich ein beqweemer Ort
mich kühlt ein Zefyr auß der Gehre,
ich bin bedienet fort für fort
mir mangelt nichts an Gunst und Ehre.
Doch wird mir mein Gesichte blaß,
der Augen Lauge macht mich naß,
ich bin ein Schäm und Schein zunennen
und kann mich selber kaum erkennen.
5.
Der weite Weg, der mich von ihr
in so geschwinder Zeit verstossen,
entädert meines Leibes Zier,
ich gleiche Leten Haußgenossen,
weil ich so mancher süssen Lust
des Kuses, der beliebten Brust
auff ewig, ach! in dieser Erden
muß mangeln und beraubet werden.
6.
Zwar bin ich schlechter Mensch nicht wehrt,
daß ihr, der Schönen, meinetwegen
ein einig Seuffzgen nur entfährt
sich mög' ein Trähnen-tröpfchen regen:
Doch will ich schweren, daß sie sich
mehr qwält und ängstigt, weder ich,
Ach! möchte' ich doch nur bey ihr stehen
und ihr Betrübnis an- mit -sehen.
7.
Glükkseelig ist der, welcher kann
in Gegenwart der Liebsten weinen.
Glükkseelig ist, wer siehet an
wie ihr Herz auch nicht sey auß Steinen.
Ich weiß nicht, was die Trähnen-saat
für stille Freuden in sich hat
wenn sie sich läßt zusammen sprengen
und treulich in einander mengen.
8.
Nun, weil ich nicht kann um sie sein
so sind mir diese zarten Felder,
die Elis auch nichts räumen ein,
Tessaljen schwarz vergiffte Wälder.
Führ mich dahin Südwesten-wind
wo die Rosille Blumen bindt,
ich will mein Schiffgen allen Wellen
ganz unverzagt entgegen stellen.
(S. 58-60)
_____
Geharnschter Venus Viertes Zehen
I.
Liebe, die Königin der Welt
1.
Kind, das Gött- und Väter zwinget,
Kind, deß hoher Zepter dringet
durch die Nacht der ganzen Welt,
Herr der Erden, Zwang der Sterne,
Herrscher über Nah und ferne,
dehm, was lebt, zu Fusse fällt.
2.
Amor, weil ich leb' in Lüfften,
dort auch in den finstern Grüfften
wird' ich deinen hohen Preiß
über dem gestirnten Wagen
des Tierhüters hinzutragen
sein bedacht durch meinen Fleiß.
3.
Keinen Lorbeer werd' ich finden,
den ich dir nicht umzubinden
bükkend werde sein bedacht.
Hundert-tausend Keyser-Kronen
solten deine Gunst belohnen
stünden sie in meiner Macht.
4.
O, wie wol wird der begnüget,
der für dir auff Knien lieget
und dich eyffrig betet an!
Ist Gedult nur bey dem Schreyen:
so wird bald dein Trost-verleihen
ihme werden kund getahn.
5.
Daß sich nu mein Leiden endet,
daß sich Freude zu mir wendet,
daß mein Liebchen freundlich sicht:
daß die zarten Purpur-wangen
an den meinen lieblich hangen:
ist das deine Gnade nicht?
6.
Ja. Eh' ich dich, Allguht, ehrte,
O! wie mancher Seuffzer störte
meiner Nächte sanffte Ruh'.
Ach, mit was für herber Klage,
bracht' ich meine Frühlings-Tage
sonder Trost und Hoffnung zu!
7.
Nu beginnt mein Glükk zu blühen
und der Winter weg zu ziehen,
der mein Leben machte grau.
Nu besprengt bey hellem Wetter
meines Lebens grüne Blätter
der Rosillen Lippen-tau.
8.
Du bists, der du mir das Leben,
und des Lebens Lust gegeben,
ohne dich stirbt alle Freud',
alle Wollust wird zu Schmerzen
gibstu nicht dem kranken Herzen
Labsal und Ergezligkeit.
9.
Darum, wer sich in dem Lieben
unbetrübt gedenkt zu üben,
ehre deiner Hoheit Pracht.
ich, so lang' ich werde bleiben,
will von deiner Güte schreiben
und erheben deine Macht.
(S. 63-64)
_____
Geharnschter Venus Viertes
Zehen
II.
Ueber ihr Schreiben
1.
Honig-reden, Zukker-Zeilen,
Worte voller Lieb' und Gunst,
Lettern, so die kranke Brunst
meiner stillen Schmerzen heilen,
züge, die die Götter führen
und mir Geist und Leben rühren.
2.
Red-art unverfälschter Treue,
Sinnen-außspruch, Herzens-mund,
Schrifft allein uns beyden kund,
Mahlwerk, dessen iede Reye
mehr Ergezligkeit kann machen
als Apelles Künstler-Sachen.
3.
Ewig muß der sein gepriesen
und diß in das ferne Feld,
wo Diana Feuer hält,
zu den Engeln hingewiesen
der zu Trost dem treuen Lieben
erstlich auff Papier geschrieben.
4.
Wenn mir wo das Ohre klunge,
nu erwehnt sie mein (dacht' ich)
ach! wer weiß, wol lächerlich.
Wenn der Trauer-vogel sunge
der der Sonnen-straal nicht leidet
und sich bey den Gräbern weidet.
5.
Das bedeut der Liebsten Sterben.
Jetzt liegt sie in lezter Noht,
iezt, O weh! ist sie schon todt,
(rieff ich kläglich) dein Verderben,
Schöne, soll auch meines werden
und entsage gleich der Erden.
6.
Aber, wer wird mir beschreiben
die gleich ohne Zentner Pein
wenn mich wor ein Traum nahm ein,
sonderlich, wenn nu die Scheiben
sich am Himmel heller zeigen
und die Dünste reiner steigen.
7.
Wie sie stets in meinen Sinnen
so bey Nacht als Tage steht,
wacht und mit zu Bette geht:
So kunt' auch kein Schlaaff zerrinnen
daß ihr Bildnis, das so süsse
sich nicht um mich merken liesse.
8.
Wie nu eine wahre Liebe
alles fürchtet, scheuet, denkkt,
so: erschien sie als bekränkkt,
ging sie traurig, sach sie trübe:
ward mein ganzer Tag ein stähnen
untermischt mit Klag' und Trähnen.
9.
Ließ sie schiessen Freudenblikke,
fiel das Wieder-Spiel mir ein.
Sie möcht' eines andern sein,
(meint' ich) stieß sie mich zurükke.
Ja, ihr Küssen und umfassen
Legt' ich auß auff Zorn und Hassen.
10.
Und, so ward mir alle Morgen
umgetrieben Muht und Geist,
was mir diß und das verheist
dreute Kummer, Zweifel, Sorgen,
diß der süsse Bohte kahme
der mich meiner Müh' entnahme.
11.
Das ward ich der Angst entrissen,
meine Schöne war gesund,
ach! was täht sie mir nicht kund.
doch, es ziemt nur uns zuwissen,
was sie mit entzükkter Süsse
mich verdekket wissen liesse.
12.
Wo es wahr ist, was man saget,
daß ein weisses Paar der Schwan
auff Olympus hoher Bahn
vor der Venus Wagen jaget,
zog die Feder, so diß schriebe
deren flügeln auß die Liebe.
13.
Amor hat sie selbst geschnitten,
Venus nacher erst gebraucht,
und in Nektar eingetaucht,
und die eine der gedritten,
Liebe, Freundligkeit und Leben
ihrem Kiel' erbeigen geben.
14.
Nu du schönste Schrifft der Schönen,
deine Dinte soll allein
meiner Marter kühlung sein,
ja des Todes Gifft verhöhnen:
Dich, und was die Musen schrieben,
werd' ich, weil ich lebe, lieben.
(S. 64-67)
_____
Geharnschter Venus Viertes Zehen
III.
Liebe, Sinnen-raub
1.
Mein Lieb baht mich in einen Garten,
wo der verliebte Westenwind
der Floren pfleget auffzuwarten,
die Lufft war fahl, Apollens Kind,
der Tag begunnte gleich zu sterben
und seine Schönheit zu verfärben.
2.
Kaum war ich dar hinein gegangen,
so neigte sich der Sternen Heer,
Diktinna bläßte Licht und Wangen
und Hesperus wich in das Meer.
Der schwarze Schatten wurd' erhellet
und in den göldnen Tag verstellet.
3.
Warum? Rosille, meine Wonne,
kahm durch den grünen Busch herein,
Ihr hätte selbst die klare Sonne
gewichen und den Demant-schein
durch ihre Straalen überwogen
auß Schaam mit Wolken-tuch umzogen.
4.
Die Venus ging in ihren Schritten,
Aglajen war ihr Außsehn gleich,
Es straalt auß ihren holden Sitten
des Amors ganzes Königreich:
Lust, Liebe, Freundligkeit und Leben
den treu-verliebten nur gegeben.
5.
Sie rührte mit den Seiden-Händen
mich, ihren Lieben, sachtlich an.
Ich glaube nicht, daß in den Händen
des Himmels mehre Lust sein kann.
Mich dünkt, ich fühle noch verzükket,
wie sie an ihre Brust mich drükket.
6.
Ach Schau-plaz aller Liebligkeiten,
erhabne Brust, der Götter Saal,
wo Freud' und Schönheit sich begleiten
und du, du süsses Liljen Tahl,
wie gern wolt' ich in deinen Gründen
Adonis gleich mein Ende finden.
7.
Sonst weiß ich weiter nicht zusagen
was mir ihr süsser Zukkermund,
damahl auß Liebe fürgetragen.
Euch Bäumen nur, euch ist es kund,
euch ist es kund ihr Blumen-Matten
die ihr es hörtet durch den Schatten.
8.
Die Lust, so überhäufft sich findet,
benimmt uns des Gedenkens Krafft.
Je mehr sich Amors Gluht entzündet
ie mehr Verstand wird hingerafft.
Mein Sinn war dunkel, gleich den Blinden
und kunte sich in sich nicht finden.
9.
O süsser wahnwiz! ach! wie gerne,
wolt' ich noch iezt so rasend sein.
Diß ist die Seeligkeit der Sterne
und aller Götter ins gemein:
daß sie in Wollust so verführet
nicht merken, wenn sie Schmerzen rühret.
10.
Nu bin ich meiner Sinnen Meister,
und weiß es was mich labt und kränkt:
betrüben sich die Lebens-Geister,
die Seel' ist wie in Turn versenkt,
den Turn, wo Einsamkeit, wo grausen
und nichtiges Verlangen hausen.
11.
Nur trösten mich die Freuden immer
die ich bey Rosilen gehabt.
Du Lust-Ort des Priapus Zimmer,
dein Blumwerk müsse sein gelabt
dafür, mit ewig-warmen Lenzen
und angenehmen Sonnen-glänzen. (S.
67-69)
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Geharnschter Venus Viertes Zehen
IV.
Das angenehme Gespenst
1.
Das Wolken-dach war mit der Nacht umzogen,
Arkas hielt die Mittel-stelle durch den Sternen-Bogen,
Als Oridor verhindert von dem Zug
nach seiner Mele Verlangen trug.
Er lieff entsinnt durch Wiesen, Wälder, Berg und Tahl
das Scheiden bracht' ihm Herzens-angst und Qwaal.
Solt' ich,
ach Schöne, dich
noch sehn einmahl!
2.
So schrie er biß er zu der Hütte kahme,
da, wo seine Mele die süsse Ruh einnahme.
Kaum rührt' er an den Riegel bey der Tühr,
so wischte Mopsa vom Stroh herfür:
Wer klopffet an so langsam schon nach Mitternacht?
Mach, Mägdchen auf! Ja, bald hätt' ich aufgemacht.
Ey ja.
Wer ist denn da?
hastu nicht acht?
3.
Kennstu nicht mehr der Melen ihren treuen,
kann ein halber Tag so bald der Liebe-Band entzweyen?
Doch sie weiß nicht hiervon das gute Kind,
daß Oridor so schnell Abschied find:
Ach! möchte nur das fromme Herze werden wach
ich weiß gewiß, Oridor kähm unter Dach.
Nu weh!
ich, ich vergeh!
wer fragt darnach?
4.
Der Oridor, den du dich fälschlich nennest,
weil du unsrer Hirtin Liebes-Brunst vielleichten kennest,
ist weit von hier, wo der Trommeten Hall
bekämpfft den süssen Schallmeien Schall.
Er ist hinweg, und wollte Gott! er wäre hier
er würde bald weisen dir ein' andre Tühr,
O nein!
es kann nicht sein.
Geh sag' es ihr.
5.
Was mag es sein, daß Wächter so muß bellen.
Mopsa, Mopsa, hörstu Magd nicht, wer ist an der Schwellen.
ich glaub, Sakk, du hast dir wen bestellt,
des Nachbarn Knecht, der dir so gefällt.
Mach lieber Feuer im Schorrstein, spinne deine Zahl,
iezt kreht der Han allbereit zum andernmahl.
Au! au!
Es ist die Frau,
ich leg mich tahl.
6.
Was? meinstu so zu bergen deine Tükke?
Sag mit wehme treibstu vor der Tühr so Schelmenstükke.
Ach herze Frau, wir sind verrahten hier,
es ist ein mensche drauß vor der Tühr,
der klopffet an, will mit Gewalt zu uns herein,
spricht: Oridor bin ich, [o] Mele, laß mich ein
Macht auff.
Gebt Achtung drauff.
Die Stimm' ist sein.
7.
O Mele, Mele, was hab' ich verbrochen!
ist nu diß die Treue, die du mir so offt versprochen?
Nu steh ich hier, der Regen treuff auff mich,
der Wind durchweht mich kalt-grimmiglich.
Ach, meines Leids! wo kommt doch diese Stimme her?
So seuffzet, klagt, so beschweert und bittet er.
Wer ist?
den du vergist,
was darff es mehr.
8.
Ihr Götter ach! was soll ich darvon denken,
wollt ihr meine kranke Seele gar zu Tode kränken.
Ists Oridor! Ach nein, es ist ein Geist,
mein Oridor ist ja fortgereist.
Ich will hingehn, er sey es oder sey es nicht.
Tritt mit herzu, Mopsa, sich, hier kommt ein Licht.
Er ists,
Ja, Frau, ihr wists.
Schweig, Bösewicht.
9.
Ich wag' es drauff, und will den Riegel ziehen:
Bleibe Schälkinn, wirstu nu von mir in Nöhten fliehen?
Ich fürchte mich, Frau, lasset ja nichts ein,
wer weiß es, was für ein Ding mag sein,
denn Oridor hab' ich ja heute selbst gesehn,
dort übern Berg schnell mit vielen Pferden gehen.
Wer weiß,
was auff der Reis'
ihm sey geschehn.
10.
Still mit der Tühr! daß nicht mein Vater höre,
und mir meine Lust mit Oridor auff heute wehre.
Ach Frau, er ists, zünd' ich den Schorrstein an
daß meine Zahl ich außspinnen kann?
Schweig, Närrin, nein iezt ist nicht Licht noch spinnen noht,
mein Vater hat ja Gott lob ohn diß noch Brodt.
Geh vor,
mein Oridor,
sonst bin ich todt.
11.
Drauff trat er ein. Ein liebliches umfangen
stillte beyder keusche Lust und ehrliches Verlangen,
und ob die Nacht schon sonder Monden war
sie ganz allein, und ausser Gefahr,
war doch ein Kuß genug zu leschen ihre Brunst,
die Pallas hat so bewiesen Lieb und Gunst,
in Zucht,
wenn sie besucht
der Gott der Kunst.
12.
Darum, mein Freund, der du die Nacht bedenkest,
und auff ihre süsse Lust die heisse Sinnen lenkest,
sezz hier nicht ein des Lästers gelben Zahn,
Sie haben nichts nicht iemahls getahn,
Das wieder Zucht, gebühr, Zulaß und Tugend streitt,
Sie liebten sich in der seltnen Reinligkeit.
Gleich wie
Geschwister ie
sich keusch erfreut.
(S. 69-73)
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Geharnschter Venus Viertes
Zehen
V.
Liebesstreit. Gedanken
1.
Ich sach mit einer einen scherzen,
da fiel die Rosilis mir ein.
Was? fiel erst Rosilis mir ein,
als ich die beyde sahe scherzen?
die Rosilis ist allzeit mein
und schwebet stets in meinem Herzen.
2.
Es schmazzten vier Korallen-Lippen,
da dacht' ich auff Rosillen hin.
Dacht' ich auff ihre Lippen hin,
als schmazzten vier Korallen-Lippen?
Nein. Lauter Rosen und Rubin
sind ihres roten Mundes Klippen.
3.
Ich sach zwey Liljen-Hände drükken,
so weiß auch ist Rosillen Hand,
Ist weisser nicht Rosillen Hand,
wenn sie die meinen pflegt zu drükken?
Nicht Schnee noch Wolle hält Bestand
für ihrer Hände silber-blikken.
4.
Ich sach vier Arme sich umfassen,
so liebt die Rosilis auch mich.
Wie? liebt die Rosilis so mich,
durch ihr besüßtes Arm-umfassen?
Die Tugend hat sie mehr bey sich,
was übrig, will sie zu-mir-lassen.
5.
Es waren in dem Busen Hände:
So treib' ichs mit Rosillen auch.
Mein! leidet Rosilis diß auch,
und läßt darinnen deine Hände?
Rosill' hat dieses nicht im Brauch,
so wende nu dein Rühmen, wende.
6.
Sie sahen sich beyd' an und lachten:
so, dacht' ich lacht die Rosilis.
Wer sagt was von der Rosilis
wie ich und Sie zusammen lachten?
Ja, wenn ich Koridon schon hieß,
spräch' ich es nicht, sie zu verachten.
7.
Es war nur ein Gemüht in zweyen:
so ist die Rosilis gesinnt,
Ja, freylich, ist sie so gesinnt,
es lebt nur ein Geist in uns Zweyen.
Ach! sollt' ich Rosilis, mein Kind,
darüber mich nicht herzlich freun.
8.
Laß andre lachen, laß sie klagen,
laß herzen, scherzen und was mehr.
Ich dürff' kein Zeugnüß, Herze, mehr,
als dein bey meinem hingehn, klagen.
Rosille liebt mich noch so sehr,
als ich beschreiben kann und sagen.
(S. 73-74)
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Geharnschter Venus Viertes
Zehen
VI.
Klugheit verbirgt die Liebe
1.
Es ist genug der Hände drükken,
der Füsse Tritt, der Augen nikken,
wenn, Büschgen, wir bey Leuten sind.
Hör auff mit weitern Liebes Werken,
man will es fast zu scheinbar merken,
daß wir uns lieben, gutes Kind.
2.
Sind wir denn in geheim beysammen,
so luffte frey die heisse Flammen,
bin ich doch, Närrchen, allzeit dein,
Denn können wir uns satt zu küssen,
und was wir ie zuweilen missen,
mit Wucher wieder bringen ein.
3.
Mein Buschgen, kennstu nicht die Leute?
der dir ganz ferundlich steht zur Seite,
gibt achtung auff dich, als ein Feind.
Die sich am nächsten um dich stellen,
sind deines Nahmens Ruhm zu fällen
verräht- und mörderisch gemeint.
4.
Man kann sich nicht genugsam hüten,
straks ist des Neiders Gifft und wüten
auff Lieb' und Freundschafft für der Tühr.
Man muß iezt gar gelinde gehen,
es weiß ein Luchs-aug' auch zu sehen,
stellt man ihm gleich nicht Brillen für.
5.
Ich wird' es nicht für übel deuten,
ob du mich gleich ie für den Leuten
verhaßt, und heist mich von dir gehen.
Ein Spöttchen kann ich leicht verschmerzen,
lästu mich nur in deinem Herzen
für deinen Freund und Schaz bestehn.
6.
Drum sey genug dir Hände drükken,
der Füsse Tritt, der Augen nikken,
wenn, Büschgen, wir bey Leuten sind.
Wer weiß ob nicht auß diesen Werken
die schlauen Neider ab-was-merken,
daß wir uns lieben, gutes Kind.
(S. 74-75)
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aus: Kaspar Stieler [Jacob Schwieger]
Geharnschte Venus
oder Liebes-Lieder
im Kriege gedichtet,
Verfertigt von Filidor dem
Dorfferer. 1660.
Hrsg. von Th. Raehse Halle a.S. Max Niemeyer 1888
siehe auch Teil 1 und
Teil 3
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